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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
er bis erabschneidlich (Bd. 3, Sp. 692 bis 694)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) er , eine ableitung für nomina, verba und partikeln, die gewöhnlich auf ahd. ar, selten auf ir und ur zurückgeht, ir noch im umlaut, wo er stattfinden kann, nachwirkend.
1) m. acker, anger, anker, ärger, bruder, eber, eifer, eiter, finger, geifer, hader, hammer, hunger, jammer, kaiser, marder, schimmer, schlummer, schwager, sommer, splitter, vater, widder, winter, wucher, zauber, zucker.
2) f. ader, feder, leiter, mutter, schulter, schwester, tochter.
3) n. alter, fuder, futter, gitter, kupfer, laster, leder, luder, messer, mieder, opfer, pflaster, ruder, silber, ufer, wasser, wunder, zimmer.
4) ursprünglich schwache m. haber, gevatter, käfer, vetter, zunder.
5) ursprünglich schwache f. ammer, auster, blatter, elster, halfter, kammer, natter, schwieger.
6) adj. ander, bitter, euer, finster, hager, heiser, heiter, lauter, lecker, mager, munter, sauber, sicher, unser, wacker.
7) verba, ackern, ändern, ankern, verbittern, dämmern, eifern, eitern, fiedern, fingern, verfinstern, fordern, füttern, gagern, hadern, hämmern, erheitern, hindern, hungern, jammern, klimpern, lästern, läutern, abmagern, martern, ermuntern, opfern, plaudern, rudern, säubern, schimmern, schlummern, versilbern, zersplittern, wandern, wittern, wundern, zaubern, zimmern, zittern.
8) partikeln wie aber, nieder, ober, unter u. a. m.
 
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er, goth. areis, ahd. âri, mhd. ære, eine ableitung für endlose reihen von substantiven, welchen bald andere einfache substantiva, bald verba zum grunde liegen; im letzten, heute dem häufigsten fall entspringen nomina agentis ganz mit den im verbum selbst enthaltnen begriffen: finder, reiter, schreiber. es kann hier nicht auf erörterung dieser wörter, die manche schwierigkeit darbieten, abgesehen sein, nur das sei hervorgehoben, dasz sie auch aus namen von ländern, städten und dörfern gebildet werden und dann sehr oft im gen. pl. neben andern subst. erscheinen, in der älteren sprache bald vorausgehend bald nachfolgend, so z. b. sagte man zehen Regensburger schillinge oder zehen schillinge Regensburger, d. i. wie die Regensburger sie schlagen lieszen. sprachunkundige halten

[Bd. 3, Sp. 693]


nun solche genitive, die überall unverändert stehn, ahd. Reganespurgârô, mhd. Regenesburgære lauten, für adjectiva und schreiben nürnberger waaren, frankfurter geld, als sei das hier auslautende er adjectivische bildung oder flexion, was ganz ohne sinn ist.
 
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er , in unsrer deutschen adjectivflexion, geht, während die beiden vorigen er auch gothischem R entsprechen, auf gothisches S und Z zurück.
1) im nom. sg. m. blinder, guter steht es zur seite des goth. blinds, gôds, lat. caecus, bonus, gr. τυφλός, ἀγαθός, lit. aklas, géras. anstand macht das ahd. plintêr, kuotêr, dessen langer vocal von dem kurzen, goth. sogar ausfallenden vocal der übrigen abweicht. sucht man in dieser flexion das einverleibte pronomen er, goth. is, wie im n. blindes, ahd. plintaʒ, goth. blindata unverkennbar das analoge es, ahd. ëʒ, goth. ita steckt, so zeigen sämtliche pronomina gleichfalls kurzen vocal. dies ahd. plintêr, gegenüber goth. blinds, zu erklären ist bisher noch nicht gelungen, doch ähnlich schiene ihm auch plintiu, mhd. blindiu neben goth. blinda. mehr anderswo.
2) der gen. sg. f. blinder, ahd. plintêrâ, goth. blindaizôs vergleicht sich dem pronominalen irâ, goth. izôs und das êr in plintêrâ liesze sich zu dem im nom. m. plintêr halten, obschon dem goth. blindaizôs kein blindais, sondern blinds zur seite steht.
3) der dat. sg. f. blinder, ahd. plintêru entspricht wiederum dem pron. iru, goth. izai, wovon sich das goth. adj. blindai, gôdai bedeutsam entfernt. eine vermutung über dieses blindai habe ich Germ. 3, 153 aufgestellt.
4) der gen. pl. aller drei geschlechter blinder, ahd. plintêrô ist wie irô. goth. aber unterscheiden sich blindaizê blindaizô blindaizê ganz wie izê izô izê.
 
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er in unserm pl. häuser, lämmer ist keine flexion, sondern eine paragoge, welcher die flexion noch hinzutritt, daher der dat. pl. häusern, lämmern, ahd. hûsirum, lempirum lautet. ein solches paragogisches is bietet sich im gothischen nicht dar, vermuten liesze sich husiza, lambiza, im dat. husizam, lambizam. oberdeutsche mundarten hängen das er manchmal schon dem sg. an: air, aier für ei.
 
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er in unsern comparativen blinder, minder lautet ahd. sowol plintôro als minniro, goth. blindôza, minniza und nicht anders zeigen es die adverbia. der ursprüngliche character des R in er ist also auch hier S, wie sich aus den anschlieszenden superlativformen blindest, mindest bestätigt. in er = eher, ahd. mhd. êr, goth. air kann R nicht comparativisch sein, wol aber das S in airis (oben sp. 47), wie es im spruche heiszt: eiris sâʒun idisî.
 
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er, gekürzt aus oder, einem vorangehenden nomen angelehnt, wurde sp. 114 besprochen. es liesze sich eine menge von beispielen sowol zu dem vollen oder, als zu der kürzung nachtragen: ein tanz oder zween. Galmy 138; ein rath oder drei. 166; ein jar oder zwei. 183. 200; ein monat oder zween. 196; ein pferd oder zwei hundert. Schade pasq. 3, 109; ein silbern heiligen oder zwen. 3, 110; ein tausent Schweizer oder sechs. 3, 82; ein guldin oder hundert. 3, 217; mit einem guldin oder zehen. Frank weltb. 130a; gestunt ein wochen oder vier. Schreiber bundschuh 100; ein licht oder zwei ausblasen. Felsenb. 4, 213;

ein eier oder drei, die jetzt erst sein geleget.
Opitz ruhe des gem. 402,

wo eier der vorhin angeführte sg. ist. durch diese oder werden die gekürzten er desto sicherer: ein wochener drei; ein meilener sechs;

ein schocker dreiszig.
Gökingk 3, 83;

merkwürdig im Froschmeuseler F 8b:

nam von den buchnüszlein einer drei,

d. i. eine oder drei.
 
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er , die partikel, goth. us, ahd. ar, ir, ur war noch eine lebendige, trennbare praeposition, muste aber schon mhd. dem ûʒ wie nhd. dem aus weichen (1, 817), hat jedoch in ihrem fortdauernden untrennbaren zustand einen groszen umfang behauptet. zusammensetzungen mit dem nomen halten das alte ur fest (gramm. 2, 787—790), die mit dem verbum zeigen nur geschwächtes er (gramm. 2, 827—832), von welchem er hier allein gehandelt wird. nicht zu übersehen das ags. â in âbiterian, âbîdan, âbeodan = ahd. irpitaran, irpîtan, irpiotan. einige mundarten gewähren der für er (2, 1011. gramm. 2, 819). den ursprung der partikel und ihre berührung mit verwandten sprachen bespreche ich unter ur.

[Bd. 3, Sp. 694]



seinem begriffe nach ist in er die vorstellung von aus und aufaus, ein vorgehen von innen her gelegen, daher sich auch auf und er verstärkend knüpfen.
1) intransitiva: erstehen, erwachen, erwachsen, erscheinen, erblühen, erglühen, erschrecken, erzittern, erbeben, erklingen, erschallen, ersterben, erlachen, erlöschen, erfolgen. zumal mit dem begriffe des werdens: eralten, erbleichen, erblassen, ergrünen, erschwarzen, erkalten, erwarmen, ersauern, erweichen, ermatten, erschlaffen, erstarken, erfaulen, ertrocknen, erblinden, erstummen, erlahmen, erstarren, ersaufen.
2) transitiva: erachten, erdenken, ersinnen, erfinden, erbitten, erbetteln, erbrechen, eröfnen, erbieten, erholen, erfassen, ergreifen, ersehen, erwarten, erfrischen, erquicken, erhitzen, erkühlen, erheben, erhöhen, erniedrigen, erhellen, erleuchten, erlesen, erkiesen, erwählen, erlangen, erreichen, erobern, errathen, erwerben, ersingen, ertanzen, erfliegen, erringen, erlösen, erfragen, erspüren, ersetzen, erlassen, ersteigen, erschreien, erschüttern, erschwingen, erörtern, erübrigen, erledigen. in diesem er liegt die von innen auf einen äuszern gegenstand gehende wirkung. neben intransitiven stehen transitiva: erkalten und erkälten, erweichen molliri und erweichen mollire, erwarmen und erwärmen.
3) berührung mit ent, gegen. dem erspringen, erstehen nährt sich entspringen, entstehen, dem erwachen, erblühen, entwachen, entblühen, doch von entledigen, entübrigen suchten wir erledigen, erübrigen zu unterscheiden, auch entlassen steht ab von erlassen. in entfliegen, entgehen, entsetzen liegt ein dem erfliegen, ergehen, ersetzen fremder privativbegrif.
4) auch von ver unterscheidet sich er. man sagt erhellen, erleuchten, aber verdunkeln, verfinstern, ver drückt das schlechte, misrathene aus. dem erbieten ist verbieten, dem ertanzen vertanzen, dem erbitten verbitten, dem ersehen versehen entgegengestellt. doch liegt erfaulen, erkälten, erspüren nahe an verfaulen, verkälten, verspüren, eralten, erarmen nahe an veralten, verarmen, und zwischen der älteren und neueren sprache mögen beide partikeln oft wechseln, unser heutiges vergessen hiesz mhd. ergëʒʒen.
5) nach Adelung wäre erbauen, erlesen, erlöschen edler als aufbauen, auslesen, auslöschen; es liegt aber für uns in dem er eine gröszere abstraction und die zusammensetzungen mit auf oder aus klingen sinnlicher.
6) unsere composita mit ent waren minder reich ausgestattet als die niederländischen mit ont; dafür steht die nnl. sprache gegen uns zurück in denen mit er, sie besitzt nur wenige und mischt es noch mit her.
 
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erab, deorsum, herab: anno 1493 do hatten di elstern ein nest gemacht zu Erfort in der prediger kloster in deme cruczegange uf einem boume. die monche zubrochen das nest alle zu mole, do machten di elstern ein ander nest uf den knouf des tormes ... die monche bestatten so fele, das si einen ebenturerman (waghals) erforsten und worden mit deme eins, was er nemen wolde und wolde uf den torm stige bi den knouf und wolde das nest er abe nemen. Stolle thür. chr. s. 186; denn werden zu mir erab komen alle diese deine knechte und mir zu fuszen fallen. 2 Mos. 11, 8; wenn er nu wider erab gieng, so recket er seine hand aus. Sir. 50, 22.
 
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erabenteuern, audere: ihre vorzüge sind erabenteuert (avanturiert). Hippel 6, 105.
 
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eraber, was erab:

wenn ich denn schon eraber fiel,
was kan mir das geschaden viel?
Alberus controfactur B 1b.


 
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erabschneidlich, nicht herabschneidlich, sondern ehrabschneidlich, nach sp. 53 = ehrabschneidig. erabschneidliche wort. Keisersberg s. d. m. 50b; ein mensch, das do understot ein gt leben z uberkummen und z füren und got anhebt ernstlich z dienen und es zücht sich ab von bösen erabschnidlichen worten. bilger 76a.