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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ungericht bis ungestadet (Bd. 24, Sp. 818 bis 867)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ungericht, n. , ursprünglich gth. v. gericht (th. 4, 1, 2,

[Bd. 24, Sp. 819]


3637) 1, seitenstück zu ungerecht, n., stärker als dieses bes. in der rechtsspr. entwickelt. ahd. ungarihti, ungrihti; mhd. ungerihte, ungeriht; mnd. ungerichte; mnl. ongericht, ongerechte; Haltaus 1936 ff.; Staub-Tobler 6, 346; Schmeller 2, 31. 34. nur noch in der spr. der rechtsgeschichte üblich, sonst veraltet; Frisch 2, 117c; Adelung 2, 585. plur. ungerichte, früher auch ungericht, ungerichter s. u.
1) halbsinnlich für inconcinnitas (vgl. ungericht inconcinnus) unrichtigkeit, unrichtiges, fehler im vers, j. Tit. 888, 4. gericht fehlt in der entsprechenden bed.
2) unrecht, im gs. zu gericht 1. zu 2—5 s. das rechtswb. die sinnliche vorstellung ist noch nicht ganz erloschen, z. b. Rudolf v. Ems g. Gerh. 5150; Willehalm 15375.
a) injuria, sittlich und rechtlich: er (gott) nelazzet nieht ungerihtes Notker 2, 132, 14 P.; handeln gegen die entscheidung des hohenpriesters Rudolf v. Ems weltchr. 15452 E.; bes. beeinträchtigung, gefährdung der sicherheit, unfriede im alten sinne: dara nah bito ih umba allaz daz ungrihti iouh umba den unfrido iouh umba daz ungiwitiri (pacem, aeris temperiem) Otlohs gebet 187, 65 St.; vgl. DWB fremde leuffte, unfride und ungerichte Haltaus 1937; darumb sol man krieg auffnmen, daz man darnach one ungericht (sine injuria) jm frid lebe W. Burleus liber de vita 125a; wider die not und ungestme aller ungericht (omnium injuriarum) 121a; und setze dich aus gerichte in ungericht, aus gnade in ungnade, aus landfried in unfried, verfehmungsformel J. Grimm rechtsalt. 1, 58; vgl. DWB wan oft gericht kumpt in ungericht und recht in unrecht Jelinek 766.
b) criminalverbrechen. s. die wbb. der ä. spr.: die vier ungricht, nachtschach, notzog, haimsuoch und fridbrech wunden (1469) Staub-Tobler 5, 314; umme ungerichte, als umme mord, brand, raub, dübe und umme ander böse sache Haltaus 1938; Schröder rechtsg. (1907) 781 f.; vitium ... bszheit, missethat, unthat, lasterthat, ungericht, bszstck Schöpper b 3 d; alle richter, die ungerichter uberwunden werden ... die sindt alle rechtlosz Zobel lehenr. 8b; ein zetergeschrei, sonst gerüffte, ist, das uber jemand gehet, der ungericht oder unthat begangen Scheraeus 130; feldschaden, scheltworte, schlägerei und andere unthaten wurden ins landgericht, alle haubtrugen und ungericht aber ins halsgericht gewroget Schottel tractat (1671) 196; Frisch 2, 177c; Schottel haubtspr. 649; eine widerrechtliche handlung, um derentwillen eine person auf eine strafe an leib und leben, gliedern, oder zu haut und haar angeklagt werden mag, bezeichnet der allgemeine ausdruck ungericht (verbrechen) Eichhorn rechtsg. 2, 624; zur definition Brunner grundz. 171; nur die typisch absichtlichen missetaten galten für ungerichte 173; Graf-Dietherr 285, 350, 354, 363 u. s. w. ungerichtsfall 375, ungerichtsklage Schröder rechtsg. 571 u. dgl. ungerichte, halsgerichte 777. zur allgem. wiederbelebung als ersatz für delict, reat, strafthat ist u. kaum geeignet, weil es in der neueren spr. (z. b. bei Stieler 2385, Wachter, Haltaus in übereinstimmung mit heutigem sprachgefühl) irrig an gericht judicium angeknüpft wird.
c) auch leichtere, gern als frevel bezeichnete vergehen polizeilicher art, die nur strafe an haut und haar nach sich zogen und durch busze oder friedensgeld gesühnt werden konnten: Staub-Tobler 1 α β; Jelinek 766; was brüche von den untersassen der herrschafft gefallen, von ungericht, dasz die nach gnaden und recht genommen werden Schütz Pr. (1592) 3, z iib; vielleicht ebenso Staub-Tobler 3 b.
3) strafgeld, buszen für ungerichte; vgl. gericht 6: Staub-Tobler 1 b; mulctae Haltaus 1938; Scherz-Oberlin 1838.
4) verfahren, klage, zuständigkeit, befugnis bei u., gerichtsbarkeit des ungerichts; vgl. DWB gericht 6, 7: jurisdictio criminalis Haltaus 1936; das halsgericht Zedler 49, 1413; der blutbann Westenrieder 602; gericht und u.

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Staub-Tobler 2; mit gericht und u. mit der niederen und der höheren oder peinlichen gerichtsbarkeit ebd.; Haltaus a. a. o.; mnd. wb. 5, 14b; mit gerichten ader mit ungerichten th. 4, 1, 2, 3638, 1 als inbegriff aller rechtshandlungen (un IV C 3); dem unvergeben gericht jurisdictio reservata et excepta gleichgesetzt von Haltaus 1937; lange erhalten in der ra. das u. gehet ihm an den hals, einer hat das leben verwürcket Zedler 49, 1413 (es gehet ihm das u. an hals Stieler 2385; Krünitz 196, 292; anders alle ungerichte ... die auch an hand und halse, auch an haut und an har gehen quelle v. 1556 bei Haltaus 1937).
5) ungericht injusta judicia Schmeller 2, 35; da besatztend sy über den (toten) Zwingli ein u., ungerechtes oder gewalttätiges gericht (?) 1572 Staub-Tobler 3 a. — ungerichtig, adj. , in eigennamen bei Staub-Tobler 6, 374. mhd. ungerihtec (Georg. pred. 181, 8); mnl. ongerichtich. — ungerichtigkeit, ungerichtikait ignavia Schmeller 2, 39. vgl. unverrichtigkeit. — ungerichtlich, adj. adv. , nicht gerichtlich Campe. unüblich. vgl. mnl. ongerichtelijk, nl. ongerechtelijk extrajudicialis und unser auszergerichtlich. — ungerick, n. , gth. v. gerick1, schiefe richtung, miszlaune, verdrieszlichkeit, von menschen und thieren Schmidt Westerw. 283; Kehrein Nassau 416; auf dem ungerück sein Schmidt; nd. ungeröck; an rücken angelehnt ebd.; gth. v. gerick und geschick Kehrein.ungeriefelt, part.-adj. zu riefeln 1. vgl. geriefelt Staub-Tobler 6, 1348: wenigstens muszte ich mir dergleichen einbilden, wenn ich die ungeriefelte stille meines bären (eines brummigen majors) betrachtete, der auch keine linie zog, die nur auf das entfernteste auf die kunst des schiefe-mäuler-machens (über das knasterrauchen) hingespielt hätte Fr. bei E. M. Arndt 1, 44. unüblich.ungerieft, adj. , riefenlos, ohne riefe, f. (s. d.). ejugatus Bischoff beschr. bot. 67; Krünitz 196, 292; Valentini (1836) 1178a. — ungeriffelt, part.-adj. zu riffeln 1. ungeriffelt tuttavia rozzo, non digrossato, non dirozzato Valentini 1178a. vgl. DWB ungehechelt: ein ungeriffelter tirolerwirt ist mir immer noch lieber als ein geleckter städter Rosegger alpensommer 343. — ungerigen, part.-adj. zu reihen 2 b (?): ungerigen petulans morosus Alberus j ijia; der bedeutungsübergang ohne belege. mnl. ongeregen. — ungering, adj. adv. , gth. v. gering th. 4, 1, 2, 3689. ahd. ungiringi; mhd. ungeringe; mnl. ongeringe. vgl. unbering, unring, unringsam. veraltet. gth. von gering 2, träge: das ich sey ... geschickt und prauchsam zu allem gutem, nitt langksam, nit versewmlich, nitt trawrig, nit ungering herzmaner 44b; gth. v. gering 3, mühevoll: der die endlose unermüdlich (sp. 499 nachzutragen) kraft ist ... der nichts widersteen oder etwas schwer oder ungering werden mag schatzbehalter 86c. adv. in unklarer bed.: auch ist sie (die arznei) so ungering (pueriliter Genf [1658] 3, 5 a) kocht in das meszbüchlin (sonst regelmäszig messinen büchszlin), dasz sie kein narung der wunden seyn mag Paracelsus chir. 6 a.ungeringelt, part.-adj. zu ringeln 2 a; gth. geringelt. Oken natg. 4, 573. — ungerinnbar, adj. adv. , gth. v. gerinnbar incoagulabilis. Campe, Lucas, Sachs-Villatte. dazu ungerinnbarkeit, f. Campe.ungerinnt, adj. , ohne rinne (2), gth. v. gerinnt th. 4, 1, 2, 3712. Ratzeburg ichn. 1, 127. — ungerippt, adj. , gth. v. gerippt th. 4, 1, 2, 3714: und mögen die columnen geript oder ungeript darauff gesetzet werden Rivius Vitruv (1575) 262; enervis Nemnich natg. 610; ecostatus Bischoff bot. 66; zeuge Krünitz 196, 292. — ungerissen, part.-adj. zu reiszen im techn. sinne (reiszen 1 b η), gth. von gerissen Staub-Tobler 6, 1348: sammet Noel Chomel 8, 615; Prechtl 20, 505; Bucher kunstgewerbe 418a; s. ritzer 3. — ungerkraut, ungerlein s. DWB Ungar 2 (wo u. zur bez. des spenglers, zigeuners Follmann lothr. 519b nachzutragen). — ungermanisch, adj. adv. , nicht germanisch: es wird dem deutschen ursprung der Goten nichts anhaben, dasz ihm (dem Tacitus) die Daker u. erschienen J. Grimm kl. schr. 3, 209; der ungermanischen und unpatriotischen gesinnung Ruge 5, 410; eines durchaus ungermanischen despotismus Treitschke aufs.

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1, 19. — ungern, ungerne, adv. , selten adj. oder subst., gth. v. gern th. 4, 1, 2, 3719 ff. ahd. ungerno; an. úgjarna, adv., úgjarn, adj.; ags. ungeorne; mhd. mnd. ungerne; mnl. ongerne; nl. ongaarne; dän. ugjerne; schwed. ogerna. Staub-Tobler 2, 427; els. 1, 232; lux. 315a; Bauer-Collitz 108a. die verkürzte form ungern schon mhd. in hss. des Parz., Suso 4, 31 B., mnl. wb. 5, 664; die volle ungerne noch nhd. allgemein neben ungern (z. b. Luther, Lessing, Herder, Göthe, Kant, Mörike) üblich. ungeren (mhd. wb. 1, 535a) im 16. jh. schriftsprachlich veraltend (A. v. Eyb d. schr. 1, 49, 15; Sachs 14, 280, 34 G.); mundartlich noch z. b. Staub - Tobler a. a. o. ongern Sleidan red. 131; th. 7, 1204. in mundarten verliert sich schlieszendes n (Staub-Tobler, Martin-Lienhart, lux., mnl. wb. a. a. o.), im schweiz. kann das stammwort zum suffix herabsinken und un umgelautet werden (un I B 6). im übrigen s. DWB gern. während die steigerungsformen von gern i. a. schriftsprachlich verpönt sind, haben sie sich von ungern erhalten, freilich nicht ohne widerspruch: s. DWB gern I 3, Campe wollte eher den superl. als den comp. gelten lassen: so vil ungerner N. v. Wyle transl. 93, 7 K.; Luther 30, 3, 48, 1 W.; invitius ungerner Alberus; P. Winckler gedancken (1685) a viir; Lessing 17, 320; Göthe IV 4, 58, 6 W.; Schiller 3, 596; Gries ras. Rol. 1, 42. aller ungernist N. v. Wyle 76, 3 K.; am ungernesten Lohenstein Armin. 1, 1238a; am ungernsten Butschky Pathm. 14; Lessing 8, 180; Herder 5, 46; Göthe 11, 51 W.; Hebbel br. 7, 38. vgl. 3 h. vereinzelt als adj. (s. das an. und nl. wb. 10, 1572 anm. 2): in gloss. und wbb. wird invitus und invite hin und wieder unterschieden Diefenbach n. gl. 230b; Maaler 462b; Schönsleder t 7b; der hunger ist ungern Fr. Wilhelm sprw. reg. a y β 26; aber so ungern, so kurz das lachen auch ist Lessing 10, 90; vgl. die substantivierung 3 k. individuelle bildung ungernig: von naturen, denen alle geistesfreiheit abgeht, daher entbindet auch der schlaf ihre züge nicht. ich nenne den ausdruck ungernig, sie sehen aus, als schliefen sie ungern Vischer auch einer 2, 378. die mundart kennt auch ungerig Staub-Tobler 2, 427.
1) der ableitung am nächsten steht das gth. v. gern 1, dem natürlichen 'begehren', streben, trachten, wollen nicht entsprechend oder widerstrebend. mit ausdrücken des begehrens, wollens u. dgl. oder inhaltlich gleichbedeutenden umschreibungen: er sich ... ungern ... keinem menschen wolt offnen Suso 4, 31 B.; auch von unpersönlichem: die füsze wolten nur u. schritt für schritt gehen Polenz Grab. 1, 290; ob nun wohl der könig ungerne dran wolte volksb. v. g. Siegfr. 62 ndr.; Schnabel Felsenb. 26, 28 U.; so ungern er auch daran kam Schmid g. d. D. 4, 87; 1, 111. wie bei kaum (th. 5, 353) 1 oft können ergänzt wird, so bei u. oft wollen, mögen: aus gt kumbt man u. (will man u. kommen; kommt man, ohne es zu wollen), das bsz wechszt selbs Nas antip. 1, 44a; u. wendet sich der blick von dem bescheidenen mystiker (er möchte verweilen) Scherer litg. 346. übertragen:

meine muse fühlt die schäferstunde,
wenn von deinem wollustheiszen munde
silbertöne ungern fliehn
Schiller 1, 224.


2) im gs. zu gern 2 mit verhütendem, vorbeugendem conj.: ich wolt u. an deren stat sin am jüngsten tag Eberlin v. Günzburg 1, 37 ndr.; und so gern ich geschriebene romane lese, so u. möchte ich in einem wirklichen mitspielen Holtei erz. schr. 2, 192.
3) gth. v. gern 3, unfreudig, ohne willige unterwerfung, ohne völliges einverständnis, ohne frohe bereitwilligkeit, mit besonderer unlust, nicht ohne überwindung, zum leidwesen, ärger, verdrusz, bedauern, schmerz u. dgl.: ungerno minus libenter Graff 4, 234; das haben wir ... nicht ungern und mit sunderen freuden gelesen Steinhausen privatbr. 1, 63; darumb wir ungern lident d. e. wiszheit betbüchlin c iia; mancher leihet ungerne Sir. 29, 10; sterben Luther 18, 515, 29 W.;

du hiltst ungern dein nasen drüber
Sachs 17, 84, 20 G.;

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wie ungern er da urlaub nam
Scheit heimfart o iiia;

lassen (verlassen) Göthe Herm. u. Dor. 7, 153; ungerne stehn wir zu Gryphius trauersp. 27 P.; leuten, die nichts ungerner als vergebung annehmen Lessing 2, 307, 20; wissen Kant 3, 25, 6; deine briefe werden alle gleich verbrannt, wie wohl ungern Göthe IV 8, 186 W.; folgend 49, 371, 25 W.; ἀέκοντε Bürger Ilias 1, 327, ebenso Voss. M. ertrug es ungern, dasz (aegre ferebat) Mommsen r. g. 2, 154; 5, 45; vgl.d. von nichtpersönlichem: u. wurzelt der anker noch im sande Tieck 1, 216; er (der vogel) ist sehr u. von mir weggestorben Keller 4, 253; für u. gesehen wurde:

der nachklang drang zum himmel,
bis dasz der abendstern die hirten schlieszen hiesz,
der itzt zum erstenmal der welt sich ungern wies
Ramler einl. 1, 406.

die spannung des begrifflichen inhaltes ist erheblich; gemeint sein kann gutmüthig-leises bedauern (Göthe Herm. u. Dor. 1, 33), unzufriedenheit (Göthe 21, 37, 20 W.), überwindung gesellschaftlicher anstandsbedenken (Hoffmann v. Fallersleben 5, 321), verdrusz (Göthe Herm. u. Dor. 1, 206), schmerz (1, 153), entrüstung (Rein. Fuchs 4, 49, gantz node Reinke de Vos 1834), schauder (Faust 6212); vgl.h. meist ist u. stärker als nicht gern. nach 5 weisen verbindungen wie u. und so gut als gezwungen Bürger 1, 257 B.; u. und halb gezwungen Ranke 8, 152. zur heutigen abgrenzung gegen freiwillig (fr., aber u.) und unwillig (das den bezug auf äuszerung im betragen einschlieszt) Weigand 3, 856; Eberhard - Lyon 855. insbesondere a) u. thun: Gerhard v. Minden 138, 28 L.; Tauler serm. (1508) 39b; es wird auch ein leicht ding schwer, wenn mans ungern thut Petri d d ivr; allgemein. b) hören u. dgl. wie ahd., mhd., mnl.: Murner adel 20 ndr.; ungern und nicht ohne sondere bewegnüs ist den gesambten f. f. und stenden zu vernehmen gewesen act. publ. 2, 152 P.; man sagte ihm nach, und er hörte es nicht ganz ungerne Mörike 3, 30. c) sehen: sonderlich sehen sie ungern, dasz das evangelium gepredigt wird Luther 34, 2, 242, 11 W.; ein ungerne gesehener gast H. v. Barth kalkalpen 499; es wird sehr u. gesehen, wenn Moltke 4, 61. ähnlich: u. aber habe ich zu bemerken gehabt Göthe II 11, 78 W.; finden Bode Yor. 1, xiv. d) haben: habens doch die grossen herrn so trefflich ungerne, so man sie schilt und strafft Luther 19, 195 W.; Tschudi 1, 118; ich hab's doch nit u. g'habt Pocci kom. 6, 126; H. hatte den kurzgeschorenen ziegenhirten nicht ungern Scheffel 1, 191. ein ding u. haben und darob übel zufriden sein, etwas u. haben und darob zürnen, u. und nit vergt haben aegre ferre Maaler; ungern haben n'aimer point Frisch (1730) 623; übel nehmen Staub - Tobler 2, 427. e) u. wo sein: wenn dich eyn herr ynn kerker gefangen hette, und du ausz der maszen ungerne drynnen werist Luther 10, 1, 1, 459 W. auch in der bei gern 3 e bemerkten verkürzung: höchst u. weisz ich das liebe kind in der pension Göthe 20, 17, 3 W. f) mit adjectiven (aber oft aufs subject oder den verbalbegriff zu beziehen): u. freigebig, schweigsam, keusch, froh u. s. w.; vgl. DWB ungern heylsame geschwr, s. 8. g) gth. v. gern 3 g, der gewohnheit und neigung nicht entsprechend:

ich ... lache ungerne sô man bî mir weinet
Walther 48, 2,

Gerhard v. Minden 117, 78 L.; es was ein bruder in einem kloster, der gieng gar ungern z der mettin Pauli schimpf u. ernst 172 ndr.; Opel-Cohn 208; Klopstock br. 102 L.; die Deutschen ..., die sich fremden klängen, quantitäten und accenten nicht u. gleichstellen Göthe 7, 2, 24 W. h) verstärkt durch vast, trefflich (s. Luther d), gar, gar zu, nur zu, so, recht, reichlich, ziemlich, sehr, auszerordentlich, unsäglich, gewaltig, ungeheuer u. ä., im alltagsdeutsch auch schrecklich, gräszlich, eklig, scheuszlich u. s. w., in der mundart z. b. durch angstlich H. R. Manuel weinsp. 1368 ndr. (Staub-Tobler 1, 339, 2 b), herzlich u. (früher auch von hertzen u. Luther 34, 1, 63, 34 W.), blutsungern Sanders erg. 227b;

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hundsu. Staub-Tobler 2, 427, mordsungern. wie gern 3 h δ ironisch:

also sprach er, und Zeus klaräugige tochter Athene
hielt ihm die hände noch fest, die schrecklichen, denen im streite
ungern nahet ein mann, und wenn er der trefflichste wäre
Göthe Achilleis 446.

gemildert: ein wenig u. Frisius, Stieler; ein bisgen Göthe IV 3, 19, 5 W.; etwas, ziemlich u. s. w. i) als antwort ist u., gern gegenüber, kaum fest entwickelt. k) subst.: u. hilfft nicht, macht ubel arger Wander 5, 1782; du sahst ja .. mit wie viel schmerz und zwang und ungern (grosz geschrieben) ich dir willfuhr Schiller br. 1, 6; das gern oder u. kommt nicht in frage;

ungerneres hette nie Rinaldo was verrichtet
D. v. d. Werder ras. Rol. 33;

nichts ungerneres Stieler, Frisch, Staub - Tobler; das ungernste, was ich thue.
4) gth. v. gern 4, unvorsätzlich, unabsichtlich, nicht mit fleisz; der grundbed. gegenüber abschwächung, aber alt (Bosworth - Toller 1111a, 2); ἀβούλητος Decimator, Garth; net gern unabsichtlich Fischer schw. wb. 3, 422, 2: ob du nu eyn wenig zu viel nemest unwissend und ungerne Luther 15, 297, 9 W.; Comenius ja nua 280; Klinger 1, 66;

folgend unlöschbarem durste, gelangt' er zur welle des bornes,
armer! und sah ungern, was zu erschauen nicht ziemt
A. W. Schlegel Athenäum 1, 135;

so wisse nur, dasz wir u. gefehlt haben Schleiermacher Plat. 6, 89. in neueren beispielen mit vorliebe nach bed. 1—3 umgebogen.
5) gth. v. gern 5 (6), nicht aus freien stücken, unfreiwillig, gezwungen: dieweil sie es u. thn, werden sie ubel dar z geschlagen Agricola sprichw. Cc viib; Tschudi 1, 45;

es ist aber ein herter zwang,
das der mensch ungern on sein danck
musz eygen sein und underthan
B. Waldis Es. 1, 181 K.;

wenn sie ungerne verlassen sollen, wobey sie gerne länger geblieben wären Chr. Wolff v. d. m. thun 305; im bilde (vgl. 3):

die erde
trank ungern der enkelsöhne blut
Schiller 15, 1, 34.

undeutlich gegen 3 abgegrenzt: nur u. fügte sich E. in die forderung Ranke 1, 280. zur syn. s. 3.
6) gth. v. gern 8, von thieren, pflanzen u. s. w., sowie von naturereignissen, um das gth. oder den mangel einer vorliebe, neigung auszudrücken: wenn auch der künig vil seind, so bringen sye (die bienen) die u. umb Eppendorff Plin. 11, 185; es henckt sich das quecksylber .. ongern an das sylber Münster cosm. 10; kein ärger erdreich ist ... dann es laszt sich u. erbawen Sebiz 24; Lehman 1, 227;

wo gotteshäuser sind, da nisten an den wänden
nicht ungern, wie man sieht, sich diese vögel ein
Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 163.

so noch heute.
7) gth. v. gern 9 von erfahrungstatsachen 'in der regel nicht, selten'; oft von 6 kaum zu unterscheiden: wie u. auch der allt schlauch diessen weyn fasset, jah auch nicht fassen und hallten kan Luther 10, 2, 325 W.; was in die höhe geimpffet wurt, das bekleibt ungern Herr feldb. 69b; nicht u. gehen sie den bischof vorbei und wenden sich an den papst Ranke 1, 170.
8) gth. v. gern 10 'schwer, mit mühe, kaum, schwerlich'. vgl. nicht gern, nie gern: ahd. nals ungerno haud difficulter Graff 4, 234; dann es (geschmolzenes metall) gar u. fleuszt Paracelsus 2, 550; jede sprach .. laszt sich u. in ein andere sprach bringen ohn abgang Xylander Pol. 6; u. heilen Graff a. a. o.; Gäbelkover 2, 97; ungernheylsame geschwr Sebiz 95; difficulter movetur es geht u. Schönsleder t 8a; 'die fahrbahn ist schlecht' Staub-Tobler 427; ihre handlung verträgt u. dramatische ausarbeitung der charaktere Freytag

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14, 40; die leute ... lassen sich ungerne (nicht leicht) irgend eine gelegenheit zu taktlosigkeiten .. entgehen jahrb. d. Grillparzerges. 6, 53; das messer haut schülich u. schneidet sehr schlecht, ist stumpf Staub - Tobler a. a. o. schriftsprachlich heute wohl regelmäszig umgedeutet.
9) wie selten 2, kaum 2, schwerlich 2 b η zur vertretung der negation, 'fast nie, wohl in keinem falle, wohl nicht' u. dgl. vgl. den iron. gebrauch 3 h: Hartmann Iw. 1041; Walther 54, 22; Suso d. schr. 76, 14 B.;

wann das wär, das got nit wöll,
das ich in müst on schuld begeben,
so wölt ich fürbas ungern leben
Hätzlerin 117a;

unsz ist angeboren ein glaubhafftigkeit und einfaltigkeit, das wir meinen, andere wolten unsz so ungern betriegen, als wir sie nit wolten laichen Eberlin v. Günzburg 1, 80 ndr.; veraltet.
10) in verb. mit gern. s. DWB gern 7: so gerno so ungerno Notker 2, 476, 9 P.; wolten sie nicht gerne, so musten sie mit unlust und ungerne Bütner epitome 465a; gern oder u. Weckherlin 2, 236 F.; Hohberg 1, a ij; Schiller 1, 256; Hebel 2, 159, 1 B.; Ranke 14, 33; Scheffel 2, 97; vgl. DWB gern oder nicht; gern und u. Lehman 2, 680; wir müssen .. gestehen, das wir diese unvollständigkeit fast eben so gern als u. bemerkt haben Lessing 7, 15, 28; theils gern, theils ungerne Kortum Jobs. 3, 107; gern oder doch nicht u. Fontane I 4, 156 u. ä.ungerter, m. , name einer apfelart Unger-Khull 610a. — ungerücht, n. f. , gth. v. gutem gerücht (s. DWB gerücht 4 a und un IV B), bösem gerücht (s. DWB gerücht 4 c) entsprechend. mnd. ungeruchte infamia; mnl. ongeruchte, f. n.; nl. ongerucht kwaad gerucht, slechte naame (Hooft, sonst ungebräuchlich): bey verbietung des geweiheten begrebnis und untüchtigkeit zu allen und jeden rechtshandelung, der verleumung des ungerüchts, der befehdung (infamiae ac diffidationis), der acht und aberacht übersetzung der bannbulle bei Luther 1, 259a Jen.; kayn glaublich ungerücht .. das u. und böser leumut gravamina 1521 bei Haltaus 1938, 'mala fama';

solt er die schmach und ungerücht,
die dir, ja mehr jm selbs geschicht,
so liederlich hingehen lahn?
Lobwasser calumnia E 8.

veraltet.ungerück s. ungerick. — ungerufen, part.-adj. adv. zu rufen. mhd. ungeruofen, -et; mnl. nl. ongeroepen. ungeruft (ungerüeft) mundartlich und veraltet. Staub - Tobler 6, 696. ongeruff lux. 316b. berufen 1 entsprechend: unberufen sive ungerufen invocatus Stieler 1630; auch unerwünscht (vgl.gerufen th. 8, 1406 ζ), ohne dasz man sie ruft:

die hasen pflegen in den kohl
auch ungerufft zu gehen
Henrici 4, 305;

jetzt kommt gewisz kein ungerufener mehr herein Castelli 13, 80. unberufen heute gewählter. an unberufen 4 streifend:

spiel sie (die flöte), erfreue unsre herzen
und strafe mit gesalznen scherzen
den stümper, der sie ungerufen nimmt
Gottsched d. neueste 6, 137.

wie unberufen, adv., ultro: überdem wird sich die moralische maxime, wenn man eine haben will, u. finden Ramler einl. 2, 89; Kant 10, 129: ungerufne melodieen Stolberg 5, 97; thränen Gutzkow 1, 259. — ungeruhig, adj. adv. , gth. von geruhig und seitenstück zu unruhig (s. d.). im 17. jh. veraltet. mhd. ungeruowic; mnl. ongeroe (auch subst.). zu den formen s. DWB geruhig 1. nicht ruhend, ruhelos, geschäftig, rastlos thätig; keine ruhe (im hause) haltend Lexer 2, 1862; vgl.ungeruht ohne auszuruhen, ruhig I, II 1 b, geruhig 2 b, 2 e: Alecta furia infernalis, Alecto ... ungerwiger instabilis, qui non habet requiem Diefenbach n. gl. 15a, gl. 21b (dazu unrüewer, unruwer name des teufels Staub-Tobler 6, 1897, unrüegel unruhiger mensch 1908); ein mensch, das ungerwig schlieff Braunschweig destb. (1500) 98a; von

[Bd. 24, Sp. 825]


kindern, jungen leuten chir. (1539) 94b (dazu überruhig Staub-Tobler 6, 1906 f.). in bewegung, beweglich, rührig, unbändig: wann das vederspil ungeruwig ist Mynsinger 57 (vgl. geruhig 2 d zahm, unruhig brünstig Staub-Tobler 6, 1908). von geist, sinn, betragen des menschen (vgl. geruhig 2 a, ruhig II 2 a): obe der mensche sich vindet ungerwig und in unfriden Tauler pred. 78, 22 V.; ie grübelechter und ungerwiger sie werden Keisersberg b. d. seligkeit (1518) 3c; unfolgsam (Lexer 2, 1862), unfriedfertig, unzufrieden (vgl. geruhig 2 b, c, ruhig II a α): es seind auch ettwan in den reformierten clöstern ungerüwig leüt Keisersberg has im pf. (1510) f f 1a; seditiosus, incitatus, perturbator (Staub-Tobler 6, 1908): es würden auch die von Etolia keyn rwe haben, die von art ungerüwig weren Carbach Liv. 253b. von sächlichem (vgl. geruhig 2 i, ruhig II 2 b): von der natur Tauler sermon. (1508) 205a; solte dem menschen ... ein ungeruhiger friede ... nicht schädlicher seyn? Simpl. 475 Kögel. wie im mnl. (ongeroe 2) improbativ zur bed. fürchterlich ('hevig, zwaar, vreeselijk') verdichtet: do kam Achilles z hausz gegangen schweiszig, greulich und ungerhig und pracht ein geschunden lwen auff seinem rucken hist. v. Troia (1499) 31b; auch in die bezeichnung der zunge als eyn ungeruig ubel (cod. Tepl. 3, 5), eyn ungerüwigs gt (Brant narrensch. 19, 35) nach Jacob. 3, 8 (das unruhige übel Luther) scheint etwas von dieser bed., dem stärksten gs. zu geruhig 2 f, einzuflieszen. — — ungeruhiglich, adj. adv. , gth. v. geruhiglich: ungerühiglich, 'unruhig, stets rührig' Schmitz Eifel 1, 232b. sonst unüblich.ungeruhlich, adj. adv. , gth. von geruhlich: und sey ain ungerwlich ding die weltliche sligkait A. v. Eyb sp. d. sitten V iib. s. a. ungeruhsamkeit. — ungerührig, adj. , gth. v. gerührig, 'unbehülflich, faul, träge' Staub-Tobler 6, 1269. — ungerührtheit, f. , ἀπάθεια Justi Winckelmann 1, 165; Winckelmann 1, 15. 36. 105. — ungeruhsamkeit, f. , gth. v. geruhsamkeit: Hedwigleg. (1504) e 3 b; der ungersamkeit der welt Francisci legend (1512) k 2a. veraltet.ungerunzelt, part.-adj. adv. Zesen rosen-mând 107; Uz 2, 160. — ungerüst, adj. adv. ; ansetzung eines einfachen adj. ungerüst (s. 1gerüst th. 4, 1, 2, 3781) wird durch zusammentreffen mit dem part. ungerüstet (z. b. Achatius 271b; Xylander Pol. 37; Fischart lob der lauten 631 'schmucklos' vgl. rüstig 1; Frisius 1167b) unsicher.ungerüst, gth. v. 2gerüst, scheint hd. nicht entwickelt.ungesäglich, adj. adv. , frühnhd. neben unsäglich (s. d.): ein ungeseglich übeltǒt Ter. (1499) 67b; ungeseglich lieb (adj.) buch d. liebe 264b; ungsäglicher weise gepeyniget Würtz wundartzn. (1612) 22. zum nl. ongezeglijk, -heid s. wb. 10, 1683. — ungesalbt, part.-adj. adv. zu salben II 1 b, Staub-Tobler 7, 813 gesalbet b. mhd. ungesalbet: das betrügliche regiment der ungesalbten priesterschafft J. C. Dippel gest. papstthum (1698) 72; dieses und jenes ungesalbte oder auch ungereimte buch Zinzendorf creutzr. 16 (ohne salbung 2); Hippel 11, 365; übergehend in die bed. ohne salbung 3: mit rasendem munde kündete die sybille ... ungesalbte reden K. O. Müller Dor. 1, 339; derselbe ungesalbte, kindliche ton Gervinus g. d. d. dicht. 3, 30; reimereien, die zwar ganz so treuherzig und u., aber auch ganz so meistersängerlich roh noch klingen, wie die lieder des 16. jhs. 3, 264. dazu ungesalbtheit, f. sonst ungesalbte wagenräder (salben II 2) Staub-Tobter 7, 813; kärren Nas antip. 1, 154a; werbungen ohne bestechung Staub-Tobler 814 (salben 8) u. dgl. unsalbicht sive u. minime unctus Stieler 1674. — ungesalzen, part.-adj. adv. , gth. v. gesalzen (s. d.). auch übel, wenig, nicht recht gesalzen, in eig. und uneig. bed. wie insulsus, male salsus; vgl. DWB salzlos (gs. salzreich). g. unsaltans; mhd. ungesalzen; mnd. ungesolten; mnl. ongesouten; nl. ongezouten; an. úsaltr; dän. usaltet; schw. osaltad; ags. un(ge)silt; engl. unsalted neben insulse. Staub-Tobler 7, 896; Fischer 3, 440; els. 2, 355b; Ruckert 187; Leihener 87b; ongesalzt lux. 315b; Kinderling 432. zur unterscheidung der st. und der schw. form s. th. 8, 1712; ungesalz(e)t (in eig. bed.) schriftsprachlich z. b.

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Fischart flöhatz 2106 ndr. (1877); Prätorius anthrop. 2, 92; Amaranthes frl. 314; selten übertr. ungesalzte poeten Schuppius bei Wackernagel leseb. 3, 782, 37. ungeselczin Schröer voc. 1329. eigentlich gth. v. gegesalzen (th. 4, 1, 2, 3784) 1, ohne salzgehalt: das saltz wirt ungesaltzen (uppig, dumm) erst. d. bib. 1, 158, 50 var. (Marc. 9, 50, g. unsaltan ἄναλος); ein ungesalzen salz und ein christlicher Sokrates gehören in eine klasse Hamann 1, 494; see A. Diether (1550) 2, 15b; fluten Weichmann Nieders. 3, 70. gth. v. gesalzen 2, nicht mit salz behandelt: mag er essen das u.? erst. d. bib. 7, 158, 50; Hiob. 6, 6; mir ist ungesalzener fisch lieber als versalzener Holtei erz. schr. 36, 263; häute Möser 1, 283; holz Veith bergwb. 392; zu uneig. bed. leitet massenhafter gebrauch im bilde, vergleiche, sprichworte und in der sentenz über ('ohne kraft, gehalt, energie' Staub-Tobler a; Wander 4, 1433), z. b. grosse kunst ohne sitten ist wie ein ungesaltzen gericht Mathesius 4, 51, 20 ndr.; Letzner Dass. chr. 5, 24b; Corvini fons 110; ein unerfahrner mann ist wie ein ungesaltzenes kraut Lehman 1, 208; Körte 443;

das lustspiel? pfuy der ungesalzne brey Göthejahrb. 11, 21;

mit ungeschmalzen (schmalzen 4 c, unges., ungeschmalzen, nicht gesalzen, noch geschm., weder g. noch g. u. s. w.) verbunden: Sachs 5, 185, 33 K.: Ruoff heb. 162; Schönsleder xx 1b; Rädlein 980a; Frisch (1730) 623; Gotthelf 10, 168; vgl. unten. das gth. v. gesalzen 3 c hatte früher auch die bed. derb, grob, unfein (von personen: mnl. wb. 5, 690; Hadloub HMS. 2, 300b; von personen und sachen Staub-Tobler b mit beisp. des 18. jhs.), bes. aber fade, gehaltlos, witz-, salz-, geistlos u. dgl.; von personen: das ungesalczen (thörichte) fräwlein Arigo 262, 6 K.; Montanus 68, 34; 69, 20; 280, 13; 416, 19 B. (münch A. bald vernam, das sie übel gesaltzen was 64, 23; 75, 1; 65, 32; 69, 14; nicht recht gesaltzen Logau 2, 149, 48); baur 419, 22 B.; diszen ungesaltzenen wolgemesten magistris Luther 9, 746, 4 W.; Sachs 12, 434, 29 K.; muss derhalben das weib desto rässer seyn, als ungesaltzner der mann ist Guarinonius 271; Lehman 2, 709; sintemahl, wenn man durch den titel eines ungesaltzenen menschen einen tummen teufel verstehet, hier (Halle) lauter gescheute leute seyn müssen, nachdem sie nicht nur cum grano solis (!), sondern wohl mit einem scheffel saltz gewürtzet sind Menantes n. briefe 331; contrapunktisten Heinichen generalbasz 8;

der ungesalzenste (shallowest) von den gesellen
A. W. Schlegel Shak. 1, 230 (sommernachtstr. 3, 2);

solch' ungesalznes volk Eichendorff 4, 441 scheltend, vgl. seyd keine insulsi asini, ungesaltzene esel Dannhawer cat. 6, 710, ihr ungesaltzene bettelfürsten Rist friedew. 7, 72, Abr. a St. Clara Jud. 1, 124, Schwabe bel. 3, 62. verstärkt: dann sie (die lutherischen) ungeölt, ungesaltzen und ungeschmaltzen sein Nas antip. 1, 101b; Lehman 2, 557; Lindenborn Diog. 1, 620. von sachen: insulsus, u., ungeschmackt, matt, torecht, ungschickt, unlieblich, one gnad, law, cui facetum et plausibile opponitur Frisius 713b, 586a; sine sale sapientiae Fischart Eulensp. 16 H.; des arzte ungesalzne frag Arigo 520, 25 K.; Lehman 1, 225; logiken Luther 11, 303 W.; büchlin Franck chron. (1531) 100a; weitter dasz ich schreib von den besessenen leuthen, will jhn gantz u. seyn Paracelsus 1, 255 b; hirn Scheit Grob. 9 ndr.; schertz Rachel ged. 42 ndr.: Immermann 16, 204; witze Justi Winckelm. 2, 1, 125; spott Wieland I 1, 22; O. Ludwig 4, 309; harmonie Mattheson kl. generalbaszsch. 137; die ungesalzene und magre schreibart Gottsched d. neueste 5, 545; miene Thümmel reise 6, 70; thränen (unechte) jahrb. d. Grillparzerges. 3, 133;

viele bücher genieszt ihr, die ungesalzen; verzeihet,
dasz dies büchelchen uns überzusalzen beliebt
Göthe 5, 221 W. (Xen.);

durch angenommene regeln und allgemeingültige geschmacksurtheile ausmachen, wie eine speise schmeckt, giebt ungesalzene censuren Herder 22, 34. verstärkt: ungesaltzen und ungeschmaltzen ding Lindener katzipori

[Bd. 24, Sp. 827]


142 neudr.; bescheit Schiltbürger (1598) 49; Gräter ist ... zu aller zeit ... wie lappleder ... gewesen, eine dreimal aufgegossene brühe mit zwei fettaugen, u. und ungeschmalzen Görres br. 2, 285. u. und ungeschmalzen abspeisen Zschokke 27, 138; nl. ongezouten äuszerst offenherzig. das ungesalzene Gervinus g. d. d. dicht. 5, 413; Vischer ästh. 2, 43. — ungesalzenheit, f. : die u. meiner dermahligen art zu leben (harum rerum insulsitatem) Wieland Cic. br. 3, 111 mit der anm.: das von Cic. vermuthlich neu geschaffene wort insulsitas verdiente doch wohl diesen versuch, es in unsre sprache zu verpflanzen? D. F. Strausz ausgew. br. 262. engl. insulsity; insulsität Heyse-Böttger 454b. — ungesammelt, ungesamnet, part.-adj. adv. zu sammeln, samnen; gth. v. gesammelt, gesamnet. prägnant 'ohne sammlung' (sammlung 3, collectio animi), kirchlich - mystisch: do waz dennoch sin gemte ungesamnet Suso 8, 5 B.; dyn unstetes gemt ungesamnoten gedencken ew. w. betb. (1518) 13a; entkirchlicht allgemein: die allgemeine phantasie enthält auch alles in sich, was die phantasie als besondere gabe einzelner enthält, aber in stumpferer und ungesammelter (unconcentrierter) weise Vischer ästh. 2, 306; es wölkte sich wie ein dampf um das ungesammelte, versprühende lebensfeuer des oft zynischen mannes Lienhard Oberlin 284; vgl. diffus; den noch ganz ungesammelten Gutzkow zaub. 3, 85. — ungesanglich, adj. adv. , gth. v. gesanglich Campe. ebenso ungesanglichkeit. üblicher unsangbar, unsanglich, -keit. — ungesattelt, part.-adj. , gth. v. gesattelt th. 8, 1827. nl. ongezadelt; dän. usadlet; schw. osadlad; engl. unsaddled. instratus Alberus 66b; ungesattel (!) rosz Frischlin (1591) 277; milchvolk th. 6, 2200; rücken Bodmer Noah 6, 826; im vergleich Laube 1, 91; bildlich fastnachtsp. 248, 8 (s. reiten 4 und vgl. Staub-Tobler 7, 1439, Fischer 3, 444); nicht sattelfest Krünitz 196, 294: der ungesattelten nonn (Luthers Käthe) J. N. Weislinger (1726) in Scheibles schaltj. 2, 122; ein ungesattelter theologus Zschokke 26, 197; er weisz wol ... mit was ungesattelter leichtfertigkeit er hin und her gauckelt Calvin instit. (1572) 462; dublonen, einfache, ohne die ergänzung zu 11 fl. Staub-Tobler a. a. o.; als küchenausdruck 'unbelegt', gs. gesattelt 1 b α, Alemannia 18, 260. — ungesättigt, part.-adj. adv. zu sättigen, nicht gesättigt (th. 8, 1832, 5; vgl. DWB unersättet u. s. w. sp. 502); mnl. ongesadet wb. 5, 668, an den begriff 'unersättlich' heranreichend (mnl. onghesaet inexplebilis): an dem (Christus) mus jderman seinen gifftigen ungesetigten grol und hasz ausgieszen Luther 28, 115, 32 W.; Schiller sp. 385 u. unbezähmt; Nietzsche 5, 30; Herder 5, 98 (dazu gesättigt d). chemisch gth. v. gesättigt 5 a: der ungesättigte theil quecksilber Hegel I 7, 368; Mothes baul. 4, 394; der dampf wird u. Muspratt-Stohmann-Kerl 4, 157. begriff des ungesättigtseins 5, 1141. — ungesauber, ungesäuber, ungeseuber s. ungeziefer. — ungesäumigkeit, f. , Sileni Alcibiadis (1525) l 1a (un IV D?). — ungesäumt, part.-adv. adj. zu 1säumen. mhd. ungesûmet; mnd. ungesumet. Staub-Tobler 7, 961. zu den formen s. th. 8, 1911; vgl. unsäumig, -lich. zu 1säumen 1, bes. in der rechts- u. geschäftsspr. (Staub-Tobler 961 a): Lexer 2, 1873; Riederer sp. 723 u. ungeirrt; J. Grimm rechtsalt. 1, 27; J. v. Watt 1, 317; ein jeder teil den andern ungesaumpt sein religion fren lasst Stumpf chr. 383a; die knecht lan dich ungesaumet Garg. 133 ndr.; noch 1712 Staub-Tobler 962; m. gen. ebd.; veraltet. zu (sich) säumen 2, 3, ohne säumen (th. 8, 1914 3 b): mhd. wb. 2, 2, 728b; quia ungeseumbt venit malum Luther 28, 687, 8 W.; ungsaumpt Fischart schiff 378; ohngesäumt Heppe lehrpr. 150; so fallt u. in die seiten Göthe 8, 98, 18 W.;

wie denn das gute, schöne nimmer schwindet
und, immer wirkend, immer sich erhält,
sich ungesäumt zum höchsten wahren findet 4, 34 W.;

er musz ... u. die verhinderung anzeigen handelsgb. § 516, 2. den bericht können wir nicht besser und ungesäumter .. vorlegen Göthe IV 28, 7 W.; ungesäumtest

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abzusenden Hebbel br. 3, 176 (m. gen. ungesaumbt eines einzigen tages act. publ. 1, 177 P. veraltet). als adj. mit ungesumter fust Staub-Tobler 962 b; sein ungeseumbte faust Zinkgref ged. 63 ndr.; rache Lohenstein Arm. 2, 108b; bezahlung Göthe IV 12, 116 W.; ungesäumte summarische rechtspflege Niebuhr r. g. 1. 436; abmarsch Treitschke d. g. 4, 78; anderes ungesäumt zu 2säumen 1 (nl. ongezoomd, schwed. osömmad): Alberus 36a; dem ungesäumten, ungenähten rand eines tuches J. Grimm kl. schr. 5, 40; zu 2säumen 3 a: u. bei tischlern s. v. w. baumkantig Mothes baul. 4, 394; ungesäumte diele dull-edged, flacheuse 1, 792. — ungeschadet = unbeschadet 3 b allg. d. bibl. 101, 576 (nl. ongeschadigd = onbeschadigd wb. 10, 1654). — ungeschaffen (i. ä. spr. oft unschaffen), part.-adj. adv. zu schaffen, geschaffen, gegenstück zu geschaffen th. 4, 1, 2, 3814; th. 8, 2017. ags. ungesceapen; ahd. ungiscaffan; mhd. ungeschaffen; mnd. ungeschapen; mnl. ongescapen; nl. ongeschapen. zur st. u. schw. form vgl. th. 8, 2017, Staub-Tobler 8, 323 ff. u. unten ungeschafft. in der bed. deformis (Zarncke narrensch. 207a) noch im 18. jh. in den wbb. (z. b. bei Kramer, Rädlein, Dentzler, Castelli, Frisch, Steinbach, Kramer-Moerbeek) verzeichnet, letzter schriftsprachlicher beleg unten 1748 (von lit. halbmundart abgesehen); Adelung erklärt 3, 1326 diese bed. für oberdeutsch, Campe die bed. 'unverständig' für veraltet, während er 'miszgeschaffen, häszlich' für brauchbar hält und als z. th. von neueren gebraucht bezeichnet. dann bleiben diese bedd. i. a. nur mundartlich lebendig; z. b. Staub-Tobler a. a. o.; Schmidt els. 379a; schwäb. wb. 451; Birlinger 421b; Schmeller 2, 378; Schöpf 586; Hügel Wien 176; Unger - Khull 610a; vgl. Rosegger. aus berufsspr. Kindleben stud. 197 ndr.; Höfler 551b. s. a. unbeschaffen, unerschaffen, miszgeschaffen, miszschaffen, wahn(ge)schaffen und bes. DWB ungeschafft. ohne zu schaffen Staub-Tobler 325, 2 b; ohne etwas ausgerichtet zu haben ebd. 2 a; Aventin 4, 458, 21; ungeschaffener sachen Fischart ehzb. 134, 8 H. ungeschaffne wat (gth. geschaffnes kleid) Grimm rechtsalt. 2, 154. increatus Alberus m 4a, unerschaffen als eigenschaft der gottheit, unbeschaffen 1, überirdisch (mnl. wb. 5, 671), ewig, uranfänglich, chaotisch: ahd., mhd., mnl., nl.; Folz meisterl. 35, 28 ff. M. vgl. ungesachet 33, 8; ungeschöpft betb. 1518, 206b; dann dieweil das ungeschaffen, das ist das unbeschaffen in dem beschaffenen ist, so ist billich von beyden zu reden Parac. 2, 213 B; disem wesentlichen, increato und ungeschaffenen oder ungemachten liecht Mathesius Sar. 79a; des ewigen und ongeschaffenen bildes 179a; Wackernagel kirchl. 4, 441; ins ungeschaffne meer der bloszen gottheit A. Silesius wand. 14 ndr.; gütte seel. 19 ndr.; wüsten 221 ndr.; dem ungeschaffenen menschen, der nicht wie das thier 'geschöpf' ist allg. d. bibl. 10, 103; ungeschaffene oder halbgeschaffene menschen Herder 17, 107; die ungeschaffne schöpfung chaos 6, 5; diese ungeschaffne nacht 6, 137; Droysen Alex. 2; urbild alles seins Hebbel I 6, 246. gestaltlos (vgl. ahd. scafalôs): hat zum ersten das geringste gemacht, hymel und erden, also das es noch ungeschaffen, wüst und lere gewesen ist Luther 24, 25, 28 W.; der ungeschaffne wust Gottsched d. neueste 7, 713; allg. d. bibl. 6, 2, 288. in der hauptbed. deformis gth. v. geschaffen (th. 4, 1, 2, 3814) 1, von wohl-, schöngeschaffen, also miszförmig, unförmlich, miszgestaltet, häszlich, garstig, scheuszlich u. dgl., syn. übelgeschaffen, ungeschlacht, ungestalt, ungethan, unflätig, ungehäbe, wüst u. dgl., wie im mhd., mnd., mnl., nl.:

die weitten schch, die langen,
die sind ungeschaffen
Hätzlerin 151b, 110;

der ungeschaffenst man, der ye warde Arigo 547, 6 K.; so ist das krut ellend, gel und dür worden, falw und unschaffen (so oft) Keisersberg bilgersch. 182b; ain ... erschröcklich ungeschaffens ungeheur Schaidenreiszer Od. 37a;

jung, alt, schön und ungschaffen
Sachs 5, 290, 1 K.;

[Bd. 24, Sp. 829]


u. von leyb 9, 284, 5; Kreckwitz lustw. 586; am leib Spreng gürtel 37b; ungeschaffenes angesicht, ungeschaffene (s. u.) sitten Gartner dicteria (1598) 71a; farb, rouch, anblick u. dgl. Frisius 1226b; Staub-Tobler 324; gräszlicher und ungeschaffener als der wüste unflätige Thersites Moscherosch 1, 148; gestalt Abr. a St. Clara etwas f. alle 1, 374;

dergleichen ungeschaffen leib
ist dieser zeiten ziemlich teuer
Lichtwer fabeln (1748) 167;

adv.: ir ungestalt ... die fürware kein maler ungeschaffner het malen mügen Arigo 397, 2 K.; Opel-Cohn 94; auff das aller ungeschaffest selen wurtzg. (1515) L 5b. der ungeschaffene tag (wenn er nach Schwaben führ' auf Cannstatt, zum ungeschaffenen tag Mörike volksausg. 2, 140, 157), auch rasttag verstanden (Memminger Canstatt 149), geht auf Suntheims landesbeschreibung zurück; der hs. urtext (da ist alle jar ain tag, haist der ungeschaffenn tag vonn mannen, jungen gesellen weiber und jungfraw, und welcher der ungestältest ist, der gewindt ain rogkh und ander ding darzu, und welche die ungeschäfnest ist, die gewindt ain gürttl, pewttel, handschuh und ander ding Württ. jahrb. f. st. u. landesk. 1884, 2, 127) läszt die auffassung des gen. plur. zu (in abschriften erscheint das flectierte adj.). unansehnlich, unscheinbar, grob: es würd in kurzer frist ein schön lustlich hus ufgericht an ort und end, da vormaln ein u. hus ist gestanden Schade sat. 3, 68; von leder, garn, gut, pfennigen u. dgl. Staub - Tobler 324, 325. als krankheitsbezeichnung (ebd. 324, Höfler 551b): und werdent die finger krumm und knodecht und würt die gestalt u. Gersdorff wundarzney 73, 2b; so magstu nichts an jhm sehen, das dir (für deine diagnose) nützlich sey, als allein, dasz er u. ist, kranck ist Paracelsus 1, 586 b; bes. v. flecken und narben: ungeschaffne mertzen fläcken Gesner - Herold-Forer 59a; Gäbelkover 2, 91; die abscheulichen ungeschaffnen muttermähler Hohberg 1, 548a. von übler bewandtnisz, regelwidrig, unziemlich (Staub - Tobler 324 b, vgl. DWB übelgeschaffen u. geschaffen 2): daz ist ein ungeschaffen ding (laide chose), daz ein kunig so grosz leid füert ... der sol vernunftig sin Morgant 101, 25 B; es ist auch nit unschaffen gesprochen Adelphus ench. h 4a; wann ein kertz den gantzen tag hell brennt, nicht schmiltzt, krümpt oder zerbricht, haben sies für ein sehr gut augurium ... wo aber die kertz sich ungeschaffen helt, haben sies für ein bösz zeichen Franck weltb. (1567) 152a; ist die meinung, dasz Venus ungeschaffen jhres manns Vulcani unwüstig mit Marte die ehe getrennt und gebrochen Kornmann mons Ven. (1614) 147, zur sittlichen bed. überleitend, die heute in ma. (s. Schmeller, Unger - Khull a. a. o.) zu überwiegen scheint: schnöde, üppige, unschaffne und sündliche ding Keisersberg irrig schaf h 2a; orten, die ungschaffen z reden seind (1514) 19b; was du unschaffens und wiestes findest an deinen sitten 50a; was unschaffens am menschen ist (turpia naturalia) post. 4, 21b: von unkeuschheitssünden s. th. 5, 641; wüste, grob, ungeschaffen narren narrensch. 142b; Luther 31, 1, 396 W. u. unadel II A sp. 109; u. an sitten und tugend Sachs 4, 311, 13 K.: linkisch, grob, ungeschlacht Staub-Tobler a. a. o.; unverträglich, unfreundlich Schöpf 586; unverlässig Westenrieder 602; v. geberde, gefert, schimpf u. dgl. Staub-Tobler 324, 1 b; ein schändlich und u. leben Fronsperger kr. 3, 183a; gern von rede, wort, betragen, in ä. spr. stärker tadelnd (Staub-Tobler 325; turpiloquia Keisersberg narrensch. 43c; kumpt es dick, das in einer sproch ein unschaffen wort nit unschaffenlich lutet post. 3, 106), in der n. spr. bedeutend schwächer (vgl. DWB uneben, DWB unrecht, aber auch u. in der schelte): jetzt wird dir im hof kein ungeschaffen wörtel mehr gesagt Rosegger 12, 86; Hügel Wien 176; Unger-Khull 610a. als schelte:

du wuester, ungschaffner stumen Sterzinger sp. 10, 256;

du ungeschaffne person Ayrer 1937, 20 K.; wie haist der ungeschaffene limmel Abr. a St. Clara Judas 4,

[Bd. 24, Sp. 830]


502; du bist mir zu u. (gering, unansehnlich, scheuszlich, nd. minne, lege) sagt man mit der absicht der beleidigung Staub-Tobler 324; mach jn u., sags der sammlung Keisersberg post. 2, 61a; vgl. Hügel Wien 176. als eigenname (1381) Staub-Tobler 325; vgl.ungeschueff, unschueff, unschaffel 393, 307. das adv. nähert sich der blosz steigernden bed. von ungeschaffenlich (Staub-Tobler 326 a; vgl. ahd. unscaf enormis, ingens zu scaf modus): haben sie gar ongeschaffen gewütet Münster cosm. 879; immodice Sachs 4, 242, 5 K.; Thurneisser archid. 55. schweiz. ungeschueffen miszgestaltet, plump, ungeschlacht, ungelenk, durch kreuzung von ungeschaffen und ungeschueff entstanden Staub - Tobler 8, 393. — ungeschaffene, f. = ungeschaffenheit, auch ungeschaffeni, ungeschäffne, unschäffne. Staub-Tobler 325: Absolons hübsche würd geschetzt ungeschaffene Keisersberg bilg. 222d; 220c; dreieck. sp. a a 11b; Hedio Augustin. 50b; Paracelsus 2, 206 a; 175 b; Frisius 1164a. veraltet.ungeschaffenheit, f. , auch unschaffenheit, vgl. unbeschaffenheit. mhd. ungeschaffenheit; mnl. ongescapenheit; nl. ongeschapenheid; gth. v. geschaffenheit 2 wie mhd., mnl.: Tauler serm. (1508) 45a; zu ungeschaffen deformis: schöne oder unschaffenheit Adelphus ench. 36; Sastrow 1, 288; deren u. der ungestalt vieler wilden ... thiern ... gleichförmiger Guarinonius 63. auch im plur. Keisersberg schiff d. pen. 114b; unschaffenheiten dieses handels 21 art. 22 Dacheux; alle jene ungeschaffenheiten und früchten Guarinonius 771. veraltet.ungeschaffenlich, unschaffenlich, auch ungeschaffenglich (Keisersberg sünden d. munds 14a), ungeschäffenlich, ungeschafftlig, unschafflich; adv., später auch adj., einem mhd. unbelegten ungeschaffenlîche entsprechend (ahd. unscaflihho gl. 1, 249, 37 zu unscaf superstitio 249, 34; vgl. nl. onschappelijk; schwed. oskaplig; engl. unshapely zu scaf, skap); schriftsprachlich veraltet, im schweiz. stark entwickelt und bis heute lebendig. Staub-Tobler 326 f. (geschaffenlich [s. d.] folgt ungeschaffen increatus). die bed. ist schriftsprachlich den übrigen bedd. von ungeschaffen im wesentlichen gleich (wie kanst du so u. thun? ysz gemach Keisersberg sünden d. m. 7 c; bedrohlich J. v. Watt 2, 119; dok. z. gesch. d. Hans Waldmann 2, 214), mundartlich reich durchgebildet. Staub-Tobler a. a. o.; s. auch unschaffel ebd. 307. — ungeschaffet, ungeschafft, part.-adj. zu schaffen, geschaffen, seitenstück zu ungeschaffen (s. d.). mhd. ungeschaffet, ungeschaft; mnd. ungeschaffet (mnl. ongescaept deformis zu *scape; engl. shape; mnl. wb. 5, 670); an. úskapðr; altschwed. oskapaþer; dän. uskebt; schwed. oskepad. Staub-Tobler 8, 323 ff. schriftsprachlich fast ganz veraltet, doch mundartlich. ohne zu schaffen: Sebiz 162; Staub-Tobler 325. abintestato on geschafft Diefenbach gl. 3b. ohne etwas geschafft, ausgerichtet zu haben, erfolglos, vergeblich: Teuerd. 25, 123 G.; ungeschaffter sachen ... abzuziehen Kirchhof wend. 5, 58; dinge mil. disc. 196; weise Staub-Tobler 325; unschaffter abzug, abscheid ebd.; etwas ungeschafft ò ungeschaffter thun (far qualche cosa senza ordine (!) Kramer (1702) 2, 451b; du redest viel ... und machst dir damit doch nur ungeschaffte und unnütze arbeit Anzengruber 2, 111; 3, 180; vgl. DWB ohne geschäft th. 4, 1, 2, 3821 g. ungeheiszen: ung'schfft etwas thun, ohne dazu beauftragt zu sein Hügel Wien 176; Kramer (1702) a. a. o.; ultro:

die breite schulter ...
soll er ihm bieten ungeschafft
Stelzhamer 3, 274, 6;

für unangeschafft ( Campe), unbeschafft unüblich. selten für ungeschaffen deformis Staub-Tobler 324; Steinhöwel Äsop 44 ndr.; mit unfletigen ungeschaften worten J. v. Neumarkt Hieronymus 23. increatus s. DWB ungeschaffen. — ungeschäft, n. : ungeschäfte opera nefanda, execranda, labor futilis, damnatus Stieler 1713 unbelegt. vgl. DWB geschäft III 2 h. mhd. ungeschaft, Haltaus 1938, mhd. wb. 2, 2, 74a, Lexer 2, 1868, nachtr. 385, Schade 1032a var. zu Wolfram Willeh. 155, 8 für vîentschaft. — ungeschäftet, part.-adj. , gth. v. geschäftet

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zu schäften 1 (vgl.schaftlos): spiesz Fronsperger kr. 2, hv (dafür ungeschiftet th, 4, 1, 2, 3885; Garg. 317 ndr.); läufe Stahl jäger (1762) 143, 27 (ungeschifteten 212, 34); röhre Hoyer art. 1, 2, 182. — ungeschäftig, adj. adv. , gth. v. geschäftig 1 a (vgl. müszig): ein ungeschäftiges leben Stieler 1714;

dein eifer liesze dich nie ungeschäftig finden
Weichmann Nieders. 4, 101;

genug, der dämon laurte
in seinem hinterhalt, so lang' die mette daurte;
und dasz er dort nicht ungeschäftig war,
macht, was nun folgen wird, uns deutlich offenbar
Wieland 12, 131 Hempel (Clelia u. Sin. 2, 34).

individuell als schonender tadel Reiske an L. bei Lessing 131, 250. dazu ungeschäftigkeit, f., gth. der geschäftigkeit: Stieler 1714; J. A. Cramer aufs. 1, 345; Campe.ungeschäftlich, adj. adv. , gth. v. geschäftlich; anstoszen müssen wir doch, um dem geschäftlichen einen ungeschäftlichen .. abschlusz zu geben Fontane I 5, 69; Sanders erg. 440c. (in ä. spr. ungescheftlich abintestato, -us ohne testament, seelgeräthe Diefenbach gl. 3b.) — ungeschäftskundig Stifter br. 3, 139, häufiger geschäftsunkundig. — ungeschäftsmäszig Varnhagen tageb. 2, 82, s. a. geschäftlos. — ungeschält, part.-adj. zu schälen, vermischt sich bisweilen mit ungeschalt (Staub-Tobler 8, 548. 551. els. 2, 406; aber wir sind auch nicht mehr ganz 'ungeschalet' K. Stauffer fam. br. 234), schalenlos (s. d. Staub-Tobler 548): andere dagegen sind mir feil um ein ungeschältes ei Görres br. 1, 137; Gotthelf 20, 372. vgl. unentschält, mnl. ongescelt rudis.ungeschämig, adj. , gth. v. geschämig (vgl. unschämig). veraltet: ungeschämige (unschämige) werck erst. d. bib. 2, 154, 17; ein hoffertige ungeschemige iunckfraw off. d. h. Brigitte 4, 71; die aller ungeschamigesten hunde C. Guetel new. iar. (1522) e ib; taht Danckwerth Schleswig und Holstein (1652) 2a. dazu ungeschämigkeit, f.: ungeschemigkeyt Sachs 1, 471, 20 K.; viehische u. Guarinonius 948. — ungeschämiglich impudenter, off. d. h. Brigitte 7, 18. — ungeschamper, adj. , gth. v. geschamper (th. 4, 1, 2, 3834. vgl. DWB schamper th. 8, 2120 ff., unschambar Schmeller 3, 417, schambar th. 8, 2110). unkeusch: die ungeschampern (ungeschamberen) wercke erst. d. bib. 2, 139, 5 var.; ein ungeschamppers weib Burleus leb. u. sitt. d. h. meister (1490) 110a; ein wild ungeschampar weib über die masz Aventin 4, 764, 28. veraltet.ungeschämt, act. schamlos Gotthelf 12, 142 wie mhd. ungeschemt. Staub-Tobler 8, 758. ähnlich ungeschaut ohne nähere untersuchung, mhd. ungeschouwet, d. texte d. m. 14, 63, mundartlich Hügel Wien 176; Anzengruber 10, 21; Nestroy 2, 307, 206; Rosegger nixn. volk 146. vgl. DWB unbesehen 2. — ungeschehlich, -keit Campe.ungescheid, ungescheit, gth. v. gescheid, gescheit (th. 4, 1, 2, 3846; t hat sich unter einflusz der unflectierten form festgesetzt); seit dem 17. jh. auch ungescheut wie gescheut (umgekehrt ungescheit ohne scheu Butschky kanzl. 690, irreverens Aler 2, 2085b). ags. ungesceád (-lîce, -wîs u. s. f.). mhd. ungeschîde Hiob 4858, 3333 K.; ungescheide Arigo s. u.; Staub-Tobler 8, 265; els. 2, 394b; Schmeller 2, 374; Fischer 3, 457; obers. 1, 410a; Göpfert 66. vgl. gescheidlos, unbescheid, adj., halbgescheid. gth. v. gescheid 1: der gte geselle der nicht ungescheide und listig was Arigo 175, 9 K.; incallidus (vgl. gescheid 2) Maaler, Schönsleder, Dentzler; veraltet. gth. v. gescheid 3: ich, so ungescheut als ich bin Gryphius lustsp. 457; ich bin zu gescheut (s. gescheid 3 c) ... sehr ungescheut, jungfer Hannchen! C. F. Weise lustsp. 2, 309; das gewöhnliche kennzeichen, menschen vor gescheut oder ungescheut zu halten, ist, ob sie auf ihr thun und wesen merken Zinzendorf Bethelr. 2 (vgl. gescheid 4 und Adelungs umschreibung 'fertigkeit besitzend, von seinen handlungen keinen zureichenden grund anzugeben'); vom thier Steinthal ursprung d. spr. 353 (gescheid 3 b). unverständig, unvernünftig, einsichtslos, unbesonnen u. dgl. (gescheid 4): so musz ich ihnen klagen, wie neulich ein ungescheuter mensch von meiner conduite gesaget, sie sey ein wenig

[Bd. 24, Sp. 832]


frey Menantes art zu schreiben (1718) 507; ist er so ungescheid, dasz er diesem thiere nicht ausweichen wil? Lindenborn Diog. 1, 184; Scheffel 2, 163; ungescheidt handeln Gottsched schaub. 1, 326 ('ohne hinlänglichen grund' Adelung). wie gescheid 4 c von nichtpersönlichem: seine auf sie geworfene ungescheide liebe A. U. v. Braunschweig Oct. 1, 236; maszen es sehr ungescheid sein solte, wann sie also bethen solten J. Kraus schwachheiten (1716) 1, 40;

er läszt der becher viel hinunter sinken
und nennt den brauch der mohren ungescbeidt
Gries ras. Rol. 3, 210;

geschwätz verl. Rol. 3, 171; ich habe bei uns gescheidtes und ungescheidtes nie länger als höchstens ein jahr dauern sehen Görres br. 2, 603. wie das häufigere nicht (recht, ganz) gescheid (4 d); liebt er ..., so wird er plötzlich wie wir alle ... ungescheit Baggesen 5, 51; es freut sie, dasz ein so gescheiter mann um sie zu einem ungescheiten wird Beer 777; die alte meierin schalt ihn ohne viel besinnens einen 'ungescheiten menschen' Meyr a. d. Ries 3, 72; wie ungescheit unter und übereinander purzeln Ludwig 2, 499 (vgl. die steig. bed. unten). im wortspiel kommt das sonst veraltete gth. v. gescheid 5 'unvorsichtig' zum vorschein: dasz ich ... meine ansichten über jedermann ganz ungescheut, vielleicht auch ungescheidt mittheilte Pückler - Muskau a. Mehemed Alis reich 1, 17. gth. von gescheid 6: ain jung ungenietet, unkriegbar und ungscheider mensch Schaidenreiszer Od. 45a; in seinen sachen u. Calagius Rebecca b 4b; einen ungescheuten wichtig in die schule führen Menantes art z. schr. (1718) 362; der sonst nicht ungescheute noch ungelehrte S. Scheibe fr. ged. 8. zwischen dem gth. v. gescheid 7 und 4 steht: wie weit unser ... Voszischer Homer noch von der allgemeinen faszlichkeit absteht, hab ich vor kurzem gesehen, als ich mir von einer jungen actrice, die gar nicht ungescheidt ist, einige gesänge der Odyssee vorlesen liesz Göthe IV 23, 296, 7 W. verallgemeinert wie gescheid 8 (vgl. 4): er (Hardenberg) hat jetzt die nicht ungescheute partie ergriffen, mich vom könige geradezu ernennen zu lassen W. v. Humboldt an Caroline 6, 438. wie gescheidlos 2 verstärkend: über die maszen Schmeller 374; unmäszig, ungebührlich obers. 1, 410a; sehr, auszerordentlich, u. grub ebd.; Göpfert 66; vgl. wie nicht (recht) gescheid, verrückt, besessen, toll u. dgl. Staub-Tobler 8, 264; Fischer 3, 457; obers. a. a. o. Hiob 3333 K.; ags. ungesceád-micel. — ungescheiden, ungeschieden, part.-adj. adv. zu scheiden, nicht gescheiden, geschieden. ahd. ungasceidan. mhd. ungescheiden; mnd. ungeschêden; mnl. nl. ongescheiden; Staub-Tobler 8, 237; Schmeller 2, 370. vgl. unabgescheiden, -geschieden u. dgl. veraltetes ungescheiden besteht neben dem im 16. jh. auftretenden ungeschieden bis ins 17. jh.; Luther und H. Sachs gebrauchen beide formen. im übrigen s. DWB gescheiden, DWB geschieden und DWB scheiden. sinnlich von unausgesonderter seide mhd. wb. 2, 2, 99b; Staub-Tobler 7, 306, gth. gescheiden 8, 236; vom erz (s. scheiden II A 1): es sey doch ungescheiden, ungepocht und ungeröste bergkart Mathesius Sar. 147a; Ercker 113a; Schönberg 1, 137; Jacobsson 4, 484a; Krünitz 196, 296; stoffe Campe; in bild. kunst: die ungeschiedene stellung der füsze Herder 6, 371. vom flusz, ohne sich wie bei der gabelung zu scheiden Sachs 22, 327, 12 G. die rechten ungescheidene charites Nigrinus a. n. zeittunge j ia. übertragen: rechtlich unentschieden (s. scheiden II A 2 b) veraltet ('ungeschiedene' sachen Ranke 1, 342: so ahd., mhd., mnd.; auch part. abs. 'ohne unterschied' mit abh. satz z. b. so wollen wir .. alle leere, ungescheiden ob die gt oder bsz sey, gentzlich verdammen und verwerffen ref.-flugschr. 2, 362 Clemen; Schappeler verantw. 31; Carbach Liv. 37); gemeinschaftlich verantwortlich, solidarisch (mnl. wb. 5, 673, 2; Hess. urkb. 2, 438; mit einer sammenden und ungescheidenen hand Machholt formular 1566, 71a; Schottel 611) veraltet: ohne scheidungsgebot, -urtheil (Luther habs jm gefallen lassen, das einer sein leibliche schwes er und tochter zum weib gehabt und behalten ungescheiden Nas antip. 6, 68a;

[Bd. 24, Sp. 833]


beide eheleute leben von einander getrennt, aber ungeschieden Campe). philosophisch: individuus Niger Abbas 2559 (ahd., mhd., mnl.); indivisim Tauler serm. 1508, 20a: in einer unzertrenten und ungeschiedenen person Mathesius Sar. 140a; ongescheidenheid (Vondel) von der dreieinigkeit nl. wb. 10, 1654, s. unten ungeschei(ie)denheit; selbstexistierende kraft, sie selbst ungeschieden Claudius 7, 17; individualiter, als individuum: ein jedes thier ist ungescheiden in seinem samen Paracelsus 1, 337 a; in der ungeschiedenen einheit Vischer ästh. 2, 9; was ... ungeschieden ineinander verläuft 3, 1, 22; vom ungeschiedenen ausgehend und zum ungeschiedenen, der absoluten einheit, hinstrebend, diesen weg durch trennung zurückzulegen W. v. Humboldt 4, 21; ἄκριτος, indistinctus, unkritisch: mir schwimmt .. alles zu sehr und zu u. herum br. a. Welcker 69; dieser ungeschiedene excerptenwust Voss antis. 1, 336. verallgemeinert 'ohne sich feindlich abzuwenden, in übereinstimmung':

als denn bleyb wir inn allem leyden
gen gott auffrecht und ungescheyden
geduldigklich inn dem ellend
Sachs 1, 356, 17 K.;

Zesen bei Fischer-Tümpel 2, 329; 'verbunden, unentwegt' u. dgl. in der spr. der höflichkeit: allmahl in e. g. diensten ungescheyden Aur. Theophrastus Parac. 1. 688 c; 'unzertrennlich': zu einem ongeschiden weggeferten Franck sprüchw. (1541) 2, 199a; zween ungescheiden geferten der lügen Petri 2, p p vr; Rückert 1, 403; 'einträchtig' (mnl. wb. 5, 673 a 3) Triller betr. 5, 608; Rückert 2, 362; 'bei einander' J. Grimm kl. schr. 1, 265. wie unbescheiden 2, 3 (gescheiden 7 b) 'unverständig, ungebührlich' Sachs 14, 198, 6 G. s. DWB ungelachsen sp. 729. vgl. ungescheidenen (thorheiten, läppische streiche) treiben Schmid schwäb. 456. — ungesch(ei)iedenheit, f. , abstr. zum part.-adj. ungeschieden. Campe. meist in wissenschaftlicher spr.: die rinde und das blatt .. sind noch in ihrer u. und dann oben grün Hegel I 7, 528; Schelling I 4, 456; in embryonaler u. Windelband gesch. d. n. phil. 1, 47. veraltet 'unzertrennlichkeit': von der völligen übergabe an den heiland ... von seiner u. von uns Rhoden schlüssel zu Herrnhut 50. — ungescheidheit, ungescheitheit, ungescheutheit, f., gth. der gescheidheit (s. d. und ungescheid, adj.); ungescheidheit, ungescheidigkeit imprudenza Kramer (1702) 2, 488c; das ist eine grosze u. ebd.; Adelung, Campe; ich sehne mich manchmal nach ungescheitheiten Fontane J. Treibel 14. — ungescheidig, adj. adv. , gth. v. gescheidig. 'ungenau, ungeschickt?': wurde der gantze circkel gantz u. zu gebrauchen sein Curtius pr. des landmessens 61. 'unvernünftig' in ungescheidigkeit imprudenza Kramer (1702) 2, 488c; Chr. Bruno de institutione chr. foeminae (1566) 41a. veraltet.ungescheidiglich, adv. , gth. von gescheidiglich incallide Frisius, Maaler. veraltet.ungescheidlich, ungeschiedlich, adj. adv., gth. v. gescheidlich, geschiedlich. ahd. ungisceidlicho indifferenter Graff 6, 432. ungescheidenlich 'unzertrennlich' Suso 309, 28 B.; da auch jhr zwei zu einem fleische unzertrenlich und ungeschiedlich zusammen gefüget sind Mathesius ep. a. d. Cor. 1, 276a. veraltet.ungescheniert, part.-adj. adv. zu geschenieren (Staub-Tobler 8, 794 u. ö.) mundartlich für ungeniert (s. d.). — ungeschenktes handwerk 'ohne geschenk' s. DWB geschenk (th. 4, 1, 2, 3854) 1 c, schenken II 6; Jacobsson 8, 56b; wie es mit geschenckten und ungeschenckten handwerckern zu halten Negelein v. bürgerl. standt (1607) 82; Fischer schwäb. wb. 3, 461. — ungescheut, part.-adv. adj. zu (sich) scheuen (s. d. II 1, 3). ein schriftsprachlich nicht entwickeltes gth. geschücht befangen, blöde, scheu u. dgl. Staub-Tobler 8, 136. mhd. unschiuhende wb. 2, 2, 109b, unschüchend nicht pestverdächtig Staub - Tobler ebd.; Schade setzt auch ein mhd. ungeschiuhet an; unsere belege beginnen mit dem 16. jh. nl. ongeschouwt Kramer (1719) 2, 227c. zu den formen ungescheucht (ungescheicht Brandis ehrenkr. 43), ungescheuht, ungeschyhen (Abr. a St. Clara bei Schöpf 604), ohngeschiehen,

[Bd. 24, Sp. 834]


ungeschochen, ongschohen u. s. f. s. DWB scheuen u. Staub - Tobler 136, 138; zu der scheinbaren vermischung mit ungescheid s. d. ohn gescheuet Thomasius d. schr. 173. unbeschochen Staub - Tobler 8, 143; unverschüen ohne scheu, rücksichtslos els. 2, 391a. vgl. DWB scheulos, unscheuch (Staub-Tobler 8, 121), unabscheulich (s. d., zu Cysat jetzt St-T. 8, 142, 141, 'nicht zu verscheuchen, -treiben', zu H. Sachs ebd. 141 'nicht abzubringen', 'unabtreiblich'). veraltet als part. abs. m. gen., z. th. präpositionsartig: in dem der edl beherzt jung man ungescheucht des eisenfressers auch herfür zoch Wilw. v. Schaumburg 50; auch ungescheuwet seiner jugent ... haben ihn die Römer ... erwehlet Kirchhof wend. 1, 33; ungescheucht des eides Frankf. ref. 1, 44; dessen ungeschewet Weckherlin 1, 293, 31;

Galathee, ich wäre blieben,
ungescheut der kriegesnoth
Opitz 2, 184;

ungescheucht desz kayserlichen verbotts Brandis ehrenkr. 183; scherzhaft alterthümelnd:

ungescheut des sumpfs kibitzen
gehn sie die gefleckten eier
aus dem neste wegstibitzen
Rückert 2, 247;

mit abh. satz:

man griff sie, ungescheut dasz sie auch stärcker waren,
in den verschantzungen mit solcher kühnheit an
Besser 1, 211;

conjunctionsartig: und ungescheicht sie ihme (Caligula) in zaghaffte flucht gejagt, war jhm doch nit zu vil den statt rath zu bereden, als ob er sie gäntzlich übermeistert hätte Brandis ehrenkr. 43. ungescheuter sachen Logau 330, 11; dingen Staub - Tobler 137. oft bezieht sich das part. auch auf den einzelnen fall, z. b. dasz er auch ungescheuet (ohne dasz man strafe fürchtet) in dieses zimmer darf geführet ... werden Ziegler ban. 28, 9. die adjectivierung führt selten zum passiv (den harmlosen ungescheuten [awless] thron A. W. Schlegel Shakesp. 9, 88, Rich. III. 2, 4), regelmäszig bleibt act. auffassung; das adv. steht dem part. recht nahe; zu scheuen II 1 a v. thieren: raubwild, welches ungescheuet an die städte sich nahen soll Olearius beschr. (1696) 147; Brehm tierl. 6, 461; Lindenborn Diog. 2, 54; von menschen und allgemein 'ohne scheu, furcht, bedenken, rücksicht, bindung, bedingung': es reutten auch dieselben reutter ungescheucht durch die dorffer Th. v. Absberg 49; ungeschewet das schwert füren Pape bettelteuffel r iv;

durch den strengen Charons flusz
oder durch den Tenarus
wolt' ich ungescheut mich finden
Dach 350 Österl.;

baden Lohenstein Arm. 2, 90b; benebens beding, dasz jedem ungescheuet zugelassen seyn solte, das besagte zu widerlegen Harsdörffer gespr. 3, 139; Treuer Däd. 1, 35;

wer ein gelehrter ist, der kennt auch meinen namen
und hält mich ungescheut den andern weisen gleich
Gottsched d. neueste 4, 297;

weil Petrus ungescheut
beym leiden froh zu seyn, den gläubigen gebeut
Zinzendorf ged. 121;

ihr könnt mir immer ungescheut,
wie Blüchern, denkmal setzen
Göthe 5, 1, 103 W.

'freimüthig' in äuszerungen aller art: das er ungeschewet die warheit sage Luther 32, 466, 20 W.; ungescheucht (unentferbt) fürgeben Sattler 379; ansprüche erheben Schiller 14, 193; bestreiten Keller 2, 51: rund und ungescheut begehren (.. ungescheutlich würde übel klingen) Schottel 775; frey und ungescheuet Amaranthes frzl. 448; u. und unverhalten Fr. v. Baader 1, 16; anderseits stark tadelnd 'frech, schamlos, schändlich, unverfroren': sodomitterey, die sie u. uben Sandrub kurzw. 38 ndr.; und das thun sie desto ungescheuter (von unterschlagungen) Olearius beschr. (1696) 30; ganz u. Falk sat. 1, 48; bücher aufs ungescheuteste plündern Nicolai reise 4, 680; in ungescheutester weise Häusser d. gesch. 2, 185. das adj. entspricht in seiner entfaltung der des adv.: ungescheuet, unerschrocken Treuer Däd.

[Bd. 24, Sp. 835]


1, 170; Aler 2, 2085b; die rechte eigenschaft des marsches ist was heldenmüthiges und ungescheutes Mattheson capellm. 229; furchtlos Immermann 19, 265; durch kein bedenken beeinträchtigt: unser ungescheuter fleisz Logau 440, 201, 98 (vgl. keinen fleisz scheuen); die ungescheute erfüllung meiner pflicht n. schausp. (1771) 6, 4, 152; aus dem ungescheuten gebrauch jenes rechts Wieland Ag. 1, 128. ungewöhnlich ungescheuete schriften, deren verf. die 'feile nicht achten' Herder 27, 138, 323. freimüthig von äuszerungen: sein frei und öffendliches, ungeschewtes glaubens bekäntnüsz Rinckhart ritter 4 ndr.; bedencken Fischart discours a 1a; mit ungescheuten worten Zinkgref ap. 81; Göthe 2, 249, 585 W. schamlos, frech: ein ungeschewet täglich gewerb Fischart bin. 255a; dieberey Dannhawer cat. 2, 330; räubereien Ranke 42, 336; die ungescheute publicität des lasters Bode Mont. 2, 280; ungescheutere grausamkeit J. v. Müller 1, 491; die ungescheuteste frechheit. selten prädicativ: seither wird ... der raub ungescheuter, kühner Gentz 4, 37. vereinzelt mit um:

die um ihr thun sind ungescheut (unbekümmert) narrenschiff L. bei
Zarncke 59 a.;

A. v. Sternberg bei Sanders 2, 912a. dazu ungescheutheit, f.ungeschicht, ungeschichte, f. (adv. adj.), gegenstück zu geschicht, geschichte; ob spuren sächlichen geschlechts vorliegen, lassen unflectierte formen nicht erkennen; zum m. s. unten. die bildung geht von geschichte 1 mit un iv b aus und wird gelegentlich, wie on (alle) geschicht Fischer schwäb. wb. 3, 464 (ân geschickt Staub-Tobler 8, 529 f.) lehrt, nach ungefähr in eine bildung mit ohne umgedeutet (ebd. 156). die begriffliche abgrenzung gegen geschicht(e) ist oft verwischt (von geschicht = von u., s. geschichte 1 b γ; geschichte als unheil, verbrechen, krankheit = u., s. geschichte 1 c, 5 e β). lautlich flieszt u. nicht selten mit dem verwandten ungeschickt zusammen (Staub-Tobler 8, 530. 155 f. 512 ff.). bis auf die bez. des kobolds im tirol. (Schöpf 605, Höfler 566b) nur der ä. spr. angehörig (mhd. ungeschiht; mnd. ungeschicht; Staub-Tobler 8, 155; Schmeller 2, 388; Fischer 3, 464; Haltaus 1938), schriftsprachlich im 17. jh. veraltet. Campe hat es erfolglos als brauchbar wieder empfohlen. vgl. die nahestehenden ahd. misseskiht, mhd. misse(ge)schiht, mnd. mnl. wanschicht (th. 13, 675 wahnschicht), unschicht, (s. schicht 1 c), ungeschick, ungeschickt. dem älteren misseskiht (Notker 1, 23, 22; 37, 11; 78, 26 P.), missegeschiht entsprechend 'fehlerhaftes geschehen, unglücklich auslaufende begebenheit, böse fügung, böser vorfall', bes. 'unglücklicher zufall, miszgeschick': Staub - Tobler 8, 156, 1; Lexer 2, 1865; von Bittergrolls einfall sintemal es .. von keim sinnbegabten menschen kan gebilichet werden, sondern von allen einheimischen und fremden, zu denen dise ungeschicht auszbricht, wol für ein exempel und muster menschlicher unbestendigkeit mag auffgenommen ... werden Garg. 342 ndr.; 'eine unangenehme böse geschichte, ein unangenehmer vorfall' Campe; von u., wie mhd., 'durch unglücklichen zufall' (s. geschichte 1 b γ): von ungeschicht in der unmenschlichen risen land getriben Schaidenreiszer Od. 35a; von ungeschichten Carolina 146; van ungeschicht Kantzow bei Schiller beitr. 17 (vgl. van sulker unschicht ebd. 9. 16, auch fast nur modal mit wat unschicht ebd., s. DWB geschichte 2, 9 b); ausz u. Rollenhagen froschm. 1, 2, 5 j va. dann 'unerwarteter zufall':

sich fügt ains tags ain ungeschicht
Hätzlerin 134b, 20;

Staub-Tobler 156; durch diese ungeschicht und zufellige sachen E. v. Meteren nl. krieg (1614) 412b; so am häufigsten von ungeschicht (ex improvisu, ex abrupto Diefenbach nl. böhm. wb. 114; casu ... zfellig, ongeuerde voc. pred. 1486 d iiib; bisweilen mit von geschicht [geschichte 1 b γ] zusammenfallend; ebenso van unschichte Schiller beitr. 17, mnd. wb. 5, 52a, von unschicht Campe 5, 183b, von wanschicht, von ungeschick(t), von ungefähr): nun hett er von u. ein schöne eeliche hauszfraw Luther 11, 280 W.; Eyering 1, 312; von u. wegen b. der liebe 243, 1; von ungeschichten Keisersberg

[Bd. 24, Sp. 836]


schiff d. pen. 53; Wilw. v. Schaumburg 25; Herr zuchtbücher vorr.; G. Widman chronica 79 Kolb; mit unschychte Schiller beitr. 16; aus ungeschicht Krüger Clawerts hist. 50 ndr.; Rist poet. lustgarte j 4; adverbial wie ungefähr, wanschicht: Schöpper h v i jb;

nun begab sich auch ungeschicht,
das am meerport hielt ein patron
Sachs 8, 708, 25 K.;

Xylander Pol. 384, u. o.; adjectivisch: ungeschichter dingen Schaidenreiszer Od. 9b; die bed. färbt sich wie bei ungefähr: von ungeschicht wegen 'unabsichtlich, versehentlich' städtechron. 17, 146, 29; niemants ist von ungeschichten gt 'ohne sittliches wollen' Herr zuchtb. 139a; 'absichtslos, ohne vorbedacht' im sinne des rechtlichen ungefährbegriffs (ungefähr sp. 658, 2 a): Carolina 146 s. ungefährlich sp. 661, 3 a; dafür auch ungeschichts Car. 148. rechtlich-sittlich wie (böse) geschicht (geschichte 5 e, b β) verbrechen, unthat, frevel: Lexer 2, 1865; Staub-Tobler 2; durch sllich ungeschicht ires sunes ward Y. beweget Stainhöwel ber. fr. 305, 33; miszhandlung von gattin und tochter Dnl. 12, 1, 459, 37; unheil, verwundung, gewaltthat Neidhard Fuchs 2759; wüstes, rohes wesen im hause 978; sünde Folz meisterl. 14, 123 M. vgl. j. Titurel 6128; allgemein:

das almsen treibt alle ungeschicht volksl. 1, 416, 4 L.; 1, 424 Uhland.

bei der tirol. bez. der bösen wichtel- oder butzdämonen als un(ge)schichten, -el (Höfler 566b, der unschicht Schöpf 605) hat sich wahrscheinlich ungeschicht in der geschichte 1 c, d entsprech. bed. erhalten, die krankheitsbezeichnung wäre dann wie bei unfall auf den sie verursachenden dämon übergegangen.ungeschichtet, part.-adj. , geologisch gth. von geschichtet (s. schichten 2 a). Campe. Ritter erdk. 5, 702; Oken naturg. 1, 776; Scheuchenstuel 209. — ungeschichtlich, adj. adv. , gth. v. geschichtlich 3, unhistorisch. engl. unhistorical; schwed. ohistorisk. Campe. s. unhistorisch, ungeschichtlich Geiger d. wort geschichte 21. vgl. geschichtlos: dem ungeschichtlichen vorurtheil Schleiermacher I 5, 396; dieser name ... ist ... u. Hegel 15, 34; höchst u. und undiplomatisch aber ist es zu sagen Gentz 3, 98; sinn Lange mat. 335; ereignisse Jhering geist 1, 51; adv. u. entstanden D. F. Strausz 3, 34. subst. vorliebe für das rohe und ungeschichtliche Laube 5, 291. dazu ungeschichtlichkeit, f., gth. der geschichtlichkeit. Campe. in weiterem sinne: nachdem er (Leo) so seine meisterschaft in der u. bewiesen (vorher wie weit der verf. ... gekommen, die geschichte zu verlernen und zu entstellen) Fr. L. Jahn 2, 803; enger u. eines ereignisses, einer person (F. A. Ewald über die u. evangelischer geistlichen in D.). ungeschichtlichkeiten Sanders erg. 446b. in ä. spr. steht vereinzelt ungeschichtlich für von ungeschicht: darnach fiel A. ungeschihtlich (casu) ausz Rom G. Alt übers. v. Schedels chr. 88b. — ungeschick (ungeschicke [s. geschick, geschicke] heute veraltet u. mundartlich), n., früher auch m. (s. geschick; vereinzelt manchen ungschick Gengenbach 283 G.; in vollem zorn über den verderblichen u. E. Th. A. Hoffmann 10, 43; zum abstractum als bez. der person s. u.), gegenstück zu geschick. mhd. ungeschic, m.; mnd. ungeschik, n.; mnl. entspricht ongescickenesse; nl. onbeschick. Staub-Tobler 8, 502; els. 2, 404b; Schmeller 2, 368; Albrecht Leipzig 1132; obers. 2, 598b; lux. 315b. bis heute in wbb. ungleich beachtet; nicht bei Stieler, Frisch, Adelung; nur zur bez. eines ungeschickten menschen bei Kramer-Moerbeek und bei Campe (als wort des gemeinen lebens). vgl. misz-, fehl-, irrgeschick, ungeschickte, ungeschicht, ungeschichte, unschick, wahnschick. geschick I 1 entspr. 'ungünstige fügung, schickung' (veraltet): er wirt nit ansehen üwer armut, inn welche ir kummen sind durch mancherley ungeschick ref. flugschr. 1, 244 Clemen; so kömpt des ortes durch ungeschick des glücks der comptor von C. Schütz Pr. 1, h iiia. von ungeschick(e) wie von ungeschicht (mhd., mnd., Staub-Tobler 502, 1; vgl. ôn geschick ebd. 501); 'zufällig': als er abends von ungeschicke umb die stat spaciren gieng Fries chr. 301; von ungeschick fr ein raubschiff daher Schumann nachtb.

[Bd. 24, Sp. 837]


126, 34 B. u. ö. geschick I 2 entspricht eine in mundarten (Staub-Tobler 502, 2; els. 2, 404b; vgl. Auerbach unten) gepflegte und in neuerer schriftspr. hervorgezogene bed. 'böses schicksal, miszgeschick, unheil': wie solcher (ihr vorgänger) .. durch's ungeschick sich durchgehalten, dann dem geschick nachgeholfen Göthe IV 29, 122, 4 W.;

nun folgt ein groszes ungeschick,
der bart entflammt Faust 5934;

Müllner 2, 43; Brentano 3, 303; hätte er nicht ... X. vor dem ungeschick bewahren müssen? Auerbach 13, 188. gth. v. geschick III 1 (rechte art, richtiges, passendes verhältnis, schicklichkeit, ziemlichkeit): dasz metaphora in der artzney ein ungeschicke ist zu brauchen Paracelsus 1, 283 C.; und wer das jetzundt auch kein ungeschick, dasz wir solches theten b. d. liebe 205, 4; ungeschick infacetiae Schönsleder y y 7b; improportione Kramer (1702) 2, 512c;

von seinem unsinn, seinem ungeschick
erzähl' ich nichts
Göthe 12, 125, 147 W.;

gth. von ins geschick bringen: wie denn der wein die eigenschaft hat, bisweilen .. was geschickt vorbedacht war, ins ungeschick zu bringen Alexis Rol. 1, 390; vgl. schwed. oskick unordnung. miszverhältnis Vischer ästh. 1, 370. zum gth. v. geschick III 2 s. geschickte. gth. v. geschick III 4 (gute manier, wohlanstand): alles ist bey jhnen (den trinkern) vol ungeschicks Ambach zusauffen d 1a; dasz si ... viel ungeschicks begiengen Kirchhof wend. 2, 260; ein ungeschick begehen turpiter offendere Schönsleder;

da heist es: je mehr ungeschicke,
je gröszer schelm, je gröszer glücke
Henrici 1, 140;

schwächer: ungeschick, rohheit, mangel an bildung Göthe 40, 271, 9 W. was sich nicht schickt, unschicklichkeit Grillparzer 2, 155 s. schmerzerinnerung. in der hauptbed. gth. v. geschick 5 (anstelligkeit, fähigkeit, gewandtheit, geschicklichkeit): der junger ungeschicke aber erreichte noch nicht dise geheymnusse M. Risch paraphrasis (1524) j i 4b; als ob der mensch etwas anderes aus sich selber hätte als die dummheit und das ungeschick! Göthe gespr. 8, 74; Bohner 86; ein stümper, der aus unwissenheit und ungeschicke gefehlt H. Meyer kl. schr. 138, 29; plumpes Heine 6, 69; das kläglichste Görres 1, 118; dank dem ungeschick unsrer militärischen polizei Bismarck gedanken 2, 60; M. hatte das u. gehabt, diese strebsame capacität schlecht zu behandeln 1, 113; der dämon des ungeschicks E. Th. A. Hoffmann 1, 230; bei allem un- und miszgeschick Keller 5, 327. zur poesie Gutzkow 9, 208; in der technik Böhme g. d. tanzes 291; mechanisches Solger nach. 1, 245, 19; technisches Scherer litg. 401; vgl. ungeschicklichkeit; in dieser bed. zur bez. eines ungeschickten: ungeschick, m., onbeschick, lompert, een onhebbelijk mensch Kramer-Moerbeek 2, 365c; ein ungeschickter m., der alles ungeschickt vornimmt, vollbringt Campe; onggeschek, m., lux. 315b. hier finge der ungeschick doch wieder neue stänkerei an Alexis hosen (1877) 249; der kleine u. Laube jagdbrevier (1841) 102; herr Ungeschick! Sanders erg. 446c; Hans U. Wander 4, 1433; ungeschick läszt grüszen 1434, Sanders 2, 914b, Sachs - Villatte 1832b, vgl. ungeschickt; ungeschück hat auch offt glück Treuer Däd. 1, 677, Wander 1433; scheltend du alt's u'geschick! obers. 2, 598b; vgl. ungeschicklichkeit 4 ein ungeschickter vogel.ungeschickerlich, adj. adv. , gth. v. geschickerlich, mundartlich erhalten, z. b. in onggeschekerlech, -kêt ungeschickt, -heit lux. 315b. vgl. unschickerlich. — ungeschicklich, adj. adv. , gth. von geschicklich. mnd. ungeschiklich (inordinatus, 15. jh.). Staub-Tobler 8, 527. Hentrich 60. in ä. zeit (wie noch bei Kramer-Moerbeek) oft nur als adv. verzeichnet; in der n. schriftspr. durch ungeschickt und unschicklich zurückgedrängt, während ungeschicktheit wieder durch ungeschicklichkeit überflügelt wurde. vgl. DWB ungeschickerlich, DWB unschickerlich, DWB unschickig, ungeschicktlich (miszgeschicklich individuelle bildung Droysens aus miszgeschick Sanders 2, 915c). zur bedeutungsentwicklung s. das ausgebildetere ungeschickt und ungeschicklichkeit.

[Bd. 24, Sp. 838]



1) inordinatus, incompositus (vgl. geschickt 1): wir ... Saracenen ... entdeckten, gantz u. undereinander daher marchirendt theatr. amoris 1, 86. dazu mnl. ongeschicketheit (wb. 5, 677, 2).
2) von unrichtiger, ungestalter, scheuszlicher beschaffenheit, art, von solchem wesen (vgl. geschicklich 1, ungeschickt 1 a, b); auff das der mund nit gerumpfen ... werde oder ain ungeschickliche form gewin, so er würt reden Braunschweig chir. 52a; desz teuffels arth ist beim ungeschicklichsten, beim unsauberisten Parac. 2, 262 b.; incongruus, ungünstig: unter des himmels ungeschicklichen lauff 2, 374.
3) ungelegen, unzeitig (ungeschickt 2): importune, incommode Frisius; intempestive Stieler; mal à propos zeit. -lust 364.
4) ungeeignet, untauglich, unpassend, unzutreffend, ungereimt, thöricht (ungeschickt 3 a): man mag auch bi den flüssen der wasser nit u. verston das heilige wasser L. Jud a. d. e. psalmen 20b; Agricola bergw. 312; wie u. sie sich rühmen Rätel schl. chr. 370; es ist mancherlai der haiden glauben u. Aventin 5, 37, 9; die meisten wörter endlich sind so u., dasz Gottsched d. neueste 3, 739;

ich habe dich auserlesen
vor vielen in dem weltwirrwesen,
dasz du sollst haben klare sinnen,
nichts ungeschicklichs magst beginnen
Göthe 16, 124 W. (H. Sachsens poet. sendung 42),

vgl. unten 7.
5) unrecht, sündhaft, verrucht, ungehörig, unangenehm, fatal (ungeschickt 3 b, c): appellare injuste ... ungeschicklich appelliern Schöpper g vija; aufschlagen Staub-Tobler 527; die sacrament u. gebrauchen Eberlin v. Günzburg 2, 120 ndr.; solich ongeschicklich und verderblich onainigkait Marstaller aufruhrbuch 2; dieselbigen geitzhälse mit jhren ungeschicklichen, eigennützigen händen Königsb. dichterkr. 255 ndr.; das war u. incommode hercle Boltz Ter. 38b.
6) ungeübt, dumm, unwissend, unerfahren, träge, ohne geschicklichkeit (ungeschickt 5, geschicklich 3): indocte u., unartlich Frisius: imperite, inscite Frisius, Reyher:

alleine, dasz ihr nur so ungeschicklich seid,
die ihr die menschen mahlt mit ihren narren-kragen,
ihr pflegt die farben zwar nicht sparsam aufzutragen,
doch dasz bald schatten fehlt, bald liecht, bald ähnlichkeit
Zinzendorf Socrates 140, 32;

statt ungeschicklicher bewegungen, ein ungeschicklicher tänzer ist der schriftsprache ungeschickte bew., ein ungeschickter t. geläufig.
7) unschicklich, gth. v. geschicklich 4, vgl. ungeschickt 5 g. Staub-Tobler a. a. o.: ich empfindt die ding u. sein, die wir thnd Boltz Ter. 95b; nichts so ungeschicklichs oder ungebürlichs (vgl. oben 5) vor erbaren frawen oder junckfrawen z reden were Frey garteng. 6, 26 ndr.;

das dauchte ihr gar ungeschicklich
Zinzendorf ged. 214;

im gleichen spielte er sehr ungeschicklich
den vornehmen herren
Kortum Jobs. 1, 176;

auch in der unter 4 gegebenen Göthestelle flieszt etwas von dieser bed. ein; das wort empfahl sich dort formal durch seltenheit und alterthümlichen beiklang, inhaltlich durch bedeutungsverwandtschaft mit ungemäsz 3 d (Boucke wort u. bed. 22). — ungeschicklichkeit, f. , mangel an geschicklichkeit und gth. der geschicklichkeit. neben mhd. ungeschicketheit, mnl. ongescicketheit, ongeschickenisse stellt sich im 15. jh. ungeschicklikait (Taulerdrucke für älteres ungeschicketheit), ungeschicktlicheit (Terenz 1499); auch später noch ungeschicklickeyt ( Luther), ungeschücklikeit (Carlstadt), ungeschicklicheit (Carolina), ungeschichligkeit (wie ungeschicht für ungeschickt) Frisius 288b, ungeschlickigkeit Duez 102 u. ä. vgl. ungeschick, ungeschicktheit, ungeschicktlichkeit. über das äuszere verhältnis zu ungeschicktheit s. ungeschicklich (schon in Frischlins nomcl. 172 steht iners ungeschickt neben inertia ungeschicklichkeit, ähnlich Wickram 2,

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244, 31, wie heute). Staub-Tobler 8, 528. für inhabilität Kinderling 283.
1) ungeschicklich 2, geschicklichkeit 1 entsprechend, unrichtige beschaffenheit, unzulänglichkeit, hindernder umstand, übelstand, unzuträglichkeit: gleich wie das goldt und sylber (durch läuterung) von allen jhren ungeschickligkeiten hinweg genommen werden Parac. 1, 811 a; schlechtes wetter 2, 650 (onghescickenisse weders mnl. wb. 5, 676); impedimenta naturae Frisius 654b; des bodens u. Sebiz 20; man saget, so der adler z hohem alter komme, ... so könne er von der ungeschickligkeit wegen des wachsenden ... schnabels nicht mehr essen Heyden Plin. vorr. 3a; Staub-Tobler 528 a. abstracter für geistliche unaufgelegtheit, dürre Tauler serm. (1508) reg. 3a; pred. 304, 11 V.; voreingenommenheit Keisersberg post. 2, mb; für ungelegenheit, unzuträglichkeit: die monopolia haben dem reich ... viel ungeschicklichkeiten und ungemach zugefügt Frisch 2, 177b aus 'Carol. IV. imp. capitul. art. 7'; Bair. landtsordn. (1553) 22b; wenn sonst keyn ungeschicklicheyt (hindernder umstand, der es unschicklich [vgl. 5] erscheinen läszt) da ist, were es kein sund, wer am abent oder mitternacht mesz hielt Luther 10, 2, 242, 28 W.; ungeschickligkaiten nach der orthographia reformieren Ickelsamer 27; ungeschicklikheit und gebrechen diser tragedien Vogelgesang-Cochlaeus gespr. 13 ndr.; die armuth und u. der sprache (vgl. 3) Gottsched d. neueste 4, 620; Geiler scheidet zwischen der narrheit, die eine folge von u. und gebrechen der natur ist, und ... Gervinus g. d. d. 2, 355, doch wird der unaufmerksame heutige leser u. 4 verstehen; dasz diese bed. der n. spr. im wesentlichen verloren gegangen, lehrt: dasz hier (im Hamlet) ein ganzes königliches haus durch innere verbrechen und ungeschicklichkeiten (bethätigungen der unzulänglichkeit, H. ist der aufgabe nicht gewachsen) zu grunde geht Göthe 22, 164, 8 W. N1, wofür N2—C unschicklichkeiten. vgl. miszgeschicklichkeiten unzuträglichkeiten Heine 3, 375. in ä. spr. gern von krankhaften zuständen (vgl.üble geschicklichkeit und indispositio) Höfler 566b: cachexia ungeschicklichheyt des leibs Alberus; des magens Wirsung (1588) 65c; der nieren 479b; indisposition, unpäszlichkeit und ungeschlickigkeit invaletudo et mala dispositio Duez 102. allgemeiner für defectus Carolina 2; Frisius 288b (vitium). verblassend und mit 2, 5 gemischt: die u. des glücks zu ersetzen Göthe IV 4, 164, 4 W. (ut importunitati fortunae consulerem).
2) ungeschicklich 3 entsprechend, importunitas, intempestivitas Alberus: nach u. derselben zeit Rätel schl. chr. 384, aber undeutlich. veraltet.
3) wie ungeschicklich 4 verkehrtheit, ungereimtheit: die thorheit und u. derer weiber verlachen, welche sich bereden lassen, das eine den mon vom himmel zihen könne Fischart ehzb. 179, 5 H.; für soloecismus u. und miszbrauch zereden und zeschreyben Frisius; veraltet oder verdunkelt (auch habe ich mich ... über die u. verwundert, womit das grosze format der kupfer ... angepriesen wird Görres br. 3, 122). länger erhält sich die bed. 'untauglichkeit, nichteignung, ungeeignetheit': jhe mehr ... der menschen ungeschickligkeit für sich gehet Parac. 2, 418; die u. des werckzeuges Lohenstein Arm. 2, 545b; einer circulatio Heinichen generalb. 846; die u. des werkes für die bühne F. Schlegel mus. 1, 445. unüblich geworden.
4) ungeschicklich 6 entsprechend, doch reicher entwickelt. vgl. DWB geschicklichkeit 3 und ungeschickt 5. mangel an natürlicher begabung und deren äuszerung (geschicklichkeit 3 a) Wolff v. gott 229. unbefähigung, unfähigkeit (gesch. 3 b): ihre u. sich auf andre art zu vergnügen Möser 3, 130; die u. unsrer musiker, sänger und tänzer in der kunst der gesetzgebung Gerstenberg rec. 243, 11 ndr.; u. zu J. J. Engel 3, 7; von sachen (der d. sprache grobheit und u. Morhof unt. 1, 3) eher nach 3 weisend. unklugheit, unweisheit (geschicklichkeit 3 c): wo gott ... das imperium nit erhielt, so möcht es durch die ungeschicklickeyt und sorg und untrew der menschen nit lang bestehen Franck chron. G. 21a;

[Bd. 24, Sp. 840]


verblassend Brentano 5, 319. heute fast nur mangel an körperlicher und geistiger gewandtheit (geschicklichkeit 3 e, c), an kunst, fertigkeit, tüchtigkeit u. s. w. und deren gegentheil; unerfahrenheit, unwissenheit, trägheit, dummheit u. dgl. Zedler 49, 1458: aber usz unfürsichtigkait und auch ausz ungeschicklichkeit der leut ... ist Hanns Thoman und zwen knecht mit ime mit zweyen pferden hinweg komen Th. v. Absberg 137; plump ist mehr eine u. des körpers als der seele oder der sitten Gottsched beob. 121; Bode Mont. 4, 459; die kleinen ungeschicklichkeiten im spiel Steub drei sommer 1, 58; für einen vogel, der aus dem neste gefallen war die kleine u. Therese von Bacheracht H. Burkart 36; durch seine (des chirurgicus) ungeschicklichkeit Gersdorff wundarzney 2a; der schauspieler Göthe 47, 271, 26 W.; er entschuldigte sich wegen seiner u. im französischen vortrage derselben (einwürfe) Gottsched d. neueste 4, 300; u. der behandlung Brentano Godwi 2, 29; bald aber hatte ich die u. (war ich so ungeschickt), mein licht auszulöschen Pfeffel 5, 50.
5) unschicklichkeit, gth. v. geschicklichkeit 4; vgl. ungeschickt 5 g, unschicklich, -keit. in ä. spr. mit nachdrücklicher tadelnder bed. (vgl. ungeschickt 3 b): sie leren in der betlerey vil mer bberey und ungeschücklikeit dan tugent und leer Carlstadt v. abthuung d. bylder d 4b; sehen da die ungeschickligkeit (importunitatem; temulentast) der häszlichen vettel Boltz Ter. 8a; um dein ungeschickligkeit oder übertrettung Arnd Th. v. Kempis 127. abgeschwächt von äuszerem wohlanstand, tact(gefühl), convenienz u. dgl.: ein prediger hatte Maria einen unschicklichen ausdruck in den mund gelegt, er besann sich aber doch widerumb seiner u. Kirchhof wend. 2, 152; wer wird eines miszverhältnisses zu einem manne wie Herder öffentlich erwähnen? wer wird sich dabey durch anschuldigung anderer entschuldigen wollen? doppelt und dreyfache u. Göthe IV 30, 81, 15 W.; u. einer werbung durch den betrunkenen bader Ludwig 2, 236. nach 4 umzudeuten: das ungepanzerte rosz (bei der tjost) zu treffen, war grosze u. Freytag 18, 21. — ungeschickt, adj. adv. , i. a. gth. v. geschickt. mhd. mnd. ungeschicket; mnl. ongeschicket; nl. ongeschickt; dän. uskikket. Staub-Tobler 8, 515; els. 2, 405a; Schmeller 2, 368; Schöpf 180. 606; obers. 2, 598b; u. läszt grüszen in mundarten Wander 4, 1434; de Bo 673a. verbreitung und häufigkeit der einzelnen bed. sehr ungleich. vgl. DWB ungeschickerlich, DWB ungeschicklich, ungeschicktlich; miszgeschickt Sanders erg. 447a. gelegentlich (wie in ma.; Staub-Tobler a. a. o.) mit ch statt ck (s. ungeschicht); wie t in ungeschicktlich eintritt, fällt es häufig im superl. aus (am aller ungeschickesten Luther 6, 125b Jen.; Hutten 2, 186, 36; Fr. Wilhelm sprw. reg. 9 β, n. 954; Aitinger jagdb. )( iib) oder ab (ain knecht, der nicht ungeschick wäre Steinhöwel Äs. 41; Petri 2, j ii viib; vgl. ungeschickhayt Tauler serm. 1508, 46a).
1) gth. v. geschickt 1 (wol geschicket), übel gemacht, bereitet (ungeschickteu haupt der schwachsinnigen Megenberg unter geschickt 1; eyn ungeschickts lager Luther 34, 2, 502, 22 W.; ein ungeschicktes viereck trapezium parallelarum basium Zedler 49, 1150).
a) nicht oder mangelhaft in ordnung gebracht, zugerüstet, vorbereitet; unzulänglich: da hörets nu auff, das die erde nimmer so wüst und u. ist, und kömpt nu ans liecht und gewynnet ein rechte gestalt Luther 24, 35, 29 W.; gepeu öst. weist. 10, 3; haar und part H. Haug d. Hungern chr. 3b; wege Chemnitz 2, 106; felsenstufen Eichendorff 3, 449; vorrichtungen Göthe II 4, 84 W.; von einem zu kleinen, unpractischen buffet am bahnhof: das ist eine ungeschickte einrichtung Steub wand. 5, vgl. bed. 3; meine vielen, ungeschickten (indigestus, confusus Kilian) collectaneen Göthe IV 11, 155 W.; von verpfuschten oder aufgebrauchten federspulen, die sich nicht mehr schneiden lassen,

die abgestutzten, angetauchten,
die ungeschickten, vielgebrauchten
hast du, die freundliche, gewollt 4, 22 W.

[Bd. 24, Sp. 841]


bes. ungestaltet, häszlich: von der mohrenhaut gest. Rom. 8a K.; für ungeheuer deformis s. DWB ungeheuer, adj. 3 e; eyn u. häszlich gemäl Fischart ehzb. 121, 5 H.; unflätig Spanutius 316; nl. slordig, ongehavend; veraltet. plump, unhandlich, unbequem, unpractisch (vgl. oben und 3): ich förcht das dasz búchli z grosz und z u. wurde betb. (1518) 1b; holz der keule Weichmann Nieders. 1, 57; u. grosz Göthe 20, 83 W.; ein ungeschicktes ding, buch Campe aus dem gemeinen leben und der leichten schreibart; els. 2, 405a, 3; net geschickt Fischer schwäb. 3, 465.
b) von äuszerer beschaffenheit wird auf die innere geschlossen.
α) dämonisch gräulich: die alten ungeschickten weiber, die wir unholden nennen Nigrinus v. zäub. 165; b. d. liebe 388b; vgl. monstrosus Lohenstein Arm. 2, 116b. veraltet.
β) von fehlerhafter innerer beschaffenheit; krank (bösartig, durch tumoren verändert Höfler 566b): von verdorbenem geschmack mnl. Verdam 411a, 4; von metallen Parac. unter unartig A 2; wolken 2, 86 a; erdboden Sebiz 20. mit ungeschickten, verkehrten und ungeformierten händen Ruoff heb. 107; er .. hartiglich mit den füssen in jhr angesicht tratt, also dasz jhr die nase gantz und gar u. ward b. d. liebe 288b; u. in dem harn und an dem pulsz Pauli schimpf u. e. 251; schwach und u. H. v. d. Planitz ber. 549; u. und kranck Barth weibersp. g vb; noch krank und u. Göthe Tasso 2753 in stark verallgemeinerter bed.;

es macht den magen ungeschickt
Sachs 17, 319, 11 G.;

Wirsung 544a. veraltet und mundartlich (öppis ungegeschickts ein körperliches gebrechen Staub-Tobler 516, 2 b).
γ) nicht bereit(willig), unaufgelegt, widerwillig, gth. v. geschickt 2 b, c, d: geistlich Tauler pred. 128, 27 V.; serm. 1508, 46a; Luther 6, 125b Jen. (vgl. Silesius wand. 6, 69 ndr.); dazu ungeschicketheit, ungeschickhayt Tauler pred. 304, 11. 72, 5 V. var.); allgemein Keisersberg post. 1, 33b;

wie wol wir all dem todt verstrickt,
doch sein wir allzeit ungeschickt,
zu sterben han wir nimmer zeit
B. Waldis Esopus 2, 154 K.;

zu fernen groszen reysen Rätel schl. chr. 344; Göthe Tasso 2705; IV 7, 75 W. nach 5 e weisend. ein voller ist u. zu nichts zu brauchen Ringwaldt warh. 53; ir unwill und ungeschickter sinn Eberlin v. Günzburg 1, 50 ndr.; die andern gaistlichen in der stat musten sich leiden, dan der gemein man ser u. ware Fries chr. 243; Schmeller 2, 368; toornig mnl. wb. 5, 676, 2; nit u. spendabel, umgänglich sein; von einem, der mit sich reden läszt, einem arzt, der keine zu hohen rechnungen schreibt u. dgl. Staub-Tobler 516. schriftsprachlich in der hauptsache veraltet.
δ) inordinatus mnd. wb. 5, 52a. vgl. mnl. wb. 5, 676, 3.
ε) unerwartet, ohne vorbedacht, insubide Stieler 1773; ongedacht de Bo 673a; mnl. wb. 5, 676, 3:

auff das euch nit gleich wie ein pfeil
gar ungeschickt mein tag ereyl
Ringwaldt ev. b 3b.

veraltet und in n. spr. (irgend eine explosion war vorauszusehen [er hat Einsiedel hart angelassen], halten wir es für ein glück, dasz sie so schnell und u. hervorgebrochen! Göthe IV 28, 332) der umdeutung ausgesetzt.
2) nicht zusammenpassend, unpaszlich, ungelegen; gth. v. geschickt 3, bisweilen in bed. 3 übergehend: des mans sam und der frauen sam sein u. und unmessig zu einander probl. Ar. 23a; ein ungeschickter sattel uff disz rosz Murner adel 41 ndr.; es ist mir zu diser stund u., mit euch heim zu gehen b. d. liebe 206c; nicht ungeschickte (unwillkommene, vgl. 3 c) nachricht Thomasius d. schr. 106; zeit Göthe 34, 50; adv. 28, 30 W. s. ungelegen 5; bei dem ehestande ist es nur die dauer, die etwas ungeschicktes an sich trägt 20, 112 W.; ist

[Bd. 24, Sp. 842]


nit u., ich sag a re haud alienum est dicere Zwingli d. schr. 1, 241; das kommt mir u. Schiller 3, 147; br. 1, 153; Staub-Tobler 516; ein ungeschickter ort, wie u.! u. dgl. in oberd. umgangsspr. reich entwickelt. els. 2, 405a, 2. K. Stieler ged. 2, 50. nicht nordd.
3) ungeeignet, unpassend, unzweckmäszig, gth. v. geschickt 4. mit präp. best.: der lasztag soll ... sein .. nit u. am wetter Gersdorff wundarzn. 17, 1a (veraltet);

ein versöhnter feind,
ein erkauffter freund
sind zu einer brücke
ungeschickte stücke
Logau 534, 28;

die kammer zwar
ist nur vom ersten stock, ein keller drunter,
mehr als neun fusz das fenster nicht vom boden;
jedoch die ganze, wohlerwogene
gelegenheit sehr ungeschickt zum springen
H. v. Kleist 1, 403.


a) widersinnig, falsch, verkehrt, nicht dahin gehörend, ungereimt: ausgiessen ungeschickt (inepte effutiam) erst. d. bib. 3, 35, 59; der du eyttel lugen und das aller ungeschicktist affenspiell fur tregist Luther 7, 688 W.; auch im engeren rechtlichen sinne: ungeschickte artickel impertinentes articuli, klagschreiben, zeugen Zedler 49, 1458; sonst allgemeiner: urteil Bellin rechtschr. xiiija; wesen absurditas Reyher; begriff Bodmer wund. 105; beholzung Heppe lehrpr. 4; einfall Lessing 2, 305, 11: vorschläge Göthe 27, 135 W.; sie nennen hier zu lande einen hemmschuh nicht u. einen schleiftrog III 2, 142, 32 W.; da man in dieser aufgeklärten wissenschaft nur allzuschnell entdeckt, wer das geschickte oder wer das ungeschickte thut IV 27, 19 W.; etwas stärker als bed. 2: wenn die menschen aus noth, wie die Venetianer, sich in den sumpf setzen, oder aus zufall an dem ungeschicktesten ort sich ansiedeln, wie die Römer IV 42, 71 W.; ungeschickt! falsch! unsinn! 17, 269, 5 W.; ich denke nicht u. geraten zu haben 33, 11 W.; u. heirathen eine miszheirath thun Bauernfeld 1, 93; mit anklang an c und 5 Hesse diesseits 199; die ursache des fehlschlagens lag ... in der ungeschickten allianz eines politisch unfähigen feldherrn und eines fähigen ... demagogen Mommsen r. g. 2, 204; es waren die ungeschicktesten bestimmungen des Pariser friedens Bismarck gedanken 2, 126 volksausg. aber dasz die n. spr. unablässig am werke ist, dies nach 5 umzudeuten, lehrt Gottsched beob. 62 (sie suchen sich eigene, selbstgemachte und mehrentheils ungeschickte, d. i. nach ihrer unfähigkeit, richtig zu denken und zu reden, schmeckende wörter).
b) sündhaft, unrecht, ungehörig, übel: vor fremden, ungeschickten, ungötlichen dingen Tauler serm. 1508, 21b; mnl. wb. 5, 676, 1; leben Berth. v. Chiemsee 2; werck Ringwaldt warn. e 6b; o wie kurtz, wie falsch, wie unordentlich und u. seynd alle wollüsten dieser welt J. Arnd Th. v. Kempis 82; die m ihrer missetaht oder ungeschikter handlungen willen sterben Butschky P. 778; dieser aber hat nichts ungeschickts gehandelt Luc. 23, 41 (Teller 1, 161); Pietsch 398; von strafwürdigem wie wort, schmachwort (Stumpf chr. 745b), rede u. ä. Staub-Tobler 517; dasz sie (die soldaten im quartier) ... nichts ungeschicktes vornehmen sollten act. p. 4, 126 P.; sich ungeschickt (ungebührlich, inclementer) aufflenen Hutten 2, 187, 44; sich u. halten Wickram 2, 244, 31; hatt sich kainer gegen ... Martino ungeschickter ... erzaigt städtechr. 25, 155, 27. sich einem andern drölich und fast u. halten Schmeller 2, 368; die ungeschückten lewt fenglich annemen ebd.; ungeschicktes wesen, weis, handlung ebd.; er ungeschickt (zweifelhaftes, übles) latin für gt tütsch brucht Riederer cva; ein ungeschickten heiligen Luther 534, 18 W.
c) mit stärkerer beziehung aufs gefühl widerwärtig, eklig, leidig, verwünscht, unglücklich, unheilvoll, unangenehm, fatal, bedauerlich: das du gar greulich und u. wirst anlauffen Hutten 2, 190, 36; gott hat euch ausz dem ungeschickten und dunkeln Egypten geführet Happel ak. rom. 481; diesen ungeschickten schicksalsstreich (Wielands und seiner tochter sturz) Göthe IV 23, 413 W.; es war u. (beda uerliche ungeschicklichkeit) von mir, dasz IV 11, 234 W.; es war u. vom zufall, dasz er uns in G.

[Bd. 24, Sp. 843]


nicht zusammenbrachte IV 15, 284 W.; was im wege stehend empfunden wird, heiszt u.: der ungeschickte baum Brentano 5, 330; Bauernfeld 1, 77; die ungeschickte badekur! da jagen einen die ärzte vor fünf uhr aus dem bett 3, 149; Staub-Tobler 516; öppis ungeschickts ein unfall ebd.; dei isch-es doch recht u. g'gangen v. einem brande, einer schweren geburt ebd.; sein ugschicktá schusz Stelzhamer 1, 96, 4. wieder nicht nordd.; nach 5 e umgebogen: ihr ungeschicktes bevormunden Schubart br. 1, 147, zumuthung Göthe 45, 262, an 5 g streifend. zwischen a und c stellen sich fälle wie sich u. niedersetzen (Göthe 18, 260 W.), zutreten, ein ungeschickter tritt (verkehrt, so dasz unbequemlichkeit, lächerliche lage oder üble folgen entstehen).
4) gth. v. geschickt 5, nicht imstande, unvermögend, unkönnend Frisius: u. ze sehent Tauler pred. 157, 32; 320, 28 V.; zu fleischlichen sachen Keisersberg evang. (1515) 166c (vgl. 5 a); zu zahlen Petri 2, j ii viib; woferne sie sich für u. und unfähig achten sollten, meinen zukünfftigen vorschlägen zu folgen vern. tadl. 1, 48; so ist die äuszere rinde zu weiterer hervorbringung u. Göthe II 6, 86 W. enger seiner vernunft u. geistig gestört, blödsinnig, schwach begabt Staub-Tobler 517; datzu antwort ich, das man stummen und die sonst auch verhyndert oder u. sind, nit predigen lest Luther 8, 497 W.; städtechr. 25, 131, 28; du weist fürwar nit was du redst, so du dich selbs wie ein ungeschickter nit versteest J. Lonicerus berichtb. g 3b; von betrunkenen Staub-Tobler a. a. o.; dann die sich mit bier uberfüllen, werden vil töller und ungeschickter dann die mit weyn belestiget sind Stumpf chr. 54b; Arnim 21, 179; Holtei erz. schr. 19, 164; dann steht man mit einem tauben ungeschickten kopf auf Bräker 2, 88. schriftsprachlich nicht mehr recht üblich und nach 5 gewendet (Göthe 7, 162, 3 W.).
5) von geistig-sittlicher wie körperlicher anlage, begabung, bildung, leistung, bethätigung des menschen. gth. geschickt 6; wie dieses
a) unfähig, unbefähigt: z glauben Keisersberg post. 3, 11b; ein sorglich ampt ... desz ich mich ganz u. weisz ref. flugschr. 1, 234 C.; zur freundschaft Lessing 3, 193; zu einem arbeiter 10, 210; für beschäftigungen Justi Winck. 1, 446: miner ungeschikten personen ausdruck der bescheidenheit Oheim R. chr. 1, 6. man ist ein ungeschickter tröster (taugt nicht dazu) Bismarck br. a. s. braut 16, vgl. 3.
b) untüchtig: umb daz sie .. den ungeschikten, iungen Neronem ... z dem kaisertm erhhet Stainhöwel ber. fr. 280 ndr.;

Jost steigt am hof' empor und ist doch ungeschickt
J. N. Götz ged. 3, 89.


c) geistig unbegabt: W. war nicht u., allein es fehlte ihm an einer künstlichen übung Göthe 21, 160, 6 W., aber undeutlich.
d) träge, iners Frischlin 172; hebes Reyher o rb.
e) ohne die erforderliche körperliche oder geistig-sittliche geschicklichkeit, leichtigkeit und gewandtheit: des menschen leib ... ist der wenigst under allen thieren und der gröbst, ellendest und ungeschickteste Parac. 2, 327; der ungeschickt, vierte finger Staub-Tobler 517; einen nicht ungeschickten tanz Lohenstein Arm. 2, 176a; versuch Göthe 23, 214, 4 W.; eselscaressen 43, 1, 179, 9 W.; tänzer Bürger 1, 176b; von der ganzen äuszeren erscheinung Lyon syn. 303 (u., steif, ungelenk, schwerfällig, unbeholfen, linkisch, ungeschlacht); u. wie hosenpamper Weinhold dialectf. 109; das ganze service zerbrochen? da war sie wieder ... recht u. Pocci kom. 6, 174, vgl. 3 c, Staub-Tobler 516. vom mangel an mechanischer beweglichkeit, leichtigkeit bei der fortbewegung, an geregeltem lauf u. ä.: so geht der weg auch in ungeschickter bewegung bald herauf, bald herab Göthe 20, 71, 22 W.; wurf Storm 7, 184; fahrzeuge Forster 4, 41; Ritter erdk. 3, 94; kleidern, die sich überall u. (ohne flusz in der bewegung und anpassung) bauschten Stifter 3, 141, vgl. 1 plump. von wesentlich geistigen eigenschaften

[Bd. 24, Sp. 844]


(der geistigen geschicklichkeit und gewandtheit ermangelnd, von ungeschicklichkeit zeugend; ungeübt, unkundig, unwissend, ungebildet, ungelehrt, unerfahren, ungewandt in kunst, fertigkeit, verrichtung aller art). veraltet mit gen.: aller ding ungeschicket Sleidanus red. 161 B.; hebraischer sprach nit ungeschickt Kessler sabb. 151; in Zwingli d. schr. 1, 39; Freytag 5, 52; bei Herder 17, 205; auf der violine Göthe 22, 137, 23 W.; an Scheffel 2, 63; veraltet mit Götz v. Berlichingen 8 B.; vgl. ongeschicktheyt van spreken mnl. wb. 5, 677. ohne solche best.: von geschickten und ungeschickten predigern Luther 26, 235; ungeschickte kinder, die ihren katechismus nicht können Sandrub kurzw. 18 ndr.; u. lebt lang, wird alt Staub-Tobler 517;

wer etwas kan, den halt man werth,
desz ungeschickten keiner begert
Petri 2, f ff va;

Gottsched beob. 121; Fischer 3, 465; ein mensch mit hundert handwerken ist ein ungeschickter Düringsfeld sprw. 1, 356a; doctoren Happel ak. rom. 228; sprachforscher Kinderling 63; na, ich bin doch auch ein büttner ... und nicht der ungeschicktst Ludwig 2, 124; der .. ungeschickten barbari Carbach Liv. 214a; unwissend roh Sachs 3, 100, 7 K.; vgl. g; u. und wild Göthe Venez. epigr. 55. ungeschickte schrifften Lehman 2, 838; handlung Königsb. dichterkr. 3 ndr.; übersetzung Bodmer wund. 6; betrug Göthe 17, 101, 15 W.; etwas ungeschicktes schülerhaftes, unreifes 21, 49 W.; kochkunst F. Th. v. Schubert 1, 156; machwerk Niebuhr r. g. 1, 140; holzstiche Eichendorff 2, 56; u. verstummen Göthe nat. tochter 291; sein ungeschicktes wesen ihr gegenüber Ludwig 1, 153, vgl. DWB blöde 6 und unten g. ungeschickt abgebildet Olearius reiseb. 13; u. herauskommen Scheibe crit. m. 632; u. und pfuscherhaft Göthe 25, 104, 18 W.; u. vom zaune brechen Bismarck gedanken 2, 106 v.; ungeschickter und unbeholfener weise Kerner bilderb. 24; aus ungeschick Heine 6, 5. nicht durchtrieben: die galgen weren nicht vor die .. grosze, sondern vor die ungeschickte und unglückliche dieb gebawet Zinkgref-Weidner 3, 47; ähnlich, aber verblassend Bismarck gedanken 2, 157 v.
f) thöricht, unklug, dumm: ein grober ungeschickter mensch plaudert unfürsichtig Franck sprüchw. (1541) 1, 113a; Göthe Iphig. 730 (vgl. 741, 742); bair. dös wār owə u.
g) unschicklich: frage Arigo 49, 3 K.;

du solt dich in dein hertz nein schamen,
solch ungeschickte wort zu reden
Sachs 8, 206, 23 K.;

Göthe IV 13, 232; Freytag verl. hs. 1, 190; betragen Göthe 43, 1, 259, 10 W.; etwas ungeschicktes schaukeln mit dem stuhl 21, 49 W.; dasz die neuen zweiglein ... gewissermaszen u. die schönen blumenbüschel in die klemme brachten II 6, 341 W.; nichts ungeschicktes thun Krünitz 196, 295;

ich musz nur die mutter fragen,
was er so verstohlen blickt,
denn wollt' ich's ihm selber sagen,
liesz' es doch recht ungeschickt
Böhme volksth. lieder 321;

ungeschickt neugierig nahen Raumer Hoh. 1, 95. tadelnswerth vom standpunkt der sitte, sittlichkeit, angemessenheit u. dgl. (vgl. 3 b; ungeschicktes begehren stolida impudensque postulatio Stieler 1774):

sich, sich, wie sich der Kain stelt,
mit seiner rott so ungschickt helt
Sachs 1, 66, 7 K.;

unartig, unfolgsam, störrisch, beleidigend, ungebührlich Staub-Tobler 518; u. sein, sich betragen ... über, gegen, mit ebd.; immodestus Kilian; ein so gar unzuchtigs und ungeschicktes (ἀδιάτακτον) leben Ambach zus. d iiia; Rachel 72 ndr.; ungschickt (grobianisch) werden Scheit 484; im gespräch nit unhöflich und u., sondern ganz artlich ... sich erzeigte Fischart ehzb. 145, 34 H.; des ungeschickten (unlenksamen) hauffens G. Maier hist. lustg. 1, 378, vgl.e, mnd. wb. 5, 676, 3; nicht der ungeschickteste an unserem hofe Ziegler ban. 56, 24; die unhöflichen und ungeschickten sitten

[Bd. 24, Sp. 845]


mancher jungen galane vern. tadl. 1, 234; roh und u. schreiben Göthe 43, 1, 7 24 W.; 22, 87 W.; popanze zeigt man ihnen (kindern) und bemerkt dabei, dasz der popanz kommen würde, wenn sie wieder u. wären Rehfues br. (1805) 2, 132, vgl. geschickt 6 g in der kinderzucht; Körner, der einmal wieder u. ist, weil ich Schiller nicht genug gelobt habe Caroline br. 1, 163 W.; bin ich auch etwa gegen sie u. und starrsinnig herausgefahren? Fouqué gefühle 1, 123; da ... ging just ein ungeschickter kerl vorbey, welcher meiner tochter auf den fusz trat Hafner 1, 53; sey er nicht so u., werf' er mich nicht übern haufen Meisl quodl. 4, 81.
6) in schelte und rüge: du ungeschickter alter tropff! Dähnhardt gr. dr. 2, 202; Eyering 2, 340; Moscherosch cura 41 ndr.; büffel Gesner-Herold-Forer 32a; esel Moscherosch ges. 172; Stoppe Parn. 520; maulaffen med. maul. 1, 177 u. s. w.; man sagt, er sey ein ungeschickter, niederträchtiger mensch s. v. schausp. (1764) 1, 15; Bauernfeld 1, 16; Apini gl. n. 87; 278; Pansner 73a; Ungeschickt von Kalkstein Wander 4, 1434;

Hans Ungeschickt, so knie doch nieder!
Grillparzer 10, 266;

meister U. 6, 138; herr (von) U. läszt grüszen obers. 2, 598b; wer etwas zerbricht, den läszt der u. grüszen Arnold Nürnb. 194; hat dich der u. grüeszen lâszen? Schmeller 2, 368; der ungeschickt hot mi grüessa lasse Wander a. a. o.; die ungeschickten lassen grüszen ebd.; ung'scheckt lett m'n gûda tâg sän ebd.; u. lett grüszen ebd.; Lipperheide 898a; u. ist mein bruder, haut grobe spähne u. dgl.; Wander a. a. o., 5, 1782. vgl. ungeschick ende.
7) steigernd: en ungeschickti (sehr grosze) fröid Staub-Tobler 518. vgl. intemperans, enormis Kilian. schriftsprachlich werden entsprechende fälle (einer u. groszen goldmedaille schr. der Götheges. 5, 47) wie u. 1 a verstanden.
8) in der von nordd. rede abhängigen schriftspr. droht u. zu verarmen, indem es hauptsächlich auf bed. 5 e bezogen zu werden pflegt.dazu ungeschickte, f., gth. v. geschickt(e), geschick(e)de oder mangel daran. Staub-Tobler 8, 518. schwach entwickelt. als veraltet bei Frisch 2, 177b. wesentlich oberdeutsch. vgl. DWB ungeschicht, DWB ungeschick, -lichkeit, ungeschicktheit, -lichkeit. von u., von ungeschicht, von ungeschick entsprechend, zufällig, ausnahmsweise:

das kumbt ettwan von ungeschickt narrenschiff
n, Zarncke 5 a.;

Braunschweig chir. (1539) 20a; Schumann nachtb. 56, 19 var.; durch ungeschickt 69, 8 ndr. ungeschicklichkeit 1 entsprechend: das die seel ... durch die ungeschickte des leibs gehindert würt Keisersberg evang. (1515) 158c; nimietas Parac. 1, 300 c, vgl. ungeschickt 7. wie ungeschickt 4: der elefant von ungeschickte sich aufzerichten also gefangen wirt Gesner-Herold-Forer 75. von geistig-sittlichen eigenschaften, ungeschicklichkeit 4 entsprechend: u. des glaubens und der gschrifft (unbewandertheit) Zwingli bei Staub-Tobler 518; welche von unverstand wegen oder von ander ungeschickt nicht nützers oder bessers thn möchten, dann also in der kirchen schreyen und brummen Eberlin v. Günzburg 1, 38 ndr.; unzulänglichkeit Staub-Tobler a. a. o.; ungeschickt, ungeschickligkeit, unverstand Lehman 2, 837; ungeschicktes, befangenes wesen Staub-Tobler a. a. o. unschicklichkeit, unziemliches thun, wie ungeschicklichkeit 5 ebd. b. steirisch wird ungeschickte, f., zur bez. der 'weiszen kanigelrebe' (hundsrebe?) angeführt Unger-Khull 610a (vgl. ungeschickt 1). — ungeschicktheit, f. , mangel an geschicktheit und deren gth. mhd. mnd. ungeschicketheit; mnl. ongeschicketheit; nl. ongeschiktheid; nhd. nicht häufig. von Frisch 2, 177b als veraltet, von Adelung als wenig vorkommend verzeichnet; es könnte heute neben dem mehr gebrauchten ungeschicklichkeit ein gewisses sonderrecht beanspruchen, insofern ungeschicktheit mehr auf den einzelnen fall, ungeschicklichkeit auf wesenseigenschaften sich beziehen

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läszt: die ungeschicktheit (nicht ungeschicklichkeit) und unrichtigkeit des Newtonischen beobachtens und experimentirens Hegel I 7, 304. vgl. ungeschickte, f.
1) ungeschickt 1 b γ und ungeschicklichkeit 1 entsprechend: unaufgelegtheit im geistlichen sinne Tauler pred. 304, 11 V.; 72, 5 (var. ungeschickeit, ungeschichtikeit). mnl. auch von übler äuszerer körperlicher beschaffenheit (wb. 5, 677, 1) und unordnung (677, 2; vgl. ungeschicklich 1). veraltet.
2) ungeschicklichkeit 3, nl. ongeschiktheid (wb. 10, 1657, 3), ungeschickt 3 entsprechend, 'untauglichkeit', veraltet: die u. der französischen sprache zu pindarischen oden allg. d. bibl. anh. 25—36, 3366.
3) bes. mangel an körperlicher und geistiger gewandtheit, kunst, fertigkeit, wissen, bildung u. s. w. und davon zeugend (ungeschickt 5 e, ungeschicklichkeit 4). in stärkerer bed. 'barbarei' heute veraltet: ist ietziger zeit nichts anders darin (in Griechenland) zu finden, dan ungeschickthait und aller kunsten unwissenhait Abr. Ortelius schawplatz d. erdb. (1572) 40a; diese gothischen secula der u. disc. d. mahl. 2, 170. in dem milderen heute geläufigsten sinne von ungeschickt 5 e: die bequemlichkeit und u. einiger .. dichter allg. d. bibl. 110, 111: in meinem angebornen talente zur u. Gutzkow 4, 73; u. in ritterlichen künsten Scherer kl. schr. 1, 637. ungeschicktheiten Creuzer an K. v. Günderode 96; Schleiermacher I 5, 473.
4) die bed. ungeschicklichkeit 5, ungeschickt 1 a und 4 c streifend: sehen wir nicht den lieben Ulysses ... so oft mit einer mütze, die in ihrer steifen u. gern eine moderne schlafhaube wäre Tieck 19, 44. — ungeschicktlich, adv. , gth. v. geschicktlich, in einigen bed. v. ungeschickt. Staub-Tobler 8, 518. ongeschicktelick Kilian 432b. nl. ongeschiktelijk (wb. 10, 1656). substantiviertes adj.: etwas ungeschicktlichs (inepte) Frisius 831b. dazu ungeschicktlicheit (ineptiam) Ter. 1499 cxvib; nl. ongeschiktelijkheid. veraltet.ungeschieden, -heit, -schiedlich s. ungescheiden, -heit, -scheidlich. — ungeschiftet s. DWB ungeschäftet. — ungeschildet (erdkäfer) allg. d. bibl. 86, 164, -schindelt (wappenkunst) Krünitz 196, 296, -schirre, n. , s. geschirre 18 (H. v. Gaal nord. gäste 12), -schirrig, adj. , ebd. (th. 4, 1, 2, 3895; th. 9, 225): ein ungeschirriger und vielleicht ungewiegter hat sich unterstanden ... z verachten M. Pegius geburtsk. (1570) v v 1b. — ungeschirrt Geibel 1, 90. — ungeschlacht, adj. adv. , i. a. gth. von geschlacht. ahd. ungislaht; mhd. ungeslaht; mnl. ongeslacht (Verdam 411a nederr.); Stalder 2, 321; els. 2, 450 (auch ungeschlachten); Schmid schwäb. wb. 463 (Fischer 3, 471); Schmeller 2, 500; Hügel Wien 176; Lenz vgl. wb. 73a; Spiesz Henneb. 263; obers. 2, 598b; Drechsler Scherffer 226; Brendicke 187a. vgl. DWB schlacht III, schlachten 3; ungeschlachte, -heit, ungeschlachtig, -lich, ungeschlachten, unschlachtig, -lich; ungeartet, unartig, ungeschaffen u. dgl.im gegensatz zu Adelung von Steinbach, Heynatz und Schwan als immer seltner werdend und wenig gebräuchlich, von Campe als landschaftlich bezeichnet; doch sind besonders die bedd. 3 und 5 a durchaus gangbar. in älterer zeit dringt aus dem comparativ (s. th. 4, 1, 2, 3896) umlaut ein: Suchenwirt s. unten; ungeschlch: ansach Kehrein kirchenl. 497, 36. ungeslat Westenrieder 602 (mundartlich wird vielfach der vokal lang). ungeschlagt ref. flugschr. 4, 109 Clemen; Apherdiani meth. 11. in .. ungeschlage(c?)httem regenwetter Paumgartner briefw. 247. in betreff der bildung unsicher werdendes sprachgefühl führt mit anlehnung an das verb. (schlachten, geschlachten, schlechten, geschlechten) zu den erweiterten, nicht empfehlenswerthen formen ungeschlachtet, ungeschlechtet, vgl. DWB ungestalt, ungestaltet u. s. w.: Rein. Fuchs (1650) 70; 237; Scheibe crit. m. 523; Lessing 10, 81 (druckfehler?); Herder 31, 442; Salzmann ameisenb. 42; Solger nachgel. schr. 2, 557; A. v. Humboldt ans. 1, 43; Tieck 9, 262; Gervinus g. d. d. dicht. 4, 93; Mommsen r. g. 3, 239 (Steinbach 2, 421; Mylius dr. h. märlein 578; Kindleben stud. 197 ndr.; Krünitz 196, 296; Höfler

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571a); ungeschlattet v. Klein 2, 206; nebeneinander ungeschlachtet und ungeschlacht E. Th. A. Hoffmann 1, 311; 2, 241; ein listiger, sehr brauchbarer bedienter von einer sonst ungeschlechteten nation Parthenophilus (1719) 123.
1) gth. v. geschlacht 2, nicht von derselben familie: mhd. wb. 2, 2, 388a, 1. vgl. dissimilis Wachter 1744. veraltet.
2) gth. v. geschlacht 3, unedel geboren, von niedriger herkunft, abstammung (vgl. mhd. ungeslehte, n.) Laubacher Barlaam 13447; Parthenophilus s. o.; von unedlen vögeln renner 20079 Ehrism. veraltet.
3) von übler äuszerer beschaffenheit, ungestalt, unförmig, massig, unhandlich, unfein (vgl. 4, nicht glatt, nicht feinhaarig Fischer 1 a), deformis Schöpper e 1a: mit nageln ungeschlachte Folz meisterl. 77, 123 M.; waffen 1, 37; Arnim trösteins. 74 Pf.; adern Weichmann Nieders. 3, 29 (venosus, übertragen Frisius 1352b); stein Göthe IV 6, 386, 19 W.; hörner Eichendorff 2, 38; fäuste Ludwig 2, 507; kogel Steub drei sommer 1, 280; schatten Freiligrath 2, 120. wallfisch Spee tugendb. 411; riese Göthe 48, 68 W.; bestie Heine 2, 373; ein groszer satan hat immer etwas ungeschlachtes und vierschrötiges Fr. Schlegel pros. jugendschr. 2, 270 M.; obers. 2, 598b. oft ist beziehung aufs innere, geistige (vgl. 4. 5) nicht auszuschlieszen: plumpe, ungeschlachte natur Lessing 9, 202; Göthe 6, 16 W.; II 4, 302 W.; form Scherer litg. 263.
4) von übler art und wesenheit (mit hauptbezug auf die innere beschaffenheit), gth. v. geschlacht 5, schriftsprachlich durchweg veraltet. nicht veredelt, wild: die ander gemeyn salvey ... ist etwas wilder und ungeschlachter Ryff confectb. 84b; gebüsche Zincken oecon. 1126; im bilde: feindesliebe, ... dem ungeschlachten stamme eingeimpft Schubart br. 2, 215. unfruchtbar: Agricola unter geschlacht 5 b; obststemme haush. in vorw. 100. verkrüppelt, knorrig, uneben, krumm (Lexer 2, 1868; Schöpper fija; Schmid 463); so sol derselbige baum ... gantz u. auffwachsen Lonicerus 18a; solcher grober stöck und ungeschlachter wimmer hat es vil im gebirge Mathesius Sar. 25b. dazu ungeschlachte, f. Waldis Es. 1, 227, 27 K. nicht voll metallhaltig (vgl. unartig): der schwartzen kupffer seind mancherley, eines theils gar gut, eines theils aber unrein und u. Ercker 20a; nicht vollgehaltig: hülsen Reyher o rb. vom boden: Lexer a. a. o.; s. geschlacht 5 e; nicht gut zu bearbeiten els. 2, 450b, 2; obers. 2, 598b; feld Rompler erst. geb. 16; land Schmolcke 2, 466; acker Bode Mont. 5, 178; boden Adelung; übertragen in ein ungeschlachtes land (unter die Türken) sich begeben Plesse 3, 5. unfein von faden (vgl. 3); ein graw ungschlachtes thch Kirchhof wend. 1, 491. unschön, wüst (vgl. 5 b):

und habt uns ausz Egypten bracht
an dieses ort gar ungeschlacht
Sachs 6, 220, 18 K.

von wetter, luft, klima u. dgl.: mhd.; Schmid 463, 2; els. 2, 450b; obers. 599a; wetter Ringwaldt handb. a 4a; Heppe lehrpr. 299; winter Wedel hausb. 411; Prätorius Block. 475; lufft Herr feldb. 211b; Opitz poet. 16 ndr.; jar Sachs 17, 218, 20 G.; zeit Hoffmannswaldau-Neukirch 5, 5; gegenden Bode Schandi 3, 94. rauh vom wege: Kirchhof wend. 2, 413; Moscherosch ges. 346. nicht milde, mürbe von geschmack (Stalder 321): wein städtechr. 5, 312, 5; die feuchtigkeit, die zudringt, kann nicht genug ausgekocht werden, es gibt einen ungeschlachten tranck Göthe III 1, 320, 10 W.; des wassers ungeschlachte art verbessern Sebiz 14; das also bonen, erbsen, linsen etc. erherten und u. werden Parac. 2, 100 c;

durch beer und eichel, ungeschlacht,
durchbrach der mensch den wald
Voss ged. 4, 169;

die bonen machen die hüner u. (unfruchtbar) Tabernaem. kräuterb. 880a. nicht geschmeidig, nicht nachgebend u. glatt, nicht weich u. sanft anzufühlen (insbes. vom oberleder des schuhwerks, doch auch von der haut eines thieres) Spiesz

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263; Wickram 7, 195, 1089. als krankheitsbezeichnung (Höfler a. a. o.): wa ein wund hitzig ist oder u. Braunschweig dest. 119b; gesicht Sachs 19, 410, 33 G.; schaden Ryff chir. 95b; beulen und geschwulsten Gäbelkover artzneyb. 2, 337; an ungeschlachten orten, da sich viel rötin, das ist blut erzeigt 1, 56a; nicht allein dem hilfsamen und geschlachten podagram .. sondern auch dem unhilfsamen, ungeschlachten, rumorischen, halsstarrigen und die medicos trotzendem pfatengram Fischart ehzb. 13, 11 H.
5) übel von charakter und sitte, gth. v. geschlacht 6. vgl. unartig 4. 5, unedel, degener, unartig, ungeschlacht Alberus, unschlachtiges geschlecht Phil. 2, 15 (disem ungeschlachten geschlcht Zürich. bib. 1531, act. ap. 2 d.; Lavater verm. schr. 2, 104; Hebel 2, 315, 33 B.; ungeschlachten nachkömmlingen Moscherosch ges. 2, 79; brut Gottsched schaub. 6, 6). mhd. wb. 2, 2, 388a, 3; ungeslehticlîchen Lexer 2, 1868.
a) grob, unartig, roh, unmanierlich, tölpisch, plump; duri oris Frisius 454b; Stalder 321; els. 2, 450b, 1; ungezogen Münsterthal Straszb. stud. 2, 247; obers. 598b; ungebildet Hügel 176; unbeholfen, ungelenk Lenz 73a; flegelhaft, ungeschickt Brendicke 187a; von schlimmem widerwärtigen wesen, bes. wenn dies durch rauh- und rohheit widrig ist, dem zuwider gehend, was nur irgend den anforderungen an gutes, geschicktes äuszeres verhalten gemäsz ist Weigand syn. 3, 846; von den bei ungeschickt 5 e angeführten syn. das stärkste Eberhard-Lyon 304:

so sehen sie uns dest lieber naher reiden.
darmit sei niemanz ungeschlacht fastnsp. 390, 28 K., vgl. b;

dem ungeschlachten menschen ist
die weiszheit bitter alle frist
Sachs 19, 24, 37 G.;

sey doch nit so u.! 17, 171, 13 G.; Pocci kom. 3, 64; nationen Eppendorff Plin. 8, 63; die ungeschlachten geschlacht machen kriegsüb. 43b; uber zween ungeschlachter ein dritter noch ungeschickter Fr. Wilhelms spr. h h β 197; gläubiger Olearius rosenthal 47; hertze Treuer Däd. 1, 86; eine ungeschlachte, ungebildete ... individualität Schiller 6, 337; menge, masse F. H. Jacobi 5, 202; Göthe 7, 162 W.; Mommsen r. g. 2, 95. von ungeschlachtheit zeugend: wer ist so einer verruchten ungeschlachten art, der sich nit bessern und zemen solt lassen Heyden Plin. 6a; von der mutterspr. als wäre dieselbe ... so grob und u. (vgl. 4) Buchner anl. 33; lippen P. Fleming 1, 122; grobheit Zesen rosenmând 12; wesen vern. tadl. 1, 132; sitten Bodmer wund. 339; lust Pietsch 376; vorstellung und ausdruck Göthe II 1, 303 W.; bewegungen Immermann 19, 11; das ungeschlachte schimpfen D. F. Strausz 6, 141; frömmigkeit P. de Lagarde d. schr. 296; u. reden Apherdiani meth. 11; toben Lenau 448; sich ausdrücken u. dgl.; manducus (mnl. wb. 5, 683); eszlust Freytag 18, 73. vgl. 7.
b) bösartig, böse, entsetzlich; widerwillig, -spänstig, ungeberdig: vom schretel, teufel mhd.; Folz meisterl. 3, 53 M.; der was ain bös u. man, der hett seiner aignen kind zwai .. getöt städtechr. 5, 71, 3; Franck sprüchw. (1541) 2, 204a; den ungeschlachtenn, jha bösen herren Eberlin v. Günzburg 3, 260 ndr.; dyscolus, intractabilis Maaler 462d; morose Reyher o rb; abgeschwächt difficilis Frisius 414b; unumgänglich, unzugänglich: u. .. und misztrauisch waren sie (bauern) Auerbach 18, 187; Rosegger 5, 280; Stalder 321; Fischer 473. durch herttigkeit werden sie unwillig und u. A. v. Eyb d. schr. 1, 20, 26; s. DWB ungeschlachten, verb.; und wirt über die zwen u. Luther 10, 3, 239, 2 (9) W.;

ists noch ungschlacht
und noch nit an der suppen macht,
so wil ich sie mit feusten schlagen
Sachs 17, 129, 30;

auch macht sie das creutz ungeschlacht,
verstocket und voll ungemachs 19, 175, 13 G.;

derselb Römer war gar eyfferig und u. gegen jhr b. d. liebe 306d. erweitert:

mein geist wardt auch so ungeschlacht
D. v. d. Werder buszpsalm. D 1b (32, 3).

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u. sterben Sachs 19, 310, 28 G.; verfolgen 258, 27 G. von sachen: sünden ungeschlächten Suchenwirt Hätzlerin 204, 119; armt ist u. und ungeduldig inn gotlosen Franck sprüchw. (1541) 2, 158b; do wart sein gluck u. Fries chr. 277. auch vom foetus: sie wirdt u., fecht an umb sich zu stossen Wirsung artzn. 548c; von thieren: hirsch Heyden Plin. 171; affen Eyering 1, 131; nachklang:

er ungeschlachter, roher sturm
Kind ged. 4, 202.

sonst schriftsprachlich veraltet.
6) in schelte und rüge, wie mhd. (vgl. das ironische geschlacht):

wee der ungeschlachten,
die den frumen scheuhet fastnsp. 777, 35 K.; 331, 4;

schweig, du ungeschlacht!
Waldis Es. 1, 268, 10 K.;

für solche ungeschlachte, slechte slichtköpffe Schottel 21; mostzacherl J. J. Schwabe tintenf. a 4a; esel J. N. Götz 2, 234; bursche Göthe gespr. 2, 232; H. Schmid a. u. n. gesch. 255. gern im superl.; subst.: die ungeschlachte (die deutschheit) gehört nicht in diesen gebildeten kreis A. W. Schlegel Athen. 1, 7; dieser ungeschlacht (Cardon) Gries verl. Rol. 1, 165. Pansner 73a. u. und mürrisch sitzt obenan Wander 4, 1435.
7) mehrfach in steigernde bed. übergehend: warumb schreyst so u. (vgl. 5 b) fastnachtsp. nachl. 21, 34 K.; dein grimm u. Sachs 18, 355, 22 G.;

inn dem sich gegen mir her macht
ein schatten minder vil ungeschlacht
betrübet je dann andere dar
D. Federman sechs triumph a 2b;

eine ungeschlachte (vgl. 3) länge, höhe una taglia stralonga, sperticata Kramer (1702) 2, 535c. — ungeschlachte, f. , gth. der geschlacht(e), th. 4, 1, 2, 3900. mhd. ungeslahte, f. n. veraltet und mundartlich; heute dafür ungeschlachtheit. in den bedd. des adj. ungeschlacht; und zwar wie 3 niedriger, krummer ungestalter wuchs:

meinr ungeschlachte müsz gott walten
Waldis Es. 1, 227, 27 K.

wie ungeschlacht 4 als krankheitsbezeicknung: un(ge)schlechte Schmeller 2, 499. ungeschlacht 5 entsprechend, wie mhd.: morositas, ungeschlachte der sitten Frisius 841a; boszheyt und u. Herr zuchtb. 86a (pravitas); die u. des glücks 224b (vgl. DWB ungeschlacht 5 b und 4); zu grosser u. bewegt (vgl. 5 b) Marquart v. Stein spiegel (1498) f ib. ungeslahte, n. böses, entsetzliches, plage Hesler apoc. 14506. — ungeschlächte, n. , häufiger in-, eingeschlächte, s. th. 4, 1, 2, 3900: 's ung' schlächt eingeweide beim geschlachteten schweine Seiler Basel 299b. — ungeschlachten, verb. , aegre ferre, zu ungeschlacht 5 b: Folz meisterl. 38, 35 M.ungeschlachtheit, f. , gth. des schriftsprachlich seltenen geschlachtheit. seit Kramer 1702 (rudezza, grossezza, barbarie 2, 535c) verzeichnet; älter ungeschlachte, f. wie ungeschlacht 3: die u. der riesen Laistner nebels. 183; in cyclopischer u. Scherer litg. 617 (vgl. 5). wie ungeschlacht 4: u. des ackers Bode Mont. 1, 353;

schamhaft erglühend, nahm ich den heiligen
rebschosz und hegt ihn ...
abwehrend luft und ungeschlachtheit
Voss ged. 3, 281;

Gervinus g. d. d. dicht. 5, 61; veraltet. ungeschlacht 5 entsprechend: Kramer a. a. o.; aus u. Schleiermacher Plat. 6, 472; seine u. Laube 4, 53, Rosegger 12, 172; des verses Uhland schr. 2, 506; volksverkehrs Gervinus 2, 288; auch in dem bei ungeschlacht beobachteten viel milderen sinne: etwas von der gedachten reizenden u. und paradoxen härte bei kindern (reese) Mörike an Kurz br. 25. — ungeschlachtig, adj. (vgl. mhd. ungeslehticlîchen und unschlachtig): morosus ungschlachtiger sitten Frisius 841a. andere bedd., denen von ungeschlacht entsprechend, ergeben sich für das adj. aus ungeschlachtigkeit, f.: weiter ist noch ein schedlicher giftiger gebrech, welchen etlich formicam, etlich

[Bd. 24, Sp. 850]


noli me tangere von seiner u. nennen Ryff chir. 72a (ungeschlacht 4); u. des grundes Thurneisser v. wassern 91 (u. 4); zweige und holtz, die sich wegen der harte und zähen ohngeschlachtigkeit mit dem horn vergleichen a. weisheit lustg. 416 (u. 4); damit unser wildigkeit und u. in disem himlischen brunnlein verschlungen werde Mathesius hist. Christi 1, 61a (u. 4, 5 b). alterthümelnd Droysen Arist. 3, 116. veraltet.ungeschlachtlich, adv. morose Frisius 841a. — ungeschlafen, part.-adj. adv. wie mhd. ohne zu schlafen: Gleim br. 1, 425; Heinse 10, 9; Arnim 7, 29. Seiler Basel 299. übernächtig els. 2, 452b. Straszb. stud. 2, 276. insomnis, die sach ligt bey mir ungeschlaffen, u. legen Dentzler; die sach legt mich u. Aler. vgl. DWB schlaflos. — ungeschlagen, part.-adj. von schlagen, gth. v. geschlagen. mhd. ungeslagen; mnl. ongeslagen; Seiler Basel 299. act. Aventin 4, 285 30; Simpl. 333 Kögel; Kotzebue 7, 227; einigen schaden darauf ungeschlagen (unangeschlagen) Heermann Rosenb. chr. 145. pass. freiwillig, von selbst: Garg. 141 ndr.; Dannhawer cat. 1, 290; mnl. wb. 5, 684, 5. ohne schaden: bleiben mhd. wb. 2, 2, 373b; wenn ich jn (den fürsten) heuchle ..., so bleib jch u. Luther 32, 346, 16 W.; sat. 1, 97 Schade; davonkommen u. dgl. Frisius 140a; so kam U. fast u. aus groszer gefahr Gotthelf 2, 69; sein Waldis Es. 2, 179 K.; u. ist am besten Luther 17, 1, 27, 15 W.; Wander 4, 1435; spr. 1532, 591 Latend.; Fr. Wilhelm spr. g g a 53; Lehman 3, 443. unbehelligt: Grimm rechtsalt. 1, 446; sagen 2, 42; ähnlich Spangenberg Mansf. chr. 120a; Moscherosch ges. 2, 372. technisch vom land mnl. wb. 5, 683, 4; gold ebd. 1, Lohenstein Arm. 1, 863b; silber Frisius 690a; arbeit Krünitz 196, 296; wolle Kramer (1702) 2, 543b; haar (nicht in flechten geschlagen) ebd. u. dgl.ungeschlank, -heit Campe.ungeschlecht, n. , für neutrum (s. DWB geschlecht II 4 h), gelegenheitsbildung A. G. Kästner 2, 150. — ungeschlechtet s. DWB ungeschlacht. — ungeschlechtig, adj. , nicht geschlechtig. wörter, communia τὰ ἐπίκοινα J. Grimm gr. 3, 329; gesch. d. d. spr. 928; ungeschlechtiges pronomen Wilmanns gr. 3, 407. wie geschlechtlos 2: gegenstände J. Grimm kl. schr. 3, 359. ohne bedeutungszusammenhang mit mhd. ungeslehtic, -lîchen. — ungeschlechtlich, adj. adv. , gth. v. geschlechtlich: zwei ungeschlechtliche fortpflanzungen K. E. v. Baer red. u. aufs. 2, 445; L. Hoffmann tierzucht 239. — ungeschlechtlichkeit, f.ungeschleckt, part.-adj. , gth. v. geschleckt sauber (schlecken 2, vgl.ungeleckt): Gotthelf 10, 236. ungeschleckter für ungeleckter bär els. 2, 461b. — ungeschleiert, part.-adj. zu schleiern 1, gth. v. geschleiert: Musäus volksm. 3, 43. exindusiatus, schleierlos Bischoff beschr. bot. 72. — ungeschleun, ungeschlömig, adj.:

im may sein herr wardt ungeschleun,
trieb den esel in ziegel schewn
Waldis Es. 1, 284 K. 2, 93, 9;

es het ein reicher man ein knecht
der war einfeltig und gantz schlecht,
in allen sachen gar unendig
und auszzurichten unverstendig.
derhalb sein herr war ungeschlömig,
nennt jn allzeit ein narren könig 1, 251 K. 2, 61, 5.

beidemal paszt die bed. 'gar rasch, eifrig bei der hand' mit folg. innerlich abh. satz, was auf mhd. [ge]sliune(c), mnd. [ge]slunich (celer, vafer) mit un iv d führte. vgl. DWB schlaun, schlaum, DWB schlaunen, schleumen, schleunig, schläumik Lexer kärnt. 219, šlȳnəX Leihener 108b, schleimbs. 'unwillig' Kurz. 'ungestüm' Sanders.ungeschliffen, part.-adj. adv. zu schleifen, gth. geschliffen th. 4, 1, 2, 3920; 9, 596. mhd. ungesliffen; mnd. ungeslipet; mnl. nl. ongeslepen; dän. usleben; schwed. oslipad; els. 2, 454a; Fischer schwäb. 3, 477; Drechsler Scherffer 215. ungeschlieffen pred. 10, 10; Sachs 14, 108, 7 G.; E. Weigel grund a. tug. 69; theater d. D. (1768) 13, 564. ungeschlipfen Rein. Fuchs (1650) 60; ungeschlimpfenen 27. onggeschlaff(t) lux. 315b. unbeschliffen s. sp. 712. vgl.unab-, -ausgeschliffen; miszgeschliffen Sanders erg. 452a.

[Bd. 24, Sp. 851]



1) ursprünglich sinnlich nicht geschliffen (schleifen II A 2 a, b), nicht durch schleifen geschärft, glatt gemacht, verziert, unpoliert, matt u. ä. (geschliffen 4, 1, 2, 3920, 1): wenn ein eisen stumpff wird und an der schneiten ungeschlieffen bleibt, mus mans mit macht wider scherffen pred. 10, 10; ungeschliffene gläser Campe; u. schneid nicht Petri 2, v v iir; Ruckert 187; im wortspiel mit wie geschliffen Fischer 477; steine mnl. wb. 5, 684, 1, beliebt im vergleich und bild: weil der mensch selbst ... einem ... ungeschliffenen steine ähnlich wäre Lohenstein Arm. 1, 609b; ein genie .. ein ungeschliffener demant Nicolai litbr. 10, 196; Iffland 9, 134; Pocci kom. 226; Holtei erz. schr. 8, 245.
2) übertragen:
a) nicht geschärft oder ausgebildet durch erfahrung, sachkunde, unscharf von natur, stumpf, dumm, plump, unverständig (mnl. 2; vgl. geschliffen 4. 5 und schwed. slipad listig): sinn mhd. mnl.; zunge mnl.; Tob. Hübner sieb. tageszeit 93 (e g'schliffes mul eine beredte zunge); wort Meyer und Mooyer altd. dicht. 51b, 527, vgl.c; solche ungeschliffen unchristliche wort Luther 30, 2, 578 W. (doch worte schleifen th. 9, 596 glatte worte machen mit dem nebensinn des betrüglichen); sehr unbeschliffen und grobe lügen Cramer pomm. chr. 2, 166; in n. spr. nur mit rückkehr zu sinnlicherer vorstellung: ein verständig ohr höret in der musik ganz was anders, als ein ungeschliffenes Reimarus wahrh. 549, 9; blick Bode Mont. 2, 49; vgl. geschliffen 2 (4) und th. 9, 596.
b) unverfeinert, unfein, ohne geistigen schliff, ohne anspruchsvollere künstlichkeit, geistigkeit, geistreichigkeit u. dgl. (vgl. geschliffen 3 und ungepaliert, ungepoliert, unpoliert): also hab ichs u. durch die federn herausz geschütt städtechr. 11, 804, 4; grob u. mönchisch latein Nigrinus pap. inquis. 149; reimversen, welche sonsten gar u. lauten Spee trutzn. 64, 10; kopf Faber 376b; Lehman 1, 149; Butschky Pathmos 205 (den kopf schleifen s. schleifen II A 2 c und beim depositionsbrauch). witz Heinse 7, 26, verstand, geist u. dgl., oft mit c zusammenflieszend.
c) hauptsächlich rauh, eckig, unfein in sitte, verfahren und benehmen, im höchsten grade ungesittet Adelung, gth. geschliffen 6. schon in mhd. ungesliffen, mnl. ongeslepen mag die bed. des schleifens (schleifen II A 2 c) durch lat. impolitus, ἀνεπίξεστος beeinfluszt sein; entlehnung aus fr. impoli (zeitschr. f. d. wortf. 4, 131), engl. unpolished käme erst für die jüngsten jahrhunderte in betracht. dagegen wirkt wie bei ungehobelt (s. d.) handwerks- und depositionsbrauch, das schleifen der berufssprachen (schleifen II A 2 e; Richter redensarten 72) deutlich ein. mit dem hintergrund des schleifens bei der gesellenweihe: man sol aber solchen ungeschlieffen und ungehöbelten (so oft verbunden) gesellen das handtwerck zu schreiben verbieten und legen Lauterwalt bedencken (1553) B 4a; ungeschliffenen gesellen Deinhardstein 6, 101 wie allgemein. ungeschliffene leute von den bachanten vor der deposition Kluge stud. 132 (1720); undeutlich gegen b abgegrenzt: den doctorhut auf dasz ungeschliffene gehirn zu setzen Trebellius narrenk. (1683) 98; 151; zu 1 zurücklenkend: F. erschöpfte sich in wüthenden vergleichungen zwischen jungen sauschlingeln und alten hauklingen, die beide u. seien Eichendorff 3, 185. für rüde Kinderling 328, rustical Voigt geschäftsf. 2. 382, impoli Campe verd. (1813) 367a. synonyma sind zahllos, z. b. unbehauen, -schnitten, -gehobelt, -geglättet, -gekämmt, -gekocht, -geschoren, -striegelt, -waschen u. s. w., bes. in den mundarten und verwandten spr., z. b. ungehechelt, ungeschroten Ruckert 187, angeschrubbelt, angeschuft Eupen 10b, ongeschufft Müller-Weitz 172, nl. onbeschoft, onbeschaafd, schwed. ohyfsad u. dgl. heute unsinnlicher als ungehobelt, s. d. sp. 712. die ältere spr. verwendet u. auch in weiterer, geistig-sittlicher bed., während in der n. spr. der bezug auf die äuszere wohlanständigkeit oder die gesellige bildung vorwaltet (Eberhard-Lyon 784). von personen oder persönlich vorgestelltem: Sachs 14, 108, 7 G. sp. 729; was were wilder und ungeschliffener denn ein mensch, der weder recht

[Bd. 24, Sp. 852]


aufferzogen noch ermanet, erinnert und in guten künsten unterwiesen G. Lauterbeck 20b; ungeschliefene und steinerne hertzen, die eine schwangere nicht aufnehmen wollen E. Weigel grund 69; die ungeschliffneste leute von unserm schiff Simpl. 579 Kögel; wenn in ein ehrbar g'lag ein ungeschliffner kommet Olearius rosenth. 29; ungerecht, u. gegen menschen Knigge umg. 1, 16. zwischen b und c steht: ein ungeschliffener (ungebildeter, unvollkommener, impolitus) mahler Opitz 3, 69; übersetzer Morhof zs. f. d. wortf. 13, 207; vgl. unten land. beliebt als schelte: ein unhöfflicher, ungezogener, ungeschliffener grober röltz grillenvertr. (1605) 3, 14; wocke Buchholtz Herk. 316; flegel Stranitzky ollap. 103, 20 ndr.; kerl Lessing 2, 198; grobiantus Wiederhold 388b; Pansner 73a; vgl. schliffel, schlüffel. das ungeschliffne land als inbegriff seiner ung. bewohner Lessing 1, 250; von flöhen Fischart flöhhaz 269 H.; grillen Kopp volks- u. studl. 228. nur nicht immer so u. n. schausp. (1771) 1, 363; Immermann 2, 151; wie u.! Schiller 1, 245. halb u. und halb keck gehört zum heutigen bon ton Meisl quodl. 4, 11. von ungeschliffenheit zeugend: er empot jm ein ongeschliffene antwort Hedio Comines 43; mores Kirchhof wend. 1, 536; grobheit Zesen rosenmând 12; ränke Göthe 9, 72, 468 W.; äuszeres Nestroy 2, 167; lebensart Scheffel 1, 129; wörter Anzengruber 2, 237 (anders oben 2 a). das ungeschliffene zu vermeiden allg. d. bibl. 97, 283. — ungeschliffenheit, f. , gth. der geschliffenheit (doch ist dies oft nur rückbildung aus u.), nach ungeschliffen 2 c. dän. uslebenhed. für rudität Kinderling, rusticität Voigt, impolitesse Campe (1813): der alte mann aber blieb ... wegen der ungeschlieffenheit des gottlosen uberführers zurücke Olearius pers. baumg. 45; Wieland 14, 403; Herder 3, 207; um des gastes u. abzuschleifen Rückert 11, 316; eine bäuerliche u. der verkehrsformen Bismarck br. a. s. br. 361; Platen tageb. 2, 436; ungeschliffenheiten allg. d. bibl. 93, 605; maler Müller 3, 15; sagen Campe.ungeschlömig s. DWB ungeschleun. — ungeschlossen, part.-adj. zu schlieszen, gth. geschlossen th. 4, 1, 2, 3921; 9, 706, 6. mnl. nl. ongesloten; Schmeller 2, 536; Krünitz 196, 297. vgl. unbeschlossen, auch unab-, unauf-, unausgeschlossen, unerschlossen, unentschlossen. räumlich sinnlich nicht geschlossen (zu-, ab-, zusammengeschlossen, abgesperrt u. dgl.). mnl. wb. 5, 684, 1. schlieszen 6 a: thür Waldis Es. 1, 400 K.; hand Agricola sprichw. (1534) a viib; lippen J. J. Engel 7, 131; straszen Herder 9, 95; nabelvene Sömmering bau 5, 148; beine Fr. L. Jahn 2, 32; helm, harnisch Krünitz 298 u. a. rechtlich nicht beschränkt, verboten (schlieszen 6 b): flur, zeit Krünitz ebd. gth. v. geschlossen 1, schlieszen 6 c, nicht compact, lückenlos u. ä.: kette Krünitz a. a. o.; holz Schmeller 536; land Adelung; B. ist von alters her ungeschlossenes land J. v. Müller 9, 179. dazu ungeschlossenheit, f. handwb. d. staatsw. 4, 1213. geschlossen (schlieszen 6) d entsprechend: reihen und glieder v. Fleming sold. 226, 34; gesellschaft, verein Krünitz; handwerk Jacobsson 4, 484a; zünfte Forster 3, 371; die zünftige geckheit war von ganz andrer beschaffenheit als die unzünftige oder ungeschlossene Möser 2, 249; gerichte Berg polizeyrecht 1, 127. geschlossen 6 e entsprechend: des noch ungeschlossenen werks J. Grimm kl. schr. 7, 332; rechnung Kramer-Moerbeek, Krünitz. weidmännisch: in alten ungeschlossenen (es steht da aber ungeschloffenen) dachs- oder fuchsbauen Thüngen pract. 174 wie geschlossen (th. 4) 6. mnl. ongesloten immensus, unbeschlossen, wb. 5, 684, 2 b. ungeschlossene (ungeschlieszene Hupel 245) federn Amaranthes frzl. 655 zu schleiszen th. 9, 616, 618. — ungeschlüsselt Rosegger alpensommer 94. — ungeschmack, m. , gegenstück zu geschmack, m. vgl. mhd. âsmac Frauenlob 55, 5; abgeschmack, abschmack; unschmack; nl. onsmaak, wansmaak; altschwed. osmaker, schwed. osmak; geschmacklosigkeit. zu den formen (ungeschmäcke Diefenbach gl. 28a; ungeschmacke Gäbelkover 1, 156; ungeschmachen Schmeller 2, 541; ungeschmach Unger-Khull 610a) s. DWB geschmack I. ohne plural.

[Bd. 24, Sp. 853]



1) wie geschmack II A vom übeln geruch, Schmeller a. a. o.: ob er an unserm mund spure athems ungeschmach b. hofordn. 2, 221 Kern;

zuhand die göttin bracht ein kraut,
das wol schmecket ambrosiam,
welches in allen ungschmack nam
Sachs 7, 407, 19 K.;

auch übelriechendes, mist, jauche, kot, schmutz Unger-Khull 2. schriftsprachlich veraltet.
2) geschmack II B entsprechend, vom geschmack. mangel an g.: die kürbisz frucht ... soll man von jrer wässerigkeyt und ungeschmacks wegen wol würtzen W. H. Ryff spiegel 41a; u. des wassers Fischart binenk. 16a. übler g., amaritudo Diefenbach 28a: du keinen sauren safft ... in keinem küpfferin ... gefäsz sieden solt, dann es bekompt ein u. darvon Ryff confectb. 127a: engl. com. (1624) q 8a; Hohberg 3, 415a; Orsaeus (1623) 38; Schmeller a. a. o.; schlechte geschmacksempfindung Höfler 584b; damit verbundener ekel, nausea: ein tranck für ungeschmacke des munds, dasz einem weder essen noch trincken schmeckt Gäbelkover 1, 156; uns den u. des zuvorgehörten mit einer trinkbaren rede hinunter zu spülen Schleiermacher I 5, 406; uns aber liegt noch wie assa foetida auf der zunge der scheuszliche u. der worte, die wir gegen dich (Platen) zitiren muszten Lassalle red. 2, 425. üblich ab-, bei-, nachgeschmack.
3) wie geschmack II B 4 in anwendung auf das schöne. nl. onsmaak 2. seit Campe verzeichnet. mangel an geschmack überhaupt, unempfindlichkeit gegen das schöne:

die (alten) hätt' einst, ihnen zeitverwandt,
ihr tiefgelehrter unverstand
und ungeschmack gewisz verkannt
J. A. Ebert (1772) epist. (1789) 93;

weil ... der nicht- oder u. sich aber noch immer erziehen und bilden läszt Tieck der j. tischlerm. 1, 91; Nietzsche 1, 233; einen groszmächtigen, mit u. gebundenen blumenstrausz Rosegger 13, 241. dann gs. des guten geschmacks, schlechter g., geschmacklosigkeit, geschmacksverirrung, mangel an richtigem, gesundem, natürlichem u. dgl. g.: mitten unter schönheiten der alten wird das gefühl an schönheit verhärtet und der geschmack mit gewalt gezwungen, dasz er sich verwahrlose und nach elenden, kindischen, unsinnigen zwecken laufe; die gegenarznei, die diesem heillosen ungeschmack entgegen würken sollen, hat alles noch mehr verdorben Herder 5, 652 (1772) 5 u. o. attrib. heillos 22, 184; wüst 30, 280; barbarisch 18, 501; fade Platen 2, 296; schnöde Geibel 4, 85 u. s. w.; den u. in kunst und wissenschaft zu brechen Gervinus g. d. d. dicht. 1, 10; eine beinahe vollständige musterkarte aller arten des hiesigen geschmacks oder besser ungeschmacks W. v. Humboldt an Göthe 10. 10. 1800. bildlich z. b. mistbeete des ungeschmacks Fr. L. Jahn 1, 262; des ungeschmacks erobernde standarten Platen 1, 655; wechselbalg des blinden ungeschmacks Hoffmann v. Fallersleben 5, 297; concret: nach gethaner arbeit ist gut ruhen, denkt er, als er irgend etwas bemerkt, das ihn zornig erregt, ein u., eine rohheit, eine philisterei Keller nachgel. schr. 197;

ob er um verruchten lohn
fremden ungeschmack vertire
Freiligrath 3, 145.

ungeschmack(t), adj. adv. , gth. v. geschmack, dessen formen zu vergleichen sind (ungeschmacke bücher Schweickhart zu Helfenstein Bas. 614; das ungeschmagest ding Keisersberg narrensch. 12b; das letst gebet ist eben als ungeschmack oder etwann ungeschmackter weder das erst irrig schaf 18, ungeschmeckt scharpff ... sind die samen Bock kreutterb. 1 xxx i y, vgl. mhd. ungesmecket; ungeschmacket Ryff confectb. 111b; Adelung verwarf das schlieszende t). ahd. ungasmach ahd. gl. 2, 229, 27; mhd. ungesmac; mnl. ongesmaect wb. 5, 685; Schmeller 2, 541; Fischer 3, 480; Crecelius 845. schriftsprachlich im 18. jh. veraltend, von Heynatz antib. 2, 521 zu gunsten von geschmacklos verworfen, von Campe nur noch als landschaftlich aufgeführt;

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'das wort u. hat etwas ungelenkiges und möchte daher wohl nicht in die jetzige hd. spr. zurückkehren' Krünitz 196 (1848), 299; dennoch entbehrt es nicht des eigenwerthes und deckt sich mit schmacklos, geschmacklos, unschmackhaft, abgeschmackt, abschmeckig, abschmeckend nicht völlig. vgl. auszerdem überschmack, wohl-, gut-, feingeschmack, ungeschmackhaft, ungeschmackig, -lich, -voll. für fade Campe verd. (1813) 310b nach Heynatz.
1) wie mhd. übelriechend: ein ungeschmackter sauerlechter geruch Thurneisser prob. d. harnen 8; geschmack m. alch. 2, 76; mund Lehman 2, 734.
2) wie mhd. unschmackhaft, kraftlos: suppen Keisersberg bilger 16b; Crecelius oberh. 845;

mit thränen musz ich mischen
den ungeschmacken trank
Fleming 1, 10 (I 5, 23),

dafür var. ungeschmackten; Treuer Däd. 1, 246; gewisse speisen zu essen, und all die andern ungeschmackt zu finden disc. d. mahlern 2, 142; Triller betr. 4, 420; dasz die nennung ihrer nahmen diese vor uns stehende goldblühende butter ungeschmack und abgeschmackt machen könne Tieck g. n. (1835) 7, 28. drumb will er, das seine apostel nicht ein thumb oder verlegen oder vermodert oder ungeschmack saltz sein Mathesius Sar. 179b; Harsdörffer secr. 1, lii va. keinen appetit, keine lust oder ekel erregend, zuwider:

schlaff, speisz und tranck mir ungschmack ist
Sachs 7, 213, 27 K.;

personen ... welche biszweilen ihre zungen so verwehnet haben, dasz sie an kalck, kreyde, kohlen und andern ungeschmackten dingen eine ergötzlichkeit finden vern. tadl. 1, 34; Fr. der thet eschen in das msz, das es im ungeschmack wer Keisersberg ev. (1515), 207d. ekel empfindend, mit störung der geschmacksempfindung verbunden: ist der mund fieberig und ungeschmack, so ist jm wol das honig bitter Franck sprüchw. (1541) 2, 181b; Wirsung artznb. 40 a.
3) übertragen a) wählerisch, urtheilslos, schlechten geschmack zeigend:

ungeschmacke welt, zu klein
hast du meinen guten wein geehrt
Rückert 5, 164.

b) widerwärtig, leidig, unangenehm (wie mhd). zur übertragung: die edele warheit ein ungeschmackte artzney bey allen mänschen Moscherosch g. 1, 687 (1650); seelenspeise H. Müller erquickst. 163. darumb so wil ich eingeen zu den haiden, in der mund ich ietz bin pitter und ungesmach (insipidus) off. d. h. Brig. 1, 57; wie es bischoff und pfaffen so ain ungschmack krut wird sein, das .. A. Blaurer briefw. 2, 750;

desz daucht dich ungschmach und unbillig
Sachs 10, 399 K.;

denn so künstlich und schönes die verderbten prediger zu machen suchten, so ungeschmackt und verdrieszlich war es denen armen seelen Arnold ketzerhist. 2, 117b; wie ungeschmackt kommen mir alle freuden dieser welt vor! n. schausp. (1771) 8, 1, 1, 16. c) an abgeschmackt absurdus, ungereimt 2 a γ heranreichend, doch diesen in ihrer unsinnlichkeit nicht gleich, vielmehr regelmäszig mit ursprünglichem bezug auf die sinnesempfindung ohne würze, salz, dann werth, eigenart, kunst, bedeutung u. dgl. (die gantz welt faul worden und ungeschmackt M. Bucer bericht h 4a; gleich wie aber eine ungeschmackte würtze in gemein überzuckert und belieblicher gemacht wird ..., also habe ich dahin getrachtet, wie ich etwan meinen ungeschmackten liedern eine liebligkeit durch die music anstreichen könte Schirmer singende rosen 1;

dieweil dein mund mein ungeschmacktes küssen
hat künstlich zu versüszen wissen
Hoffmannswaldau getr. schäf. 41;

Breitinger dichtk. 1, 6; ein ungeschmacktes laues mittelding Stilling 3, 91). von personen: salsitudo illi non inest, ein ungschmackter mensch Franck sprüchw. (1541) 2, 98a; Garg. 58 ndr.; pöfel C. Dietz annales 72; ein ungeschickter und ungeschmackter geifferer Comenius

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janua 272; insulsus, fatuus, insipidus ... ein ungeschmackter, ungeschmaltzener mensch Aler 2, 2086a;

Trissin und Tasso schienen alt,
ganz kraftlos, ungeschmackt und kalt
Gottsched n. ged. 9;

dieser kleine mann schien freilich denjenigen, die nicht ganz seine zuckersüszen empfindungen nachempfinden konnten, etwas ungeschmackt Nicolai Noth. 1, 190. von sächlichem: Keisersberg irrig schaf 18 s. oben; wirdt es uns nit ungeschmach oder törecht geduncken? M. Müller v. Westendorff (1541) a 3b; unkräfftige, ungeschmackte, lehre wort Zinkgref ap. a 5; grob und ungeschmach reden Nas antip. 4, 91b; adv. insulse Reyher; schertz, so etwas ungeschmacktes mit sich führet Olearius rosenth. 1, 35; eines ungeschmackten pur-diatonischen clavieres Heinichen generalb. 85; wodurch solche bildung frostig und ungeschmack zu erscheinen pfleget Winckelmann 3, 125; immer dasselbe ... wird endlich ungeschmackt und kühl Wieland 21, 39;

und die natur
ist ungeschmack, ist leer an lust für ihn
Zachariä hinterl. schr. 13;

ungeschmackte nachahmungen Nicolai reise 4, 571; postillengeschwätz Noth. 2, 272; Kölle aufz. e. nachgeb. prinzen 68; so muszten ihm (Lichtenberg) dagegen die älteren (productionen) zu nüchtern und ungeschmackt seyn bl. f. liter. unterhaltung 1846, 882, 2. — dazu ungeschmackheit, f. vapiditas, insipiditas. gemma gem. d 1a; Adelung. ungeschmacktheit Kramer-Moerbeek. unüblich.ungeschmackhaft Sebiz 233. ungeschmackhaftig Keisersberg. ungeschmackig s. geschmackig. ungeschmackicht. ungeschmacklich, adj. adv., gth. v. geschmacklich 1: wann aber das saltz thumb und ongeschmäcklich ist Bock krb. 418b. bitterkeit und ungeschmacklichkeit ewres privats (verdauungsgeschäftes) Albertinus zeitk. 2. Campe. unüblich.ungeschmacksam, adj. adv. , gth. von geschmacksam: J. L. v. Breszler merkwürdigkeiten d. natur (1706) 2. — ungeschmackvoll, adj. adv. , gth. v. geschmackvoll 1. vgl. geschmackwidrig: ihre toilette war immer äuszerst vernachlässigt und sogar u. Carol. v. Humboldt an Wilhelm (1819) 2, 550; jb. d. Grillparzerges. 4, 229. — ungeschmalzen, part.-adj. adv. s. DWB schmalzen th. 9, 930, 2 und vgl. DWB ungesalzen. Seiler Basel 299. ungeschmalzenheit, f. Chr. Fr. Schulz reise eines Livländers (1795) 5, 83. ungeschmalzt Stieler 1878; Zschokke 14, 116. ungeschmalz H. Brennwald chron. 2, 517. ungeschmältzt Ruoff hebammenb. 64. J. u. W. Grimm kinder- u. hausm. 1, 174. mhd. ungesmelzet. — ungeschmeidig, adj. adv. , gth. v. geschmeidig; vgl. schmeidig, unschmeidig. mhd. ungesmîden; eyn ungesmider ritter Stolle thür. chr. 15; mnl. ongesmide (?); schwed. osmidig. von metallen: kein ungeschmeidigs metall laszt sich stempffen Parac. 2, 573; Blumhof eisenhüttenk. 4, 388. von andern stoffen: leder Waldis Es. 2, 164 K.; glass Thurneysser m. alch. 47; kiesel Novalis 4, 167 M. v. einem instrument: wurde solches zum gebrauch sehr u. und verhinderlich sein Curtius practica d. landmessers 176. v. gliedern: ein lange und ungeschmeidige zunge Hörwart v. Hohenburg reiterei 53b; nacken Görres characteristiken 30 Schultz; Rückert 1, 463. v. d. sprache Ebert episteln 170; schreibart J. Grimm kl. schr. 1, 160. geschmeidig 2 f entsprechend: Stolle oben; inhabilis Schönsleder; wenn wir nicht zu langsam und u. wären, uns dessen (eines vortheils) zu bedienen Breitinger dichtk. 1, 115; diese ungeschmeidige gemüthsart Bode Mont. 5, 85; materien von dieser ungeschmeidigen natur Schiller br. 3, 339; adv. u. gerathen allg. d. bibl 92, 210; dreinhauen Rückert 5, 302. dazu ungeschmeidigkeit, f., gth. der geschmeidigkeit: das gold ist nit also rein, mag nit seiner u. halben hindurch getruckt werden Rivius Vitr. 497; das glücklichste organ erfährt seine u., wenn es sich erst am spröden stoffe stöszt Vischer ästh. 3, 1, 12; u. des ausdrucks allg. d. bibl. anh. 37—52, 1255; bei aller u. im umgange Münscher lebensbeschr. 11. — ungeschmeisz,

[Bd. 24, Sp. 856]


n., böses geschmeisz. s. DWB geschmeisz 2 b, 4, Höfler 586a und un iv b: dasz aber die corallen den donner- und hagelschlag, auch andere gewitter verhüten, alles u. vertreiben und die reisende davor präserviren sollen, ist ein bloszer aberglaube Hohberg 3, 508a. — ungeschminkt, part.-adj. adv. , gth. v. geschminkt (s. d. und schminken). dän. usminket; schwed. osminkad. auch unbeschminkt Stieler 1880; vgl.unange-, unüberschminkt, DWB ungefärbt (unentfärbt Sattler phras. 379), ungeheuchelt, ungeschmeichelt (Wilmanns gr. 3, 462) u. ä.: der ungeschminkte wein Fleming 1, 318, 28; K. tritt u. auf H. v. Kleist 2, 299. übertragen: die recht ungeschminckte treu Dach 714; zierlichkeit Morhof unterr. 1, 240; freuden Lohenstein Arm. 2, 1332b; natur Wieland 17, 15 Hempel; beredtsamkeit Luc. 3, 269; beliebt: gantz ungeschminckte wahrheiten sagen vern. tadl. 2, 375; die reine ungeschminkte wahrheit Hippel 2, 468; Mörike 3, 64 (s. wahrheit II 3 g); wahrhaftigkeit Treitschke aufs. 1, 448; seltener den reitz unserer ungeschminkten gegend Thümmel reise 6, 178; ungeschminkte politische organe, die ungeschminkte wahrheit sagen Laube 1, 153. aus einem ungeschminckten hertzen Treuer Däd. 1, 347; der ungeschminkte geist Wieland I 1, 232. von personen: eines ungeschminckten christen gedult Francisci d. a. unglück 371; mann Mattheson ehrenpf. 5; menschen Zschokke 22, 120. comp.: muster von ungeschminkteren liedern Gervinus g. d. d. dicht. 3, 274; mit den ungeschminktesten worten Lenz 3, 133 Tieck. adv.: u. beschrieben Bode Yor. 1, 38. ungeschminktheit, f., gth. der geschminktheit Gervinus 3, 208. — ungeschmückt, part.-adj. adv. , gth. v. geschmückt, s. DWB schmücken II 3, 5, 7; nl. ongesmukt. ganz ähnlich wie ungeschminkt entwickelt. schwed. osmyckad. vgl.unschmückend Sanders 2, 981c, inadornatus, unadorned, schmucklos:

unfreundlich, ungeschmückt, und rauh und wüste,
im trüben dunkel schauerte die küste
Gerstenberg ged. e. skalden 4; 365, 33 ndr.

übertragen: dann disz edle buchleyn (d. deutsche theol. 1518), als arm and ungeschmuckt es ist yn worten und menschlicher weiszheit, alszo und vill mehr reycher und ubirkostlich ist es in kunst und gotlicher weiszheit Luther 1, 378 W.; ungeschmuckte red J. Menius auslegung über d. spr. Salom. a 4a; sprache Herder 10, 320; sachen Zesen verm. hel. 2, 4; kenner der edlen einfalt und der ungeschmüketen natur in der schreibart Winckelmann 6, 306; lied Haller ged. (1882) 32; sitten Wieland I 1, 305; schutz Cramer Neseggab 2, 28; wahrheit Beer 311; Gutzkow 11, 386;

um euer denkmal ziehn
doch seufzer fromm und ungeschmückt
A. Droste-Hülshoff 1, 60.

nichts kann ungeschminkter, ja selbst ungeschmückter sein Wieland 26, 103 Hempel; die ungeschmückteste schreibart litbr. 14, 367 (1762). er erzählte einfach, u. Görres br. 3, 213. — ungeschmücktheit, f. : des gebäudes Meiners br. über d. Schweiz 2, 58; seiner erzählung K. O. Müller Dor. 2, 60. häufiger schmucklosigkeit. — ungeschnabelt, ungeschnäbelt, part.-adj., gth. v. geschnabelt, geschnäbelt (s. d. u. schnäbeln 3): nl. ongesnaveld: mit einem blinden oder ungeschnabelten helme (s. DWB schnabel 5 d) Thurneysser m. alch. 36; ungeschnäbelt sbeccato Kramer (1702) 2, 616c; schiffe Campe; erostratus, erostris ungeschnäbelt oder schnabellos Bischoff bot. 70; die frucht (des flohkrauts) ... ungeschnabelt Schlechtendal-Hallier 29, 147. — ungeschnauft und unbartgewischt, ohne schnaufen und bartwischen Nas antip. 1, 5a; bibl. d. schr. a. Böhmen 8, 304, 26. s. DWB schnaufen th. 9, 1207. — ungeschnittener samt Jacobsson 4, 484b; halbsammt, ritzer Karmarsch-Heeren 4, 235; 7, 379; falscher s. Lueger 7, 887. — ungeschnitzt uncoined A. W. Schlegel Shak. 7, 180 (Heinr. V. 5, 2), s. schnitzen 4. — ungescholten, part.-adj. als nebenform zum adj. unbescholten (s. d.), gth. v. gescholten (s. d.; Staub-Tobler 8, 723; th. 8, 2529), wie mhd. (wb. 2, 2, 132a) noch im 18. jh. gebraucht; die n. spr. hat es fallen lassen: unschältbar oder ungeschulden,

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unbegriffenlich, untröstlich Frisius; ein ungescholtener unberüchtigter ehrenmann Schottel 139; glaube Treuer Däd. 1, 668; sehnen Schwabe bel. 6, 464; freude Gottsched d. neueste 8, 891; die ungescholtensten zeugen Hippel lebensl. 4, 140; dein hemd und frack soll u., das heiszt weisz und ganz seyn Hamann 4, 388. — ungeschöpf, n. , individuelle bildung Göthes, ungezieferliches (s.un iv b):

rohr und binse, molch und salamander,
ungeschöpfe tilgt sie miteinander 6, 241 (w. östl. divan) W.;

dazu Burdach jub. ausg. 5, 413. anders miszgeschöpf (s. d.). vereinzelt miszgestalt nahestehend: wo (auf den wallfahrtsstationen) der heiland auf gräulichen bildern doppelt gesteinigt, verspottet und gegeiszelt wurde, einmal vom maler und dann von dessen ungeschöpfen L. Starklof 14 tage im gebirge 13. — ungeschoren, part.-adj. zu scheren. ahd. ungescoran; mhd. ungeschorn (mnd. ungeschoret); mnl. nl. ongeschoren; an. úskorinn; altschwed. oskurin; dän. uskaaren; schwed. oskuren; überwiegend, wie auch nhd. allgemein, in der bed. v. scheeren I 1, 2. nach scheeren 1 4: a) unverletzt (vgl.ongescoornesse incorruptio mnl. wb. 5, 678), unangefochten, unangetastet, unbeeinträchtigt, ruhig, ohne weiteres (scheeren I 4 a—d, h): op dat si bliven ongescoren Reinaert II 7509, hs. b des 15. jhs. für onbescoren; in den deutschen verbindungen überwiegen die mit lassen, und diese werden, wohl auch zeitlich, regelmäszig von c beeinfluszt: dasz er doch Frankreich möchte u. lassen Prätorius phil. colus (1662) 474; damit sie (die alten Teutschen) nehmlich von denen nachstellern und miszgönnern mochten u. bleiben glückstopf (1669) 420;

dieweil sein wohlgeführtes leben,
und alle redlichkeit und treu,
schon von der kraft und nachdruck sey,
ihm ungeschoren, recht zu geben
Triller betr. 1, 304;

den wilden ... u. der natur überlassen allg. d. bibl. 95, 347; nur wenige stücke blieben u. Chrysander Händel 1, 220; u. wegkommen Varnhagen tageb. 6, 147; u. geht er von uns, er soll auch u. seine strasze ziehn Freytag 9, 85; wo ... die flüchtigen gemslein u. über die stillen alpenweiden ziehen Steub wand. i. b. geb. 172; berghöfe, welche von geistlicher und weltlicher obrigkeit u. sich eines stillen unbekannten separatismus erfreuen drei sommer 1, 209; wenn das individuum vom staate möglichst u. bleibt Kürnberger siegelringe 490. Schiller unter c. b) vielleicht nur auf dem umwege über c (a) erscheint die bed. scheeren I 4 e prellen: dasz sie .. mich .. mit ihren spitzbübereien u. lassen sollten A. G. Meissner Adolph (1792) 1, 72. c) nicht unnöthig geplagt, bemüht, in anspruch genommen, ungefoppt (zs. f. d. wortf. 10, 247), zufrieden, nach scheeren I 4 f, g. syn. ungeheiet, ungevexirt Rädlein 981a; ra. jemanden u. lassen von Adelung als den niedrigen sprecharten eigen, von Campe als landschaftlich und der leichteren, scherzhaften schreibart angehörig verzeichnet. 'ihm keine unnöthigen mühen und beschwerden verursachen, jemanden in ruhe lassen, nicht aus seiner ruhe reiszen, ihn nicht mit nutzlosen kleinigkeiten aufhalten, damit er seine zeit zu nützlichern arbeiten verliere' Krünitz. irrig ist zurückführung der ra. aufs mhd. (Lexer hat 2, 1865 eine unmögliche voreilige vermuthung W. Grimms altd. wäld. 2, 190, 59, welche dieser im verzeichnis der druckfehler und verbesserungen selbst zurückgezogen hatte, für echten text gehalten, Weigand-Hirt und das mnl. wb. haben diese angabe weiter verbreitet), unbewiesen und unwahrscheinlich der seit Frisch behauptete zusammenhang mit der alten strafe des haarabschneidens (Günther recht u. spr. 137). sie erscheint vielmehr lit. erst in der 2. hälfte des 17. jhs., wurzelt im badehumor der handwerksspr. (H. Kaufringer 9, 100 ff., Uhland volksl. 287, 10) und erhält ihre prägung und schlagkraft (wie ungehobelt, ungeschliffen) aus der deposition, bei der auch haar und bart bearbeitet, mit hölzernem messer rasiert wurde u. dgl. wahrscheinlich geht hierauf die bed. einer unnützen, überflüssigen, muthwilligen, lästigen, verdrieszlichen quälerei zurück (vgl. schererei, schorist). scheren

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1 4 c im geschlechtlichen sinne liefert inhaltlich einen schwachen einschlag (vgl. ungeheit, ungebrüht, ungesorten; formell haben die verb. ungeheit u. s. w. lassen eingewirkt), verstärkt den kraftwortcharakter und erklärt die 'niedrigheit' des ausdrucks, der sich erst im 19. jh. zu unbedenklicherer brauchbarkeit für anspruchlose oder familiäre redeweise abschleift. der bereits gefestigten ra. flieszt durch zurückgehen auf sinnliche vorstellung immer wieder neuer lebendiger inhalt zu (Eichendorff 3, 33): zu dem siehe ich euch auch vor kein scherergesindel an? darum lasset mich u. Simpl. 637 Kögel; sine me indetonsam jus potandi (1668) e 1b (zs. f. d. wortf. 10, 247); lasset mich u., oder ich gebe eine garstige antwort J. Riemer pol. guckuck (1684) 272; Chr. Reuter harl. 50; der duellant mich bath, dasz ich ihn u. lassen solt (nicht die nase abhauen, vgl. DWB scheren I 4 h α) Schelm. 121 ndr.;

ey, nimm doch warnung an und lasz sie (das mädchen) u.
Günther 401;

B. Neukirch (1744) 147;

ihr ungeheuren wünsche! geht und laszt mich ungeschoren
Stoppe Parn. 176;

Wieland Luc. 2, 274;

macht was ihr wollt; nur laszt mich ungeschoren!
Göthe 2, 276 W.;

Hanswursts hochz. 111; da waren sie bald still und lieszen mich u. gespr. 3, 240;

ist jemand hier erfroren,
ersäuft, geköpft, gehenkt, er bleibt nicht u.,
er wird anatomirt
Schiller 11, 301 (eigentlich a);

Heine 1, 292; Strachwitz 6; wenn du es (küssen) nicht willst, so lasse ich dich so u. wie meine groszmutter, wenn ich mit ihr zur kirche fahre Frenssen Jörn Uhl 462; da haben sie ihr geld, nu lassen sie mich u. Hirschfeld mütter 27. Hügel Wien 176; Sartorius Würzb. 128; Niebergall 170; Crecelius 845; Schmidt westerw. 283; obers. 2, 419a (auch ungeschabt); aus Franken und Schlesien Wander 4, 1435; lux. 316a; Bauer-Collitz 179. auf a zurückweisend, ganz verallgemeinert: nun laszt mich mit allen anstalten u. Möser 2, 350; Hügel 176; allgemein; also lasz mich über dieses thema u. Pückler br. 1, 110; in Keller 3, 177. man lasse eines andern mannes sein steckenpferd u. Bode Schandi 1, 26; laszt Damons nase u. portraits (1779) 180; laszt die schönen wissenschaften u. Claudius 3, 22. — ungeschorenheit, f. : seien sie so freundschaftlich, niemandem meine adresse zu verrathen; ich bedarf der vollkommensten u., um weiter existiren zu können H. v. Bülow 5, 334. d) unbekümmert (scheren I 5):

denn mich, bei Mahom! läszt es ungeschoren,
dasz ich solch jämmerliches volk verloren
Gries verl. Rol. 3, 365.

weniger üblich.ungeschossen, part.-adj. , gth. v. geschossen 2 närrisch, verrückt (schieszen 4, vgl. halbgeschossen):

ein trefflicher poet ist selten ungeschossen
Weichmann Niedersachsen 3, 245.

ungeschränkt, part.-adj. , älter als unbeschränkt in dessen 3. bed.: er (gott) ist das ungeschranckt gt Keisersberg spinnerin (1510) a 3b; ungeschränkte majestät P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 406a; einen ungeschränkten freien fusz Francisci traursaal 3, 417. veraltet.ungeschraubt, ungeschroben, part.-adj. adv., gth. v. übertragenem geschraubt, geschroben (s. d.):

das ist es, mutter, wort für wort, was ich
zu sagen habe, kurz und ungeschraubt
Schiller 6, 141 (Euripides Phoin. 494

οὐχὶ περιπλοκὰς λόγων ἀθροίσας); ungeschraubte schlichtheit G. Hauptmann E. Quint. 453. dazu ungeschraubtheit, ungeschrobenheit (Sanders erg. 461c). — ungeschrieben, part.-adj. , seitenstück zu unbeschrieben. während man früher statt unbeschriebenes buch ein ungeschriben buch (Sachs 11, 8 8 K. wie mhd.) sagte, hat sich für veraltetes unbeschrieben 5 heute ungeschrieben durchgesetzt (mhd. Lexer 2, 1865; gesetz städtechr. 3, 82; recht Jhering geist 2, 1, 24; gesetzbuch

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Treitschke d. gesch. 1, 665; wort gottes Fischart bin. 61a; Gottsched d. neueste 2, 529; sitte E. M. Arndt 2, 99 u. s. f.). — ungeschriftgelehrt Österreicher Columella 1, 47 ndr.ungeschrobenheit s. DWB ungeschraubt. — ungeschuf s. DWB ungeschaffen. — ungeschuht, part.-adj. , gth. v. geschuht 1 und seitenstück zu unbeschuht. mhd. ungeschuoch und ungeschuohet; mnd. ungeschoiet; mnl. nl. ongescoeit: ongeschücht Oheim Reich. chr. 78, 33; der ungeschuheten karmelbrüder Zschokke 33, 319. — ungeschult, part.-adj. adv., gth. v. geschult (s. DWB schulen b δ): einer neuen ungeschulten versammlung Dahlmann fr. rev. 389; beobachter Justi Winckelmann 2, 1, 348; arbeitskräfte hand wb. d. staatsw. 7, 268; dann wirft man dem bauer vor, dasz er roh und ungeschult ist Rosegger 1, 201; Staub-Tobler 8, 625; unbeschuelet 627; ein ungeschulter Scherer kl. schr. 1, 347. stimmen Schopenhauer 5, 97; selbstsucht Keller 2, 118; die überzeugungen waren damals aufrichtiger und ungeschulter Bismarck gedanken 1, 77. — ungeschultheit, f. , gth. d. geschultheit. — ungeschuppt, part.-adj. , gth. v. geschuppt. ohne schuppen: die iuden assen kein ungeschüpten fisch Keisersberg post. 2, 65b, s. DWB schuppen II 1 a; alepidotus Nemnich 610; Schumacher wapenkunst 33. mit schuppen, unabgeschuppt s. DWB schuppen II 3. — ungeschützt, part.-adj. adv. zu schützen: ungeschützte haide Laube 5, 8; u. liegen. — ungeschütztheit, f. , Sanders erg. 466c. — ungeschwänzt, part.-adj. zu schwänzen 2 d γ, gth. v. geschwänzt. Kramer (1702) 2, 697c. Metzger pflanzenk. 600; Müller-Mothes 954b; sterne Heine 2, 371. ungeschwänztheit, f.; Sachs-Villatte. vgl. DWB unbeschwänzt, unbeschweift. — ungeschweift, part. adj. zu schweifen 5 a (cometen A. v. Humboldt kosm. 3, 221) und 5 c (senza incavatura Kramer 1702, 2, 707a; wölbung der stirn Lavater fragm. 2, 128). — ungeschwind, adj. adv. , gth. v. geschwind. mhd. ungeswinde. inpromptus, hebes, incallide Frisius: nit ungeschwind der gesten einer ... verbirgt den bratnen kapaunen Wickram 3, 17, 25 ndr. ungschwindigklich inargute Frisius. trotz Campe schriftsprachlich veraltet.ungeschwisterlich, -keit Campe.ungeschwollen, part.-adj. zu schwellen 2 l, geschwellen I 3: ein ungeschwollenes, doch nicht zu niedrigs wort Weichmann Nieders. 4, 232. unüblich.ungeschwunden, part.-adj. zu schwinden: u. ding Garg. 370 ndr., th. 2, 1167 durch 'unverzüglich' erklärt; eher wohl 'tüchtig' als ausdruck der steigerung wie: bei dem grossen, ungeschwunden, harten elendte A. Scherdiger novae novi orbis historiae (1591) 502. dis kostet jo ein ungeschwundenes geld 'unversiegbar viel' els. 2, 520b. — ungeschwungen, part.-adj. zu schwingen 2 k. mhd. ungeswungen. Frisch 2, 251b. Schmeller 2, 639. vgl. ungeschwungenlich bei N. v. Wyle, ags. ungeswuncen. 1) sinnlich: u. werck, hanf mhd. wb. 2, 2, 803b; habern, flachs Kramer (1702) 725c; wäsche Frisch; es rühret solcher mangel von ungeschwungenem, unreinem und staubichten futter her Noel Chomel öc. l. (1757) 5, 16. noch im sinnl. bilde: des römischen hofs boszheyt und ungeschwungene unsauberkeyt Mathesius 3, 83, 20 ndr. dazu das ausgeschwing, die ausschwingete das unsaubere des getreides, flachses, hanfes beim schwingen desselben Stalder 2, 365. 2) aus dem alten wort der land- und hauswirtschaft ist bei übertragung ein beliebter kraftausdruck geworden, der erst im 18. jh. veraltete. a) grob, derb, 'tüchtig' (vgl.b), ungeschliffen; ungeschickt (Nürnberg) Schmeller: wen ein mensch zu dir keme undt spreche: ich bin .. das brodt des lebens, so wurdestu sagen: das ist eine ungeschwungene rede, die nichts taug Luther 33, 63, 32 W.; u. ding widder gott reden 30, 2, 495 W.; bes. DWB lügen ebd. 121; crassissima mendacia Alberus 117a (vgl. b); ungeschwungeners liegen .. hab ich mein lebtag nie erkannt Nas antip. 3, 54a; Dannhawer cat. 5, 1219; Abele unter ungehechelt; ubersetzen Dreyfelder h. d. h. Este 64a; fabeln Kepler 1, 508; reden Kramer (1702) 725c; auch solch ungeschwungener, grewlich grosser betrug Luther 6, 91a Jen.; ordensleuten mit iren ongeschwungnen anfechtungen und begirden

[Bd. 24, Sp. 860]


J. v. Watt 2, 346; sie solten ihm ein wenig mist unter streuen, darmit er nicht zu gar einen ongeschwungenen fall thue Agyrtas grillenvertr. 162 ( v. Bahder z. Lalenbuch xxvii). adv. u. lestern Luther 8, 221a Jen.; saufen, essen u. dgl. Weller dicht. 72; Sachs 9, 15, 8; 5, 122, 29 K.; vgl. b;

wan er stecket vol phantasey
und platzt offt ungschwungen in brey 21, 104, 21 G.;

liegen Fischart Domin. leb. 4259 K.; binden Corvini fons 952; auf den leib fallen Krämer leb. d. seehelden (1681) 492; der officier ... bezeigte sich dahero ungeschwungener G. Landcron merkw. reisen (1724) 118. von personen: ienen grausamen, ungeschwungen, langen, dicken, vierecketen, grossen, knopffeten mann Lindener katz. 178 ndr.; mensch (v. grob, ungeschickt, ungeschlifen) Kramer (1702) 725c; purschen Landcron reisen 16; dergleichen (schaden für die rübenfelder) auch von ungeschwungenen leuten geschiehet, die heimlicher weise sich rübsensalat pflücken öc. lex. (1731) 2082. b) mit dem hauptbegriff des maszlosen, übermäszigen, oft nur steigernd (vgl. ungeschwungenlich, überschwenglich, unerschwinglich): mit .. grossen ungeschwungnen gütern und dieffen künsten Lindener katz. 152 ndr.; die berg raucheten von ungeschwungenen grossen hitz Dreyfelder hist. 50a; die ungeschwungene grosse krüg und becher H. Braun decas 13 u. 14 (1617) 79; höhe Kepler 1, 490. adv. ein ... u. breyte kerben Lindener 183; u. böse bawren 166. — ungeschwung(en)lich, adj. adv. wie ungeschwungen 2 a: es seyndt gar merckliche, ungeschwungliche (var. unschwungenliche) lugen auff mich geschrieben Luther 18, 430, 1 W.; gebären (mimik) Kepler 1, 492. wie ungeschwungen 2 b: usz ungeschwungenlichem laide N. v. Wyle transl. 327, 30 K.; ain ungeschwungelicher kost A. Blaurer a. H. Bullinger br. 2, 490; ungeschwunglich dick Kepler 5, 576. veraltet.ungeseelt, veraltetes part. adj., = unbeseelt (s. d.): th. 4, 1, 2, 4015; Schneider Amintas (1632) 24. — ungesegnet, part.-adj. adv. zu segnen. ags. ungesegnod; mhd. mnd. ungesegenet; mnl. ongesegent; nl. ongezegend. act. (segnen II 1), wie in ä. spr.:

wenn aus dem bett ein weib gantz ungesegnet geht,
den gantzen tag bey ihr nichts recht im hause steht
Olearius pers. rosenth. 6, 2;

schriftsprachlich veraltet; beim abschied (segnen II 3): in des seint die graffen stilschweigende, u. und ungedankt alszo hinweg gezogen H. v. d. Planitz berichte 319; ohne weiteres, mit kurzem procesz u. dgl. Tristrant prosa 130, 2; die Slaven ... u. nach hause gewiesen wurden Hahn staatshist. 2, 144;

durch dich werden ferner wir nicht mehr beglückt,
du wirst u. nach hause geschickt flieg. blatt 1813;

ungesegnet mit schlägen oder harten drohungen Dähnert 506a (umgekehrt sine crapula Frisch 2, 255c); in neueren beispielen pass. gewandt, sonst veraltet; in der ä. spr. auch mit acc. (er lieff eilends, jederman u., darvon Franck chronica 1, 160b) und gen. (deszhalben haben sie u. jrer mttern ... andre .. sitze gescht H. Boner Justin. 17b). pass. ungesegnete frucht Luther 11, 317 W.; Jerem. 20, 14; werk (kupferbergw.) mitt. d. hist. ver. f. Steierm. 37, 179; leib Tieck 1, 44; ehe Storm 2, 252; in den ungesegnetsten gegenden Ölsner br. an Stägemann (Dorow) 1, 9; ort Staub-Tobler 7, 462; vgl. DWB segnen II 6. verwünscht, unselig: ich halte aber nicht, dasz diese ungesegnete schmiedeknechte in feuriger gestalt sich gezeiget E. Francisci lufftkreis 566; sauhirt ἀμέγαρτε Voss Od. 17, 219; dieser ungesegnete Jenatsch C. F. Meyer Jen. 161; Gotthelf 20, 389; Raabe hungerpastor 1, 3. ungesent unwillig, bös Schmitz Eifel 232; nichtswürdig, ungesegneti lüt starke esser Staub-Tobler 7, 462; vgl. DWB übel gesegnet 461; ungesegnete reden, zumal vor tische pol. maulaffe 218; in sehr ungesegnetem andenken Gervinus g. d. d. dicht. 5, 505. kein verliebter kann ungesegneter schlafen (vgl. gesegneter schlaf), als es der Kriesel tat in derselben nacht Rosegger wildl. 287. — ungesegnet, n. , zeit von der niederkunft bis zum fürsegnen Unger-Khull 610b. wie

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gesegnet, n., krankheitsname: impetigo, ekzema, wundsucht, schöne, rothlauf, afel, fieberanfall (vgl. DWB das versegnet) Höfler 631b; Lessiak gicht 135, 152; Schmeller 2, 240; Zaupser 79; v. Klein 2, 206. ung'segn'tes kindbettfieber Hügel Wien 176. schriftsprachlich veraltet.ungesellig, adj. adv. , gth. v. gesellig. mhd. ungesellich, ungesellelich var. zu ungeselleclich renner 9216 (vgl. gesellich); mnl. ongesellich, -sellijc; nl. ongezellig; lux. 316a. wenn die dürftigkeit der belege (es steht für die ältere zeit auszer der rennerstelle nur ein beleg aus Carbachs Liv. zu gebote) nicht täuscht, wird u. literarisch erst in der 2. hälfte des 'artigen' 18. jhs. gangbar, doch wohl unter einflusz der westl. cultursprachen; mnl. ongesellich, -ijc sollte lat. non socialis, insociabilis wiedergeben. das fehlen in den meisten ma. stimmt dazu. die wbb. verzeichnen es aber seit Frisius reichlich und die durchbildung der bedd. spricht für eigene entwicklung (s. gesellich, gesellig). ältere bildungen wie ungeselliglich, -sellisch, -sellsam, -sellt (s. diese) hätten den gebrauch von ungesellig wenig hindern können, eher etwa der üble anklang an ungeselle (Röthe zu Reinmar 183, 8).
1) gth. v. gesellig 1, ohne gesellen, freund, seines gleichen, ohne gemeinsamkeit mit diesen, unvereinbar, abgesondert, vgl. DWB ungeheuer adj. 1, mhd. gesellelôs, ungesellet: Platen unter gesellig 1; J. u. W. Grimm br. 99; vgl. ungesellt; der mensch ... ist nicht zum ungeselligen zustande gemacht Reimarus wahrh. 512; von pilzen dazu sind sie zu u. Roszmäszler wald 31; insociabilis u., das man nit zesamen binden mag oder vereinbaren Frisius 709a; die zwey widersprechendsten, ungeselligsten dinge Klinger 12, 150; bei uns wohnen sie (schöne körper und schöne seelen) durch verschiedene stückwerke abgesondert und ungesellig Göthe gespr. 1, 150; Treitschke aufs. 1, 79. solitarius, ein ungeselliger Kinderling.
2) gth. v. gesellig 2, unfreundlich: Hugo v. Trimberg renn. 9216; undeutlich und in 4 verflieszend wer das nicht thäte (sich mit feinden nicht versöhnte), sollte als ein mann von ungeselliger und wilder seele angesehen seyn Stolberg 8, 315; wäre ich denn ungesellig gegen euch? Kotzebue 3, 84. nl. wb. 10, 1684 b 2.
3) dem lebensgenusz, geselliger lebensfreude abgeneigt, ohne tadelnden beisinn, sonst gesellig 3 entsprechend:

freudlos in der freude fülle,
ungesellig und allein,
wandelte Kassandra
Schiller 11, 369;

von Docen eine einsame, wenn auch nicht ungesellige natur Scherer kl. schr. 1, 80.
4) gth. v. gesellig 4, ungeneigt zu umgang und verkehr, menschenscheu; invenustus, unholdsälig, unfründhold, ungsellig, häszlich, unlieblich Frisius 729; dissociabilis, unfügsamlich 431a; morosus Stieler 2006; incompatible Spanutius 288; insociabel, unerträglich Kinderling, Campe; Pansner 73a; mnl. wb. 5, 680; nl. 10, 1684 a 1. oft von 2 nicht zu scheiden: die senatores waren jnen nit alleyn ungewegen als den feinden, sondern auch auff die, als wider eyn ungezempt und ungesellig volck, seer erzürnt Carbach Liv. 331r; dieser unbrauchbaren und ungeselligen gelehrten A. v. Haller tageb. s. beob. 1, 13; denn auszer diesem ist er der ungeselligste mann auf der welt Gleim br. 1, 78 Körte; Schiller 6, 268: Rückert 8, 53; dasz er sich .. eben heute .. so u. (nicht aufgelegt zu geselligem umgang) fühle Holtei erz. schr. 26, 73; die morgenfrühe läszt u. Auerbach 5, 12. er ist ... ungeselliger als der mäusebussard Naumann vögel 1, 363.
5) gth. v. gesellig 5, dem geselligen umgange unangemessen, dabei verpönt, der geselligkeit widerstrebend, menschenfeindlich, unwirthlich, öde, unbehaglich (nl. wb. 10, 1684 a 2): einer von natur nicht ungeselligen gemütsart Gottschedin br. 3, 7 (vgl. 3); wörter Gottsched d. neueste 4, 372; geist Schiller 12, 273; flug 13, 17 nach 1 zurückweisend; afterreden ... das ungeselligste sittliche übel Lichtenberg nachl. 62, 2; unarten Göthe 33, 97 W.; dazu vgl. 6; sprache F. Schlegel Athen. 2, 36; im steifen,

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ungeselligen Göttingen Forster 8, 24; klösterlichkeit Laube 5, 180;

o donner, rolle du nicht von ungeselligen bergen
Zachariä 3, 92;

bei regen bietet das dorf einen öden, ungeselligen anblick Meyr a. d. Ries 2, 413; im nl. von unbehaglichem zimmer. der wahren geselligkeit und deren erfordernissen widerstrebend: an ungeselligen tafeln Giseke 115 Gärtner; ungesellige geselligkeit Kant 4, 297; J. Schopenhauer reise d. d. s. Frankreich 1, 34; den geselligen ton ..., der möglichen falls so u. ausfallen könnte, dasz Droste-Hülshoff br. a. L. Schücking 87.
6) gth. v. gesellig 6, der gesellschaft (societé) und ihren lebensbedingungen, ihrem zwang, wie ihrer gemüthlichkeit u. dgl. widerstrebend, unsocial: dahingegen der eigendünkel u. macht und die nationen den geraden weg zur barbarey zurück führet allg. d. bibl. 1, 2, 15; grundsätze Chr. W. Dohrn bürgerl. verb. d. juden 1, 16; den ungesell'gen wilden Schiller glocke 312; Forster 2, 131; dasz der preuszische offizier ... u. (exclusiv) sei Freytag 15, 316. auch ungeselliger völkergeister Hegel 2, 522. vgl. ungesellschaftlich.
7) gth. v. gesellig 7, nicht gemeinsam, nicht für die gemeinsamkeit bestimmt: die menge der geselligen vergnügen ist unbegränzt, indesz die anzahl der ungeselligen (nur wortspielerisch gs. v. gesellig) sehr umschränkt ist J. A. Eberhardt Amyntor (1782) 135; das einsame ungesellige lesen Schlegel Europa 2, 80: die weinlieder unserer minnesänger scheinen zu u. J. Grimm kl. schr. 3, 47. — ungeselligkeit, f. , mangel an geselligkeit und deren gth., insociabilitas, insociabilität, insociabilité, unsociableness u. s. w.; mnl. ongesellijcheit incomitatus; nl. ongezelligheid. seit Ludwig 1716 verzeichnet; für incompatibilité Spanutius 288. geselligkeit 1 entsprechend, das nichtzusammensein, -leben, -verkehren: zustand der u. Göthe III 3, 359, 8 W.; befremdliche u. bei den Tahitiern, frauenverachtung Forster 2, 112. geselligkeit 2 entsprechend, ungeneigtheit und abneigung gegen geselligen umgang, menschenscheu, -feindschaft, unverträglichkeit (vgl. Spanutius), mangel an der wahren geselligkeit (vgl. ungesellige g. unter ungesellig 5), nl. wb. 1684, 1: diesz übel scheint mir in keine vergleichung zu kommen mit dem schrecklichen übel der u., der menschenfliehenden, menschenverachtenden laune Lavater geh. tageb. 2, 25;

nicht ungeselligkeit, in enger dumpfheit strebend
Rückert 8, 577.

von thieren Naumann vögel 8, 285. u. des charakters, des klosters, des verkehrs u. dgl.; die egoistische u. der Franzosen Bismarck br. a. s. br. 486; u. des wilden (vgl. ungesellig 6). nl. auch von unbehaglichkeit des zimmers.ungeselliglich, adj. , von Stieler 2006 ungesellig gleichgestellt. mhd. ungeselleclich, ungeselleclîche. vgl. geselliglich. ungesellisch, adj. adv., gth. v. gesellisch: er theilet sehr u. mit mir Keisersberg granatapfel 21. ongeselsam aceronicus Diefenbach gl. 9. alle diese nebenformen durch ungesellig verdrängt.ungesellschaft, f. , ungesellige gesellschaft, in der es an harmonie fehlt, individuelle bildung: J. Paul 27, 153. mhd. ungeselleschaft. — ungesellschaftlich, adj. adv. , gth. v. gesellschaftlich, in der 2. hälfte des 18. jhs. gebildet. dän. uselskabelig; schwed. osällskaplig. gesellschaftlich 1 entsprechend, ungesellschaftliche fürwörter Heynatz bei Campe verd. (1813) 75a, absolute, unabhängige, unverbindbare, pronomina, substantiva. unüblich. ohne geselligen verkehr (gesellig 2): unser einsitzendes und ungesellschaftliches leben Grimm an Benecke 122; selten. tadelnd, gth. v. gesellig 4: viele nennen ihn kalt und u. J. v. Müller 14, 178; für taciturn, reserved Lucas; wir ziehen ungesellig vor. wahrer geselligkeit widersprechend: den steifen, ungesellschaftlichen zwang in gesellschaften Boie bei Weinhold 29; dem hausverkehr abgeneigt (man trifft sich am dritten ort) und insofern ungemüthlich: in dem ungesellschaftlichen München L. Robert an Tieck bei Holtei 3, 167. gth. v. gesellig 5: die ungesellschaftlichen menschen Haller

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Alfred 231; vom ungesellschaftlichen zustande des menschen allg. d. bibl. 37, 436; Ölsner denkw. 118; wir sagen, um deutlich zu sein, unsocial und antisocial. dazu ungesellschaftlichkeit, f. Campe. unvereinbarkeit mit der richtigen gesellschaftsordnung Pestalozzi 7, 33, vgl. gesellschaftlichkeit 3. unüblich.ungesellt, part.-adj. zu gesellen (sellen). mhd. ungesellet. in verbalen verbb.: zeitvertreiber (1668) 441; Triller betr. 5, 588; Brentano 6, 325; 2, 590; der ungesellte M. Greif 1, 58. — ungesessen, part.-adj. , gth. v. gesessen 2 (vgl. th. 10, 1, 1290), nicht ansässig wie mhd.: lege aber jemandes ungesessen in der stadt Hüttel chr. d. st. Trautenau 6; ein ungeseszener advocat acta p. 2, 127 P.; niederösterr. weist. 3, 497, 30; Zedler 49, 1459; J. Grimm rechtsalt. 1, 494; alle ungesessene Schönberg berginf. 1, 19. Staub-Tobler 7, 1750. vgl. DWB unangesessen, DWB unansässig, DWB unbesessen, ungesetzt, ungesitzet (th. 10, 1, 1280. 1290) und mhd. ungesâʒet. gth. v. gesessen 3: so offt ein bürg harumb tods abgieng, u. oder durch brechen oder sust unnütz wurd Riederer w vib. veraltet.ungesetz, n. , gegenstück zu gesetz. seit Campe verzeichnet; doch schon bei Luther. heute noch haftet dem worte die zufälligkeit seiner ursprünglich wortspielenden oder individuellen entstehung an, es ist erst auf dem wege zu einem vollgehaltigen culturbegriff, den z. b. ungeist (G. Schoppe weist ungeist in bed. b schon bei S. Betulius [Fischer - Tümpel 5, 100 ] nach, womit die chronologie sp. 723 zu berichtigen wäre) bereits erreicht hat. nach un iv c 3 zu beurtheilen: unangesehen bapst gesetz oder u. (s. DWB gesetz 3) Luther 10, 2, 38, 26 W. noch in der sog. figura etymologica verhaftet:

deine seel' ist gesetz! aber ihr blick ...
ha er funkelt, und es glühet,
wenn das ungesetz winkt
Klopstock od. 2, 82, 24 (s. DWB gesetz 6);

wo miszgestalt in miszgestalten schaltet,
das ungesetz gesetzlich überwaltet
Göthe Faust 4785 (s. DWB gesetz 7);

zahlloser gesetze, oder vielmehr eben so vieler ungesetze, weil sie für den einzigen fall gegeben werden Stolberg 3, 139 (also verwerfliche gesetze; s. DWB gesetz 5; unvernünftiges gesetz Campe). auszerhalb solcher verbindungen, meist in der bed. von gesetz- oder zuchtlosigkeit:

du warnst vor stolzer bassen
willkühr und ungesez?
Voss ged. 5, 267;

ungesetz und unsitte Varnhagen tageb. 2, 38; u. und frevel St. George herr des bundes 90; persönlich:

ha die Alekto (Ungesetz ist ihr schrecklicher name)
wird nun heimisch bey euch
Klopstock od. 2, 79, 13.

mangel des gesetzes, aller gesetze, der zustand, da kein gesetz gilt, befolgt wird, anarchie Campe (vgl. verd. wb. 109a). — ungesetzlich, adj. adv. , gth. v. gesetzlich. noch nicht bei Adelung, aber von Heynatz antib. 2, 521 empfohlen. für illegal Campe verd. 364a. in begrifflich aufsteigender reihenfolge ungesetzmäszig, ungesetzlich, gesetzwidrig, widergesetzlich Sanders syn. (1882) 454. lux. 316a. gth. v. gesetzlich 1, illegalis, illegitimus nebst ihren entsprechungen: wie leicht kan der ganze bund .. den beleidiger ungesezlich unterdrüken Haller Alfred 179;

was ungesetzlich ist in der versammlung,
entschuldige die noth der zeit
Schiller 14, 322 (Tell 2, 2);

geschieht ungesetzliches E. M. Arndt 2, 121; die frucht einer ungesetzlichen liebe Ranke 30, 10; den ungesetzlichsten boden H. Grimm Michelang. 1, 352; ungesetzlicherweise Gaudy 8, 175. naturwissenschaftlich: indem nun die untersten ungesetzlichen augen blüthe und frucht bringen Göthe II 13, 67, 17 W.; ganz allgemein regellos (vgl. gesetzlich 3 'gemessen'):

wie's über stock und block
springt ungesetzlich!
Rückert 7, 118 (nachempfindung bei früheren gedichten).

von personen: der ungesetzlichen (ἀθεμίστων) frevler Voss Od. 9, 106; die ungesezlichen Schleiermacher Plat. 2, 347; der könig wohllüstig, u. Dahlmann Dännem.

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1, 204; haufen Freytag 17, 303. vgl. DWB gesetzlos. dazu ungesetzlichkeit, f., gth. und mangel der gesetzlichkeit. abstract und concret. von Heynatz antib. 2, 521 gegen den tadel der allg. d. bibl. 13, 60 vertheidigt. lux. 316a. ungesetzmäszigkeit, ungesetzlichkeit, gesetzwidrigkeit, widergesetzlichkeit Sanders syn. (1882) 454. vgl. gesetzlosigkeit: man musz ungesetzlichkeiten zu vermeiden suchen Heynatz; die weisen sind doch durch weisheit weise .. die ungesezlichen aber durch u. ungesezlich Schleiermacher Plat. 2, 347; anomalie A. v. Humboldt kosm. 4, 47; die eigenschaft, kein gesetz zu sein Herbart 4, 385; plur. Ranke 14, 155; 37, 255; Laube 3, 67; gibt es eine gröszere u.? Varnhagen tageb. 5, 335. biblisch wie ungesetzlich 2: thäter der u. D. F. Strausz 3, 158. — ungesetzmäszig, adj. adv. , gth. v. gesetzmäszig. Kramer (1702) 2, 777a illegitimo. zur syn. s. DWB ungesetzlich: wenn das .. volk ... einen concüssionair ... u. aber nicht ungerecht hängt K. Fr. Cramer Neseggab 1, 166; verfahren J. G. Jacobi 3, 151; laut W. v. Humboldt 4, 136; herrscher Gutzkow 6, 353; zeit Freytag 4, 7. dazu ungesetzmäszigkeit, f. Campe.ungesetzt, part.-adj. , gth. von gesetzt (th. 4, 1, 2, 4084; 10, 1, 687) 1: dienste, frohnen Zincken 3020; ungesetzte und ungemessene dienste dorff- u. landrecht (1719) 348; unbestimmt Fischer schwäb. 3, 524; nicht verbrieft Staub-Tobler 7, 1629. nicht ansässig s. DWB setzen II E 2; Bair. landtsordn. (1553) 82b. gth. v. gesetzt 2 a, setzen II E 4, insedatus Maaler 462d: mit ungesaster vernunft Suso 159, 21 B.; Tauler pred. 53, 22 V. (gesetzt rückbildung?); gth. v. gesetzt 2b: in solchen noch ungesetzten alter Arend ged. Dürers 4 (Schoppe mitth. d. Schles. ver. f. volksk. 18, 83); betragen beitr. z. Bahrdts lebensb. (1791) 11. zu setzen II B 3 a: mit ungesetzten oeltrusen Sebiz 361. die neuere spr. hat so ziemlich auf das wort verzichtet.ungesicht, n. , maske, wesen mit maske J. Paul 20/23, 256; 257. individuelle bildung; ebenso zu ungesichte 'so dasz man sie nicht sieht' Folz meisterl. 10, 85 m.ungesichtet, part.-adj. zu sichten B 3: den ungesichteten (unbolted, vgl. ungebeutelt, DWB ungeschwungen u. dgl.) schuft Shakespeare Lear 2, 2; den ungesichteten schwengel Tieck 3, 279. unüblich.ungesichtig, adj. , gth. v. gesichtig 1, unsichtbar. mhd. ungesihtic; mnl. ongesichtich. Staub-Tobler 7, 269. vgl. unsichtig, -sichtbar: die ungesichtigen creaturen Keisersberg baum d. seligkeit (1518) 15a. für discolus (Diefenbach n. gl. 137a) wohl miszverstanden.ungesichtiglich, adv. , unsichtbar, wie mhd., mnl.: d. ew. w. betb. 60a (Tauler pred. 311, 3 V.). — ungesichtlich, adj. Tauler serm. (1508) 193a. veraltet.ungesinde, n. : dis ist die aller sichrest statt von Engadi, die allem ungesind (vgl. gesinde, n., 3) ist vor beschlossen Suso 553, 18 B.; lasz niemandt mehr herein, meinet aber nach wie vor das ungesindt (vgl. gesinde 5, 6) und kinder etc. Kirchhof wendunm. 2, 280. veraltet.ungesinnt, part.-adj. zu sinnen, gesinnen, sinn (auch zu sinnen, sinnen, gesinnen eichen, signare Staub-Tobler 7, 1082), gegenstück zu gesinnt (th. 4, 1, 2, 4120; 10, 1, 1166), seitenstück zu unbesinnt (s. d.). mnl. ongesinnet (insensatus); nl. ongezind, -heid. Staub-Tobler 7, 1057. gemeinsprachlich veraltet. unentwickelt 'ungeneigt' (nl. ongezind wb. 10, 1686, 2), point affectionné Hulsius - Ravellus 377a, und 'nicht gesonnen oder geneigt zu einer handlung' (nl. ongezind 3) th. 10, 1, 1166. wie unbesinnt 1 'unerwartet, unversehens, plötzlich', inopinatus, insciens Frisius: Staub-Tobler 7, 1057, s. ungesinntheit Sanders erg. 483b. nl. ongezind 1, unbesinnt 2 entsprechend 'verstimmt':

wer etwas nöthig hat und es nicht alsbaldt findt,
der wird, wie man erfährt, nicht selten ungesinnt
Cats sinnr. werke (1711) 2, 364;

dazu nl. ongezindheid. unbesinnt 5, 6 entsprechend 'thöricht': sie wenden gantz nichtig und u. ein Scheffler eccles. 1, 519a; in dem kopffe der verläumder und ungesinnten 1, 517b; vgl. mnl. amens, insensatus. 'unbesonnen, unachtsam, unbedachtsam' Staub - Tobler 2 a (vgl. unbesinnt 6):

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es ist geschrei, auch war dabei, dasz gott jungfräwlein straffe,