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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendgabe bis tugendgeziert (Bd. 22, Sp. 1642 bis 1644)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendgabe, f., oft im 17. u. 18. jh., 'innerer wert', 'auszeichnung', wie das einfache tugend: menschen, welche gott mit sonderbaren tugendgaben ... beehret S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 2b;

hastu kunst und tugendgaben,
die dein hertz bereichert haben
Ph. Zesen helikon. rosentahl (1669) 78;

Tyridates ... mit allen seinen unvergleichlichen tugendgaben A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 1155; das fundament dieser edlen tugendgabe (der gottesfurcht) ist die hohe majestät gottes und seine herrschafft, daran du, lieber mensch, ohne furcht und ehrerbietung niemahl dencken solt J. D. Frisch neukling. harpfe Davids (1719) 1043;

die edle Schönberg ist zwar von geburt erhaben;
allein weit höher noch an seltnen tugendgaben
D. W. Triller poet. betrachtg. (1750) 6, 80.

lexikalisch verzeichnet als umschreibung für meriten, verdienst; in diesem sinne im sonstigen sprachgebrauch nicht belegt; vgl.: meriten tugendgaben Caspar Stieler zeitungs lust u. nutz (1697) 466; meriten verdienst, tugendgabe Chr. Weisens cur. ged. (1703) 775. —
 
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tugendgeflissen, part. adj., 'eifrig in der tugendübung', s. auch tugendbeflissen: da wolt ich, das jr thugendliebende Eurydice fleisig das jenig lesen ..., was der weisheitlehrer Timoxenes an die auch thugendgeflissene

[Bd. 22, Sp. 1643]


Aristillam geschriben hat Fischart w. 3, 177 Hauffen; hingegen aber bemühete sich ihre mutter, welche from und tugent-geflissen war, ... die Roxolane solcher maszen auf zu führen Ph. v. Zesen Ibrahim (1645) 1, 591; an den tugend- und kunstgeflisnen leser C. Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) vorr. 1.
 
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tugendgefühl, n., ausdruck vor allem der empfindsamen zeit zur bezeichnung der ausrichtung der seele und des herzens auf tugend und tugendwerte: alles tugendgefühl im menschen welch ein stral der ... gottheit! Herder 6, 251 S.;

wenn des tugendgefühls hohe begeisterung
dann die leier mir reicht
K. G. v. Brinkmann ged. (1789) 1, 41;

kann durch einen lebendigen glauben an gott, vorsehung und unsterblichkeit unser tugendgefühl erweckt und gestärkt ... werden? Fichte s. w. (1845) 5, 320. —
 
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tugendgehalt, m., 'gehalt eines menschen an tugendhaftigkeit': der feinste probierstein des tugendgehalts meiner mitbürgerinnen Thümmel reisen (1791) 3, 158; (der) tugendgehalt Lianens Jean Paul w. 15/18, 93 Hempel.
 
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tugendgeist, m., das der tugend hingegebene wesen des menschen; bezeichnender ausdruck für die verbindung von verstandes- und tugendleben:

niemand gleichet seiner zier,
niemand seinem tugendgeist
Harsdörffer Diana (1661) 2, 126;

denn das ist der rechte wagen, auf dem unser tugendgeist,
wenn der körper wird verscharret, sich der sterblichkeit entreiszt
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 2, 156.

auch vom wesen einer gemeinschaft: ihr (der beiden prediger) tiefer, liebevoller friede, ihr heitres betragen etc. ... hat einen tugendgeist in diese noch vor zwanzig jahren so rohe und berüchtigte stadt verbreitet, den man beinahe in jedem hause sichtbar herschen sicht J. T. Hermes manch hermäon (1788) 1, 364. —
 
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tugendgesang, m.:

deines herzensgesprächs werd' ich ...
dann begehren ...
deines tugendgesangs
Hölty ged. (1869) 93 Halm;

die hüte auf dem kopf sprachen sie (die hainbündler bei der Klopstockfeier 1773) von freiheit, Deutschland und tugendgesang K. Weinhold Boie (1868) 52. —
 
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tugendgesetz, n., von gott oder dem sittlichen bewusztsein gesetzte vorschrift tugendhaften seins und handelns: es möchte doch ein iedweder ... bedacht seyn, dasz die himmlischen tugendgesetze erfüllet ... werden Chr. Weise polit. redner (1677) 45; das neue testament enthält forderungen, tugendgesetze, die für alle menschheit höchstes interesse haben Joh. Mich. Sailer pastoraltheologie 1 (1812) 112; seit Kant nun meint man ... das sittengesetz sei ein gattungsbegriff, unter welchem die arten stehen: rechtsgesetz und tugendgesetz Herbart w. 8, 263 v. Hartenstein; das dem menschen innewohnende zur tugend verpflichtende sittliche bewusztsein (Kants moralisches gesetz in uns): der erste unterricht in der gottesfurcht ist nur ein allmäliges klarmachen und anwenden des inneren tugendgesetzes Wilh. Harnisch leben d. Felix Kaskorbi (1817) 1, 290. —
 
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tugendgesicht, n., vom gesicht oder von der ganzen person gesagt: si ist ... ein tugendgesicht! und weit mehr griechisch als die obristinn J. T. Hermes für eltern u. ehelustige (1789) 2, 247; aber das tugendgesicht, das sie hier zu lande annimmt, das hasz' ich Fontane vor dem sturm 8513. —
 
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tugendgesinnung, f., auf tugend gerichtete innere gesinnung des menschen: einer dein ganzes thun und lassen regierenden tugendgesinnung fähig Bürger s. w. 400a Bohtz; der erste von den zwei sätzen, dasz das bestreben nach glückseligkeit einen grund tugendhafter gesinnung hervorbringe, ist schlechterdings falsch; der zweite aber, dasz tugendgesinnung nothwendig glückseligkeit hervorbringe, ist nicht schlechterdings, sondern nur so fern sie als die form der causalität in der sinnenwelt betrachtet wird Kant 5, 114 akad.; in der reinherzigen tugendgesinnung sei

[Bd. 22, Sp. 1644]


auch die eine, ganze glückseligkeit, oder vielmehr seligkeit, gegeben K. Chr. F. Krause vorlesg. über d. grundwahrh. d. wissensch. (1829) 269. —
 
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tugendgewand, n., bildlicher ausdruck für das nach mittelalterlicher ansicht die seele kleidende tugendgehaben, s. väterbuch v. 40796 Reissenberger und vgl. DWB tugend als 'habitus, kleid der seele' unter tugend III B 1 u. 2; anders, 'äuszerer tugendhafter schein': übertünchte gräber waren sie (d. Pharisäer) in allem schmuck ihres gleisznerischen tugendgewandes Bernh. Weisz leben Jesu (41902) 2, 470. —
 
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tugendgeziert, part. adj., ausdruck der barocksprache: eine tugendgezierte jungfrau Butschky hochdtsche kanzelley (1659) 582; die kunst- und tugendgezierte Macarie, das ist: historischer kunst- und tugend-wandel ... titel eines romans von Heinr. Arnold Stockfleth (Nürnberg 1669); ich will nicht gedencken, dasz die schrifft tugend-gezierte weibsbilder denen kostbaren perlen vergleichet J. D. Ernst liebesgesch. (1693) 7; vereinzelt später: meine tugendgezierte frau L. Holberg dän. schaubühne (1743) 1, 149.