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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gräte bis gräten (Bd. 8, Sp. 2048 bis 2050)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gräte, f.? das nur im plural belegte wort steht mit seiner bedeutung 'geld' neben häufigerem kröte (vgl. t. 5, sp. 2419, s. v. kröte 4). beides volksetymologisch-scherzhafte entstellungen des md. plurals gröschen (vgl. t. 4, 1, 6, sp. 448)? die volksetymologische beziehung auf gräte dürfte im hinblick auf wendungen wie nicht eine, keine gräte, nicht ein, kein grat (vgl. 1gräte A 1 c β u. 1grat A 1 d β) erfolgt sein: er nimmt seine paar gräten (schles.); im volksmund vorherrschend: kröten — seine wenige baarschaft, seine geringen habseligkeiten Wander sprichw.-lex. 2, 128; Rother schles. sprichw. 414b; dos ech die wortezeit gut ausgenetzt und a poor greten gald zunondergebattelt ho Lowag ges. schr. 15, 175; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 436b; pl. kreetn geld (in dieser bedeutung besonders in Thüringen, Sachsen und Schlesien üblich) Teuchert a. d. neumärk. wortschatz in: zs. f. dt. maa. (1909) 135. hierher auch?: an einem decanat der philosophischen facultät ist wahrlich nichts gutes als die gräten, nämlich das materielle (1837) Lachmann in: briefw. 2, 884 Leitzm.
 
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gräte, f., s. DWB grede teil 4, 1, 6, sp. 2.
 
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gräte, f., s. DWB grete teil 4, 1, 6, sp. 198.
 
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gräte, n., s. DWB geräte teil 4, 1, 2, sp. 3564ff.
 
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grateisen, n., älter auch gratheisen. eigentlich geradeisen, ein ziehmesser mit ger ader klinge (vgl. teil 4, 1, 2, sp. 3556), im gegensatz zum krummeisen (vgl. teil 5, sp. 2456). die falschen schreibungen grat- und gratheisen, wohl in anlehnung an werkzeugnamen wie grathobel und gratsäge (s. jeweils d.), seit Adelung und (über Sanders und Heyne) bis ins 20. jh. hinein: 'gratheisen, ... bey den faszbindern, ein eisen, die reife auszuschneiden' Adelung versuch 2 (1775) 781; grateisen Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 1, 310.
 
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gratel, subst., s. DWB gradel sowie 1grattel, 2grattel, 3grattel.
 
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grätel, n., s. grätlein.

[Bd. 8, Sp. 2049]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gräteln, grateln, gratteln, vb. , iterative weiterbildung zu gräten, graten (s. d.). das wort überschneidet sich anscheinend mit einer reihe gleich oder ähnlich lautender bildungen, die nicht mit sicherheit voneinander zu scheiden sind. möglicherweise werden die unter 3 und besonders unter 4 erscheinenden bildungen von denen unter 1 und 2 zu trennen sein. umgelautete formen finden sich unter 1 namentlich wmd., unter 3 und 4 im schweizer. der inlautende dental erscheint unter den bedeutungen 1 und 2 wmd. überwiegend als -d-, bzw. -dd- im rhein., als -tt- alem. und kärnt., steir. dagegen gradeln. nach vorausgegangener synkope, die allgemein anzutreffen ist, zeigt hess. grällen Crecelius oberhess. wb. 433 regressive assimilation. zu anklingenden verben mit -g- vgl. s. v. grageln. — das wort erscheint schriftsprachlich seit dem 16. jh., wohl immer nur auf mundartlicher grundlage. im 19. jh. verweisen die hochsprachlichen wbb. allgemein auf grätschen (s. d.), doch ist das wort, namentlich in obd. und wmd. maa., lebendig geblieben. über das etymol. verhältnis zu dem bair. entsprechenden graiteln Schmeller-Fr. 1, 1016 vgl. unten zu gräten.
1) 'spreizen', namentlich 'die beine spreizen', auch 'spreizbeinig gehen', seit dem 16. jh. wmd. und vor allem schwäb. elsäss., für die lebenden maa. auszerdem noch kärnt. und steir. nachgewiesen: die mit jren aufgeplasenen pfeiferbacken und dem faiszten grosen wanst wie das ungarisch viech daher äntenmäszig wackelt und grattelt Fischart podagr. trostb. (1577) C 8b; wenn ein pferdt pariret wird, und dasselbe in der parade sich mit seinen schenckeln gradeln erweiset, sich damit zu weit von einander thut Danup beschr. e. wolabgericht. pferdes (1624) 27; varicari ... die beine weit voneinander setzen, gräteln Corvinus fons lat. (1646) 935; daz man die schänckel fein lerne von einander grattelen vnd nicht hereintrette wie die zimperliche jungfrawen Moscherosch gesichte (1650) 2, 257; (di)varicare grattlen, die füss weit von einander setzen (1673) bei Fischer schwäb. 6, 2065; gräten, gratteln, et grätschen, it. grätelen et greitlen, ... metonym. distendere pedes, divaricare Stieler stammb. (1691) 691; gräteln Frisch nouv. dict. (41730) 2, 270; gräteln, grätschen Schrader dt.-frz. 1, 570; graddeln ... die beine beim gehen weit auseinandersetzen rhein. wb. 2, 1338; gradeln, grällen die beine spreizen, auch übertragen auf die ausbreitenden äste des baumes, z. b. die bêm dëi saiñ so stolz gegrällt Crecelius oberhess. 433; grattlen ... mit gespreizten beinen gehn Martin-Lienhart elsäss. 1, 284a; Fischer schwäb. 3, 806; gráttúln ... grosze schritte machen, die beine auseinander sperren Lexer Kärnten 122. hier wohl anzuschlieszen ist die überwiegend jünger mundartlich begegnende bedeutungsnuance 'schwerfällig, mühsam gehen': graddeln ... sich schlecht fortbewegen können, schlecht zu fusz sein, bes. von kleinen menschen rhein. wb. 2, 1338; grattlen auch: mit kleinen schritten mühsam, schwerfällig gehen Fischer schwäb. 3, 806; Martin-Lienhart elsäss. 1, 284b; gradeln und grageln ... schwerfällig gehen Unger-Khull steir. 301a. vgl. auch: graiteln schwerfällig oder mit anstrengung gehen Schmeller-Fr. bair. 1, 1016. dazu grätteler, gratteler, m., 'jemand der grätelt' im gleichen mundartbereich.
2) in der bedeutung 'steigen, klettern' im 16. und 17. jh. sowie modern mundartlich in gleicher verbreitung wie unter 1: sy (die gierigen) gratlent auff alle ort, vnd stellent darnach das jnen das gt werd, aber jn gelingt nit Keisersberg granatapfel (1510) ee 2c; gratteln ... propr. gradus ascendere Stieler stammb. (1691) 691; graddeln ... waghalsig irgendwo herumklettern rhein. wb. 2, 1338; grattlen ... klettern Martin-Lienhart elsäss. 1, 284b; graiteln steigen, klettern, klimmen Schmeller-Fr. bair. 1, 1016; gradeln und grageln ... langsam steigen (wie die vielfüszigen tiere) Unger-Khull steir. 301a.
3) als 'krabbeln, kriechen' wohl unter einflusz von gleichbedeutendem kratteln (s. t. 5, sp. 2071), im 16. jh. und modern mundartlich nur im elsäss. und angrenzenden schweizer.: ein mor (sau), die sich in ein trog sperret

[Bd. 8, Sp. 2050]


und uf allen vieren gradlet Keisersberg brösamlin (1517) 1, 84b; vgl. (16. jh.) Schade satiren u. pasqu. 3, 62; Seiler Basel 145; Martin-Lienhart elsäss. 1, 284b.
4) nur mundartlich in vereinzelten anderen bedeutungen, die, wie diejenigen unter 3, kratteln nahezustehen scheinen: grattlen ... kritzeln (hierzu ebda pfälz. kratteln?) Martin-Lienhart elsäss. 1, 284b; grättelen etwas kleinliches mit genauigkeit und fleisz ausarbeiten schweiz. id. 2, 823; mit verweisung auf chrättelen ebda 3, 876. —
 
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gräteln, grateln, vb., mundartliche verbalbildung zu 1grat (s. d.) in verschiedenen bedeutungen dieses wortes, vgl. schweiz. id. 2, 822; Fischer schwäb. 3, 804.
 
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gräten, vb., 'die beine spreizen, grosze, weite schritte machen', bair. graten, vereinzelt auch grätten, gretten. aus älterer zeit im reim nur md. (hêtet: grêtet, grêten: treten, grete: rete [= ræte]) belegt, doch ist als stammsilbenvokal mhd. æ wahrscheinlicher als e. die gleichbedeutenden lautlich anklingenden grageln (s. d.), gritte(l)n (t. 4, 1, 6, sp. 386), grigge(l)n (ebda sp. 314) und greiten (ebda sp. 94), wozu uuito zegreit 'weit auseinandergespreizt' Notker 1, 754, 10 P. und unzegreit ebda 278, 11, weisen auf lautmalenden charakter der sippe, oder, wenn der unter gritten vermutete zusammenhang mit got. grids βαθμός, idg. *ghredh 'schreiten' zu recht besteht (bezweifelt von Walde-Pokorny 1, 652; Pokorny 456) auf lautmalende variationen von einer alten wortgruppe aus. durchweg in der bedeutung 'spreizen'. zufrühest bei Joh. Rothe ende 14., anf. 15. jhs. (nicht, wie Weigand 51, 761 'um 1300'!) in dessen 'leben d. hl. Elisabeth:

ez mûste mit den fûzin grêten (:treten)
glîch ab si eme holczern wêrin bei
F. Bech in: Germ. 6, 275 (nicht Elisabeth 2092 Rieger, wie Trübners wb. 3, 227 angibt).

wohl mit n-abfall:

daz machen die torechten tummen rete
dye man sihet vor den fürsten grete
vnd kunnen nicht rechtlich gesten,
also hat sie die hochfard durch gen,
daz machit si sint snellich erhaben
darvmme si czu den sitin vz haben
Joh. Rothe v. d. stete ampten 851 Vilmar

wohl kaum hierher, wie Weigand 51, 761 s. v. grätschen will, sondern vielmehr zu gerâten 'anraten':

den die nit tuond ir sünd büzen,
die tuon ich (der teufel) denn so hoch grüzen
als tuot graten hoffart,
die an den herren ist ain boesi art des teufels netz 7669 Barack;

vnd machtest deine schne zu eitel grewel, du gretest mit deinen beinen gegen allen, so fur vber giengen, vnd triebest grosse hurerey (1. dt. bibel: du hast getailt dein füsz) Hes. 16, 25; Nachenmoser prognost. theol. (1595) 3, 25a; dasz (pferd) sprang so eilendt auff allen vieren herab, dasz blosz vnter jhm nider sanck, vnd auff alle viere fiel, vnd gretent, doch vnverletzt wider auffstunde Rivander festchronick (1602) 2, 691; grätten ... divaricari (1786) bei Fischer schwäb. 3, 806; man nennt diesen sprung auf den voltigirböden den grätsprung oder grätschsprung, von gräten oder grätschen, einem alten worte, welches so viel heiszt, als die beine auseinander sperren Vieth encycl. d. leibesüb. 2 (1795) 63; in der neueren hochsprache durch grätschen (s. d.) verdrängt. für die moderne ma.: grätte, ... spreizen, mit gespreizten beinen, breit gehen. bei Spreng (um 1760), langsam zu werke gehen, nicht von der stelle zu bringen sein Seiler Basel 146; schweiz. id. 2, 823; graten grosze, weite schritte machen Schmeller-Fr. 1, 1015; grąttn (Unterinntal) weit ausschreiten Schatz wb. d. Tiroler maa. 1, 251. im nd. sprachgebiet nur: gretten (gredṇ) 'die beine weit spreizen' Mensing schlesw.-holst. 2, 477.
 
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gräten, vb. , verbale ableitung von 1grat, in den bedeutungen 1 und 4 auch von 1gräte her möglich. vorwiegend lexikalisch und mundartlich, nur vereinzelt literarisch nachzuweisen.

[Bd. 8, Sp. 2051]



1) 'ausgräten, entgräten', entspr. 1grat A 1, 1gräte A 1: piscem exossare den visch greten Golius onomast. (1585) 319; den visch graden Chyträus nomencl. 371; gräten oster les arrestes. leuar la arresche Hulsius-Ravellus dict. (1616) 144a; gräten et entgräten exossare Stieler stammb. (1691) 692; grâten abnagen, loslösen, das fleisch von den knochen; ausgräten Frischbier preusz. wb. 1, 251a.
2) 'zerreiszen, auseinanderreiszen' als terminus in der älteren sprache der tuchweber, zu 1grat B 3 a, vgl. dort bes. die wendung durch den grat schneiden, hauen: der statt zaichen in eren zu halten, und damit dehain linwat zu zaichenen, sy hab dann ir recht lengi, diki und braiti, als denne das gesetzt ... ist; und welhi das nit hab, die sond ir zerschniden oder gräten (Konstanz um 1400) in: zs. f. d. gesch. d. Oberrheins 20, 297 Mone; grätet tuch, unredliches tuch, welches zur warnung der käufer von den schauherren geschrenzt worden (aufgerissen, entzweigerissen) Spreng id. Rauracum (um 1760) in: Alemannia 2, 203. vgl. noch Fischer schwäb. 6, 2065 s. v. gräten. ob ein bereits um 1220 nachweisbares vergræten 'zerstören, verwüsten' hierher zu stellen ist, musz offen bleiben:

jâmern ûch daz muoste,
ob irz geschouwet hêtet,
sô gar was ez (das bistum) vergrêtet
Ebernand v. Erfurt 348 Bechstein

(vom herausgeber zu grât 'stufe' gestellt mit einer daraus hergeleiteten bedeutung 'schritt', die jedoch vor dem 17. jh. nicht begegnet, vgl. 1grad I B).
3) 'im grat zusammenfügen', zu 1grat B 4 c: und die strebe von zusamen gegreten quadern iber 20 β hoch herausgefiert worden, und send dan quader so gegreht ... weit in die strebe hennein versetzt worden (um 1600) bei Fischer schwäb. 3, 803. im schweizer. noch heute gebräuchlich, s. schweiz. id. 2, 822.
4) gerste gräten 'dreschen, um die grannen zu entfernen' Fischer schwäb. 3, 803, vgl. 1grat A 2 a, 1gräte A 2.
5) im schweizer. für eine bestimmte art des pflügens, bei der in der mitte des ackers eine fortlaufende erhöhung, ein grat (s. 1grat B 3 c) entsteht, vgl. schweiz. id. a. a. o.