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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
grauschmutzig bis graublau (Bd. 8, Sp. 2101 bis 2110)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) -schmutzig Jean Paul w. 49/51, 225 H., -stirnig Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 137, -welk Poppenberg maskenzüge (o. j.) 343.
 
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grau, n. , seit dem mhd. neben den häufigen flektierten substantivformen des adj. als selbständiges substantiv ohne flexion. ein (unorganischer) pl.: in ... wässerigen graus Rilke br. 1902 —06 (1929) 199 ebenso vereinzelt wie ein reimbedingter d. sg. im reinsten graue (:fraue) Strachwitz ged. 288 Weinhold.
1) oft als die abstrakte farbqualität, grau, adj. A 1 entsprechend: in der dämmerung aber verschwindet das minimum des specificierten blau: es wird zu einem grau und das unterliegende weisz gewinnt seine kraft Göthe IV 28, 199 W.; vgl. II 2, 24; schattierung also (ist hier) durch grau, nicht durch reine helligkeitsverminderung erreicht Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 256. fachsprachlich: in grau mahlen ist eine art von al fresco, darinnen man das basso relievo in der bildhauerey nachzumachen trachtet Noel Chomel öcon. lex. (1750) 4, 1330 (vgl. DWB grau in grau malen ob. sp. 2089). die farbe negativ wertend:

und alles bild ich nach, genau,
und kleid es in ein scheuszlich grau
Schiller 11, 276 G.;

[Bd. 8, Sp. 2102]


schwarz und weisz, eine todtenschau,
vermischt ein niederträchtig grau
Göthe I 2, 219 W.


2) in den konkreten beziehungen der für das adj. als farbbezeichnung geltenden anwendungen. das grau meint hier oft nicht nur die einem körper oder gegenstand eigene farbe, sondern zugleich das körperliche und gegenständliche selbst.
a) in mehr gelegentlichem, unspezifischem gebrauch. auf körperliche merkmale des menschen bezogen, wie grau, adj. A 2:

hätt ich heut vor fünf und zwanzig jahren
so viel grau gehabt in meinen haaren
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 639;

soweit das rote, stark mit grau durchsetzte haar- und bartgestrüpp es zuliesz, konnte Lennacker ein hageres und zerfurchtes braunes gesicht erkennen Ina Seidel Lennacker (1938) 154; das hübsche gesicht des mädchens verzerrte sich bei der erzählung, das weiche grau der augen bekam einen schielenden, grünlichen schiller Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 197. älter fachsprachlich für die iris des auges: uvea ist der zirckel oder das graw in den augen Ryff anatomi (1541) M 2a. die farbe von tieren oder pflanzen kennzeichnend, entsprechend grau, adj. A 5; 6:

könnt ich ihn mit dem grau der mäuse decken
H. v. Kleist w. 3, 62 E. Schmidt;

durch alter birken falbes grau,
durch schwarzer tannen trauerbau
Kind ged. (1817) 1, 31.

grau, adj. A 8 entsprechend: in verwittertem grau strebte die felswand vor ihnen zur himmelsbläue empor Scheffel ges. w. (1907) 1, 196; eine einzige wilde wasserwüste, deren schaumkämme blendend weisz gegen das trübe grau der wogen abstechen Allmers marschenb. (1900) 33.
b) stärker ausgeprägt in dem grau, adj. A 9 entsprechenden atmosphärischen und meteorologischen bereich, wobei besonders hier oft das grau über die blosze farbbezeichnung hinaus vergegenständlicht gedacht ist. von der morgen- und abenddämmerung:

nû hete sich der tac erhaben ...
der sunnen schînen het verirt des tages grâ Lohengrin 2029 R.;

nein, jenes grau ist nicht des morgens auge,
der bleiche abglanz nur von Cynthia's stirn Shakespeare 1 (1797) 113 (Romeo u. Julia 3, 5);

o pracht, wann du der berge blau
mit goldnem saume zierst,
bevor du dich ins matte grau
der dämmerung verlierst
Salis ged. (1793) 41;

endlich ... erblaszten die fürchterlichen sterne, und das schwache grau des morgens war in der luft Stifter s. w. 2 (1908) 179. artikellos:

durch die gärten lispeln zitternd
grau und gold des späten tags
Stefan George stern d. bundes (o. j.) 87.

witterungserscheinungen wie wolken, nebel, regen kennzeichnend:

wo sie (die musen) fliehen, welkt sein (des himmels) reines blau
und stirbt in freudeleerem grau
Wieland s. w. (1853) 3, 175;

willkommen, milder regen!
es rauschet gottes segen
von tiefgewölbtem grau!
Stolberg ges. w. (1820) 2, 13;

dem winter ...,
der stürmend floh und hinter sich aufs land
den nebelschleier warf, der flusz und au
und berg in kaltes grau
versteckt
Göthe I 5, 35 W.;

die eiche dräut mit zorngebärden,
schilt rauschend in das grau hinauf;
und hört nicht bald der regen auf,
will ich nur sehn, was draus soll werden
O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 95;

[Bd. 8, Sp. 2103]


bald sasz ich im dichten grau, und wenn diese art von aussicht unerfreulich genug ... war Barth Kalkalpen (1874) 18. artikellos und in sonst ungewöhnlichem plural: (wir) betrachteten von einer weit in das stille meer hinausgebauten holzbrücke den abend, der in lauter wolkigen und wässerigen graus verging (1904) Rilke br. 1902 —06 (1929) 199. seltener für das räumlich ferne, verschwimmende:

er (der schiffbrüchige) sieht das land wie dämmerungen
enttauchen und zergehn in grau
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 1 (1879) 320.


c) früh und differenziert für tuche, stoffe und menschliche kleidung, vgl. DWB grau, adj. A 7 a; b.
α) mhd. grâ, n., meist in der verbindung grâ unde bunt für ein pelzwerk aus dem 'fell des grauen eichhörnchens, wovon die rückenpartie als grau, die weisze mit grau gesäumte bauchpartie als bunt bezeichnet wurde' M. Heyne hausaltert. 3, 281; vgl. auch grau, adj. A 7 a ζ; b u. grauwerk:

si trûgen grâ unde bunt Straszburger Alexander 6069 Kinzel;

dô gap man sînen degenen ze kleidern grâ unde bunt Nibelungenlied 59, 4 Bartsch;

sulch droich bunt unde (sulch) dat gra
unde leissen al ir pent alda (ertappte diebe) (Köln um 1280) städtechron. 12, 60;

ysci dz graw daz der kaiser an tret (obd. 14. jh.) bei Diefenbach nov. gl. 175a.
β) 'graue kleidung' in verschiedenem sinne, meist in der früh gefestigten verbalwendung grau tragen. für die tracht der armen stände, zu grau, adj. A 7 a α: ein baur auch graw tregt, daran sihet man die demut nicht (1539) Luther 47, 800 W.; alsdann verordnete er über die bauleute (bauern): schwarz oder grau sollten sie tragen, und nicht anders, einen spiesz daneben, rinderne schuhe Grimm dt. sagen (1891) 2, 80. vgl. in metonymischer erweiterung: dat grau der gemeine pöbel ... eigentlich das bootsvolk, weil sie in grauen kitteln gehen (Lübeck) brem.-nds. wb. 2 (1767) 538. 'mönchskleidung', zu grau, adj. A 7 a β: der (mönch) tregt graw, der schwartz, der weysz (1522) Luther 10, 1, 1, 677 W. älter und jünger mit bezug auf den symbolwert der grauen farbe: zw junckfrawen kamen ze samen, aine trg rott an vnd was frölich mit singen von lieb und triu, die ander trg graw an und wand trauriclich ir hennd von lieb (die rote rühmt die freuden der liebe, die graue beklagt die mit ihr verbundenen leiden) liederb. d. Hätzlerin 88 Haltaus; Wilhelm hatte seit dem verlust Marianens alle muntern farben abgelegt, er hatte sich an das grau, an die kleidung der schatten, gewöhnt Göthe I 21, 185 W. nur älter symbolisiert graue kleidung die unbeständigkeit, den wankelmut:

scholt sie (die blaue farbe als die der stetigkeit) durch stet mancher tragen,
so müst er tragen gra,
den man siht tragen pla fastnachtspiele 776 Keller (spiel v. d. 7 farben);

im letzten stande war ein fraw:
bekleidet fast in lauter graw ...
vnd ist gantz wanckelbar darbey (das tierkreiszeichen krebs)
W. Spangenberg ausgew. dicht. 83 Martin.

mit anderem symbolwert als farbe des demütig liebenden, im anschlusz an grau als farbe der armenkleidung, vgl. dazu und zum ganzen der mittelalterl. farbensymbolik, in der grau nur am rande mitspielt, W. Wackernagel kl. schr. 1, 143 ff.; Gloth d. spiel v. d. sieben farben 44 ff.; 87 f. in: Teutonia 1 mit weiteren nachweisen. neutral: Fabricius, ein ganz in grau gekleideter kleiner mann Ina Seidel Lennacker (1938) 343.
γ) für eine tuchsorte, vgl. unter grau, adj. A 7 b: Vredrik van Ampleve Hans van Reyneshusen, disse schindeden ... Hennig Repenersmeyer ... unde nemen n ... xv elne grawe und wit (ein zu Braunschweig fabriziertes tuch) (Braunschw. 1380) städtechron. 6, 48.
d) auch die unter grau A 10 erscheinende verbindung grau in grau begegnet gelegentlich als substantiviertes neutrum: alles ist verwischt in dem grau in grau dieser

[Bd. 8, Sp. 2104]


monoton sich abwickelnden perioden Justi Winckelmann (1866) 1, 198; hohe dünung auf der reede, im grau des landes erkennt man nur schwach die stadt. graubraun auch diese, ein einziges ewiges grau in grau Plüschow segelfahrt ins wunderland (1926) 159.
3) uneigentlicher gebrauch beschränkt sich auf die herleitung aus dem meteorologisch-atmosphärischen gebrauch des adjektivs.
a) vereinzelt für das in ferner zukunft oder ferner vergangenheit liegende, s. DWB grau, adj. B 2 a u. b:

und (der bote gottes) lasse mich das bild geliebter todten,
und durch ein ahnend grau
den lohn der wahren tugend (sehen)
Denis lieder Sineds (1772) 240;

es lag im grau, was hier geschaffen und geschwitzt worden war Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 28.
b) häufiger in der grau, adj. B 3 gemäszen gefühlsbetonten anwendung, wobei der sinnliche ausgangspunkt mehr oder weniger deutlich bleibt. für eintöniges, lebloses: das ist aber doch farbe und wahrheit, und besser als das unterschiedslose grau Gentz schr. 5, 36 Schlesier; denn das, was hier (im grabenkriege) tatsächlich geschieht, ist sehr eintönig und gleichmäszig, ein stumpfes grau, zuweilen von roten punkten durchglüht E. Jünger d. wäldchen 125 (1928) 189. in der charakterisierung des bedrückenden, hoffnungslosen: da (im alter von 36 jahren) glänzte noch das leben, durchleuchtet vom hellsten schein der hoffnung, die nun in eitel grau sich verwandelt hat (1874) Müllenhoff in: briefw. 271 Leitzm.; im vorraum standen frauen und kinder, auf denen das grau der armut und entbehrung lag Winnig frührot (1926) 460.
 
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grau, m. , durch furcht oder abscheu verursachter schauder; das solchen schauder erregende. zu grauen, vb. (s. d.). nicht immer sicher von graue, f. (s. d.) und grauen, n. (s. d.) zu trennen. mhd. grûwe (umgelautetes griuwe [:ungetriuwe] Virginal 274, 10 dt. heldenb. 5 ist unsicher; vgl. die anm. zur stelle); seit dem ende des 14. jhs. in diphthongierten formen, bis ins 16. jh. hinein graw, grawe, seltener grauw(e), später vereinzelt noch grawen (akk. sg.) Walther Daniel (1645) 1, 736; grau seit dem frühen 16. jh.flexion als sw. m.; der nom. sg. endet seit dem späten 15. jh. gelegentlich auf -en. neigung zur starken flexion: dat. sg. gruwe md. Hiob 1668 Karsten; grawe Cronberg schr. 65 ndr.; akk. sg. grawe (obd. 15. jh.) Diefenbach gl. 430b; Folz meisterl. 210 Mayer; grau (1522) Egranus ungedr. pred. 102 Buchwald; Logau s. sinnged. 172 lit. ver.; gen. sg. gruwis Claus Cranc prophetenübers. 224 Ziesemer, sonst bei jüngeren lexikographen graues Adelung vers. 2 (1775) 782; Campe 2 (1808) 445a. — bezeugung des wortes vom 13. bis 17. jh., darüber hinaus im sg. nur vereinzelt und in einigen maa. (s. unt. 1 b u. 2 a); seit dem 16. jh. zunehmend durch reicher entwickeltes grauen, n. (s. d.) zurückgedrängt. ob der pl. grauen, der seit der zweiten hälfte des 18. jhs. bezeugt ist und, wenn auch selten, bis heute begegnet, zu grau, m. oder zu grauen, n. gehört, ist nicht zu entscheiden.
1) als subjektive empfindung.
a) der durch einen hohen grad der furcht, des schreckens verursachte schauder angesichts einer tatsächlichen oder vermeintlichen gefahr. lexikalisch: perterrere grawe machen (obd., anf. 15. jhs.) Diefenbach gl. 430b; obhorrere gruwen han (15. jh.) ebda 387a; noch grau (der, usitatius est das grauen) horror Steinbach dt. wb. (1734) 1, 636.
α) im sinne einer existentiellen furcht angesichts einer gefahr für leib und seele: (die sünden) machent den grûwen unde den grûsen sô grôz, daz ez alliu diu werlt niht vollesagen kan Berthold v. Regensburg 1, 202, 7 Pf.;

ich sach den aller grœsten viez;
daz in der tiuvel wurge!
er was grôz und dâ bî lanc:
sîn muot was ungetriuwe.
dô muoste ich lâzen mînen ganc:
mich bestuont der grœste griuwe
der mir iemer mê beschiht Virginal 274, 10 in: dt. heldenb. 5, 52;

[Bd. 8, Sp. 2105]


mir wart von gote kunt eyn wort ...
eyn gesichte mich ane vacht
in grozem gruwe bin der nacht ...
ich bibte und vorchte mich hart,
al myn gebeyn irschrecke wart md. Hiob 1668 Karsten;

wer nit den weg durch diese pforten (zum reich gottes) pawe,
leit we, clag, angst, forcht, grawe,
schmercz, pein, gotlicher trawe
er ewiclichen dort verdirbt
Folz meisterlieder 210 Mayer;

wehr ist doch jhe szo herczenhafftig gewest, dehr nit ein grau hett gehabtt vor ungluck und vor dem tode? es ist mentschlich, das man sich vor dem tode entsetztt und ein grauen hatt. solcher grau und entsetzungh hatt den hern schwitzendigk gemachtt, jha ein blutigen schweisz (1522) Egranus ungedr. pred. 102 Buchwald; die angefochtenen knnen es manchmal nicht auszreden, wie sie gedencken, sondern sprechen nur, wie ihnen gar bange sey, und htten einen grossen grau, und sey ihnen zu sinn, als wenn sie grosse ubelthaten auff sich htten Scriver seelenschatz (1681) 2, 804.
β) weniger existentiell bezogen. heftiger schrecken:

küng Rachis der Lamparter worcht
den Römern grawen, schrick vnd forcht
Folz in: fastnachtsp. 1315 lit. ver.;

ir haubtman ... haut allen Römern, so erschlagen warn, die grint (köpfe) ab, lies (si) allenthalben auf den zaun, so umb das römisch geleger gieng, stecken, macht ainen grossen grauen und schrecken den andern Römern Aventin bayer. chron. 1, 605, 1 Lexer. blasser, furcht schlechthin:

das er wurde understehn sich,
den gems vor so vil schön frauen
zu fällen an allen grauen Teuerdank 48 G.;

der vierzehnender ist gestellt;
stark ist er, und auch schlau;
doch, brave hund, euch überfällt,
nicht wahr? nicht furcht noch grau
Goekingk ged. (1780) 3, 13.

mit eigener nuance, furchtschauder angesichts des unheimlichen, unbekannten:

mir sint erschrocken alle glider.
ich pit euch freundtlich, lieber gast,
cur khunst (wein hervorzuzaubern) ir also pleiben last ...
offentbart nur den teuffel nit!
dann mir möcht sunst khumen ein grau
Probst dram. w. 36 ndr.;

(nach einem bericht des Tacitus wird eine german. göttin) in einem verborgenen see gewaschen ..., woselbst knechte zu dienst bestellt seyn, und nach verbrachter arbeit stracks von vermelter see verschlungen werden. daraus entstehet ein heimlicher grauen, und eine heilige vnwissenheit, weil sonst niemand was daselbst geschicht nicht sihet, als die ... ersauffen mssen Prätorius ber. v. katzenveite (1665) D 7b. wohl mehr im sinne von 'argwohn' (vgl. 2grauen, vb. B 1 b):

ein alter mann ob seiner frawen,
die jung war, hett ein grossen grawen,
als obs zu fre km mit eim kind,
vnd sprach: nit redlich ich dich find,
denn wenn ich recht rechne nach,
so kombst zu fr mit diser sach,
ich nimb das kind nit von dir an
Sandrub hist. u. poet. kurzweil 71 ndr.


b) auf ekel, abscheu, abneigung beruhender schauder. lexikalisch besonders in der bedeutung α: nausea grawen (obd. 1486) Diefenbach nov. gl. 262a; gruw (md. 15. jh.) ders., gl. 376c; fastidium, nausea ... graw, eckel Er. Alberus dict. (1540) HH 1a; vomitus vnwill, vndaw, graw Schöpper synon. (1550) d 5b; grawen, m. eckel ... einen grawen vnd eckel haben Hulsius-Ravellus teutsch-frz.-it. (1616) 145a; grau, m. noch von Adelung vers. 2 (1775) 782; Voigtel hd. wb. (1793) 2, 127b; Campe 2 (1808) 445a verzeichnet als ungewöhnlich bzw. in nur mundartlichem gebrauch. jünger vorwiegend in omd. maa., meist in der wendung der grau geht einen an, vgl. Weinhold

[Bd. 8, Sp. 2106]


schles. 29b; Anton Oberlausitz 1, 12; Knothe Markersdorf 44; Hertel Thür. 109; Regel Ruhla 199; Jecht Mansfeld 44a; als vereinzelt, in unklarer zuordnung, jedenfalls nicht in der engen bedeutung 'ekel' bezeugt bei Vilmar Kurhessen 135; ferner grû Fischer Samland 53; graue, m. 'ekel'; einen grauen ab etwas haun Fischer schwäb. 3, 809. dazu mundartliche adjektivbildungen wie gräuig, gräuisch 'schrecklich, greulich' vgl. Hertel a. a. o., Regel a. a. o.
α) übelkeit, ekel als körperliche empfindung:

dan so das weib mit eim kind get,
graw vnd vnteuen ir zu stet
Folz in: fastnachtsp. 1219 lit. ver.;

die von einem wtenden hunde gebissen, drauff anfiengen nicht allein einen grauwen ab dem wasser, sonder auch einen rechten vnwillen ab allem tranck zgewinnen Heyden Plinius (1565) 207; so bald sie sehen, das sie so lange ob den zweyen hauchholdern (kothaufen) in der milch getruncken hatten, kam sie ein grawen an, speyeten und kotzten alles, das sie in vier wochen hieuor gessen hatten Hertzog schiltwache (o. j.) F 5b;

er (ein guter koch) trägt verdecktes essen auff und essen nur zu schau,
geust söder auff und senff daran, die dienlich für den grau
Logau s. sinnged. 172 it. ver.;

darum musz er (der mann) ... nichts unfltiges, unsaubers bel anstndiges in ihrer (der frau) gegenwart, weil sie leicht zu abscheu und grauen zu bewegen, vor ihrem angesicht, sagen oder thun Hohberg georg. cur. (1682) 1, 94b.
β) abscheu im religiösen sinne:

es muss der mensche die gedancken sin
in gotes liebe alle ziid keren, ...
unnd sine sunde sich lassen ruwen,
so gewinnet her kegen der unkuscheit gruwen
Johannes Rothe lob d. keuschheit 3012 Neumann;

got hat ain solchen grossen grawen ab der sünde gehebt (1524) mon. Germ. päd. 20, 72; das alles ... wol bekand haben, gehet nicht leer ab, ohne vielfaltigen seligen nutz, denn es soll uns billich für dem bösen gewissen einen grawen machen M. Walther erläut. d. proph. Daniel (1645) 1, 736.
γ) widerwille, abneigung, ablehnung: (wir sollen nicht blutiges fleisch essen,) das wir nicht blutschtig wrden und auch einen grawen gewnnen menschen blut zuvergissen (zu 1. Mos. 9, 4ff.) Luther 24, 201 W.;

es ist dem frommen alle frist
ein freud, zu thun, was nur recht ist;
aber der ubelthäter (schaw!)
ob recht-thun hat forcht, schew und graw
Hans Sachs 19, 319 lit. ver.;

mehr hat mich grau und scheu nicht schreiben lassen wollen (von kriegsverwüstungen).
und dererwegen auch die nach uns kommen sollen,
(wo dasz die schlimme welt noch länger kan bestehn)
will ich und musz auch viel mit schweigen übergehn
Opitz opera (1690) 3, 268;

sie (die geliebte) hat den grauen angenommen,
seit wir so kurz vonsammen sein,
da wir uns doch so freundlich hatten,
als Luna spielte mit dem schatten.
nu Föbus mahlt der lffte tohr,
stellt sie sich fremde, wie zuvor
Stieler geharnschte Venus 145 ndr.;

er hat einen grauen vorm weibernehmen detestatur nuptias, nauseat amores Stieler stammb. (1691) 696. anders im hinblick auf den liebesschmerz, in unsicherer zuordnung; vielleicht im anschlusz an 2grauen, vb. B 1 b oder C 1 b:

wen wie hoch ich bw,
so tt mir der grv,
dvrch den ich laid bin tragen (Ulm 15. jh.) in: Alemannia 3 (1875) 87.


2) das, was einen schauder der furcht, des schreckens, des abscheus erregt, im religiösen und profanen bereich. so auch, und in jüngerem literarischem gebrauch fast nur, im plural.

[Bd. 8, Sp. 2107]



a) in persönlicher beziehung. von einer person, die andere schreckt, zu der andere ein feindseliges verhältnis haben:

wîlent lobte man guoter liute leben ...
sô spottet man ir nu, swâ si gênt ...
swer nû wil sîn ein frumer man,
den muoz ez gar sûr kumen an,
wenne er muoz sîn der werlde grûwe
und muoz sich riuhen als ein hûwe
Hugo v. Trimberg d. renner 5721 Ehrismann;

gegrusset seistu (Maria), forcht und graw
in helscher aw
aller verdampten geist,
die deinen namen flihen, fraw,
wo man dich nent
Folz meisterlieder 221 Mayer.

von einer person, die abscheu, widerwillen erregt:

mein fraw ist mein zier und wol-lust,
ist offt mein graw und suppen-wust
Hans Sachs 4, 333 lit. ver.;

sondern dieser Christus ist jnen ein eckel, ein grawe, vnd schewsal gewesen J. Gretter erkl. d. ep. S. Pauls a. d. Römer (1566) 614. noch mundartlich 'gräulicher mensch' Hertel Thür. 109.
b) in der beziehung auf unpersönliches.
α) furcht und schrecken erregendes, schrecknis: (Wigalois will gegen einen gefährlichen feind kämpfen, man rät ihm ab) dye grfin bat mit grosser bete, vnd saget jm vil grawen Wigoleys (1493) c 2b; die kinder von Israel ... schicken derhalben kundschaffer ins land (Canaan), so ... des landes und der leute gelegenheit erforschten. als die nun wider kamen und jnen den grawen gros machten, da wolten sie nicht fort, sondern furchten sich, das sie wrden den heiden zu schwach sein Luther 28, 540 W.;

ja darf man dem gerüchte trauen,
so schwärmt in blassem schein
des nachts in fürchterlichen grauen,
ihr (eines mädchens aus der 'ritterzeit') geist noch um den stein; ...
da macht die furcht dem wandrer flügel allg. dt. bibl. (1765) 4, 179;

(Veldeke) bestaunt das selbst, dessen schilderung dem hörer erstaunen auspressen soll, fürchtet die grauen, die der leser nicht empfindet Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 274. mit dem beisinn des schwindelnden erstaunens: (in Tyros) waren ettwan auch so grosz marmelsteyne slen, daz esz eyn gruwen vnd wunder was z sehen Breidenbach d. heyl. reyszen gen Jherusalem (1486) 47a. häufig mit genitivischem attribut: indem uns der immerwerend schreck und graw des gegenwertigen oder nahenden tods manet und erschrecket Alt buch d. cron. (1493) 260b; (gott) wird dich mit seinen fittichen decken ..., das du nicht erschrecken mssest fur dem grawen des nachts, fur den pfeilen die des tages fliegen ps. 91, 5;

lasz dichs nicht schröken, Semele, wenn er (der gott)
die grauen seiner gegenwart, die feuer
die um ihn krachen, dir die donner die
den kommenden umknallen, zu popanzen
aufstellen wird, ...
das sind nur leere schrecken Semele
Schiller 1, 326 G.


β) abscheu erregendes, scheuszliches, verabscheuungswürdiges; älter besonders im religiösen bereich; vgl. rancor graue vnd graulender gestanck (1723) Diefenbach gl. 484a: ein grawe (abominatio) wird im in seinen tagen das prot (Hiob 33, 20) Wenzelbibel bei Jelinek mhd. wb. 329; ein grawe (abominatio) ist es (das falsche opfer) deinem herren got (5. Mos. 17, 1) ebda; alles das sich us dem leren der menschen lasst für guet ansehen, das ist vor gott ein grüwen Zwingli in: schweiz. id. 2, 835. der sing. in jüngerem gebrauch ganz vereinzelt:

doch das widrige, den grauen (eine erlegte schlange)
so verwirklicht anzuschauen,
nimmt entfremdend mich von mir
Grillparzer s. w. I 5, 45 Sauer-B.

mit genitivischem attribut: wann sein gewesne nunn etwann in sich gangen ist, vnd den schaw vnd graw jres

[Bd. 8, Sp. 2108]


trewlosen abfals vom gaist ins flaisch betrachtet, sich für ein sünderin erkandte J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 3, 94a; es war ein kalter, rauher, dunkler frühlingsmorgen ... aber doch war die nacht noch königin, und ihre grauen noch fürsten und begehrten, noch dunkle thaten zu thun Frenssen Jörn Uhl (1917) 316; frau welt tritt (in Konrads von Würzburg 'der welt lohn') als ein weib auf, das vorne voll lockender schönheit ist, im rücken aber alle grauen der verwesung zeigt de Boor-Newald gesch. d. dt. lit. 2 (1953) 87.
3) syntaktische verbindungen.
a) in verbalen verbindungen.
α) (einen) grauen machen, wirken, im frühnhd., zur bedeutung 'furcht, schrecken', s. unter 1 a: (15. jh.) Diefenbach gl. 430b; fastnachtsp. 1315 lit. ver.; Aventin bayer. chron. 1, 605, 1 Lexer.
β) verbindungen, in denen grau als subjekt fungiert, bilden sich seit dem mhd. zur bedeutung 'furcht' (1 a) heraus: mich bestuont der ... griuwe Virginal 274, 10 dt. heldenb. 5; eyn grow gink Israhel an (Hos. 13, 1) Claus Cranc prophetenübers. 314 Ziesemer; erste dt. bibel 10, 25 Kurr. var.; groser grue quam si an (Dan. 10, 7) Claus Cranc prophetenübers. 293 Ziesemer; mir möcht ... khumen ein grau Probst dram. w. 36 ndr.; euch überfällt ... nicht ... grau Goekingh ged. (1780) 3, 13. der grau 'ekel' geht einen an in jüngeren maa., s. 1 b.
γ) einen grauen haben (gewinnen) (gegen, vor, ab, ob, an etwas oder jmd.), seit dem frühen 15. jh.; zur bedeutung 'ekel, abscheu, abneigung', s. die belege unter 1 b. gelegentlich zur bedeutung 'furcht': dehr nit ein grau hett gehabtt vor ungluck und vor dem tode Egranus ungedr. pred. 102 Buchw. unter 1 a α.
b) in präpositionalen verbindungen, nur in der bedeutung 'furcht' (1 a): in grozem gruwe md. Hiob 1668 Karsten;

daz sy vor gruwen icht geworcht
hette keynerhande ding ebda 1286 (wenn hier nicht der substantivierte infin. von gruwen [s. 2grauen, vb.] vorliegt);

vor grawe Cronberg schr. 65 ndr.; fur graw vnd angst (16. jh.) bei Wackernagel dt. kirchenlied 3, 185a.
c) in festen substantivischen verbindungen.
α) in der bedeutung 'furcht' (1 a) oder 'schrecken erregendes' (2 a; b α): den grûwen unde den grûsen Berthold v. Regensburg 1, 202, 7 Pf.; grawe vnd forchte d. ackermann a. Böhmen 1 Hübner; nicht furcht noch grau Goekingk ged. (1780) 3, 13; grawen, schrick vnd forcht Folz in: fastnachtsp. 1315 lit. ver.; grauen und schrecken Aventin bayer. chron. 1, 605, 1 Lexer; grau und entsetzungh Egranus ungedr. pred. 102 Buchwald; graw vnd angst (16. jh.) bei Wackernagel dt. kirchenlied 3, 185a.
β) in der bedeutung 'ekel, abscheu, abneigung' (1 b) oder 'abscheu erregendes' (2 b β): graw vnd vnteuen Folz in: fastnachtsp. 1219 lit. ver.; vndwung, widerwille, grawe vnd eckel Petrarca trostbücher (1559) 40b; grawen vnd eckel Hulsius-Ravellus t.-it.-frz. (1616) 145a; forcht, schew und graw Hans Sachs 19, 319 lit. ver.; schaw vnd graw J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 3, 94a; grau und scheu Opitz opera (1690) 3, 268; abscheu und grauen Hohberg georg. cur. (1682) 1, 94b.
 
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grauäugig, adj., älter meist grauauget, -äuget, -augicht, auch jünger noch gelegentlich ohne umlaut grauaugig: Wieland (s. u.); Venedey Irland (1844) 2, 105. grau A 2 b entsprechend: ich will dir ein holdseligs meidlin geben, ... die tochter vnsers Phanocrate. Clit.: die rotprechte junckfraw, die graw augete, mit dem weitten maul vnd gebognen nasen? Boltz Terenz deutsch (1539) Z 83b; man hat mir gesagt, dasz er blond und grauäugig gewesen sei Ina Seidel erbe (1954) 19. besonders von der göttin Minerva (Athene), im anschlusz an Homers γλαυκῶπις: die grawaugete göttin (am rand: grauaugicht) Schaidenreiszer Odyssea (1537) 97a; ich (Minerva), die grauaugige göttin ... knie vor dir (Jupiter) Wieland Lucian (1788) 2, 362. vereinzelt von tieren: alle

[Bd. 8, Sp. 2109]


(dohlen und krähen) gleich schwartz vnd alle gleich grawaugig (1530) Luther (Jena 1556) 5, 21a. bildlich von grau A 9 her: der grauäugige morgen lächelt die düster sehende nacht an Eschenburg Shakespear (1775) 12, 59.
 
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graubart, m. , seit dem 16. jh.
1) nur selten im eigentlichsten sinne 'grauer bart', grau A 2 a α entsprechend: und risz ihm mit starkem ruck seines graubarts hälfte aus Scheffel ges. w. (1907) 1, 270. vielleicht auch: lassen die haar am kien und wangen lang und breit wachsen, dasz man also unter ihnen viel graubärte antrifft Beer Asia (1681) 1, 134b.
2) sonst durchweg für den träger eines grauen bartes, als pars pro toto, vgl. DWB grau A 2 a δ. ohne nebenton, einfach 'alter mann (mit grauem bart)': auch sprach der graubart (anm.: der alte Hans von Ziethen zu Wildberg) (1524) hist. volkslieder 3, 421 Liliencron; (der wanderer) stand vor einem graubarte in grober diensttracht C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 5. gern mit verächtlicher anspielung auf gebrechlichkeit, verdrossenheit oder rückständigkeit des alters: ich wölt du grawbart werest bey got (eine junge frau von ihrem alten ehemann) Agricola 750 teutscher sprichw. (1534) Z 4b; Eyering proverb. copia (1601) 2, 512;

ja unter allen ist kein lächerlicher spiel,
als wenn ein sauertopf und graubarth buhlen wil
Lohenstein Sophonisbe (1680) widmung a 6b;

und durch die tür quoll eine fette stimme:
'ich brauch mein biszchen selbst, verrückter graubart!'
R. Dehmel ges. w. (1906) 2, 114;

vgl. Pansner schimpfwb. 24a. so auch in der stehenden verbindung alter graubart: wohrnahch einem jünglinge verlanget, daführ träget ein alter graubart schäu und ekel Zesen adriat. Rosemund 7 ndr.; auf bälle und in artige cotterien sollten sie die söhne schicken, und nicht zu alten verdrüsslichen graubärten neue slg. v. schausp. (1764) 1, d. misztrauische 9; von den alten graubärten, die wir philosophen nennen Knebel literar. nachl. (1835) 3, 15. ironisierend: lobt man in Vischers würdigem kreise der graubärte den Herweghsprolog (zur Schillerfeier), so ruft man ein grollendes, mürrisches schweigen hervor (1859) G. Keller br. u. tageb. 2, 490 Ermat. seltener mit positiv wertendem unterton: den venedischen rotröcketen graubärten, als erfahrnen klugen leuten Londorp acta publica (1668) 1, 310b; er wird graubärte keine fehlbitte thun lassen Schiller 6, 294 G.; beim gehen und kommen reichte der biedere alte graubart seinem gaste die hand mit einem stets gleichen, wohlwollenden: wie geht's? Holtei erz. schr. (1861) 12, 155. auf einen personifizierten begriff übertragen: der alte graubart, die zeit Klinger w. (1809) 10, 230.
3) als bezeichnung von tieren: der heilige Wilhelm war ein berühmter held ... er ist also der alte, der graubart, der mönch und das sind lauter benennungen des wolfs in der thierfabel Jac. Grimm Reinhart fuchs (1834) LIV;

knurre nicht du treuer graubart (ein hund)
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 204.


4) als pflanzenname: graubart geropogon L. (gattung) Dietrich vollst. lex. d. gärtnerei u. botan. 4 (1804) 343; bocksbart, gelber. tragopogon pratensis L. ... grasbart, graubart, hafermalchen, hafermalk Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 48b.
5) als name eines fisches: ophidium barbatum Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 208; ophidion ... ein fisch, dem conger ähnlich, nach einigen der graubart (ophidium barbatum L.) Georges ausführl. lat.-dt. handwb. (1861) 2, 575.
6) für ein wassergefäsz mit bärtiger maske: es sind (von holländ. steinzeug a. d. ende d. 16. jhs.) namentlich viele exemplare von wasserkrügen erhalten, die vorn

[Bd. 8, Sp. 2110]


unter dem ausgusz eine bärtige maske tragen und danach graubärte oder bartmänner genannt wurden Kerl hdb. d. tonwarenind. (31907) 11.
 
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graubärtig, adj. , älter auch graubartet (aus graubarticht), graubärtigt.
1) von männern mit grauem bart. im eigentlichen sinne: ein echter gelehrter im langen, grauen schlafrock, graubärtig und grauhaarig W. Raabe s. w. I 5, 85 Klemm; von seinem nebenmann, einem langen, graubärtigen menschen W. Bergengruen Karl d. kühne (1930) 269. die bedeutung 'alt' oder 'fortgeschrittenen alters' einschlieszend: unser garn wird nicht nur von kaum kriechenden kindern ..., sondern auch von graubärtichten männern ... gesponnen Lohenstein Arminius (1689) 2, 187a; zwischen den beiden cypressen erscheint ein kleiner trupp arbeiter und naturforscher, teils graubärtig, teils jüngeren aussehens R. Dehmel ges. w. (1906) 10, 156. häufig neben alt: auch liess er fordern ... den alten grawbarteten Agores Ayrer hist. proc. juris (1604) 736; der alte graubärtige mann Storm s. w. (1900) 4, 110. mit abschätzigem nebenton, wobei die eigentliche bedeutung hinter der vorstellung 'alt' ganz zurücktritt: Jak sagt dem fürsten ... die bittersten wahrheiten, und zwar ... im ... docententon eines graubärtigen moralisten allg. dt. bibl. (1765) 88, 2, 173; (Trudch.:) o es giebt ganz andere leute als ihr seyd, wenn auch nicht so milchbärtig. (Gid.:) sondern graubärtig Kotzebue s. dram. w. (1828) 37, 137. auch in positiv wertendem gebrauch tritt die eigentliche bedeutung zurück: ich erstaunte, dasz Scipio sich nicht schämte, seine liebe und schwäche in gegenwart graubärtiger krieger auszuseufzen Börne ges. schr. (1829) 2, 32.
2) in der anwendung auf personifizierte begriffe: endlich erschien in den schrancken der graubärthigte winter Lohenstein Arminius (1689) 1, 1382b;

bis die graubärt'ge zeit ein kind geworden
H. v. Kleist w. 2, 349 E. Schmidt.


3) auf pflanzen übertragen: gelbe camillen, malven, duftige narcissen, graubärtige disteln Gregorovius wanderj. in Italien 2 (1904) 226. anders, soviel wie 'mit flechten überzogen' (s. auch graubemoost): zwischen den dünnzerstreuten, graubärtigen fichtenzwergen Rosegger schr. (1895) I 14, 282. vielleicht von hier aus, wenn nicht von 1 her: mit einem schlückchen aus irgendeiner graubärtigen flasche Holtei erz. schr. (1861) 6, 95.
 
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graubeln, vb., 'schimmlig, muffig sein', s. 1graueln.
 
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graubemoost, part. adj., mit grauem moos (d. i. mit flechten) bewachsen; gern poetisierend, alte bäume, altes gemäuer, felsen u. ä. kennzeichnend:

ein hoher wall aus graubemoosten eichen,
an seinem morschen fusz, von schattigten gesträuchen
und flüsterndem geröhr besetzt
Gentzkow ged. (1771) 94;

auf morschem stamm, auf graubemoostem stein,
im schatten düstrer föhren sasz er oft
Fr. W. Weber Goliath (1923) 121;

dann habe ich auch noch gesehen eine alte graubemooste Thorsäule Rosegger schr. (1895) III 6, 262; sehr oft belegt man auch die flechten mit diesem namen (moos), indem man von 'isländischem moos' spricht und von den 'graubemoosten' bäumen Rossmässler d. wald (1863) 32. ungewöhnlich: doch lebendiger als je musz ich dieses axioms gedenken, wenn ich an ew. herrlichkeit schreibe, dero graubemoosten urahnen mich erinnernd klagelieder u. briefe (1817) 14. —
 
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graublau, adj., auch substantiviert; ins graue spielendes blau, mischfarbe aus blau und grau. lat. caesius glossierend, vgl. Frisius dict. (1556) 173b; nomencl. lat.-germ. (1634) 120; auch für glaucus, s. Calepinus undecim ling. (1598) 619a. in vielen der zu grau A gehörenden anwendungen; vor allem als augenfarbe: welche an den allerkältesten orten der welt wohnen, ... haben alle ... stracke und rothprechte haupthaar, grauwblaue augen Porta physiognomy

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(1601) 39; die liechtscheuende nachteule, die mit ihren grau-blauen augen glintzerte und blintzerte Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, )( )( )( )( )( 5b; ihr auge war von jenem stahlklaren graublau, das ... ganz seele ... zu sein scheint W. v. Scholz erz. (1924) 94. fachsprachlich auch für die augenkrankheit des glaukoms, s. grawblau bei Blancard lex. medic. renov. (1735) 420. weiter im bereich des organischen, des anorganischen, des meteorologischen und des gegenständlichen: drey blumen, die seindt schön grawblaw Tabernämontanus kräuterb. (1588) 1, 548a; der schon althochdeutsche name hâring wird teils als 'heerfisch', teils als 'graublauer' fisch gedeutet Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 412; ich sehe über graublauem wasser einen vogel fliegen E. Wiechert wälder u. menschen (1936) 18; das grosze häuserwesen ..., eingehüllt in einen graublauen dunst H. Seidel vorstadtgesch. (1880) 104; das weiszlichte graublau unseres nördlichen himmels Vischer ästhetik (1846) 2, 50; ein dragoner auf schwarzem pferde in langem graublauem mantel Storm s. w. (1900) 1, 197. —