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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
abtreiben bis abtretung (Bd. 1, Sp. 141 bis 143)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) abtreiben, abigere, depellere. wie abigere von agere, vieh treiben: das vieh von stellen abtreiben, wo es nicht weiden soll, oder das geweidete vieh von der alp abtreiben, heimtreiben; auf die sommeralp abtreiben; das vieh abtreiben, gewaltsam wegtreiben, rauben; die pferde abtreiben, zu sehr anstrengen, ermüden, abgetriebene, erschöpfte rosse. feindliche, böse thiere abtreiben, abwehren, verjagen: darumb sie ihn (den wolf) abzutreiben die hund und stecken gebrauchen.

[Bd. 1, Sp. 142]


Kirchhof wendunm. 293a; die mücken abtreiben, abigere muscas:

wer wil einer fetten kuchel alle mücken abe treiben?
Logau 2, 237, 166.

die bienen abtreiben, s. DWB abtrommeln. würme, würmer abtreiben, was im alterthum die helden thaten, heute die ärzte. auf menschen angewandt, ein kind abtreiben, foetum abigere; den feind (gleich dem wolf) vom lande, von der stadt abtreiben. Kirchhof wendunm. 33b; den dieb abtreiben, den so diebisch einbrechen wil, abtreibt. das. 229a; des vatterlandes feinde abzutreiben. das. 229b; hetten dann die feind leitern angeworfen und möchtest die nicht gefellen oder an der wehr abtreiben. Fronsperg kriegsb. 2, 196a; die menge, das volk abtreiben, um raum zu machen: dem profosen gebühret den umbstand abzutreiben und raum zu machen. Kirchhof mil. disc. 248. den wald, das gehölz abtreiben, ursprünglich das junge reisich, ein aufgeschossenes dickicht vom vieh abweiden lassen, hernach überhaupt die bäume tilgen, wegschaffen: dasz starke wälder hier abgetrieben werden. Göthe 39, 266; eichenbusch, welcher alle vierzehn jahre zum behuf der gerberei abgetrieben wird. 43, 298; stockausschlag eines abgetriebenen eichenbusches. 43, 307; dem andern seine bäume abtreiben. Frankf. ref. 9, 4, 12. 9, 5; die grenzsteine abtreiben. das. 9, 3, 9; bergmännisch, gestein abtreiben, lockeres gestein losbrechen; erz abtreiben; edlere metalle, die erst auf der kapelle abgetrieben und dann geschätzt werden. Hamann 5, 198; silber und gold abtreiben, reinigen; den rost von den alten gülden abtreiben. Kirchhof wendunm. 180b; papier abtreiben, abreiben. Nun manigfalte anwendungen des abtriebs, der abwehr, des zurückweisens:

und von den schuppen gedeckt und der härte des dunkelen balges
trieb es, wie unter dem panzer, den prallenden wurf von der haut ab.
Voss;

weil nichts meine zuversicht
kan, herr, von dir abtreiben.
Weckherlin 135;

ach, herr, wach auf,
treib deinen schlummer ab. das. 166;

bald kamen die Juden wider, Titus hat sie abermals abtrieben. Reiszner Jerus. 2, 130a; welcher von diesem überwunden und abgetrieben ward. Zinkgref apophth. 51, 6; einen vom kaufe abtreiben:

bisz mich das alter ab wirt treiben. fastn. sp. 521, 11. 24;

so will der nechst nachbaur darneben
mich abtreiben von solchem kauf,
und sagt, er hab den vorkauf drauf.
Ayrer 185b;

wie helft ihr dann die klag abtreibn. das. 24a;

und abzutreiben ihm sein kron. das. 122a;

ein gemeinverderbliches übel abtreiben. Wieland 28, 284;

abtreiben wollen wir verhaszten zwang.
Schiller 530;

zu wenig mit seinen kräften bekannt, schmeichelte sich der kurfürst gewalt durch gewalt abzutreiben. 942; ein wesen, welches macht genug besitzt, jede andere macht von sich abzutreiben. 1220; die dogmatischen angriffe eines speculativen gegners abtreiben. Kant 2, 684. abgetrieben ist abgejagt, ermüdet und gleich dem vieh heiszt der witz abgetrieben. Tieck 6, 4; die abtreibende (abwehrende) hand wird endlich schwach. J. Paul Tit. 1, 101. Intransitiv, der kahn, das schif treibt ab vom ufer, wobei man sich einen ausgefallnen acc. denke, doch s. DWB treiben.
 
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abtreiber, m. abactor: aufrührer und abtreiber der hülfe.
 
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abtreibung, f. abactio, defensio, repulsio. abtreibung der einwürfe. Kant 4, 88.
 
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abtreigen, s. DWB abtreugen.
 
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abtrennbar, separabilis.
 
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abtrennen, dissuere, der älteste sinnliche begrif scheint des losnähens, da ahd. zitrennan, intrennan dissuere glossieren (Graff 5, 534) und wir noch heute sagen, den kragen, den ermel vom hemde abtrennen. Keisersb. brösaml. 47b; die spitze von der haube abtrennen; doch liegt die vorstellung des auflösens schon im einfachen trennen, wie bei ablösen, absondern, abschneiden in lösen, sondern, schneiden. dann auf andere gegenstände angewandt, den knopf vom rock, die schleife vom arm abtrennen; ein stück von dem lande abtrennen, losreiszen; den freund vom freunde abtrennen:

allein und abgetrennt
von aller freude.
Göthe 19, 67;

metaphysik trennt sich gänzlich vom fortgange der erfahrungen ab. Kant 3, 280.

[Bd. 1, Sp. 143]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) abtrennig, separatus, discedens:

wiewol derselben sind gar wenig,
ich halts darfür, das sie abtrennig
und widerstrebig gewesen sind.
B. Waldis Esop 2, 18;

auf das, wo einer wurd abtrennig,
ungehorsam und widerspennig. ders. P. Reych C iia.

vgl. abtrünnig, abtrinnig.
 
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abtrennlich, dissolubilis. die übrigen vom begriffe abtrennlichen merkmalen heiszen auszerwesentliche. Kant 3, 368.
 
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abtrennung, f. separatio, dissolutio.
 
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abtreten, deculcare, discedere. transitiv, den absatz vom schuhe, den schuh vom fusz abtreten; den sporn abtreten (mhd. eime sciltknehte wart lîhte ein spor hie ze hove abe getreten. Turl. Wh. 132b); im gehen blumen abtreten, deculcare; die treppe, den weg abtreten; die harten steine sind durch die pilger allmälich abgetreten worden; den lehmen, thon abtreten, abkneten; ein gartenbeet abtreten, durch tritte bezeichnen. intransitiv, abtreten (von der stätte), abire, bei seite gehn: tritt ab, bis ich den brief gelesen! A. Gryphius 1, 412; Valer tritt ab, geht bei seite; sobald die beschämte Cyane abgetreten war. Wieland 1, 106; nun kam auch der wundarzt und ich hätte wol abtreten können. Göthe 19, 281; dasz der kaiser und könig aus dem cabinet, wohin sie vom balcon abgetreten, sich wieder hervorbegeben würden. 24, 326; darauf lieszen sie (die herrn vom rath) mich abtreten, hielten mich in einer wartstuben zwei stunden auf. Schweinichen 1, 161; vom pferde abtreten, absteigen: es sol auch ein jeder reuter ohn sonderlich ursachen nicht von seinem pferd abtreten. Fronsp. kriegsb. 3, 16b; in dem wirtshause abtreten. Weise erzn. 222; als er in einem wirtshause auf dem markte abtrat. Göthe 18, 141; vom wege abtreten, bei seite gehn; vom rechten wege abtreten, sich verirren; von der treppe, stufe, leiter, vom thurm abtreten; von der bühne, kanzel, dem katheder, vom thron abtreten; vom lande, ufer ins schif abtreten; vom acker, grundstück abtreten und es dem neuen eigner übergeben. Diese intransitiven bedeutungen erleiden nun vielfache anwendung: vom glauben, vom gesetz, von gottes wort abtreten; von ir glauben abtreten. fastn. sp. 294, 3; jemand, so vom glauben abtritt. Luther 1, 101b; die ir gewissen dringt von bepstlichen gesetzen abzutreten; bitte got, das er dir gnade mitteile, das du also von dir abtrettest, und zu dem rechtschaffenen glauben komest. 3, 158b; das land ist ietz voller Türken, dero zunge auch von dem alten glanz ist abtretten. Frank weltb. 89a; dasz etliche unterthanen um verschuldete sachen von ihrer herschaft abtreten. landfr. von 1521. 8, 3; der tod seiner freundin hatte ihn tief gerührt, und da er sie so frühzeitig von dem schauplatze abtreten sah, muste er gegen den, der ihr leben verkürzt, feindselig gesinnt sein. nicht anders mhd. diu alte lêre weich und abe trat (wich und trat zurück). pass. 228, 62; daʒ guot mit ungelücke ab ir trat (von ihr wich). das. 275, 19; und mit gen. der sache, dat. der person: wolt ir mir des abe treten (wollt ihr darin von mir zurückweichen). pass. 276, 16; der bete er im niht abe trat (die bitte versagte er ihm nicht). livl. chron. 5774. Endlich mit umgedrehtem casus, wie es heiszt von dem baum abschütteln und den baum abschütteln, konnte auch statt von dem lande, reiche abtreten (recedere) transitiv gesagt werden das land, reich abtreten (cedere); doch läszt diese transitivbedeutung sich auch unmittelbar von der zuerst angeführten sinnlichtransitiven herleiten, so dasz das land abtreten eigentlich bedeutete: es mit dem fusze von sich abtreten, eine treffende bezeichnung der alten cession, die hernach auch auf andere gegenstände erstreckt wurde, bei welchen kein fusztritt gedenkbar ist: zum unterpfand 14 schwere mark jährlichen zins abtreten. Schweinichen 1, 352; das frauenzimmer läszt sie fragen, ob sie ihr nicht einen theil der schönen blumen abtreten wollen? Göthe 18, 142; er trat ihm das gewünschte buch um ein billiges ab; welche zweite fassung der ersten vorzuziehen scheint.
 
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abtretung, f. cessio, gilt von dem zuletzt behandelten transitiven abtreten: die abtretung des landes, gutes, rechtes; während von dem intransitiven abtreten mehr das subst. der abtritt herflieszt.