Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wendisch bis wendstätte (Bd. 28, Sp. 1810 bis 1814)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wendisch, adj. , mnd. wendisch Schiller-Lübben 5, 669; mndl. wendisc, wendsk, wensc, weensc (neben

[Bd. 28, Sp. 1811]


windisc) Verwijs-Verdam 9, 2148; ne. wendish Murray 10, 2, 2, 317; schwed. vendisk Auerbach 1424; dän. vendisk ordbog over det danske sprog 26 (1952) 1120. — im hd. wie 2Wende (s. dort) seit dem 15. jh. geläufig; älteres windisch (s. teil 14, 2, 309) zurückdrängend, doch bleibt dieses in ortsnamen und mundartlichbesonders im süden des dt. sprachgebietesbis in die gegenwart erhalten.
1) 'slavisch' (vgl. windisch 3 teil 14, 2, 309; slauicus windischer [12. jh.] ahd. gl. 3, 429, 27 St.-S.; Sclauui windesche populus [anf. 15. jh.] Diefenbach nov. gl. 331a), zu 2Wende 1.
a) besonders 'den slavischen bevölkerungsteilen in Ostdeutschland zugehörig', in älteren quellen meist im gegensatz zu 'deutsch': dat he sy boren echte vnde rechte, dudesch vnde nicht wendesch (vor 1425) Lübeck. zunftrollen 320 Wehrmann, s. auch ebda. (1500) 398; (1502) 404; (1507) 199; (1508) 259; in dem ersten (geburtsbrief) nennet man ... die zeugen, welche für uns erschienen und eydlich ausgesaget, was gestalt N. N. aus einem untadelhafften ehe-bette und von eltern guten und ehrlichen geschlechtes und keiner wendischen art oder zungen gezeuget gebohren sey Neukirch anweisg. z. teutschen briefen (1709) 482; ... was ... meine ... Schorlemmer in feuer und flamme über die unausrottbarkeit wendischen aberglaubens brachte Fontane ges. w. (1905) I 2, 318; im modernen sprachgebrauch, der entwicklung des substantivs entsprechend (vgl. 2Wende 1) 'sorbisch': denn jeden abend (anf. 1945 in dem wendischen dorf Piskowitz bei Kamenz) war das, was wir die wendische spinnstube nannten, und worin eingeführt zu sein, uns als herzlichster vertrauensbeweis galt, sehr dicht besetzt V. Klemperer l. t. i. (1949) 273.
b) auf die sprache bezogen; sowohl 'slavisch': alle sprachen sind vermischt und unter einander gemenget, denn die länder sind benachbart, und eins stöszt an das ander; darum borget eins vom andern etliche wort. die böhmische sprache ist der mehrer theil wendisch Luther tischr. 1, 524 W.; als auch in neuerem gebrauch 'sorbisch': die wendische sprache hat ... beym ffentlichen gottesdienste unter den Wenden zuvrderst noch einen sehr groszen nutzen ..., denn es ja noch viele und alte Wenden giebt, die, wie die jngern, kein wort deutsch knnen, noch verstehen G. Körner abh. v. d. wendischen spr. (1766) 20; die wendische sprache, wie sie dermalen besteht, zerfällt in mehrere dialekte und zwar zunächst in zwei hauptdialekte, nämlich 1) den Oberlausitzer ..., meist der Bautzner (Budissiner) dialekt genannt ... 2) der [!] Niederlausitzer, — dem wieder der Cottbusser und der von Ruhland untergeordnet sind C. Bose wendisch-dt. hdwb. (1840) viii; da war die heiligenecke, ihr gekreuzigter war (wie fast alle kruzifixe an den dorfstraszen) wendisch beschriftet, und ebenso lag dort eine wendische bibel V. Klemperer l. t. i. (1949) 272; mitunter zur charakterisierung einer undeutschen, unverständlichen sprechweise schlechthin:

kanme nicht bedüden di?
lövestu, wer ik wendesch si?
('kann man sich dir nicht verständlich machen? glaubst du,
dasz ich fremdsprachig sei?' sagt Lucifer zu Satan) (1464) Redentiner osterspiel 1121 Krogmann;

es fiel fur, dasz man redete, wie jtzund gar gut studiren wäre, denn vor zeiten gewest, da die furtrefflichsten doctores auch nicht eine lateinische oration hätten können recht recitiren, schweige denn selbs machen und stellen; sondern es waren dazumal eitel undeutsche, wendische worte im latein erdacht; denn es war einer gewest, ein doctor, der ihm einen andern hatte lassen ein oration schmieden und machen; da er sie nu offentlich sollte lesen, verstund er sie nicht Luther tischr. 2, 591 W.; (deshalb) habe ich ... mssen ... so bse wendisch oder denisch deudsch reden ders., bücher u. schr. 8 (Jena 1568) 114b; vgl. dazu in moderner ma.: wend(i)schen unverständlich sprechen: was wend'schte denn? Müller-Fraureuth obersächs. 2, 655a.

[Bd. 28, Sp. 1812]



c) in geographischen bezeichnungen.
α) schon früh in der verbindung wendische städte 'gemeinsamer name der mit Lübeck eng verbündeten Hansestädte von der Niederelbe bis zur Peene. die bedeutendsten waren Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald. die gesamtheit der w. s. bildete das Wendische Drittel (später Viertel) der Hanse' d. gr. Brockhaus 20 (1935) 223; 'ciuitates Slauie Lubec, Rostoc, Wismer, Stralesunt, Gripewolt' (1285) Lübeck. urk.-b. 2, 48 (vgl. mndl. de wensche steden Verwijs-Verdam 9, 2148): wy olderlude vnde geswornnen mestere der ampte der smede der sosz wendesschen stede, alse Lubeke, Hamborch, Rostock, Stralessundt, Wysmar vnde Luneborch (23. 5. 1494) Lübeck. zunftrollen 446 Wehrmann; so scholen thom elfften ock de goldtschmede gudt sulver na ludt der soss wendischen stede bewilligung, nomlichen tho vertein lodig, vorarbeiden (1599) Hamburg. zunftrollen 102 Rüdiger; wendische stdte ... so bey Lbek her an der see lagen Frisch t.-lat. (1741) 2, 440; von den wendischen städten empfingen die Niederlande einen theil des levantischen handels, der damals (vor den kreuzzügen) noch aus dem Schwarzen Meere durch das Russische Reich nach der Ostsee gieng. als dieser im dreizehnten jahrhundert zu sinken anfieng ... Schiller 7, 35 G.
β) wendisches land (vgl. Windischland teil 14, 2, 309 s. v. windisch 3, ferner Wend[en]land: das land, darinn Lubeck ist gelegen, hat man vormals Vandaliam, das ist Wendland geheissen, vnd hat sich ungefehrlich gestrecket von Magdeburgk an, wente ['bis'] an Preussen Hans Regkman Lübeck. chron. [1619] 2a; Wentlant is twigerleige alse groten Wenden: Polen ... [bis] Dalmatien; lutken Wenden: ... [liegt] in dem ende der Sassen na dem Belt dar de stede Lubke, Hamburg, Sleswig, Swerin und Sunde, Wismer, Rostok, Luneborch qu. bei Frisch t.-lat. [1741] 2, 440): wendesz lant Sclauonia (nrh., 1472) Diefenbach gl. 519; dasz wendische lant Sclaphonia (md., 15. jh.) ebda.; wendisch landt Sclauia est quedam prouincia vel Sclauonia melius voc. inc. teut. (Speyer 1485) nn 7a; im wendischen lande schneiden sie solche keimlein (beim hopfen) vom stock abe und heufeln die erde auf die keimlein, wo sie ausschlagen, und zihen also ihren hopfen in gerten und im felde furder (1569-70) haushaltung in vorwerken 135 Ermisch-Wuttke; so noch von Ludwig gebucht: das wendische land Vandalia t.-engl. (1716) 2448 (vgl. Aler dict. [1727] 2, 2176a: Wenden, ein land Vandalia). bei Luther entsprechend seinem gebrauch von 2Wende (s. dort unter 1 u. vgl. Weimarer ausg. 34, 2, 610) für 'Kursachsen': hie yn disem wendischen lande nemo bene laborat, niemandt kan seyn ecker recht bawen, keyner gan dem andern guts und niemandt wyl das landt recht bawen 34, 1, 573 W.in verkürzter form auch das wendische: der ehemahlige geheime hoff-cammer-rath von Luben, erfinder der erbpacht, welcher sich seiter deszen disgrace theils in Holland theils in Wien aufgehalten, ist ohnlengst nach dem wendischen kommen, wo seine frau auf einem geringen guhte lebet (1715) Berliner geschrieb. zeit. 258 Friedländer; in moderner ma.: ei's winsche ins wendische, in die Wendei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 655a.
γ) wendische mark (vgl. Windischmark, die windische mark teil 6, 1635 s. v. mark, zu den dortigen belegen ergänzend: wir Carl der fünft, von gottes genaden römischer kaiser ... herr in Frislandt und uf der windischen mark Zimmer. chron. 23, 207 Barack; ähnlich absch. d. reichstags zu Augsburg [1555] 1a) 'Vandalia' Ludwig t.-engl. (1716) 2448.
δ) in ortsnamen: Wendisch Bleckede, Wendisch Luppa, Wendisch Rietz u. a., s. ortsbuch (71930) 1237f.
d) als münzname findet sich wendische mark eine halbe mark, wendischer pfenning ein halber pfenning brandenburgisch (Brinckmeier gloss. dipl. 2 [1863] 726b): wendische mark, wendische pfenning machten zwey einen brandenburgischen pfenning, also zwey mark

[Bd. 28, Sp. 1813]


wendisch, ein mark brandenburgisch, wie es alle jahr gefallen oder gestiegen ... die wendischen pfenning hiessen in den diplomatibus denarii slavicales Frisch t.-lat. (1741) 2, 440a; (die mark) ist nicht aller orten gleich schwer. die troische ist schwerer als die wendische. die wendische schwerer als die nürnbergische, und diese schwerer als die Augspurger. die augspurgische aber wieder schwerer als die köllnische ... die köllnische aber ist die gemeinste Jacobsson technol. wb. 3 (1783) 22a.
e) in der sprache des bauhandwerks: wendischer verband eine besondere art des backsteinverbands, s. Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 7, 913 u. 1, 673f.
2) 'vandalisch', zu 2Wende 2: wendisch ... venedicus, vandalicus Steinbach 2 (1734) 972; wendisch ... de Vandale, en Vandale Schwan nouv. dict. 2 (1784) 1034a; hierher wohl auch: die fürnehmste sprach der Türken ist scythisch, wendisch, die braucht man zu hofe und briefe zu schreiben; darnach die arabische, die mussen sie haben um der religion willen; denn Mahomet hat arabisch geschrieben. die dritte und vierte sprach ist die griechische und lateinische, die halten sie fur barbarisch, grob und bäurisch (1530-35) Luther tischr. 1, 454 W. (vgl. die entsprechenden belege unter 2Wende 2 sowie: wenn wir es auf treu und glauben der glaubwrdigsten reisebeschreiber annehmen, so redet man auch so gar noch am trkischen hofe wendisch G. Körner abh. v. d. wendischen spr. [1766] 15).
3) pejorativ (vgl. 2Wende 3): die verfasser sind ... in ihrer unpartheylichkeit so weit gegangen, dasz sie einem Gottsched und einem Schönaich weit mehr einsicht beylegen, weit mehr gründe in den mund geben, als sie jemals gezeigt haben, und sie ihre schlechte sache weit besser vertheidigen lassen, als es von ihnen selbst zu erwarten steht. ein wie viel leichters spiel würden sie ihren widerlegungen und ihrer satyre haben machen können, wenn sie die einfalt des einen in allem ihren dictatorischen stolze und die possenreisserey des andern in aller ihrer wendischen grobheit (Schönaich stammt aus Amtitz bei Guben i. d. Niederlausitz) aufgeführet hätten (1755) Lessing s. schr. 7, 31 L.-M.; 'wendischer hund' war im dreizehnten jahrhundert das ärgste schimpfwort, welches ein germanischer Christ dem andern bieten konnte W. Raabe s. w. I 6, 189 Klemm; vereinzelt auch in der bedeutung 'barbarisch' (vgl. die entsprechenden belege unter 2Wende 3): ich weis nicht, es klingt im deutschen alles so hölzern, man kann in dieser wendischen sprache gar keinen charmanten gedanken anbringen Gellert s. schr. 3 (1784) 280. in ostmd. ma. (wohl mit hineinspielen des homonymen 1wendisch): wendsch un mucksch unsicheren zweifelhaften charakters Müller-Fraureuth obersächs. 2, 655a. das sonst zuweilen in einzelnen maa. (Müller-Fraureuth a. a. o.; Heinzerling-Reuter Siegerl. 319; Müller-Schlösser Düsseldorf 267) begegnende wen(t)sch, wendsch 'verkehrt, schief' gehört wohl als variante zu windisch, windig 'gewunden, verdreht, schief' teil 14, 2, 308.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendlein, n., wohl formvariante von quentlein (s. teil 7, 2355 sowiezur anlautvereinfachungebda. 2289): wenn man nu disz gifft reget, vnd nur ein wendlein ins wasser fellet, so steht er auff, vnd was er (der schwaden) ergreifft, das ist des tods Mathesius Sarepta (1571) 139b.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendlich, adj., vereinzelt lexikalisch bezeugt: versatilis wendelich (1420) Diefenbach nov. gl. 379b; wendig, wendbar, wendlich voltabile, volgevole, it. reggente Kramer t.-ital. 2 (1702) 1318a; wendlich (sich leicht wenden lassen) qui peut tourner ou être tourné aisément Mozin wb. d. frz. spr. 4 (1856) 1201; ähnlich im westfläm.: die jongen is niet wendelijk n'est pas gouvernable de Bo-Samyn westvlaamsch id. (1892) 1198. völlig isoliert stehen die glossierungen 'supersticiosa verba wendeliche (wohl gewundene, geschraubte) wort' Diefenbach nov. gl. 356a; spectabilis wendelich (15. jh., md.) ders., gloss. 545b, wo wohl mit fehlerhafter entstellung zu rechnen ist; s. ferner unter wandelig teil 13, 1580f.

[Bd. 28, Sp. 1814]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wendling, m. , in verschiedener fachsprachlicher anwendung (vgl. auch ahd. uuendeling convertibilis Notker 1, 430, 28 u. 431, 5 P.).
1) pflanzenname (vgl. windling teil 14, 2, 311): convolvuleen wendlinge Röhling flora (1823) 1, 234; s. auch Köne pflanzenn. 18.
2) wie angewende (s. teil 1, 352) und vorgewende (s. teil 12, 2, 1112): stöszet ein stück landes in die quere vor andere, so musz der besitzer alle anstoszende auf selbigem sich wenden lassen, ohne dasselbige auch thun zu dürfen; allein er darf auch an sehr vielen oertern 3 fusz oder 4 furchen von allen stücken über seine maasze sich zupflügen und darf dagegen im sömmerungs-, bunten oder braachfelde seinen wendling, anwendling, angewende, vorgewende nicht bestellen Leopold hdwb. d. ökon. (1805) 528a.
3) 'drehbarer pflugteil' Fischer schwäb. 6, 1, 679.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendmut, m., wankelmut (vgl.wendelmut): ich besorge aber, wenn es, bey dieser ursach, stehen und bewenden sollte, wrde man vielen andren vlckern mehr ihren wanckel-, wend- und wandel-mut, mit einem solchen national-namen, haben mercken und aufrcken mssen (nicht nur den Wenden) Valvasor herzogth. Crain (1689) 2, 188. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendring u. dgl., s. unter wendering etc.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendsam, adj., neuere gelegenheitsbildung (vgl. wendsamkeit): (die groszmutter) sei all ihr leben eine reg- und wendsame person gewesen, klug wie eine schlange ... und so manöveriere sie sich nun bei lebendem leib in den himmel hinein Schaffner Konrad Pilater (31910) 96. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendsamkeit, f., wie wendigkeit, jedoch nur vereinzelt bezeugt: andere wollen, der hals soll von einem schwanen, die schenckel von einem hirschen ... die wendsamkeit von einer katzen ... in einem guten pferd zusammen kommen Hohberg georg. cur. (1682) 2, 131; als Gregorius der siebente ... durchsetzte, was seine vorgänger zwar oft versucht, aber hinauszuführen vielleicht nicht den günstigen augenblick oder nicht politik, nicht wendsamkeit ... genug hatten Sonnenfels ges. schr. (1784) 4, 1.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendschatz, m., 'loskauf': im Adam haben wir alle den weinkauf getrunken, diser kauf muss gelten; es ist da kein wendschatz; wir müssen sterben (1673) Felix Wyss in: schweiz. id. 3, 169. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendseil, n., vereinzelt als fachwort der seemannssprache bezeugt: ποδεῖον, pes wendseyl Frischlin nomencl. (1586) 188a u. 271b; wendseyl im schiff pied; nome di una corda da barcaruoli Hulsius-Ravellus teutsch-frz.-it. (1616) 405b. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
wendstätte, f., frühnhd. gelegenheitsbildung: die philosophische lehr ... hat jr gewisz reuier und wendstett, daran sie wendt und bleibt H. Müller türck. hist. (1563) + 2a.