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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
absehbar bis absein (Bd. 1, Sp. 113 bis 115)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) absehbar, was abzusehn, zu übersehn ist:

hochthürmende, nicht absehbare königsstädte.
Klopst. Mess. 4, 282.


 
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absehen, nnl. afzien, gleichsam sehen ab, von, mit den augen (des sehenden), ersehen, visu contingere, oculis metiri, zielen; doch begegnet kein ahd. sehan aba ougôm, noch mhd. sehen abe ougen, und selbst Luther scheint kein solches absehen zu gewähren, später wird es häufig für zielen, ermessen, einsehn, verstehn:

der ober pawr nam eben war
und sachs zuor mit fleisz ab gar,
das er die stein mit masz abliesz. Tewerdank 69, 50;

das ihne (den doppelhaken) ein mann tragen und von einer wehr zur andern bringen, auch unter einem schuszloch oder auf einem bock allein absehen und schieszen mag. Fronsp. kriegsb. 1, 72b; wann der platz also künstlich und eigentlich geometrischer weise abgesehen und gemessen worden. das. 2, 24a; Maximilian war so groszmütig und beherzigt, das er in wör und waffen niemand wiche, die ordnung machet, das geschütz selb personlich absahe (richtete, damit zielte). Frank chron. 215a und öfter; wohin die wacht zu führen, wird zuvor vom feldmarschall abgesehen (ermessen) und auserkoren. Kirchhof mil. disc. 142;

da seht mein elend ab, ich wolt und solte schreiben,
doch hatt ich gleichwol nicht was dint und feder ist.
Fleming 113;

soviel beschreiten, als der hirt absieht. Herder 13, 129, vgl. rechtsalt. s. 74; was nur dein auge absehen kann, bist du eingeschlossen. Schiller 122; oft sieht man gar nicht ab, wohin das wasser seinen ablauf nehmen will. Göthe 27, 177;

[Bd. 1, Sp. 114]


ich behalte in unserm ganzen hause keinen platz als den an meinem schreibpulte, und noch seh ich nicht ab, wo man künftig eine wiege hinsetzen will. 19, 145; ein durchdringender, seinen vortheil schnell absehender verstand. Klinger 11, 173; diese brauen haben mich zu grund zu richten gar zu sehr es abgesehen. Platen 157. mit diesem absehn verbindet sich ein wohin oder die praep. auf: wohin alle diese vergleichungen abgesehen waren. Wieland 2, 294; es wird gelesen und Cosmo erstaunt nicht wenig, als er hört wohin es damit abgesehn gewesen. Lessing 7, 297; auf die armen schiffer haben sie es immer am meisten abgesehn. Tieck ges. nov. 9, 100; ganz wie es heiszt auf einen zielen, das geschütz auf einen richten. Steht aber ein persönlicher dativ dabei, so möchte man das ab lieber auf die augen des gesehenen als des sehenden, die sich doch dabei austauschen, beziehen: es thut ihm doch wol, ich sehs ihm an den augen ab, wenn er mirs gleich sonst nicht will merken lassen. Göthe 7, 129; als wenn er mich lieb hätte, als wenn er mir alles an den augen absehn wollte. 11, 95; der Faust scheint mir tückischer gemüthsart, ich sah es ihm gestern abend ab. Klinger 3, 68; wie er auf deinen blick lauscht und das verlangen deiner seele schnell absieht, bis auf kleinigkeiten es erräth. Klingers th. 3, 183. die hinzugetretene praep. an, ich sehe es an deinen augen ab, beweist freilich, dasz man ein ursprüngliches: ich sehe es ab deinen augen längst nicht mehr fühlte. Ganz andern sinn empfängt absehen als gegensatz von DWB ansehen, und bedeutet den blick, das auge von etwas abwenden: lasz uns von dieser sache absehen; wenn ich auch davon absehe; davon abgesehn, ohne rücksicht darauf.
 
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absehen, n. scopus, propositum, das augenmerk, die richtung der augen, die absicht, mit oft folgendem auf oder dahin:

der redlich fortzugehen
auf seines herren pfad,
hat sunsten kein absehen
dan nur auf seine gnad.
Weckherl. 285;

die fürsten musten allesampt
ihr absehn haben auf sein ampt.
Opitz 199;

dein absehn must du wol verhelen.
Günther 312;

und konnten doch sein absehn nicht
aus so viel wundern lesen.
Günther 28;

du kennest ungerühmt das absehn meiner jugend.
Hoffmannswaldau heldenbr. 75;

bald aus andacht, bald aus andern absehen. pers. baumg. 3, 2; viel mitbuhler, die ein gleiches absehen haben. das. 3, 8; vielleicht hat er auch gleich anfangs sein absehen auf die vortheile gehabt. Mascou 2, 30; ich habe mit schreibung dieses buchs mein absehen dahin gehabt. Olearius vorr. zur pers. reise; selbige (körner) zu vervielfältigen unser hauptsächliches absehen war. Felsenb. 1, 172; der schlaue fuchs merkte mein absehen wol. das. 2, 419; es ist mir lieb, dasz sie so ein ehrliches absehen auf meine tochter haben. Gellert 3, 151; auf einige besondere vortheile für sich konnte er dabei kein absehen haben. Wieland 3, 21;

so jung, doch so erfahren, dasz sie mit absehn weinet,
so listig, dasz sie züchtig scheinet.
Wernike s. 21;

wie beweisest du mir auch nur von diesen stücken, dasz die freimäurer wirklich ihr absehen darauf haben? Lessing 10, 277; hatte man auf den untergang dieses mannes ein vorzügliches absehen gerichtet. Schiller 1062; worauf kann so ein windfusz wol sein absehen richten? Schiller 181; mit hülfe einer aus einer einfachen glasscheibe bestehenden und mit einem beweglichen, rohrartigen absehen verbundenen camera clara; ein mit einem unverrückbaren absehen besetztes zeichenbret. d'Alton bei Göthe 50, 105. 107. in den letzten stellen ist die bedeutung ganz sinnlich die eines visiers oder diopters; für das abstracte absehen wird heute lieber absicht oder ziel gesetzt.
 
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absehlich, visu assequendus: in langen, nicht absehlichen gängen. Klopst. Mess. 16, 122 (ed. 1769. unabsehlichen); in irgend einem absehlichen künftigen zeitpuncte deines daseins. Kant 4, 245.
 
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abseide, f. sericum vilius, seide, die der haspeler vom seidenbälglein, wenn er nach reinen fäden sucht, abzieht.
 
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abseifen, sapone abluere, mit seife abspülen: thüren und bänke abseifen. bei der seidenbereitung, die rohe seide abseifen, die seife, mit welcher sie abgekocht war, abspülen.
 
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abseigern, igne argentum separare a cupro, in der schmelzhütte, silber vom kupfer scheiden, abflieszen, abtropfen lassen.

[Bd. 1, Sp. 115]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) abseigern, ad perpendiculum metiri, den schacht mit dem seiger oder senkblei messen. Herttwig 362a.
 
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abseihen, colare, durch seihen absondern, das wasser von der grütze, von den erbsen abseihen, dann die grütze, erbsen abseihen. die milch, den wein, das wasser abseihen, durchseihen, reinigen. das part. heute abgeseiht, noch bei Tabernaemont. kräuterb. 1362 die starke form: trink die abgesiegene brühe, wo nicht die abgeflossene, s. DWB absig.
 
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absein, abesse, tolli, deleri, abrogari, sublatum esse, ahd. aba wesan (Graff 1, 483. 1060), mhd. abe sîn, abe wesen, nnl. afzijn und afwezen, doch auch nhd. wird die partikel noch los gefühlt, gebunden nur in abwesend und dem substantivisch aufgefaszten absein und abwesen. wo ist das siegel des briefs? das siegel ist ab, ich sehe dasz es ab ist, es sollte nicht ab sein; der nagel ist noch nicht ganz vom finger ab, ich zweifle dasz er ab sei; man hat gerissen, genommen, geschnitten hinzu zu denken. die spule ist ab (gelaufen), ich will eine andere holen. In alten urkunden oft die formel: krieg, feindschaft sollen ab, todt und nichtig sein; aller hader und streit zwischen uns ist nun ab und soll ab sein, d. h. abgethan, zu ende. oft bei Luther: die verheiszung ist abe. Röm. 4, 14; die teglichen messen sollen ab sein aller dinge, denn es am wort und nicht an den messen ligt. Luther 2, 258b; die sollen todt und ab sein. 3, 106b; die artikel sollen von stund an tod und ab sein. 3, 113; und die weil sein (des gesetzes) treiben und foddern ab ist, so ist auch alle sein macht, recht und ursache ab. 3, 179; aber das ist nu alles ab und mit ihm gestorben. 3, 452b; und soll alles schlecht und ab sein, vergessen und ausgetilget. 4, 539a; denn es soll nicht heimlich noch in einem winkel geschehen, das hie einer und dort einer auferstehe, sondern ein offentlich wesen sein für aller welt, da beide tod, sünd und alle unglück ab sein wird. 6, 235b; sie wöllen schlecht, ich solle gar darnider ligen und rein abe mit mir sein, das nichts stehen bleibe. 5, 57b; nu aber musz solchs alles abe sein mit disem leben. 6, 255b; denn weil das geistlich regiment des worts und glaubens aufhören soll, so musz auch des kaisers und meisters Hansens mit dem schwert abe sein. 6, 236b; fellet nicht auf die güter, wenn sie da sind, fellet auch nicht abe, wenn sie abe sind. 1, 482a; das man je nicht viel bettelklöster bauen lasse, hilf gott, ir ist schon viel zu viel, ja wolt gott sie weren alle abe. 1, 302a; es musz und soll abe sein. 2, 100a; darumb ist bilderei und sabbat frei, ledig und abe. 3, 43; die gesetze sind tod und abe. 3, 167; das sechste stück von den messen soll auch ab sein. briefe 2, 620. Noch bei Claudius 8, 111: die flüchtige natur und empfindlichkeit ist abe. Steht ein gen. dabei, so entspringt die bedeutung des frei und entbunden seins: des teufels wären vil gern ab. Agricola spr. 52a; dasz ich des laufens und der schweren händel ein weil ab sei. Frey garteng. 87; wolten sie des weibs ab sein. Kirchhof wendunm. 179a; diesen gen. kann aber auch die praep. von ersetzen: (der) soll von dem zoll und wegsteur ab sein. Frank weltb. 36b; von aller betrübnis und angst des gewissens und herzens ab seind. das. 14b. Seltner erscheint die vorstellung der abwesenheit und fast nur schlesische dichter gebrauchen absein für das heutige abwesend sein:

seid tausendmal gegrüszet,
ob ihr gleich absein müszet.
Fleming 77;

dasz ich eine zeitlang von ihr absein muste. pers. rosenth. 5, 8; der jetzigen sprache bedeutet er ist ab nicht abest, sondern abjectus, remotus est. die vorstellung des nnl. niet afzijn, nicht unterlassen, ohne beigesetzten gen. ist uns fremd.
 
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absein, n. absentia, abwesenheit, nnl. afwezen:

wer den, der ihn liebt,
in seinem absein läszt bei ihm vergessen werden.
Opitz;

ach mein herr siehe zu,
dasz mir dein absein nicht die halbverzehrte seele
... bis auf das sterben quäle.
Fleming 30;

so ist es billich auch, dasz freunde vor sich stehn,
zumal wenn absein sie nicht läszt zusammen gehn. 54;

ein lebensvoller geist, sein absein ist der tod. 34;

gemüte, das ich durch mein absein quäle. 44b;

sich zeit meines abseins selbst kein leid zufügen. Felsenb. 1, 104;

mit recht, sagt ihre nachbarinn,
liegt dessen absein dir im sinn.
Hagedorn 2, 88;

gib acht, der biedermann hat nur mein haus
in meinem absein nicht betreten wollen.
Lessing 2, 213.