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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
nagen bis nägewitzbirn (Bd. 13, Sp. 270 bis 275)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) nagen, verb. rodere. altn. naga, ahd. nagan, mhd. nagen, conjugiert wie tragen, theilweise noch im 16. jh.: präs. er näget, negt S. Frank paradoxa (1534) 71a, laster der trunkenheit fol. 3. H. Sachs 5, 10, 17 K.; prät. du nugst 5, 10, 30; partic. genagen 5, 80, 20. — das wort gehört zur wurzel nagh kratzen, stechen, bohren (wovon sanskr. nagha die krätze, nix bohren, stechen, griech. νύχμα stich u. s. w.) Fick2 107. 781. vgl. genagen, gnagen, knagen.
Die ursprüngliche bedeutung kratzen, stechen, bohren (s. DWB nagel und unten I, 2, d) hat sich eingeschränkt auf: mit den zähnen (nagezähne der thiere, schneidezähne des menschen), auch mit dem schnabel von einem festen körper nach und nach los- und abschaben, kiefen, mühsam abbeiszen, dann verallgemeinert: beiszen, kauen. öfter verbunden mit einem synonymen verb.
I. intransitiv.
1) in eigentlichem sinne von thieren und menschen:

hört hört, der negt gleich wie ein maus.
H. Sachs 5, 10, 17 K.;

wer wil lang nagen, der hält warm den kragen. Petri 2, 760 bei Wander; da sich sein weib .. beklagte, dasz er sich alle tag anfresse und vollsauffe, sie aber weder zu nagen noch zu beiszen habe. fliegenwadel 23; das alter hat keinen andern schutz den eszen und trinken, da können sie den ganzen tag nagen und kiffen, dasz sie ihr alter trösten mit ihren mümpfelen. Schottel 1124a. mit einer präposition: ein hund, der an seinem bein nagt, kennt keinen freund. Lehmann 122; an den nägeln nagen, rodere ungues Stieler 1323; an den fingern nagen s. th. 3, 1655; die vögel nagen an den ästen, aves ramos adrodunt. Steinbach 2, 101; schon nagt sie (die schlange) auf der krampfigt gewordenen brust und flöszt das unheilbare gift in sein herz. Geszner 1, 170;

die schlechtsten früchte sind es nicht,
woran die wespen nagen.
Bürger 77a;

an dem gebisz
sieht ungeduldig man die renner nagen.
Freiligrath (1870) 1, 84;

sie finden rauchende ruinen ..
und hunger (die hungrigen) nagt in ihnen
am letzten brod.
Uz (1768) 1, 271.


2) uneigentlich.
a) mit persönlichem subject.
α) woran nagen: am hungertuche nagen, hunger leiden, fasten; die handwerksleut das miserere sangen und am hungertuche nagten. Simplic. 2, 671, 28. andere beispiele th. 42, 1950; am kummertuche nagen, vitam agere miseram. Steinbach 2, 101. s. th. 5, 2610. sich unablässig womit beschäftigen, abquälen mit: er nagte an dem gedanken, wie und woher es käme, dasz .. der edle mann unterdrückt, vernachlässigt sei. Klinger 3, 6; damals aber .. da ich als neuling an diesen gegenständen

[Bd. 13, Sp. 271]


(homerischen forschungen) nagte, waren meine zweifel wenig gegen das, was sie in der folge wurden. F. A. Wolf briefe an Heyne (1797) 7. an sich nagen, mit trüben gedanken, vorwürfen u. dgl., die zehrend wirken, sich abquälen: du nagst mit solchen grillen an dir selber. Göthe 10, 110;

drei tag und nächte lag ich verzagend,
im grimmen zorn am eignen herzen nagend.
Chamisso (1872) 2, 124.


β) nagend zusetzen, vorwürfe machen, keifen: wenn seine ehefrau anfing zu nagen und zu beiszen, nahm er die pfeifen .. und pfiff getrost. Luther br. 4, 558; von der personificirten leidenschaft und begierde:

kein innerlicher feind nagt unter euren brüsten ..
euch überschwemmt kein strom von wallenden gelüsten.
Haller ged. 50.


b) nagender wurm am finger, s. unter nagelschwärung. leidenschaft, sorge, gram, nachreue, schlechtes gewissen wirken wie ein nagender wurm: ein hoch aufgeschossener jüngling, an dessen blüthe noch kein wurm genagt hatte. Wieland 27, 78; sorge? dieser wurm nagt mir zu langsam (am leben des alten Moor). Schiller 2, 58 (räuber, schausp. 2, 1); bei .. dem nagenden wurm der nachreue. Voss antisymb. 1, 224; das nagende würmlein des gewissens. Amadis 27; böses gewissen ist ein nagender wurm. Stieler 1324; ich bringe nicht allein einen bösen namen darvon, sondern auch einen nagenden wurm und böses gewissen. Widmann Fausts leben 591 K.
c) von sinnlichen gegenständen, die zerstörend, verkleinernd, ätzend wirken: sein (des feigenbaumes) saf und asch nagent und durchpeiʒent. Megenberg 323, 1; sein sâm (mohn) negt auch in vil sachen. 414, 8; der funke nagt ein wenig am pulver (einer mine), plötzlich reiszet er einen ungeheuren flammenrachen auf. J. Paul Titan 3, 169; das meer nagt an den ufern. Kant 9, 17;

dasz morgenthau an zarten wangen nage,
ist ausgemacht.
Wieland 18, 176.


d) von bohrenden leibschmerzen: colera (ruhr), diu in dem leib negt. Megenberg 342, 11. auch von einem starren, bohrenden blick: verscheuche diesen starren, in sich nagenden blick. Klinger 1, 3.
e) von neid und misgunst:

der giftgeschwollne neid nagt an des nachbarn gut.
Haller ged. 49;

schon nagt an mir minder des neides zahn.
Herder 11, 5;

mit dativ der person: doch manchem nagt auch neid in der seele. Freytag ahnen 1, 45.
f) von andern abstracten, die am äuszern oder innern menschen zehrend und aufreibend wirken, ihn dahinsiechen machen oder eine anhaltende, beunruhigende und peinigende empfindung in ihm erwecken.
α) körperlich, von hunger, mangel, elend, alter, krankheit, vergänglichkeit und tod:

es quälte sie nagender hunger.
Voss;

entsetzlich nagt der hunger
(vorher: es plagt sie sehr der hunger).
Chamisso (1872) 1, 180;

arm kann die liebe sich bei wenig glücklich schätzen,
bedarf nichts auszer sich, als was natur bedarf,
den lebensfaden fortzuspinnen;
doch fehlt auch diesz, dann nagt der mangel doppelt scharf.
Wieland Oberon 7, 85;

das lange kerkerelend
nagt an meinem leben.
Schiller 12, 407 (M. Stuart 1, 2);

an ihm nagt ein frühes alter, eine schleichende krankheit, der zahn der zeit u. dgl.; die vergänglichkeit nagt auch an den vollkommensten naturen. Kant 8, 375; in seinem 22. jahr wo der bücherfleisz noch nicht angefangen hatte, an seiner naturkraft zu nagen. Pestalozzi 5, 79;

ich fühle mehr und mehr die kräfte schwinden,
das ist der tod, der mir am herzen nagt.
Chamisso 2, 153.


β) innerlich, von nachreue und gewissen, von nachwirkender rede und erinnerung, von angst und sorge, kummer und gram, zweifel, neid, leidenschaft u. s. w.: mhd.

swie lange diu gewiʒʒen neget. kindheit Jesu 116, 17;

nhd. das nagende gewissen, conscientiae morsus Steinbach 2, 101; immerwährende angst und nagendes gewissen werden dein angesicht und deine geberde bezeichnen. Geszner 1, 173; ich wünsche ihren nagenden kummer zu lindern. Gotter 3, 29; nahrungssorgen sind wohl die nagendsten sorgen, die man haben kann; vorausgesetzt wenn man kinder hat. mad. König bei Lessing 13, 408;

[Bd. 13, Sp. 272]


ich selbst erfahrs, wie sehr das nagt (schmerzt).
Gökingk 1, 123;

wo nagende begierd und falsche hoffnung wallt.
Haller ged. 140;

mit einer präposition nebst oder ohne dativ der person:

denn an der seele nagt mir die red und du hast mich gefodert.
Voss Od. (1781) 8, 185;

ein gram, der, ob ich gleich des glückes sinnbild trage,
an meinem innern nagt.
Gotter 2, 16;

andre sorgen nagen
an meiner ruhe.
Schiller 5, 250 (don Carlos 2, 10);

du, schaffe des grames ende,
der meinem herrn am herzen nagt.
Chamisso (1872) 1, 45;

nein! länger soll der schlangenbisz des zweifels
nicht mir am herzen nagen. 2, 167;

oh mir nagts am herzen! Lenz 1, 181; so viel ich merken konnte, nagte eine unglückliche leidenschaft an seinem herzen. Kotzebue dramat. sp. 2, 320.
II. transitiv, woran nagen, etwas benagen, verallgemeinert: beiszen, kauen.
1) in eigentlichem sinne.
a) von thieren, besonders nagethieren: mhd.

si (heuschrecken) ngen unde vrâʒʒenswaʒ hete verlâʒʒen
der hagil unde der schour. Milstäter exodus 148, 31;

die (mäuse) jene wurzen nuogen sô,
daʒ der stûden kraft zergienc. Barlaam 119, 22;

ir (zähne) wære einem hunde nôt,
der bein nüege vür daʒ brôt. krone 19697;

vor zorn nuoc er (der löwe) die keten. 13245;

die krebʒ .. nagent dan der sneken flaisch. Megenberg 256, 12; nhd. die miuse ngent sîn lebende fleisch. Königshofen 645, 20;

kaum nun ihr (schäflein) die kräuter naget,
kaum euch schmecket gras und weid.
Spee trutzn. 205 B.;

keine rippe konnt ich (fuchs) erlangen, sie wäre denn gänzlich
glatt und trocken genagt.
Göthe 40, 69;

nachbarlich dort im schatten des flieders
nagte des festmahls knochen Packan (der hund).
Voss Luise 1, 15;

dasz ... kein knoch mehr zu nagen ist in der ganzen rundung. Schiller 2, 32 (räuber, schausp. 1, 2);

da nichts ihn (hirsch) mehr verscheuchen kann,
fängt er den stock (weinstock) zu nagen an,
bricht und entblättert zweig und reben.
Hagedorn 2, 30;

als nun Hinze der kater in seiner noth sich allein sah,
faszt' er aus liebe zum leben den strick und nagt' ihn behende.
Göthe 40, 44;

bücherhauf,
den würme nagen. 12, 31;

und herrn und fraun am hofe
die waren sehr geplagt ...
gestochen und genagt (vom floh). 12, 111;

wie der bär die pfote nagt.
Platen (1847) 2, 42;

nagen aus, durch nagen woraus befreien, herausnagen: der löwe hats doch so dumm nicht gemacht, dasz er die maus pardonierte? .. wer hätt ihn auch sonst aus dem garne genagt? Schiller 3, 89 (Fiesko 3, 4).
b) von menschen: er hat weder etwas zu nagen noch zu beiszen. Wander sprichw. 3, 865; darin waren vil selen, die nugen und aszen ir selbs zungen. heiligen leben (1472) 6b;

wann wir haben versaumpt das gut wildpret
und müssen nun nagen neur pain und gret. fastn. sp. 648, 10;

ja er must im auch an einer ketten unter seim tisch ligen, bei den hunden die bein zu nagen. Fischart bienenk. 125a;

dasz wir für hunger und elend schier
nagen müssen die eigenen knochen.
Schiller 12, 14;

du mit den knechten der stadt nagst knappe beköstigung lieber (urbana diaria rodere mavis).
Voss Hor. epist. 1, 14, 40;

mit einem ein bein nagen, an demselben knochen mit ihm nagen, etwas mit ihm gemeinsam haben, theilen müssen:

ich meint, das ichs (das weib) alleinig hatt,
do hat sie noch vil ander narren ..
kein red half mich, kein früntlich sagen,
ich mst mit andern beinlin nagen.
Murner narrenb. 26, 12;

die nägel (s. DWB nagel I, 1, k), die lippen nagen aus ungeduld, unmut, ärger u. dgl.:

da nagten sich Here und Pallas Athene die lippen.
Bürger 212b (Il. 4, 20);

die finger nach etwas nagen, wie lecken:

die (eier) wolt ich in ein smalz schlagen,
so wurden die pauren die finger nach nagen. fastn. sp. 212, 26,

[Bd. 13, Sp. 273]



2) in uneigentlichem sinne.
a) mit persönlichem subject und sachlichem object:

des nechsten glück das bracht dir (dem neidischen) schmertz.
also nugst du dein aigen herz.
mich wundert, das der gelb unflat (neid)
dein hertz dir nit abgfressen hat.
H. Sachs 5, 10, 30;

ieder, der ausz schwarzer tücke
nagt des andern redlich glücke.
Logau 2, 2, 3.

mit persönlichem object, unablässig quälen, plagen, peinigen, schinden: mhd.

die vogte arme liute nagent,
so sie nâch ir guote jagent. Renner 9224;

nhd. sie ligen in der helle wie schafe, der tod naget sie. ps. 49, 15; dann so er uns umb die sünd küpplet, näget und straffet. S. Frank paradoxa 71a; bisz sie das arm volk bisz auf die würtz nagen. kriegbüchlein des frides 100; die lüt mit wucher nagen. Murner narrenb. 67 überschrift.im innern verletzen, ärgern: Taubmann wolte nicht, dasz einiger mensch durch seine reden .. genaget werden sollen. Brandt bericht vom leben Taubmanns 20;

ach, ich hett vor ein altes weib,
die küeffelt und naget mein leib (mich),
das ich schir gar schwindsichtig war.
J. Ayrer 2391, 6 K.;

Stichus hat ein böses weib, wil sie willig nur vertragen ..
da ihn sonst ein frisches weib werde frisch aufs neue nagen.
Logau 3, 3, 27;

mit necken und manchen schelmereien
wirst ihn bald nagen, bald erfreuen.
Göthe 13, 131.


b) von sinnlichen gegenständen, wie bei I, 2, c: swäm, die den menschen in dem leib nagent. Megenberg 341, 3; des pfeffers pulver negt daʒ übrig flaisch auʒ den wunden. 373, 20; der dunst negt daʒ getraid. 87, 7; der rost nagt das eisen u. ä.;

felder, um die der stumme Liris rollt,
der sie mit stillem wasser naget.
Hagedorn 3, 5;

wo am Frieseninselstrande
zornig nagt die nordseewoge.
F. W. Weber Dreizehnlinden 58;

mit angabe der richtung:

und es nagen in die herzen
tiefer ihre spur die thränen.
Lenau (1880) 1, 277.


c) von abstracten, wie bei I, 2, f.
α) mit sachlichem objecte:

da pracht und üppigkeit der länder stütze nagt.
Haller ged. 23;

(wenn der tadel) deinen lorbeer nagt.
Gotter 1, 120;

mit verdrusz, der mein vergnügen nagte.
Göthe 7, 14.


β) mit persönlichem oder auf das innere der person gehenden objecte (herz, brust u. s. w.), unablässig quälen, plagen, peinigen, kümmern.
αα) körperlich: ihn nagt der hunger, das elend, die krankheit u. s. w., wie an ihm nagt der hunger; wenn den löwen kein hunger nagt. Schiller 10, 377.
ββ) innerlich: dein eigen herz und conscienz die nagen dich, stechen dich du wöllest oder nit. Keisersberg narrensch. 95a; das bös gewiszen negt allzeit den weinknecht. S. Frank laster fol. 3;

hilf dem sohne deiner magd,
welchen furcht und schrecken nagt.
S. Dach 184 Öst.;

die sorgen, so mich nagen
und schon lang gequält.
Brockes 1, 439;

schmertz,
der mein armes hertze nagt.
Besser 611;

sie jedoch, um die der schmerz mich nagt,
kümmerts nicht, wenn meine lippe klagt.
Platen (1847) 1, 12;

bald hing er bleich sein haupt ..
genagt von innerm gram und hoffnungsloser liebe.
Gotter 1, 143;

euch wird es, wenn euch kummer nagt,
auch nicht an tröstern fehlen.
Gökingk 1, 88;

denn kein zweifel wird dich nagen. 1, 138;

ihr mann, den die eifersucht nagte.
Hagedorn 2, 88;

denn die eifersucht
nagt ihre brust wie eine krankheit, die
wir nicht vermögen auszutreiben, nicht
ihr zu entfliehn.
Göthe 10, 303;

keine thräne soll ihn pressen,
keine reue nage ihn.
Schiller 4, 3;

das seltsame geheimnis, das sie nagt.
Wieland Oberon 4, 50;

der unmuth nagte den könig noch. Dahlmann dän. gesch. 1, 282; eins nagte den guten könig: er muszte sich mit seinem christenthum stille halten. 2, 91; aber was mich nagt (ärgert)

[Bd. 13, Sp. 274]


ist das, dasz ich überall nichts sehe, nichts höre, als diese kindereien. Lessing 10, 294; alsdann nagte unter tausend andern sorgen diese mein herz am schmerzlichsten. 11, 2, 533 Hempel. mit dativ der person:

mir nagt die eifersucht so gut das herz, wie dir.
Göthe 7, 36;

nagen an:

dasselb (schande) si an irem herzen negt. fastn. sp. 300, 1;

gedenkt ider: het ich mein gelt wider!
solchs negt in dann an seinem herzen. 383, 37;

ich habe unrecht gegen ihn, und mich nagts am herzen, dasz er es so lebendig fühlt. Göthe 8, 191; nagen mit:

weil mit geheimen bissen
kein gram den stillen busen nagt.
Gotter 1, 174;

ach! jeder schmerz, jedes elend, das ihr duldet, nagt mich mit doppeltem schmerz. Geszner 1, 116.
III. reflexiv.
1) sich plagen, abquälen, kümmern, bekümmern:

die werden dir noch so viel sagen,
dasz du dich wirst im herzen nagen.
Fischart nachtrab 1850;

demnach ich sah, wie ir euch naget,
all tag mit kummer frett und plaget. Garg. 1b;

der kann sein leid vergessen,
der es von herzen sagt;
der musz sich selbst auffressen,
der in geheim sich nagt.
S. Dach 707 Öst.;

sich nagen mit einem: wir haben uns mit dem teufel zu plagen und zu nagen. Luther tischr. 284b; um einen: was bin ich für ein thörin, dasz ich mich um ein enthaupten also nage. Wirsung d 3b.
2) sich zanken, streiten:

neulich als sie wahrgenommen,
dasz wir zwistig uns genagt.
Rückert 386.


 
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nagen, n. das nagen.
1) eigentlich:

ir (der mäuse) nagen daʒ hât ende niht. Barlaam 119, 27;

ihr (der nagethiere) genusz ist vielfach, einige sind auf animalische nahrung begierig, auf vegetabilische die meisten, wobei das nagen als ein schnopperndes vorkosten und auszer dem eigentlichen sättigungsgeschäft ... zu betrachten ist. Göthe 55, 322; so vereinigen diese zähne (der nagethiere) alles erforderliche, um dem ungeheuren kraftaufwande, welchen das nagen beansprucht, gewachsen zu sein. Brehm thierl. 2, 60.
2) übertragen und bildlich: denn das nagen der gewüssen laszet einem solchen menschen nit rûwe. Keisersberg seelensp. 68a; da fand er sie eben geberen ein kind, us welchem in ouch ein gröszeres nagen begriff. Terent. deutsch (1499) 145a; ein ewigs nagen, kummer, leid. Kohlrosz D 4a;

obwol du hast ein heimlich nagen,
verdruck das in deinem magen.
G. Wickram kunst zu trinken I B 3b;

nicht der verwesung nagen und duft
entehre das schöne gedächtnis!
Immermann 1, 139;

mir ist es klar, ich sehs im licht der flamme,
die mir das herz verbrennt mit wildem nagen.
Lenau (1880) 1, 83;

ich trag im herzen eine tiefe wunde ..
ich fühl ihr rastlos tiefres nagen. 1, 194;

ein süszes nagen nahm mein herz auseinander wie zum sterben. J. Paul Titan 2, 58.
 
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nagenkraut, s. DWB neunkraut.
 
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nagenranft, m. imperativische bildung nage den ranft, nage die brotrinde.
1) der hunger, der hungerleider: wo nagenranft uberhand gewint, da hat stärke ausgedient. Fischart Garg. (kloster 8, 408).
2) geizhals, knicker, knauser, als fingierter name schon in den fastn. sp. 445, 37;

also die kargheit dich vexirt,
du bist und bleibst ein nagenranft.
H. Sachs 3, 31, 36 K.;

und bist bei iederman unwerd,
haist dich ein filtz und nagenranft. 4, 42, 19;

wer nicht, wie er, sein gut verprasset,
wirt von im verspott und verhasset,
er sei ein filtz und nagenranft. 5, 79, 20;

schad ists, das ir erschlagen seit
mit disem alten nagenranft (vorher wucherischer geltwurm).
J. Ayrer 2262, 32 K.;

kompt er in eine disputation und harte unterredung wider die kargen filze, nagenranfte und geizige Eucliones, welche

[Bd. 13, Sp. 275]


er lauser und karge hunde nennet. Mathesius Syrach 1, 86b; der karge filtz und nagenranft. Simplic. 1, 344, 13 var. K.; schwäb. der nagenranfte, der an jedem ränftchen brot nagt, der gierige, geizige. Schmid 424.
 
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nagenranftig, adj. filzig, knauserig: karge hunde werden die geizigen nagenranftigen Eucliones genennet. Mathesius Syrach 1, 86b.
 
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nager, m.
1) einer der nagt, abnagt Stieler 1324; besonders ein nagethier (glis) Brehm thierl. 2, 59 ff.: die nager sind .. höchst merkwürdig gebildet. scharfes, aber geringes erfassen, eilige sättigung, auch nachher wiederholtes abraspeln der gegenstände, fortgesetztes fast krampfhaft leidenschaftliches, absichtslos zerstörendes knuspern. Göthe 55, 318;

nacht umschweigt mein krankenlager;
an der morschen diele nur
reget sich der kleine nager.
Lenau (1880) 1, 120;

auch von nagenden käfern: der nager, scarabaeus horticola Nemnich 2, 1236. Stalder 2, 229.
2) bildlich zu nagen I, 2, f, β:

der himmel mag vor deinen gram sich lagern,
all seine götterkräfte lasz erglühn,
dasz er die seele dir von ihren nagern
rein schaffe und sie wieder mache blühn.
Lenau 1, 52.


3) etwas woran man nagt oder nagen musz. tirol. der nager, ein pfirsich fester art, dessen kern sich nicht von selbst ablöst. Schöpf 457.
 
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nagergeschlecht, n. geschlecht der nagethiere: überdenk ich nun das nagergeschlecht, dessen knochengestalt, mit angedeuteter äuszerer hülle, meisterhaft auf das mannichfaltigste gebildet vor mir liegt; so erkenn ich, dasz es zwar generisch von innen determinirt und festgehalten sei, nach auszen aber zügellos sich ergehend, durch um- und umgestaltung sich specificirend auf das allervielfachste verändert werde. Göthe 55, 318.
 
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nagerin, f. foemina derodens Stieler 1324.
 
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nageschnabel, m.: die nageschnäbel (trogones), eine zahlreiche über die wendekreisländer .. verbreitete familie, kennzeichnen sich durch gestreckten, aber reich befiederten leib, sehr kurzen, breiten, dreieckigen, stark gewölbten schnabel mit hackiger spitze. Brehm thierl. 4, 182.
 
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nagethier, n. ein thier aus dem geschlechte der nager (glires) Göthe 55, 317 ff.; bildlich vom zweifel:

das heilige tau des glaubens ist zerrissen,
das diese welt an ihren gott gebunden,
vom nagethier, dem zweifel, überwunden,
vom zahn der höllenratte abgebissen.
Lenau (1880) 2, 225.


 
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nägewitzbirn, f. eine art kleiner birnen Hohberg 1, 429b; österreich. nagewizbirn Castelli wb. 205, ged. (1828) 70. 195.

 

nagen
I.  intransitiv.
1)  in eigentlichem sinne von thieren und menschen: hört hört, der negt gleich wie ein maus. H. Sachs 5, 10, 17 K.; wer wil lang nagen, der hält warm den kragen. Petri 2, 760 bei Wander;
2)  uneigentlich.
a)  mit persönlichem subject.
α)  woran nagen: am hungertuche nagen, hunger leiden, fasten; die handwerksleut das miserere sangen und am hungertuche nagten. Simplic. 2, 671, 28. andere beispiele th. 42, 1950; am kummertuche nagen, vitam agere miseram. Steinbach 2, 101. s. th. 5, 2610.
β)  nagend zusetzen, vorwürfe machen, keifen: wenn seine ehefrau anfing zu nagen und zu beiszen, nahm er die pfeifen .. und pfiff getrost. Luther
b)  nagender wurm am finger, s. unter nagelschwärung. leidenschaft, sorge, gram, nachreue, schlechtes gewissen wirken wie ein nagender wurm: ein hoch aufgeschossener jüngling, an dessen blüthe noch kein wurm genagt hatte. Wieland 27, 78; sorge? dieser wurm nagt mir zu langsam (am leben des
c)  von sinnlichen gegenständen, die zerstörend, verkleinernd, ätzend wirken: sein (des feigenbaumes) saf und asch nagent und durchpeiʒent. Megenberg 323, 1; sein sâm (mohn) negt auch in vil sachen. 414, 8; der funke nagt ein wenig am pulver (einer mine),
d)  von bohrenden leibschmerzen: colera (ruhr), diu in dem leib negt. Megenberg 342, 11. auch von einem starren, bohrenden blick: verscheuche diesen starren, in sich nagenden blick. Klinger 1, 3.
e)  von neid und misgunst: der giftgeschwollne neid nagt an des nachbarn gut. Haller
f)  von andern abstracten, die am äuszern oder innern menschen zehrend und aufreibend wirken, ihn dahinsiechen machen oder eine anhaltende, beunruhigende und peinigende empfindung in ihm erwecken.
α)  körperlich, von hunger, mangel, elend, alter, krankheit, vergänglichkeit und tod: es quälte sie nagender hunger. Voss; entsetzlich nagt der hunger (vorher: es plagt sie sehr der hunger). Chamisso (1872) 1, 180
β)  innerlich, von nachreue und gewissen, von nachwirkender rede und erinnerung, von angst und sorge, kummer und gram, zweifel, neid, leidenschaft u. s. w.: mhd. swie lange diu gewiʒʒen neget.
II.  transitiv, woran nagen, etwas benagen, verallgemeinert: beiszen, kauen.
1)  in eigentlichem sinne.
a)  von thieren, besonders nagethieren: mhd. si (heuschrecken) ngen unde vrâʒʒenswaʒ hete verlâʒʒen der hagil unde der schour.
b)  von menschen: er hat weder etwas zu nagen noch zu beiszen. Wander
2)  in uneigentlichem sinne.
a)  mit persönlichem subject und sachlichem object: des nechsten glück das bracht dir (dem neidischen) schmertz. also nugst du dein aigen herz. mich wundert, das der gelb unflat (neid) dein hertz dir nit abgfressen hat.
b)  von sinnlichen gegenständen, wie bei I, 2, c: swäm, die den menschen in dem leib nagent. Megenberg 341, 3; des pfeffers pulver negt daʒ übrig flaisch auʒ den wunden. 373, 20; der dunst negt daʒ getraid. 87, 7; der rost nagt das eisen
c)  von abstracten, wie bei I, 2, f.
α)  mit sachlichem objecte: da pracht und üppigkeit der länder stütze nagt. Haller
β)  mit persönlichem oder auf das innere der person gehenden objecte (herz, brust u. s. w.), unablässig quälen, plagen, peinigen, kümmern.
αα)  körperlich: ihn nagt der hunger, das elend, die krankheit u. s. w., wie an ihm nagt der hunger; wenn den löwen kein hunger nagt. Schiller 10, 377.
ββ)  innerlich: dein eigen herz und conscienz die nagen dich, stechen dich du wöllest oder nit. Keisersberg
III.  reflexiv.
1)  sich plagen, abquälen, kümmern, bekümmern: die werden dir noch so viel sagen, dasz du dich wirst im herzen nagen. Fischart
2)  sich zanken, streiten: neulich als sie wahrgenommen, dasz wir zwistig uns genagt. Rückert 386.
 
nagen
1)  eigentlich: ir (der mäuse) nagen daʒ hât ende niht.
2)  übertragen und bildlich: denn das nagen der gewüssen laszet einem solchen menschen nit rûwe. Keisersberg
 
nagenranft
1)  der hunger, der hungerleider: wo nagenranft uberhand gewint, da hat stärke ausgedient. Fischart Garg. (kloster 8, 408).
2)  geizhals, knicker, knauser, als fingierter name schon in den fastn. sp. 445, 37; also die kargheit dich vexirt, du bist und bleibst ein nagenranft. H. Sachs 3, 31, 36 K.; und bist bei
 
nager
1)  einer der nagt, abnagt Stieler 1324; besonders ein nagethier (glis) Brehm
2)  bildlich zu nagen I, 2, f, β: der himmel mag vor deinen gram sich lagern, all seine götterkräfte lasz erglühn, dasz er die seele dir von ihren nagern rein schaffe und sie wieder mache blühn.
3)  etwas woran man nagt oder nagen musz. tirol. der nager, ein pfirsich fester art, dessen kern sich nicht von selbst ablöst. Schöpf 457.