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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
selbschaft bis sichselbstfindung (Bd. 16, Sp. 443 bis 455)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) selbschaft, f., ganz vereinzelt als substantivbildung zu selb(st): die libe Sofonisbe, die ihr mir in meinen alten tagen als ein teil meiner eignen selbschaft entrissen habt. Zesen Sofon. (1647) 589 bei Gombert 5, 18.
 
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selbschol, m., in der ältern sprache für das neuere selbstschuldner (vgl. daselbst), der selbst für seine verbindlichkeit einsteht, der wirkliche schuldner im gegensatz zum bürgen. mhd. wb. 2, 2, 183a. Lexer handwb. 2, 869. Grimm rechtsalterth. 619: principalis debitor alicujus rei, vulgo dicitur selpschol. glosse vom j. 1272 bei Lexer a. a. o.; ob sy indert selbschol oder bürg gegen in worden weren. d. städtechr. 1, 112, 14; es sol nieman kainen andern gewern stellen dan den rechten selbscholn. quelle bei Schmeller 2, 402; wann ainer dem andern schuldig ist und hat pürgen darumb, und wann sein zil aus ist, so mag er das erfodern an dem selbscholn. tir. weisth. 4, 202, 29; hat er ain pürgen darumb und was im an dem selbscholen abget, das sol an dem pürgen angen. 407, 19 (vgl. das glossar und sachregister). aber auch in anderm sinne, der thäter im gegensatz zum mitschuldigen: von dem selbscholen, der die unzuht getan hat, ij pfenning, von ieder gewiʒʒen j pfenning. 384, 30. der beschädigte: wer dem anderen sein holz nimbt an der lent, .. der ist dem gericht vervallen v , der stat v  und dem selbscholen v  von iegleichen holz. 424, 29; wer dem anderen sein ertreich fravelich hin wässert, der ist dem selbscholen umb l  vervallen, dem gericht l . 437, 4. — häufig entstellt zu selbschold(e), -schuld(e), s. Schm. 2, 403. Lexer hdwb. 2, 869 f.; vom schuldner: so soll er pflichtig sein, die geltschulden an den selbstholden zu erfordern, pfant oder pfenning. tirol. weisth. 4, 223, 35 (man möchte lesefehler für selbscholden annehmen, aber die schreibung kehrt 224, 4 wieder, ist volksetymologische entstellung möglich?); wann die frist vergangen ist, so sol der, den man gelten sol, an den selbschulden vodern sein gelt. 485, 36. vom thäter: wer aber der aines darüber thuet und überfert, der wirt darumben fürgenomen und gestraft, wie der selb schult solt oder muest leiden. 1, 73, 9, ebenso Salzb. taid. 246, 33.
 
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selbschosz, n., nur in der ältern sprache, zunächst als bezeichnung einer wurfmaschine: ahd. selpscôʒ balista, catapulta Graff 6, 562, mhd. selpschôʒ Lexer hdwb. 2, 869, mnd. sulfschot Schiller-Lübben 4, 466: balista .. selpscoz, selfschot, selscot, scilscat. Dief. gloss. 66c; bedica vel sagitta selfschoz. nov. gl. 47b; umb ainen birnbaum zu den selbschosen, umb dry senen an die selbschoʒ, umb 1000 clafter heriner sail zu den selbschoʒʒen. Augsb. rechnung von 1372 bei Schm. 2, 479;

auch han wir fiendliche wer
von buchsen unde bliden,
die mugen sie nit erliden,
selbschosz unde armbrust.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 40, 217.

[Bd. 16, Sp. 444]


vielleicht bedeutet das wort auch eine art bogen (wie denn balista gewöhnlich durch armbrust übersetzt wird), vgl. noch altfries. selsketa (für selvsketa? bogere ieftha enne selsketa) Richthofen 1006b und J. Grimm kl. schr. 8, 507. — im nhd. dagegen findet sich selbschosz zuweilen für das gewöhnlichere selbstschusz (vgl. daselbst): arcus αὐτόματος, ein selbschlosz, das von sich selbst losz geht ohne zuthun eines andern. Corvinus fons lat. 332b (im reg. richtig selbschosz); wo ain jäger richtet wildn tiern mit sengsen, eisen oder selbschosz. Salzb. taid. 311, 8. — vgl. auch schweiz. der sèlbschótz und das sèlbschûsza, schnellschusz Tobler 420b f.
 
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selbschuldig, -schuldner, s. selbstschuldig, selbstschuldner.
 
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selbsechst, s. DWB selb II, 6, c.
 
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selbseigen, adj., s. selbsteigen 1.
 
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selbselbst, pron. , verstärkende verdoppelung von selbst, vgl. Grimm gramm. 2, 405. 654. 665. 3, 5, anm. 6. 648, der dazu die vereinzelten bildungen, lat. ipsipsus, gr. αὐταύταις χερσίν vergleicht.
1) so schon ahd. selbselbo, idem ipse Graff 6, 214; in gote der id ipsum (glosse: selb selbo) heîʒʒet. Notker ps. 4, 9; der ieo selb selbo geîst, unus atque idem spiritus. 77, 54. — mhd. selbselbe, s. Weinhold gramm.2 s. 554. Lexer handwb. 2, 870: do er (Moses) do gestarp, do legeter in selbselbe mit siner handen. Grieshaber pred. 2, 86; flectiert: des selpselben tages do beschach es ouch das der tüfel zuo mir kam. Nic. v. Basel 95. über Vridanc 85, 23 vgl. W. Grimm kl. schriften 4, 75 und Bezzenbergers anmerk.getrennt:

ich behalte selbe selbe dînen sun. Rolandsl. 100, 26.

nicht hierher gehört natürlich die blosze nebeneinanderstellung verschiedener casusformen, wie:

sô het ich mich selben selbe erslagen. minnes. frühl. 125, 4.


2) im nhd. findet sich die verdoppelung ziemlich oft bei den schlesischen dichtern des 17. jahrh. (vgl. Adelung 4, 424), später nur ganz vereinzelt (s. e). sie erscheint in folgenden formen:
a) als selb selbs einmal im 16. jahrh.:

das grab ist lehr, sein leib ist hin,
am weg er mir selb selbs erschin.
Leisentrit geistl. lieder 1 (1567), 136a.


b) im 17. jahrh. in der regel selbselbst, ego, tu, ille ipse Stieler 2003:

zum dritten haben ja die brüder beyde sich
selbselbst auff einen tag erwürget jämmerlich.
Opitz 1, 166;

dem die natur selbselbst nichts abgeschlagen. 2, 26;

(die liebe ist) ein hencker der gewissen,
dem Jupiter selb selbst auch hat bekennen müssen. 64;

in dieser schweren zeit, von der man kaum mag schreiben,
da Teutschland ihm selbselbst ein scharffes messer wetzt. 74;

disz band, das wir selb selbst so haben auffgewunden.
Fleming ged. 39;

dz wir nichts können schencken,
was schöne heist und ist. ihr habts schon in der that,
als der die schönheit sich selb selbst verehret hat. 40;

ach nun, Anemone, gläube,
was du dir selb-selbst sagst zu. 544;

wo dieses priester sind, das Rhadamantgeschwister,
so bey dem Caiphas hier die unschuld ingesammt
und sich hiedurch selbselbst, zum tode hat verdammt.
Scultetus bei
Lessing 8, 282;

als wenn ihr euch selb-selbst in eignes weh vergrübet.
A. Gryphius 2, 173;

Cassand. o honte (franz.)! Fabric. o hund selb-selbst. d. verlibt. gespenst s. 61 Palm (2, v. 21),


c) zuweilen selbselbsten ohne unterschied:

dasz billich unser tandt
und hochgefaster wahn selb selbsten von sich schriebe.
Opitz 2, 220;

sich selbselbsten überwinden, ist der allerschwerste krieg;
sich selbselbsten überwinden, ist der allerschönste sieg.
Logau 3, 65, 46;

lasst einmahl ab, zu seyn selbselbsten eure peitschen.
Birken teutscher kriegs ab- und fridens einzug (1650) 10.


d) eine weitere entstellung ist:

Apollo hat das lied selbst selbsten auffgesetzt.
Fleming ged. 140.


e) so als adj. verwendet in der einzigen belegstelle aus dem 19. jh.: wer ist schöner als der, der die selbst selbste schönheit ist und der schönste unter allen menschenkindern?

[Bd. 16, Sp. 445]


H. Müller erquickst. s. 378 (hier wol als superlativ empfunden, vgl. DWB selbst II, 4).
 
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selbsichtig, adj. augenzeuge: die von anfang selbsichtige (οἱ ἀπ' ἀρχῆς αὐτόπται). Luc. 1, 2 in den 8 ältesten drucken des neuen testaments (1522—25, später: die es von anfang selbs gesehen).
 
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selbsiebent, s. DWB selb II, 6, e.
 
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selbst und selbest,pron. ipse, vgl. DWB selb.
I. ursprung und geschichte der form.
1) das nebeneinander der formen selb-selber-selbst könnte es nahe legen, in diesen letzteren steigerungsformen zu sehen; diese auffassung hat in der that Grimm gr. 3, 646—48 vertreten, gestützt namentlich auf die parallelen der antiken und romanischen sprachen: gr. αὐτότερος, αὐτότατος, altlat. (plautin.) ipsissimus, mittellat. *met-ipsimus (neben *met-ipse) als vorstufe von ital. medesimo, rhätorom. medem, altfranz. meisme, franz. même, span. mismo, port. mesmo (Diez4 208). allein die sprachlichen thatsachen führen auf eine andre erklärung: selb(e)st ist entstanden aus selbes durch anfügung eines unorganischen t (wie in einst, sonst u. a.); dieses ist, wie selber, eine erstarrte flexionsform, nämlich der starke gen. diese beziehung entgeht Grimm nicht; aber er nimmt in selbes (wie in eines) abfall des t an (während er s. 92 eben wegen des nl. zelfs das adv. selbst als superlativ zu fassen ablehnt). band 4, s. 358, anm. 2 kehrt er dann zweifelnd zu der richtigen auffassung zurück (die er schon a. a. o. in betracht gezogen, aber verworfen hatte); weiter sind dann für sie eingetreten Frommann mundarten 3, 186, 55. Weigand 2, 692 (wie früher schon Adelung). sie wird bewiesen durch folgende umstände: a) die form selb(e)s findet sich früher und in der ältern sprache sehr gewöhnlich; das später auftretende selbst ist also aus ihr entstanden und nicht umgekehrt; b) die formen selbs und selbst, und nur diese, werden noch massenhaft als genitiv empfunden und verwendet. allerdings ist die form von der sprache selbst früh als superlativ empfunden worden, s. unten II, 4.
2) selbest findet sich zuerst in (ost)mitteldeutschen quellen um 1300 (passional, Ködiz, Ludwigs kreuzfahrt u. s. w.), also in demselben gebiete, wo ein jahrhundert früher selbes auftaucht. die stellen verzeichnet das mhd. wb. 2, 2, 247b. Weinhold mhd. gramm.2 s. 554; sie entfallen fast ausnahmslos auf die verbindung dâ selbest, s. unten II, 2, l und theil 2, 807. in andrer verwendung z. b. in dem (1276 verfaszten, aber in einer handschr. des ausgehenden 14. jahrh. erhaltenen) hohenliede des Brun v. Schonebeck:

so du selbest ouch wol weist. 8709.

im 15. jahrh. schon einsilbig selbst, so im Alsfeld. passionssp. (nach dem glossar) zweimal neben achtmaligem selbest; ferner bei Brant u. a., s. unten.
3) im nhd. sind beide formen, selbest und selbst, vorhanden, doch begegnet erstere nur noch selten: du selbest wirst jren henden nicht entgehen. Jerem. 38, 23 (in der bibelübers. nur hier); meinet er, er wer selbest allein her. Pauli schimpf 76b; die sorg so darauff steht, du selbest wol ermessen kanst. buch der liebe 244d; ob er der mann seye, vor den er sich jetzo selbest halte? Philander 1, 60. besondere fälle s. unter II, 4.
4) neben selbst bestehen die andern formen weiter. namentlich scheint in der ältesten zeit (16. jahrh.) noch selbs zu überwiegen, vgl. Schm. 2, 263. in Luthers bibelübers. steht selbst nur an 6 stellen (2 Sam. 10, 13. pred. Sal. 10, 3. hohel. 2, 7. Jerem. 42, 2. Luc. 6, 42. Röm. 2, 5, dazu einmal selbest, s. c) gegenüber der unzähligen menge von selbs. dazu mehrere stellen, wo ältere drucke selbst haben gegenüber einem selbs in der ausg. letzter hand (Matth. 18, 4. 22, 39. Joh. 18, 34. Ebr. 10, 34). so steht hohel. 2, 7: das jr meine freundin nicht auffweckt noch reget, bis das jr selbst gefellt, während die parallelen stellen 3, 5 und 8, 4 selbs lesen. ferner Luc. 6, 42: du sihest selbst nicht den balcken in deinem auge?, dagegen haben die ältern drucke theils selbs, theils selb. selbs und selbst (selbest) neben einander auch bei Alberus (dict. ee 4a) und Moscherosch (s. unter 3), vgl. Weigand 2, 692. — zu allen zeiten stehen selber und selbst neben einander, zum theil unmittelbar benachbart: das got dâ selber ist und doch der mensche und got ouch dâ selbest sint. theologia deutsch 43 (wo vielleicht adverbiales selbest von pron. selber geschieden wird); das saltz hat sonst mit keinem metall kein gemeinschafft, es ist aber doch für sich selbst ein warhafft miner ... alaun ist ein gemeinschafft der metallischen materi, ist aber für sich selber kein metall. Thurneisser von wassern 6; selber, et selbst. Stieler 2003;

[Bd. 16, Sp. 446]


ja, ich weisz, wie behaglich ein weibchen im hause sich findet,
das ihr eignes geräth in küch' und zimmern erkennet,
und das bette sich selbst und den tisch sich selber gedeckt hat.
Göthe 40, 235 (Herm. u. Dor. 2);

doch tritt selber immer mehr zurück, s. daselbst 3.
5) den lebenden hochd. (wenigstens den oberd.) mundarten scheint die bildung mit -st fremd zu sein (für Altbaiern ausdrücklich angegeben von Schm. 2, 266). dagegen ist sie im heutigen nd. allgemein verbreitet, obwol sie weder im nl. noch auchmit ausnahme der unter II, 4, behandelten verwendungim mnd. vorzukommen scheint; daneben bestehen noch formen auf -en und -enst, s. DWB selben 1. 3: brem. sulfst, sulwest brem. wb. 4, 1091; sulvest, sülvst Dähnert 473a; südhann. sülwest (neben sülwen, -bent) Schambach 218c, ebenso westf. Frommann 2, 94, 1, oldenb. sülfst 4, 144, 309, ostfries. sülvest, sülfst, sülst, süsst (und sülven). Stürenburg 272b, vgl. ten Doornkaat Koolman 3, 363b.
6) zahllos und beständig zunehmend sind die zusammensetzungen mit selbst- als erstem theil.
a) bei ihnen ist in formaler hinsicht zunächst die gestalt dieses ersten gliedes zu beachten. schon im got. begegnen silbasiuneis und -viljis. in den andern germ. sprachen hat sich die einsilbige stammesgestalt festgesetzt: altn. sjalf, schwed. sjelf, dän. selv, ags. engl. self, nl. zelf, mnd. sulf, ahd. mhd. selb (daneben noch selbebote Lexer hwb. 2, 861), vgl. die reichhaltigen zusammenstellungen bei Grimm gramm. 2, 638 f. 1015. später beginnen dann die erstarrten flexionsformen, die selb in selbständigem gebrauche ersetzen, auch in die composition einzudringen, so schon mhd. selbiszunge (s. DWB selbzunge) und bes. im mnd.: sulvesdôt, -here, -man, s. Schiller-Lübben 4, 465. doch ist auch im ältern nhd. selb noch sehr gewöhnlich, vgl. das. II, 7 (sp. 428). namentlich überwiegt es noch bei Luther, der daneben seltner das auch sonst im 16. jahrh. nicht ganz ungewöhnliche selbs verwendet, s. selbs(t) eigen, -eingebildet, -gängig, -gefallen, -geschosz, -sache, -sacher, -schuldner, -wachsen, -weisz, -wesend, -willig. das nebeneinander von selb- und selbst- ist auch noch deutlich bei Schottel 544 und Kramer dict. 2, 764 zu beobachten, entschiedner hat selbst- bei Stieler das übergewicht. heute ist nur dieses in lebendigem gebrauche (vergl. zu selbstständig). die andern formen werden nur ganz vereinzelt verwendet, selber nur von J. Paul (hier allerdings ziemlich häufig, s. das. 7), selben nur einmal in selbenwesentlich.
b) die fügung ist manchmal eine solche, dasz sich schwer oder nicht entscheiden läszt, ob überhaupt zusammensetzung vorliegt, zumal da in ältern quellen auch in diesem falle vielfach getrennte schreibweise üblich ist. namentlich betrifft dies die bildungen mit selbs. so könnten folgende beispiele auch unter selb II, 4 eingereiht werden: alsdann mag die herrschaft in ihren selbssachen oder fur ander leut den gerichtspotten schicken. tirol. weisth. 4, 698, 44; gott allein unterricht das hertz durch sein wort, dasz es komme erstlich zu seinem selbs erkenntnisz. Luther tischr. 11a;

mein selbs vermügen ist ze kranck,
du tüest mir dann dein hilffe kunt. Cl. Hätzlerin 1, 7, 57.

doch auch bei selbst (vgl. das. II, 1): das yr uch nu des durch uwer selbst vermesszenheit und turstigkeit angemaszt .. habt. Spittendorf 120. — vgl. auch z. b. selbsteigen, selbstsache. s. ferner II, 6.
II. gebrauch.
1) seinem ursprung gemäsz dient selbst zunächst als gen., vgl. dazu selb II, 4 und selber 5, c. auffälliger weise fehlen gerade hierfür mhd. belege; nhd. verzeichnet Kehrein gr. 3, § 115, nd. das brem. wb. 4, 1091.
a) noch heute üblich ist selbst bei dem gen. eines substantivs: dies ist der wille des königs selbst. ebenso bei dem (nicht possessiven) gen. der persönlichen fürwörter: die liebe seiner selbst. Adelung; nachdem nun Giafarn das vergangene immer deutlicher geworden war, .... schrieb (er) es ... ohne alle schonung seiner selbst nieder. Klinger 5, 137.
b) für den possessiven gen. des pron. pers. tritt das pron. poss. ein. hier ist selbst noch zulässig bei prädicativer verwendung. sien sulfst werden, 'seine eigene haushaltung und nahrung anfangen'; welk mann de sines sulvest werden will. brem. goldschmiederolle, s. brem. wb. 4, 1091; wer sein selbst ist, der ist des teufels knecht. Simrock sprichw. 9492 (der sein selbst eigen ist u. s. w. Petri O 8a); wer sein selbst sein kann, diene keinem. 1623.
c) in der ältern sprache auch bei attributiver fügung: wie des alles ir aigen püecher und ir selbst schriften guet zeugnus geben. Aventin chr. 1, 446, 7; ein jeder ist sein selbst grössester feind. Petri V 8a;

o wahrer pelican, der seine todten jungen
durch sein selbst blut belebt.
Fleming 12.

[Bd. 16, Sp. 447]



d) bei flectiertem possessivpronomen: wan er noch daruber mit seinem selbst leibe dafur haften hette sollen. staatspap. Karls V., s. 428; das der landgraff noch daruber mit seinem selbst leibe davor hafften solte. 489; was ewer könig von mir zu wissen begert, das steht in seiner selbst willkuhr. Zinkgref apophthegm. 1, 25; wann er ungewarnter sachen wider seinen selbst willen zu einem in sein wohnung kompt. 127.
e) daneben die unveränderliche form (gen.) sein selbst und ähnl.: mit sein selbst hand, das ist, mit seinem eyde. Schottel 544; bi sien sulvest halse, bei lebensstrafe. brem. wb. 4, 1091. dafür seiner selbst: wiewohl ich seiner eigenen schwester, seiner selbst bekäntnüs nach, ähnlich sahe. Simpl. (1685) 1, 120 (2, 4; in der ausg. von Kurz ist selbst-bekänntnüs als éin wort gedruckt. 1, 126, 19). auch zu ihr(er): jrer selbst verdamnusz. Albertin bei Schm. 2, 263. solche redeweisen wären noch jetzt möglich, bes. bei umstellung: wo ist eine privat-thorheit, die nur in dem bezirke unsrer selbst bliebe, und sich nicht auf irgend eine weise der gesellschaft mittheilte? Gellert bei Adelung (4, 424). derselbe bezeichnet sein selbst haus (für sein eignes haus), von unserm selbst vermögen u. a. als oberdeutsch.
2) selbst 'ipse' in uneingeschränktem gebrauche. da belege für die einzelnen casus schon unter selbs reichlich gegeben sind, so sollen hier besonders einige eigenthümlichkeiten hervorgehoben werden.
a) selbst hebt das eigene, directe, persönliche thun eines menschen heraus: der kaiser eröffnete den reichstag selbst (in person), nicht durch einen vertreter. so in vielen sprichwörtern: wenn man selbst geht, betrügt einen der bote nicht. Simrock sprichw. 9487; wo der mann nicht selbst kommt, da wird ihm sein haupt nicht wohl gewaschen. 9488;

schau selbst nach deinem dinge,
willst du, dasz dir gelinge. 9485;

wer da wil haben dasz jhm geling,
der geb selbst acht auff seine ding.
Corvinus fons lat. 281b;

thets ein jeder selbst, so dörffts der knecht nicht thun. Wander 4, 533, 58; sie wollen es künftig selbst machen, sagte der letzte hofnarr von Muri, als man ihn fragte, warum sie ihn entlassen 52; niederd. woor man sulfst nig kumt, daar ward enem de kopp nig wusken. brem. wb. 4, 1091, s. auch Firmenich 3, 26, 17; de 'n andern jâgen will, môt sülfst mit lôpen. 4, 309 (Oldenbburg). oder das wahre wesen eines dinges im gegensatz zu seinem scheine, der nachricht, erwartung davon u. s. w.: lange hatte man sich auf dieses fest gefreut. als endlich das grosze ereignis selbst eintrat, da übertraf die pracht alle erwartungen;

ach herz! wie süsz ist liebe selbst begabt,
da schon so reich an freud' ihr schatten ist. Shakesp. Rom. u. Julia 5, 1.


b) selbst in diesem sinne steht gewöhnlich hinter dem worte, auf das es sich bezieht, und hat immer höhern ton. es kann sich an ein substantiv anschlieszen: der kaiser selbst eröffnete den reichstag u. ähnl.; oder an ein pronomen: dieser selbst hat es gethan; edelleute, die ... selbst auf den acker gehen sollen. Möser patr. phant. 3, 249. besonders an pron. pers.: ich selbst, egomet. du selbst, tute. er selbst, ille, ipse, idem. wir selbst, nosmetipsi. Stieler 2003; ich selbst, ich und kein anderer, ego ipse. Frisch 2, 262b; vor eines reichen kargen hausz, desz weib noch viel zeher, dann er selbst was. Kirchhof wendunm. 1, 218 Österley (1, 180);

her Pilat loisz Jhesum vor gericht furen,
dasz du selbest mocht sine rede horen! Alsfeld. passionssp. 3777;

eyn yedes ding, wann es uffkumt
zm höchsten, felt es selbst z grunt.
Brant narrensch. 37, 6;

du selbst, der uns von falschem regelzwange
zu wahrheit und natur zurückgeführt.
Schiller 11, 322 (an Göthe).

so als vorausnahme eines substantivs:

das auszenwerk ward neu; er selbst, der hut, blieb alt.
Gellert 1, 11.


c) wenn selbst zu einem nom. gehört, ist gröszere freiheit in der stellung vorhanden; es kann von seinem bestimmungsworte getrennt nach art der adverbialen bestimmungen nachfolgen, oder an den anfang des satzes treten, wobei dann inversion notwendig ist: dise antwort hat doctor Martinus Luther erstlichen im latein, darnach in obgemeltem teutsch selbst geben. d. städtechron. 25, 153, 23;

[Bd. 16, Sp. 448]


der prophet Daniel sprichet ein wort,
das er dan selbest gelesen und hot gehort. Alsfeld. passionssp. 4770;

er ist gefallen selbst dar jn.
Brant narrensch. 45, 13;

hast du nicht alles selbst vollendet,
heilig glühend herz?
Göthe 2, 80;

auf belaubten hügeln mag Lyäus ...
selbst geheimniszvoller gährung vorstehn. 111.


d) häufig steht selbst, wenn subject und object identisch sind und beziehung zu beiden möglich ist, s. DWB selbs 2, f. dem sinne nach gehört es in der regel näher zum object: jeder sucht sich selbst. Schottel 1132b; wer jhm selbst nicht guts thut, wie solt er den einem andern guts thun. 1138b; wer sich selbst lobet, der ist ein narr, wer sich selbst schendet, der ist unsinnig. ebenda; erkenne dich selbst; wer sich selbst liebt, den hassen viele, chi ama se stesso, è odiato da molti. sich selbst erkennen, conoscere se stesso. sich selbst entleiben. Kramer dict. 2, 763a; seiner selbst vergessen, scordare se stesso. ebenda; sich selbst kennen ist die gröste kunst. Simrock sprichw. 9500;

wer sich selbst liebt allzusehr,
den hassen andre desto mehr. 9491.

zum subject: hilf dir selbst, so hilft dir gott. 9489; wer sich selbst kitzelt, lacht wann er will. 9499. Kramer dict. 2, 763a; jeder ist sich selbst der nächste. Wander 4, 531, 9. hier nähert es sich oft der bedeutung k:

die banner sich selbest geneigt hain. Alsfeld. passionssp. 3841;

doch wehe, wenn in flammenbächen
das glühnde erz sich selbst befreyt!
Schiller 11, 317 (glocke v. 352).


e) das wort, wozu selbst bezogen wird, ist zuweilen gar nicht ausgedrückt. dies ist notwendig der fall
α) beim infinitiv, wobei selbst das unbestimmte subject hervorhebt: selbst backen, selbst brauen, selbst schlachten, selbst bier ò wein etc. einlegen etc. far del pane, cocer della birra, ammazzar bestie etc. istesso, cioè in casa senza comprarlo à minuto. seine kleider selbst ò selber machen. Kramer dict. 2, 762c f.; selbst thon, selbst gehon. selbst thun ist bald thun. selbst thun selbst lassen. Petri Rr 7a; selbst essen macht satt. Simrock sprichw. 9501; nd. sülwest äten mâket fet. sülwest daun, dat geit dermén. Wander 4, 533, 55 f. (vgl. DWB selber 5, a). für den inf. kann, wie sonst in verkürzten sätzen, das part. perf. eintreten: selbst eingebrockt, selbst auszgeessen. Petri Rr 7a. Simrock sprichw. 9495. auf dieser fügung beruhen die sehr beliebten zusammensetzungen von selbst mit einem part. perf. pass., wie selbstgebacken, -gemacht, -geschlachtet. weniger auffällig ist es, wenn der inf. theil eines satzes ist, der das subject dazu enthält:

selbst in der künste heiligthum zu steigen
hat sich der deutsche genius erkühnt.
Schiller 11, 322.


β) bei einem verkürzten satze bezw. einem selbständigen satztheile, apposition und ähnl.:

selbst herzlos, ohne mitgefühl,
begleite sie mit ihrem schwunge
des lebens wechselvolles spiel.
Schiller 11, 319 (glocke v. 418).

so auch: selbst richter und selbst rechter ist gwisz unrecht. Petri Rr 7a.
γ) ähnlich in einer namentlich in der umgangssprache häufigen redeweise, die dient, einen vorwurf zurückzugeben: wolf, schrie er, was machst du mit diesem lamme? — wolf selbst! versetzte Hylax. Lessing 1, 146 (fab. 2, 11); macht platz da ihr betrunkene bagage, rief der einzige nüchterne und verständige noch lauter — selbst bagage! schrieen die anderen. Immermann Münchh. 4, 83 (7, 11), wo überall zu ergänzen ist: (du bist) selbst ... ferner in der volkssprache als anrede: wie geht's? — danke! wie geht's (dir, ihnen) selbst? nd. wo geit't sülfst? Stürenburg 272b.
δ) eine noch kühnere verkürzung zeigt folgende stelle:

mir wieder selbst, von allen menschen fern,
wie bad' ich mich in euren düften gern!
Göthe 2, 146 (Ilmenau).

hier lehnt sich selbst zwar an mir an, hat aber zugleich gewissermaszen das dabei ausgelassene gehörend zu vertreten.eine ähnlich starke ellipse in dem sprichwort: selbst was, wie schön ist das, nd. sülwest wat, wo gaud is dat, syltisch salf wat, wo môi is dat. Wander 4, 533, 40. 57, vgl. DWB selber 5, a und unten f zu ende. s. auch k zu ende.
f) hierher gehört endlich auch das überaus gewöhnliche sprichwort selbst ist der mann. Corvinus fons lat. 281b; stesso è

[Bd. 16, Sp. 449]


l'huomo, cioè: chi vuol che la cosa riesca, ci metta mano lui istesso, e la faccia con occhi proprii. Kramer diction. 2, 763c; s. ferner Wander 4, 531 f. und die daselbst angezogenen stellen, sowie hundert fabeln (1611) 112; da ich ihnen aber zu gemüthe führte, selbst wäre der mann, und dasz es allezeit besser, man reiste persönlich nach seinen verrichtungen, und sehe, wie die sachen stünden. Plesse 3, 251; selbst ist der mann! sagt ein sprichwort, das für alle stände, und besonders auch für den unsrigen, wahr ist. Engel schr. 12, 208;

selbst ist der mann; er selbst will alles hohlen.
Hagedorn 2, 243;

selbst ist der mann! wer thron und kron begehrt
persönlich sey er solcher ehren werth.
Göthe 41, 270 (Faust II, 4).

erweitert:

selbst ist der mann,
der ein ding recht auffrichten kan.
Petri Rr 7a.

nd. sulfst, sülvst is de mann. brem. wb. 4, 1091. Frommann 2, 93 (als überschrift; westfäl.). ähnliches: selbst ist der beste bote. selbst ist der beste knecht, der jeglich sache macht recht. Wander 4, 533; selbst thuts gar, heissen die helffte, bitten ist gar umb sonst. Petri Rr 7a, auch geradezu als eigenname: herr von Selbst besorgt den tisch am besten. Wandbr 1, 535. in allen diesen stellen ist selbst nicht als subst. (im unter 5 behandelten sinne), sondern als pronominale bestimmung zu einem ganz allgemeinen, unbestimmten subject zu nehmen. es bedeutet ungefähr dasselbe, als wenn man sagte: jeder ist sich selbst der beste bote u. a. — selbst ist ein gutes kraut, wächst aber nicht in allen gärten. Simrock sprichw. 9481; selbst ist ein gut kraut, sagte die magd, und ass den kuchen, den sie für die frau geholt hatte. Wander 4, 532, 35. in dieser redensart ist durch einsetzung von selbst für das ursprüngliche selb (s. das. II, 3, e, γ) das beabsichtigte wortspiel unverständlich geworden.weitere sprichwörter s. unter a. d. e, vgl. dazu die andern formen, selb, selber (5, a), selb (2, verstreut). es ist zu bemerken, dasz heute in diesen festgeprägten redewendungen der gebrauch der einzelnen formen geregelt ist und dieselben im allgemeinen nicht vertauscht werden. so sagt man in der regel: arzt, hilf dir selber! und selber essen machet fett, selber was, wie gut ist das! wobei selber im ersten falle durch den wortlaut der bibel, in den letzteren durch den rhythmus gestützt wird, dagegen durchweg selbst ist der mann u. a.
g) zum prädicat tritt selbst in wendungen wie:

da ihr die that geschehn lieszt, wart ihr nicht
ihr selbst, gehörtet euch nicht selbst.
Schiller M. Stuart 1, 4.

besonders aber, wenn dieses ein abstractes substantiv, eine eigenschaftsbezeichnung ist, als steigerung des einfachen adjectivs: er ist die sanftmut selbst, d. h. er ist im höchsten grade sanftmütig; er ist die freundlichkeit, die gütigkeit etc. selbst, egli é la cortesia, la bontà etc. stessa. Kramer dict. 2, 763b ; sie ist die schönheit selbst. er war die tugend, die bosheit selbst. Adelung (2, 2); David spricht, alle menschen seien lugner und eittel, und die eittelkeit selbs. Franck weltb. vorr. 4a; der herr vormund ist ja die leutseligkeit und dienstfertigkeit selbst. Gellert 3, 30; Diez war die gefälligkeit selbst, meine wunderlichen fragen zu beantworten. Göthe 32, 93; (Justus Möser) war der tüchtige menschenverstand selbst. 45, 296;

Kleant hört allem lob, und du hörst keinem zu:
hofärtig ist Kleant; die hofart selbst bist du.
Wernike poet. vers. 181 (überschrift 7; 'ausbündige hofart');

wer zweifelt, Nathan, dasz ihr nicht
die ehrlichkeit, die groszmuth selber seyd?
Lessing 2, 193 (Nathan 1, 1).


h) häufig steht selbst bei präpositionalen ausdrucksweisen: an sich selbst: dasz dieses das best reformieren sei, das ein jeder an sich selbst anfenge. Opel-Cohn 375; die bürger, an sich selbst schon sehr mittelmäszige soldaten, stürzten durch ihre uneinigkeit die stadt ins verderben. Schiller 8, 171; das fort ist an sich selbst kein sehr haltbarer platz, wegen des engen terreins hat man nicht werke genug anbringen können. 15, 1, 89 (Maltheser). verstärkt: die sache ist an und für sich selbst nicht schlecht, für sich allein betrachtet. Adelung; es ist an und vor sich selbst nicht übel, egli non é già male in se ò da per se. Kramer dict. 2, 763b. — dasz niemand auf sich selbst, sondern je einer auf den andern sieht. Opel-Cohn 375. — etwas aus sich selbst thun oder gethan haben, far ò haver fatto qualche cosa da se stesso a sua posta, di moto proprio (vgl. k). Kramer a. a. o.bey sich selbst gedencken, sagen ... pensare seco stesso. ebenda; wer

[Bd. 16, Sp. 450]


sich bey jhm selbst sucht, der find sich am gewissesten. Petri Jii 6a; er nimpts bei jm selbst ab ... er weysz bei jhm selbst wo einen andern der schch truckt. Franck sprichw. 2, 11a. —für (vor) mich, dich, sich etc. selbst sorgen. Kramer a. a. o.; das spricht für sich selbst; bis unser publikum kultiviert genug sein wird, um das wahre, schöne und gute ohne fremden zusatz für sich selbst lieb zu gewinnen. Schiller 9, 401, vgl. DWB an. — in sich selbst gekehrt; in sich selbst gehen, entrare in se stesso; raccogliersi. Kramer a. a. o. mit sich selbst gnug zu thun haben. ebenda. über sich selbst erzörnen. ebenda. wider, gegen sich selbst streiten, kämpfen, reden. ebenda. wieder zu sich selbst kommen, tornare, ritornare in se stesso, rihaversi, rivenire à se. ebenda; nd. ikk kann nig wedder to mi sülvst kamen. Dähnert 473a.
i) besonders häufig ist die verbindung von sich selbst: von sich selbst ò selber: etwas von sich selber thun ò machen ... v. aus sich selbst. Kramer dict. 2, 763b; von sich selbst, ultro, sponte; er hat es mir von sich selbst angebothen, ultro ille mihi obtulit; es giebt sich alles von sich selbst, omnia sponte fluunt; von mir selbst, mea sponte. Steinbach 2, 577; es begibt sich, dasz in einer nacht, als die wächter geschlaffen, das frauen-zimmer von sich selbst aufgegangen. Olearius pers. rosenth. 92b (7, 20); denn es bleiben noch immer auch wahre begebenheiten genug übrig, die ... schon von sich selbst den völligen gang des sinngedichts haben. Lessing 8, 441; der seltene vogel ... erhob sich in seinem glänzenden gefieder aus einer groszen ehernen kugel, die mit einem schrecklichen brausen von sich selbst zersprang. Klinger 6, 319; er (Lykurgus) versuchte also, ... was er nicht durch ein machtwort aufheben konnte, von sich selbst fallen zu machen. Schiller 9, 147;

die schlang kroch von jhr selbst hinein. froschmäus. Q 3a;

so kan die hertzen neigen
zu eurem schutz und gunst ein sitsam angesicht,
das jedem (l. jeden?) von sich selbst zu hold und dienst verpflicht.
Logau 2, 67.

die heutige umgangssprache pflegt aber in diesem falle das pers. pronomen wegzulassen und blosz von selbst zu sagen: von selbst, sponte, sua sponte. Frisch 2, 262b: er ergreift von selbst jede gelegenheit, die sich ihm darbiethet. Gellert bei Adelung; das unkraut wächst von selbst. Campe. so besonders auch in nd. mundarten: van sulfst, sponte sua. brem. wb. 4, 1091; van sülvst, ungeheiszen. Dähnert 473a; von sülfst, von ungefähr. Stürenburg 272b; dat geit fan sülfen, sülfst. ten Doornkaat Koolman 3, 363b. nur Schambach 218b gibt: van sek sülwen. ähnlichen sinn hat in der ältern sprache zuweilen schon das einfache selbs(t), s.(oben d ende, und) selbs 3, b:

gen berg gät hart auff wegen schmal,
das weyte strasz layfft selbst gen thal.
Schwartzenberg Cic. 152c.


k) endlich tritt selbst verstärkend zu ortsadverbien, so besonders daselbst (mit betontem selbst), s. th. 2, 807—809. so schon mhd. sehr häufig dâ selbest, aldâ selbest, s. oben I, 2 und die daselbst angezogenen stellen: der abt dâ selbist unde sîne hern gingen der lîch zû kein (entgegen). Ködiz 66, 3;

dâ selbest ouch den cins eʒ gab. pass. 17, 71 Hahn;

der markgraf eines males reit
da selbest hin an ein geiaid. Waldsassen 322.

s. auch dortselbst (theil 2, 1309), hierselbst (theil 4, 2, 1318), woselbst: hier selbst, qui proprio, qui giusto. da-selbst [bav. sell, selle, sellt] la proprio etc. Kramer dict. 2, 763b; hierselbst, hîc. dortselbst, istic. woselbst, ubi, in quo loco, in quâ re. Stieler 2003; s. auch Steinbach 2, 577. Frisch 2, 262b.
l) von hier aus gelangt dann mundartlich selbst allein zur function eines ortsadverbs: selbst, ibidem Steinbach 2, 577, meist in den formen selb (s. das. II, 5, b), selbt, s. das.in der Schweiz dagegen als zeitadverb selbist, dazumal (wol adverbialer gen. mit ausgelassenem mals): nit, ich will nicht sagen, dasz es nicht auch eine zeit gegeben habe, wo's mr vrflüemeret (verflucht) i' chopf cho (zu kopfe gestiegen) ist, wenn dr Johannes eine andere angesehen hat; selbist het es mi düecht, er sollte alle andern angrännen, nur mich nicht. Gotthelf Uli d. knecht s. 158 Vetter (11. cap.).
3) häufiger ist eine andre adverbiale gebrauchsweise, nämlich in dem sinne von sogar, als eine steigerung. in dieser bedeutung ist selbst, im gegensatz zu den bisher behandelten, stets schwächer

[Bd. 16, Sp. 451]


betont, als das wort, zu dem es gehört, und steht gewöhnlich unmittelbar vor diesem, also proklitisch: nichts ist natürlicher und selbst erlaubter. wahrheit reden, sie selbst zu den füszen des thrones reden, ist ein verbrechen, welches hofleute nie verzeihen. selbst der fluch einer mutter würde hier kraftlos seyn. Adelung;

selbst die meise singt dein lob.
Hölty 120 Halm;

man siehts ja selbst beim tageslicht.
Schiller 1, 275;

selbst die rächende Erinne schlafe
friedlich in des sünders brust. 11, 56.

es kann auch vor einen satz treten: selbst wenn wir ... die geschicklichkeit, sich eingebildete zwecke zu verschaffen, noch so hoch steigern wollten; so würde doch, was der mensch unter glückseligkeit versteht, ... von ihm nie erreicht werden. Kant 7, 311. — doch ist auch nachstellung gestattet, da in der gesprochenen rede ja die betonung den sinn deutlich genug anzeigt:

nicht nur das land, dasz wasser selbst war heisz.
Brockes 5, 154;

alle wesen leben
vom lichte, jedes glückliche geschöpf —
die pflanze selbst kehrt freudig sich zum lichte.
Schiller Tetl 1, 4.

ungewöhnlich dagegen ist, dasz selbst von seinem beziehungsworte getrennt wird: selbst ist gesorgt, dasz es dem zur familie gehörenden vogel nicht an grünem, frischem dache seiner käfichtlaube fehle. Göthe 33, 152. mit negation selbst nicht, wofür gern nicht einmal eintritt:

o komm, du neue,
labende, selbst nicht geträumte sonne!
Klopstock 2, 101;

selbst der Styx, der neunfach sie umwindet,
wehrt die rückkehr Ceres tochter nicht.
Schiller 11, 55.

pleonastisch, aber sehr gewöhnlich, ist auch selbst:

auch selbst der zorn läszt ihr noch schön.
Gellert bei
Adelung;

ruffst du, so hältt mich auch der himmel selbst nicht auf.
Hofmannswaldau bei
Steinbach 2, 577.

ebenfalls pleonastisch ist: Deutschland und England waren von niederländischen flüchtlingen angefüllt, die ... ihre gewohnheiten und sitten, bis selbst auf die kleidertracht beibehielten. Schiller 7, 300.
4) obwol selbst von haus aus kein superlativ ist, hat doch das sprachgefühl es früh als solchen aufgefaszt und entsprechend verwendet: der selbste ist als nebenform zu derselbe im hd. wie im nd. verbreitet; vielleicht ist es eine umbildung von selbt, vgl. daselbst. am häufigsten ist es im nd. nachzuweisen, s. Schiller-Lübben 4, 464a:

bistu ene gelîk, dat sulfste lôn gift di got in dem ewigen leven. des dodes danz v. 871 Bäthcke;

wüste idt so de sülvest heer,
vörwaer ydt schege nümmermehr.
Hollonius somn. vit. humanae v. 614 (s. 35 neudruck).

aber auch oberd. schon im 16. jh.; ohne artikel: so ist selbest holz dermallen unter die burger auszgetailt. steir. taid. 140, 28 (vom jahre 1547, wol für selbes). ferner: die selbste tochter des selig verschiedenen. Augspurger Arnalte und Lucenda (1642) 13, 1;

die schon sind esel-grau, die selbest böse wahr,
die fort behangen sind mit einem falschen haar.
Rachel s. 115;

Chremylos: o Föb'-Apollon, götter und dämonen ihr,
und Zeus, was sagst du? jener bist du wirklich? Plutos. ja.
Chremylos. du jener selbst? Plutos. der selbeste.
Voss Aristoph. 3, 302 (Plut. v. 83).

ebenso hier Droysen Ar. 1, 139, dagegen s. 92:

offenbar will selbigster
dem frieden noch entgegenstellen — ich weisz nicht, was! (frieden v. 1030).

vgl. auch:

auch sind noch alle dagegen in empörung ...,
so dasz sie in selbesten innersten gemüthen
im herzesten herzen dagegen wüthen.
Tieck 13, 309.

verdoppelt der selbselbste, s. DWB selbselbst 2, e.
5) ungemein häufig ist die verwendung von selbst als substantiv.
a) sie findet sich erst seit anfang des 18. jh. den ersten vereinzelten beleg dürfte Kramer dict. (1702) 2, 763c bilden: selbst, n. ò neutrale das selbst, [term. ascetico] se, se stesso. in der litteratur erst bei den autoren der classischen zeit (Kant, Klopstock, Zimmermann, Lessing, Hamann, Wieland u. s. w.), hier aber bereits überaus häufig und reich entfaltet, vgl. Weigand 2, 693.

[Bd. 16, Sp. 452]


Gombert 2, 17. 5, 18. die ältere sprache gebraucht dafür die abstractbildungen selbheit bez. selbstheit, auch selbschaft, vgl. diese.bei den andern formen, auch bei selber, kommt eine derartige substantivierung nicht vor.
b) älter und consequenter durchgeführt ist die substantivierung bekanntlich im engl., wo self fast nur noch in dieser fügung gesagt wird (myself, herself, ourselves, yourselves, jedoch himself, itself, themselves). doch sind diese verbindungen in der regel einerseits abgeblaszter, nachdrucksloser als im deutschen, andrerseits auf den reflexiven gebrauch eingeschränkt. im deutschen findet weder diese beschränkung noch jene allgemeine anwendung statt; vielmehr steht hier mein selbst als seltnere, nachdrücklichere, deutlich unterschiedene form neben ich selbst, wenn es manchmal diesem auch in der bedeutung nahe kommt. es tritt in jenem die eigenthümliche function des substantivs als substanzbezeichnung deutlich zu tage. selbst hat nahezu denselben sinn wie wesen.
c) selbst wird in der regel mit possessivpronomen verwendet, wie ja auch das adjectivische selbst am liebsten sich an ein persönliches fürwort anlehnt. die verbindung von selbst mit dem gen. eines substantivs ist nicht belegt. mein, dein, sein, unser selbst u. s. w.: kann ich eine liebe erkennen, die sich nicht auf achtung gegen mein selbst gründet? konnte achtung gegen mein selbst vorhanden seyn, das erst dardurch entstehen sollte? Schiller 2, 27 (räuber 1, 1 schauspiel); sei wie du willt namenloses jenseits — bleibt mir nur dieses mein selbst getreu — sei wie du willt, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme. 163 (4, 5);

der, wann dem schmerz schier die maschin' erlieget,
... auf sein selbst gestützt, vom thätigen verstand
stets frische waffen leiht, und über unmuth sieget.
Gotter 1, 283;

hilf mir, meiner liebe, hilf entsagen
meinem leben, meinem selbst — und dir!
Bürger 98b;

was der ganzen menschheit zugetheilt ist,
will ich in meinem innern selbst genieszen, ...
und so mein eigen selbst zu ihrem selbst erweitern.
Göthe 12, 89;

hoch willkommen seid ihr mir,
doppelt werth, denn euch empfiehlt
eure noth und euer selbst.
Grillparzer4 3, 31 (ahnfrau 1);

sieh diesz land, es ist das deine,
sieh mein selbst, es folgt dem land. 6, 162 (traum ein leben 3).


d) verstärkt durch eigen: warum kann der mensch sein eigen selbst nicht kennen? Hamann 1, 131 ('brocken' 1758); um die erkenntnisz unserer selbst zu erleichtern, ist in jedem nächsten mein eigen selbst als in einem spiegel sichtbar. 135; er empfand sein eigenes selbst nur unter der form der freundschaft, er erkannte sich nur unter dem bilde des durch einen dritten zu vollendenden ganzen. Göthe 37, 25;

(ich) stritt und stritt
mit meinem tiefsten seyn, zerstörte frech
mein eignes selbst, dem du so ganz gehörst. 9, 237 (Tasso 5, 4);

und schaudernd seh' ich's, entsetzenbethört,
wie mein eigenes selbst gen mich sich empört.
Grillparzer5 1, 195;

es ist verhaszt mein eigen selbst in jeder andern lage mir.
Platen 81b;

was giebt dem freund, was giebt dem dichter seine weihe?
dasz ohne rückhalt er sein ganzes selbst verleihe. 86a;

wenn in einem groszen
saal du anlangst, dessen gläserne wände
tausendfach dein eigenes selbst verdoppeln. 333b.

auch: mein ganzes selbst, all mein selbst u. ähnl.:

indesz der Böhme feig und niedrig kriecht
und seinen werth und all sein selbst besudelt.
Grillparzer4 5, 53 (könig Ottokar 2).


e) besonders häufig ist selbst mit adjectivischem attribut; hier musz es auch oft für das gewöhnliche persönliche fürwort eintreten, das nicht so bequem und in der umgangssprache nur selten mit einem adjectiv verbunden wird (ich begehre nicht dein vermögen, sondern dein liebenswürdig selbst, d. h. dich selbst, die liebenswürdige.). belege: unser geliebtes selbst kömmt allenthalben wieder. eben so wie ein verliebter nichts siehet und nichts achtet als den gegenstand seiner liebe, so siehet und achtet auch der eigenliebige nichts als sich selbst. Zimmermann nationalstolz s. 16; dieses dein verseltsamtes selbst, mein leser, sitzt nun da in der kirche. Hermes Sophiens reise 2, 17; und ich soll .. mein armseliges selbst für die geheiligte person einer fürstin geben? Göthe 14, 210 (grosz - cophta 4, 4); lasz

[Bd. 16, Sp. 453]


mich die schöne frage mündlich thun, und beantworte sie mir mit deinem schönen selbst. an meine brust, Ottilie! 17, 386 (wahlverw. 2, 16); in der figur, .. wieder vor Friedricken hinzutreten, die gestern abend an mein verkleidetes selbst so freundlich gesprochen hatte, das war mir ganz unmöglich. 25, 350; die multiplication meines edlen selbst. briefe 1, 257; ich bin geneigter als iemand noch eine welt auszer der sichtbaren zu glauben und ich habe dichtungs- und lebenskraft genug, sogar mein eigenes beschränktes selbst zu einem Schwedenborgischen geisteruniversum erweitert zu fühlen. 5, 214;

dein herz, dein liebenswürdig selbst verlier ich.
Schiller M. Stuart 2, 9;

Rom. wobei denn soll ich schwören? Jul. lasz es ganz.
doch willst du, schwör' bei deinem edlen selbst! Shakesp. Rom u. Julia 2, 2;

dein edles selbst vor der welt mach frei!
Rückert Firdosi 3, 262.


f) das besondere selbst des einzelnen setzt sich einem allgemeinen entgegen: jeder vergasz darüber sein besonderes selbst, fühlte diess selbst nur im vaterlande. Wieland 7, 205 (der gold. spieg. 2, 9); aber vielfach erscheint das selbst des einzelnen auch nur als ein theil seines wesens, bez. dieses in eine mehrheit von selbsten gespalten, vgl.: reflectire ich wachend über mich selbst, so finde ich mein kleines selbst getheilet. Herder 16, 574 Suphan (vgl. h); so redet man von einem innern, bessern selbst (oder ich): sie erinnert sich von klein auf ihr inneres selbst als von leuchtenden wesen durchdrungen. Göthe 23, 218 (wanderjahre 3, 15); die sehnsucht ihr eigenes inneres selbst von innen heraus immer weiter auszudehnen. Schleiermacher über die religion 7; ich musz schlechterdings suchen mein besseres selbst im wechsel der lebensscenen .. behaupten zu lernen. Novalis 1, 16 Meiszner;

und das beszre selbst ist willig;
doch des herzens kraft ist hin!
Bürger 44b.

ähnlich: er schämte sich vor seinem ehmaligen besseren selbst, wenn er an die rechenschaft dachte, welche er sich von seinem aufenthalt zu Smyrna schuldig sey. Wieland 2, 224 (Agath. 9, 4). weiteres: dasz mein denkendes selbst einfacher und daher unverweslicher natur .. sei. Kant 2, 373 (krit. der rein. vern. 1, 2, 2, 2, 2, 3); um unser denkendes selbst wider die gefahr des materialismus zu sichern. 684; sonst jede der traurigen folgen meiner gefangenschaft konnten die götter vernichten, ... aber nicht die wahre daurende schande, die hier der innere richter, mein unparteyisches selbst, über mich ausspricht! Lessing 2, 97 (Philotas 4); mein eigentliches selbst sind meine festen entschlieszungen. Leisewitz Jul. v. Tar. 1, 5.
g) vielfach wird sogar das selbst ganz von einer person getrennt, vgl.: wenn wir einen brief, den wir unter gewissen umständen geschrieben .. haben, .. nach einiger zeit eröffnen, überfällt uns eine sonderbare empfindung, indem wir unser eignes siegel erbrechen, und uns mit unserm veränderten selbst wie mit einer dritten person unterhalten. Göthe 18, 126 (Wilh. Meister 2, 2). — ein bild, spiegelbild ist ein zweites selbst u. ähnl.: er sah zum erstenmal sein bild auszer sich, zwar nicht, wie im spiegel, ein zweytes selbst, sondern wie im portrait ein anderes selbst. 20, 142 (8, 1); von dingen: alles was da ist, erscheint, ist und erscheint nur unter einer voraussetzung: sein individueller grund, sein absolutes selbst geht ihm voraus. Novalis 3, 102 Meiszner. ähnlich von einem doppelgänger:

er starrt mit schrecken
den jüngling an, und glaubt ...
ein andres selbst, doch ein geborgtes nur,
in diesem jüngling zu entdecken.
Wieland 10, 243;

ei, was! behüt' mich gott, mein wackres selbst!
H. v. Kleist Amphitryon 3, 8.

auch sonst wird eine fremde person als das (zweite, wahre u. ä.) selbst jemandes bezeichnet, besonders ein kind: du versagtest mir ein kind; jetzt fühl' ich, warum, und freu mich, dasz ich mein eigen selbst nicht doppelt zu lieben hab'. Hebbel (1891) 1, 29 (Jud. 3);

wenn ich bedenk', dasz es mein eigen blut,
das kind, das ich im eignen schoosz getragen, ...
dasz es mein selbst, das sich gen mich empört.
Grillparzer4 4, 229 (Med. 4).

oder jemand, den man sehr liebt, ein freund, die gattin u. ä.: weil weiberchen doch immer einen guten freund oder eine gute freundin haben, die sie als ein zweytes selbst betrachten, dem sie alles vertrauen können. Lessing 10, 84;

[Bd. 16, Sp. 454]


und bin ich euer selbst
nur gleichsam, mit gewissen einschränkungen? ...
ist es nur das, so ist ja Portia
des Brutus buhle nur und nicht sein weib. Shakesp. Jul. Cäsar 2, 1.

von gott:

sei selbst! er selber will, dasz selbst du sollest seyn,
dasz du erkennest selbst, er sei dein selbst allein.
Rückert weish. d. brahm. 1, 42.


h) das bestimmende possessivpronomen bei selbst fehlt zuweilen, so dasz dieses ohne bestimmung steht, theils, wenn diese aus dem zusammenhange zu ergänzen ist, theils, wenn der zu bestimmende subjectsbegriff selbst ein ganz allgemeiner und unbestimmter ist (wie beim inf.): das böse, sündliche, verderbte, arge selbst absagen, verläugnen, creutzigen, unterbringen, tödten, rinonciare, abnegare .. il se stesso, cioè la sensualità, carnalità, l'amor proprio cattivo .. v. selbheit. das erneuerte, geheiligte selbst. Kramer dict. 2, 763c; unter der bedingung .., unter der ich sie (meine vorstellungen) allein als meine vorstellungen zu dem identischen selbst rechnen .. kann. Kant 2, 133; sieht man aber ihr dichten und trachten näher an, so stöszt man allenthalben auf das liebe selbst. 4, 27; Theano .. dasz trotz aller veränderungen mein körper und geist zwar nicht dieselbe, aber ich dieselbe, ein selbst bleibe, hängt von meinem raisonnement nicht ab ... Theophron. also liegt die überzeugung von unserm selbst, das prinzipium unsrer individuation tiefer, als wohin unser verstand ... reichet. sie haben es getroffen, Theano; als begriff und als empfindung liegt es in dem worte selbst selbst. Herder 16, 574 Suphan;

und wer dem fremden wert die brust verschlieszt,
der lebt in einem öden selbst allein.
Grillparzer5 2, 59;

sie sei die magd des knechtes, der sie freit,
statt hier auf lichter bahn, nach eignem zîel, ...
ein selbst zu sein, ein wesen, eine welt. 7, 22 (des meeres u. der liebe wellen 1);

was ist es, das den menschen so umnachtet
und ihn entfremdet sich, dem eignen selbst,
und fremdem dienstbar macht? 56 (3);

dasz, sobald wir schlummernd liegen,
wir das eitle selbst entbehren.
Platen 15b;

unbefangenheit, die glauben macht,
sie habe keinen spiegel noch gesehn,
es habe selber solches seltne selbst
nicht ahnung noch von seiner seltenheit.
Ludwig 4, 251.


i) da selbst ursprünglich nichts als eine versteinerte flexionsform ist, so ist es nicht wol seinerseits einer flexion fähig. doch hat das frühe vergessen seines ursprungs (vgl. 4) auch die folge gehabt, dasz es als substantiv flexionsendungen annimmt. so stehen denn im gen. des selbst(e)s und das unveränderliche des selbst neben einander, vgl. Andresen sprachgebr.7 31. namentlich die ältere sprache scheint jenes zu bevorzugen: das ganze system seiner ideen, welches .. bey einem filosofen den besten theil seines geliebten selbsts ausmacht. Wieland 2, 191 (Agath. 9, 2); sie (die liebe) koncentriert alle seine sympathetischen neigungen in der liebe zu einem weibe, welches die hälfte seines selbsts wird, und zu kindern, in denen er diess selbst verjüngt und vervielfältiget sieht. 7, 140 (d. goldne spieg. 2, 6); wer kommt früh zu dem glücke, sich seines eignen selbsts, ohne fremde formen, in reinem zusammenhang bewuszt zu seyn? Göthe 19, 311; aus überschätzung seines selbsts. Klinger 11, 159; vielleicht ist eben darum mein mann, der gar keine schmeicheley ertragen kann, der grösste, stolzeste schmeichler seines eignen selbsts. 248; da sie nun zum wahren .. genusz keine kraft mehr haben, so bleibt ihnen nichts mehr übrig, als sich durch erkünstelte lust selbst zu genieszen, und dann .. im genusz ihres selbsts auszutrocknen. 254; um seines selbsts willen. 336; das edelste gefühl des eignen selbstes. Schleiermacher 3, 1, 364 (monol. 2); momente, in denen unsere sterne sich rühren, und dadurch die kräfte unsres kleinen selbstes rühren und regen. Immermann Münchh. 1, 234 (2, 12). daneben gebrauchen dieselben autoren auch des selbst, wenn ein adj. dabei steht: freylich ist diese eigenliebe eine ganz vortreffliche koloristin, wenn wir in der abschilderung unsers lieben selbst auf diejenigen theile kommen, welche wir in den dunkelsten schatten zu stellen ursache haben. Wieland 3, 293 (Agath. 13, 7); mit aufopferung ihrer freyheit und ihres ganzen selbst an einen einzigen. 33, 175; wenn der tugendhafte alles besiegt hat, so rettet ihn noch der kampf mit dem gefährlichsten feinde seines innern selbst — dem stolze auf seine tugend. Klinger 11, 210; absichtlich musz sie (die selbstbetrachtung) öfter sich das ganze thun und streben und die geschichte meines selbst vergegenwärtigen. Schleiermacher

[Bd. 16, Sp. 455]


3, 1, 368 (vgl. oben); die höchste aufgabe der bildung ist sich seines transcendentalen selbst zu bemächtigen, das ich seines ichs zugleich zu seyn. Novalis 3, 92 Meiszner; beim studium unsres selbst. 103; der erste schritt wird blick nach innen, — absondernde beschauung unseres selbst. 251. — selten im plur.: wenn er (gott) nicht auszer ihnen ist, sie also zugleich als wahre selbste auszer ihm, so ist er nicht. Fichte nachgel. werke 3, 392.
6) es erübrigt, die zusammensetzungen mit selbst- in hinsicht auf bedeutung und verwendung zu betrachten. (über das formelle s. DWB I, 6.) die fügung ist in den meisten fällen der art, dasz das zweite glied einen verbalen begriff enthält, zu dem selbst im verhältnis des subjects oder des objects (häufiger letzteres) steht.
a) der einfachste ausdruck dafür ist die verbindung mit einem inf., die sehr gewöhnlich und unbegrenzter vermehrung fähig ist. so mit subjectivischem selbst: selbstbewerben, -denken, -gehen, -lesen, -regieren, -schaffen, -streben, -verdienen, -wirken, ferner z. b.: denn der poetiker hasset alles selbstarbeiten. Klopstock 12, 143; zu gründlicher weisheit ist unser Nicolai geboren, und dabey zu frohem scherz, zum selbstscherzen und zum scherzverstehen. Biester bei Göckingk leben Nicolais s. 80; der zustand des selbstsehen(s) und der menschenrechte. Claudius 6, 53; das selbstdenken und selbstwollen eines jeden einzelnen. 54; diese composita sind im allgemeinen die lockersten und unterscheiden sich zuweilen kaum von der bloszen nebeneinanderstellung, wie: selbst essen macht fett. — fester sind die verbindungen, wo selbst object ist, da hier bei getrenntem ausdruck sich selbst stehen müszte. diese gruppe ist hier seltener als jene, während sie in allen andern classen weitaus überwiegt. s. DWB selbstbedauern, -betriegen, (-bewusztsein), -erkennen, -hingeben, -vergessen, ferner selbstbelächeln unter selbsthohn. dazu: die beiden urkräfte der natur, das durstige an sich ziehen und das rege und lebendige selbst verbreiten. Schleiermacher üb. die relig. 6. in beiden gebrauchsweisen ist z. b. selbstempfinden bezeugt.
b) viel zahlreicher sind zusammensetzungen mit verbalabstracten; namentlich bilden die objectivischen die hauptmasse aller composita von selbst, s. selbstabsonderung, -abtötung, -achtung, -anschauung u. s. w. daneben subjectivisch: selbstansicht, -aufforderung, -beantwortung, -bemächtigung, -bereitung, -besuch, -gebärung, -gesetzgebung, -lebung, -regierung, -schöpfung, -taufe, -wirkung; beides neben einander: selbstanklage, -besitz, -betrachtung. auch wenn subject und object zusammenfallen, liegt zuweilen der nachdruck auf dem subject, vgl. DWB selbstabbildung, -anzeige, -ausschlusz, -befruchtung, -verlobung, -verschuldung, -verwaltung. eine besondere gruppe bilden die ableitungen von reflexiven verben, wie selbstanstrengung, -aufraffung, -aufreibung, -berühmung, -bescheidung, -bespiegelung, -überhebung, -vertagung. bei ihnen kann selbst zuweilen für einen objectsgenitiv eintreten: selbstentäuszerung, -erinnerung. neben den gewöhnlichsten bildungen auf -ung begegnen andre, so einfache stammformen: selbsthasz, -liebe, -lob,- mord, -rache, -rüge, -schau, -tadel, -verkauf, -zwang, und andre ableitungen, wie z. b.: selbstgesicht, -zucht; -versäumnis, -verständnis, sowie subjectivisch -empfängnis, -erzeugnis; -herrschaft; -denkerei, -lernerei. zuweilen steht selbst dabei im sinne eines dativs, wie in selbstanmaszung, -erlaubnis, -beichte, -hilfe, -misztrauen, -verweis, -vorwurf, -zeugnis; ähnlich auch selbstantwort. den sinn 'von selbst' hat selbst in selbstgang, -handlung, -schusz, -verlauf. — eine eigenthümliche lockerung und erweiterung der fügung bewirkt der zutritt von sich: freilich ist die besonnenheit, sichselbstfindung, in diesem zustande sehr schwer. Novalis 3, 117 Meiszner.
c) eine zweite hauptclasse bildet selbst mit den sogen. nomina agentis. so mit selbst als subject: selbstbeherrscher, -denker, -einrichter, -erhalter, -gesetzgeber, -halter, -händler, -herrscher, -stifter, -thäter, -urheber, -zahler. als object: selbstbeschreiber, -erzieher, -führer, -hasser, -heiler, -kenner, -lehrer, -mörder, -peiniger, -prüfer, -quäler, -retter, -rezensent, -richter, -schänder, -schätzer, -sterber, -verächter, -verderber, -verfolger, -verleugner, -würger. zu reflexiven: selbstrühmer. vgl. auch selbstdieb. häufig sind derartige bezeichnungen von apparaten, die eine function von selbst, selbstthätig erfüllen, s. DWB selbstentwickler, -fahrer, -kocher; reflexivisch: selbstausschalter, -beweger, -spanner, -unterbrecher, -zünder. selbst vertritt ein dativisches object in selbsthelfer, -schmeichler, eine präpositionale wendung in selbstredner (mit), selbstsieger (über). s. noch selbstlauter.

[Bd. 16, Sp. 456]



d) sehr mannigfach sind die sonstigen zusammensetzungen mit substantiven. namentlich ist J. Paul an solchen unerschöpflich; von denen nachstehend nur eine auswahl aufgenommen ist. sehr viele darunter haben nur den wert von augenblicksbildungen und curiositäten (wie selbstdrehorgel, -ehrensäule, s. unten; ferner z. b.: selbst-futterbank, -harlekin, -kerkermeister, -krummschlieszer, -lyriker, -medaille u. a.). selbst steht dabei gewöhnlich im sinne eines gen. (poss. oder obj.) und könnte in den meisten fällen mit eigen vertauscht werden, vgl. z. b. selbstadel, -ehrensäule, -feind, -freund, -kost, -leben, -person, -sache u. a. manche nähern sich den unter b besprochenen, so: selbstbiographie, -kenntnis, -kritik, -parodie, -probe u. a. vereinzelt steht selbst im sinne einer apposition, so etwa selbstknecht (und öfter bei J. Paul, z. b. in selbst-drehorgel). häufiger im sinne 'von selbst', s. z. b.: selbstfolge, -geschosz, -getriebe, -laut, -wasser. ferner für etwas, was jemand selbst gewirkt, sich selbst zugefügt hat und ähnl.: selbstpein, -plage, -qual, -reiz, -tod, -ziel, -zweck. wiederum anders in selbststand, -wirthschaft, -schach (für sich selbst, allein). fast pleonastisch in wörtern wie selbstdünkel, -gefallen (2), vgl. Grimm gramm. 2, 767.
e) in vielen fällen würden bei auflösung der zusammensetzung präpositionale redeweisen einzutreten haben, so mit an: selbstbehagen, -gefallen (1), -genügen, -glauben, -lust, -vergnügen; auf: -beziehung, -vertrauen; für: -angebinde, -arbeit, -sorge; gegen: -pflicht; in: -bestandheit, -einkehr, -verliebtheit; mit: -abgötterei, -beschäftigung, -besprechung, -frieden, -gespräch, -hurerei, -redner, -streit, -unterhaltung, -versöhnung, -zufriedenheit, -zweikampf, -zwist; nach: -sucht; über: -bekenntnis, -geständnis, -sieg, -spott, -urteil; von: -eingenommenheit.
f) auch die verbindungen mit adjectiven sind sehr zahlreich und mannigfach, vgl. Grimm gramm. 2, 654. vielfach sind nur die von ihnen abgeleiteten abstracta (häufiger) in gebrauch. selbst steht dabei vielfach in einem directen abhängigkeitsverhältnisse, so an stelle eines gen.: selbstbewuszt, -gewisz, -sicher; eines dativs: selbstgenug, und besonders in selbstgelassenheit, -gewogenheit, -gleichheit, -überlassenseit; einer präpositionalen wendung: selbstgenügsam, -zufrieden, -eingenommen(heit), -verliebt(heit), vgl. d. vielfach liegt ein verbalbegriff zu grunde: selbstzerstörerisch; häufiger mit subjectivischem selbst: selbstbeständig, -erfahren, -greiflich, -thätig, vgl. auch selbstbehilflichkeit, -wirksamkeit. selbst 'von selbst' in selbstbrüchig, -storbig, -verständlich, -wachsen. eine substantivische redeweise liegt zu grunde bei selbsthändig, = mit sein selbs hand, s. auch selbstäugicht. fast nur verstärkend steht selbst in selbstbeliebig, -eigen, -eingebildet, -frei, -mündig, -schuldig. eine eigene, characteristische gruppe bilden endlich selbstgerecht, -heilig, -klug, -weise, -wichtig, der sich selbst für gerecht u. s. w. hält.
g) den adjectiven reihen sich die participien an. die part. praes. berühren sich andrerseits wieder mit den nomina agentis, s. c. so mit selbst als subject: selbstgesetzgebend, -handelnd, -herrschend, -regierend; als object: selbstaufopfernd, -bildend, -quälend, -rächend, -verderbend; 'von selbst': selbstlautend, -redend, -sprechend, -springend, -sprossend, -wachsend, -wesend, -zündend; vgl. noch: selbstbestehend, -dünkend. auffällig ist selbstmachend für -gemacht, s. das. auch diese sehr lose fügung ist beliebiger vermehrung fähig.
h) enger verschmilzt selbst mit den part. perf. hier ist zunächst zu bemerken, dasz gerade bei dieser classe sich die form selb besser erhalten hat (so bei Luther wol noch durchweg, sogar noch bei Göthe selbgesteckt, vgl. DWB selb II, 7). aber auch das part. hat hier gern die ältere form ohne ge-, so findet sich mhd. noch selpschouwet (Parz. 148, 24) und selbmacht (bei Jeroschin), nhd. besonders selb- bez. selbstwachsen (neben -gewachsen, s. beides). die herrschende gebrauchsweise ist unregelmäszig; sie erklärt sich aus wendungen wie: wir haben dieses brod selbst gebacken — dieses brod ist (von uns) selbst-gebacken. der begriff, zu dem selbst gehört, ist also in dem ausdrucke gar nicht enthalten und musz aus dem zusammenhange ergänzt oder unbestimmt gelassen werden, so: selbsterdacht, -erdichtet, -erfunden, -erlebt, -errungen, -erwählt, -erzeugt, -gebacken, -gebaut, -geboren, u. s. w. bis -gezüchtet, -hervorgebracht, -verdient, -verkauft. die umgangssprache verwendet derartige bildungen sehr gern, also auch selbstgebraten, -gekocht, -genährt, -geschlachtet (sogar selbstgeschlachtete wurst!), -gestickt u. a. seltner ist die normale reflexivische beziehung auf eine person, die zugleich subject und object der thätigkeit ist, wie selbstbestimmt

[Bd. 16, Sp. 457]


(durch sich selbst bestimmt), -erleuchtet, -erschreckt, -gelehrt. selbst für 'von selbst' bei selbst-aufgewachsen, -geschlungen, -gewachsen, -verirrt. selbst als gen. bei den ganz adjectivischen selbstbewuszt, -vergessen. in noch anderm sinne selbstergriffen. sehr hart ist folgende fügung: mit selbverwarloster ('durch eigne verwarlosung herbeigeführter') anzundunge des geholtz. qu. bei Dief-Wülcker 852.
i) sehr merkwürdig ist die im ahd. begegnende zusammensetzung von selb- mit einem verbum finitum: selblâzan, acquiescere; selpliez, quievit; selplâz desine, tace. Graff 2, 313 (dazu als subst. selplâz, effrenatio. 316), vgl. Grimm gramm. 2, 671.

 

selbselbst
1)  so schon ahd. selbselbo, idem ipse Graff 6, 214; in gote der id ipsum (glosse: selb selbo) heîʒʒet. Notker
2)  im nhd. findet sich die verdoppelung ziemlich oft bei den schlesischen dichtern des 17. jahrh. (vgl. Adelung 4, 424), später nur ganz vereinzelt (s. e). sie erscheint in folgenden formen:
a)  als selb selbs einmal im 16. jahrh.: das grab ist lehr, sein leib ist hin, am weg er mir selb selbs erschin. Leisentrit
b)  im 17. jahrh. in der regel selbselbst, ego, tu, ille ipse Stieler 2003: zum dritten haben ja die brüder beyde sich selbselbst auff einen tag erwürget jämmerlich. Opitz 1, 166;
c)  zuweilen selbselbsten ohne unterschied: dasz billich unser tandt und hochgefaster wahn selb selbsten von sich schriebe. Opitz 2, 220; sich selbselbsten überwinden, ist der allerschwerste krieg; sich selbselbsten überwinden,
d)  eine weitere entstellung ist: Apollo hat das lied selbst selbsten auffgesetzt. Fleming
e)  so als adj. verwendet in der einzigen belegstelle aus dem 19. jh.: wer ist schöner als der, der die selbst selbste schönheit ist und der schönste unter allen menschenkindern? H. Müller
 
selbst
I.  ursprung und geschichte der form.
1)  das nebeneinander der formen selb-selber-selbst könnte es nahe legen, in diesen letzteren steigerungsformen zu sehen; diese auffassung hat in der that Grimm
2)  selbest findet sich zuerst in (ost)mitteldeutschen quellen um 1300 (passional, Ködiz, Ludwigs kreuzfahrt u. s. w.), also in demselben gebiete, wo ein jahrhundert früher selbes auftaucht. die stellen verzeichnet das mhd. wb. 2, 2, 247b. Weinhold
3)  im nhd. sind beide formen, selbest und selbst, vorhanden, doch begegnet erstere nur noch selten: du selbest wirst jren henden nicht entgehen.
4)  neben selbst bestehen die andern formen weiter. namentlich scheint in der ältesten zeit (16. jahrh.) noch selbs zu überwiegen, vgl. Schm. 2, 263. in Luthers bibelübers. steht selbst nur an 6 stellen (
5)  den lebenden hochd. (wenigstens den oberd.) mundarten scheint die bildung mit -st fremd zu sein (für Altbaiern ausdrücklich angegeben von Schm. 2, 266). dagegen ist sie im heutigen nd. allgemein verbreitet, obwol sie weder im nl. noch
6)  zahllos und beständig zunehmend sind die zusammensetzungen mit selbst- als erstem theil.
a)  bei ihnen ist in formaler hinsicht zunächst die gestalt dieses ersten gliedes zu beachten. schon im got. begegnen silbasiuneis und -viljis. in den andern germ. sprachen hat sich die einsilbige stammesgestalt festgesetzt: altn. sjalf, schwed. sjelf, dän. selv, ags. engl. self,
b)  die fügung ist manchmal eine solche, dasz sich schwer oder nicht entscheiden läszt, ob überhaupt zusammensetzung vorliegt, zumal da in ältern quellen auch in diesem falle vielfach getrennte schreibweise üblich ist. namentlich betrifft dies die bildungen mit selbs. so könnten folgende beispiele auch unter selb II,
II.  gebrauch.
1)  seinem ursprung gemäsz dient selbst zunächst als gen., vgl. dazu selb II, 4 und selber 5, c. auffälliger weise fehlen gerade hierfür mhd. belege; nhd. verzeichnet Kehrein
a)  noch heute üblich ist selbst bei dem gen. eines substantivs: dies ist der wille des königs selbst. ebenso bei dem (nicht possessiven) gen. der persönlichen fürwörter: die liebe seiner selbst. Adelung; nachdem nun Giafarn das vergangene immer deutlicher geworden war, ....
b)  für den possessiven gen. des pron. pers. tritt das pron. poss. ein. hier ist selbst noch zulässig bei prädicativer verwendung. sien sulfst werden, 'seine eigene haushaltung und nahrung anfangen'; welk mann de sines sulvest werden will. brem. goldschmiederolle, s. brem. wb. 4, 1091;
c)  in der ältern sprache auch bei attributiver fügung: wie des alles ir aigen püecher und ir selbst schriften guet zeugnus geben. Aventin
d)  bei flectiertem possessivpronomen: wan er noch daruber mit seinem selbst leibe dafur haften hette sollen. staatspap. Karls V., s. 428; das der landgraff noch daruber mit seinem selbst leibe davor hafften solte. 489; was ewer könig von mir zu wissen begert, das steht in seiner selbst willkuhr.
e)  daneben die unveränderliche form (gen.) sein selbst und ähnl.: mit sein selbst hand, das ist, mit seinem eyde. Schottel 544; bi sien sulvest halse, bei lebensstrafe. brem. wb. 4, 1091. dafür seiner selbst: wiewohl ich seiner eigenen schwester, seiner selbst
2)  selbst 'ipse' in uneingeschränktem gebrauche. da belege für die einzelnen casus schon unter selbs reichlich gegeben sind, so sollen hier besonders einige eigenthümlichkeiten hervorgehoben werden.
a)  selbst hebt das eigene, directe, persönliche thun eines menschen heraus: der kaiser eröffnete den reichstag selbst (in person), nicht durch einen vertreter. so in vielen sprichwörtern: wenn man selbst geht, betrügt einen der bote nicht. Simrock
b)  selbst in diesem sinne steht gewöhnlich hinter dem worte, auf das es sich bezieht, und hat immer höhern ton. es kann sich an ein substantiv anschlieszen: der kaiser selbst eröffnete den reichstag u. ähnl.; oder an ein pronomen: dieser selbst hat es gethan; edelleute, die ... selbst
c)  wenn selbst zu einem nom. gehört, ist gröszere freiheit in der stellung vorhanden; es kann von seinem bestimmungsworte getrennt nach art der adverbialen bestimmungen nachfolgen, oder an den anfang des satzes treten, wobei dann inversion notwendig ist: dise antwort hat doctor Martinus Luther erstlichen im latein, darnach
d)  häufig steht selbst, wenn subject und object identisch sind und beziehung zu beiden möglich ist, s. selbs 2, f. dem sinne nach gehört es in der regel näher zum object: jeder sucht sich selbst. Schottel 1132b; wer jhm selbst
e)  das wort, wozu selbst bezogen wird, ist zuweilen gar nicht ausgedrückt. dies ist notwendig der fall
α)  beim infinitiv, wobei selbst das unbestimmte subject hervorhebt: selbst backen, selbst brauen, selbst schlachten, selbst bier ò wein etc. einlegen etc. far del pane, cocer della birra, ammazzar bestie etc. istesso, cioè in casa senza comprarlo à minuto. seine kleider selbst ò selber
β)  bei einem verkürzten satze bezw. einem selbständigen satztheile, apposition und ähnl.: selbst herzlos, ohne mitgefühl, begleite sie mit ihrem schwunge des lebens wechselvolles spiel. Schiller 11, 319 (glocke v. 418). so auch: selbst richter
γ)  ähnlich in einer namentlich in der umgangssprache häufigen redeweise, die dient, einen vorwurf zurückzugeben: wolf, schrie er, was machst du mit diesem lamme? wolf selbst! versetzte Hylax. Lessing 1, 146 (fab. 2, 11); macht platz da ihr betrunkene bagage, rief der einzige nüchterne und
δ)  eine noch kühnere verkürzung zeigt folgende stelle: mir wieder selbst, von allen menschen fern, wie bad' ich mich in euren düften gern! Göthe 2, 146 (Ilmenau). hier lehnt sich selbst zwar an mir
f)  hierher gehört endlich auch das überaus gewöhnliche sprichwort selbst ist der mann. Corvinus
g)  zum prädicat tritt selbst in wendungen wie: da ihr die that geschehn lieszt, wart ihr nicht ihr selbst, gehörtet euch nicht selbst. Schiller
h)  häufig steht selbst bei präpositionalen ausdrucksweisen: an sich selbst: dasz dieses das best reformieren sei, das ein jeder an sich selbst anfenge. Opel-Cohn 375; die bürger, an sich selbst schon sehr mittelmäszige soldaten, stürzten durch ihre uneinigkeit die stadt ins verderben.
i)  besonders häufig ist die verbindung von sich selbst: von sich selbst ò selber: etwas von sich selber thun ò machen ... v. aus sich selbst. Kramer
k)  endlich tritt selbst verstärkend zu ortsadverbien, so besonders daselbst (mit betontem selbst), s. th. 2, 807—809. so schon mhd. sehr häufig selbest, aldâ selbest, s. oben I, 2 und die daselbst angezogenen stellen: der abt selbist unde sîne hern gingen
l)  von hier aus gelangt dann mundartlich selbst allein zur function eines ortsadverbs: selbst, ibidem Steinbach 2, 577, meist in den formen selb (s. das. II, 5, b), selbt, s. das. in der Schweiz dagegen als zeitadverb
3)  häufiger ist eine andre adverbiale gebrauchsweise, nämlich in dem sinne von sogar, als eine steigerung. in dieser bedeutung ist selbst, im gegensatz zu den bisher behandelten, stets schwächer betont, als das wort, zu dem es gehört, und steht gewöhnlich unmittelbar vor diesem,
4)  obwol selbst von haus aus kein superlativ ist, hat doch das sprachgefühl es früh als solchen aufgefaszt und entsprechend verwendet: der selbste ist als nebenform zu derselbe im hd. wie im nd. verbreitet; vielleicht ist es eine umbildung von selbt, vgl. daselbst. am häufigsten
5)  ungemein häufig ist die verwendung von selbst als substantiv.
a)  sie findet sich erst seit anfang des 18. jh. den ersten vereinzelten beleg dürfte Kramer
b)  älter und consequenter durchgeführt ist die substantivierung bekanntlich im engl., wo self fast nur noch in dieser fügung gesagt wird (myself, herself, ourselves, yourselves, jedoch himself, itself, themselves). doch sind diese verbindungen in der regel einerseits abgeblaszter, nachdrucksloser als im deutschen, andrerseits auf den reflexiven
c)  selbst wird in der regel mit possessivpronomen verwendet, wie ja auch das adjectivische selbst am liebsten sich an ein persönliches fürwort anlehnt. die verbindung von selbst mit dem gen. eines substantivs ist nicht belegt. mein, dein, sein, unser selbst u. s. w.: kann ich eine
d)  verstärkt durch eigen: warum kann der mensch sein eigen selbst nicht kennen? Hamann 1, 131 ('brocken' 1758); um die erkenntnisz unserer selbst zu erleichtern, ist in jedem nächsten mein eigen selbst als in einem spiegel sichtbar. 135; er empfand sein eigenes selbst nur unter
e)  besonders häufig ist selbst mit adjectivischem attribut; hier musz es auch oft für das gewöhnliche persönliche fürwort eintreten, das nicht so bequem und in der umgangssprache nur selten mit einem adjectiv verbunden wird (ich begehre nicht dein vermögen, sondern dein liebenswürdig selbst, d. h. dich selbst,
f)  das besondere selbst des einzelnen setzt sich einem allgemeinen entgegen: jeder vergasz darüber sein besonderes selbst, fühlte diess selbst nur im vaterlande. Wieland 7, 205 (der gold. spieg. 2, 9); aber vielfach erscheint das selbst des einzelnen auch nur als ein theil
g)  vielfach wird sogar das selbst ganz von einer person getrennt, vgl.: wenn wir einen brief, den wir unter gewissen umständen geschrieben .. haben, .. nach einiger zeit eröffnen, überfällt uns eine sonderbare empfindung, indem wir unser eignes siegel erbrechen, und uns mit unserm veränderten selbst wie mit
h)  das bestimmende possessivpronomen bei selbst fehlt zuweilen, so dasz dieses ohne bestimmung steht, theils, wenn diese aus dem zusammenhange zu ergänzen ist, theils, wenn der zu bestimmende subjectsbegriff selbst ein ganz allgemeiner und unbestimmter ist (wie beim inf.): das böse, sündliche, verderbte, arge selbst absagen,
i)  da selbst ursprünglich nichts als eine versteinerte flexionsform ist, so ist es nicht wol seinerseits einer flexion fähig. doch hat das frühe vergessen seines ursprungs (vgl. 4) auch die folge gehabt, dasz es als substantiv flexionsendungen annimmt. so stehen denn im gen. des selbst(e)s
6)  es erübrigt, die zusammensetzungen mit selbst- in hinsicht auf bedeutung und verwendung zu betrachten. (über das formelle s. I, 6.) die fügung ist in den meisten fällen der art, dasz das zweite glied einen verbalen begriff enthält, zu dem selbst
a)  der einfachste ausdruck dafür ist die verbindung mit einem inf., die sehr gewöhnlich und unbegrenzter vermehrung fähig ist. so mit subjectivischem selbst: selbstbewerben, -denken, -gehen, -lesen, -regieren, -schaffen, -streben, -verdienen, -wirken,
b)  viel zahlreicher sind zusammensetzungen mit verbalabstracten; namentlich bilden die objectivischen die hauptmasse aller composita von selbst, s. selbstabsonderung, -abtötung, -achtung, -anschauung u. s. w. daneben subjectivisch: selbstansicht, -aufforderung, -beantwortung, -bemächtigung, -bereitung,
 
sichselbstfindung
c)  eine zweite hauptclasse bildet selbst mit den sogen. nomina agentis. so mit selbst als subject: selbstbeherrscher, -denker, -einrichter, -erhalter, -gesetzgeber, -halter, -händler, -herrscher, -stifter, -thäter, -urheber,
d)  sehr mannigfach sind die sonstigen zusammensetzungen mit substantiven. namentlich ist J. Paul an solchen unerschöpflich; von denen nachstehend nur eine auswahl aufgenommen ist. sehr viele darunter haben nur den wert von augenblicksbildungen und curiositäten (wie selbstdrehorgel, -ehrensäule, s. unten; ferner z. b.:
e)  in vielen fällen würden bei auflösung der zusammensetzung präpositionale redeweisen einzutreten haben, so mit an: selbstbehagen, -gefallen (1), -genügen, -glauben, -lust, -vergnügen; auf: -beziehung, -vertrauen; für: -angebinde, -
f)  auch die verbindungen mit adjectiven sind sehr zahlreich und mannigfach, vgl. Grimm
g)  den adjectiven reihen sich die participien an. die part. praes. berühren sich andrerseits wieder mit den nomina agentis, s. c. so mit selbst als subject: selbstgesetzgebend, -handelnd, -herrschend, -regierend; als object: selbstaufopfernd, -bildend, -quälend, -
h)  enger verschmilzt selbst mit den part. perf. hier ist zunächst zu bemerken, dasz gerade bei dieser classe sich die form selb besser erhalten hat (so bei Luther wol noch durchweg, sogar noch bei Göthe selbgesteckt, vgl.selb II, 7).
i)  sehr merkwürdig ist die im ahd. begegnende zusammensetzung von selb- mit einem verbum finitum: selblâzan, acquiescere; selpliez, quievit; selplâz desine, tace. Graff 2, 313 (dazu als subst. selplâz, effrenatio. 316), vgl. Grimm