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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
stöhnen bis stöhr (Bd. 19, Sp. 181 bis 191)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) stöhnen, verb. , gemere, ingemiscere, suspirare (von einer mehr unbewuszten psychischen äuszerung; vgl. den beleg bei Herder 5, 15 unten unter 2). form und verwandtschaft:
a) wie das vorhergehende 1stöhnen verb. aus dem niederd. in die schriftsprache gedrungen, um mit nur geringem zeitlichen vorsprung, seinen verwandten an geltung und verbreitung dann weit zu übertreffen; im ausgangsgebiet liegen zwei verschiedene bildungen nebeneinander, welche später zusammengefallen sind; mndl. stenen mit starker flexion, so praet. 3. sg.:

hi lach jammerlic ende stan
ende sloech met beden sinen lanken Reinaert (I) 874 (auch 990);

hi carmde seer ende stan,
ende croonde, hoe qualic hi daer was an:
mer hi endorst niet lude claghen (II) 6103;

ags. führt Boswörth-Toller 921a entsprechend an praet. sg. stan pl. stanon, p. prt. stunen (späte, wohl wests. formen zu einem inf. *stinan) — daneben schwaches mndl. steunen (aus germ. *stunjan); auch götting.-grubenhag. stnen klagen, jämmerlich thun Schambach 216b; vgl. dazu ags. stunian (clangere, cum strepitu allidi), anord. stynja (schwed. støna, dän. stønne) gemere.auf einer vermischung beider beruht wohl das schwach flectierende mndd. stenen:

he (Isegrim) lach unde stende under deme boem Reinke de vos 5975.


b) dementsprechend im md. zufrühest stenen (ein zweifelhaftes sthinnen singultare Diefenbach gloss. 536c):

daʒ ros sundir velin
irwischte en (den futterdieb) bî den armen
und dructe en mit harmen
zcwischen sînen zcenin,
daʒ he begunde stenin mitteldeutsches schachbuch (zfda. 17, 326, 1).

in der form stönen schon bei Mathesius (Sarepta 52b und werke 2, 229) und Melchior Liebig in den drei pfingstpredigten (1588) D 4a, entsprechend clev. drensen, kneesten, stoenen gutturisare, theuton. von 1475 bei Diefenbach gloss. 272a. — stehnen hat noch P. Gerhardt, Gottsched, Neukirch (neben stähnen), Triller. stähnen findet sich noch bei Schwieger geharn. Venus und wird belegt von Stieler: stänen, gestänet neben stönen, gestönet adgemere ad laborem, suspirare, suspiria ducere, singultire, crebris singultibus pectus quassare 2121, der auch in den weiteren belegen die heutige form stöhnen noch durchaus als ungewöhnlich zurückstellt.
c) zur germanischen verwandtschaft unseres wortes gehört noch an. stynr gemitus, ags. gestun 'wirbelwind', (die zweifelhafte ahd. ? glosse stunod hostorium, lignum quo sextarium aequatur Graff 6, 692, wo Jac. Grimm gramm. 2, 30 u. 253 die lat. erläuterung als verderbt aus 'suspirium' faszt; doch auch ohne solche annahme und in der bedeutung 'streichholz' bleibt verwandtschaft bestehen, nur dasz der weg dann über 1stöhnen verb. führt). — eine erweiterte verbale form zeigt anord. stanka (gemere), zu einer im ablaut stehenden wurzel stan- gebildet, wie auch mndd. stenen, nicht als bloszes vermischungsproduct aufgefaszt, auf *stan-jan zurückgehen kann.
d) innerhalb des indogerm. besteht mögliche verwandtschaft zu griech. στένω, stöhne, seufze (mit der weiterbildung στενάχω, entsprechend oben anord. stanka), στόνος und στοναχή das gestöhn (den physiologischen grund der erscheinung faszt στένω in der bedeutung 'ich mache eng') — zu lit. stenù, stenḗti und kirchenslav. stenj, stenati 'stöhnen' — zu skr. stánati 'dröhnen, brüllen, stöhnen, donnern'.
e) daneben wurde schon oben unter 1stöhnen verb. die möglichkeit erwogen, dasz zwischen dem ursprünglich ganz technischen 1stöhnen verb. (s. oben) und unserm wort ein (begrifflicher und) sprachlicher zusammenhang anzunehmen sei. damit besteht die wahrscheinlichkeit, dasz hier das germ. eine besonders alte schicht, ja den ausgangspunkt der ganzen entwicklung in der bedeutung von 1stöhnen

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verb. bewahrt hat; vgl. als ähnlich die begriffliche doppelheit von lat. plango 'schlagen' und 'lebhaft trauern': so erklärt sich denn auch die göttingisch.-grubenhagensche wendung an en'n stnen einem eindringlich zureden Schambach 215b, welches zu unserm wort gehörig (s. oben unter a), doch ganz in den kreis von 1stöhnen verb. hinübertritt: (mit reden und geste) sich an oder gegen ihn stemmen, um ihn (fort) zu bewegen, etwas zu thun; auch sonst schillert die doppelheit der begriffe, so denckt einmahl, dasz unser nachbar der schreiner wol den gantzen tag auff einem eichen höltzlein stähnen und hobeln musz, um der armen kost willen Cyrus Hamelstern Biscajino 1, 234; vgl. auch Vǫlusp 49:

stynia duergar
fyr steindurom
veggbergs vísir,

d. h. sie stöhnen nicht nur unthätig, sondern sie stemmen sich doch gewisz auch gegen die steinthüren (gemeint sind die nun verschlossenen, sonst wohlbekannten ritzen und spalten der berge), in dem bestreben, sie wieder zu öffnen; vgl. im übrigen die illustrationen zu all diesem unter 1stöhnen verb. 3 b. bedeutung:
1) von personen: stenen gemere, ingemiscere, aegras ore ciere voces Kilian 635b. — (ein) mann lag neben mir und stöhnte; ich fragte nach seinem leiden Laube ges. schr. 1, 131;

der arme teuffel stöhnt von zarter faulheit schwach
Rachel satyr. ged. 62 neudr.;

(personificiert:)
hier stöhnt sie (die tugend) immerdar, vom innern harm zernaget
J. A. Schlegel verm. ged. 1, 142;

hört, der könig stöhnt R. Wagner ges. schr. 10, 327;

graf Otto Schlick — horch, wie er stöhnt!
schau, wie er ruhelos sich dehnt!
A. v. Droste-Hülshoff 2, 168;

so war sie kraftlos wieder auf den stuhl zurückgesunken, hatte die hände vors gesicht geschlagen und stöhnte Seidel Leberecht Hühnchen 297; vgl. DWB se werd stenende, alze ifft se bichten wolde ndd. redensart bei Schiller-Lübben 4, 387b. — besonders: der kranke liegt im bette und stöhnt Adelung; die kranken ... schliefen — oder stöhnten, je nachdem ihr zustand es mit sich brachte Holtei erz. schr. 11, 268; das kind stöhnt in seinem unruhigen schlaf; die hand des todes drückt schwer und schwerer auf das kleine unwissende herz Raabe I 1, 126 (chronik);

dein söhnlein, herrin, ist gar unwohl heut.
es hat die ganze nacht gestöhnt; ich meinte,
es wäre der alp
Raupach dramat. w. ernst. gatt. 3, 33;

ndd. in sprichwörtlicher redensart: se synt nycht al krank, de stenen Kieler quelle bei Schiller-Lübben 4, 387a. — hierher auch: (Ophelia:) ihr seyd spitz, gnädiger herr, ihr seyd spitz. (Hamlet:) ihr würdet zu stöhnen haben, ehe ihr meine spitze abstumpftet Shakespeare 3, 254 (Hamlet 3, 2);

auch stöhnt das liebchen wohl zur zeit,
und nichts will ihr behagen;
doch lacht sie seiner ängstlichkeit,
und schämt sich es zu sagen.
Vosz 1, 100.

zu stöhnen haben tüchtig arbeiten, sich quälen müssen: meine aufgabe ist: mustern und säubern ... die leute sollen zu stöhnen bekommen Hauptmann biberpelz 45 (2), d. h. nichts zu lachen haben, vgl. DWB stöhne nur, ich ziehe der schrecken noch mehr herauf Klinger werke 3, 277; tief zur erde beugte sich der flüchtige, die angst schnürte ihm die brust zusammen, dasz er stöhnte Freytag 5, 384.
a) mit wörtlicher einkleidung der wehklage, des jammers, schmerzes u. s. w.: 'o ihr geliebten kinder!' stöhnt ich dann des tages wohl hundertmal der arme mann im Tockenburg 1, 203; 'ave Maria, alle heiligen!' stöhnte der dechant (bei dem unwetter) Alexis hosen des herrn von Bredow 1, 89; 'hinunter! hinunter, hypochondrie!' stöhnte ich mit dem alten könig Lear Laube ges. schr. 1, 265; 'gott steh uns bei!' stöhnte plötzlich Margot 2, 157; 'aufsitzen lassen!' stöhnte der mann am boden 14, 29;

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du sprachst von garstigen sünden und dann stöhntest du: 'September!' G. Büchner nachgel. schr. 99; 'um gotteswillen — brennts?' stöhnte herr Kurzmichel Ebner-Eschenbach 4, 25;

der kranke zuckt, zuckt noch einmal,
und 'wasser, wasser' stöhnt er dann
A. v. Droste-Hülshoff 1, 393;

'mein kind! mein kind!' der alte stöhnt
und nimmt die kleine last ihm ab 2, 37;

auszer sich (über die grosze heeresmacht Karls) stöhnte Desiderius: 'o lasz uns niedersteigen (vom turm) und uns bergen in der erde vor dem angesichte dieses grausamen feindes' brüder Grimm sagen 2, 67; 'wohin soll denn nun das wieder führen?' stöhnte der schulmeister Agesilaus Immermann 1, 18; 'schreckliches verhängnis, ...!' stöhnte er 2, 36; 'mir ahnet schon', stöhnte Kätel, 'du wirst bald ahnungen bekommen, (dasz die entbindung schlimm ausgeht) — und dann spring ich ins wasser' Holtei erz. schr. 13, 203; (er) stöhnte: 'ich bin aber verflucht wehleidig!' 18, 30; 'o mitternacht!' stöhnte er, 'wann endlich kommen deine kühlen schatten und senken sich auf mein brennendes auge?' Hauff 2, 64; 'o', stöhnest du, 'wenn es nur tag wäre ...!' Auerbach 15, 102; 'erst musz ich selber meine gedanken wieder zusammen suchen', stöhnte der pastor (nach verlorener redeschlacht) Raabe Horacker 20; 'ihr wollt ja geld haben', stöhnte der keuchende sohn, sich aus verzweiflung den hemdkragen bis über die ohren emporziehend Waiblinger die Britten in Rom 11; — nur dem inhalte nach: die alte Margreth stöhnte, sie könne die leuchter nicht mehr halten Storm 1, 195.
b) mit dumpfer stimme stöhnen u. s. w.: der bleiche schläfer ... stöhnte mit dumpfer traumstimme: 'du wolltest es, santissima!' C. F. Meyer Jürg Jenatsch 29; (er) baute ein kleines fuhrwerklein von brettchen, das er mit spreuer belud und dazu mit kinderlauten stöhnte: lo lo lo, da da da! wobei ihm die eingetretene engbrüstigkeit zu schaffen machte Keller 6, 400; — (personific.:) der gesunde und lebensfrische humor athmet frei, und stöhnt nicht mit enger brust Börne 7, 105. — mit adverb. bestimmung: über die maszen sehr stänen acres anhelitus et robustos gemitus edere Stieler 2121; wer seid ihr? stöhnte Grethe kaum hörbar, dasz ihr mich tochter nennt? Holtei erz. schr. 5, 198; 'die frau!' stöhnt Sadik-Beg beklommen Gaudy 2, 13; laut und erbärmlich stöhnen; (personific.:)

voll ohnmacht weicht sie nun: man hört sie (die zwietracht) gräszlich stöhnen
Gottsched neuestes aus der anmuthigen gelehrsamkeit 3, 16;

vgl.(er) schlich auf seine kammer, mehr tot als lebendig, zog sich aus bis auf das hemd, obschon es noch nicht abend war, und legte sich ins bett, schlotternd und erbärmlich stöhnend Keller 5, 94.
c) über etwas stöhnen u. s. w.: ob ein apotheker über seine abgebrannte apotheke murrt oder ob er darüber stöhnt, dasz er nicht im mond botanisieren kann Jean Paul 12, 62; man hört sie steine schieben und schleppen, darüber ächzen und stöhnen Laistner nebelsagen 47. — unter etwas stöhnen: tiefe betrübnisz, ja beinahe verzweiflung ist die stimmung der völker, sie ächzen und stöhnen unter der last, die auf ihnen liegt Görres ges. schr. 2, 243; sie stöhnte unter dem doppelten druck des unglücks und der eigenen anklage Meyr erz. aus dem Ries 2, 197; anders: lassen sie mich! ich rufe um hilfe! stöhnte das kleine mädchen unter den gewaltsamen umarmungen Gutzkow ritter vom geiste 4, 285. —bei etwas stöhnen: bey der arbeit stöhnen, vor mattigkeit und infolge groszer anstrengung Adelung;

dasz aber auch ein mann, der bey der elle stehnet,
und sein gewissen so, wie seine zeuge dehnet,
auf seine tafel setzt, was mancher fürst entbehrt;
die geilen glieder noch mit austersuppen nährt,
und alles, was sein raub und sein betrug erschwellet,
in säfte von Burgund und tinterweine fället
Neukirch gedichte 110.

worin stöhnen: durch den schüler Immo hat er (der graf) unpassende worte hierher (ins kloster) gesandt,

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nämlich, dasz er ein recht auf die waldwiesen erhalten habe, weil sein vater im höllenfeuer stöhne Freytag 9, 63;

und für das trauerkleid,
in dem ich vor gestöhnet,
da hast du mich gekrönet
mit süszer lust und freud
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 350b;

ein finstrer Jansenist meynt, gott sey nicht versöhnet,
als bis man sich zerpeitscht, und in der busze stöhnet
Löwen schriften 1, 35.

an etwas stöhnen:

und darfst die worte nicht erst in dem munde drehn,
nicht auf die nägel schaun, nicht mit dem halse dehnen,
und ganze tacte lang an einer sylbe stähnen
Neukirch gedichte 196.

vor etwas stöhnen: vor groszen schmerzen stöhnen Adelung;

(dasz) manche Margaris vor heiszer andacht stähnet,
die doch im herzen sich nach ihrem Thirsis sehnet
Neukirch gedichte 201;

nun setzt es (das kind) an und trinkt und trinkt, ...
und läszt nicht ab und stöhnt vor eil,
fast wird der athem ihm versetzt
A. v. Droste-Hülshoff 2, 42;

vgl.

und ihm stöhnt vor grimm sein heldenherz in dem busen
Bürger 232 Bohtz.

von: vom laufen stänen ex cursura anhelitum ducere Stieler 2121. —um eines stöhnen (? local:) ha wer ist hier? wer stöhnt im ton der verzweiflung um mich? Klinger neues theater 2, 160; um den grund, die ursache:

um dessen kaltes gebein
die guten und fühlenden stöhnten;
seit Kleist, den unsterblichen sänger,
empfing Elysiums hain
Gotter 1, 336;

vgl.

jener vogel macht zum weinen
durch sein seufzen mich beherzt,
der um Itys ach! um Itys stönet
J. E. Sghlegel werke 1, 407.

auch: und wegen dieser paar sachen stöhnst du und hörst nicht auf zu klagen Fontane I 6, 321;

was du wirst erwachend sehn,
wähl es dir zum liebchen schön,
seinetwillen schmacht und stöhn Shakespeare 1, 211 (sommernachtstraum 2, 2).

besonders nach einem stöhnen: einer soll dem andern trost zusprechen, wenn sein herz nach hülfe stöhnt Jung Stilling 1, 381;

lasz ein verführtes herz, das nur nach Frankreich lechzt,
nur nach Paris, als seinem himmel stöhnen
Gottsched neueste gedichte 65;

lang liesz dich gott nach deiner rettung stöhnen;
und dein gebet war nur geduld und todt.
und sahst du uns voll jammer um dich treten,
so batest du, um deinen todt zu flehn
Kästner verm. schr. 2, 191;

er wachet ängstlich, misvergnüget,
stöhnt nach dem schlaf, der ihn betrüget
Cronegk schr. 2, 199;

vgl. auch Triller poetische betrachtungen 1, 152 (im folgenden unter 2 c).
d) mit einer mehr äuszerlichen richtungsangabe: er sank nieder und stöhnte in die kalte fühllose erde Klinger werke 4, 275; vor sich hin stöhnen (O. Ludwig 2, 140). zu einem (bittend und flehend) stöhnen (s. den beleg bei Rückert unter 1 e); auch mit befehlendem beisinn: laszt uns allein! rief sie endlich den dienern. entkleidet mich! stöhnte sie den mädchen Gutzkow ritter vom geiste 6, 403.
e) mit finaler angabe:

wie sich ein müder fröhner sehnet,
das ende seiner müh zu sehn;
so hat mein mattes herz gestehnet,
aus diesem ziegelhaus zu gehn
Triller poet. betrachtungen 1, 276;

der süsze reiz, der mich in tausend stricke
gelegt hat, und zu dem ich stündlich stöhne,
dasz er stets fester fessle mein geschicke
Rückert gedichte 252.

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auch: ich lag auf meinem munde, stöhnte laut die mutter wach! maler Müller 2, 140;

bis dann, besät von pest und eiterbeulen,
dich selbst der tod mit falscher hoffnung höhnt,
die qualzermalmte lungen in dir heulen,
der nerv zernichtung stöhnt
Schiller 1, 278.


f) ein menschlicher theilbegriff als subject: ein kalter schweisz entquoll ihrem stöhnenden busen Pfeffel pros. versuche 7, 72;

es ist blosses angewehnen,
sauffen, das die hälse stehnen
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 124;

das gewissen stöhnt vgl. Laube 1, 189;

aufs bitterste verschmäht, aufs grausamste verhöhnet,
hat keinen augenblick ihr starker geist gestöhnet sammlung von schauspielen 9, 118;

und wo die luft so zauberisch
gestimmt ist, dasz wenn stöhnen
ein aufgethaner mund will, frisch
es wird zu jubeltönen,
so dasz ich selbst, mir zum verdrusz,
nicht klagen kann, und schweigen musz
Rückert werke 3, 52.

auch der athem stöhnt, vgl. (ein) athemzug, so tief und stöhnend O. Ludwig 2, 326; hart und stöhnend im kampfe um das leben ging der athem Storm 3, 62.
g) dichterischer wechsel des subjects: stöhnende seufzer quollen aus der vollen brust hervor Musäus volksmärchen 1, 25; hier drängten sich stönende seufzer aus hoher strebender brust, fremde tonart klang in der stimme, und das fliehende leben weilte zuckend auf der unterlippe Sturz schr. 1, 92; möchte man nicht auch hier wünschen, dasz irgend eine begabte feder die vorseufzer, die dort und da aus der brust der europäischen gesellschaft stöhnten, aufzeichnete Gutzkow werke 12, 49;

wenn halbgebrochen um dich her
nur meine kranken seufzer stönen,
denkst du an jenen ort nicht mehr,
wo du die schönste warst der schönen?
Boie 300 Weinhold;

aus dem hintergrunde des schmalen, aber tiefen zimmers ertönte ein stöhnender laut Keller 2, 254;

da, wo die cikad im düstern thale
durch die nacht der ulmenwaldung tönt,
da, da hat vielleicht zum letzten male
manches zarte lebewohl gestöhnt
Tiedge werke 2, 66;

und aus den innersten gemächern stöhnen
der männer schmerz, der weiber jammernd ach,
die ganze wölbung hallt von jammerstimmen nach,
die in den wolken wiedertönen
Schiller 6, 370;

vorbei jedoch vor meiner seele rauscht
der freude flug — es stöhnt die angst in mir
H. J. Collin Regulus 52 (1, 13).


h) mit nebenordnung verwandter begriffe, so stöhnen und weinen: der könig zerrisz sein kleid vor betrübnisz und entsetzen, nahm die goldene krone vom haupte, verhüllte sein angesicht mit dem purpurmantel, weinte und stöhnte laut über den verlust der schönen Emma Musäus volksmärchen 1, 9; sie (die königin) aber stöhnte und weinte und schlug sich die brust Freytag 17, 345. vgl. DWB es hüpfte, sang und lachte zwar nicht immer dieses leben (in Paris), es schlich, stöhnte und weinte wohl auch — doch es lebte Börne ges. schr. 5, 22. ähnlich:

ihr stöhnt, ihr trauten, eine thräne
schleicht über eure wange hin
Pfeffel poet. vers. 6, 9;

das ist ein klingen und dröhnen
von pauken und schalmein;
dazwischen schluchzen und stöhnen
die guten engelein
Heine 1, 73.

seufzen und stöhnen: so sihet doch unser ... gott auf das, so der glaub ergreiffet oder darumb er sehnlich giret, stönet und seufftzet Mathesius Sarepta 52b (Melchior Liebig drei pfingstpredigten [1588] D 4a); vgl. auch den beleg bei Lichtwer unter 2 b;

sie fangen lauter an zu seufzen, und zu stöhnen;
von ihren wangen schieszt ein wilder thränenbach
Zachariae poet. schr. 1, 211.

auch: winsle und stöhne, die stunde naht, worin ich dir den dicken schleyer von den augen reiszen musz Klinger

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werke 3, 269; sie stöhnte und jammerte nicht, dasz sie 'vernachlässigt werde und mangel erdulde!' Holtei erz. schr. 24, 31;

nicht klagt er oder stöhnt und schreit,
kein seufzer wird zum leeren spiel des windes
Platen 1, 20.

stöhnen und ächzen: in diesem zustande stöhnt und ächzt er ... ganz ungemein E. Th. A. Hoffmann 10, 31; die Schnotterbaum lag an der erde, ... ächzte und stöhnte Immermann 2, 144; das tragische geschick in untragischer form stöhnt und ächzt auf allen märkten Treitschke hist. und polit. aufsätze 1, 471;

so ächzt, so stehnt kein mensch im schlafen oder träumen!
Gottsched deutsche schaubühne 1, 238.

hierher noch: nach dem er ... hundert und zwanzig mahl gestönet und gekröchset, ... erhub er sich von seinem lager junker Harnisch aus Fleckenland 159; stöhnen und brummen Keller 2, 138. zuletzt: schwitzen und stöhnen: wie wirdt das arme nothleidende ... für groszer angst gleichsam geschwitzet und gestönet haben Prätorius fluctus et luctus (1608) 73; ich erwachte und 'stöhnte und schwitzte unter lebensmüh!' Pocci lustiges komödienbüchlein 229.
2) auch thiere stöhnen: hin und wieder stöhnt ein müdes tier in den ställen Mörike 3, 44; die thiere, stöhnend unter den schlägen, ... bäumten sich Ebner-Eschenbach 4, 65; vgl. da unsere töne der natur zum ausdrucke der leidenschaft bestimmt sind: so ists natürlich, dasz sie auch die elemente aller rührung werden! wer ists, dem bei einem zuckenden, wimmernden gequälten, bei einem ächzenden sterbenden, auch selbst bei einem stöhnenden vieh, wenn seine ganze maschiene leidet, dies ach nicht zu herzen dringe? Herder 5, 15.
a) besonders ein pferd stöhnt (von dichterischer sprache stark aufgenommen): alte pferde stänen gern crebra suspiria faciunt caballi annosi Stieler 2121; wenn kampfrosse an kampfrossen stöhnten im getümmel der schlacht maler Müller 3, 25; er (der rappe) stöhnte leise, und sein nacken war feucht Stifter 2, 105;

er zwängt das rosz, und, horch! es stöhnt
Eschenburg beispielsammlung 4, 116;

der pferde kräftge zug
prallt scheu zurück, ...
und drängt sich zitternd und stöhnend zu hauf
Gaudy 4, 11;

er geht dahin, der noch vor wenig tagen
den wilden berberhengst zu stöhnen zwang
Geibel werke 2, 71;

vgl.

es klirrte der bügel, es blitzte der sporn,
ich sasz in stolzer ermannung;
wie stöhnte des rosses feuerzorn,
in kräftiger schenkelspannung!
Strachwitz gedichte 13;

doch auch der stöhnende stier u. s. w.: gleichnisz vom stöhnenden stier, dem Poseidon geopfert Göthe 41, 1, 315 Weim. (vgl. allgem. deutsche bibl. 37, 164);

ob auch das rosz sich grauend bäumt
und knirrscht und in den zügel schäumt,
und meine docken ängstlich stöhnen,
nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen
Schiller 11, 277;

(das schwein) stöhnt und ächzt wie ein alter mann Grabbe 1, 377; (das kamel) sinkt in den tiefen sand ... ein, stöhnt und erliegt oft in der Scha-mo Ritter erdkunde 3, 383; die seekuh stöhnt vgl. Oken 7, 1114.
b) auch vögel stöhnen, so besonders die rohrdommel, wenn sie ihren dumpfen laut erschallen läszt: die rohrdommel stöhnt ihre tiefen seufzer in den sumpf Holtz buch der kindheit 107; vgl. Allmers marschenbuch 1 -2, 103; vom uhu:

jetzt ärgert ihn des tages länge,
jetzt wird ihm sein gemach zu enge,
er seufzt, er stöhnt, er quält sich nur,
und zürnt mit sich und der natur
Lichtwer Äsop. fabeln 46;

drei nächte lang von gram belastet,
weil er so gröblich misgetastet,
einsiedelt auf dem glockenstuhl
der oberuhu, stöhnt und fastet,
beklemmt von ahnungen, und schwul
Vosz gedichte 6, 248.

[Bd. 19, Sp. 187]



c) zuletzt vom frosch, zur zeit der paarung:

deswegen fängt es (das froschmännchen) an, nach ihr (dem weibchen)
zu seufzen, rufen und zu stehnen
Triller poet. betrachtungen 1, 152;

er (der frosch) stöhnte mit der brust, und gluchste so betrübt,
als wie der geisbock, wenn er liebt,
und meckernd seine quaal entdecket
Lichtwer Äsop. fabeln 115.


3) im sonstigen gebrauch:
a) ein musikinstrument stöhnt, besonders von der flöte:

da schwebte durch die nacht ein süszes tönen,
als hörte man die flöte leise stöhnen,
die in der hand aus marmor sinnend wiegt
der faun, der da im schwarzen lorbeer steht
H. v. Hofmannsthal gedichte (1907) 88;

doch: dasz die flöte durch ähnlichkeit würklich vor schmerzen stönet, kann uns nie rühren Herder 5, 387.
b) ein sich drehendes rad stöhnt u. s. w.:

nicht völlig unwert ihrer holden nachbarschaft
stöhnt auf dem grauen zwingerturm die fahne dort,
wenn stürmischer oft die wolken ziehen überhin
Mörike 1, 178;

eine maschine stöhnt: wie ein ungetüm stand ... die lokomobile. morgen sollte sie hinaus und den anfang machen ... und stöhnen und garben schlucken, als wärens halme Viebig das schlafende heer 1, 68; vgl. auch:

durch den nebelschwall
des grauenden septembermorgens jagen
des zuges räder, und vom dumpfen schall
stöhnt, dröhnt und sausts im engen eisenwagen moderne dichtercharaktere (1885) 56;

(auf dem hügel,) wo die stöhnende windmühl
ihre langsamen flügel wälzt
Salis gedichte 38;

und mit zornig wüsten schlägen
schlug er, dasz der ambosz stöhnte
Weber Dreizehnlinden 143.


c) holzwerk stöhnt, im gegensatz zum knarren (th. 5 sp. 1353 unter II 1) wird hier eine seelische belebung (von oft poetisch-mythischer wirkung) hervorgekehrt: der fuhrmann schläft, die pferde duseln, das holzwerk knarrt und stöhnt Ebner-Eschenbach 4, 151; hierher der ndd. vergleich: he stönet as ene appelkiste (von einem laut ächzenden) bremisch-nieders. wb. 4, 1047.

das fahrzeug stöhnt wie todeswund,
der steuermann ächzt: 'gott helf!'
Strachwitz gedichte 280;

er trägt das weltgericht und stöhnet,
der kreuzstamm unter seiner last
I. A. Cramer nordischer aufseher 1, 139;

die bäume des waldes stöhnen (in ihren wipfeln) vgl. Droste-Hülshoff 1, 63; und fuhr im winter der sturm rasend durch den tann und stöhnten unter seinem drucke die föhren, so war es Wotan, der ungestümen sinnes die holzweibchen schüttelte K. Lamprecht deutsche geschichte 1, 191; dort habe er ... auf einem instrumente musicirt, das lange, furchtbare töne gab, die man nachts weit im gebirge hörte, als stöhnten alle wälder Stifter 2, 18; (im vergleich):

recht wie ein leichnam wandle ich umher
zu seiner thüre nachts und seufze schwer
aus meiner brust, an trost und wohlsein leer,
mein athem stöhnet wie ein fichtenwald
Arnim 17, 7 (des knaben wunderhorn).


d) wendungen wie der wind stöhnt: dumpfe windstösze stöhnen wie klageruf der natur durch die melodie, welche immer näher rückt Holtei erz. schr. 35, 187; um sie (die kämpfenden) stöhnte der wind Freytag 8, 102; auf der ganzen länge seines pfades begleitete den armen wanderer der ... greinende, stöhnende octoberwind Raabe hungerpastor 1, 225;

die see war wild im heulen,
der sturm, er stöhnt mit müh
Herder 25, 169;

mit uns alle winde stöhnen
Arnim 22, 328;

wenn dazwischen lüfte stöhnen,
wirds nicht wie ein kriegslied tönen
Rückert werke 1, 77;

wars wieder jetzt der sturm, der seufzend, stöhnend
und schlürfend, rauschend durch die räume strich?
Eelbo Dithmarschen 37.

[Bd. 19, Sp. 188]


auch ein noch fernes gewitter stöhnt. sogar:

unter dem regen gewühl der nieder sich lagernden völker
stöhnte der grund
Bürger 195a Bohtz;

dort (in Swinemünde) klappert und stöhnt den ganzen tag über das schifferleben Laube ges. schr. 1, 316. zuletzt:

geschieden musz, geschieden musz es sein,
und ob darum die ganze schöpfung stöhne!
J. Frey ges. dicht. 26.


4) im anschlusz an das vorige, unbestimmt es stöhnt (zumeist auch von der gleichen psychischen wirkung wie unter 3 c und d): es habe die nacht über von der capelle dergestalt gestöhnt und gebrummt, dasz felsen und häuser hier hüben hätten erzittern mögen Göthe 23, 57; im finstern wald, wo die bäume so sausen, wie hier, wo es aus der dunkelheit ächzt und stöhnt Tieck 5, 133; es stöhnte irgendwo in einer ecke, und man sah doch niemanden O. Ludwig 2, 84; noch einmal stöhnte es in einer weltenfernen kluft (nach dem fall der lawine) Stratz der weisze tod 6; (vom sturm): es stöhnte in allen klüften, es fauchte in den spalten des gesteins 173. (vom wind:) es klagt, es stöhnt vor meinem fenster Raabe I 2, 178;

wenns auch rings von blei und eisen dröhnt ...
knirrt und knarrt und zischt und saust und stöhnt
Arndt werke 5, 113;

und unten in der grube,
da stöhnts und regt es sich
Hoffmann von Fallersleben ges. schr. 4, 327.

auch im menscheninnern: es ist ein hartes tagewerk, lustig sein zu müssen, wenns im herzen stöhnt und dröhnt W. H. Riehl nov. 4, 131.
5) (eines) stöhnen hören: ich habe auf meiner stube eu. gnaden stöhnen hören Gottsched deutsche schaubühne 6, 98; um eilf uhr höre ich meine frau keichen und stöhnen, als wenn sie mit dem tode ränge Bahrdt gesch. seines lebens 4, 187; hinter den thüren hörte man jämmerlich klagen und stöhnen Ebner-Eschenbach 1, 96;

er hört nur seinen eignen jammer stöhnen
Lenau 29 Barthel.


6) selten mit einem zusatz in der stellung des objects: gebete stöhnen (Alexis hosen des herrn von Bredow 1, 1, 90) seinen jammer stöhnen Spielhagen in reih und glied 1, 140; der nachtwind stöhnte die totenklage Freytag 8, 45;

hat, neuer himmelsbürger, sich
dein geistig ohr nicht schon des klageton entwöhnet,
und kann ein banges ach um dich,
das hier und da ein freund bey stillen thränen stöhnet,
dir unterm jauchzenden empfangen
der bessern freunde hörbar seyn
Lessing 1, 141 (der tod eines freundes);

vgl. DWB he stönet grote stukke er ächzt laut, bremischnieders. wb. 4, 1047.
7) das part. stöhnend in adverbiellem gebrauch: sein entsetzen stieg, als der leichnam in diesem augenblicke das haupt erhob, ihn grässlich anstarrte, sich mühsam und stöhnend vom boden aufrichtete, und fort schwankte Langbein sämmtl. schr. 31, 88; die starre regungslosigkeit war von seinen gliedern gewichen, er hob sich stöhnend empor Fouqué zauberring 1, 212; da muszte er (der hexenmeister) fort, bis er endlich stöhnend und auszer atem den korb mit dem gold und den beiden mädchen in ihrer eltern haus brachte brüder Grimm kinder- und hausmärchen 1, 208 (46); ich taumelte stöhnend zurück auf den boden Holtei vierzig jahre 2, 183; da schlug der magister die hände zusammen und setzte sich stöhnend auf ein fasz Freytag 11, 170; die nächte lag er (Michelangelo) stöhnend da und konnte keinen schlaf finden Herm. Grimm Michelangelo 2, 366; Dietrich wollte eben dieses holde spiel (der liebe) erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer zurückkamen und bleich und stöhnend zuschauten Keller 4, 268;

oft hörte man sie stöhnend klagen
Zach. Werner gedichte (1789) 32;

in der wuth
der schmerzen wälzt' er stöhnend sich im blut
Chamisso 3, 281;

nicht Helvetiens wildnisz
wärs, wo in wolken und schnee stöhnend der wanderer irrt?
Waiblinger gedichte aus Italien 1, 40.

[Bd. 19, Sp. 189]


zuletzt weiter bestimmt: (er) stirbt laut stöhnend an der erde maler Müller 1, 371.
8) substantiv.: zufrühest es ist zugangen on allen sthonen und weetagen Luther 27, 409 Weim. — stöhnen erleichtert den schmerz, so wie der aufschrey das schrecken Hippel lebensläufe 3, 2, 33; (ich) würde da wohl meinen tod gefunden haben, ... hätte nicht ein vorüberreitender offizier mein stöhnen vernommen U. Hegner ges. schr. 21; ein leiser ton wie das stöhnen eines weibes zitterte durch den raum Freytag 8, 145.

wie dank ichs seinem stöhnen,
und heiszvergossnen thränen
Zinzendorf gedichte (1766) 12;

meine augen roth von tränen,
müde meine brust von stöhnen,
nirgends, nirgends find ich ruh
Göthe 38, 5 Weim.;

diesz schweigen, dieses stöhnen ist beweises
genug. das reden magst du dir ersparen
Schiller 6, 211;

vgl. DWB denn diesem erscheint das lange aussprechen über vaterländische dinge nicht als das nothwendig fortdauernde athmen eines gesunden freien geistes, sondern als das stöhnen einer beengten brust Börne ges. schr. 3, 119. — wir, die das stöhnen der erwachten nicht zu ertragen vermochten, verlieszen das zimmer Thümmel reise 8, 94; das stöhnen der sterbenden Mommsen röm. gesch. 2, 330; (als aberglaube:) die ausgehende seele mit stänen aufhalten obluctantis animae moras crebris singultibus sistere Stieler 2121;

der theuren kranken stöhnen!
ihr heiszes auge nasz!
und deine tausend thränen!
C. A. Overbeck verm. ged. (1794) 231;

er rächet seines weibes qual
und seines unmündigen stöhnen
maler Müller 1, 217;

bald schmerzlich seufzend, gleich der mutter stöhnen,
wenn sie den sohn ... verlor
Gaudy 2, 31;

auch: wer hört nicht das stöhnen ihres (der kämpfer) athems Vieth encycl. der leibesübungen (1793) 1, 196. vgl.

doch endlich löst die zunge sich dem stöhnen
Gries Ariost (rasender Roland 1, 209);

anders: (das menschengeschlecht) versteht nicht das stöhnen der liebe, das musz ich sagen, weil die nachtigallen so süsz stöhnen über mir Bettine die Günderode 1, 248.

sie sind wie kinder, nur 'ne stufe tiefer,
von eurer kraft, von eurem ächten blut,
ganz gleicher müh, — bis auf 'ne nacht des stöhnens,
von der geduldet, für die ihr sie littet Shakespeare 9, 169 (Richard III. 4, 4);

in der übertreibung:

ward mein ganzer tag ein stähnen
untermischt mit klag und trähnen
Schwieger geharn. Venus 66 neudr.

entsprechend oben 2: während das thier stumm ist, oder nur durch stöhnen seinen schmerz ausdrückt Hegel werke 7, 2, 93. — wie oben 3: die stille wurde seltsam unterbrochen von dem knarren und stöhnen der tannenriesen Spielhagen 1, 98; das dumpfe rauschen und stöhnen der wälder W. Speck zwei seelen 359;

ich hörte nur der wipfel stöhnen
und unter mir, an weihers saum,
der unken zart geläute tönen
A. v. Droste-Hülshoff 1, 63;

das stöhnen in der luft Freytag 8, 166; der brandung stöhnen Weber Dreizehnlinden 4.
a) mit zugeordnetem begriff: schlich durch alle gemächer und erfüllte sie mit seufzen und stöhnen Musäus volksmärchen 1, 19;

dein seufftzen und dein stehnen
und die viel tausend thränen,
die dir geflossen zu,
die sollen mich am ende
in deinen schosz und hände
begleiten zu der ewgen ruh
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 309;

die zeit verjaget er mit seufftzen und mit stehnen
Hoffmannswaldau gedichte 2, 71;

im gantzen haus ist nichts als stönen oder keichen
Rachel gedichte 80 neudr.;

wo sie (die empfindsamen) mit rath und that erscheinen

[Bd. 19, Sp. 190]


sollten, da verwirrten sie nur andere mit stöhnen und mit ächzen, und wären zu aller entschlossenheit ... schlechterdings ungeschickt Möser 3, 64; dann vernimmt man ein ächzen und stöhnen Laistner nebelsagen 115;

lasz klagen und stöhnen
und stimme mit ein!
Platen 1, 343;

meine krankheiten gebe ich höchstens für das aus, was sie sind: und vermeide dabey alle ausdrücke der besorgnisz, und alles stöhnen und schwögen Bode Montaigne 6, 11; das geheul, gewinsel, die flüche der überwundnen, das röcheln und stöhnen der sterbenden feinde Klinger werke 10, 262; auch drang ein dumpfes dröhnen und stöhnen aus der ... grabestiefe herauf Fouqué altsächs. bildersaal 2, 478;

dies seufzen, stöhnen, flehen, schwirren,
die geisterklage, die hier tönt
Brentano 1, 373;

das bei allen völkern sich gleich bleibende wimmern, weinen und stöhnen oder jede andern ausbrüche leiblicher empfindung Jac. Grimm kl. schr. 1, 265; es war eine fürchterliche hitze (in der hölle), und ein schreien, seufzen, stöhnen, quäken Heine 3, 133; sein eignes wollen, sehnen, stöhnen, jauchzen ist ihm (dem lyriker) ein gleichnisz, mit dem er die musik sich deutet Nietzsche 1, 49.
b) mit adjectiv. bestimmung: ein jämmerliches stehnen Gottsched deutsche sprachkunst 82; ich ward aber bald durch ein ängstliches stönen aufmerksam gemacht Pfeffel pros. versuche 1, 104; wenn es finster war, hörte man im beinhaus ... ein ängstliches stöhnen Hebel 2, 74 Behaghel; dann aber begann das schmerzlichbange stöhnen von neuem Gaudy 12, 95;

banges stöhnen, wie vorm nahen sturme,
hallet her vom öden trauerhaus
Schiller 1, 178;

wenn dort ein trübes stöhnen
den busen hat geschwellt,
so ist als zum versöhnen
dies grab hieher gestellt
Rückert werke 1, 76;

auch:

was? will mein krankes stehnen,
da man um ehre kämpft, mich an den schlaf gewöhnen
und Frankreich dienste thun? nein! nein! des reiches flor
geht leichen, geht verlust, geht meinen schmerzen vor
Neukirch ged. (1744) 212.

wie der Laokoon des bildners nicht mit weitgeöffnetem munde schreien dürfte, auch wenn ihm sein leiden mehr, als ein gepresstes stöhnen erlaubte Fr. Vischer ästhetik 3, 3, 598; statt des namens, den er auszusprechen suchte, drang nur ein gepresstes stöhnen aus seinem munde Ebner-Eschenbach 4, 67; auch: da vernahm er dumpfes stöhnen Holtei erz. schr. 10, 114; dumpfes stöhnen eines fernen gewitters W. Raabe I, 2, 147; viel seltener dagegen tönt das dumpfe, schauerliche stöhnen oder brüllen der rohrdommel durch die stille der nacht Allmers marschenbuch 1-2, 103;

was du hörst, ist windestosen
und der eichen dumpfes stöhnen
Weber Dreizehnlinden 217;

aus der kammer drang ein schweres stöhnen. Margreth eilte hin und der schreiber folgte ihr. Friedrich sasz aufrecht im bette, das gesicht in die hände gedrückt und ächzte wie ein sterbender A. v. Droste-Hülshoff 2, 286; tiefes stöhnen entringt sich seiner brust G. Hauptmann einsame menschen 127 (5);

(beim kusz,) wenn Amor mit gedämpftem stehnen,
ein öfters unterbrochnes ächzen,
ein feuerreiches sehnen,
ein wiederholtes, seufzend lechzen
in zweyerley rubinen mischt
Weichmann poesie der Niedersachsen 1, 313;

das hohle stöhnen einer groszen trommel Gutzkow werke 7, 241;

der abgrund speyt mit hohlem stöhnen
den abscheulichsten von seinen söhnen
an das land
Pfeffel poet. versuche 1, 49,

kopf an kopf, ich innerhalb, er auszerhalb des zeltes, lag ich mit einem manne, der mir durch ein gräszlich stöhnen (schnarchen) die so nöthige ruhe unwiederbringlich

[Bd. 19, Sp. 191]


verkümmerte Göthe 33, 97 Weim.; ach Adam, was sprichst du, bricht nun Eva ... in lautem stöhnen aus maler Müller 1, 30; ein lautes stöhnen ging durch die versammlung Freytag 8, 39;

auch hörte man einigemal in ihrer schlafkammer,
des nachts ein heimliches stöhnen und gejammer
Kortum Jobsiade 3, 29;

ein heiseres stöhnen Naumann vögel 5, 217; auch:

doch kaum ist ihm das urtheil zugewogen,
als fernes stöhnen die wolken zerreiszt
Göthe 13, 2, 7 Weim.;

höret den monarchen
melodievoll schnarchen! —
welch ein feistes stöhnen! —
welch ein fetter klang! —
Kotzebue dram. w. 1, 202;

anders:

dein altes stöhnen summt mir noch im alten ohr
Göthe 9, 206 Weim.

das mütterliche stöhnen um dein kind musz dann (bei deinem eintritt ins kloster) freilich aufgegeben werden Laube ges. schr. 3, 8;

ach dasz sich meiner augen brunn
aufthät und mit viel stöhnen
heisze thränen
vergösse
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel 3, 375a;

ich weisz es, dasz viel tausend stähnen ...
mein scheiden dir erwekken musz
Schwieger geharn. Venus 80 neudr.;

das weib, wenn sie vom schlag
der kling und seinem letzten stöhnen auffährt
Fouqué held des nordens 1, 186.


 
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stöhnepeter, m., spöttische bezeichnung eines menschen, der viel klagt und stöhnt: stönepeter bremischnieders. wb. 4, 1047, gröber dafür auch oben stöhneköttel.
 
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stöhner, m., einer, der stöhnt: stöner (neben stäner) Stieler 2121; in mehr sprichwörtlichen redensarten: du klagst über öftern anfall von kolik, und weiszt nicht, dasz wenn der stöhner nicht lange lebt, der prahlhans gewisz nicht Hippel lebensläufe 3, 2, 145; wenn der stöhner nichts hat, ... der prahler gewisz nicht kreuz- und querzüge 1, 319.
 
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stöhnerei, f., wie stöhnen unter 8 (subst.) und unten stöhnung: es gab auf dem wege viel stöhnerei vgl. Danneil 209a.
 
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stöhnerin, f. zu stöhner: stönerin (neben stänerin) Stieler 2121.
 
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stöhnfeder, f., hemmende feder; zu 1stöhnen verb. gehörig: stonfeder tinctra Diefenbach gloss. 584b, so am wagbalken der alten uhr, dem seiger: (unter neueren erfindungen geschieht erwähnung) der seiger, so mit gewicht und stönfedern die stunde halten Mathesius Sarepta 156a, auch in einem schlosz: eyn stone (die quelle hat verschrieben scone) vedere als in dem slutte tinctra Diefenbach a. o. im vergleich: die (kraft der sünde) ist mechtig und stönet wie ein starcke stönfeder Mathesius fastenpredigten 58b. s. auch noch oben stöhne, f., unter 1.
 
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stöhnicht, adj., unter stöhnen hervorgebracht, stöhnend vollführt u. s. w. stönicht (neben stänicht) Stieler 2121: stänichte worte verba gemitibus impedita ebenda.
 
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stöhnpfahl, m., pfahl, der als stöhne (unter 1) dient; vgl. ostfries. stnpâl, auch übertragen ik wil dîn stnpâl nêt wesen ten Doornkaat Koolman 3, 327b. —
 
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stöhnpfeiler, m., stützpfeiler, strebepfeiler, eckpfeiler; ostfries. stönpiler ten Doornkaat Koolman 3, 327b vgl. ndl. steunpilaar.
 
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stöhnung, f., vgl. oben stöhnen 8 (subst.) und stöhnerei, f.: stönung (neben stänung) gemitus, geminatio, fletus cum singultu Stieler 2121.
 
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stöhrsubst.und stöhrenverb. s. unten stör subst. und stören verb.

 

stöhnen
a)  wie das vorhergehende 1stöhnen verb. aus dem niederd. in die schriftsprache gedrungen, um mit nur geringem zeitlichen vorsprung, seinen verwandten an geltung und verbreitung dann weit zu übertreffen; im ausgangsgebiet liegen zwei verschiedene bildungen nebeneinander, welche später zusammengefallen sind; mndl. stenen mit starker flexion,
b)  dementsprechend im md. zufrühest stenen (ein zweifelhaftes sthinnen singultare Diefenbach
c)  zur germanischen verwandtschaft unseres wortes gehört noch an. stynr gemitus, ags. gestun 'wirbelwind', (die zweifelhafte ahd. ? glosse stunod hostorium, lignum quo sextarium aequatur Graff 6, 692, wo Jac. Grimm
d)  innerhalb des indogerm. besteht mögliche verwandtschaft zu griech. στένω, stöhne, seufze (mit der weiterbildung στενάχω, entsprechend oben anord. stanka), στόνος und στοναχή das gestöhn (den physiologischen grund der erscheinung faszt στένω in der bedeutung
e)  daneben wurde schon oben unter 1stöhnen verb. die möglichkeit erwogen, dasz zwischen dem ursprünglich ganz technischen 1stöhnen verb. (s. oben) und unserm wort ein (begrifflicher und) sprachlicher zusammenhang anzunehmen sei. damit besteht die wahrscheinlichkeit, dasz hier
1)  von personen: stenen gemere, ingemiscere, aegras ore ciere voces Kilian 635b. (ein) mann lag neben mir und stöhnte; ich fragte nach seinem leiden Laube
a)  mit wörtlicher einkleidung der wehklage, des jammers, schmerzes u. s. w.: 'o ihr geliebten kinder!' stöhnt ich dann des tages wohl hundertmal der arme mann im Tockenburg 1, 203; 'ave Maria, alle heiligen!' stöhnte der dechant (bei dem unwetter) Alexis
b)  mit dumpfer stimme stöhnen u. s. w.: der bleiche schläfer ... stöhnte mit dumpfer traumstimme: 'du wolltest es, santissima!' C. F. Meyer
c)  über etwas stöhnen u. s. w.: ob ein apotheker über seine abgebrannte apotheke murrt oder ob er darüber stöhnt, dasz er nicht im mond botanisieren kann Jean Paul 12, 62; man hört sie steine schieben und schleppen, darüber ächzen und stöhnen Laistner
d)  mit einer mehr äuszerlichen richtungsangabe: er sank nieder und stöhnte in die kalte fühllose erde Klinger
e)  mit finaler angabe: wie sich ein müder fröhner sehnet, das ende seiner müh zu sehn; so hat mein mattes herz gestehnet, aus diesem ziegelhaus zu gehn Triller
f)  ein menschlicher theilbegriff als subject: ein kalter schweisz entquoll ihrem stöhnenden busen Pfeffel
g)  dichterischer wechsel des subjects: stöhnende seufzer quollen aus der vollen brust hervor Musäus
h)  mit nebenordnung verwandter begriffe, so stöhnen und weinen: der könig zerrisz sein kleid vor betrübnisz und entsetzen, nahm die goldene krone vom haupte, verhüllte sein angesicht mit dem purpurmantel, weinte und stöhnte laut über den verlust der schönen Emma Musäus
2)  auch thiere stöhnen: hin und wieder stöhnt ein müdes tier in den ställen Mörike 3, 44; die thiere, stöhnend unter den schlägen, ... bäumten sich Ebner-Eschenbach 4, 65; vgl. da unsere töne der natur zum ausdrucke der leidenschaft bestimmt
a)  besonders ein pferd stöhnt (von dichterischer sprache stark aufgenommen): alte pferde stänen gern crebra suspiria faciunt caballi annosi Stieler 2121; wenn kampfrosse an kampfrossen stöhnten im getümmel der schlacht maler Müller 3, 25; er (der rappe)
b)  auch vögel stöhnen, so besonders die rohrdommel, wenn sie ihren dumpfen laut erschallen läszt: die rohrdommel stöhnt ihre tiefen seufzer in den sumpf Holtz
c)  zuletzt vom frosch, zur zeit der paarung: deswegen fängt es (das froschmännchen) an, nach ihr (dem weibchen) zu seufzen, rufen und zu stehnen Triller
3)  im sonstigen gebrauch:
a)  ein musikinstrument stöhnt, besonders von der flöte: da schwebte durch die nacht ein süszes tönen, als hörte man die flöte leise stöhnen, die in der hand aus marmor sinnend wiegt der faun, der da im schwarzen lorbeer steht
b)  ein sich drehendes rad stöhnt u. s. w.: nicht völlig unwert ihrer holden nachbarschaft stöhnt auf dem grauen zwingerturm die fahne dort, wenn stürmischer oft die wolken ziehen überhin Mörike 1, 178; eine
c)  holzwerk stöhnt, im gegensatz zum knarren (th. 5 sp. 1353 unter II 1) wird hier eine seelische belebung (von oft poetisch-mythischer wirkung) hervorgekehrt: der fuhrmann schläft, die pferde duseln, das holzwerk knarrt und stöhnt Ebner-Eschenbach
d)  wendungen wie der wind stöhnt: dumpfe windstösze stöhnen wie klageruf der natur durch die melodie, welche immer näher rückt Holtei
4)  im anschlusz an das vorige, unbestimmt es stöhnt (zumeist auch von der gleichen psychischen wirkung wie unter 3 c und d): es habe die nacht über von der capelle dergestalt gestöhnt und gebrummt, dasz felsen und häuser hier hüben hätten erzittern mögen Göthe 23,
5)  (eines) stöhnen hören: ich habe auf meiner stube eu. gnaden stöhnen hören Gottsched
6)  selten mit einem zusatz in der stellung des objects: gebete stöhnen (Alexis
7)  das part. stöhnend in adverbiellem gebrauch: sein entsetzen stieg, als der leichnam in diesem augenblicke das haupt erhob, ihn grässlich anstarrte, sich mühsam und stöhnend vom boden aufrichtete, und fort schwankte Langbein
8)  substantiv.: zufrühest es ist zugangen on allen sthonen und weetagen Luther 27, 409 Weim. stöhnen erleichtert den schmerz, so wie der aufschrey das schrecken Hippel
a)  mit zugeordnetem begriff: schlich durch alle gemächer und erfüllte sie mit seufzen und stöhnen Musäus
b)  mit adjectiv. bestimmung: ein jämmerliches stehnen Gottsched