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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fichte bis fichtenbewachsen (Bd. 3, Sp. 1612 bis 1615)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fichte, f. pinus abies, pinus picea, wieder ein ausschlieszend hd. wort, denn nichts ähnliches findet sich nd. nl. ags. fries. nord.; leider entgeht die goth. form. ahd. fiuhtâ, feohtâ, fiehtâ, schlechte schreibung verrückt das ht in th, fiutha, fietha; den ausdruck sichern zumal alte ortsnamen, wie sie Förstemann 2, 504. 505 anführt, dessen ableitung von fiuhti, humidus zu verwerfen ist, was schon die analogie der auch mit tannâ gebildeten namen lehrt: dem Fiohtpah, Fiohtchirichâ zur seite stehen Tanpah, Tanchirichâ. mhd. viehte:

ûf daʒ hûs in einen palas
vuorte dër wirt sînen gast,
dâ deheines râtes gebrast,
ze einem viure liehten,
daʒ ime von dürren vienten
ar ûf was enbrant. krone 6922;

[Bd. 3, Sp. 1613]



grüene viehten und grüene tannen
in dürren welden sul wir dën mannen
und ouch dën reinen frouwen gelîchen,
die wir sëhen tugentlîchen
grüenen bî dën, die zühte und êren
niht ahtent und aleine sich kêren
an dirre dürren wërlte unstæte,
diu sëlten grüenet in tugende wæte. Renner 15090;

ein erle schône bî waʒʒer stêt (sp. 894),
in garten schône ein viehte ûf gêt,
eichîn loup ziert grüenen walt,
ûf bërgen ein tanne ist wol gestalt. 17335;

swenne ein fuhs biʒ in dën tôt
siech wirt, sô büeʒet im die nôt
viehten zaher, dën ër slindet
und sîn nôt gar überwindet. 19344;

vulpis haiʒt ain fuhs. der hât die art, wenne eʒ im umb daʒ leben gêt von siechtum, sam Ambrosius spricht, sô suocht er ain viehten und iʒt des harzes, daʒ ab dem stammen vleuʒt, und macht sich alsô gesunt. Megenberg 163, 17.
fiechte schreibt Dasypodius 183c. 327b, füchten Frisius 6a, 1006a, Maaler 145a, ficht, feuchte, füchten Henisch 1092, 37, fichte Stieler 481 und so die späteren. unter den idiotiken feichte Höfer 1, 204. 3, 255, feichten, fiechten Schmeller 1, 509. feichte : fiuchte könnte sich verhalten, wie oft ei : iu. bei Stalder, Tobler, Schmid mangelt das wort, musz also heute in der Schweiz und in Schwaben unbekannt sein, wie es auch schon mhd. bei den dichtern dieser gegenden nicht begegnet. im nhd. fichte ist, wie in licht und a. m. der diphth. ie schädlich verwischt.
hervorragend sind die urverwandtschaften. gr. bieten sich zwei ausdrücke dar, πεύκη und πίτυς, die man leicht einigt: dem jüngern πίτυς scheint κ vor τ ausgefallen, ohne dasz dem älteren πεύκη τ nach dem κ geschwunden zu sein braucht. πίκτυς und πεύκη oder gar πεύκτη fallen aber nahe und ganz zu fiohtâ, zu einem goth. fiuhtô, wie sich vermuten liesze. eine insel unfern den Donaumündungen hiesz Πεύκη, doch wol, weil sie mit fichten bewachsen war, und nach ihr ein mit den Bastarnen sich berührender volkstamm Πευκινοί, Peucini, das wäre goth. Fiuhteinai, wenn man lieber will Fiuheinai. litauisch führt die fichte den namen puszis, f., der sich genau mit einem goth. fiuhi, fiuhô ausgliche; wem es hier gothische wörter zu rathen verwegen scheint, setze dafür althochdeutsche, die schon sicherer sein mögen. die verbindung der Peukinen mit Geten und Gothen lenkt aber das auge eben dahin. da so viel ortsnamen aus fichte gebildet sind, kann sich unter verwandten stämmen auch die benennung Fichtelwälder, Fichtelberger wiederholt haben.
dem lat. pīnus gebricht der kehllaut, ihm wird also ein picnus, picinus vorangegangen sein, wie dem lumen ein lucmen, dem luna lucina, dem deni deceni, dem Dani Dacini (GDS. 192), picinus führt aber auf pix und auf den grund des namens. pinus ist die harz ausschwitzende picea und pix ist πίσσα, πίττα, wofür man deutsches fih, fëh erwartet und ein unverschobnes, später entlehntes pech findet. it. steht dem baum picea das harz pece, fr. dem pesse die poix zur seite. engl. entsprang erst späterhin aus pitch der name pitchtree, pechbaum für fichte. bedeutsamer scheint das russ. pichta, wurde es aus unserm fichte erborgt? die übrigen sl. sprachen haben es nicht.
allerdings klingt nun feucht, humidus an fichte an, obschon ahd. fûht, fiuhti immer noch geschieden ist von fiohtâ und auch bei Frisius und Maaler feücht von füchten. da aber auch in feucht berührung mit feuer gespürt wurde (sp. 1581), mag selbst ein bezug zwischen fichte und fohre, föhre, das vorhin in der gestalt von feure auftrat (sp. 1609), sich geltend machen und einen tieferen blick in die wurzel beider wörter gestatten. man sehe fohre.
fichte, fohre und tanne werden auch in der anschau oft verwechselt. Megenberg sagt 314, 9: du scholt auch wiʒʒen, daʒ die maister in der natur vörhein holz und viechtein holz alleʒ tannen haiʒent mit dem gemainen namen abies, aber sie sprechent, daʒ diu recht tann under den drein die alleredelst sei, wan diu hat daʒ allerweiʒist und daʒ allerlüftigst holz. daʒ viechtein holz ist ain tail rœter und der viechten pleter sint nicht so smal sam diu tannenpleter, aber vörheinʒ holz ist voller kiens und da macht man liecht auʒ. die drei paum haiʒent ze latein nach enander abies alba, abies citrina, abies resinosa. und 339, 2 von der viechten: den paum haiʒent etleich piceam, dar umb daʒ harz dar auʒ switzet ... iedoch spricht ich, daʒ picea ain vorch haiʒ und pinus ain viecht und abies ain tann.unter diesen drei bäumen wächst die fichte am höchsten, hat schmale, steife, stechende, vierseitige nadeln, ihre zapfen hängen nieder. die nadeln der tanne sind zweiseitig und platt, ihre zapfen aufwärts stehend. die föhre (kiefer, kienbaum)

[Bd. 3, Sp. 1614]


erreicht nicht die höhe und geradheit der fichte und tanne, ihre nadeln sind länger und sprieszen kreisförmig an den zweigen. die tanne heiszt weisztanne, weil ihr holz weisz, die fichte rothtanne, weil ihr holz röthlich ist. jungen fichten, die nicht dicht stehn, schadet der sich dick anhängende duft, vgl. DWB duft 6 und duftbruch.

hoch wehn die schwanken fichten
und stöhnen seufzerlaut.
Salis 79;

sie (Cybele) spricht: gebt mir den baum, der ohne breite blätter
dem alten winter trotzt, die immer grüne fichte.
Gleim fabeln 2 (Berlin 1757) s. 34.


ein altes, seinem ursprung nach dunkles sprichwort lautet 'einen um, an hinter die fichte führen' für betriegen, fallere, vorstellungen, die schon in dem bloszen anführen, hintergehen, circumducere, circumvenire gelegen sind. was die fichte besonders dabei zu schaffen hat, müste uns erst eine volkssage erklären. denken dürfte man an die myth. 1153 angeführte fabel, wo aber ein spindelbaum, keine fichte genannt ist. der mythos von Atys und Kybele kann nicht in betracht kommen. hier sind zeugen: denn der böse teufel kan auch gute wort und mit schönen scheinen seine böse sachen fürgeben, wie er Eva das hälmlein durch ihren mund zog und sie mit scheinlichen und gelehrten worten umb die fichte führete. Mathesius historien von Luther. 1592 (vorher 1570. 1576. 1580. 1583) s. 141a; wie der Dalila lippen, die süszer waren denn hönigsam, den thewren held Simson umb die fichte füret. Mathesius vom ehestand und hauswesen. Nürnberg 1563 Gb; so wolte nun auch der könig den orden der unkosten halben um die fichten führen. Schütz beschr. von Pr. s. 55; umb die fichten geführt, über den tölpel geworfen werden. Henisch 1092, 49; denn ja dises ein artiger weiberlist gewesen, dasz dieses weib ihrem mann verdeckter weise anzeigt, dasz das kind nicht sein sei, und ihn doch umb die fichten führet, dasz er den bossen nicht merket. Sandrub s. 30 (wo doch die fabel nichts von der fichte hat);

wir wolten bald ihn üm die fichten führen,
wie keck und klug er sei.
Filidor Wittekinden C 2b;

weils doch ein narr ist in der haut
und er so gerne hett ein braut,
so schadete es ihm gar nicht,
das man ihn führte umb die ficht. herz.
Heinr. Jul. 718;

damit wird er nu wol vexirt
und weidlich umb die ficht geführt. 732;

die hofnung führt ihn dort im elend um die fichte.
Günther 570.

Stieler 481, Frisch 1, 265a geben die redensart noch beide, sie lebt auch unverstanden unter dem volk fort. man hört auch: in die fichten gehen, verloren gehn, wegkommen.
 
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fichtelberg, m. mons pinifer, ein gipfel des erzgebirges, gebildet wie Heidelberg, kindelbett u. s. w. die ältere gestalt des namens ist in keinen urk. aufbehalten. Schm. 1, 509.
 
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fichtelgebirg, n. in Franken.
 
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fichteln, palpitare, von fechten abgeleitet: dann sagst du zu viel zu und die natur mags nicht vollbringen, so zablest und fichtlest dahin, dahin du nicht kommen magst. Paracelsus chir. schr. s. 1. vgl. DWB fuchteln, aber auch ficheln.
 
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fichten, pineus, ahd. fiuhtîn, mhd. viehtîn, lit. puszinnis: viechtein holz. Megenberg 314, 10; iedoch smeckt der wein paʒ auʒ viechteim maser. 317, 4; nhd. zum pichen brauchen wir fichten, kiefern oder kinforen oder tennen harz zu pech gesotten. Mathesius 52b; fichtene rinden. Zechendorfer gebr. der ros 2, 19; sechs packentröge von fichtenem holze. Gryphius 1, 835; fichtenes laub. Lohenstein Arm. 2, 749; auch werden hier die dauben zu fichtenen fässern geschnitten. Göthe 16, 232;

erst den fichtenen mast in die mittlere höhlung des bodens
stellten sie hoch aufrichtend und banden ihn unten mit seilen. Od. 15, 288.


 
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fichtenapfel, m. strobilus, fichtenzapfe.
 
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fichtenast, m. ramus pini:

doch als er etwas zu sich selbst gekommen,
fällt er mit einem fichtenast ihn an.
Gries Bojardo 1, 1, 48.


 
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fichtenbaum, m.

drängt euch um mich her, ihr fichtenbäume,
hüllt mich ein, wie eine tiefe gruft!
Tiedge elegieen 1, 73;

ein fichtenbaum steht einsam
im norden auf kahler höh.
Heine ged. 137.


 
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fichtenberg, m. mons pinifer: auf dem rücken von schwarzen fichtenbergen. Göthe ...;

als plötzlich überm fichtenberg
der mond vollwangig strahlte.
Kosegarten br. od. 2, 169.

[Bd. 3, Sp. 1615]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fichtenbekränzt, pinifer:

fichtenbekränzt hat ihn, der in einsamer grotte gestreckt lag,
Mänalus, ihn auch beweint das geklipp des kalten Lycäus. Virgils idyllen 10, 14.


 
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fichtenbewachsen, πευκήεις,

Lynkeus jetzo bemerkt ein fichtenbewachsenes eiland
mit fernschauendem blick. Orpheus Arg. 1188.