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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tyrann bis tyrannendruck (Bd. 22, Sp. 1967 bis 1982)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tyrann, m. , allein-, gewaltherrscher, über lat. tyrannus auf griech. τύραννος zurückgehend, das seinerseits aus dem tyrrhenischen entlehnt worden ist (der wortstamm ist in dem etrusk. appellativum turan 'herr, herrin' enthalten, s. Lenschau in: Pauly-Wissowa realencycl. d. class. altertumswiss. 7 A, 2 [1948] 1822 und über abweichende etymologien der älteren forschung bei Boisacq dict. étym. de la langue grecque [41950] 992). durch lat. bzw. frz. vermittlung drang tyrann in die germ. u. slav. sprachen (engl. tyrant, ndl. tiran, dän.-norw. tyran, schwed. tyrann; tschech.-poln. tyran, slowen. tiran, serb. tir(j)anin, bulgar. tiranin, russ. tiran), ins dt. etwa zur zeit des frühhumanismus (erstbeleg Heinrich v. Mügeln s. u. DWB B 2 b, im nd. [ca. 1360] Johann v. Brakel übers. v. Aegidius Romanus, de regimine principum 7 Mante: tyranne nom. pl.), wobei es die endungen der schwachen deklination annahm, s. Paul dt. gr. 2, 135 u. über vereinzelte stark flektierte formen ebda 136 anm. 2 u. 3. ältere sprache zeigt mitunter die regelmäszige nominativform der schwachen flexion tyranne ([1480 Lübeck] städtechron. 31, 1, 234; Wigand Gerstenberg chron. 74 Diemar; H. Sachs 1, 225 lit. ver.; Petri d. Teutschen weiszh. [1605] F 4a; Gryphius trauersp. 19 Palm; Joh. El. Schlegel w. 1 [1761] 11; s. auch Paul a. a. o. 136 anm. 1), daneben jedoch schon früh die kurzform tyrann ([1432] meister Ingold gold. spiel 6 Schröder; H. Sachs 1, 223 lit. ver.; Luther br. 8, 574 W.; mit den orthogr. var.: tyran Luther 9, 135 W.; Petri d. Teutschen weiszh. [1605] Cc 1a; Heinse s. w. 7, 90 Schüddekopf; Brentano ges. schr. [1852] 2, 159; thyran H. Sachs 1, 225 lit. ver.; tiran Murner kl. schr. 1, 120 Pfeiffer-Belli; thirann H. Sachs 22, 114 lit. ver.; [1531] tirann Knebel chron. v. Kaisheim 223 lit. ver.; Zimm. chron. 24, 300 Barack; Schiller 7, 10 G.), die sich in neuerem sprachgebrauch allgemein durchsetzt.
die ursprüngliche, neutrale bedeutung '(allein-)herrscher' (A) findet sich gelegentlich als ausdruck der antike in historischer darstellung. üblich wird tyrann im dt. jedoch allein in der schon im lat. vorherrschenden pejorativen bedeutung 'gewaltherrscher, despot' (über den begriffswandel der tyrannis im denken der antike s. Pauly-Wissowa a. a. o.; über tyrann als literarische figur, insbesondere des altertums, des lat. mittelalters und der italien. renaissance, s. Walser d. gestalt des tragischen u. d. komischen tyrannen in mittelalter und renaissance in: kultur- u. universalgesch., festschr. f. W. Goetz [1927] 125 -144), anfangs vor allem auf despotische herrscher des altertums, insbesondere der bibel bezogen, deren gestalten im zeitalter des humanismus und religiöser auseinandersetzungen deutlicher in den gesichtskreis traten und begriff und bezeichnung des 'tyrannen' in die literatur des frühen nhd. (zunächst in die übersetzungslit.) trugen. beflügelt wird dieser gebrauch (B 1) durch die haupt- und staatsaktionen, sowie das literarische trauerspiel des barock (s. Dora Schulz d. bild d. herrschers i. d. dt. tragödie v. barock bis z. zt. d. irrationalismus, diss. München 1931, 21 ff); durch das freiheitsstreben der aufklärung, des sturm und drang (s. D. Schulz a. a. o. 54 ff. u. 84ff.),

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der dichter der befreiungskriege (s. u. DWB B 1 b), sowie des jungen Deutschland (zur geschichte von 'tyrann' als literarisches motiv vgl. auch J. Wiegand gesch. d. dt. dichtg. [1922] 126, 128, 155, 189 u. 243) erlebt er einen letzten groszen auftrieb und trittnach dem untergang der absoluten dynastien endgültig auf histor. erzählung beschränktimmer mehr gegenüber der anwendung im weiteren sinne für einen despotisch auftretenden schlechthin (B 2) sowie dem metaphorischen gebrauch (B 4) zurück. neuere ornithologische fachsprache verwendet tyrann in anschlusz an lat. tyrannus als bezeichnung für eine würgerartige vogelart (C).
A. '(allein-)herrscher': tyrann war vor zeyten ein ehrlicher nam, heyst ein könig, fürst, regent Simon Rot teutscher dict. (Augsb. 1571) Q 4b; ehmals bedeutete das wort tyrann auch nur lediglich einen einzelherren und man zhlte darunter auch sehr weise und gerechte mnner Haller staatswiss. (1816) 1, 484; die gröszeren städte Syriens ... versuchten sich bald als freie gemeinden, bald unter sogenannten tyrannen auf eigene hand zu behaupten Mommsen röm. gesch. 3 (41866) 46. gelegentlichmit betonung der illegitimitätim sinne von 'usurpator': der letzte knig, oder vielemehr der tyrann Gilimer, der wider recht das wandalische reich in Africa knig Hilderichen entzogen vnd auff sich gebracht htte Micraelius altes Pommerland (1639) 1, 63; nach einer reihe von so genannten tyrannen, das ist, von beherrschern, welche sich der einzelnen und willkührlichen gewalt über den staat bemächtigt hatten, ohne auf einen beruf von den bürgern zu warten Wieland Agathon (1766) 2, 85; tyrann hiesz bei den alten derjenige, der sich in einem freyen oder republikanischen staat eigenmchtig zum oberherrn aufwarf, wenn er gleich übrigens nachher noch so glimpflich und gelind regierte frauenz.-lex. 2 (1773) 3674; ähnlich in historischer erzählung bei W. Bergengruen der großtyrann und das gericht (1935) titel.
B. 'gewaltherrscher'.
1) im eigentlichen sinne.
a) 'despotischer landesfürst': aber wer da scht nun sein nutz und nit den gemainen, der hayszt von recht nit ein küng, aber ein tyrann und ain wthrich. das ander da die gemain regnierend ... und schend den gemainen nutz, das hayszt aristocratia (1432) meister Ingold gold. spiel 6 Edw. Schröder; hat diser Cicero an andern enden kaiser Julium nit allain nit gelobet, sunder sine werck geschulten vnd jnn nit gütig, sunder ainen tyrannen genennet Niclas v. Wyle transl. 341 Keller;

könig Antiochus, der zwölfft tyrann (überschrift)
... Antiochus, der zwölfft wütrich,
ein küng Syrie grausamlich
H. Sachs 1, 227 lit. ver.;

als er (Herodes) inne wird ...
erwürget der tyrann die kinder grosz und klein
Opitz dt. poem. 187 ndr.;

blutdürstigster tyrann! hat wohl die grosze welt
ein dir (Leo Arminius) gleich tiegerthier? hat das verbrennte feld
des wüsten Lybiens so ungeheure leuen?
kan uns die hölle selbst mit mehrer mordlust dräuen?
verfluchter fürst! ich irr; kann der ein fürste seyn ...
Gryphius trauersp. 88 Palm;

tyrannen haben wohl oft vlker aufgerieben:
nur gute frsten nicht!
Gottsched deutsche schaubühne 6 (1745) 49;

das gesez hat noch keinen groszen mann gebildet, aber die freyheit brütet kolosze und extremitäten aus. sie (d. untertanen) verpallisadiren sich im bauchfell eines tyrannen, hofiren der laune seines magens und lassen sich klemmen von seinen winden Schiller 2, 30 G. (d. räuber);

du (Frischlin) sprachst den stolzen purpurnen tyrannen
ins antlitz hohn
Schubart s. ged. 2 (1825) 309;

als gott die tyrannen erschuf, diese folterknechte der welt, hätte er wenigstens die völker sollen sterblich machen Börne ges. schr. (1862) ...; Friedrich d. Gr. z. b. ist von zwei Engländern ... dargestellt worden, bei

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Macaulay ein harter, perfider tyrann, bei Carlyle ein heros (6. 9. 1890) G. Freytag br. a. s. gattin 543 Strakosch-Freytag u. Walter-v. d. Bleek.
schon früh in sprichwörtlichen wendungen, die wesen und geschick des tyrannen charakterisieren: dem tyrannen ist die zal seyner iar verborgen Hiob 15, 20; wenn gott ein landt straffen vnd plagen will, so gibt er ihm einen tyrannen vnd wuettrich, der es alles on raht mit der faust wil auszrichten Latendorf sprichw. (1532) 229; muthwil ist der tyrannen rath vnd lehr Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Pp 5b;

ein freye statt vnd freyen mann
stets feindlich neidet ein tyran ebda T 8a;

vnschuldig blut ertrckt alle tyrrannen vnnd die jhnen helffen ebda Vv 4b; es taug nit das ein tyrann eines rechten tods sterbe Eyering prov. cop. (1601) 2, 590 (ähnlich bei: Graf-Dietherr dt. rechtssprichw. [1864] 524);

gar wenig man tyrannen findt,
die rechten tods gestorben sind
Seybold lustgarten (1677) 8;

der tyrann musz einen pfaffen haben und der pfaff einen tyrannen Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 352.
in epigrammatischer wendung der neueren literatursprache: der macht sich zum gespötte, der einen tyrannen durch beredsamkeit zu gewinnen gedenkt Lessing 8, 57 L.-M.; sklaven weinen nicht, wenn sie einen tyrannen verlieren Th. Abbt verm. w. 2 (1770) 44; heute ist ein land frei und morgen liegt's einem tyrannen zu füszen Hippel s. w. 1 (1827) 9; unter tyrannen denkt der brger nur an sich F. M. Klinger neues theater (1790) 1, 8 (Aristodymos, 1. akt);

pfaff samt tyrann
ankerketten sind's an gewicht
Platen ges. w. 2 (1843) 255;

die welt erträgt weit eher den tyrannen
als halbheit, schwäche, wankelmuth
Geibel ged. a. d. nachlasz (1896) 238;

als wortspiel findet sich: ein tyranne kan unter dem volcke nicht so tyrannisiren, als ihm die tyrannische furcht das joch der grausamsten tyranney auf den hals gewltzet hat Chr. Weise polit. redner (1679) 64.
b) 'gewalttätiger, despotisch unterjochender eroberer':

wo denn ausz frevel und hochmut
der Türck oder ander tyrannen
wider dich auff-würff sein streytfannen
H. Sachs 1, 218 lit. ver.; vgl. auch ebda 211 u. 221 sowie städtechron. 31, 1, 234;

daz jung wildt blt (Ludouicus) überhb sich desz glücks, verherget alles vnderwegen mit mord vnd raub bisz ghen Rom; da kam alle geistlicheyt disem tyrannen z ehr entgegen Seb. Franck Germ. chron. (1538) 81b; ich ziehe meine truppen zusammen, gott behüte uns für den tirannen (der feindlichen macht) (23. 3. 1657) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedr. Wilh. v. Brandenb. 5, 893 Erdmannsdörffer;

ja, eroberer, ja, — du wirst unsterblich seyn.
...
schau gen himmel, tyrann — wo du der sämann warst,
dort vom blutgefild stieg todeshauch himmelan
Schiller 1, 42 G.;

ihr (der preusz. jäger) bestes wild ist ein tyrann,
drauf zielen alle mann für mann
Schenkendorf ged. (1815) 44;

laszt jeden von uns ... es feierlich erklären, dasz wir ihn (Napoleon) niemals kaiser nennen wollen, möge auch kriegsgefangenschaft oder irgend ein ganz unvorherzusehender unfall den einzelnen in die gewalt des tyrannen führen Fouqué gefühle, bilder 1 (1819) 100; dasz ... das undankbarste aller völker einen guten könig geschlachtet habe, um sich vor den triumphwagen eines freiheitsmörderischen tyrannen (Bonaparte) zu spannen Fontane ges. w. I 1 (1905) 32.
2) in erweiterung des anwendungsbereichs als bezeichnung für jedenin kleinerem oder gröszerem kreisedespotisch auftretenden machthaber.

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a) für geistliche würdenträger, die ihre gewalt miszbrauchen; dieser gebrauch lebt in der sprache der reformation auf: lass uns frey, Emsser, und gib nach, wie dich deynn gewissenn dringt, das der bapst eyn tyrann sey, keynn recht habe gesetz zu machen Luther 7, 669 W. (vgl. auch ebda 8, 502 u. 26, 577 sowie die komposita beicht-tyrannen u. seel - tyrannen unter D 2); wie wol die geystlichen tyrannen ein weltlich uberkeyt aus der Christenheit gemacht haben ebda 11, 410 (ebenso 12, 35); ebenderselbige bischof und tyrann ist darnach von groszen mäusen gefressen worden ders., tischr. 3, 644 W.; aber die tyrannen, pebst ... vervolgen die selbigen (die rechte lehre) (1539) Melanchthon in: Luther br. 8, 529 W.;

ich sehe schon den Tyberstrom
die herrschaft geistlicher tyrannen
mit muth und kraft aus dem gedrckten Rom verbannen
Gottsched ged. 1 (1751) 301;

(der pöbel) nennt seine landsleut' affen,
den pabst tyrann und seine geistlichen — pfaffen
Blumauer ged. (1782) 133;

vgl. auch: im orient ... ward der wahrsager der tyrann und der gehlfe der herrscher, immer fesselte er das volk Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 93.
b) für alle, welche im gesellschaftlichen leben ihre durch soziale stellung bzw. besitz oder amt erlangte macht willkürlich und miszbräuchlich ausüben:

die rîchen und tyrannen sint gerecht den armen selden
Heinrich v. Mügeln fabeln 16 Müller;

dise ding (jagen der herren auf den äckern der bauern) seint hert für die puren, aber gunstlich für die tyrannen, die semliche ding inen zeignen Keisersberg narrensch. (1498) 146d; solts nu dahin kommen, dasz die herrschaften tyrannen wolten sein (wie der graf v. Mansfeld) vnd mit den leuten, als wehren sie hunde vnd sawe, vmbgehen, wie sich etzliche anlaszen, so wehre es ein schrecklich zeichen göttliches zorns vber den adel Luther br. 10, 8 W.;

... leute, die das volk geplagter bürger flieht, ...
aus furcht es mehre sich die anzahl der tyrannen,
die stets ein härter joch um ihre hälse spannen
Gottsched ged. (1751) 1, 397;

sein (Karl Moors) dolch schröckte die kleinere tyrannen und authorisirten beutelschneider, aber sein beutel war der nothdurft geöffnet Schiller 2, 355 G.; von kleinen tyrannen hat das volk am meisten zu befürchten J. M. Sailer vorl. a. d. pastoraltheologie 1 (1788) 302; Richard Frei gehörte zu den menschen, ... die ... sich gar zu gern demokraten schelten lassen, — dabei denn doch, was ihre person, ihr ganzes wesen, ihre bedürfnisse, ihre ansprüche, ihr benehmen gegen diener oder sonst von ihnen abhängige personen betrifft, voll von recht übeln, hochmüthigen, hyperaristokratischen prätensionen stecken ...; nach oben hinauf fordern sie gleichheit, nach unten hin sind sie tyrannen, recht stolze despoten Holtei erz. schr. 23 (1861) 21; vielleicht sah ein alter vernünftiger gesetzgeber zu Tahiti voraus, dasz, wenn jene classe kleiner tyrannen allzu zahlreich wrde, der gemeine mann unter dem joche derselben bald wrde erliegen mssen J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 100; (der gendarm) war ein furchtloser und heftiger mann, tyrann der strasze und in polizeisachen die rechte hand des bürgermeisters G. Freytag ges. w. 1 (1887) 39; (der fabrikant Dreisziger:) bin ich ... ein tyrann? bin ich denn ein menschenschinder? Gerhart Hauptmann weber (1892) 85; hier drauszen herrscht das junkerregiment ... es musz daher alles aufgeboten werden, um ihre macht zu stürzen ... im grunde haben sie nämlich angst vor uns; die tyrannen zittern! Wilh. v. Polenz Grabenhäger 2 (1898) 313; wir dienen dem groszen ganzen, wenn wir jedem unserer freunde vorwärtshelfen. denn die freunde einer volkspartei sind alle, auszer den tyrannen Heinr. Mann untertan (1950) 118. vereinzelt auch für die revolutionäre menge, diezuchtlos und politisch unreifdas gemeinwesen tyrannisiert: nu ists besser von einem tyrannen, das ist von der berkeit, unrecht leyden, denn von unzelichen tyrannen, das ist

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vom pöfel unrecht leyden Luther 19, 635 W. (s. auch Herder 17, 88 -91 S.);

... wer beschützte die menge
gegen die menge? da (im Frankreich von 1789) war menge der menge tyrann
Göthe I 1, 320 W. (vgl. auch ebda I 3, 253).


c) für autoritäten, die in despotischer weise einem kleineren kreise vorstehen; insbesondere für den vater und ehemann, vgl. haus-tyrann unter D 2, tyrannelein und tyrannin 2 a: wenn n eyn vater seyn kind zur ehe dringet, da das kind nicht lust noch liebe hyn hat, da tritt er uber und ubergehet seyne gewallt und wird aus vater eyn tyrann, der seyner gewallt braucht nicht zur besserung, ... sondern zum verderben Luther 15, 164 W.; mancher tyrann hielte sein ehrlich weib ärger als einen hund Grimmelshausen Simpl. 71 Scholte; der tyrann entzog seinem weibe alles, was zur leibes nahrung und nothdurft gehrt Hippel s. w. 3 (1828) 79; 'hast du nicht ärger genug mit dem haushalt, den tollheiten der kinder und zuweilen mit deinem tyrannen, dasz du dir mehr ersehnst?' (sagte der freiherr zu seiner gattin.) 'du lieber tyrann!' rief die baronin G. Freytag ges. w. 4 (1887) 28; natürlich, nun bin ich wieder der tyrann, der ewige griesgram, der allen die freude verdirbt! Kahlenberg fam. Barchwitz (1899) 9; nach dem tode ihres mannes, der ein böser tyrann und hypochonder gewesen war, hatte sie begonnen zu leben Wassermann fall Maurizius (1928) 44; ebenso vom lehrer: wie manch edles ingenium wird durch scholastische tyrannen von den studiis abgeschreckt! Schupp schr. (1663) 50; der lehrer soll nicht beherrscher und tyrann, sondern freund der gemeinde seyn Miller pred. fürs landvolk (1776) 2, 34; so saszen wir einst, während unsre tyrannen (lehrherrn) uns im schweisze unsers angesichts glaubten, ganz gemütlich beisammen O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 426; an der thüre dieses verschlages befand sich ein rundes fensterchen, durch welches der tyrann (oberschulmeister) öfters den kopf zu stecken pflegte, wenn drauszen ein geräusch entstand Keller ges. w. (1889) 1, 37; ein schüler war ein mausgraues, unterworfenes und heimtückisches wesen, ohne anderes leben als das der klasse und immer im unterirdischen krieg gegen den tyrannen Heinr. Mann d. blaue engel (1950) 26.
d) für diktatorisch das geistige leben bestimmende persönlichkeiten: sie werfen sich keineswegs zu eigenmchtigen tyrannen der litterarischen welt auf deutscher Merkur (1773) 1, 19; ein tyrann des geschmacks ist ... die albernste figur, die je die sonne beschienen Herder 22, 105 S.; vgl. auch: ein sprach tyranne Chr. Weise überfl. ged. 171 ndr.
e) in scherzhafter anwendung für ein seine umwelt in launischer willkür beherrschendes kind, s. auch unter tyrannin 2 c: wie die wärterin dem schreienden kinde alle möglichen spiele ... für den künftigen tag zusagt, damit es nur endlich die augen schliesze und ihr gestattet sei, ihre augen von dem lästigen kleinen tyrannen ... ab- und eigener häuslicher beschäftigung zuwenden zu dürfen; so lullte und sang er sein groszes kind ... mit süszen weisen erlogener liebe ein Holtei erz. schr. 3 (1861) 128; Heinrich (kind von Annettes bruder Werner) ist jetzt sehr hübsch und, wenn man ihn allein hat, allerliebst, zwischen den andern kindern aber ein kleiner tyrann (9. 2. 1838) Annette v. Droste-Hülshoff br. 1, 267 Schulte-K.; in der mitte seiner tyrannen (der straszenjugend) stand Moses Freudenstein W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 62; die (verwöhnten kinder) lernen schon in jungen jahren die leiden der tyrannen kennen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 32; vereinzelt für einen so auftretenden schauspieler gebraucht: in diesem augenblick erhalte ich (als theaterdirektor) das verruchte billet des unseligen tyrannen! E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 27 Grisebach.
f) gelegentlich auch für ein tier, das durch seine physische überlegenheit den ganzen umkreis beherrschend in bann hält: die hechte ... seind aber eyn schdlicher fisch vnd

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nicht anders dann eyn tyrann inn den süssen flüsswassern Sebiz feldbau (1579) 465; der tyrann des Nils, das satte krokodill, lag mit offenem rachen am ufer Kretschman s. w. (1784) 6, 189;

ein jäger ...,
welcher der wälder tyrannen (man darf ihn nicht nennen) mit pfeilen
auf dem hohen gebirg' erschossen, und nun im triumphe
dessen grauen langzottigen pelz auf der spitze der stange
durch Arkadien trägt
Joh. Nik. Götz verm. ged. (1785) 1, 74;

ironisch: ein blitzblankes bauer, drin ein grauer kakadu, der eigentliche tyrann des hauses, sein von der dienerschaft gleichmäszig gehasztes und beneidetes dasein führte Fontane ges. w. I 3 (1905) 16.
3) für einen rohen, gewalttätig seinen willen durchsetzenden menschen schlechthin, 'wüterich', vgl. tyrannei B 3, C 4 u. D 1 sowie tyrannisch unter 2 a α: die bemelten beiden burger ausz der Altenstadt (haben) sie (Katharina Plugken) mit frevel ausz dem kloster zu schleppen understanden, und do ihr die ander jungfrawen zu hulfe gekummen, haben die beide tyrannen mit ihren feusten die armen kinder vor ihre bruste gelaufen und also unmenschlich von sich gestossen (1524/25 Magdeburg) städtechron. 27, 147; der riesz Kuperan, der ein ungläubiger heyd, Epicurer, tyrann vnd todschlger ist, antwort ... er sey darumb ein ritter vnnd kriegsmann, dasz er die leut erschlagen wöll J. Ayrer hist. process. juris (1600) 362; (Zettel:) eigentlich habe ich noch das beste genie zu einem tyrannen; ich könnte einen Herkles kostbarlich spielen, oder eine rolle, wo man alles kurz und klein schlagen musz Shakespeare (1797) 1, 189; so noch in der mundartlichen komposition erztyrann 'wer auf ganz brutale weise seinen willen durchsetzt' bad. wb. 1, 712; vereinzelt auch abgeschwächt für einen gegen seine umwelt rücksichtslos auftretenden menschen: ... dasz kein polizeidiener es wage, bei nachtzeit, wenn müde leute schlafen wollen und sie (die im bierhaus nach freiheit schreienden) brüllend durch die gassen ziehen, ihnen den rachen zu stopfen, mit einem worte, dasz niemand sie in der freiheit beschränke, tyrannen anderer zu sein Holtei erz. schr. 20 (1862) 19.
4) metaphorisch in verschiedener, an B 1 bzw. 2 anschlieszender anwendung.
a) im vergleich, wobei besonders die eigenschaften der willkür, grausamkeit, härte und unduldsamkeit als tertium comparationis dienen:

er (gott) thutt nit wie tirannen:
so es in glicklich ghett,
alle welt wellens verpannen
mit frevel und unnrath (um 1550) volks- u. gesellschaftslieder d. 15. u. 16. jhs. 69 Kopp;

(die prälaten) handlen wie die wüsten tyrannen Aventin s. w. 1, 209 bayer. akad.; denn ich bilde mir nicht ein, wie ein tyrann von gottes gnaden, dasz sie (die leser) meine sklaven oder sonst ein verkäufliches eigenthum sind Bode Thomas Jones (1786) 1, 133;

ich bin wie ein tyrann auf menschenjagd
Immermann w. 16, 447 Hempel;

können sie (anrede) mir die (teilnahme) versagen, ohne grausamer zu sein als der härteste tyrann? Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 430 Assing; der knabe ... war der stubenälteste ... und wegen seiner brutalität und rauflust gefürchtet, er schaltete wie ein tyrann mit den jungens Wassermann fall Maurizius (1928) 143. auch naturerscheinungen werden mit einem tyrannen verglichen:

der winter folgt ihm (dem herbst) bald, scheint hart, als ein tyrann
Giseke poet. w. (1767) 6 Gärtner;

im westen stand das nächtliche gewitter und wüthete, wie ein tyrann, und von osten her stieg die sonne herauf, ruhig und schweigend, wie ein held H. v. Kleist w. 5, 147 E. Schmidt; als prädikatsnominativ ohne vergleichspartikel:

der winter stand, ein eiserner tyrann,
nie lösend seine faust, die festgeballte,
die eisig sich um berg' und thäler krallte;
ihr leben lag erstarrt in seinem bann
Lenau ged. 2 (1858) 185.

[Bd. 22, Sp. 1973]


gelegentlich wird tyrann auch in der neutralen bedeutung 'herrscher (A 1)' zum vergleich herangezogen: der berg S. Oreste oder Sorakte ist das herrlichste auf der ganzen reise; er steht da wie der tyran der weiten gegend und beherrscht alles, ewig fest auf sich selbst gegründet Heinse s. w. 7, 90 Schüddekopf.
b) bildlich; dieser gebrauch war besonders in der sprache der barockdichtung lebendig, auf den allmächtigen, willkürlich-launisch waltenden liebesgott bezogen:

Cupido der tyrann
Opitz teutsche poem. 39 ndr.;

hebe dich weg Cupido, du tyranne!
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 420;

o Amor, du grimmiger tyrann! Grimmelshausen 2, 531 Keller; ich sehe ... dasz durch die eusserste pein, mit welcher ewer g. der tyrann Amor plagt .. Amadis 17 lit. ver.; gelegentlich auch sonst in poetischem stil: ward sie (die poesie) zu einem ... werckzeuge der drey vornehmsten lasterhaften neigungen, der wollust, der ehrsucht, und des geitzes gemachet, und muszte diesen tyrannen als eine gefangene sclavin dienen Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 104; indesz der tyrann der musik, die orgel, wie ein orkan darein rast und tiefe fluthen wälzt Heinse s. w. 4, 31 Schüddekopf; aber die königin philosophie ist doch nur allzuoft ein tyran für die musen gewesen Kretschman s. w. (1784) 1, 24;

denn des barometers walten
ist der witterung tyrann
Göthe I 3, 362 W. (s. auch ebda 29, 91).


c) übertragen, in mannigfaltiger anwendung, vgl. DWB tyrannin 3 b, tyrannei B 4 b und tyrannisch 2 a δ.
α) von überindividuellen, geistigen wesenheiten, denen der mensch unterworfen ist: und nicht mit uns umbgehe wie mit Moses volck, wilchs als ein knechtisch volck nicht ynn kindlicher liebe, sondern ynn knechtlicher furcht mit drewen, schlegen, straffen und wurgen gehalten wird unter dem tyrannen, dem gesetz, als unter dem hencker und stockmeister Luther 19, 160 W.; die ehre ist unser tyrann, wir folgten ihrem winke Kotzebue s. dram. w. (1727) 1, 211; eine solche sclavische hingebung in die launen des tyrannen schicksaal ist nun freilich eines freien, denkenden menschen höchst unwürdig H. v. Kleist w. 5, 41 E. Schmidt; jeder (sittliche) wert hat — wenn er einmal macht gewonnen hat über eine person — die tendenz, sich zum alleinigen tyrannen des ganzen menschlichen ethos aufzuwerfen Nic. Hartmann ethik (21935) 524.
β) von menschlichen schwächen, trieben und affekten, deren willkür die individuen beherrscht: item dasz die sünde der aller gewaltigste und grausamste, schädlichste tyrann sei uber alle menschen dieser ganzen welt Luther tischr. 6, 103 W.; zu frnen der blinden lieb; sie ist ja ein tyrann A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 110;

sey deiner neigungen herr, so wirst du das unglück beherrschen;
der schöpfer ist liebe und huld, nur jene sind deine tyrannen
E. v. Kleist s. w. (1771) 1, 148;

deine begierden und dein geschmack sind itzt deine tyrannen Lessing 2, 285 L.-M.;

o zorn! du abgrund des verderben,
du unbarmherziger tyran,
du friszt und tödtest ohne sterben
und brennest stets von neuem an
Brentano ges. schr. (1852) 2, 179.

nur vereinzelt vom intellekt: der gedanke ist bei mir meistens tyrann, und das läszt keine schönheit aufkommen (12. 12. 1838) Hebbel br. 1, 370 Werner; ähnlich: eine fiktion (selbsttäuschung), mit der man sich entschlossen hat zu leben, ist ein tyrann, der verlernt hat zu sehen und zu hören Wassermann fall Maurizius (1928) 285.
C. ornithologische bezeichnung für einen würgerartigen, wagemutig sein nest auch gegen raubvögel und kleinere säugetiere verteidigenden vogel (s. auch unter tyrannchen): wesen

[Bd. 22, Sp. 1974]


und eigenart der würger und fliegenfänger vereinigen in sich die tyrannen oder königswürger (tyrannidae) Brehm tierl. 4, 545 P.-L.; der königsvogel oder tyr ann (tyrannus carolinensis ...) zählt zu den mittelgroszen arten seiner gattung (der königswürger, tyrannidae) ebda 547; tyrann (königswürger, königstyrann, tyrannus carolinensis ...) sperlingsvogel aus der artenreichen, nur in Amerika vertretenen familie der königswürger (tyrannidae), ... nährt sich von kerbtieren und verfolgt mit dem gröszten mut raubvögel, krähen und katzen ... zum schutz des eigenen nestes Meyers konv. lex. 19 (1908) 852.
D. in der komposition. das als simplex dem dt. geläufige tyrann gewaltherrscher (B) bestimmt auch in der komposition fast ausschlieszlich das bild des sprachgebrauchs.
1) als erstes kompositionsglied.
a) vor adjektiven. vereinzelt als gelegenheitsbildung bei Fischart: tyrannodisciplinisch Garg. 192 ndr.; auch aus neuerem sprachgebrauch wenig bezeugt, wobei wie bei b genitivkomposition (tyrannen-) vorliegt.tyrannenartig, adj. , 'wie ein tyrann geartet': der mann, wenn er, in sich selbst so schlecht verwaltet, dasz du ihn schon als einen solchen tyrannenartigen für den unseligsten erklärtest Schleiermacher Platon 3, 1 (1828) 460. — -mörderisch, adj. , zu tyrannenmörder (s. u.b) gebildet: zunächst noch fesselten ihn (Schiller) ... Höltys bald wehmutsvolle, bald harmlos heitere freundschafts- ... lyrik, die tyrannenmörderische freiheitsdichtung des gräflichen brüderpares Stolberg Berger Schiller 1 (1905) 91.
b) vor substantiven. seit dem 16. jh. erscheint tyrann als determinativum vor abstrakten und konkreten, die dem begriffsbereich tyrann im verhältnis der zugehörigkeit (var. dieses typus sind: tyrannen-blut, -herrschaft, -knecht), wesensgleichheit (typus tyrannen-fürst, -teufel, -verhängnis, -volk) oder objektbezogenheit (typus tyrannen-feind, -hasz, -mord, -mörder) zugeordnet werden. diese zusammensetzungen folgen unten an alphabetischer stelle, s. sp. 1981ff.
2) als zweites kompositionsglied. seit dem 16. jh. findet sich tyrann gelegentlich auch als grundwort mit vorausgehendem, die art bzw. den wirkungsbereich des tyrannen verdeutlichendem bestimmungsglied: beicht- tyrannen Luther bücher u. schr. 1 (Jena 1567) 550a; blut-tyrannen K. Beck d. fahrende poet (1838) 208; dorf-tyrannen G. Keller ges. w. (1889) 1, 72; haus-tyrann Mozin wb. 3 (1856) 857; ober-tyrannen Johanna Kinkel bei Sanders 2, 2 (1865) 1405b; schul-tyrann Körner w. 3, 267 Streckfusz; seel-tyrannen Luther 12, 158 W.; sprachtyranne Chr. Weise überfl. ged. 171 ndr.; universaltyrann Göthe I 29, 90 W.; unter-tyrannen F. Gentz bei Sanders 2, 2 (1865) 1405b; volks-tyrann ebda; welttyrannen Dannhawer catech. (1657) 5, 1269; Grabbe w. 3, 607 Bl.; vereinzelt mit verstärkendem präfix: erz-tyrann bad. wb. 1, 712.
 
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tyrannchen, n. , ndl. tirannetje, diminutivbildung zu tyrann; im dt. vereinzelt als vogelname bezeugt (vgl. DWB tyrann C u. tyrannelein).
a) 'zaunkönig': in einigen gegenden wird der zaunkönig ... das tyrannchen genannt Adelung 4 (1780) 1109; tyrannchen art zaunkönige (motacilla regulus) Schrader dt.-frz. wb. 2, 1394.
b) sylvia rufa Lath. thyrannchen Naumann naturgesch. d. vögel (1822) 2, 581.
c) 'weidenzeisig' Weber allg. oekon. lex. (1838) 603.
 
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tyrannei, f. , alleinherrschaft, despotische herrschaft, handlung, wesensart; denominativbildung zu tyrann (s. dort), dieformal an afrz. tyrannie anschlieszendin allen germ. dialekten als wiedergabe von griech.-lat. tyrannis üblich geworden ist (ndl. tirannie, engl. tyranny, dän.-norw.-schwed. tyrannie); im dt. zuerst auf nd. sprachgebiet nachweisbar (sîner tirannien nicht he kan vorgeten Gerhard v. Minden [ca. 1370] 25, 19 Leitzmann), seit ende des 15. jhs. im hd. heimisch und früh in die diphthongierung einbezogen (thiranney bereits 1495 bei Reuchlin

[Bd. 22, Sp. 1975]


übers. d. 1. olynth. rede d. Demosthenes 14 Poland). die undiphthongierte form hält sich vor allem im alem. (tyrannye [1500] Straszburger zunftverordn. 288 Brucker; tyrany Eberlin v. Günzburg s. u. DWB B 2; tiranny P. Gengenbach 55 Goedeke; tyranni J. Nazarei vom alten u. neuen gott 37 ndr.; tyranny Zwingli dt. schr. 1, 336 Sch.; Wickram w. 1, 191 Bolte; schweiz. schausp. d. 16. jhs. s. u. B 4 b α; Tschudi chron. Helv. 1 [1734] 28a), gelegentlich wohl auch an bildungen wie demokratie, monarchie angelehnt (tyrannie Bodmer s. u. DWB B 4 b β; Breitinger crit. dichtkunst 1 [1740] 105; Wieland s. u. DWB A 1 u. B 1 c; Zimmermann nationalstolz [1758] 112; S. v. Laroche frl. v. Sternheim 1 [1771] 333f.; Schiller s. u. DWB A 2); sie ist in neuerem sprachgebrauch jedoch von tyrannei völlig verdrängt. ält. orthographische varianten: tyranney Luther s. u. DWB B 1 a; Chr. Weise s. ebda; Göthe s. u. DWB B 1 c; Holtei vierzig jahre (1843) 1, 94; tirraney H. Sachs 1, 180 lit. ver.; tiranney Burkard Waldis Esopus 1, 45 Kurz; Weckherlin s. u. DWB B 4 a; Schiller s. u. DWB B 1 a α; thiranney H. Sachs 9, 208 lit. ver.; tirannei Boregk behmische chron. (1587) 13; Schiller 7, 137 G.; tyraney Moscherosch s. u. DWB C 4. — die neutrale bedeutung 'alleinherrschaft (A)' findet sich vereinzelt in historischer darstellung; üblich wird tyrannei im dt.dem gebrauch des grundwortes tyrann (s. dort) gemäszlediglich im pejorativen sinne, despotische herrschaft (B), handlung (C) und wesensart (D) bezeichnend, s. auch dt. wortgesch. 2 (1943) 20 Maurer-Stroh.
A. alleinherrschaft, zu tyrann A gebildet.
1) 'uneingeschränkte monarchie (als regierungsform)': es war also wrklich ihr vorhaben, die tyrannie, oder was man zu unsern zeiten eine uneingeschrnkte monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen Wieland Agathon 2 (1767) 120.
2) 'absolutistisch regierter staat': von innerer zwietracht zerrissen, muszte der schwache staat (Sparta) die beute seiner kriegrischen nachbarn werden oder in mehrere kleinere tyrannien zerfallen Schiller s. w. 13 (1905) 68.
B. gewaltherrschaft, despotismus.
1) im eigentlichen sinne, zu tyrann B 1 gebildet.
a) 'herrschaft der willkür und unterdrückung, schreckensregiment, despotisches walten einer tyrannischen obrigkeit, vgl. DWB tyrannisieren 1 a und 2 a.
α) allgemein: und die Denen newlich haben yhren knig verjagt, zeigen beyde ursache an die untregliche tyranney, so die unterthanen haben mussen leyden Luther 19, 635 W.; Tarquinius ist ein tyran, daru trängt er die Rhömer inn vyl wäg meer dann jämerlich: ... es würt ouch syn tyranny zum theyl mit der schwechung Lucretiæ (im schauspiel) anzeygt, vnd zum theyl mit dem wlen vnd prassen schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 107 Bächtold; unter einem könige ..., dessen tyranney dem volcke unertrglich ... war Chr. Weise polit. redner (1677) 53; die erste festung wre von den tyrannen Nimrod erbauet worden, als welcher Babylon und andere stdte befestiget, damit er seine tyranney desto besser ausben, und die armen leute desto eher in seine sclaverei htte fhren knnen Fleming teutscher soldat (1726) 385; eine tiranney (Philipps II.) ohne beispiel greift leben und eigenthum (d. niederl. volkes) an Schiller 7, 10 G.; da liegt also das mit blut und thränen so vieler millionen gekittete, durch die tollste und verruchteste tyrannei (Napoleons) aufgerichtete ungeheure gebäude am boden Stein bei Meinecke Boyen 1 (1896) 342; trotz aller machtmittel und trotz aller noch so rücksichtslosen tyrannei (würde sich Hitler nicht halten können); es musz glaube von ihm ausgehen Klemperer l. t. i. (1949) 116; auf irgendeine weise muszte die tyrannei des zaren ... mit der politischen macht des groszgrundbesitzes verbunden sein A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 288. personifiziert: setze dich immer fester, mchtige tyrannei (great tyranny, lay thou thy basis sure Macbeth 4, 3 [bzw. 6]) Bürger s. w. 307 Bohtz; ebenso H. L. Wagner theaterst. (1779) 118.
β) auf die unterjochung eines besonderen bereiches bezogen: seine (Philipps) absicht war, die furchtbare gewalt,

[Bd. 22, Sp. 1976]


die er schon besasz, durch eine geistliche monarchie zu verstärken, ... man hätte sich (dann) gegen den monarchen vergangen, sobald man sich von der formel seines glaubens entfernte; eine solche tirannei des gewissens — die schlimmste aller regierungsformen — wollte Philipp in seinen staaten errichten Schiller 4, 89 G.; Uli wuszte ... nicht, dasz alle, die etwas appartiges wollen, glaubensfreiheit, gewissensfreiheit nur so lange fordern wollen, bis sie in dieser duldsamkeit zur macht erwachsen sind, dann despotisch und gewaltsam zwang und tyranney des gewissens und des glaubens einführen, ... siehe exempel an der französischen revolution Gotthelf Uli, der knecht (1846) 158; vgl. auch: es ist keine grssere tyranney, als ber die gewissen herrschen Hoffmann polit. Jesus Syrach (1740) 39.
b) 'zwingherrschaft, despotische fremdherrschaft', zu tyrann B 1 b: des hertzogen lande von der vnmenschlichen gewalt und tyranney der keyserlichen zubefreyen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 286;

hier steht die gottgesendete, die euch
den angestammten könig wieder gab,
das joch der fremden tyrannei zerbrochen!
Schiller 13, 304 G. (vgl. ebda 8, 55);

Napoleon, deine stricke und arge tirannei,
die hauen wir in tausend, in tausend stück entzwei!
Ditfurth volksl. d. pr. heeres (1869) 87.


c) auf den despotismus als regierungsform bezogen; hierher gehört vielleicht schon: demnach fürbildet diszes spil, wie man die erobert fryheit behalten mg wider alle tyranny vnd oligarchi (das ist wider ein slchen gwallt, do wenig lüdt herren vnd meyster sind) schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 107 Bächtold; beide (Platon u. Dion) waren gleich erklärte feinde der tyrannie und der demokratie Wieland s. w. 2 (1794) 284; man schilt mit gleichem recht auf anarchie und tyranney (16. 3. 1814) Göthe IV 24, 201 W.; da ein unbegreifliches glck die tyranney von Athen entfernt hielt Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 251; in jenem systeme (in welchem der sklave kein rechtliches selbst hat) wird die zwangsherrschaft ein besitz: dies nun ist die tyrannei Fichte s. w. (1845) 7, 564. als herrschaftsprinzip: die zwei prinzipen, welche die welt beherrschen, freiheit und tyrannei, ständen sich feindlich einander gegenüber, und an eine friedliche ausgleichung wäre nicht zu denken; denn nie würden absolute fürsten ihren völkern gutwillig liberale institutionen geben Börne ges. schr. 10 (1832) 104.
d) vereinzelt mit bezug auf die macht des despotischen staates gebraucht: er (Napoleon) war von vier französischen königs-dynastien und allen revolutionsherrschern der letzte kopf, dem die zusammengehäufte tyrannei als eine tontine allein zugefallen Börne ges. schr. 6 (1829) 95.
2) in erweiterung des anwendungsbereiches für jedes despotische 'regime' im gesellschaftlichen und privaten leben, vgl. die entsprechenden bedeutungsgruppen von tyrann B 2, sowie tyrannisieren 1 c und 2 c.
a) seit der reformation insbesondere auf das intolerante despotische regiment geistlicher gewalten bezogen: denn das bapstum gewislich das recht endchristisschs regiment odder die rechte widderchristissche tyranney ist, die ym tempel gottes sitzt und regiert mit menschen gebot Luther 26, 507 W.; der bttelrden vnd ires rmischen abgots tyrany Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 83 ndr.; man urtheile aus den krallen, welche die geistliche tyranney in einem ihrer grimmigsten, zum glück noch gefesselten tyger bereits zu entblössen wagt! Lessing 13, 165 L.-M.; auch der atheismus des achtzehnten jahrhunderts war grösztentheils nur ein durch die kirchliche tyrannei hervorgerufener kampf gegen die in der glaubenslehre versteinerten anthropopathischen vorstellungen Schleiermacher s. w. I 3 (21830) 190; tyrannei des römischen bischofes Ranke w. 14 (1870) 168.
b) für das despotische walten weltlicher machthaber, welche die auf grund ihrer sozialen stellung, ihres besitzes oder amtes ihnen zufallende macht miszbräuchlich ausüben:

[Bd. 22, Sp. 1977]


weil sie (die als hexe angeklagte) frcht die grewligkeit vnd tyranney desz richters, welcher also zuwten gewohnete gegen vnschldigen menschen Nigrinus v. zäuberern (1592) 407;

... desz leichten pöfel-volcks verwirrte policey
... übt freche tyranney
Logau sinnged. 269 lit. ver.;

der zweykampf war ein letztes verzweifeltes mittel des unschuldig unterdrckten gegen ... die unredlichkeit der richter oder die tyranney der mchtigen Schubert verm. schr. (1823) 2, 312; feudalische tyrannei Forster s. schr. (1843) 5, 244; eine die tyrannei der römischen vögte weit überbietende zwingherrschaft Mommsen röm. gesch. 2 (61874) 294; die erregung über die tyrannei der offiziale, die schon öfters zur ermordung dieser beamten geführt hat, wird sofort nachlassen Boehmer d. junge Luther (1939) 187. auch für die durch revolutionäre massen errichtete gewaltherrschaft: es gibt eine tyrannei ganzer massen, die höchst gewaltsam und unwiderstehlich ist Göthe II 3, 133 W.; die zügellosigkeit, womit losgerissener pöbel die verfassungen umstürzt und tyranney ausübt Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 81.
c) für das strenge, unduldsame regiment im häuslichen kreise: endlich hat eine gewisse erbschaft den herr von Lylienfeld in den stand gesetzt, sich der tyranney seines oncles zu entziehen Knigge roman m. lebens (1781) 2, 145; er (der schneider) seufzte nämlich trotz seiner dreiszig jahre noch unter der tyrannei einer baumlangen stiefmutter Ludwig ges. schr. (1891) 2, 11; ich (Eva Dornbluth, zeitweise gesellschafterin der baronin v. Poppen) ... benutzte ihn (baron v. Poppen), die apathische tyrannei seiner mutter so bald als möglich abzuwerfen W. Raabe s. w. I 5, 113 Klemm; sie (Klara, die junge herrin von Grabenhagen) sah, dasz unter ihrer (der wirtschafterin) tyrannei das ganze hauswesen litt Polenz Grabenhäger 1 (1898) 94; die sache war die, dasz ihm die liebevolle tyrannei (des vaters) schon längst lästig geworden war Wassermann fall Maurizius (1928) 78; nach der hochzeit ist es bald anders geworden, und herr Kräutlein schmachtet in furchtbarer tyrannei (in einem geknechteten zustand) H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 116. in freierer anwendung: was weibliche sorgfalt mit liebender tyrannei gebietet Holtei erz. schr. 4 (1861) 104.
d) für das herrschsüchtige benehmen eines kindes (vgl. DWB tyrann B 2 e) oder das rücksichtslose gebaren der schuljugend:

da muszten seine (d. hl. Hippolytus) tyranney
die kleineren geschwister fühlen
J. G. Jacobi s. w. (1807) 1, 62;

unter meinen männlichen lesern wird wohl niemand sein, der nicht weisz, was für eine tyrannei in einer schule von schulknaben ausgeübt werden kann und (vom lehrer) ertragen wird; ... nicht immer hat der lehrer die bessere hand im kampf gegen den rücksichtslosen feind W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 54.
e) gelegentlich auch allgemein für unduldsamkeit den mitmenschen gegenüber: unter den pfahlbrgern und pfahlbrgerinnen von jeder sehr kleinen stadt herrschet ... uneinigkeit, rangstreit, hochmuth, ... intrigue, rache, machtgeitz, plauderey und tyranney Zimmermann einsamkeit 2 (1784) 248;

jedermann trauen ist eine thorheit,
niemand trauen ist eine tyranney
Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 179;

(Walsing:) ... nur betrage dich so, dasz du fordern darfst, der humor zunehmender jahre mge nicht in tyranney ausarten Iffland theatral. w. 3 (1827) 280.
3) grausam wütendes treiben schlechthin, überleitend zu tyrannei despotische handlung, gewalttat (C): (die Türken) verhergeten drumb, was sie ankamen, mit grewlicher tyrannei Seb. Franck Germ. chron. (1538) 82; die kriegsleute trieben grosse schande und tyrannei daselbst H. Kellner chronica (1574) 113b; grimmige,

[Bd. 22, Sp. 1978]


verwstende tyranney Guarinonius grewel der verwüstung (1610) (b) 1a;

und heltest nun davor, dasz stelen, rauben, fressen,
dasz neid, betrug und mord, dasz wste tyranney
nicht sauer sehenswehrt und lauter kurtzweil sey
Rachel satyr. ged. 56 ndr.;

in neuerem sprachgebrauch nur vereinzelt nachweisbar: viel könnte ich sagen von den schrecklichen einfällen und der grausamen tyrannei der Hunnen (bei Holzminden) W. Raabe s. w. I 3, 16 Klemm.
4) metaphorisch in verschiedener, an B 1 bzw. 2 anschlieszender anwendung, vgl. DWB tyrann B 4 u. tyrannisieren 1 d und 2 d.
a) bildlich, insbesondere vom walten des teufels: ihr (menschen) seyd biszhero des teuffels gefangne gewest, der hat euch plagt mit wasser, fer, pestilentz. und wer wil doch das unglck alles erzelen? da ligt jr armen menschen unter seiner tyranney Luther 52, 45 W. (vgl. ebda 515); aus des teuffels gebiet vnd tyranney errettet sind Dedekind christl. ritter (1590) b 3b; tyranney der hllischen geister Prätorius anthropodemus pluton. (1666) 3, 143; dasz ... die tyranney des antichristen geschehen wrde, wenn die zerstreuung des ... jüdischen volks ein ende hätte Jung-Stilling s. schr. 3 (1835) 485; des todes:

o gott, der todt mit not
durch tyranney sich bet
Wolfhart Spangenberg u.
Isaac Fröreisen gr. dramen 1, 123 lit. ver.;

und des unwiderstehlichen liebesgottes:

... Amors tyranney vnd brand
Weckherlin 1, 176 (la.) lit. ver.;

uns soll Amors tiranney
... mit verdrusz und angst beleben ebda 1, 254;

kann ich denn Amorn nichts, sonst nichts entgegenhalten,
so klag' ich, und mein reim flucht seiner tyranney
Bode Montaigne (1793) 2, 79;

gelegentlich aber auch sonst in poetischem stil:

strmt, reiszt und raszt ihr unglcks-winde,
zeigt eure gantze tyranney!
Günther ged. (41746) 297;

nicht wehnend, wie so leicht der wellen tyranney,
durch einer bülge stosz, dem schiffmann tödtlich sey
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1 (1725) 58;

... der verse tyranney
ist allzu schwr
Drollinger ged. (1743) 296;

... möglich, dasz der vater nun
die tyranney des einen rings nicht länger
in seinem hause dulden wollen!
Lessing 3, 94 L.-M.


b) übertragen.
α) vom zwang überindividueller, geistiger wesenheiten, dem der mensch unterliegt: geystlich recht ..., das doch on yhm selb ein lautter tyranney, geytzerey und zeytlicher pracht ist, mehr dann ein recht Luther 6, 418 W.;

yedoch wo jr (römische bürger) noch wrend fry
vnd nit verhafft mit tyranny
des nüwen eyds (kein geld zu nehmen), der üch vergrabt,
so wurdend jr gar rychlich bgabt schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 145 Bächtold;

das ... gerade nur der mohr die stumpfnase für schön hält, und sonst niemand, ... zeigt ja klar, dasz das nur die tyranney eines hochhinabgeerbten nationalvorurtheils war, die das natürliche gefühl des schönen in solchen fällen zu tilgen oder zu krümmen vermochte Lavater physiognom. fragm. (1775) 1, 60;

mit murren trägt's (Böhmen) des glaubens tyranney,
...
und kann's der sohn vergessen dasz der vater
mit hunden in die messe ward gehetzt?
Schiller 12, 221 G.;

(Antonio:) die wahre freundschaft zeigt sich im versagen ...
(Tasso:) schon lange kenn' ich diese tyrannei
der freundschaft, die von allen tyranneien
die unerträglichste mir scheint ...
Göthe I 10, 213 W.;

[Bd. 22, Sp. 1979]


die tyrannei der willkühr war mir nie so verhasst, wie die der gesetze Börne ges. schr. (1829) 13, 13; wir sind im begriffe, von allen tyranneien uns zu emancipiren, ja von allem, was auf alleingültigkeit anspruch macht; nur immer tiefer verfallen wir in die tyrannei der mode, und keine ist so furchtbar in ihren folgen als die der prüderie W. Alexis hosen 1 (1846) xix; tyrannei der öffentlichen meinung Storm s. w. 4 (1899) 22; die tyrannei der werte Nic. Hartmann ethik (21935) 523; insbesondere auch vom despotischen walten des glücks und des schicksals:

mit dem schilde in der linken er des glckes tyranney
unverletzt ersteht und trgt was die menschen tragen mssen
Sigm. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 266;

des schicksals tyranney
Pfeffel poet. vers. 1 (1816) 124;

wodurch verdienten sie (anrede) das? tyrannei des geschicks Grabbe s. w. 4, 488 Blumenthal.
β) vom joch menschlicher triebe, affekte und schwächen: es ist nitt gnug, das uns Christus erlosset von der tyranney und hirschafft der sund Luther 10, 1, 2, 31 W.; so ist der eiffer ein grausame betrbung vnd gar ein vngtig vngehaltene tyranney vnd wten Barth weiberspiegel (1565) x 8b;

wer aber macht uns also frey
von der begierden tyranney?
Sim. Dach 928 Österley;

(ein glück,) bey dem er (der wunsch) nicht mehr ... der tyranney seiner affecten ... unterworfen seyn ... wird Kaestner verm. schr. 1 (1755) 14; jener, die als grosze männer nicht frei ausgingen von der tyrannei sünde Bettine Günderode (1840) 2, 96; häufig auch vom walten der phantasie, des verstandes, der vernunft u. ä. seelenbeherrschender kräfte: je mehr ihn (Magny) sein naturell, das zu abgezogenen wahrheiten gewhnt war, vor der tyrannie und dem betrug der phantasie bewahret hat Bodmer abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 45;

mit dir (aberglaube) kam auf die erde des wahnes tyranney,
der wilde ketzereifer, der hasz, die barbarei
Dusch verm. w. (1754) 18;

da nun doch phantasie und empfindung noch nicht so geschwächt waren, diese tyrannei (des verstandes bei dichterischer gestaltung) schweigend zu erdulden ... fühlte ich ... je mehr der verstand sich befriedigte, eine unbefriedigung des ganzen menschen O. Ludwig ges. schr. (1891) 6, 222; und o wie lieb ist mir noch der schmerz, der die tyrannei des raisonnements so schnell zerstrte! J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 230.
C. gewalttat, despotische handlung, vgl. DWB tyrannisieren 1 e.
1) grausamer willkürakt eines tyrannen (s. d. B 1): dafür behüte mich gott (einen wehrlosen haufen von frauen, kindern u. schwachen anzufallen)! ich (Alphonsus v. Arragonien) wollt nicht das ganze königreich Neapolis nehmen und solche tyranney und wütherey üben Joh. Mathesius bei Luther tischr. 5, 32 W.; der kais. Nero noch viel grssere tiranneyen verbt Harsdörffer teutsch secret. (1656) 1 I i 4a; diese tyranney (aburteilung und einziehung des vermögens der böhmischen rebellen durch kaiser Ferdinand) war zu ertragen, weil sie nur einzelne privatpersonen traf Schiller 8, 93 G.; nicht sowohl durch seine siege erscheint Karl grosz, als vielmehr durch seine beförderung der wissenschaften und schulen ..., am gröszten aber dadurch, dasz seine macht und geistige überlegenheit ihn nur selten zu willkür und tyrannei verführten Raumer Hohenstaufen 1 (1823) 12; und durch die wissenschaftliche, vielmehr pseudowissenschaftliche rassenlehre begründet und rechtfertigt man ... jede eroberung, jede tyrannei, jede grausamkeit und jeden massenmord Klemperer l. t. i. (1949) 142.
2) vom miszbrauch geistlicher gewalt; so besonders im sprachgebrauch der reformationszeit: es ist ein lauter tyranney, das man ubir felt szo weyt fur (das über den bann entscheidende) gericht ladet Luther 6, 75 W.; die seelen mit bann und tyranneyen morden ebda 10, 2, 114 (vgl. 6, 457: on romisch tyranneyen);

[Bd. 22, Sp. 1980]


ein grauer münch, hat hölzen schuh,
derselbig gleiszner hat mandat
zu greiffen mich (Hutten) in jeder stadt,
...
seind nit, die diese tyrannei
beweg, dasz sie mir wohnen bei
Ulr. v. Hutten op. 5, 87 Münch;

vereinzelt auch aus neuerer zeit bezeugt: wir hätten nimmermehr geglaubt, dasz ein protestantischer theologe einer solchen päbstischen tyranney (einen schauspieler von der communion auszuschlieszen) fähig sein könnte Lessing 4, 269 L.-M.
3) allgemein von jedem akt ungerechtfertigter härte: gleich wie aber die eltern an jhren kindern sie zur ehe zuzwingen, keinen gewalt vnd tyranney vben sollen: also sollen auch ... L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 13 ndr.;

... gesetzt, dasz ihr (der mutter) geblte
so sehr unvershnlich bleibt,
und ihr zorniges gemhte
solche tyranney (verstoszung ihres kindes) betreibt
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 89.

im sinne von 'quälerei, schikane':

ei lieber (schulmeister) lasz einmal von deinen tyranneien
Grob dichter. versuchgabe (1678) 50;

und das miszhandelte vieh entflieht den tyranneien der menschen Schiller 1, 176 G.; nein, es ist eine quälerei, eine tyrannei meines mannes Pocci lust. komödienbüchl. (1859) 172; ich ... erfuhr, dasz Römer ... das opfer unerhörter tyranneien und miszhandlungen war Keller ges. w. 2 (1899) 53; so auch bildlich gebraucht: so soltu wissen, dasz so bald der verstossene engel in fall kam, ist er gott vnnd allen menschen feind worden, vnd sich, wie noch, vnterstanden, allerley tyranney am menschen zu vben volksb. v. doktor Faust 32 ndr.; die natur hat oft diesen tyranneyen (der gartenkunst) so sehr weichen müssen, dasz kaum noch eine spur von ihr übrig geblieben Hirschfeld anm. üb. d. landhäuser u. d. gartenkunst (1773) 137.
4) im sinne von 'untat' schlechthin: was knte aber frn grsser mutwil, schrecklichere snde vnd greulicher tyranney auff der welt schier geschehen, als ... Pape bettel- vnd garte-teuffel (1586) n 5b;

hat nit vor jahren Pallas grim
...
auch dem Ajaci eingetrenckt
sein tyranney und missethat,
die er schantlich begangen hat
an der jungkfraw Cassandra zart
Spreng Aeneis (1610) 3a;

diese lose tropffen, ihre tyraney zu verben, dachten an nichts anders, als wie sie einem mnschen die zhne ... herausz reissen ... mchten Moscherosch gesichte (1650) 1, 178; er (gott) ist eben so gros in deinen (Franz Moors) tyranneyen, als irgend in einem lächeln der siegenden tugend Schiller 2, 182 G.; gelegentlich auch im sinne von 'freveltat': solche vnerhrte tyranney wider gott ... hat der allmechtig nachmals ... gestraft Joh. Nas eins vnd hundert 1 (1567), 63a.
D. als bezeichnung der wesensart.
1) im sinne von 'gewalttätigkeit, grausamkeit, brutalität': crudelitas ... tyrannei Alberus dict. (1540) D d 3a;

die, deren gaist und hertz von frechem übermuth
und hochfart auffgeblasen
(als meine tod-feind) mich mit tyranney und wuht
zu tödten, rasen
Weckherlin ged. 1, 346 lit. ver.;

seid mir doch samt (bei all) eurer (der seeräuber) tyrannei so gnädig und nehmt mich auch mit ihr (dem geraubten eheweib) Abr. a s. Clara w. 2, 167 Strigl.
2) im sinne von 'rücksichtslose, eigenwillige strenge':

geiz, eifersucht und tyrannei (des ehemanns),
diesz waren fehler hrter zu verdauen;
und die bewiesen ihr (der neuvermählten), wie selten für die frauen
zufriedenheit die frucht der ehe sei
Eschenburg beispielslg. (1788) 1, 229;

[Bd. 22, Sp. 1981]


doch zeichneten diesen regenten (Friedrich Wilhelm I.) trotz aller seiner brutalität und tyrannei zwei grosze eigenschaften aus: energie und beharrlichkeit Pückler briefw. u. tageb. 2, 1 (1873) 332.
 
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tyrannelein, n., diminutivbildung zu tyrann (B 2); vereinzelt in poetischer sprache:

auch viele tyrannen winzigklein,
schul-, haus- und andre tyrannelein
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 268.


 
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tyrannenart, f., 'art eines tyrannen (s. d. B 1), despotische art'; bei Ringwaldt noch nicht in fester komposition:

so wol nicht nach tyrannen art
in schosz vnd diensten vberfahrt,
noch einen mann in grosser hast
dem recht zu wider richten last die lauter warheit (1588) 226;

ein groszer teil dieser frsten (d. kleinen dt. staaten) agirte rein willkhrlich und nach tyrannenart Ad. Müller verm. schr. (1812) 1, 43; den unschuldig entgegnenden zu zerschmettern, das ist so tyrannen-art sich in verlegenheiten luft zu machen Göthe I 14, 227 W.; vereinzelt spielt die bedeutung A ('usurpator') hinein: der zehnte august war die that des neuen gemeinderathes von Paris, dessen personal sich in tyrannenart selbst eingesetzt hat Dahlmann franz. revol. (1845) 459; bildlich (zu tyrann B 4 b): jenes ... gefolge, das ... nach tyrannenart sich so hämisch ... rächt: die sorge ..., die unruhe ... sie stiegen an meinem horizonte auf L. v. François letzte Reckenburgerin (1871) 2, 149. —
 
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tyrannenbändiger, m., metaphorisch für den siegreichen verfechter der freiheit:

Thuiskons volk, tyrannenbndiger,
du arm der freyheit!
Cramer s. ged. (1781) 3, 284;

in unbedingtem gehorsam gegen die aussprüche der vernunft ihre wahre freiheit zu finden, erreichten seine (Benj. Franklins) mitbürger den höchsten gipfel des ruhms ... sie schufen sich im jahre 1788 eine neue verfassung, die keinen tropfen blut gekostet hat ... vernunft ist die tyrannenbändigerin, der einst die runde erde das ewige triumphlied zujauchzen wird J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 207; ironisch mit bezug auf die sich revolutionär gebärdenden dichter des sturm und drang: glauben sie (meine freunde) nicht, dasz ich damit (mit dem wunsch nach anteilnahme der poesie am öffentlichen leben) die armselige zunft jener tyrannenbändiger und regentenwürger zurückwünsche, die vor einigen jahren ihre wuth ausliesz Herder 17, 65 S.; vereinzelt auch auf (den selbst fürsten bezwingenden) Amor bezogen: Amor ... (der) fürstenbezwinger ... und tyrannenbändiger allg. dt. bibl. 111 (1792) 443. —
 
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tyrannenberg, m., vereinzelt als ortsname bei Alberus:

der lw ein schlosz hatt, das war sterck,
vnd wardt genant tyrannenbergk fabeln 36, 2 ndr.


 
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tyrannenblut, n., nur vereinzelt im eigentlichen sinne (zu tyrann B 1): (Aszerato:) meine brüder können kein blut sehen. verschont sie (mit der ausführung des tyrannenmords). (Zenturione:) ... was? was? kein tyrannenblut sehen? Schiller 3, 115 G.; im sprachgebrauch lebendig wird tyrannenblut als schlagwort der dichter des hainbunds u. des sturm und drangs (s. Göthe-hdb. 3 [1918] 446 Zeitler; Göthe I 40, 272 W.; D. Schulz d. bild d. herrschers i. d. dt. tragödie, diss. München 1931, 85): man hatte nur einige male zusammen getafelt (die grafen Stolberg und Haugwitz mit familie Göthe), als schon nach ein und der andern genossenen flasche wein der poetische tyrannenhasz zum vorschein kam und man nach dem blute solcher wüthriche lechzend sich erwies ... indem sie (Göthes mutter) nun in geschliffener flasche den hochfarbigen wein hinsetzte, rief sie aus: hier ist das wahre tyrannenblut! daran ergötzt euch, aber alle mordgedanken laszt mir aus dem hause Göthe I 29, 90 W.;

[Bd. 22, Sp. 1982]


der rebenberg am leichenthal
tränkt (nach der befreiungsschlacht) seinen most mit blut!
dann trinken wir beim freudenmahl,
triumf! tirannenblut!
J. H. Vosz s. ged. 4 (1802) 38 (trinklied f. freie);

sowie der durch die franz. revolution hervorgerufenen geistigen bewegung: dann gerieth sie (libertas) immer mehr in sichtbare begeisterung und sprach von tyrannenblut, von glaubens-, rede-, press- und allen erdenklichen freiheiten Eichendorff s. w. (1864) 3, 460; hier im stift (zu Tübingen) ... wird die ganze grösze der französischen revolution schon lang' begriffen; 'die erde rauche von tyrannenblut', das ist aller losung J. Kerner s. poet. w. 4, 75 Gaismaier; wir gehen, wo ... Deutschlands söhne in tyrannenblut die schmach der knechtschaft rächen Gotthelf ges. schr. (1856) 9, 118; August Brasz, ... chefredakteur der ... 'norddeutschen allgemeinen zeitung', ... (der) früher roter demokrat gewesen war und das hübsche lied gedichtet hatte:

wir färben rot, wir färben gut,
wir färben mit tyrannenblut
Bebel aus meinem leben (1946) 1, 63.


 
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tyrannendruck, m., 'drückende herrschaft eines despoten, despotisch ausgeübter zwang': in staaten, wo tugend, chte religion und gute sitten herrschend gewesen sind, hat man nie über tyrannendruck geklagt Knigge amtsrath Gutmann (1812) 66; in dem ... gegen herrscherwillkür und tyrannendruck emprten Babylon J. A. Fessler Alonso (1808) 2, 78; es kann in groszen gefahren geschehen, dasz auf kurze zeit das prinzip des zusammenhaltens herrscht, dasz aus tausend individuen ein starker körper wird, so ... unter tyrannendruck Rosegger laszt uns von liebe reden (1909) 283. —