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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
abrede bis abreihen (Bd. 1, Sp. 86 bis 88)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) abrede, f. ein ahd. und mhd., auch bei unsern nachbarn fehlendes wort, dessen sich Luther noch nicht (doch des adj. abredig) bedient, und das in zwein, ganz abweichenden bedeutungen erst nachher um sich grif, Henisch stellt es nicht auf, aber Stieler. abrede ist nun einmal deliberatio, beredung, vereinbarung, mehr die erste und vorläufige, als ein förmlicher vertrag, und so gebraucht es Rihel (1598) im Livius 22; soltu nach der ersten abrede bezalt werden. Kirchhof wendunm (zuerst 1565) 118a; so war die abrede zwischen uns, sic constitutum erat. Stieler; ha frau, das ist wider die abrede. Lessing; vermöge einer vorher genommenen abrede. Wieland 3, 30; die sache sah einer abrede zu ähnlich, um für einen zufall gehalten zu werden. 3, 293; wenn alle leute die abrede mit einander genommen haben. 7, 94; jene augenblicke, in

[Bd. 1, Sp. 87]


denen sie beide durch das zarteste gefühl gedrungen eine abrede auf ihr künftiges leben genommen hatten. Göthe 15, 204; er tadelte Charlotten und den hauptmann, dasz sie bei dem geschäft gegen die erste abrede handelten, und doch hatte er in die zweite abrede gewilligt. 17, 145; der kutscher ist ein gescheidter kerl, mit dem man noch abrede nehmen musz. 20, 32; seid ihr unsrer abrede noch eingedenk? Tieck 4, 396. Früher mag abrede gegolten haben für inficiatio, das abgehen von der rede, für leugnen und nicht geständig sein, denn schon Hugo von Trimberg setzt abrede im Renn. 12 207. 20 011 im sinne des heutigen ausrede, ausflucht, was nahe an leugnung grenzt:

sprachen, sie köndten folgen nit,
und jeder sein abrede sucht
und solches zugs eine ausflucht.
B. Waldis Esopus 3, 11. bl. 143b;

zumal üblich für die redensarten in abrede sein, in abrede stellen, ziehen d. h. leugnen, gern in verneinendem satz, doch auch in positivem zulässig: der vergleichung mit dem kind und der sauw bin ich auch nit in abred. Kirchhof wendunm. 264a; ich kan es (ejus) nicht in abrede sein. Simpl. 1, 6; die alten sind selbst wenig in abrede, dasz die kräfte ihres verstandes mit den jahren abnehmen. Liscov 42; ich will nicht in abrede sein. J. E. Schlegel 3, 426; wir können nicht in abrede sein, dasz. Klopst. gel. rep. 12, 327; aber selbst diejenigen können nicht in abrede sein, dasz. Wieland 1, 87. 6, 195. 13, 27. 30, 446; ich bin nicht in abrede, dasz. Kant 9, 38; die theologie wird nicht in abrede sein wollen, dasz. Kant 6, 168; dasz in der bibel sich widersprüche finden, wird jetzt niemand in abrede sein. Göthe 26, 100. die beiden ältesten belege, sieht man, fügen die geleugnete sache noch im gen. hinzu, die späteren setzen die phrase blosz für leugnen und lassen ein dasz folgen. nicht in abrede ziehen. Kant 2, 436; bei juristen, etwas in abrede nehmen, stellen, ziehen.
 
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abreden, convenire, verabreden, vereinbaren, welche beide steifer klingen: die winde selbst waren etliche tage so zahm, als ob sie es mit einander abgeredet hätten. Wieland 1, 59; der emir gab das abgeredete zeichen. 6, 65; sie hatten sich eben an einem abgeredeten orte versammelt. 7, 98; der ein paar nymfen belauscht, die mit einander abreden, wo sie diese nacht sich baden wollen. 11, 256; was ihres königs frau mit ihnen abzureden hätte. Schiller 291; jegliches abzureden. Voss Od. 13, 191;

hast du dem könige das kluge wort
vermelden lassen, das wir abgeredet?
Göthe 9, 71;

die geisterscene? war betrug. die erscheinungen? abgeredet. 14, 214; wir halten sein wunderliches betragen für abgeredet mit dem oheim. 21, 101. Für leugnen gilt verabreden, kaum das einfache abreden, doch könnte, wo nachdruck des zusammenhangs darauf liegt, gesagt werden: ich will es nicht abreden, absprechen, absagen (Heinr. Trist. 261). früher findet sich abreden fast im sinne des abmahnens, abrathens, abziehens durch rede: unzehlbare irrthumb sein auch noch bei vilen also eingewurzelt, dasz sie sich von solchen mit keinerlei wollen abreden lassen. Kirchhof wendunm. 324a; der ihn mit guten worten treuwer meinung darvon abreden wolte. das. 422b; die welt läszt ir doch ir blinden fürer und apostel nit abreden (sich nicht absprechen) noch erleiden. Frank chron. 522b. Endlich erscheint spurweise ein intransitives abreden für irre reden, delirare (s. DWB abkosen). Frisch 2, 99a.
 
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abredig, in abrede stellend, leugnend: aber ich bin nicht abredig, das ich .. willens gewest. Luther 2, 384b; dasz ich nit abredig bin. Aimon vorr.; wiewolen ich auch ganz abredig bin. v. Birken 47. einen beleg aus Dietr. von Plieningen theilt Schmeller 3, 42 nicht mit. Wickram im rollw. 70b hat auch ein gleichbedeutiges adj. abred (für abrede): der wirt wolt dem andern des tausches in keinerlei weg abred sein. steht ein casus bei abredig, so darf es nur der gen. sein und dieser ist gemeint, wenn ich bin es abredig gesagt wird; ich bin das (für des, dessen) abr. ist fehlerhaft.
 
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abredung, f. conventio, nur für übereinkunft, nicht für leugnung: unter ihren augen werden von unsern ältesten alle händel beigelegt und alle gemeinschaftliche abredungen genommen. Wieland 6, 117; damit so weniger der verdacht der abredung, den eine gar zu sichtliche übereinstimmung erwecken würde, auf sie fallen könnte. Lessing 10, 53.
 
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abregeln, regulare, nach der regel ordnen. abgeregelte worte.

[Bd. 1, Sp. 88]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) abregnen, depluere, niederregnen, ausregnen: so hat er doch das düstere gewölk an die berge geworfen, wo es denn abregnen, abschneien oder sich selbst verzehren mag. Göthe 45, 295; indem sie (die regenstriche) nach der erde gerichtet bald abzuregnen schienen, bald in der höhe schwebend verweilten. 51, 216.
 
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abreiben, defricare, nnl. afwrijven, reibend wegschaffen. den schmutz von dem kleid, den rost von dem messer abreiben, dann das kleid, messer abreiben. völlig durchreiben: die farben auf dem stein abreiben, die schuhe abreiben, zerreiben, abnützen. bildlich: die feinere welt hat das grade deutsche von ihm noch nicht abgerieben (abgeschliffen). Klinger 1, 377; weltleute, die ihren natürlichen character an der politischen klugheit abgerieben haben. 3, 127; daher einen abreiben, abschleifen, verfeinern, abgerieben, fein, schlau, verschlagen: ein dorf, darinnen waren vor zeiten gar gute, fromme, einfeltige leut, jetzunder sind sie basz abgerieben. Frey garteng. 276; abgeriebne renke. H. Sachs IV. 3, 40c. wunderlich abgeriebne stück. I, 453b. sich abreiben, abnützen:

weil nicht durch steten brauch sich leichtlich abereiben
die warheit und das recht, so werden sie wol bleiben.
Logau 2, 7, 51;

egoismus ist der schleifstein, an dem sich die rauhen ecken der meisten abreiben. Klinger 11, 35.
 
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abreichen, arripere, ablangen, abholen, erreichen: ich kann es mit den armen nicht abreichen; mein stab reicht den apfel vom baum ab; vom schiff es (das felsenrif) springend abzureichen. Schiller 540; der so nah ist, dasz man ihn und viele andere bequem mit den augen abreichen kann. Tieck 6, 340. mit dem dat. der person: reiche es mir ab, erlange es für mich und gib es mir, vgl. DWB verabreichen.
 
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abreifen, plene maturare, völlig reifen, mhd. rîfen:

ihr abgereifter witz beschämte tausend frauen.
Günther 620.


 
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abreifen, funem auferre, den reif abschlagen, mhd. abe reifen: das fasz abreifen, bei schlossern, mit dem reifkolben die groben ecken abstoszen.
 
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abreihen, filum solvere, das aufgereihte, eingefädemte auseinander nehmen: äpfel, morcheln, perlen abreihen.