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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gnappen bis gnarren (Bd. 8, Sp. 617 bis 623)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gnappen, vb. , sich hin und her oder auf und ab bewegen; wanken, schwanken, wackeln; hinken, hüpfen, sich verbeugen, s. auch DWB gnaupen, ferner knappen 3-7. herkunft, verbreitung und form.
1) gnappen läszt sich seit beginn des 15. jh. belegen: er gnappet (1. hälfte d. 15. jh.) bei Fichard frankfurt. archiv 3, 285; gnappen voc. v. j. 1418 bei Schmeller-Fr. bair. 1, 979. schriftsprachliche verwendung ist über das 17. jh. hinaus kaum mehr nachzuweisen. besonders reichlich findet es sich fürs alem. bezeugt, sodann fürs bair. und ostfrk., sonst selten, mehrfach nur im westlichen ans schwäb. grenzenden md.
2) gnappen gehört zu den ō-verben mit geminiertem verschluszlaut, s. Wissmann nomina postverb. 1, 160 ff. wie oft bei lautnachahmenden worten steht neben der media geminata auch die geminierte tenuis in gnapfen (s. d.) und die einfache media in gnaben: swaz ... gnabe pseudogottfried. lobges. 57, 13 L. Wolff; gnabens (gen. gerund.) Zimmer. chron.2 1, 505, 19 Bar.; knaben H. Sachs unter knappen 4, s. teil 5, 1345 (vgl. auch [er] gnabt [: abt] 22, 341, 26 lit. ver.; fab. u. schwänke 5, 95 Götze-Drescher). schreibung mit tenuis geminata ist seit beginn der bezeugung die regel. daneben begegnet vereinzelt gnabb (imp. sg., um 1600) bei Staub-Tobler 2, 667, öfter gnapen, bes. im schweizer., wo neben gnoppen, gnippen auch gnōpen, gnīpen vorkommt, so bei Thurneyszer archidoxa (1575) 51b und autoren des 17. jh., s. Staub-Tobler a. a. o., modern mundartlich im Aargau, s. Hunziker 109; vgl. ferner (er) gnapet Hans Sachs 21, 107, 1 Götze und mundartliches knàpə im elsäss., in der Rappenauer (Meisinger 74) und der Handschuhsheimer ma. (Lenz 38). zum etymologischen zusammenhang sieh unter gnapfen sp. 616.
3) neben gnappen stehen mit variation des anlauts knappen, nappen und schnappen 'hinken, nicken, ein schläfchen im sitzen machen' teil 9, 1173 s. v. schnappen 7 und 8; vgl. DWB gnapfen, knapfen, DWB napfen sp. 615, gnafzen, gnapfezen, nafzen, napfezen sp. 611, gnepfen, nepfen sp. 641, gnipfen, nipfen sp. 646f., ferner das unter gnagen gesagte sp. 612.
die form knappen läszt sich seit ca. 1500 nachweisen, vornehmlich im elsäss., z. b. bei Keisersberg, s. u. teil 5, sp. 1345; Fischart w. 3, 283 Hauffen; Moscherosch Phil. v. Sittewald (1650) 1, 513 u. ö.; seltener im schwäb., so bei (16. jh.) G. Widmann chron. 145 Kolb. auch heute nur vereinzelt, s. Fischer schwäb. 3, 727; im bair. nach Schmeller-Fr. 1, 1351 wohl wieder gewöhnlicher (doch gnappen im tirol., s. ebda 1, 1751, Schöpf 198 [neben knappen 327], und im steir., s. Unger-Khull 296b); öfter im westmd. und ostfrk., z. b. bei Hans Sachs (in der form knaben neben geläufigerem gnaben, gnap[p]en), bei J. Ayrer d. ä. u. a., s. unter DWB knappen 3-7 teil 5, 1344 ff., modern mundartlich knappen Kehrein Nassau 1, 231; knappa Sartorius Würzburg 71; knappn Gebhardt Nürnberger ma. 38; lexikalisch zufrühest bei Decimator thes. ling. lat. (1608) 1402b s. v. vacillare (neben gnapffen claudicare 253a); Stieler 992. — nicht auf *knappōn zurückführbar ist das landschaftlich mit gnappen wechselnde schweizer. und vorarlbergische knappen, s. Staub-Tobler schweizer. 2, 668 und Jutz alem. ma. 218 f., da gnappen als synkopiertes genappen empfunden wurde und sich dann nach analogie des übergangs von synkopiertem präfix ge- zu k zu knappen entwickelte; s. ferner unter gnagen sp. 612. nappen begegnet nur vereinzelt

[Bd. 8, Sp. 618]


bei Lindener Katzipori 117 Lichtenstein (s. teil 7, 350) und bei K. Reiser sagen, gebräuche und sprichw. des Allgäus 2, 723. zu den lautvarianten gnippen (gnīpen), gnoppen (gnōpen), gnuppen, gnaupen s. unter gnapfen sp. 616.
4) mundartlich begegnen die den iterativen bedeutungsgehalt unterstreichenden ableitungen mit l und r: gnapplen 'rütteln' Fischer schwäb. 3, 727; gnappelen, gnäppelen 'wackeln; wackelnd, langsam, auf den fuszspitzen gehen' Staub-Tobler 2, 666 und 668; dazu gnäppeler, m., 'wer, z. b. vor altersschwäche, langsam und wankend geht' ebda, s. auch unter knappen 7 b, teil 5, 1346; mit r: gnäpperen 'schwankend gehn, hinken' Martin-Lienhart 1, 265a; gnabbere 'to stump about' Lambert Pennsylvan. 67a. ferner eine ableitung mit s: gnapsen (oder gnapfen?) labere in einem md. voc. des 15. jh. bei Diefenbach gl. 313b; knepsen (handschriftlich) 'hinken' Schmeller-Fr. 1, 1353; gnappse (von einem lendenlahmen) Friedli Bärndütsch 5, 144; gnäpsen 'schlafbedürfnis empfinden, sitzend ein wenig schlafen' (neben näpsen) Staub-Tobler schweizer. 2, 673; knepsen 'einnicken' Meinherz ma. der Bündner herrschaft 139; gnapsen 'vor schlaf den kopf immerfort sinken lassen' (neben gnapfezen, napfezen, gnappen) Schöpf tirol. 198. bedeutung und gebrauch.
gnappen bezeichnet wiederholte hin- und hergehende wie auf- und absteigende bewegungen, besonders solche ungleichmäsziger art, vgl. die mundartlichen bedeutungen: 'wanken, wackeln, schwanken, sich hin und her bewegen, locker sein, nicht fest sitzen oder stehen, beinahe umkippen' Staub-Tobler schweizer. 2, 666; ebenso Fischer schwäb. 3, 726; 'plötzlich in die knie einsinken, mit dem knie schnappen, den fusz übertreten, schwanken, das gleichgewicht verlieren und umschlagen, hinken, fehltreten' Martin-Lienhart elsäss. 1, 264b; 'nicken, auf und nieder schwanken' Hunziker Aargau 109; welche besondere bewegungsrichtung im einzelnen falle gemeint sei, läszt sich nur aus dem sinnzusammenhang entnehmen. gelegentlich wird sie durch adverbielle bestimmungen näher gekennzeichnet wie hin- und widergnappen Hans Sachs 21, 193, 24 Götze; hin und her (här) gnappen (knappen) mit den füszen Frisius dict. (1556) 1341; Decimator thes. ling. (1608) 1402bf. als bezeichnung ungeschickter bewegungen wohnt dem worte häufig ein spöttelnder nebensinn bei.
zur bezeichnung gleichmäszig sich wiederholender bewegungen wird gern die ablautformel gnippen (und) gnappen gebraucht, zufrühest in den fastnachtspielen, gern bei Murner, Seb. Franck und Hans Sachs. in moderner mundart vom uhrpendel, von der glocke, von der ölmühle, s. Staub-Tobler schweizer. 2, 667 und Fischer schwäb. 3, 727, zugleich mit onomatopoetischem charakter, vgl. gnipp-gnapp 'ablautformel zur lautmalenden bezeichnung einer in kurzen zwischenräumen hörbar wiederkehrenden bewegung' Staub-Tobler a. a. o. 2, 666; 'lautmalende bezeichnung eines krummen ganges' Martin-Lienhart elsäss. 1, 265a.
gnappen steht nur vereinzelt in transitiver verwendung: mir (wir) sollend inen die est gnappen, dasz die biren abi fallend (1581) bei Staub-Tobler schweizer. 2, 668; ebenso in moderner schweizer. ma., s. ebda.
intrans. gnappen findet sich vornehmlich in anwendung auf lebende wesen und körperteile (A), in zweiter linie auch auf gegenstände (B). üblich ist die verbindung gnappen mit, bes. mit dem kopf gnappen, mit den füszen gnappen (s. u.). seltener ist gnappen an, z. b. an einem klotz, einem stein u. ä. gnappen 'rütteln' wie im schwäb., s. Fischer 3, 727: weil du auch ein finger heylest, so gnappe nicht viel daran, bisz du schier vermeinst, das er zimblich wol hafftet Würtz practica der wundartzn. (1612) 157.
A. in anwendung auf lebende wesen.
1) vom wanken, wackeln, schwanken des körpers schlechthin; in der regel bei bewegungen, die im gehen, laufen u. s. w. gemacht werden:

[Bd. 8, Sp. 619]


des sol dich loben, swaz atem habe, ...
... swaz vliege, vlieze unt drabe,
kriech unde gnabe pseudogottfried. lobges. 57, 13 L. Wolff;

er kroch in ein münche kappen,
er ging gelich eim beren gnappen (aus d. j. 1429) histor. volksl. 1, 303, 232 v. Liliencron,

es ist hier vielleicht an den paszgang zu denken; (die elster, die den gang der taube nachzuahmen suchte,) wolt sich irs angebornen gangs wider annemen und hett des z recht ouch vergessen und gieng gnappen mit irem lyb und gefider und ward damit von allen andern vogeln verspottet beispiele d. alten weisen 162, 16 Holland.
vom menschen in dem heute noch mundartlich üblichen sinne 'langsam, wankend gehen, mühsam fortkommen, bes. von alten leuten' Staub-Tobler schweizer. 2, 667; Ch. Schmidt Straszburger ma. 43a; 'schwerfällig gehen' Brun ma. von Obersaxen (Graubünden) 99; 'kraftlos, wacklig gehen' Fischer schwäb. 3, 726: Chremes gieng vester vor anhyn, und bitz sie (die langsam vorankommende amme) hernach gnappet, redt er mit der Pythias Terenz (1499) 77a (randgl.), vgl. dazu schweizer. nōch gnappen Staub-Tobler a. a. o.;

(der teufel auf der brautschau:)
drmb ist ein alte wol mein feg ...
schaw, schaw, dort gnabt gleich aine her
Hans Sachs fastnachtsp. nr. 76 v. 36 Götze;

tolpisch herum gnapen (1675) bei Staub-Tobler schweizer. 2, 668. soviel wie 'im gehen sich stolzierend wiegen, geziert schreiten', vgl. unten 6:

(wer) sich usz dem büchsly malt,
formiert im selbs ein schön gestalt
und gadt z kirchen gnyppen gnappen,
z spiegelgsicht den jungen lappen,
den tht der düppelsack gar wee
(der sack, mit dem der müller die frauen schlägt)
Murner dtsche schr. 4, 52 Bebermeyer;

man findet manchen jungen lappen,
der auf der gassen get her gnappen,
der nicht auf im tregt zweinzig jar fastnachtsp. 315, 21 Keller.


lexikalisch begegnet wiederholt gnappen mit den füszen vacillare (voc. v. j. 1418) bei Schmeller-Fr. bair. 1, 979; vacillo ich schwancke, gnappe mit den füszen Dasypodius dict. (1536) 246d; vacillare schwancken, hin und här gnappen mit den füszen Frisius dict. (1556) 1341a; s. ferner Decimator thes. ling. (1608) 1402b und unter knappen 6 c, teil 5, 1340. die gleiche wendung begegnet aber auch zur bezeichnung einer ehrenbezeugung, s. unter DWB A 5.
als 'wanken, schwanken' ohne die vorstellung einer fortbewegung:

gar schmutzig händ hat jhener (schütze) ghan (gehabt),
dasz mocht er d' büchs nit wol behan (halten).
einem bracht das gnappen schaden,
z' vil bulffer hat der ander gladen
J. H. Grob ausreden der schützen (1603) in: zs. f. dtsch. altert. 3, 249;

herr Jesus! nimm auf meinen geist,
schrei ich aus dunkler kappen (bei der hinrichtung),
send eilends deines feuers geist!
halt mich! lasz mich nicht gnappen! (1664) in: Helvetia 5, 395.


2) 'hinken': claudicare gnappen gemma gemm. (Straszburg 1508) c 1a; gnappen zoppicare, andar zoppo Hulsius teutsch-ital. (1618) 140a; lexikalisch bis ins 18. jh. hinein bezeugt, s. Kramer teutsch-ital. 1 (1700) 545c; Ludwig teutsch-engl. (1716) 797. modern mundartlich vornehmlich alem. und ostfrk., vgl. DWB gnappe Schmidt id. Bernense 28b; Seiler Basel 143a; knàpə Martin-Lienhart elsäss. 1, 264b; gnappen Fischer schwäb. 3, 727; knapə Meisinger Rappenau 24b; Lenz Handschuhsheim 38b; knappa Sartorius Würzburg 71; knappn Gebhardt Nürnberg 38; vgl. auch bair. knappen 'wie einer, der hinkt' Schmeller-Fr. 1, 1351: sunst, wan man von geistlichem hinken redet, so hinkend und gnappend die reich gemeinklich, wo die vorstender auf kruken gond J. v. Watt dtsche histor. schr. 1, 193 Götzinger;

wann stäts beim hinkenden pleibst und wonst,
allgemach zu knappen auch gewonst
Fischart w. 3, 283 Hauffen;

[Bd. 8, Sp. 620]


(sie wurde) all und jede trit auff eine seiten zu biegen gezwungen, sintemal der rechte fusz, so ihren (ihr) viel kürtzer als der lincke, in solchem gnappen den gantzen leib hernach zoge theatrum amoris (1626) 211, s. auch knappen I 6 b.
3) als 'springen, hüpfen': gnappen prosilire, sursum saltare voc. inc. teut. (ca. 1471) i 8b; mundartlich 'hüpfen' Fischer schwäb. 3, 727.
4) von ungeschickten bewegungen beim tanz; der spöttelnde sinn ist deutlich spürbar:

(ich) kam zu eynem hannendantz (bäuerlicher wettanz um einen hahn als preis),
da machtens wunderlich kromantz (= kramanz 'das höfliche verbeugen, knixen, drehen')
mit gnippen, knappen und verdreen
Hans Sachs 5, 276, 18 Keller;

etlich (tänzer) bucken und gnappen mit dem leib hin und wider wie die Elsässer bättler, wann sie ein tantz haben N. Höniger der newen weldt ... history (1579) 146;

ein jäger weidnet in dem holcz,
und da sach er die pauren stolcz
fast umb den veiel sappen (plump gehen, stapfen),
ja einer hin, der ander her, gunden gar leppisch gnappen Neithart fuchs v. 227 bei
Bobertag narrenbuch 158;

er nam die metzen by der hant,
er dantzet umhin nach der want ...,
er gnappet hyn und gnappet her (1. hälfte d. 15. jh.) bei
Fichard frankfurt. archiv 3, 285;

gnippen und gnappen, tanzen und gumpen (springen)
treibt junk und alt, grosz und klein fastnachtsp. 383, 17 Keller;

so henkt si (die geliebte frau) zw schellen dran (an die ohren).
so heb ich an und gnappe,
ain groszes klinglen ich da han
gleich als ain ander lappe.
der bin ich ganz, ich kör an tanz,
da man tut frölich springen fastnachtslied bei
Uhland volksl. (1844) 2, 642.


5) von höflichkeitsbezeugungen im sinne von 'sich verbeugen, sich verneigen', vielleicht auch 'das knie beugen' (vgl. A. Schultz deutsches leben im 14. u. 15. jh. [1892] 1, 194) oder 'eine dem kratz- oder scharrfusz ähnliche reverenz machen', vgl. zu letzterer bedeutung:

aber zu hoff viel händlein küssen,
viel grüssen, knappen mit den füssen
die gleichszner wol am besten können
Fischart w. 1, 278 Hauffen;

dazu knapfen Jac. Ayrer d. j. in teil 5, 1345 s. v. knappen 5 a. gewöhnlich läszt sich die art der höflichkeitsbezeugung nicht mit gewiszheit ermitteln:

got grüsz euch alle, got grüsz euch,
sitzt still, sitzt still, laszt eur gnappen,
habt auf eur huet und kappen fastnachtsp. 275, 28 Keller;

in dem crewzgang sach er (der gast) den abt,
dem er demueticlichen gnabt,
sprach: ich danck ewren gnaden vast
Hans Sachs 22, 431, 26 Götze;

ähnlich s. fabeln u. schwänke 5, 95 Götze-Drescher; es darf im (dem kaiser) auch ... niemant ... begegnen und vil buckens, gnappens oder partschiers (s. o. bartschieren) treiben Seb. Franck weltbuch (1534) 103b;

und mancher mörder, verräter und wicht ...
... kan in der selben schafskappen
so vil glissnens, buckens und gnappen,
dasz man wänt, wie fromm und heilig er sei
N. Manuel 196 Bächtold;

warumb verschweiget man die warheit, schmeichlet groszen herren mit gnippen, gnappen? Seb. Franck paradoxa (1558) 37b; spöttisch: wie viel hat nun die einig mess ... regel und gebott von gnippen, gnappen, sprechen, stammlen, schtten, dardurch einer unrein ... wirt Seb. Franck bei Fischer schwäb. 3, 727; vgl. Butzer bei Ch. Schmidt Straszb. ma. 43b; s. auch meszknapper unter gnapper 1, sp. 622.
6) 'mit dem kopf nicken, den kopf schütteln', auch sonst 'wackeln mit einem glied des körpers', vgl. DWB gnappen mit dem kopff nutare Dasypodius dict. (1536) 337a:

[Bd. 8, Sp. 621]


sie gedacht, du bist ein rechter dor,
ich bin dir nit als holt als vor.
du gnappest mit dem kopff (vor blödigkeit)
und bist ein rechter dropff (1. hälfte d. 15. jh.) bei
Fichard frankfurt. archiv 3, 284;

(die angehörigen einer türkischen sekte) hören nimmer auff z betten, kummen auch z nachts z hauff, gnappen mit dem kopff ein gt weil vnd sprechen darz Seb. Franck weltb. (1534) 112b; der (arzt) hat mit seinem haupt vil gnabens und hin und wider schüttlens (als eine angewohnheit) Zimmer. chron.2 1, 505, 19 Bar. redensartlich:

(Goliath): ich will in (den juden) geben dapfer kappen,
dasz in der kopf und arsz muesz gnappen
Val. Boltz (1554) bei
Staub-Tobler schweizer. 2, 667;

(er) hätt am akapatt (derb gescholten oder geschlagen),
dasz am s' hira (hirn) hätt gnappat lied in oberschwäb. ma. (1633) bei
Frommann dt. ma. 4, 88.

bildlich: der kopf gnappet ihm (sein leben ist bedroht) Meyer hortulus adagiorum (1692) bei Staub-Tobler a. a. o.auch in heutiger mundart von jeglicher art kopfbewegung, vom wackeln und nicken: der gnappet mit dem kopfe Fischer schwäb. 3, 727; vom nicken und schütteln: jo und nein gnappen Staub-Tobler 2, 668; ohne nähere bestimmung bei Schmeller-Fr. bair. 1, 1351.
von geziertem wesen wie oben unter A 1:

dann ist das gnappen ir (der hoffärtigen kirchgängerin) erloubt
mit dem arsz und mit dem houpt,
und gnipt und gnapt die zart und rein
Murner dtsche schr. 2, 283 Spanier;

'den kopf vor verwunderung schütteln':

der narr den doctor ansach mit der nasen rund,
mit dem kopf hin und wider gnapt
und lachet darzw fast
und sprach zum doctor: 'wie hastw
die allergrösten nasen rot!'
Hans Sachs s. fabeln u. schwänke 4, 12 Götze u. Drescher;

'grüszend zunicken': Calvin (ritt) wider heimwerts für der nunnen herberig, die sein am fenster gewart, der ihr mit dem kopff gnappet Joh. Nas das antipap. eins und hundert (1567) 2, o 8a; 'nicken als zeichen der zustimmung', vgl. DWB gnappen mit dem kopff monstrar con segno della testa del consenso Hulsius teutsch-ital. (1618) 140a: wo man nor ein wort anders redt, dann ir (der altgläubigen) eselskopff gnappet, so pleien si uff (blähen sie sich auf), nit mit der geschrifft, nein, mit verspotten, verachten, schmechworten Judas Nazarei vom alten u. neuen gott 65 ndr.; vgl. DWB gnapper 1 sp. 622.
im tirol. 'nicken, bes. im schlummer' neben gnapfezn, gnapsen Schöpf 198; in Schwäbisch-Tirol 'schlummern', in Memmingen 'nicken bei schläfrigkeit' Fischer schwäb. 3, 727.
7) von einer ruckartigen aufwärtsbewegung, verbunden mit einer richtungsbezeichnung: unnd peyde hende dem arczte under die füsz thet, mit den hindern auf gnappet und den arczte über das haubt aus abe in die ... gruben warff Steinhöwel decamerone 530 Keller;

der wolff im (dem bocke) nach dem halse schnapt,
der pock von unden aufwarcz mit den horen gnapt,
den wolff peim kopf in seine hörner finge
Hans Sachs s. fabeln u. schwänke 3, 189 Goetze-Drescher.


8) weitere mannigfaltige verwendung findet gnappen in den neueren mundarten. so wird es gebraucht vom zucken der haut, vom auf- und abgehen des kinns, vom wackeln der ohren, des bauches u. ä., s. Fischer schwäb. 3, 272; Staub-Tobler schweizer. 2, 667: er hustet, dasz ihm der bauch gnappet Jer. Gotthelf ges. schr. (1856) 1, iii. es begegnet weiterhin im sinne von 'plötzlich in die knie einsinken, den fusz übertreten' Martin-Lienhart elsäss. 1, 264b, ähnlich Kehrein Nassau 1, 231, Staub-Tobler a. a. o.ferner vom wedeln des hundes oder wippen des bachstelzenschwanzes, vgl. Fischer und Staub-Tobler a. a. o.:

die wassersteltz
die rouwet seltz,
sie kan doch nüt dann gnappen bei
W. Wackernagel voces var. anim. (1869) 109b,

vgl. ebda 122a;

es hört nicht auf zu gnappen
ihr (der bachstelze) langer pfannenstiel
Achim v. Arnim w. 21, 278 W. Grimm.

[Bd. 8, Sp. 622]



B. in anwendung auf dinge: giengen die grundwellen 2 tage, dasz das schiff hinten und vornen gnappet (16. jh.) bei Staub-Tobler schweizer. 2, 666;

er (der bei tisch bedienende mönch) allweil in hasenkopff stach
und wolt ihn fürlegen dem abbt.
im heben ihm das messer gnapt, ...
der hasenkopff ihm herab schosz
in ein vergülten becher grosz
Hans Sachs 9, 268, 22 Keller.

häufig: den tisch underlegen, wenn er gnappet mensae clivum tollere Frisius dict. (1556) 236a;

der künig an das tischlein sas,
das hin- und widergnappen was
Hans Sachs 21, 193, 24 Götze;

welcher leiden mag, dasz sein tisch gnap ..., der mag seine frawn hinleihen schöne weise klugreden (1548) 57a; mundartlich: der disch gnappet Ch. Schmidt Straszb. ma. 43a; vgl. Staub-Tobler schweizer. 2, 666; Fischer schwäb. 3, 726. in gleichem sinne: man sagt, dieszer stein (grabstein) schwebe ob dem grab, dann was arth man diszen stain angreifft, so knappt er, nachdeme man aber den stain erhebt, hat man gefunden, dasz er in der mitten uf einem gewerb und zu den orthen (rändern) leedig geweszen (16. jh.) G. Widmann chron. 145 Kolb; mundartlich von bäumen, die im winde oder nach dem ansägen in schwankende bewegung geraten, s. Fischer 3, 726, Staub-Tobler 2, 666: die bäum werden beweget, schwancken, gnappen arbores nutant Dasypodius dict. (1536) 152a. sonst:

do warent auch perckhern und knapen,
den 's leder auff dem ars tut gnapen
Thurneyszer archidoxa (1575) 51b.

redensartlich schlagen, dasz die gippen (jacken) gnappen u. ä.:

den fynd könend sy erschnappen,
schlond drin, das ihn ghippen gnappen
Val. Boltz in: schweiz. schausp. d. 16. jh. 2, 166 Bächtold;

alle bauwern ..., thun euch wider zusamen ... und schlagendt den pundt (den schwäbischen bund), das ime die jup (jacke) gnopp (1525) württemberg. geschichtsqu. 20, 170; weitere belege sieh unter gippe teil 4, 1, 4, 7535 und knappen 7 b teil 5, 1346. mundartlich auszer in den oben angegebenen verwendungen auch in vielen anderen fällen, z. b. von einem lockeren nagel oder zahn, von der waage, der wiege, dem uhrpendel, von einem schief geladenen wagen, vom boden beim erdbeben, s. Staub-Tobler 2, 666 f., Fischer 3, 726, Friedli Bärndütsch 1, 333.
 
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gnapper, m. , ableitung von 2gnappen.
1) als nomen agentis.
zu gnappen A 1: gnapper 'wankender, wackelnder, langsam gehender mensch' Fischer schwäb. 3, 727; Staub-Tobler schweizer. 2, 668; gnäpper 'krummer kerl' Martin-Lienhart elsäss. 1, 265a. — zu gnappen A 2: gnapper 'hinkender' Fischer a. a. o.wohl zu gnappen A 6 'zustimmend nicken': jaherrn, pedarii senatores, gnapper, die für sich selbs kein urteil haben oder geben, sonder bleiben lassen, wie es die herrn machen schöne weise klugreden (1548) 18a. — fraglich, ob zu gnappen A 5: meszknapper Fischart Garg. 447 ndr., da Fischarts redewendung eine messe knappen vielleicht dem nl. een misken knappen wb. d. nl. taal 9, 797 nachgebildet ist, s. teil 5, 1346.
2) als nomen actionis:

so trybt sy nun die selben berden,
wann sy öflich gesehen werden
und wöllent z der kirchen gon,
den gnipper, gnapper tryben schon
Murner narrenbeschw. 2, 363 Spanier;

vgl. DWB gnappen A 1, ferner: gnapper 'nickende bewegung' Fischer a. a. o.
 
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gnappet, adj., zu 2gnappen, 'wackelig, hinkend, lahm' Staub-Tobler schweizer. 2, 667; vgl. auch knappet 'hinkend' bei Hans Sachs, s. teil 5, 1349; knapit 'hinkend' Meisinger Rappenauer ma. 74b:

(er) hette ein gar bösz schwindend bein,
daran er litt grosz wehtagen.
Peter thet ihn einmal fragen,
was ihm doch an dem beine wer,
dasz er gieng also gnappet her
A. J. Widmann Peter Leu v. 1512 Bobertag.

[Bd. 8, Sp. 623]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gnappfusz, m., zu 2gnappen A 2 'hinken' gehörig, soviel wie 'hinkebein': gnappfusz, gnappschenkel piedezoppo cioè huomo che zoppica Kramer teutsch-ital. 1 (1700) 545c; limping man Ludwig teutsch-engl. (1716) 797. als bezeichnung eines sprunges: (er) sprang ... nit mit trei passen ein sprung, nit des hinckebincke knapfusz ... noch des böhmischen sprungs ...: dann sein abrichter ... sagt, solche sprüng weren nichts werd noch etwas nutz im krieg Fischart Gargantua 281 ndr.
 
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gnappschenkel, m., s. unter gnappfusz.
 
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gnapsen, vb., s. unter 1gnappen 2. —
 
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gnapsen, gnäpsen, vb., s. 2gnappen unter herkunft, verbreitung und form 4 sp. 618.
 
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gnapzwarg, m., die verhochdeutsche form von gnaptwarg (pl. -twerge), eine art harter, kleiner käse, dasselbe wie das im östl. nd. gebräuchliche knappkäse teil 5, 1349f., vgl. Frischbier preusz. wb. 1, 162a und 387a und teil 7, 2316 s. v. quark, quarg: gab man ihm (dem tagelöhner) gnapzwerge oder sonstt herde kese Grunau preusz. chron. 3, 301;

sie hetten gar kein krauth noch loht,
auch sagten sie, zu mehrem spott,
mitt gnapthwergen werden sie schiessn,
gahr kein spotten sie unterliessn
M. Frydwalt apweichunge der lande Preuszen (1578) D d 4b.


 
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gnären, vb., s. u. DWB gnerren.
 
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gnarre, f., s. DWB knarre 1.
 
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gnarren, vb. , knarren, knirschen; knurren, murren, verdrieszlich sein. wesentlich nd. nebenform von knarren (teil 5, 1353) und narren (teil 7, 368). zur verbreitung des wortes vgl. veraltetes neunl. gnarren wb. d. nl. taal 5, 174, engl. gnar (vom ausgang des 15. jh. an bezeugt, heute üblicher gnarl) Murray 4, 2, 244a neben narr (seit anfang des 16. jh., jetzt nur mundartlich) ebda 6, 3, 22; mittelschwed. und schwed. mundartl. gnarra 'murren' und ableitungen Alf Torp nynorsk etym. ordb. 171a. gegenüber den auch im nd. begegnenden formen knarren und narren (beide seit dem 15. jh.) ist gnarren sicher bereits seit dem 14. jh. bezeugt bei Nicolaus v. Jeroschin und Claus Cranc, s. u.; auf höheres alter wird das in der schwäb. prosaauflösung des Münchener Oswald (v. j. 1480) vorkommende gnarren (s. u.) weisen, das vermutlich dem mfrk. archetyp aus der zeit um 1170 entstammt und an dessen stelle in den übrigen handschriften eine form von grinen steht, s. die ausgabe von Baesecke v. 1967. wie die lautvarianten zeigen, ist das wort ursprünglich lautnachahmend, vgl. noch gnerren (knerren, nerren), gnirren (knirren), gnorren (knorren), gnörren (knörren), gnurren (knurren) sowie garren (girren, gurren), karren (kerren, kirren, kurren), quarren, marren u. ä.
1) ein knarrendes geräusch machen, von verschiedenen gegenständen, vgl. DWB knarren I 1 (a): gnarren 'knarren' brem.-ndsächs. wb. 2, 522, Teuchert neumärk. wortschatz 156; von der tür Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 645b; Schambach Göttingen 65b; vom wagen Mensing schlesw.-holst. 2, 408.
2) mit den zähnen knirschen, vgl. DWB knarren II 2: (das über Israel kommende heidnische volk) wirt brimmen als einis lewen welf. iz wirt gnarren und halden daz az (frendet et tenebit praedam Jes. 5, 29) Claus Cranc prophetenübersetzung 13 Ziesemer.
3) knurren, bes. von hunden, wie knarren II 3, narren, nl. gnarren und engl. gnar, narr, die zufrühest und in älterer zeit am häufigsten belegte bedeutung, s. Schiller-Lübben 2, 125b (fürs 15. und 16. jh.); gnarn als ein hunt ringere Diefenbach gl. 498c (aus einem md. vocabular des 15. jh.):

dô quam ob in (den leichnam des verräterischen herrn)
dâ beiz er în mit grimme sîn rudde ...
in grêzlîchir stimme,
vast allumme gnarrinde
und doch dî wîle zarrinde
des vleischis von dem lîbe gnûc
Nicolaus v. Jeroschin kronike von Pruzinlant 18472 Strehlke;

vgl. DWB gnarren (von hunden) als nd. variante zu grînen in der Magdeburger papierhandschr. (Q) des Freidank 138, 14

[Bd. 8, Sp. 624]


W. Grimm; vgl. auch angnarren: welchem hunde ich sin spyse name, der gnarret mich jemerlich an schwäb. prosaauflösung des Münchener Oswald (1480) in: Germania 21, 180 (vgl. dazu oben);

zuletzt warff er (der dorfhund) sich rundt umbher,
weiszt in die zehn, thet weydlich gnarren
Burkhard Waldis Esopus 1, 254 Kurz;

ein zahnfletschender köter, der lieber gnarrt, als beiszt J. H. Voss Shakespeare (1818) 2, 640. mundartlich: gnarren 'von hunden, die beiszen wollen' Mensing schlesw.-holst. 2, 408; Richey Hamburg (1743) 76.
in vergleichen, an die sich offenbar der gebrauch von gnarren 4 anschlieszt: in dem zesten older (im greisenalter) is de mynsche ghelikent eynem hunde, dede dar gnarret Loccumer bibl. erzählungen (mitte d. 15. jh., hsl.) bei Schiller-Lübben 2, 125a; die weil man mich einem hunde vergleichet, ... wolan, so wil ich auch als ein rechter rasender, toller hund also gnarren, beiszen und bellen Cyriacus Spangenberg mansfeld. chronica (1572) 167a; ihr laszt Agesilaos und Epaminondas im schlamm sich wälzen, ... indesz ein geweiheter dieb zur wohnung der seligen gelangte, so gnarrte der hund Diogenes J. H. Voss antisymbolik (1824) 2, 415.
selten von anderen tieren (vgl. unter knarren II 3): skrzeczeć klingeln, gnarren wie ein vogel Bandtke poln.-deutsch. wb. (1806) 2, 1350a.
4) murren, verdrieszlich sein, unaufhörlich klagen, wimmern, insbes. von kleinen kindern, wie knarren seit dem 17. jh. belegbar: gnarren petulanter plorare Schottel haubtsprache (1663) 1328; in den mundartenwbb. des Rheinlands und Westfalens nicht verzeichnet, sonst allgemein nd., vgl. auch DWB knarren II 5, ferner mschwed., schwed. mundartliches gnarra 'murren' und nordengl. gnar 'quarrel' unter knarren II 5. vereinzelt in schriftsprachlicher verwendung ohne den abschätzigen beiklang: wenn er (der neugeborene) an den vollen brüsten seiner mutter liegt und zufriedenheit gnarrt J. H. Voss an Gleim 2 (1830) 263.