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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
zorn bis zornbenehmung (Bd. 32, Sp. 90 bis 107)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) zorn, m. , ahd. mhd. zorn, nd. mnd. as. torn, nl. toorn, ags. torn, ist ein westgerm. wort, das dem got. wie auch dem nord. fehlt. im ags. ist es nur noch ein wort der poetischen sprache Bosworth - Toller 1003; Grein-Köhler 684a; im me. ist es verschwunden. im afries. ist es nur durch das adj. tornich vertreten Richthofen 1092a und scheint den neueren fries. maa. zu fehlen, z. b. bei Dijkstra. auch im heutigen nd. ist es nicht recht lebendig, ungebräuchlich nennt es Danneil 225b. um so kräftiger hat es sich im hd. entwickelt. herkunft und form.
in den ältesten vocabularen, glossen und sonstigen übersetzungsschriften giebt zorn das lat. ira, iracundia und verwandtes wieder. als ursprüngliche bedeutung dürfte aber nicht die gemüthsbewegung als solche anzusehen sein, sondern 'kampf, streit mit thaten und worten', verbunden mit der entsprechenden erregung, ähnlich wie hasz, hassen mit hetzen auf die bedeutung 'feindlich verfolgen' zurückgeht th. 4, 2, 546. 553. 1272. dafür spricht das vorkommen im altepischen wortschatz und besonders die thatsache, dasz die bedeutung 'kampf, streit' im mhd. zwar noch reichlich belegt ist mhd. wb. 3, 905b f., Lexer 3, 115, aber dann verschwindet. innerhalb des deutschen hat sich also das wort erst allmählich auf das seelische gebiet eingeschränkt. dies ursprüngliche zeigt sich z. b. in dem vers:

hie was zorn âne haʒ
Hartmann Iwein 7642 (kampf zwischen Iwein u. Gawein)

und in dem ags. compos. torn-gemōt 'feindlicher zusammenstosz' Beow. 1140.
zu einer solchen bedeutung will sich die häufig angenommene ableitung von germ. *teran, got. gatairan, ahd. zëran 'zerreiszen' Fick 4 3, 156 f., Kluge 7 509, Schade 1295a nicht recht fügen. lautgeschichtlich befriedigt sie zwar, vgl. got.

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gataura, m., 'risz', gataurnan, distaurnan, beide intrans., zerreiszen, vergehen, aftaurnan abreiszen, abtrennen, auch gatarnjan rauben, s. idg. forsch. 14, 340. das germ. grundwort würde 'risz, spaltung' bedeutet haben, wovon man zwar auf 'zwist, feindschaft' kommen kann, aber nicht auf das äuszere thun des kampfes, das anstürmen, den wilden gebrauch der waffen, bedeutungen, deren seelische entsprechungen auf ira führen. nl. torn, risz, z. b. einer naht, gehört, beiläufig, nicht hierher, sondern zu nl. tornen, hd. trennen.
so ist damit zu rechnen, dasz zorn aus einer anderen wortgruppe stammt, die mit den abkömmlingen der wurzel *der nur zufällig in lautliche nachbarschaft getreten ist. die nächsten verwandten sind dann nd. törrn anstosz, törrn van feber Richey 310; brem.-nds. wb. 5, 90; auch im schwed., nicht im dän., en törn ein stosz gegen einen harten gegenstand, auch die wirkung eines anstoszes, eine einbeulung in einen hut z. b., han fr en törn er stöszt sich, fartyget tog en törn vom schiff, das durch anrennen beschädigt wird; danach törna, törna mot gegen etwas anstoszen. ferner nd. törnen in der allgemein verbreiteten bedeutung 'im laufe aufhalten', z. b. ein pferd, dann 'eine erregung bändigen', törn din mod, weiter refl. sik törnen sich im zorn mäszigen brem.-nds. wb. 5, 89; Doornkaat-Koolmann 3, 426. hierzu auch das märkische wat törnst du denn? sprick graad herût 'wenn einer miszgestimmt ist, aber sich nur durch unbestimmte worte luft macht' Danneil. dies alles erklärt sich, wenn törn ursprünglich 'ruck, stosz' ist (vgl. ags. torn-gemōt), dann ist en peerd törnen 'es mit einem ruck zum stehen bringen', und diese stehende wendung wäre dann die wurzel der allgemeinen bedeutung. natürlich ist dies törn ein ganz anderes wort als das dem engl. turn nachgebildete törn, das überall an den küsten üblich ist. etwas anderes ist ebenfalls kärnt. zörn, f., 'kleine erdabrutschung' Lexer 265. dagegen wird zu dieser gruppe zu ziehen sein zerren, zergen, mnd. tergen 'reizen', irritare Diefenbach 310a; Vilmar 468; tiren 'sich ungebärdig stellen', sik tiren 'kläglich schreien' brem.-ns. wb. 5, 73, Holstein 'sich anstellen' (nach hd. 'sich zieren'), nl. getier tumult Binnart f f 2b. dazu das adj. tirig, terig brem. - ns. wb. 5, 55. man wird also zorn einer alten wortgruppe zurechnen dürfen, deren entsprechungen nach Franck 2 702b in lit. pa - dúrmai, adj., 'ungestüm', altpreusz. durai 'scheu', bulg. dúrlŭ-se 'ich bin zornig', russ. dur' 'albernheit', durnój 'häszlich, schlecht' zu finden sind; nur musz gr. θοῦρος 'ungestüm' (Franck) wegen des anlauts ausgeschieden werdenoder zorn gehört eben nicht dazu.
während die vorgeschichte und die germ. anfänge des wortes problematisch sind, zeigt sich im hochd., besonders im nhd., zorn als ein ungemein ausdrucksvolles wort, von dem mannigfache ableitungen und zusammensetzungen ausgegangen sind. diese lebensfähigkeit verdankt es einerseits in weitem masze der bibelsprache Luthers, andererseitsdie sache dürfte hier einmal deutlich seinder klangform, welche es erst durch die hd. lautverschiebung erhalten hat.
a) zorn ist mhd. und nhd. nur m., im ahd. dagegen zeigen die im geschlecht deutlichen belege das n., meist bei Notker, auch bei Otfrid, Graff 5, 692. wieweit das dem allgemeinen gebrauch jener periode entspricht, läszt sich nicht ausmachen. zweifelhaft ist aber das n. im ags., welches von den wbb. angesetzt wird, vgl. J. Grimm gram. 3, 504. bei zusammensetzungen zeigen sich übrigens schwankungen. gâr-torn giebt Bosworth-Toller als m., lyge-torn als n., ohne grund. da die formale vorgeschichte des wortes nicht geklärt ist, so wird, auf grund der bedeutung, das m. mit wahrscheinlichkeit als das ursprüngliche geschlecht gelten dürfen, und die fälle des n. als vorübergehende abweichung.
b) die zweisilbige form zoren für unflectiertes zorn erscheint frühnhd. sehr häufig, in gröszerer verbreitung als koren zu korn, s. th. 5, 1813. es geht zunächst zusammen mit den reimwörtern geboren, erkoren, verloren u. ä., nimmt theil an der vocaldehnung, wird dann aber zurückgedrängt durch die einwirkung der flectierten formen.

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lexicalisch zuerst im 15. jh. belegt Diefenbach nov. gl. 181a. 222a. literarisch besonders häufig im 16. jh. auf südd. boden, in freiem wechsel mit zorn. prosa: also forcht der margraf kinigclichen zoren Knebel chron. v. Kailsheim 277; seinen zoren Schiltberger reiseb. 6. sehr häufig in Arigos decameron und Stainhöwels de claris mulieribus. gelegentlich auch bei Luther: das got solt von zoren und straff ablassen 18, 409 Weim. in der poesie gern gebraucht, wo ein zweisilbiges wort von nöten war:

wie wol dein zoren mich betrat
O. v. Wolkenstein 24, 7 Schatz;

in deinem groszen zoren,
für dem ich bin verloren
Lobwasser psalmen (1573) 19b (ps. 6);

wann sein zoren der komt blötzlich
H. Sachs 15, 21 Keller-Götze;

auf das sein zoren nit auszbrech
Spreng Ilias 17a;

dann unser hertz steckt zorens vol
Ayrer 4, 2178 Keller;

bei diesen drei letzten ist es wohl die herrschende form. auch spätere gelehrte dichter machen sich einmal die form zu nutze:

weil einen andren sie ihr wiedrumb hatt erkohren,
so jagt sie mich von ihr hinweg in groszem zorren
Dietr. v. d. Werder Ariost 6, 50b.

der unberechtigte gen. zorrens erscheint ganz vereinzelt:

und in dem grimme deins zorrens sie ergriffe
Lobwasser psalmen 69;

auch noch bei Fleming deutsche ged. 1, 5 Lappenberg.
andere versprengte nebenformen sind zorne und zornt: aber zorne und liebe sind so ungehalten bey ihme Micrälius acta pruss. 2, 160; der grimmig zorne sein Schede psalmen 14 neudr.;

dann zornt wont in eyns narren gmüt
Seb. Brant narrenschiff 38 Zarncke;

und darf wol sagen recht in zornden,
es sei auch gott nun ketzrisch worden
Fischart verzeichnusz 361 Kurz.

der plur von zorn, an sich unverwendbar, wird von der reimdichtung wohl einmal gewagt:

wie rosen blühn an dornen
und wunderlieblich stehn,
so steht auf scharfen zornen
auch liebe wunderschön
Arndt 4, 218.

der plur. zörn einmal für irae bei Frisius s. den beleg unten I 7, am ende. bedeutung.
I. zorn bezeichnet die gemüthserregung der unlust, welche eine besondere richtung gegen den anlasz oder den veranlasser der unlust hat, sich in unwillkürlichen worten und handlungen kräftig äuszert, von einem lebhaften spiel des gesichts und des körpers begleitet ist und in der regel rasch entsteht und verläuft: gemeiniglich ist der zorn eine traurigkeit über dem von anderen uns .., angethanen unrechte, verknüpfft mit einem hasse gegen den, der uns ... beleidiget Christ. Wolff vernünft. gedanken von gott 261; der zorn hat keine gemeinschafft mit der klugheit, er vergesellschafftet sich mit der verwegenheit, scheut keine abstürtzung und sieht berge für flächen an Lohenstein Armin. 2, 1263b; zorn ist ein heftiges misvergnügen, über etwas das uns zuwidergethan worden, wobei sich allezeit die begierde findet, es zu strafen oder zu rächen Stosch versuch 1, 348. die alten wbb. geben es für lat. indignatio, ira, iracundia, furor, stomachus, turgor, animositas Diefenbach 309a. 253c; Calepinus xi ling. 1386b; voc. theut. 1482 m 3a. eigenthümlich ist: Erinnys helle czorn Diefenbach 208a.
die im mhd. noch häufige bedeutung 'kampf', s. o., fehlt im nhd., doch geht es in 'zank, streit' über, s. 3.
im einzelnen tritt bei der anwendung des wortes mehr die eine oder die andere seite hervor, wie sich auch in den festen verbindungen zeigt.
1) zorn ist wesentlich nur die erregung des gemüths ohne rücksicht auf ihre äuszere wirkung: wir .. sollten

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doch nicht so viel wesens von unserm biszchen ärger und zorn machen Laube 8, 18; noch ein versuch, den zorn, die entrüstung festzuhalten, die ihm abhanden zu kommen drohte Ebner-Eschenbach 3, 11. es verbindet sich so mit grimm, schmerz, leid und scham: ich was von czorn und groszem leyde überwunden (vinto dall' ira) Arigo decamerone 151; zorn und betrübnis sind weit so angenehm nicht, als scherz und fröhlichkeit Mendelssohn 1, 251; er ist voll schmerz und zorn Herwegh briefe 288;

zuletzt, die nicht das feld dem recht und ihm verlassen,
sieht rückwerts ausgestreckt für zorn und scham erblassen
Heräus ged. 9;

das fräulein sah ihn reiten, verging vor scham und zorn
Rückert 3, 58;

sie ... erröthete vor scham und zorn über ihr eigenes gefühl! Moltke 1, 47.
2) der zorn ist die rasch und plötzlich entstehende leidenschaft: ira zorn que cito fit et cito perit voc. ex quo (Eltvil 1477); der blosze gedanke von einem volke kann bei einem andern volke schon die triebe des zornes .. erregen Zimmermann v. d. nationalstolze 17. daher der heftige, plötzliche, jähe, älter gähe, zorn: heftiger zorn des königs Achaemaenia ira Dentzler 364b; dapfferkeit und nit bittern häfftigen zorn lob ich in den alten Schwartzenberg teutsch Cicero 35b; soll er (der schauspieler) nun von hier wiederum in einen plötzlichen und heftigen zorn gerathen Gottsched neueste 1, 535; die .. alle freundlichkeit vergessen und zu sawr sehen und gehen zorn sich gewehnen Fischart Eulenspiegel 14 Hauffen. alt und mundartlich ist stützig: geher, stütziger zorn Dasypodius 467a. dazu gehört auch den zorn aufstützen Kinderling reinigk. d. deutschen spr. 43.
von personen heiszt es: sie sind zum zorne schnell, jäh, jach, älter zum zorn, auch zu zorn bewegt: meinst du, der herr sei schnell zum zorn Micha 2, 7 (heutiger text); die vollen zapffen sind ... schnell zu zorn Ambach vom zusauffen c ib;

der juncker sonst zum zorne jach
gibt diesesmal der muntern laune nach
Eschenburg beispielsamml. 1, 229.

dagegen die mahnung des Jakobusbriefes: ein iglicher mensch bey schnel zu hören, langsam aber zu reden, und langsam zum zorn 1, 19. hierzu jachzorn Stieler 2317, jähzorn.
das plötzliche auftreten des zorns wird durch verschiedene verben bezeichnet: aufbrausen, aufquellen, aufwallen, ferner ausbrechen u. ä.:

dann aller zorn ist ungestüm,
wann er bricht ausz, und nit wirt gzäumpt
Fischart flöhhatz 47 neudr.;

der graf ... brach in einen unbeschreiblichen zorn aus Göthe 21, 297; der zorn des herzogs brach mit einer solchen heftigkeit aus Schiller 6, 131; und lang verhaltener zorn wollte gewaltsam losbrechen E. Th. A. Hoffmann 1, 19 Grisebach;

Jupiter mit zorn durchbrach
H. Sachs 7, 276 Keller;

doch Junos brust entbrach der zorn
Bürger 1, 156 Bohtz.

dazu ausbruch, ausbrüche, wallungen des zorns. sprichwörtlich ist der erste zorn: es ist besser der erste zorn als der letzte Chr. v. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen 681; und nach und nach, als der erste zorn vorüber war Haller rest. d. staatswissensch. 1, xxxiv. ferner: zorn gehet nicht lang zu rath Dentzler 364b; harre oder zeit ist des zorns arznei, zeit stillt den zorn schöne weise klugreden 144b; Dentzler; der zorn hat ein nachschwangk, wenn er so gech kumpt Terentius transferirt (1499) 120b.
plötzlich auftretendes wird dem zorn verglichen: auf einmal schieszt es wie ein zorn in das räderwerk Hebel 2, 400 Behaghel.
3) der zorn richtet sich auf den anlasz und vornehmlich den veranlasser des unwillens.
a) dies drückt sich aus durch präpositionen. man empfindet zorn über vorgänge und zustände: der zorn

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des erwähnten cavaliers über diese begebenheit dauerte bis in sein grab Schubart leben u. gesinn. 1, 175; der zorn der groszmutter über die 'saubere anzettelung', hinter die sie schlieszlich gekommen Keller 6, 216; der schrecken und der zorn hierüber waren grosz im pfarrhause 1, 17.
man kriegt, hat einen zorn auf jemand: da musz man auf Europa ein' zorn kriegen! Nestroy 5, 134. dem gegenüber wird bei einem thätigen zorn gegen gebraucht, in älterer sprache wider: sie het palde erkant waz die ursache (von) Barnaba zorn wider sie gewesen was Arigo decamerone 150; das ertrich erzeigt keinen zorn gegen jm Münster cosmogr. 4; besorge nicht Adams zorn gegen deinen erstgebornen maler Müller 1, 65; um so hitziger vertiefte man sich in zorn gegen den unverschämten Dahlmann gesch d. frz. revolution 110.
b) zorn verbindet sich mit sinnverwandten wörtern wie neid, hasz, feindschaft, zank, streit, zwietracht:

nyd, hasz und zorn, ouch groszer pracht Schweizer schausp. d. 16. jhs. 3, 59 Bächtold;

derselbig hiesz der Heintz Unrhu,
der hett zu hadern immerzu
mit seinen nachbawrn hindn und vorn,
stack voll ungedult, rach und zorn
H. Sachs 17, 370 Keller-Götze;

man müst uneinigkeit, neid, zancken, zorn und hassen
in dieser burgerschafft gantz underwegen lassen
Opitz teutsche poem. 19 neudr.;

viele wegen ihres zorns und boszheit halber sehr berufene weiber Schmidt gestriegelte rockenphilosophie 1, 57.
c) so geht zorn in die bedeutung zank, streit über:

dieser het mit eim man ein zorn
H. Sachs 1, 189 Keller;

darauf fing er einen zorn mit mir an
Schweinichen denkwürd. 2, 92.


besonders von bösen frauen: war disz nit vil besser, dan das sie mit irem grimmigen zorn den man von sich ganz abgewendt, und ir leben mit hader und zanck geendet hette Fischart philos. ehezuchtbüchl. 326;

(die gäste des Sokrates)
gaben nichts auf iren (Xanthippes) zorn,
und was ir kiffeln al verlorn
Scheit Grobianus 2021 neudr.


d) weiter ist es das zornige reden, schelten: wie hörestu den zorn Pauli über die Galater Zwingli von der freiheit der speisen 15 neudr.;

läszt fleiszig advocaten schrein,
die wort und zorn für geld verleihn
Ramler fabellese 99;

(er) setzte ein wackeliches notenpult unter zorn und fluchen, weil es nicht feststehen wollte, mitten in der stube zurecht Eichendorff 3, 388; auch der zorn Bernadottes mildert sich in ein dumpfes murren Pückler briefw. u. tageb. 3, 178.
e) schlieszlich die zornige gebärde, handlung: der herr .. fuhr mit drohendem zorn von dem sessel auf Hebel 2, 43 Behaghel; (Merkur) macht ihm für den zorn der aufgebrachten Dido bang Sturz 1, 89;

(das volk) das unser waffen zorn in alle welt zerstreuet
Gottsched deutsche schaubühne 4, 35;

warf aber gleich sein zorn mit euch
viel tausend stolze Franzen nieder
Neukirch ged. 7;

und seines zornes ungewitter
bricht gleich auf seinen neffen los:
den jagt er fort
Ramler fabellese 3, 97.


f) eine besondere art von solchem zorn ist der der liebenden, amantium irae amoris integratio est Terenz;

ja, ihr küssen und umfassen
legt' ich aus auf zorn und hassen
Schwieger geharnschte Venus 66;

sie warf im zorn die lippen gar zu lockend auf Ludwig 2, 18. hierzu liebeszorn Stieler 1351; jungfernzorn Günther bei Steinbach 2, 1120.
g) zorn ist aufgeregtes handeln schlechthin, meist nur von naturerscheinungen, s. u. 12: dem leichnam zu dienen .. mit zorn, mit reiszen und mit slagen gehört nit zu dem menschen Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten a iia.

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4) zorn ist der, meist übermächtige, antrieb zum unüberlegten, heftigen reden und handeln: mit einem ruf des zornes risz er den eisenhandschuh von der faust Fouqué zauberring 1, 16; mit einer gewalt, die nur der zorn geben kann Göthe 21, 160 Weim.; eltern sollen sich hüten, dasz sie nicht irgend im zorn .. ihre kinder .. du junger dieb, du junger schelm .. nennen oder rufen Moscherosch insomnis cura parentum 83 neudr.; er ... hieb mich solange damit, als ihm sein zorn dazu anleitung gab Leipziger aventurier 1, 35; haec est causa cur eum prodidit (Judas) ein zorn, ein unwillen, ein klein gelt bringt ihn dahin Luther 34, 1, 199 Weim.
in diesem sinne verbindet zorn sich mit eifer, ungeduld u. ä.: als wan der könig aus hitzigem unbedachtsamen eyfer und zorn .. die waffen wieder den keyser ergriffe Chemnitz schwed. krieg 1, 17; eiferiger zorn Stieler 2316;

(er hat) durch disz schrecklich gräuselhorn
blasen mit solchem ernst und zorn,
dasz alle teuffel, seine gsellen,
zustoben, als brennts in der hellen
Fischart jesuitenhütlein 230 Hauffen;

ungeduld und zorn ... werden ihnen wie autoritäten entgegengestellt Bettine Günderode 1, 68.
der zorn überwältigt oder bekämpft die vernunft:

Braun, Isegrimm und Hintz, wie die das angehöret,
da wurden sie vor zorn und eifer ganz bethöret Reinicke Fuchs (Rostock 1650) 197;

im kampf der überlegung und des zorns
Stolberg 5, 32.


daher geht er über in wuth, wahnsinn, raserei: hier wandelte sich sein zorn in wuth Bode Montaignes gedanken u. meinungen 1, 8; dorumb Jonathas der stund auf vom tisch in dem zorne der tobheit erste deutsche bibel 5, 92 (1 Sam. 20, 34). man rast, tobt, wüthet, ist auszer sich, von sinnen vor zorn, läszt sich vom zorne hinreiszen, wird vom zorn geblendet: und dennoch müssen wir es versuchen, dürfen uns dennoch nicht ebenso vom zorn hinreiszen lassen W. v. Humboldt 1, 19; wen en vorblenden nicht spêl, bêlschap, torn unde weyn Tunnicius 33 Hoffmann; blinder zorn Stieler 2316; wein und zorn verblendeten mich Göthe 1, 277 Weim.;

sie sind von zorne taub und blind
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 305.

mannigfach sind die mit über- zusammengesetzten verben; überkommen, übermannen, übernehmen, überraschen, überwinden, in der älteren sprache übergehen: es war wie zorn, das ihn bei diesem anblick überkam Storm 1, 303; mich übermannte bei dem anblick meiner ... freundin der zorn 1, 74; frawe Tessa, als die zorn ubergangen het, mit der feuste an die türe schlug Arigo decameron 568;

der sich den zorn laszt übergohn,
kan nichts gts noch rechts mer thn schöne weise klugreden (1548) 144b.


aus zorn gibt den zorn einfach als beweggrund an, während im zorn zugleich die macht des affects über den handelnden ausdrückt: sie gab mir sogleich eine ohrfeige, doch wie es mir schien, mehr aus vergnügen, als aus zorn Keller 2, 69; lieber, wan sie (die weiber) einesmahls im zorn den kopff auffsetzten, sich vereinigten und davon zöhen aus der welt Moscherosch gesichte 2, 268; er tötet sie im zorn: das ist eine handlung Ramler einl. in die schönen wissensch. 2, 22; und in ihrem zorne packte sie die schönen haare der Rapunzel Grimm kinder- u. hausmärchen 13, 79.
es ist in einem zorn getan, zugangen in älterer zeit fast eine entschuldigungsformel H. R. Manuel weinspiel 3650 neudr.; Steinhausen privatbriefe des mittelalters 1, 211.
5) wegen seiner macht ist der zorn eine gefährliche und darum zu verdammende und meidende regung: seltzam schwenck, gesprech und vergleichungen: daraus glimpf und tugend zu lernen, zorn, gewalt und tyranney zu vermeiden angezeigt wirdt H. Sachs 18, 1 Keller - Götze; daher in ihr list, schlauheit, wuth, treulosigkeit, zorn, neid ... zur schau kommen J. Grimm Reinhart Fuchs xiv. es wird mit allerlei lastern zusammengestellt: trunkenheit,

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zorn, unordentliche liebe Schaidenreiszer Odyssee vorrede 3. im 18. jh. zählt man ihn mit den 'leidenschaften' auf: nichts ist so regellos als der gang der leidenschaften, der liebe, des zorns, der zwietracht Ramler einl. in die schönen wissensch. 1, 227.
von vielfacher art sind die warnungen vorm zorn, besonders in sprichwörtlicher form:

der mensch sol als sein ergsten feindt
den zoren mit fleisz uberwinden
H. Sachs 7, 373 Keller;

nimm dich vor wein und zorn mehr als jemals in acht Göthe 25, 146 Weim.; denke er immer zur rechten zeit daran, den aufquellenden zorn zu bezähmen; denn der zorn hat einen bösen urahn, den mörder von anbeginn Kurz sonnenwirth 1, 10; zorn ist ein thür aller laster Keisersberg narrenschiff 82b; der zorn erwürgt den thorn Seb. Franck sprichw. (1545) a 1, 28a; des zornes ausgang ist der reue anfang Harsdörffer gesprechsp. 2, 344; zorn schadet am meisten seinen eigenen herren Dentzler 364b; dreierlei sachen musz man zäumen, pferde, liebe und zorn Hoffmann polit. Jesus Sirach 44. die überwindung des zornes wird durch viele verschiedene verben ausgedrückt: den zorn dulden und überwinden Dasypodius 467a; halten, verhalten, meistern Frisius 244b, zurückhalten, sich des zorns, oder vor zorn enthalten, den zorn mäszigen, zügeln, bekämpfen, niederkämpfen, entwaffnen, überwinden. eigenthümliche wendungen sind den zorn verbeiszen und den zorn stillen (mhd. belegt bei Lexer 2, 1197; mhd. wb. 2, 2, 637b bringt nur belege für sinnverwandte wörter als obj.): il ronge son frein er verbeiszt seinen zorn Duez proverbes 37; der fürst verbeiszt nur augenblicklich seinen zorn Göthe 41, 1, 226 Weim.;

meid' unmuth, stolz und neid, lasz dir den zorn bald stillen
Grob dichter. versuchungen 30.

vereinzelt:

bestille seinen zorn ...
Lohenstein Ibrahim sultan 38.

alterthümlich sind den zorn brechen: kanstu aber deinen zorn nicht brechen Luther 26, 547 Weim.; zerbrechen bei P. Fleming 2, 121 Lappenberg.
6) umgekehrt ist der zorn eine heilsame regung, wenn sie aus gerechtem anlasz stammt und wenn sie eine schwerfällige natur zum handeln treibt:

und was der zorn, und was der frohe muth
mich sprechen liesz im überflusz des herzens
Schiller 12, 215 (Wallensteins tod I 4);

drum gab er uns den kühnen muth,
den zorn der freien rede
Arndt 3, 325;

sein wesen war redlichkeit und zorn 1, 27; es dient .. zu seiner gesundheit, dasz die windflügel seines zorns zuweilen aufgeregt werden Friedr. Arndt in Arndts schriften von u. an s. l. Deutschen 1, 89; in praxi bedarf der Deutsche einer dynastie, der er anhängt, oder einer reizung, die in ihm den zorn weckt, der zu thaten treibt Bismarck ged. u. erinn. 1, 318 volksausg.
daher der gerechte, heilige, edle, auch edelmüthige, begeisterte, fromme, tugendhafte zorn, insbesondere derjenige der vaterlandsliebe:

da übernahm mich der gerechte zorn
Schiller 14, 295 (Tell I 4);

edle entrüstung, die endlich in einen gerechten, allein gemessenen zorn überging Kerner bilderbuch 85;

endlich bricht aus Heinrichs stirne auch ein edler zorn hervor
Schönaich Heinrich d. vogler 16;

es ist gottes wille, dasz die deutschen männer aufstehen, des gerechten zornes gedenken und auf die Franzosen und ihren tyrannen schlagen Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 245; sondern ein edler zorn ist dem herrn lieb, und ein muthiger stolz, der sich nicht beugen läszt 254; der 'furor teutonicus' war in den kundgebungen .. zu verspüren, — ein heiliger zorn, der bereit war es aufs äuszerste ankommen zu lassen Bennigsen nationalliberale partei 57.
7) eine menge stehender wendungen kennzeichnen den zorn nach den symptomatischen erscheinungen im gesicht und am leibe, die ihn begleiten. der zorn blitzt, flammt,

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funkelt, glüht (vgl. unten IV 4) aus oder in den augen. freier gestaltet sich dies in der dichtersprache: der alte mann ... sah hin, es war ein blick voll strahlenden zornes Stifter 1, 23;

zorn blitzt mein blaues aug' auf den,
es haszt mein herz
den der sein vaterland verkennt!
Klopstock oden 1, 222 Pawel-Muncker.

die zugehörige präposition ist vor: roth oder blasz werden, erglühen, erbleichen vor zorn. diese und ähnliche ausdrücke sind so geläufig, dasz ihre anschaulichkeit meist verloren geht und sie nicht viel mehr als ein kräftiger ausdruck für heftigen zorn sind. beliebte verstärkungen sind blauroth, braunroth, kreidebleich vor zorn: weh mir! nicht diesen totenfarbnen zorn! Schiller 3, 33. verwandte ausdrücke sind: der zorn treibt das blut ins gesicht, die adern schwellen an, laufen auf vor zorn.
ebenso ist bald die sinnliche anschauung, bald die mehr symbolische andeutung des affects die hauptsache bei solchen wendungen wie vor zorn das gesicht verziehen, verzerren, die augenbrauen runzeln, mit den zähnen knirschen, knurren, brummen, schnaufen, kochen, zittern, am ganzen leibe zittern: fremere knirschen mit den tzenden in tzornigem mode Diefenbach 246c; frendeo ... mit den zänen kirren vor zorn .. frendens brummend, und vor zorn die zän auff einander beiszend Calepinus XI ling. 587a; adfremo ... in zorn uber etwas toben oder brummlen 31a; sunder er mit seinen zänen und nägeln der finger seinen zorn busset Arigo decameron 276; Serlo hatte ..., wie er es im zorn zu thun pflegte, mit den zähnen geknirscht und mit den füszen gestampft Göthe 22, 252 Weim.; hier würdest du fur zorn auffbeben vor grim in deiner kutten hupfen Fischart S. Dominici croll. leben 127 Kurz; der gantze leib zittert mir vom zorn Gryphius horribilicribrifax 10 neudr.; hier schlosz ihm der zorn den mund Nicolai Seb. Nothanker 1, 147. ganz von der ursprünglichen anschauung entfernt hat sich in neuerer, manierlicher zeit vor zorn (wie vor wut) schäumen, das nur den höchsten grad zornigen affects im ganzen ausdrückt:

schon hat sie alles Alhards zorn enthüllt,
er schäumt und tobt, dem einz'gen sohne fluchend
Droste-Hülshoff 2, 244.

anders früher: er girret, schaumet, schnauffet vor zorn Seb. Franck sprüchw. (Frankf. 1541) 72a; undantes spumis furialibus irae (Claud.) zörn die von wütigkeit und grimme schaumend Frisius 733b.
8) die starken äuszeren erscheinungen des zornes weisen auf innige beziehungen zum körper.
a) in der alten medizin und psychologie ist der zorn eine wirkung der galle; auch die leber wird als sein sitz angesehen. daher verbindet die sprache diese wörter gern, so auch mit dem alliterierenden paar gift und galle:

von der gallen nemen wir den zorn genesis 6, 19 Diemer;

melancholia heiszet nichts anders, als eine schwartze gall oder zorn, weil man sagt: der zorn kommt aus der galle Hohberg georg. curiosa 3, 98b; ein zorn, doch ohne gall Moscherosch gesichte 159;

wenn galle, gift und zorn die leber übereilen
Rachel satyr. ged. 16 neudr.;

weil er weniger eitelkeit und mehr patriotismus und character besasz; freilich auch mehr zorn und galle Bismarck ged. u. er. 1, 113 volksausg.
b) der zorn ist dem körper schädlich: wenn man den zorn beschreiben will, so musz man selbigen eine heftige und zugleich schädliche gemüthsbewegung nennen, weil dadurch dem leben und der gesundheit groszer abbruch geschicht allgem. haushaltungslex. 3, 802; vom zorn die hitz zu dem hertzen ... getriben werde Ryff anatomie j iia; jetzt solte ich krank werden, dieweil ich im zorn esse und trinke B. Hertzog schiltwache bb. so wird der zorn als gesundheitsschädlich mit unmäszigheit und unkeuschheit zusammen genannt: ausschweifungen in der wollust, und unmäszigkeit im trinken, auch zorn (als ursache der nervenschwäche von virtuosen)

[Bd. 32, Sp. 98]


Schubart ästhet. d. tonkunst 235; dorumb zu dem ersten so solle er meyden pfeffer, und ander gewürtz, auch alle sure dinge, und hüt sich vor zorn und unkeuschheit Gersdorff wund artzney xlvii 2a. insbesondere ist er nach älterer medizin zu vermeiden bei einnahme gewisser arzneien und von den frauen in ihren verschiedenen gefährlichen zuständen: gibs (ein arzneimittel) dem menschen ... es hilfft, doch soll sich der mensch vor zorn hüten Gäbelkover artzneybuch 1, 38; indem er (der gatte) ohn allen zweifel die beysorge haben muste, als möchte sich die angefangene fruchtbarkeit (der frau) durch den zorn wieder zerschlagen Weise drei ärgsten erznarren 17 neudr.; ein gut rot güldinwasser .. dienet auch ... den weibern, so ihre recht nicht haben ausz kältin, schrecken oder zorn Gäbelkover artzneyb. 2, 388.
9) nachahmung der symptome und der äuszerungen des zorns ermöglicht den dargestellten erdichteten, gespielten, künstlichen zorn: dasz die beschauer das bild des zornes selbst zu erblicken glaubten H. Meyer gesch. d. bild. künste 1, 135; der bauernsohn muszte sich, wie man zu sagen pflegt, 'einen zorn einbilden', um sie (schlechte speisen) hinunterzubringen M. Meyr erz. aus d. Ries 1, 17; ich warf meine cigarre mit gespieltem zorn auf die erde Börne 5, 112.
durch künstliches zorniges reden kommt man selber in den affect, daher sich in zorn reden u. ä.: musz man denn überall seine augen haben! polterte sie sich in einen künstlichen zorn hinein Gutzkow ritter vom geist 1, 106. umgekehrt einem den zorn ausreden Stieler 2317.
10) zorn ist der einzelne fall des affectes, ein zornanfall: der zorn des Achill; begunden die cardinäl ... wider papst Paschalem ... zürnen, dasz er dem keiser Heinrichen ... ein privilegium geben hat, ... nun was diser zorn dem papst heimlich ouch nit leid Tschudi chron. helvet. 1, 50; wenn ... die nächste sonne über dem zorn Coriolans unterging Moltke 1, 182; heute ..., wo sie jenseits ihres zorns sind Schnitzler der grüne kakadu 93.
11) von thieren gebraucht, ist zorn zunächst der dem menschlichen zorn gleiche zustand, dann erregung überhaupt: die übergewälzte stirnhaut (des adlers) zeigt seinen zorn, und seinen muth Lavater physiogn. fragm. 2, 205; dasz thiere bei gewissen farben in zorn geraten Göthe ii 1, 56 Weim.;

der hirsch wird alt auf hundert jar,
vieh und leuten unschedlich zwar,
denn in der prunst wüt er in zorn
H. Sachs 7, 452 Keller;

(wo) man der hunde zorn umsonst zurücke hält
König ged. 47;

der seeadler ..., dann und wann wie im zorn niederschieszend C. Hauptmann Einhart der lächler 2, 78.
12) zorn ist der zustand der erregung in der natur, wie er besonders im sturm, in der gewalt der brandung, im strom der flüsse erscheint: davon zeuget sein geselle, nemlich des donners zorn in wolcken Hiob 36, 33; der kalte sturm vergeudet seinen zorn an den unerschütterlichen mauern der Hartburg Holtei erz. schr. 5, 33;

mich dünkt ich höre noch den zorn der tollen wellen
Fleming 1, 167 Lappenberg;

Hans Unwirrsch lernte das meer in den verschiedenartigsten stimmungen kennen; er sah es in der ruhe und sah es im zorn Raabe hungerpastor 108;

und baten den Rein um bedauren,
das er sein zorn wöll lan verflisen
Fischart glückh. schiff 17 neudr.;

dich möcht ich sehn, der du im dumpfen zorne,
jetzt, alter Rhein, ziehst deine flutenbahnen
Rückert 1, 16.

gelegentlich auch in anderen beziehungen:

(aff' und bär)
durchstrichen eifrig feld und wald,
um ihrer mägen zorn zu stillen
Lichtwer äsop. fabeln 21;

es schien des blutes zorn sich nach und nach zu legen
Triller poet. betrachtungen 1, 132;

[Bd. 32, Sp. 99]


wie kan sich der zorn bey einer nerven legen, weil ein faden dardurch gehet Würtz practica der wundartzney 15.
noch weiter gehend: man könnte das übermasz der leidenschaften, ..., den zorn der betreffenden leidenschaften nennen Ludwig 5, 248.
hierzu würde sich fügen zorn als krankheitsname (?): der starcke zorn, die gelbsucht Guarinonius grewel der verwüstung 871.
II. der zorn gottes ist eine der bedeutsamsten vorstellungen in der religion der Juden. überall finden wir ihn in den büchern Mosis, bei den propheten und auch in den andern historischen büchern des alten testaments. von den poetischen erwähnt ihn am meisten Hiob, während er im psalter selten erscheint. so ist er auch ins neue testament übergegangen und ist bis auf den heutigen tag im rechtgläubigen christenthum ein nothwendiges, wenn auch seit Augustin viel umstrittenes und verschieden gedeutetes 'lehrstück', vgl. Herzog realencyklop. d. prot. theol.3 21, 7—7. die Calwer bibelconcordanz hat für zorn beinah 4 spalten, 1425b—1427b, die mit geringen ausnahmen nur solche stellen bringen, wo, in mannigfachen fügungen und verbindungen, vom göttlichen zorn gesprochen wird. das hebr. hat für zorn eine ganze reihe von wörtern, deren natürliche anschauung meist deutlich erkennbar ist. die häufigsten sind: aph, eigentlich nase, auch im plur. so gebraucht, vom 'schnauben' des zürnenden, aber auch schon so fest als zorn, dasz es heiszt chanah aph 'der zorn entbrennt', charon aph 'zornglut'; eigentlich 'glut', ebenso chori; ebrah, eigentlich 'überschwang'; auszerdem noch kezeb und zaam. das n. test. hat dafür nur ὀργή. in der lat. übersetzung des a. test. ist das nächste wort ira, daneben erscheinen ohne deutliche unterscheidung furor, iracundia, indignatio, besonders bei doppelausdrücken (iram furoris meae) und in parallelen sätzen. die 'erste deutsche bibel' übersetzt die lat. vorlage mechanisch und gedankenlos, ira und iracundia mit zorn, furor mit tobheit, indignatio mit unwirdigkeit (!). Luther braucht in erster linie zorn, unddas ist ihm eigenthümlichals begleit- oder ersatzwort daneben grimm und in entsprechender weise das v. ergrimmen.
zorn war in dieser geltung von anfang an das wort der religiösen sprache im deutschen und wirkte auch auf den allgemeinen gebrauch des wortes ein. Gottes zorn ist schon mhd. auszerhalb des religiösen gedankenbereiches allgemein üblich, s. hierunter bei 4. viel stärker aber hat die biblische auffassung seit Luthers übersetzung den allgemeinen gebrauch von zorn bestimmt und bereichert. es ist geradezu ein merkwort der protestantischen literatur und besonders des kirchenliedes.
1) zorn ist zunächst, der alttestamentlichen auffassung entsprechend, der zorn des strafenden gottes.
bibelstellen nach Luther: da ergrimmet des herrn zorn uber Usa 2 Sam. 6, 6; warumb wil dein zorn ergrimmen uber dein volck 2 Mos. 32, 11; wer kan fur seinem zorn stehen? und wer kan fur seinem grim bleiben? sein zorn brennet wie fewr, und die felsen zerspringen fur im Nahum 1, 6; er wird heiligkeit nemen zum unüberwindlichen schilde, er wird den strengen zorn wetzen zum schwert weish. Sal. 5, 21; denn gottes zorn .. wird offenbart über alles gottloses wesen und ungerechtigkeit der menschen Röm. 1, 18.
in geistlicher literatur: dazu ... widder gott handelt und unter seynem zorn stehet Luther 18, 329 Weim.; das ... gott ... seinn zorn abstell 7, 244; denn gottes zorn und des todes stachel fülen leret wol das lachen verbeiszen oder freude ynn sunden haben 26, 221; es ist z besorgen, das der gross zorn gottes offt kumen ist uber die wält Eberlin von Günzburg 1, 103 neudr.; darumb sie sich offt in tödtliche gefärlichkeit geben haben von solicheswegen, und noch nit ablassen, auch in dinem schinlichen zorn 1, 7.

[Bd. 32, Sp. 100]



im geistlichen liede:

er wird ainest zu ynn grausame wort
in seinem zorn reden
Schede (Melissus) psalmen 13 neudr.;

er thut mit stoltzer wolckenstimm
den lufft in zorn zerreiszen
Spee trutznachtigall 152;

o der schweren donnerstimm
die mir gottes zorn und grimm
also tief ins hertze schläget
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 325a;

ich danke dir demütiglich
o gott, mein vater, dasz du dich
von deinem zorn gewendet 3, 357a;

er schilt: des himmels säulen zittern;
sein zorn verzehrt, sein blitz gebeut
Hagedorn 1, 7.


in weltlicher literatur und allgemeinem gebrauch:

doch bringen sie mit dem verdammen,
mit dem verfolgen und griszgrammen
nur uber sich des herren zorn
Fischart nachtrab 53 Kurz;

das ist ein groszer jamer gewesen, das einer wol vor gottes zorn schrecken mag Seb. Franck chron. Germ. 14a; wenn ein mensch ... sich für dem zorne gottes ... in seine kammer verkreucht Prätorius anthropodemus plutonicus 1, 57 f.; der ganz nach seinem catechismo, teufel und hölle und zorn gottes, und alles das glaubte Bahrdt gesch. meines lebens 1, 350; da ich, nach dem erhabenen beispiel des judengottes, meinen zorn bis in die vierte generation behalte (2 Mos. 20, 5) Göthe IV 11, 236 Weim.;

ich hört ein vöglein singen: 'vorbei ist gottes zorn'
Rückert 1, 191.


2) dafür treten in neuerer zeit unbestimmte ausdrücke, der göttliche zorn, der zorn des höchsten, des vaters, des himmels: vielmehr hat man zu zweiffelen ursach, ob nicht die erfindung des geschützes billiger dem göttlichen zorn, als seiner begnädigunge beyzumessen Harsdörffer frauenzimmer-gesprechsp. 4, 414; da Jesus ... auch den göttlichen zorn an unserer statt empfunden D. Strausz 6, 17;

wer weisz, was über dich des höchsten zorn beschlossen
Pietsch 277;

welches blut, (bei landplagen) wie des gerechten Abels, aus der erden in himmel schreyet, und des ewigen vaters zorn, .. versöhnet Rätel Curäi chronica Schlesiens 336;

und lernet erst, warum er bitten soll,
wenn ihn des himmels zorn erhöret
Ramler fabellese 1, 13 (das gelübde);

wenn der zorn des himmels nichts mehr gilt, dann mag der teufel das volk regieren Ruge briefw. u. tageb. 2, 57.
3) da sich der zorn des höchsten richters als strafe kund thut, so geht die bedeutung von zorn in 'strafe' über. es verbindet sich so mit strafe und rache, der gegensatz dazu ist gnade, barmherzigkeit, erbarmen: denn wirt eine grosze not auf erden sein, und ein zorn disem volck Luc. 21, 23; so solt du vertilget werden, der zorn, grim und verfolgung sol dich treffen Luther 28, 649 Weim.; wo er das nit thun wölte, wurde er den zorn und straaf gottes vor der thür haben Stumpf Schwytzerchron. 261b. oft in religiöser dichtung:

schau her, hie steh ich armer,
der zorn verdienet hat
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 413b;

der ewigen nacht gleich,
welche mit ungewitter und tod vor dem donnerer herzieht,
leer von geschöpfen, belastet vom zorn und dem fluche der gottheit
Klopstock Messias 2, 808;

so steigt nieder von den bergen
die natur, und ihren gipfeln
sind die weiten sündfluthmeere,
ist der zorn zuerst entwichen!
Brentano 3, 72.

auch ganz weltlich:

o schwerer zorn der Venus! strenge rache!
Schiller 15, 1, 27.

gott richtet im zorn:

als dich der herr im zorn gerichtet
Rückert 1, 24.

[Bd. 32, Sp. 101]


gottes zorn ist gerecht, vgl. oben i, 6: denn es war gottes gerechter zorn zu hart uber in komen 2 Makk. 9, 18; so ist doch der getrewe gott, auch mitten in seinem gerechten zorn seiner barmhertzigkeit eingedenck gewesen Gäbelkover artzneybuch a 2a.
als strafender ist gott der gott des zorns: in dem ungewitter erblickte Luther ... den gott des zornes und der rache: ein blitz schlug neben ihm ein Ranke 1, 197. danach apostel des zorns und der rache D. Strausz 3, 92.
4) die schon mhd. formel gottes zorn geht auch in die allgemeine bedeutung 'verhängnis, schicksal, fluch' über:

der vil heize gotes zorn
ist gar ûf mich gevallen
Hartmann Gregor 2506;

ich lîde den gotes zorn
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 5857;

syt der zyt
gots zorn uff im zerspreitet lyt
Murner narrenbeschwörung 119 neudr.;

darum sagt ir, wöll sie gots zorn entfliehen, das sie halt mein gbot Teuerdank 8; detestari eins gottes zorn fluchen und wünschen Frisius 403a; wo das unglück gar zu sehr blühet, da ist gottes zorn nicht weit Hoffmann polit. Jesus Syrach 47.
5) als böse leidenschaft gilt zorn in der bibel geradezu als sünde: ira diu sunde heizet zorn altd. bll. 1, 364 (mhd. wb. 3, 905a); denn von dem weine des zorns irer hurerei haben alle heiden getrunken offenb. 18, 3; das centrum des ja's ist die liebe, das centrum des nein's ist der zorn Brentano 5, 390.
zorn ist der gegensatz zur gnade, s. o. 3, auch in der biblischen wendung kinder des zorns im gegensatz zu den kindern der gnade:

Adam und all seine kinder
muszt du erst vom zorn befrein,
dann magst du, o trost der sünder,
wieder bei dem vater sein
Brentano 1, 44;

und (wir) waren auch kinder des zorns von natur Ephes. 2, 3 (und wir waren sún des zorns von natur als auch die andern erste dtsch. bib. 2, 161); dann yglicher mensch ist aus fleisch geporen .. und aus zerütter natur ain kind des zorns Berth. v. Chiemsee teutsche theologey 126; du kind des zorns und der ungnade Hebel 2, 222 Behaghel; er wird von einer fleischlichen creatur eine geistliche, von einem kind des zorns ein kind der gnade Ranke 37, 90 (brief Contarinis);

so sey wir alle kinder des zoren,
verflucht, verdammet und verloren
H. Sachs 6, 377 Keller.


6) aus der biblischen sprache stammen auch die ausdrücke becher, schale, kelch, ruthe, tag des zorns, vgl. die entsprechenden zusammensetzungen: nim diesen becher weins vol zorns von meiner hand und schencke draus allen völckern Jerem. 25, 15; und ich höret eine grosze stimme aus dem tempel, die sprach zu den sieben engeln, gehet hin, und giesset aus die schalen des zorns gottes auff die erden offenb. 16, 1 (erste deutsche bibel schenkvasz); seines zornes kelch offenb. 14, 10; gefesse des zorns Röm. 9, 22;

wende den kelch deines zorns und der unerträglichen quaalen
Lenz 2 Weinhold;

über völker und reiche
gieszt sie die volle
schale des zorns
Geibel 2, 220;

hierzu zornbecher, zornkelch, zornschale, daher den zorn ausgieszen, ausschütten, was auch schon biblisch ist: darumb hat er uber sie ausgeschut den grim seines zorns Jes. 42, 25; er .. geuszet seinen zorn und grim .. aus Luther 34, 2, 394 Weim.; Bamme .. begann .. die schalen seines zorns .. auszuschütten Fontane I 2, 199;

den soltu nur nach lust vexieren,
und deinen zorn auff in ausz schütten
Scheit Grobianus 4622 neudr.;

warumb ergeussest du den groszen zorn auch nicht?
Opitz teutsche poemata 86 neudr.

die ruthe seines zornes u. ä.: o weh Assur, der meines zorns rute, und ire hand meines grimmes stecke ist Jes. 10, 5;

[Bd. 32, Sp. 102]


nicht als verworfenes volk euch zerstreut
rings in die länder die ruthe des zorns
Rückert 1, 198.

der tag des zorns, dies irae: das getreide in seinem hause wird weg gefüret werden, zustrewet am tage des zorns Hiob 20, 28 (vgl. Jes. 13, 13, klagel. Jerem. 2, 21, Röm. 2, 5, offenb. 6, 17);

der tag des zornes ist erschienen
Neukirch ged. 52.


7) aus diesem vorstellungskreise stammen eine menge von zusammengesetzten substantiven, besonders aus dem 17. jh. Stieler nennt im register zornbecher, -besen, -bild, -geist, -gericht, -gesetz, -kelch, -kelter, -kind, -ruthe, -spiegel, -stimme, -teufel, -zeichen. bei Dannhawer finden sich, neben anderen, zornblitz, -fehler, -gerechtigkeit, -last, -schatz. -scepter, -zeuge. besonders ist J. Böhme in solchen bildungen unerschöpflich wie zornauge, -bad, -baum, -bildnis, -brod, -fürst, -garten, -geist, -grube, -kette, -kleid, -leben, -quaal (m.), -quell, -reich, -schwerdt, -welt, -wille. hierzu noch aus derselben zeit zornaltar Lohenstein; zornarm, -hand Ziegler; bey der ewigen gnaden- und zornwahl Arnold kirchen- u. ketzerhist. 2, 513a. in allen diesen worten handelt es sich um den zorn gottes oder auch um das, was gott verhaszt ist.
8) den hat gott im zorn geschaffen, meist mit dem zusatz irgend eines berufes, sagt man allgemein, um jemand als völlig ungeeignet zu bezeichnen: mein lehrer ward der konrektor Adami, den gott im zorn zum schulmanne gemacht hatte Bahrdt gesch. m. lebens 1, 71; zu einem schulmeister hat uns der liebe gott im zorn gemacht Raabe Horacker 92; zu einem solchen hat der herrgott euch in seinem zorn geschaffen Zach. Werner söhne des thales 184; ein ort ..., den gott in seinem zorn zu einem seebade hat werden lassen Gervinus an Dahlmann, briefw. 2, 247. ähnlich: bei dem alten in gottes zorn zum arzt gewordenen dr. Isegrimm Gutzkow 3, 372;

ihr thoren! glaubt ihr denn, dasz gott im zorne
die groszen schuf, ungleich der menschen schar
Droste-Hülshoff 1, 70.


9) in derselben weise wird gesprochen vom zorn des teufels, der götter, der unsterblichen, des glücks, des schicksals: der teufel der ... seinen zorn also büszt Luther 10, 2, 280 Weim.;

ein opffer auch zu thun daneben
Phöbo dem groszen gott erkoren,
und abzutragen seinen zoren
Spreng Ilias 10a;

bis du
sühnst der unsterblichen zorn (ῥέξης θ' ἱερὰς ἑκατόμβας ἀθανάτοισι θεοῖσι)
Voss Od. 5, 479;

hebe dich weg, denn du kömmst mit dem zorne der götter beladen!
(ἔῥ' ἐπεὶ ἀθανάτοισιν ἀπεχθόμενος τόδ' ἱκάνεις) 10, 75;

mensch, zittre du vor deines götzen zorn
Schiller 5, 400.

ähnlich zorn der höheren mächte Niebuhr röm. gesch. 1, 93; des schicksals zorn Schiller 11, 375; des glücks zorn Zinkgref auserles. ged. 35 neudr.; Weckherlin 1, 254.
10) zorn ist überhaupt der strafende unwille dessen, der zu gebieten und zu richten berufen ist: dasz (die stände) ihnen (den unterthanen) keine hinderung hierinnen thuen, noch andern bey vermeidung Ihrer Kays. Mayst. zorns und ungnade thun lassen verh. d. schles. fürsten u. stände 1, 67; der fürsten zorn ist wie ein blitz, den man eher empfindet, als höret Lohenstein Arminius 1, 308; des königs zorn ist ein vorbott des todes Dentzler 364b; der torwarte ... forchte doch den czorn des burgermeisters Stolle thüring. chron. 2. hierzu composita wie amtszorn, königszorn, rachzorn, vaterzorn Stieler 2317.
ferner zorn des landes, des reichs im sinne von 'acht', auch zorn alleine: als thue ich ihn in zorn, achtung und verfestung meiner gebietenden herren und gantzer gemeiner stadt Haltaus 2165; Brinkmeier 2, 755b.

[Bd. 32, Sp. 103]



so auch der zorn der kirche und des vaters:

und doch
wagt Karlos diesen kampf vielleicht, besiegt
den abscheu der natur, gewissen, welt,
der kirche zorn, und das geschrei der priester
Schiller 5, 46;

welchem thut sehr weh,
das er seins vaters zorn cedirn
und in der frembd musz exulirn
Hollonius somnium vitae humanae 15 neudr.;

vor dem zorn des hausherrn flohen die untergebenen zum hausaltar Jhering geist d. röm. rechts 280; nun kommen die bekannten konflikte: der vater in zorn; verstoszung Fontane I 1, 153.
III. zorn hat in seiner allgemeinen bedeutung noch eine reihe von ständigen verbindungen.
1) verben, die den verlauf des affects kennzeichnen:
a) der reiz zum zorne: einen zum zorne reizen Stieler 2317, älter zu zorn Frisius 26a; denn wir werden unsern vortrag so einrichten, dasz keiner dadurch erbittert oder zum zorne gereizet werde vern. tadlerinnen 1, 6. zum, zu zorn bewegen Dasypodius 467a, in zorn bewegen, ganz veraltet: könig Bolus in zorn und verdrusz bewegt Stumpf Schwytzerchron. 295a; Steinhöwel Äsop 39; V. Schumann nachtbüchlein (1559) 187 Bolte. zum zorn versuchen Bürger 1, 156 Bohtz. den zorn reizen, wecken. in bequemer sprache: der zorn beiszt dich.
b) die entstehung und den beginn: in zorn gerathen zuerst bei Adelung, vgl. th. IV 1, 2, 3570: so gerieten sie auf einmal in zorn Heilmann gesch. d. pelop. krieges 693. dafür älter in zorn fallen Arigo decameron 16 u. ö., Wickram 2, 41. veraltet ist auch einen zorn fassen:

ich bit euch all, faszt hie kein zorn
Scheit Grobianus 92.

einen zorn fahen: der könig ... fieng einen solchen grimmen zorn wider Tristranten buch der liebe 90b. umgekehrt faszt, ergreift, packt der zorn den menschen. biblisch ist der zorn ergrimmt 1 Mos. 44, 18 u. ö., vgl. Calwer bibelconcordanz.
c) den weiteren verlauf. älteres: dem zorn raum geben Corvinus 397; stat geben erste deutsche bibel 2, 49; den zaum lassen Frisius 733; dem zorn nachhengen Calvisius 536b; den zorn verhengen Dasypodius 467a; der alt flaischlich mensch hörte gern ain soliche freyhait, damit im der zorn gehenget wurde, allen sein gelust zu bieszen Urbanus Regius von leibaygenschafft b 4b. als alterthümlich erscheint seinen zorn büszen Hölty 34 Halm. allgemein üblich ist seinen zorn an jemand auslassen, schon Calvisius 586a, Stieler 2317, besonders an unschuldigen personen oder gegenständen: komme ich nun in den keller und finde sie (die geliebte) nicht, so lasse ich meinen zorn an euren weinfässern aus Ollapatrida 89 neudr.; dann liesz sie ihren zorn an ihrer arbeit aus O. Ludwig 2, 356. ähnlich seinen zorn austoben, seinem zorn luft machen.
d) die beendigung des zorns, älteres: den zorn fahren lassen Corvinus 397, Stieler; den zorn fallen lassen oft bei Arigo, Dentzler 364b; lassend den zorn fallen Frey gartengesellschaft 33 Bolte; den zorn legen oder ablassen, den zorn geben, hinlegen Dasypodius; den zorn meszigen, hinlegen Calvinus 586; vom zorn abstehen Stieler;

der schmid von seinem zorn abstund
Gengenbach 41 Gödeke;

der zorn wendet sich von einem 2 chron. 12, 22; des zorns vergessen: vergysz des zornes gegen mir der ewigen wyszheit betbüchlin xiia; den zorn brechen, zerbrechen:

und wil den zorn, der ihn jetzt beiszt,
in eyle gar zerbrechen Reinicke Fuchs (Rostock 1650) 109.

neueres: der zorn vergeht; legt sich Stieler; der zorn läszt nach Steinbach 2, 1120; verliert sich Rost verm. ged. 12; da liesz die zauberin in ihrem zorne nach Grimm kinder- u. hausmärchen 31, 77. anderes s. DWB I 5 am ende.

[Bd. 32, Sp. 104]



2) präpositionen. belege zu vor zorn und im zorn oben I 4. doch bezeichnen im zorn, in zorn auch einfach den zustand, in dem sich einer bei einer handlung befindet, ohne dasz er die ursache davon ist:

künig Serah, der bracht in zoren
gerüst tausent mal tausent moren
H. Sachs 1, 215 Keller,

het ich den pfaffen in meim zorn
ergriffn, hett im ausglescht das liecht 17, 37;

dann in zorn ze reden ist gantz zu vermyden Riederer spiegel der rhetorik a iiia. besonders im zusammenhang mit er ging hinaus, fort u. ä.: do er in zorn von ir reyte Arigo decameron 225; so lief er im gröszten zorn zur cajüte hinaus Forster 1, 181;

o lasz ihn nicht im zorne von dir gehn!
Schiller 13, 207.

älter ist dafür mit zorne: und in sere darumb schlagen liesz mit groszem zorn Geiler bilgerschaft b id; damit er mit zorn nicht sündige Grimmelshausen 2, 428 Keller.
das gegentheil ohne zorn ist im älteren nhd. entsprechend dem mhd. âne zorn formelhaft, und gelegentlich ziemlich bedeutungsleer: gütiglich, mit friden, on zorn Frisius 971a;

domit heb ich mein red hie an:
ich hoff es pleib on allen zorn — pfarrer v. Kalenberg 2 neudr.;

das glaub mir sicher one zorn 6.


3) adjective.
grosz ist, besonders in älterer sprache, ein gleichsam stützender begleiter von zorn, wie auch von hasz, th. IV, 2, 554:

so wirt der hausherr gleich auffstehn,
und stillen deinen groszen zorn
Scheit Grobianus 2609 neudr.;

das pferd vor groszem zorn sich bald zu tode lief Reinicke Fuchs (Rostock 1650) 334.

ähnlich grimmer, grimmiger zorn. der rasche, heftige zorn ist der helle zorn, der schlimmste zorn ist der unversöhnliche: der sonderbare eifer, und der unversöhnliche zorn des feindes Chemnitz schwed. krieg 2, 8. am schädlichsten ist der zorn, wenn er sich festsetzt, daher die steigerungen der verhaltene, der alte zorn:

versön den alten zorn mit im
Scheit Grob. 2570 neudr.;

der alte zorn kommt wieder,
und dann zerbrech' ich mein joch
Heine 1, 105 Elster;

der alte, eingefress'ne zorn,
im herzen mir ein steter dorn
Droste-Hülshoff 2, 76.

die aus der tiefen seele aufsteigende gewalt malt der dunkle zorn:

o senke, steigt der dunkle zorn mir wider,
auf mich herab die träumerischen lider
Vischer auch einer 2, 426.


allgemein üblich sind die verbindungen mit voll und lauter: er ist voller zorn Stieler 2317;

dann ir gemüt war zorens voll
Spreng Ilias 48b;

ein schnöde tochter voller zoren 69b;

dasz er in vollem zorne sein buch zuschlug maler Müller 1, 233; mit einer stimme voll zorn und schmerz Ebner-Eschenbach 4, 196; sie verdienen nichts dann lauter zorn Nas antipap. eins u. hundert 1, 8a;

aus lauterm zorn und hassen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 369b.


4) das natürlichste bild des zornes ist das feuer: excandescentia, entzündung mit gähem zorn Calepinus undec. ling. 505b. daher stammen eine menge allgemein üblicher wendungen.
a) der zorn ist ein feuer, flamme u. ä.: mäszige die hitze des eifrigen zorns Ch. Weise polit. redn. 56; wenn die flamme deines zorns weht maler Müller 1, 175; im feuer seines philosophischen zornes Arndt 1, 69. dazu heiszer, hitziger, feuriger zorn.
b) der zorn wird entzündet, entbrennt, verraucht, wird gekühlt:

[Bd. 32, Sp. 105]


des teuffels zorn ist gar entbrand
Ringwaldt evangelia d 7a;

wan sein zoren werd bald anbrennen
H. Sachs 18, 27 Keller-Götze;

hierauf entzündet sich ir zorn bederseits Amadis 1, 203; es muszte dieser zorn ... abgekühlt werden Arndt 2, 4; während auch der ursprüngliche zorn verraucht war Keller 2, 247.
c) der mensch entbrennt im zorn:

ihr hertz in zoren hitzig bran
Spreng Ilias 98b;

wan thust in zorn erbrinnen
Spee güld. tugendb. 35;

(sie) in czorn enzündet zu im sprache Arigo decamer. 197; doch alle entbrennen im zorn gegen die nymphe maler Müller 1, 136.
d) hieraus erwachsen viele zusammensetzungen wie: zorn-(zornes-)blitz, -brand, -brunst, -feuer, -flamme, -funke, -geflacker, -gluth, -hitze, -lohe, -ofen. auch bei zornausbruch denkt man an einen brand oder einen vulkan. ferner zornbrennend, -glühend u. ä., s. unten VI 2 a β.
5) spruchmäsziges und sprichwörtliches vgl. oben DWB I 2 und 5: ein linde antwort stillet den zorn, aber ein hart wort richtet grim an spr. Sal. 15, 1; ubersehen stilt vil zorn Seb. Franck sprichw. a ii 72b; schöne weise klugreden 26b; nachlassen stillt vil zorn Franck 24a; klugreden 149b; zorn altet langsam 145b; es ist besser ein kleyner zorn, dann ein groszer schad 156b; der zorn fängt mit ungestümmigkeit an, und endet sich mit reu und leid Hoffmann polit. Jesus Sir. 18;

ein metzger der das vieh absticht,
dem ist im zorn zu trauen nicht
Eyering prov. cop. 1, 440;

zorn zieht mit doppelbrunnenzügen:
zwei mächte kämpfen in ihm gleich,
der teufel, groszpapa der lügen,
und gott der herr im himmelreich
Arndt 5, 319.


narren oder thoren zorn: ein narr zeigt seinen zorn balde, aber wer die schmach birget, ist witzig sprüche Sal. 12, 16; stein ist schwer, und sand ist last, aber des narren zorn ist schwerer denn sie beide 27, 3; beim zorn kennt man den thoren; mit des thorn zorn bisz unverworren; der zorn erwürgt den thorn klugreden 144b.
frauenzorn: und kein zorn ist so bitter, als der frawen zorn Sir. 25, 21;

kein zorn ist uber frawen zorn
H. Sachs 6, 133 Keller.


IV. das im mhd. so verbreitete es ist, es wird, es thut mir zorn ist noch im frühen nhd., besonders bei H. Sachs, allgemein üblich, verzeichnet von Ulner copiosa supellex 534. es verschwindet aber im 17. jh. Died. v. Stade 760 erläutert es für Nahum 1, 6 als veraltet durch beispiele aus dem heldenbuch. ebenso ist ein citat aus dem Renner: die selbe verlust, die thät mir zorn Morhof unterr. v. d. d. spr. 1, 356. heute nur mundartlich Schmeller2 2, 1166; Lexer kärnt. wb. 266, literarisch nur in alterthümlicher färbung: das thät dem schneider zorn, nahm einen fleck von tuch und schlug auf den apfel Grimm kinder- u. hausm. 1, 11.
ältere belege: dem was gar zoren, das man die abgötter zerbrochen hett d. heil. leben, winterth. 172a; da die von Bern des innen wurden, dasz der pöswicht so mörtlich und so vintlich mit den armen leuten umbgangen was, das was in zorn und laid chron. d. städte 5, 173 (Augsburg 15. jh.); als daz der keyser innen wart, thet es im gar zorn Münster cosmogr. 196; das dem schneider zorn thon hat Montanus schwankb. 19 (vgl. oben den beleg aus Grimm);

das schwinde scheiden thut mir zorn
Zinkgref auserl. ged. 22 neudr.;

mir ist auf den Tanawäschel zorn
H. Sachs 1, 470 Keller;

des sind die pawren innen woren
und thut in auff die roszhaut zoren 5, 153 Keller.

[Bd. 32, Sp. 106]


der prädicative gebrauch führte dazu, das subst. zorn als adj. zu behandeln, vgl. J. Grimm gramm. 24, 283, daher der comparativ: nichts thut mir zörner noch macht mich betrübter Wirsung Calistus 200;

Pegasus hat flügel und hörner,
grosz wie ein pferdt, und wirdt vil zörner
H. Sachs 7, 448 Keller.

belege für attributive verwendung finden sich nicht. sie kommen auch im mhd. nur vereinzelt vor Lexer 3, 1151. das as. und ags. adj. torn Heliand 5523, Grein-Köhler 684, vielleicht nur eine eigenthümlichkeit des epischen stils, ist im deutschen nicht erhalten.
V. zusammensetzungen.
1) die regelrechte form in der zusammensetzung ist zorn-, so schon Stieler, der daneben ein einziges zornsglut hat 672, s. bei c. daneben erscheinen
a) zornen-, ganz vereinzelt:

halt ein, o groszer gott, zu strafen,
wenn sich dein zornenfeur entzündt
Neumark poet. lustw. 26.


b) zoren-, s. oben sp. 91, bei H. Sachs: z. b. zorenmütig 1, 370; zoren schellig 16, 501 Keller-Götze. noch bei Dietrich von dem Werder im Ariost als zorren: zorrenschmertzen 10; zorrenzunder 195; zorrenshitz 276.
c) zorns-, nur vereinzelt in älterer zeit: in zornswise Terenz deutsch (1499) 74b; zornstrotzig Fischart geschichtsklitt. 347 neudr.; mit zorns macht Ayrer dramen 1, 181 Keller; gottes zorns-wort J. Böhme 2, 143. in neuerer zeit ganz ungebräuchlich bei subst., eher mal mit einem den gen. regierenden adj.: eine zorneswürdige nation allg. d. bibl. 19, 197.
d) zornes-, in älterer zeit nur als zusammenrückung, in welcher der gen. syntactisch bedingt ist: in zornesgrimm H. Sachs 18, 412; 20, 471 Keller-Götze. auch weiter bis zum ende des 18. jhs. nur selten, als versfüllung:

zur straaf und zornesruthen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 307;

des vaters zornesflut fährt über ihn mit graus
Fleming 1, 22 Lappenberg.

noch bei Schiller ganz selten, nur im vers: in zorneswuth 15, 1, 64 (Phädra IV 2); alle zornesflammen 14, 122. bei Göthe scheint es ganz zu fehlen. mit beginn des 19. jhs. aber treten die zusammensetzungen mit zornes- auszerordentlich häufig auf, und zwar vielfach als vorliebe einzelner schriftsteller, im verse (Brentano, Gries in den stanzen seiner übersetzungen, Freiligrath) und ganz besonders in prosa, wo Fouqué vorangeht, dem Gutzkow, Auerbach, auch Freytag folgen. das dürfte nicht sowohl auf nachahmung, als auf demselben rhythmisch-stilistischen gefühl beruhen. die wörter mit zornes- sind durchweg freie, für den bedarf gebildete zusammensetzungen, bei wirklich festen überlieferten bindungen herrscht zorn- vor, z. b. zornmuth. daher lassen sich einige solche zusammensetzungen nur mit zornes- belegen, wie zornesnoth, zornesregung, zornesstimme, abgesehen von denen, die nur im verse erscheinen.
das zweite wort beginnt natürlich stets mit der tonsilbe, ausnahmen wie zornesgeheul Fouqué zauberring 2, 88; zornesgedanken Auerbach 2, 163 sind entgleisungen. bei adj. hat zornes- adverbialen sinn: zornesblau, zornesbleich, zorneseifrig, zornestoll, zorneswund u. ä. eine form wie zorneslähmend Laube 3, 221 ist ebenso vereinzelt wie sprachwidrig.
bei den einzelnen zusammensetzungen werden die mit zornes-, so weit nöthig, unter denen mit zorn- angeführt.
2) stehende formen der zusammensetzung sind
a) solche mit dem part. präs.
α) zorn als obj.: zornathmend, zornausgieszend, zorndrohend, zornerregend, zornlähmend, zornsprühend.
β) zorn adverbial, 'vor zorn', das verb drückt ein 'symptom' aus, s. oben I 7: zornbebend, zornbrüllend, zornerröthend, zornknirschend, zornschäumend, zornzitternd, vor allem von blicken

[Bd. 32, Sp. 107]


und augen: zornblitzend, -flammend, -funkelnd, -glitzernd, -glühend, -leuchtend, -lodernd.
b) mit dem part. pass.: zornbeladen, -belebt, -bewegt, -empört, -entfacht, -entglommen, -erfüllt, -ergeben, -erglüht, -erkrankt, -erquickt, -durchglüht, -durchrollt, -gereizt, -geschwellt, -geschwollen, -umfluthet.
c) inhaltliche gruppen von zusammensetzungen s. bei II 7 und III 4 d.
 
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zornader, f., zornesader:

er ist zu bald in harnisch gschloffen,
man hat im die zornader troffen
Eyering prov. cop. 2, 218;

sie schwillt auf der stirn, oft mehr symbol als symptom des zorns: seine mutter bemerkte .., wie die zornesader auf seiner stirn schwoll Ebner-Eschenbach 2, 290; die zornader lag dick auf ihres mannes stirn Storm 4, 265; die zornader glühte auf seiner stirn Alexis ruhe ist die erste bürgerpfl. 1, 302. —
 
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zornanfall, m.: als sie ... in einem zornanfall dem dreijährigen söhnlein das auge ausgeschlagen hatte Rosegger 9, 155; einer der zornanfälle könne einen blutsturz herbeiführen Ebner-Eschenbach 6, 132. —
 
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zornausbruch, m., zornesausbruch, meist von zorn, der in worten sich äuszert: 'dieser mensch berechnet jeden seiner zornausbrüche und benützt jede seiner blutwallungen!' C. F. Meyer Jürg Jenatsch 167; er hörte das poltern, den wilden zornesausbruch des bruders O. Ludwig 1, 252; auch schien ein zornausbruch in worten trotz der weiten entfernung folgen zu sollen Fontane I 5, 4; bald rauscht irgendwo ein leise gehaltener zornausbruch eines hauptmanns D. v. Liliencron zehn novell. 31. —
 
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zornbebeginn, m. Stieler 632. —
 
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zornbenehmung, f. 136. —