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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewimmelt bis gewinde (Bd. 6, Sp. 5844 bis 5850)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewimmelt, participiales adverb.: gewimmeltevoll (rhein.), gedrängt voll. Kehrein volksspr. in Nassau 163; zur bildung vgl. gekribbelt sp. 2839 (so dasz ... die kirche gekriebbelte und gewibbelte voll war); vgl.: mir kommt es umgekehrt vor, als sei die atmosphäre der gottesfurcht, der sittenstrenge und enthaltsamkeit im pastorat gewimmelt voll von bakterien der tücke, heuchelei, habsucht. Margarete Böhme tagebuch einer verlorenen 82. das particip läszt sich in gleicher stellung wie das adjectiv voll unmittelbar auf das subject beziehen; in der gewohnheitsmäszigen verbindung jedoch ist es zu einer adverbialen bestimmung neben voll herabgesunken.
 
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gewimmer, n. verbalsubstantiv zu wimmern s. d.
1) die ältesten belege für das substantiv erfordern zunächst eine abgrenzung gegen das eben besprochene gewimmel. für neuern mundartlichen gebrauch ist bereits beobachtet worden, dasz die bildungen wimmern, gewimmer in verwendungen auftreten, die sonst für wimmeln, gewimmel vorbehalten sind, vgl.: voll gauckler wimmern würd' alsdann das gantze haus. Wenzel Scherffer übers. d. Desideria 15 (vgl. Hoffm. v. Fallersl. in Frommanns d. mundarten 4, 191); vgl.: wimmern, gewimmer, plattdeutsch wimmeln, gewimmel. Latendorf bei Frommann 2, 228, in gleicher weise berührt sich schon der älteste beleg für das substantiv zu wimmern mit gewimmel:

dort auff den matten gespannet wardt
die garn schon hoch; was wilds entging
von hegen, man in garnen fing.
da was von jägern ein gewimmer,
auch sah man ein schön frawenzimmer.
Jörg Wickram (pilger cap. 4 v. 810) 4, 157 Bolte.

[Bd. 6, Sp. 5845]


wenn demnach aus demselben stamme (wimmen), dem wimmeln und gewimmel angehören, auch ableitungen mit er gebildet wurden, so weist doch die hauptmasse der zu wimmern, gewimmer gehörigen belege auf eine andere wurzel, auf einen empfindungslaut, wie er ähnlich auch für weh und seine ableitungen anzunehmen ist, vgl. auch englisch whimper, whimple, fries. wimerje.
a) nicht in zusammenhang damit scheint die sachbedeutung des masc. wimmer (vgl. Schmeller 22, 912) zu stehen, die in den beiden hauptrichtungen der bedeutung als warze, schwiele, bläschen (veruca, pustula) einerseits, als auswuchs an bäumen, knorre, knote andererseits belegt ist. allerdings würde auch in dem schwäbischen wiwi (vgl. Schmid 536) eine ähnliche entwicklungsreihe vom empfindungslaut bis zu der sachbedeutung pusteln zur seite stehen, und zwischen warze, schwiele und knorre, knote konnte ohnedies eine bedeutungsübertragung vermittelt haben. da aber in dem althochd. verbum wemmian (polluere, corrumpere, emaculare) eine durch auszerdeutsche frühe zeugnisse gestützte sippe entgegentritt, so ist wimmer jedenfalls mit dieser zunächst in zusammenhang zu bringen.
b) zu diesem masc. wimmer könnte man versucht sein, als collectivbildung die folgenden verwendungen von gewimmer zu stellen:

ain schlos das haisset immer,
darumb ain schön gewimmer
gewachsen ist zu ainem hag,
das darein niemant komen mag,
dann vorn zu dem hag hinein.
Hätzlerin 2, 14, 76 Haltaus s. 153.

dazu vgl.: die aerndte aller übrigen feldfrüchte, von der edlen gerste an bis zu bohnen und wicken herab, die im Werder den ehrennamen 'gewimmer' (wahrscheinlich für gewimmel, weil sie unordentlich durcheinander liegen und sich nicht in regelmäszige garben binden lassen) führen, wird mit der sense bewerkstelligt und von einheimischen vollendet. wenn nun das ganze aerndtefeld leer ist und das letzte fuder, mit 'gewimmer' beladen, bereit steht, seine reise in die scheune anzutreten: dann wird der berüchtigte strohmann fabrizirt. E. Heinel die preus. aerndtegebräuche, s. neue provinzial-blätter 2 (1846), 405. vgl. auch Frischbier preusz. wb. 2, 524; auffällig wäre jedoch beim ersten beleg der übergang von der bedeutung knorre, knote zu der von unterholz, strauchwerk, der sich auch aus dem collectivbegriff nicht genügend erklären läszt. schon hier und noch deutlicher beim zweiten belege scheint das tertium comparationis in der vorstellung der regellosigkeit, des wirren durcheinander zu liegen, die dem bedeutungsgehalte von gewimmel angehört; beide verwendungen sind also den er-ableitungen zu wimmen an die seite zu stellen.
c) alle andern belege dagegen weisen auf gefühlsäuszerungen hin, sie halten sich streng im rahmen eines nomen actionis und geben dem empfindungslaute, den sie überwiegend als äuszerung des schmerzes erscheinen lassen, den charakter des gedämpften, kraftlosen. schon der älteste einschlägige beleg zielt in diese richtung:

hei, sie (die bauern) thnd dem adel wol zieren.
nun thetten sie doch nie nichts leren
dann in dem feld die schollen keren.
folg mir und dich gar nichts hekümmer,
was sie joch hand für ein gewimmer,
und lasz sie an ein kerbholtz reden!
Jörg Wickram (knabenspiegel 1, 9 v. 652) 6, 260 Bolte.


α) den belegen aus Wickram schlieszt sich erst zu ende des 17. jahrh. ein weiterer aus Besser an. eigentlicher litterarischer gebrauch setzt erst nach der mitte des 18. jahrh. ein, gewimmer ist bei Boie, Bürger, Gotter, Goecking, Schubart, Gerstenberg, K. Ph. Moritz, Babo zu belegen. während die meister des deutschen stils, voran Göthe, das substantiv anscheinend meiden (nur ein einziger beleg aus Klopstock und aus Schillers jugendprosa) wird es von der romantik gepflegt und auch später viel in der verssprache gebraucht, es ist bei Müllner, Fouqué, Tieck, Brentano, Arndt, Heine, bei Strachwitz, Lingg, Leuthold, Gerok u. a. beobachtet.
β) die reihe der lexikalischen buchungen eröffnet erst Stieler, sie zeigen aber dann eine nur wenig unterbrochene überlieferung. alle heben den empfindungslaut des schmerzes scharf hervor; in einigen gleichungen tragen sie auch der

[Bd. 6, Sp. 5846]


vorstellung der kraftlosigkeit rechnung: wimmerung die, das wimmern, et gewimmere, idem quod winselung, planctus, murmur, gemitus, ululatus. Stieler 2480; gewimmer, pianti, lamentazioni, gemiti, plaintes. Rädlein 383a; gewimmer, vagitus, planctus, gemitus. Aler 936b; ebenso Steinbach 2, 491 (fügt quiritatio bei); ähnlich Matthiae 2, 181a; Hederich 1, 1423; Frisch nouveau dict. 2, 279; gewimmer, das gewinsel, le gémissement, plaintes, lamentations. Schwan 1 (1783), 745b; das gewimmer, das wimmern, desgleichen ein anhaltendes und wiederholtes wimmern. Adelung 2, 662. ähnlich Campe u. a. vgl. auch DWB gewimmer, planctus G. Chr. Lichtenberg aphorismen 2 (litt. denkm. 131) 217.
mundartlich werden, falls überhaupt an diese sippe angeknüpft wird, andere ableitungen bevorzugt, s. DWB gewims, doch vgl.: geweimers, gewimmer. wb. d. Luxemb. mda. 144b.
γ) auch gewimmer wie gewimmel und gewinsel ist fast ausschlieszlich ohne auslautenden suffixvocal belegt. vereinzelte ausnahmen bieten wörterbücher, vgl. gewimmere bei Stieler und Matthiae. dazu vgl. den charakteristischen gebrauch bei Tieck.
δ) auffällig ist der vereinzelte plural bei Arndt: solchen jammer und solches wehgeschrei der entführten oder geschändeten unterbrachen nur die gewimmer derer, die ... auf den gassen erschlagen wurden. geist der zeit 3, 110.
2) unter den gebrauchsformen empfiehlt es sich, zuerst
a) die verbindungen darzustellen; sie beschränken sich auf verhältnismäszig wenige, aber charakteristische typen:
α) die verbindung mit substantiven dient nicht so oft der kennzeichnung des logischen subjects wie bei gewimmel (s. sp. 5847); verhältnismäszig häufig begegnen einerseits synonyme gruppen, andererseits verbindungen mit substantiven, die einen im bedeutungsgehalt des substantivs liegenden zug eigens hervorheben; diese verbindungen verengern sich meist bis zur composition.
1)) synonyme gruppen:

nur dasz kein nasses aug disz todten-fest entweih,
last, nach der Teutschen art, dem zarten frauenzimmer,
das ängstige geschrei und klägliche gewimmer.
Besser (lobgedichte oder der zunahme Friedrich Wilhelms des Grossen) (1732) 26;

es war der erste ausbruch ihres gewaltsam unterdrückten kummers — die letzte anstrengung der erliegenden natur — untermischt mit geschrei und gewimmer, und dem röcheln der herannahenden zerstörung. Gotter (Marianne 1, 8) 3, 34; (Ludwig.) warum jagst du uns fort? (Otto.) geht, geht! ich kann das gewimmer und gejammer nicht dulden. Babo Otto v. Wittelsbach 5. akt; Musäus faszte die glückliche idee, durch seine volksmärchen das gewimmere und gewinsle der Siegwartianer zu übertönen. Tieck (Peter Lebrecht 1, 1) 14, 165;

und der jüngling fuhr fort mit gewinsel und gewimmer,
bis jener dem blick war entschwunden auf immer.
Rückert (27. makame) poet. werke 11, 435;

und die kleine frau heftig schüttelnd, schob er sie, nur um dem geplärr und gewimmer ein ende zu machen (so wenigstens schien es) auf die tür und den flur zu. Th. Fontane quitt 15. cap.
2)) composition mit attributiven substantiven:

wie ringt mit grausen wettern
dein überwogtes schiff!
o wehe mir! nun schmettern
es stürm' ans felsenriff!
jetzt schwimmst du auf der trümmer
durchs weltmeer! sinkend jetzt
nennst du, mit angstgewimmer,
dein Suschen noch zuletzt!
Boie in
Matthissons lyr. anthol. 8, 158;

das gleiche Heine lyrisches intermezzo nr. 60; Gerok (s. u.);

es klingen worte durch die nacht,
als wie mit leisem klaggewimmer:
'im mai, im mai, im nächsten mai,
wenn andres leben all geht auf,
da ist des jungen fürsten lauf (Alexanders)
ganz wider blumenart vorbei.
Fouqué (die wahrsagenden bäume) ged. 1, 108;

was mir so herrlich dünkte, ... jene nordlandshelden und minnesänger, jene mönche und nonnen, jene vätergrüfte mit ahnungsschauern, jene blassen entsagungsgefühle mit glockengelaute und das ewige wehmutgewimmer, wie bitter ward es mir seitdem verleidet! Heine (die romant. schule 3, 5) 5, 344 Elster;

[Bd. 6, Sp. 5847]


und wär' es am weltenende, ich jauchzte trinkend fort;
und bräche das ganze weltrund in schmerzgewimmer aus,
und ständ' ich am himmelsthore, ich schlüg' es trunken ein,
und schlösse mich auch Sankt Peter von gottes zimmer aus.
Strachwitz (lieder eines erwachenden: ghaselen 2) 158 Weinhold.


β) an stelle dieser ausdrucksmittel treten nicht oft attributive adjectiva (klägliches gewimmer bei Klopstock, Besser); häufiger deuten die adjectivischen attribute auf das moment der wiederholung, das meist als lästig empfunden wird: das ewige — (Schubart, Heine), das verdammte — (Lingg), vgl. auch: die spieler starker tragischer rollen ... pflegen die empfindung ... mit einem gepolter der stimme und der glieder zu überlärmen, wenn im gegentheil die sanften rührenden spieler ihre zärtlichkeit und wehmuth in einem monotonischen gewimmer schleifen, das die ohren zum eckel ermüdet. Schiller (das gegenwärtige teutsche theater) 2, 347; auch das gedämpfte, kraftlose an der stimmentfaltung wird mehrmals durch adjectiva gekennzeichnet:

was soll ich thun? vernunft, du prahlest immer
mir deine weisen lehren vor,
doch lauter steiget noch der liebe sanft gewimmer
aus der beklemmten brust empor.
Goeckingk lieder zweier liebenden (1779) 18;

vgl.dumpfes, verwehendes, feiges gewimmer (s. u.):

o, seid mir alle jetzt, ihr schreckensbilder, nah!
du letztes lebewohl! du sterbendes gewimmer!
geist Agamemnons! geist Orests! — — was für ein schimmer
umdämmert mich?
Gotter (Elektra 4, 4) ged. 2, 129.

dagegen lautes gewimmer (der frösche Stolberg) s. u.

es war ein düster gelber schimmer,
der um die sonnenscheibe lag;
ein unterirdisches gewimmer
verkündet' einen schreckenstag.
die erde zittert.
Tiedge die geburt der freude 5.

selten deuten die adjectiva auf das logische subject: weibliches, französisches gewimmer s. u.
γ) die verba, mit denen das substantiv in verbindung tritt, stehen meist mit der thatsache in einklang, dasz sich das substantiv vor allem an das gehör wendet: das gewimmer ertönt, steigt, dringt, verliert sich, ächzt, ruft; ein gewimmer hören (Schubart, Rückert, G. Hauptmann), hören lassen, übertönen, vernehmen, stillen, dulden; in ein — ausbrechen, sich auflösen, zum — herabsinken, sich sammeln, auf ein — achten. doch fehlen auch die allgemeiner gehaltenen verba nicht ganz: das — verlassen, lassen, dem — widerstehen, ein ende machen; einem das — verleiden. sehr beliebt sind auch hier wieder die loser angefügten nominative, vor allem im ausrufe: wozu das —? welch ein —! verdammtes gewimmer. unter den präpositionalverbindungen ist mit bevorzugt: untermischt mit —; mit gewimmer suchen, springen, rennen, um hülfe rufen, quälen.
b) der kreis der vorstellungen, die als ausgangspunkt der verbalhandlung gedacht sind, ist bei gewimmer klein; als logisches subject sind hier fast ausschlieszlich menschliche wesen und personificationen gekennzeichnet oder zu ergänzen.
α) bei der beziehung auf menschen lassen sich zwei hauptrichtungen des gebrauches unterscheiden. auf der einen seite wird das gedämpfte, kraftlose der stimmentfaltung hervorgehoben; hier sind als logisches subject weiber, knaben, kinder gedacht; die beziehung auf männer erscheint als ausnahme. auf der andern seite wird nicht blosz das gedämpfte, sondern auch das verworrene am geräusche erfaszt, gewimmer erscheint da, wo ein subject des nomen actionis überhaupt nicht wahrgenommen ist oder wo es aus einer mehrheit von personen nicht gesondert werden kann. hier liegen noch heute die nächsten berührungspunkte mit gewimmel, getümmel.
1)) kraftloses, gedämpftes geräusch.
a))

(F. zu Adelheid) nur hufe schmerzen nicht auf schmerz,
und stille dein gewimmer.
Goekingk (die Kelle) ged. 3, 138;

(Aeneas zu Dido.) quäle nun weiter nicht mich und dich mit deinem gewimmer!
scheid' ich doch ungern fort! denn ich musz — —!
Bürger (Dido 410) 250a;

und ich dächte schwester, in deinem alter wäre es ziemlich sonderbar, eine romanhafte liebe zu vertheidigen, aber das gewimmer, das weibliche gewimmer, dem kann kein

[Bd. 6, Sp. 5848]


weib widerstehen. H. Peter Sturz (Julie 1, 2) schriften 2 (1782), 193;

zurück von der kutsche? wen sucht sie? nur ihn?
zur kirchthür und rutsche sie dort auf den knien.
verdammtes gewimmer, mein haus ist rein —
so flucht er und nimmer erbarmt sich der stein.
Herm. Lingg (ein alter gerichtssaal) ged. 25, 87;

doch ja; man bittet dich dort und hier
zum thee ... du vernimmst ein gewimmer,
es lispelt mit oder ohne klavier
deine verse ein frauenzimmer.
Heinr. Leuthold (episteln: deutsches dichterlos).


b))

sie leidet härter als ein bettler noth,
sie lebt allein von wasser und von brod,
der arme knabe musz beinah verschmachten,
doch keiner will auf sein gewimmer achten.
Tieck (Genoveva) 2, 171;

o jüngling zieh zurück
den allzukühnen fusz — zu spät! — welch ein gewimmer! —
ach gott! den jüngling trifft sein trauriges geschick.
Moritz Anton Reiser (3) 252;

sie hielten hier nicht lang sich auf,
verlieszen das gewimmer
von kindern.
A. Blumauer Virgils Aeneis (6, 2) 2, 107.


c))

auch hier kniee vor dir in des erwachendes jahres
ersten strahlen und meines psalmes gewimmer
verliehrt sich nicht unter dem woogengetöse
der tausendmaltausend rufer gen himmel.
Schubart chron. 1791. 1, 2;

wozu die eitlen klagen, das feige gewimmer über das verlorne? E. M. Arndt geist der zeit (1)2 (1807), 63; sowie wir einfalt und wahrheit in reden und thun ... als ... gesetz vor uns hinstellen, werden auch alle die tugenden wieder frisch und grün werden, die kein gewimmer, sondern nur redliche arbeit wieder herbeischwören kann. schriften f. m. l. D. 4, 43; wahrlich Rom, der Herkules unter den völkern, wurde durch das judäische gift so wirksam verzehrt, dasz helm und harnisch seinen welkenden gliedern entsanken und seine imperatorische schlachtstimme herabsiechte zu betendem pfaffengewimmer und kastratengetriller. Heine (die romant. schule 1) 5, 219 Elster.
2)) verworrenes geräusch:
a))

doch endlich ertönte tief unten herauf
vom kellergewölb' ein gewimmer (: zimmer).
Bürger (das lied v. treue) 256 Sauer;

langsam und schwer vom thurme stieg die klage,
ein dumpf gewimmer zwischen jedem schlage,
wie Memnons säule weint im morgenflor.
Annette v. Droste (der prediger) 3, 17 Kreiten;

da her ich ihn halt a so a gewimmer. erscht denk ich 's macht der blos was vor. da seh ich aber ooch schonn, dass jemand uffn teiche is. G. Hauptmann Hannele 1. th.
b)) so verächtlich auch manche dieser urtheile sind: so sammlen sie sie sich doch nach und nach zum gegewimmer, das durch die nation wiederhallt ... nur die klagende stimme, nur das seufzen der unzufriedenen wird gehört. H. P. Sturz (erinn. an Bernstorf) schr. 2 (1782), 109;

und die losgelaszne schar,
aufgereizt zu blinder wut
durch der kameraden blut,
stürzet jubelnd ins gewimmer;
läszt am altar weiber bluten.
Müllner die schuld 4, 4;

bald ächzete das gewimmer der königlichen leibwächter, die sie in ihren quartieren überfielen und ermordeten; und in wenig minuten ringsum nur ein tosen und wimmern des jammers, der wildheit, und mordlust. E. M. Arndt ansichten der teutschen gesch. (1814) 485;

vom schlachtfeld klang der sterbenden gewimmer.
Herm. Lingg (nacht u. morgen) ged. 25, 330;

durch die tiefen ewigkeiten rufts der sel'gen wonnelied,
der verworfnen angstgewimmer: herr, du bist alleine grosz!
K. Gerok palmblätter (soli deo gloria!) 110;

vgl. oben sp. 5846.
β) einige wenige belege zeugen für die übertragung auf phantasiegestalten, sowie auf die thier- und pflanzenwelt.
1)) allerhand geisterchen aus zeitungen oder monatschriften, in welchen diesz buch sehr ist gelobpriesen worden, schleichen herbei, sobald das beschwören angeht, und lassen ein gar klägliches gewimmer von sich hören. Klopstock (gelehrtenrep.) 12, 380; endlich war Jupiter müde, das ewige gewimmer der unterdrückten tugend, und den triumphton des lasters zu hören. Schubart Jupiter;

[Bd. 6, Sp. 5849]



2))

lieber Picas! lieber guter hund!
ach! wie schmerzt mich dein gewimmer.
bist so blutig, bist so wund?
Goeckingk (die parforce-jagd) ged. 3, 17;

die füsze
streckt er empor, und schrie um hülfe mit lautem gewimmer.
Chr. Stolberg (der frösch- u. mäusekrieg) 16, 172;

'wirst du aufhören mit deinem gewimmer, Achitophel, oder soll ich dich in einen noch engeren käfig sperren? und du blutsauger hör' auf mit deinem dummen geflatter'. Hermann Schmidt (erzstufen: die goldsucher 3) 3, 137.
3))

um an den tag zu fördern kalten flimmer,
musz sterben ein entwurzeltes geschlecht
von pflanzen, und nicht hört man ihr gewimmer.
Fr. Rückert (erzähl. 2: Flor u. Blankflor 2).


γ) auch auf die musik wird das substantiv bezogen, meist um einen widrigen eindruck zu kennzeichnen: um noch von denjenigen melodien ein paar worte zu sagen ... hätten wir sie aus der ursache entbehren wollen, weil sie keine lieder sind; zum theil auch wegen ihres französischen gewimmers. Gerstenberg rezensionen (litt. denkm. 128) 41; aber je näher ich kam, je toller war die kuriose musik; sie löste sich in ein gewimmer auf, und schon dem baume nah hörte ich, dasz die musik von demselben herunter schallte. Clemens Brentano (die mehreren Wehmüller) 4, 231; in diesem augenblicke sprang mit einem verwehenden gewimmer eine saite auf der guitarre, was mir gelegen kam, da das gespräch eine unbehagliche wendung nahm. E. Helmer prinz Rosa-Stramin (cap. 17) 83 Brümmer.
 
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gewimmert I , participiales adjectiv mit verschiedenartiger anlehnung:
1) unmittelbar von wimmer (pustula, veruca) abgeleitet ist: gewimmert, astknopfig ... voller hautwarzen. Unger-Khull 291a; vielleicht steht damit auch in zusammenhang: so hat man die coblicht unnd wiszmat ertz ausz gefüret, gepocht und inn ertzfeszlein gefüllet, da es auff einander erwarmt, das es die feszlein zutrieben, wie es offt auch also ineinander gewimmert, das mans mit feusteln und peuscheln hat zuschlagen müssen. Mathesius Sarepta (3. predigt) 51a.
2) als nebenform zu gewimmelte voll (s. oben) ist gewämmerte voll zu stellen, das oben (sp. 5235) zu gewampt, gewammt gezogen wurde.
 
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gewimmert II, n. collectivbildung, nebenform zu gewimmer: gewimmert, vagitus. Kirsch 2, 151b;
 
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gewimpel, n. gewimpel, das flattern der wimpel. Sicherer u. Akveld nederl. hoogd. wb. 281c. das einfache verbum wimpeln, das dieser substantivbildung zur voraussetzung dient, ist nur selten zu beobachten, dagegen vgl. bewimpeln theil 1, sp. 1785.
 
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gewimpelt, participiales adjectiv, vereinzelt (in übersetzung aus dem englischen) für den engeren gebrauch von bewimpelt (s. d.) belegt: dasz sein vaterland kein nationaltheater besasz, — war sein kummer gewesen ... sein mit der flagge der unabhängigkeit gewimpeltes boot, in dem sein drama auf den wellen trieb, war an dieser klippe gescheitert. M. Claudi übers. v. H. Zimmern Lessings leben u. werke 1, 337; auf der breitesten grundlage hat sich die sippe im niederl. erhalten und weiterentwickelt; gewimpelt ... duister, onverstaanbaar, onbegrijpelijk. Verwijs u. Verdam 2, 1911, vgl. wimpeln, operire, tegere, velare. Stieler 2540.
 
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gewimper, n., verbalsubstantiv, gebildet im engeren anschlusz an wimper: gewimper, tremolamento delle palpebre, augenwimper, idem. Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1349a.
 
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gewimpert , adjectiv, nach analogie der participia vom subst. wimper abgeleitet: gewimpert, ciliatus Nemnich d. wb. d. natur-gesch. 192. neben dem eigentlichen gebrauch (von der menschlichen augenwimper) ist es auch in der übertragung auf pflanzen beobachtet: gewimpert, bewimpert, wimperig, mit einer wimperähnlichen haar- oder fädchenreihe versehen. Sicherer u. Akveld nederl.-hoogd. wb. 281c;
1)

die schöngewimperte, schöngehaarte,
die schöngehüftete, gliederzarte,
der strahlende frauenedelstein
ging in den kreis der einsiedler ein.
Rückert Nal und Damajanti 13.

[Bd. 6, Sp. 5850]



2) die taube gerste ... hat eine magere, sechszeilige aehre, wovon die tauben seitenbälge gegrannt, die fruchtbaren gewimpert sind. Oken allgem. naturgesch. 3, 388; die gemeine (wippen) (penaea sarcocolla). blätter rautenförmig, vierreihig über einander, deckblätter gefärbt, kleberig und gewimpert, blüthen in büscheln. 3, 1512; die blüthentrauben der schlanken moorhaide mit dem melancholischen graugrün ihrer feingewimperten blättchen. haidebild s. Fr. Körner der pract. schulmann 3 (1854), 322.
 
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gewims, gewimsel, n. nebenformen zu gewimmel (s. d.), die unmittelbar auf wimmen, wimseln zurückführen (vgl.: der fisch wimszlet im wasser, ludit piscis in aqua. Maaler 501a); gewimsz, gewimmel, gedräng. Schmeller 22, 915; gewimsel, n., sguizzo. Kramer teutschital. dict. (1702) 2, 1349c; lt sind d wiə flîga, was d˙ stube nu' verschluckẽ kâ. Hannes springt ... so guət als as im g'wimmsel dinn â~gt. alem. erzählung, s. die deutschen mundarten 6, 118; ameisen-gewimsel Ernst Zahn herrgottsfäden 43. — anders gewimsel (zu wimselen, winslen) gewinsel, schreien. Martin-Lienhart 2, 827a.
 
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gewind, gewinde I, zu wind, ventus gehörig, bildungen, von denen die eine als verstärkte form, die andere als collectivbildung angesprochen werden kann: Hanniball wan er ein schlacht ordnung machen wollt, verfügt und verordenet die sach also, daz er die son und gewinde uff dem rücken hat. R. Lorich wie junge fürsten ... underwisen möchten werden 366; und inem, wiewol mit blossem kopff, kein gewinde, kein frost, kein regen, hinderlich oder verdrieszlich sein mocht. 463; und Neptun will herrscher der meere sein und läszt sich von fremdem gewind sturm und wetter in sein reich blasen und merkt's erst, wie es fast vorbei ist — was ist all das für ein wesen. Scheffel Ekkehard, cap. 7. vgl. dazu: gewönns, gewanns, starker wind. wb. d. Luxemb. mda. 145a; e gewönns am leîf hun, blähungen haben. ebenda.
 
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gewinde, gewind II, n. , verbalsubstantiv zu winden (torquere, volvere) mit einer reihe von gebrauchsformen, die sich bald mittelbar, bald unmittelbar mit verwendungen des verbums berühren. die älteste sprache (s. Graff 1, 760) hatte dreierlei arten von selbständigen substantiven gleichen stammes, ein nomen actionis windunga, ein concretum für das werkzeug, das die verbalhandlung hervorruft, winta, winde; und ein anderes für objecte, die das ergebnis der verbalthätigkeit in ihrer äuszeren form festhalten: windila, winding. die stammform, wie sie unserer bildung zu grunde liegt, ist für die ältere sprache nur in der composition belegt, vgl. das übertragene uberwint (daz du is uberwint ketuoest. Notker psalm 75, 4) u. a. s. Graff 1, 753 und siehe die mittelhochdeutschen bildungen wintseil, wintsnuor, wintstric. anders im angelsächsischen, wo unsere form sowol in der function eines nomen actionis (gewind, a winding, circuitous ascent. Bosworth-Toller 468a) als in der sachbedeutung eines haspels belegt ist (s. garnwinde oben sp. 1373).
1) schon der älteste gebrauch der deutschen mit dem präfix gebildeten form, die im übergang vom 15. zum 16. jahrh. zuerst beobachtet ist, gabelt sich in zwei richtungen. die eine zeigt den unmittelbaren zusammenhang des substantivs mit dem verbum, die andere läszt innerhalb der sachbedeutung eine längere entwicklungsreihe im dienste der technik erschlieszen.
a) für die erste richtung liegen belege aus Dürer und einer aus dem buch Weinsberg vor, der die collectivbildung auf ts, (z) aufweist, vgl. zu gethierz u. a.: so du aber ... die selben örter zu beden seiten nach der leng durch die gantz gewunden seulen bei allen cirkellinien zsamen zeuchst, so sihst du wie sich die linien im gewind von der verwendung wegen der seulen an ein teil orten schmal machen und zsamen ziehen. A. Dürer unterweisung der messung (werke 1604) H 2; als dan mach etwas zirlichs von gewindt dar ein ... an der seulen mügen die selben geng aufs wenigst acht neben einander gebraucht werden, die stell ... in der cirkellini neben einander, in gleicher weiten ... soliche windund (!) mag man durch die gantz seulen brauchen ... dise gewind haben manicherlei verkerung, ist ja auch villerlei z erfinden. G 3b; darausz must du das gewint in die aufzogen seulen bringen G 3b; man hat auch folgendes bis

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pingsten zu den steinen geifel am westkirchof uffgefort, zwa gehauen steinen, Jacobs-moscheln drin, laissen setzen, auch ein trommelfinster mit einem gewintz. buch Weinsberg 2, 176 Höhlbaum.
b) eine längere entwicklungsreihe ist für die sachbedeutung vorauszusetzen, die im dienste der technik steht; im gegensatz zu dem concurrenzwort winde, das ein der verbalthätigkeit dienendes werkzeug kennzeichnet, sind auch hier zunächst durchweg objecte erfaszt, die in ihrer äuszern form das ergebnis der verbalthätigkeit festhalten: das stechwammes, ein webscheuben, ein lideres oder ein stelens gewindt, ein hinterhacken, ein zeum, gegenstände, die Joh. v. Schwarzenberg 1486 in einem übersandten stechzeug vermiszt s. Steinhausen d. privatbriefe 1, 240; auch etlich gewindt, brech, heb, feel oder schrauffgezeug (der artillerie). Fronsperger kriegsb. 2 (1573), 2; gewind, schrauben, waltzen, curvaturae, flexus, ancones. Henisch 1602.
2) diese und ähnliche technischen bedeutungen werden vor allem von den wörterbüchern übernommen, die sich freilich im 17. jahrh. zurückhalten (bei Stieler zwar windung, nicht aber gewind), mit dem anfang des 18. jahrh. aber um so ausführlicher werden, während der sonstige litterarische gebrauch hier weniger raum gewinnt. als haupttypen stehen sich die bedeutungen scharnier, gelenk einerseits, schraubengang andererseits gegenüber. neben diesen allgemeinen begriffen werden zahlreiche engere gebucht aus dem gebiete der waffenkunde, der architektur und der schiffahrt. auszerdem macht sich allmählich auch eine annäherung an das fem. winde geltend: auch gewinde fängt an, werkzeuge zu kennzeichnen, die auf förderung der verbalthätigkeit zielen.
a) das substantiv für gegenstände, die das ergebnis der verbalthätigkeit in ihrer äuszeren form festhalten.
α) der schraubengang: und hat an dem anfang eine eiserne schraub mit dergleichen gewinde, dasz es auff einmahl thut ein zoll ziehen. J. J. Becher närr. weish. (1682) 198 (anhang); gewinde, schraube, vite, vis ... die schraube, so hineingeschraubt wird ... das mütterlein des gewindes oder der schraube, vite femina, écroue de vis. Rädlein 383ab; gewinde ... die schraubengänge in einer schraubenmutter. Chr. Wolff vollst. mathemat. lex. 559; gewinde einer schraube; auch schraubengewinde. Helfft wb. der landbaukunst 145b; gewinde, lat. helix, werden die gänge oder aushölungen an einer schraube genennet. Chomel 4, 1059 ff. ebenso Hederich 1, 1423; ähnlich Frisch 2, 450b; nouv. dict. d. passagers 2, 279; Adelung 2, 662 (verweist zur erklärung auf die 'gewundene gestalt'); wenn hingegen mehr als zwei personen reisen, und es fällt regenwetter oder grosze kälte ein, so können vermittelst vier mit gewinden versehener und mit feinem leder überzogener eiserner stäbe, und drei lederner mäntel ... innerhalb zwei minuten alle vier sitze bedeckt werden. Nicolai reise durch Deutschland 1, 10; es ist einleuchtend, dasz wenn eine holzschraube sehr feine und scharfe gewinde hat, diese das holz in der art schneiden, dasz es die haltung verliert; es musz deshalb eine holzschraube nicht zu nahe und nicht zu scharfe gewinde erhalten. S. F. Seydell einrichtung und gebrauch des kleinen gewehrs (1811) 132; an ihr (der schwanzschraube) sind zu unterscheiden: die gewinde, gewindetheil, schwanzschraubenkopf. E. v. Mauritius beschreibung des neuen preusz. infanteriegewehrs (1821) 16; gewinde einer schraube, the worm of a screw. Hilpert II, 1, 464b; ebenso Karmarsch technol. wb. 13, 246 (dort: doppeltes, dreieckiges, einfaches, flaches, rechthandiges rundes, scharfes, verkehrtes linkes gewinde; das gewinde schneiden u. a.); ähnlich Beil technol. wb. 243; das gewindeschneiden auf der drehbank verläuft bei dem erzeugen hölzerner gewinde gerade so wie bei dem verfertigen metallner schrauben. H. Fischer die bearbeitung der hölzer 687; gewinde ... die gänge einer schraube. Thiel a. a. o.; gewinde ... in schraubenlinien um einen cylindermantel ... in ein- oder mehrfacher anzahl gewundener prismatischer körper. Stenzel deutsches seemänn. wb. 147a. dazu vgl. schrauben-, schraub-gewinde theil 9, sp. 1656 (vgl. auch bei Kramer, Jacobsson u. a.); einfache, mehrfache gewinde u. a. s. unter gewindegang; als compos. sind zu nennen: muttergewinde, innengewinde,

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aussengewinde, bolzengewinde. die mundartlichen wörterbücher, die die bildung gewinde buchen, bevorzugen einseitig die hier dargelegte bedeutung: gewinde, gewinn', gewinde einer schraube. ten Doornkaat Koolman 1, 625a; ge wind, schraubenmutter. Martin u. Lienhart 2, 838a; vgl. auch: windls ... gewinde an einer schraube und am degengefäss. Bremisch-niedersächs. wb. 5. 263; gewönn, gewinde einer schraube. wb. d. Luxemb. mda. 145a.
β) das gewinde am degengefäsz, manubrii obvoluta pars. Frisch 2, 450b; ebenso Hederich 1, 1423; gewinde, lat. commissura, wird auch an einem degen, der um das hefft oder den griff gewundene, eiserne, kupferne, meszingene, silberne oder goldene drat genennet. Chomel 4, 1060; an einem degengefässe ist der mit draht zierlich umwundene theil des griffes das gewinde. Adelung 2, 662; ähnlich Jacobsson 2, 84b; Campe 2, 363b u. a.; das gewinde am degen, la poignee. Schwan; ebenso Rondeau. desgl. (the hilt of a sword) Hilpert; vgl. Thiel a. a. o.
γ) gewinde, sind die stellen an den masten, an welchen einige stücke holz genagelt, und hernach mit dicken tauen umwunden werden, um sie zu verstärken. Hübner zeitungs ... lex. (1782; die ältesten ausgaben buchen das wort nicht) 1000. ebenso Jacobsson 5, 671a, Campe a. a. o., Thiel u. a.; gewinde an den masten, the top-armour. Hilpert a. a. o.
δ) eine reihe sehr verschiedenartiger verwendungen wird in den wörterbüchern unter dem allgemeinern begriff gelenk, verbindung zusammengestellt; vgl. schon gewinde ... gewerbe, a joint. teutsch-engl. wb. 2 (1716), 773; das gewinde an einem ding, wo zwei desselben theil an- oder in-einander gehen, commissura pedum, circuli. Frisch 2, 450a; gewinde, commissura. Hederich 1, 1423; gewind, gewerb. Rondeau 2, Uu 3b; vgl. auch: gewind ... la charnière. Schmeller 22, 948; gewinde, s. charnier. Thiel a. a. o. dieser weite begriff, wenn er auch zuerst gebucht ist, entspringt doch erst der verallgemeinerung aus einzelnen verengten bedeutungen, für die der zusammenhang mit dem verbum winden nicht immer und nicht in allen einzelheiten sicher gestellt werden kann. in manchen mögen die bildungen gebände, gebende, gebinde einflusz ausgeübt haben.
1)) die umfassende aufzählung der einzelnen verwendungen ist meist mit dem versuch einer gemeinsamen deutung verbunden: gewinde, commissura, wird an einer sache diejenige art genennet, worinnen sich zwei ausser dem abgesonderten theile in einander bewegen, z. e. die schraubengänge in einer schraubenmutter, zwei schenkel eines winckel-hackens, der sich zusammenlegen läszt, ingleichen die schenckel eines circuls. Chr. Wolff mathemat. lex. 559; gewinde, eine vorrichtung, mittelst welcher ein gegenstand an einen andern so befestigt wird, dasz er sich in einer bestimmten richtung bewegen kann, ohne von jenem getrennt zu werden, wie z. b. die thür an den pfosten. gebräuchlicher ist indesz der ausdruck bei der befestigung eines deckels, der irgend einen gegenstand verschlieszt. Helfft wb. d. landbaukunst 145b; gewinde ... ingleichen die saubere zusammenfügung derer zirckel und anderer mathematischen instrumente, auch dosen und allerlei gehäuse, die man auf und zuthun kan, s. scharnier. Chomel 4, 1060; an dosen, kleinen gehäusen, thüren u. s. f. ist es eine art eines zierlichen bandes, dessen zwei in einander gefügte theile um einen bolzen, oder um ein niet beweglich sind, franz. charnier, in weiterer bedeutung wird auch an allen thür- und fensterbändern der hohle cylinder, der sich um die haspe bewegt, das gewinde genannt. Adelung, ähnlich Campe (mit starker betonung des verallgemeinerten begriffes gelenk); gewinde, gewerbe, charniere (mit eingehender darstellung). Jacobsson 2, 83b ff.; gewinde, an einer dose ... an den thür- oder fensterbändern ... an dem steuerruder eines schiffes ... juncture, joint (in anatomy), ginglymus. Hilpert (zum anatomischen begriff gelenk s. u.); gewinde, scharnier, joint ... couplet; gewinde eines scharniers, der theil durch welchen der stift geht. Karmarsch technol. wb. 13, 246; gewinde an e. dose, scharnière, joint; an den thür oder fensterbändern, pentures, singes; an einer presse, couplets, joints. Beil technol. wb. 243.
2)) die gesonderte aufstellung engerer begriffe:

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a)) gewinde an den fischbändern (zu fischband vgl. theil 3, sp. 1681), la boîte. Schwan; gewinde ... bandohr bei allen thoren und thüren. Popowitsch 155; unter dem einflusz dieser engeren beziehung von gewinde auf thüren und fenster wird auch das oben (sp. 5284) besprochene thürgewände, fenstergewände seiner sippe entfremdet: gewinde, nennen die mäurer die beiden säulen, so unten auf der schwelle stehen, und oben den so genannten sturtz, oder das darauf liegende quer-holtz tragen. Chomel 4, 1060; ebenso Jacobsson 5, 670b; vgl. dazu gebinde sp. 1774.
b)) gewinde, das, les couplets du tympan. Täubel wb. der buchdruckerkunst 2. anh. s. 24a; ähnlich in dem lexikalischen theile des handbuchs der buchdruckerkunst von Benj. Krebs s. 790.
c)) entgegengesetzt der entwicklung, die gewerbe in der bedeutung von gelenk genommen hat, ist bei gewinde der aus der mechanik stammende begriff eines gelenkes auch von der sprache der anatomie übernommen und auf einen bestimmten typus angewendet worden (vgl. oben zu Hilpert): ginglymus, gewinde, winkel-, charnier-, gewerbgelenk (γίγγλυμος, thürangel), bei welchem sich ein langer knochen mit seinem ende an dem eines andern in einer richtung nur so bewegen kann, dass er einen winkel beschreibt. C. E. Bock handb. der anatomie des menschen 14, 29; gewinde, gelenk, am gebrochenen mundstück eines gebisses. Karmarsch;

(Cyklop.) ist meine mahlzeit zubereitet nach der art?
(chor.) zu dienen; wenn der schlund nur gut im gewinde läuft (ὁ φάρυγξ αὐτρεπὴς ἔστω μόνον).
Adolf Schöll übers. von Euripides Cyklop 14.


3)) vereinzelt und auf der analogie mit den unten zu belegenden verwendungen beruhend, stellt sich hier übertragener gebrauch ein: die geschichte des menschen geht in einem stählernen gewinde fester stangen, die aus der innersten eigenthümlichkeit heraus sich bilden, und nur durch diese sich erweitern und verengern lassen. Heinr. Laube neue reisenovellen (33) 2, 366.
b) eine annäherung an das fem. winde läszt sich im folgenden beobachten: und wierdt darz ein rünselradt F. welches innerhalb dem ofen, in die zacken des bodens gefüegt, und ausserthalb desz ofens ein gewindt mit einer handthab D. haben, mit welcher handthab, das rünselradt mög umbgewent und durch dasselbige der boden, wenig öder viel möge umbgetriben ... werden. Leonh. Thurneisser probierung der harnnen (1675) 106b; winde, gewinde, liera, solliera, altalera, arganello, torno. Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1352b; haspelgewinde, windzeug. ebenda; winde, gewinde, windspille. der gleiche, deutsch-holl. wb. 2, 269a; gewinde, winde ... grue, tour, machine a lever quelque chose pesante en haut. Rädlein 1, 383a; ähnlich Rondeau, Schwan; gewinde ... something that winds or turns. Hilpert. dazu vgl. DWB gewings, aufziehvorrichtung. Hönig wb. d. Kölner mda. 65a.
3) während die eben belegten technischen verwendungen, auszer in der fachsprache und in wörterbüchern, litterarisch nur selten bezeugt sind, hat die neuere litteratursprache dem substantiv von anderer seite her einen weiteren verwendungskreis erschlossen. die gebrauchsformen zweigen unmittelbar von der grundbedeutung des verbums ab, das sie zunächst jedoch weniger in der thätigkeit selbst, als wiederum in dem ergebnis erfassen. auch hier ist für einzelne gruppen mit der beeinflussung durch das lautverwandte gebinde (vgl. oben sp. 1773 ff.) zu rechnen. zur form ist noch zu bemerken, dasz im gegensatz zu den zahlreichen apokopierten belegen für das oben behandelte gewinde hierdem litterarischen charakter entsprechenddie volle form vorherrscht.
a) eng mit gebinde (ein gebinde garn) stimmt die gleichung überein: gewinde ... so viel garn, als man füglich auf ein mahl aufwindet, in einigen gegenden, nieders. windels. Adelung, ähnlich Campe u. a.; ein gewinde von garn (garn-gewinde), a bottom or stein of yarn. Hilpert, vgl. auch Thiel a. a. o. bei dieser deutung ist das substantiv wieder zum fem. winde in beziehung gebracht worden.
b) auszerhalb dieser letzten combination, aber noch in anlehnung an gebinde zeigt sich die lieblingsform des neueren gebrauches: gewinde von blumen, blumen-, laubgewinde,

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vgl. theil 2, sp. 163; theil 6, sp. 296; vgl. auch blumen-, laubgehänge; blumengewebe, laubgewölbe.
α) der ausgangspunkt ist verdeckt, doch deutet ein übertragener gebrauch Herders darauf hin, vgl.: er [der leitfaden] ist ein schönes krausgewinde aus mancherlei neuern schriften aufgewunden, und daher auch so perlend, aber auch so unsicher und schwach, als dergleichen aufgewinde aus einer andern fremden textur, wo es eigentlich seinen sitz hatte, zu sein pflegt. (über Schlözers universal-historie) 5, 436 Suphan.
β) im engen anschlusz an das winden der blumen wird gewinde zum ersatz des lehnwortes guirlande und als concurrenzwort für kranz eingeführt: besonders bewunderte man das sogenannte federzimmer, das anstatt der tapeten mit federn aller farben in künstlich zusammengesetzten blumenstücken, blumenkränzen, und in festons hangenden blumengewinden, nach der natur bis zur täuschung geziert war. J. W. v. Archenholz (annalen der britt. gesch. des jahres 1791) 7, 346;

in des kranzes duftigem gewinde
thronet gott der liebe, mild und linde.
Kosegarten (Walder u. Oda) poes. 2, 247;

gewinde. man sagt sonst blumengebände für guirlande; aber Archenholz hat blumengewinde dafür. in der mahlerei sagt man blumenschnur und blumengehänge. Heynatz antibarbarus 2, 56; vgl. auch: ein gewinde von blumen, a vreath of flowers, garland. Hilpert.
1)) vielfach wird gewinde mit weiterem umfassenderem sinn den engeren begriffen kranz und strausz gegenübergestellt: damit sind die männer nicht zufrieden: einzelne blumen sagen ihnen nicht zu, kaum scheint ihnen ein ganzes gewinde aufhebenswerth. F. L. Jahn (über briefschreiben) 1, 134 Euler; unsere bisherigen blumenlesen haben wenig geleistet. wer in der folge einzelne zu sträuszen auslieset, diese in ein gewinde zusammenflicht, walte mit ordnerkraft und zartsinn, wie der harfner in Wilhelm Meisters lehrjahren. (deutsches volkstum) 1, 249;

er hat genug nicht blumen können pflücken,
um mit gewinde, strausz und kranzgeflecht
ein unbedeutend liebeln aufzuschmcken.
Fr. Rückert (erzählungen 2: die treuen blumen) 3, 111;

die frischgebliebnen blumen aufzusuchen,
als kranz, als kränzchen, sträuszchen oder strausz,
als irgend ein geflecht, gewind, gekette,
sie fortzutragen in der liebsten haus. 107;

lasz mich den ersehnten begaben
mit blumen und frischem gewind,
da traun die sikulischen knaben
so schön wie die samischen sind!
Platen (ἤ σε Κύπρος ἢ Πάρος ἢ Πάνορμος) 1, 422 Redlich;

hätt' ich der ringelblumen g'nug,
da verginge die zeit mir geschwinde.
die hagerose hat einen guten geruch,
aber die andern geben bess're gewinde.
K. Immermann (Merlin der dulder) 4, 404 Maync;

neue blumen geht sie jetzt zu pflücken,
zwei gewinde fügt sie tändelnd draus,
einen kranz, Mariens haupt zu schmücken,
für sich selbst dann einen blumenstrausz.
Anastasius Grün (die sünderin) ged. 146.


2)) in engerer verwendung behauptet sich gewinde bis in die neueste zeit als ersatzwort für guirlande, nebenbei deckt es aber auch andere formen des blumengeflechtes und tritt manchmal für den blumenkranz im haar, ja sogar für den einfachen strausz ein:
a))

unter lustigen gewinden,
in geschmückter lauben bucht,
alles ist zugleich zu finden:
knospe, blätter, blume, frucht.
Göthe (Faust II. 1. act) 41, 27;

rothe früchte und blühende kränze in den bäumen und duftende gewinde um hügel und berge. Bonaventura nachtwachen (11) 98 Michel; die dichten laubgewinde, die an fünf seiten des schirms herunterliefen. Mörike (maler Nolten 2) 5, 69 Krausz; sein (des thorbogens) düsteres eisengrau war auszer dem wappen schier nirgends zu sehen, weil er von einer last von blumengewinden bedeckt war. Stifter erzählungen (Procopus 1) 1, 41 Aprent; gewinde von astern und buxbaum und von sonstigen herbstblumen und blättern hingen überall an den balken. Th. Storm (ein doppelgänger) 5, 178; auch der kunstvoll

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geschnitzte rahmen, der ein goldenes rosengewinde darstellte, war zerbröckelt und zerschellt. Hermann Sudermann der katzensteg (4) 64; Bruno Paul hatte den ganzen riesensaal in einen tannenhain verwandelt, in dem man vor guirlanden, taxuswänden à la Boileau, vor rosafarbenen gewinden und orangegelben schleifen von der architektur des raumes fast nichts mehr sah. deutsche zeitung 31. 5. 1907.
b))

an ihrer hand das glück, gewind'
und ros' im lockenhaar, ein schlankes, —
das miszgeschick ein fieberkrankes,
ein weinend kind.
Annette v. Droste (Sylvesterfey) 3, 392 Kreiten.

im weiszen atlaskleide, ein zierliches gewinde von blauen sternblumen im haar, trat sie ... herein. Mörike (maler Nolten 1) 4, 120 Krausz. vgl. dazu γ) 1)).
c))

(sie:) hundert sträusze vertheil' ich des tags, und kränze die menge;
aber den schönsten bring' ich am abende dir.
(er:) ach! wie wäre der mahler beglückt, der diese gewinde
mahlte, das blumige feld, ach! und die göttin zuerst!
Göthe (der neue Pausias) 1, 306;

zarter blumen leicht gewinde
flecht ich dir zum angebinde,
unvergängliches zu bieten,
war mir leider nicht beschieden. (nachlasz: an personen) 4, 268 Weimar;

damit verband sie die spitzen der lorbeerzweige, schlang den faden herum, und ... überreichte sie das blühende gewinde dem ritter. Paul Heyse troubadournovellen: die dichterin von Carcassonne.
γ) während das blumengewinde immer ein von menschenhand hergestelltes geflecht kennzeichnet, läszt die von dem begriff der guirlande begünstigte beziehung auf blätter, zweige, laub neben dem künstlichen gewinde auch die frei aus der natur erwachsenden gebilde in den kreis des gewindes eintreten.
1))

Schiller und Klopstock sangen und Goethe die blume der anmut,
Rückert und auch Uhlands muse, vor allen beliebt.
darf ich der neunte zu sein mich rühmen? bedächtige männer
leugnen es nicht, mir ward lieblicher aeste gewind.
hier in dem ehmals oft von gesängen umfluteten eiland,
... hier, Germania, lasz auf diesen unsterblichen trümmern
brechen die lorbeern mich, die du bewilligetest!
Platen (festgesänge: im theater von Taormina) 1, 232 Redlich;

blumiger äste gewind zierte das wallende haar. (choroebus der Kassandra) 1, 443;

die kön'gin steht im leeren saal,
und ihre greise stirn bekränzet
ein heil'ges mistelkrautgewind',
umflechtend grün die goldne bind'.
Immermann (Tristan u. Isolde 1) 13, 186 Hempel;

sie wiegte bald ein süszes kind
auf ihrem schoosze mütterlich:
da zeigten an dem laubgewind (des kranzes)
viel goldne früchte sich.
Uhland (der kranz) 1, 142 Erich Schmidt;

tiefer in die gruft vorschreitend, gelangte ich zu einem groszen verzierten sarkophage von erz. in diesem ruht Karl August, gewinde von eichenlaub umziehen ihn. Immermann (memorabilien 3. fränk. reise) 20, 86 Hempel; der hof war sauber gefegt, und ein über der hauptthüre angebrachtes gewinde von tannenzweigen zeigte, dasz dem hause irgend ein freudenfest bevorstand. Herm. Schmid (erzstufen2: die geldsucher 1) 3, 77; ebenso (das schwalberl 6) 5, 229; man hatte statt der vorhänge laubgewinde um die fenster gebreitet und beide kammern mit grün und blumen festlich ausgeschmückt. Paul Heyse moral. nov.: die blinden 3; während er mit kecker hand arabesken, blumen und fruchtgewinde aus alten kupferwerken zusammenstellte. die kleine mama.
2))

das laubgewinde hallet
mitgefühl in leisem laut.
Voss 5, 105, s. theil 6, sp. 296;

hier war's in eurer schattennacht, ihr linden ...
führt liebend mir mit euren laubgewinden
entgegen sie, nach deren grusz ich schmachte.
Friedr. Rückert (liebesfrühl. 1, 73) 1, 402;

dann keimt das lust'ge blattgewinde,
die rankenschaar, die blüthenmacht.
K. Immermann (die prinzen von Syrakus, epilog) 14, 54 Hempel;

der schreibersmann aber stund mit verklärtem antlitz unter dem rebgerank und geisblattgewinde des gartens

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und schaute in die welken roten blätter, die der herbst von den zweigen geschüttelt. Scheffel Ekkehard (25) 429;

ich sah hinauf, aus deinem himmel, linde,
hing nieder eines weissen kleides saum,
und nieder stieg ein kind aus dem gewinde
der zweige, die es neidisch mir versteckt.
Cl. Brentano romanzen v. rosenkranz (einl. 239) 7 Morris;

vor ihnen lag, vom mond beschienen, jenes grosze stille meer unabsehbarer weinstockgewinde. Karl Gutzkow der zauberer von Rom (7, 3) 83, 59 (in der 1. aufl. s. 69: das grosze stille meer der weinstockblätter);

Venedig schwindet in des meres düften,
schon rankt sich farbig in gewind' und lauben
des herbstes rebe über sammtnen triften.
Strachwitz (aus dem nachlasz: Venedig 9) 369 Weinhold.


c) der gebrauch des substantivs überschreitet die grenzen der pflanzenwelt und des baumwuchses und zieht auch andere gebilde zum vergleich heran. der verwendungskreis ist hier zwar nicht so ergiebig; immerhin bilden sich einzelne gruppen, die in den verschiedensten zeiträumen immer wieder erneuert werden.
α) er hatte sich durch die kunstvolle weberin, und das künstliche gewinde dahin bringen lassen, ein kunstvolles lied und einen künstlichen canon zu weben. Gerstenberg rezensionen (litt. denkm. 128) s. 230; und nahm das darinn verwahrte dokument der liebestreue (einen aus grüner und schwarzer seide geschlungenen unauflöslichen liebesknoten) heraus, besah es lange, den gang des verborgenen gewindes auszuspähen und die fäden gemachsam auseinander zu wirren. Musäus volksmärchen (liebestreue) 3, 263;

ob ich an den mast mich binde,
wie der edle Laertide,
es zerreiszt das taugewinde
sehnsucht mir, die Eumenide.
Strachwitz (lieder eines erwachenden: 2) ged. 122 Weinhold.


β)

der knoten furchtbares gewinde
gewaltsam zu zerreiszen, strengt
der arme kraft sich an, des geifers schaum besprengt
und schwarzes gift die priesterliche binde.
Schiller (zerstörung Trojas v. 297) 6, 357;

da entstieg der tiefe
der Eumeniden blasse schar, ihr haupt
umzischt von schlangen ...
doch plötzlich stand die hohe tochter Zeus
bei dir, es strahlt Pallas Aegis hell
vor deinem haupt, die töchter der nacht entflohn
laut heulend, und es zischte noch von fern
das lebende gewind' in ihrem haar.
Fr. L. v. Stolberg Timoleon 1, s. werke der brüder
Stolberg 5, 9;

kurz, man kann Virgils geschilderten Laokoon und sein natterngewinde recht gut genieszen, ohne den steinernen dazu neben das lesepult aufgestellt zu haben. Jean Paul (jubelsenior) 20, 57; dieser mensch ist ein gewinde von schlangen, die aus einander fliehen mögten, aber mit den schwänzen in einander verwickelt sind. wenn sie sich beiszen, glaubt er, dasz in ihm das gewissen sich regt. Fr. Hebbel tagebücher 2, 446 Werner;
γ)

sieh wie die geister aus bergen zu uns dringen,
wie himmel und erd' in ihrer gewalt uns hegen,
die sternenkreis' um uns gewinde legen,
allseitig in ketten der hohen natur geschlagen,
welche kraft will sich durch all' die netze wagen?
Tieck (Genoveva) 2, 231;

o nacht, du goldgesticktes zelt,
o mond, du silberlampe,
das du die ganze welt umhüllst,
und die du allen leuchtest!
wo birgt in deinen falten sich
die allerreinste perle?
wo widerstrahlt dein träumend licht
im allerklarsten spiegel?
o breite siebenfach um sie
das schützende gewinde,
dasz nicht der jüngling sie erschaut.
Annette v. Droste (o nacht!) 3, 445 Kreiten.


δ) eine nachhaltigere wirkung erzielte die verwendung von gewinde als ersatz für das fremdwort labyrinth, die sich zuerst bei Wieland und Bürger nachweisen läszt (bei letzterem häufiger in der zusammensetzung irrgewinde, vgl. Campe verdeutschungs wb.; vgl. auch: gewinde, verschlungene gänge, ein irrgewinde, labyrinth. Hilpert). diese verwendung des substantivs war von verschiedenen ausgangspunkten her nahe gelegt. die laubgewinde, in denen

[Bd. 6, Sp. 5857]


freie gebilde der natur erfaszt sind (s. o. sp. 5855/6), leiteten ungezwungen zu den irrgängen über, die durch busch und wald führen. ähnlich lassen sich auch die felsengänge auffassen, die aber zugleich unmittelbarer auf das verbum und seine sippe zurückweisen, vgl.: windungen des gesteins vgl. felsgewinde, anfractus rupium theil 3, sp. 1514; vgl. wendelstein. und das gleiche gilt auch für die erste gruppe; überall zeigt sich, dasz die gleichung von gewinde und labyrinth mit der auffrischung der verbalkraft am substantiv in zusammenhang steht (s. u. 4), vgl.:

im seitengang
am ersten saal — der seitengänge sind
mit irreführendem gewinde viel
bei jedem, und der sale keine zahl.
F. L. Stolberg (Theseus) 4, 26.


1))

wir stehen
schon mit der sonne munter auf
und nehmen anfangs unsern lauf
durch ein gewinde von alleeen
in eine art von dicht verwachs'nen hain.
Bürger (die königin von Golkonde 456) 413 Sauer;

er sagt's und rafft sich auf, entschlossen als ein held
den dienst Zeniden aufzukünden:
als aus des hains mäandrischen gewinden
ihm etwas in die augen fällt,
das seinem heldenthum und allen weisheitsgründen
der stoa selbst die wage hält.
Wieland (Idris 5, 96) 17, 307;

führte mich durch ein gewinde unbekannter büsche, auf einem durch kunst geebneten schneckenförmig steigenden pfad an einem felsen hinauf. Wieland (Peregrinus Proteus 1, 2) 27, 134; es war über die elfte stunde — rings stichdunkel ... durch ein labyrinthisches gewinde von gärten, über schwellend brausende bäche ... erreichte er das pfarrhaus San-Medardo. Karl Gutzkow der zauberer von Rom (8, 5) 9, 179.
2))

der vater, den ihr schrein herbeigerufen, spricht
umsonst den trost ihr zu, woran's ihm selbst gebricht:
'er werde sich gewisz in diesen felsgewinden
gesund und frisch auf einmahl wieder finden'.
Wieland (Oberon 9, 48) 23, 152;

der ersehnte — o wohin,
wohin musz ich sie zu finden?
zu des grabes irrgewinden?
nein, sie schwebt in meinem sinn.
Otto Heinr. v. Loeben (an Wilhelmine) ged. 90 Pissin;

da mag er's oft mit angesehen haben, wenn das frühjahr kam, der schnee wegging und das eis schmolz, wie aus den schluchten die leichen derer hervorgezogen wurden, die in den untiefen und gewinden oder im wettersturm hatten elend verkommen und erfrieren müssen. Herm. Schmid (Friedel u. Oswald2 2, 1) 22, 6;

wo sie (die töne) sich zur tiefe neigen,
zu der grüfte labyrinth,
seh ich trauernd niederschleichen
still der treppen steingewind'.
Cl. Brentano romanzen vom rosenkranz (13, 94) 236 Morris.


ε) auch die übertragung knüpft vor allem an diesen letztbelegten gebrauch an (vgl. irrgewinde th. 4, 2, sp. 2169):

der ausgang, ja sogar der wunsch ihn auszufinden,
wird immer schwieriger, je mehr er sieht und hört;
ein wollustgirrendes getön von flöten stört
der sinne ruh, und schleicht in schlängelnden gewinden
ins herz sich ein.
Wieland (Idris 5, 11) 17, 261;

in dem goldnen labyrinthe deiner locken eingefangen,
hab' ich meine müde freiheit in den schlingen aufgehangen.
denn wie sollt' ich es versuchen, aus den holden irrgewinden,
die sich um mein herz geringelt, wieder mich heraus zu finden?
Wilhelm Müller (Berenice: der neue Dädalus) 300 Hatfield;

durch ein bezaubertes gewinde
von süszem irrthum hat zuletzt
die thorheit selbst mich auf den weg gesetzt,
zu werden was ich schien als man mich glücklich nannte.
Wieland (Musarion 1) 9, 33;

durch ein verwickeltes gewinde
von feerei und wundern fortgeführt,
sei, wer dich liest, besorgt, wie er heraus sich finde,
und nahe stets dem ziel — indem er es verliert. (Idris 1, 5) 17, 13;

gewinde und irrgänge der speculation (Agathodämon 1, cap. 3); vgl. dazu: mithin flüchtete sich die verschleiernde ausdrucks weise in ein fremdes irrgewinde. F. L. Jahn 2, 614;

so durch alle gewinde des lebens
geleitest du liebreich den erdensohn,
hilfst ihm erklimmen die steilen stufen
Grillparzer (die musik) 25, 9;

[Bd. 6, Sp. 5858]



o gott, wenn du mich auch in dieses lebens
vielfach verwobene gewinde flechtest,
wo sich der reinste nicht ganz rein erhält,
und in der wissenschaften labyrinthe,
wo unser geist nur allzuoft verirrt:
lasʒ mein gebet doch immer kindlich bleiben.
Platen (morgen- und abendbetrachtungen) 1, 494 Redlich;

aber ach! mein perspectiv
ist so trüb, so kurz, so schief
dasz ... ich doch nimmer
euren schimmer
mir ergründe,
nie erfinde
des schicksals gewinde,
und guckt ich mich blinde!
Cl. Brentano (die lustigen musikanten 3) 7 (1852), 229;

denn dieses geschäft besteht nur darin, dasz man den jungen seelen eine ausstattung schlichter begriffe mitgiebt, mit denen sie durch das irrgewinde des markts sich helfen sollen, so gut es gelingen mag. Immermann (epigonen 8) 4, 130 Maync;

und nur die prahlerin philosophie
verhiesz pomphaft mit gleisznerischen worten,
sie werde aufthun der erkenntnisz pforten.
thor der ich war, ihr je mein ohr zu leihn!
sie führte mich zu dunkeln irrgewinden.
Schack (nächte des orients 1) 1, 8.


d) aus der vielseitigkeit solcher verwendungen wurde in den wörterbüchern ein allgemeiner begriff abstrahiert: gewinde, eine benennung verschiedener gewundener dinge. Adelung; etwas gewundenes. Campe u. a., something wound. Hilpert; gewinde, spira. Nemnich d. wb. der naturgesch. 192.
4) schon bei der gleichung gewinde, labyrinth war auf die erneuerung der verbalkraft an unserem substantiv hinzuweisen (s. oben) und so wurde ihm auch sonst neuerdingswenn auch vereinzeltnach analogie ähnlicher bildungen die function eines nomen actionis wieder zugesprochen: gewinde, das winden, a winding. teutsch-engl. wb. 2 (1716) 773;

'ein wort, ein mann! ein mann, ein wort!'
ruft Veit mit fest entschloszner stimme,
und trotz gewinde, trotz gekrümme
geht's marsch! ins kleine zuchthaus fort.
Bürger (Veit Ehrenwort) ged. 357 Sauer;

gewinde ... die handlung des windens, ohne plural. Adelung, ähnlich Campe (das winden, besonders ein wiederholtes, anhaltendes winden); gewinde, the act of winding or twisting. Hilpert.

 

gewimmer
1)  die ältesten belege für das substantiv erfordern zunächst eine abgrenzung gegen das eben besprochene gewimmel. für neuern mundartlichen gebrauch ist bereits beobachtet worden, dasz die bildungen wimmern, gewimmer in verwendungen auftreten, die sonst für wimmeln, gewimmel vorbehalten sind, vgl.: voll gauckler wimmern würd' alsdann das
a)  nicht in zusammenhang damit scheint die sachbedeutung des masc. wimmer (vgl. Schmeller 22, 912) zu stehen, die in den beiden hauptrichtungen der bedeutung als warze, schwiele, bläschen (veruca, pustula) einerseits, als auswuchs an bäumen, knorre, knote andererseits
b)  zu diesem masc. wimmer könnte man versucht sein, als collectivbildung die folgenden verwendungen von gewimmer zu stellen: ain schlos das haisset immer, darumb ain schön gewimmer gewachsen ist zu ainem hag, das darein niemant komen mag,
c)  alle andern belege dagegen weisen auf gefühlsäuszerungen hin, sie halten sich streng im rahmen eines nomen actionis und geben dem empfindungslaute, den sie überwiegend als äuszerung des schmerzes erscheinen lassen, den charakter des gedämpften, kraftlosen. schon der älteste einschlägige beleg zielt in diese richtung:
α)  den belegen aus Wickram
β)  die reihe der lexikalischen buchungen eröffnet erst Stieler, sie zeigen aber dann eine nur wenig unterbrochene überlieferung. alle heben den empfindungslaut des schmerzes scharf hervor; in einigen gleichungen tragen sie auch der vorstellung der kraftlosigkeit rechnung: wimmerung die, das wimmern, et gewimmere,
γ)  auch gewimmer wie gewimmel und gewinsel ist fast ausschlieszlich ohne auslautenden suffixvocal belegt. vereinzelte ausnahmen bieten wörterbücher, vgl. gewimmere bei Stieler und Matthiae. dazu vgl. den charakteristischen gebrauch bei Tieck.
δ)  auffällig ist der vereinzelte plural bei Arndt: solchen jammer und solches wehgeschrei der entführten oder geschändeten unterbrachen nur die gewimmer derer, die ... auf den gassen erschlagen wurden. geist der zeit 3, 110.
2)  unter den gebrauchsformen empfiehlt es sich, zuerst
a)  die verbindungen darzustellen; sie beschränken sich auf verhältnismäszig wenige, aber charakteristische typen:
α)  die verbindung mit substantiven dient nicht so oft der kennzeichnung des logischen subjects wie bei gewimmel (s. sp. 5847); verhältnismäszig häufig begegnen einerseits synonyme gruppen, andererseits verbindungen mit substantiven, die einen im bedeutungsgehalt des substantivs liegenden zug eigens hervorheben; diese verbindungen verengern sich meist bis zur
1))  synonyme gruppen: nur dasz kein nasses aug disz todten-fest entweih, last, nach der Teutschen art, dem zarten frauenzimmer, das ängstige geschrei und klägliche gewimmer. Besser (lobgedichte oder der zunahme Friedrich Wilhelms des Grossen)
2))  composition mit attributiven substantiven: wie ringt mit grausen wettern dein überwogtes schiff! o wehe mir! nun schmettern es stürm' ans felsenriff! jetzt schwimmst du auf der trümmer durchs weltmeer! sinkend jetzt nennst
β)  an stelle dieser ausdrucksmittel treten nicht oft attributive adjectiva (klägliches gewimmer bei Klopstock, Besser); häufiger deuten die adjectivischen attribute auf das moment der wiederholung, das meist als lästig empfunden wird: das ewige (Schubart, Heine), das verdammte (Lingg
γ)  die verba, mit denen das substantiv in verbindung tritt, stehen meist mit der thatsache in einklang, dasz sich das substantiv vor allem an das gehör wendet: das gewimmer ertönt, steigt, dringt, verliert sich, ächzt, ruft; ein gewimmer hören (Schubart, Rückert, G. Hauptmann), hören lassen,
b)  der kreis der vorstellungen, die als ausgangspunkt der verbalhandlung gedacht sind, ist bei gewimmer klein; als logisches subject sind hier fast ausschlieszlich menschliche wesen und personificationen gekennzeichnet oder zu ergänzen.
α)  bei der beziehung auf menschen lassen sich zwei hauptrichtungen des gebrauches unterscheiden. auf der einen seite wird das gedämpfte, kraftlose der stimmentfaltung hervorgehoben; hier sind als logisches subject weiber, knaben, kinder gedacht; die beziehung auf männer erscheint als ausnahme. auf der andern seite wird nicht blosz das gedämpfte,
1))  kraftloses, gedämpftes geräusch.
a))  (F. zu Adelheid) nur hufe schmerzen nicht auf schmerz, und stille dein gewimmer. Goekingk (die Kelle) ged. 3, 138; (Aeneas zu Dido.) quäle nun weiter nicht mich und dich
b))  sie leidet härter als ein bettler noth, sie lebt allein von wasser und von brod, der arme knabe musz beinah verschmachten, doch keiner will auf sein gewimmer achten. Tieck (Genoveva) 2, 171;
c))  auch hier kniee vor dir in des erwachendes jahres ersten strahlen und meines psalmes gewimmer verliehrt sich nicht unter dem woogengetöse der tausendmaltausend rufer gen himmel. Schubart
2))  verworrenes geräusch:
a))  doch endlich ertönte tief unten herauf vom kellergewölb' ein gewimmer (: zimmer). Bürger (das lied v. treue) 256 Sauer; langsam und schwer vom thurme stieg die klage, ein dumpf
b))  so verächtlich auch manche dieser urtheile sind: so sammlen sie sie sich doch nach und nach zum gegewimmer, das durch die nation wiederhallt ... nur die klagende stimme, nur das seufzen der unzufriedenen wird gehört. H. P. Sturz (erinn. an Bernstorf) schr. 2 (1782), 109;
β)  einige wenige belege zeugen für die übertragung auf phantasiegestalten, sowie auf die thier- und pflanzenwelt.
1))  allerhand geisterchen aus zeitungen oder monatschriften, in welchen diesz buch sehr ist gelobpriesen worden, schleichen herbei, sobald das beschwören angeht, und lassen ein gar klägliches gewimmer von sich hören. Klopstock (gelehrtenrep.) 12, 380; endlich war Jupiter müde, das ewige gewimmer der unterdrückten tugend, und den
2))  lieber Picas! lieber guter hund! ach! wie schmerzt mich dein gewimmer. bist so blutig, bist so wund? Goeckingk (die parforce-jagd) ged. 3, 17; die füsze streckt er
3))  um an den tag zu fördern kalten flimmer, musz sterben ein entwurzeltes geschlecht von pflanzen, und nicht hört man ihr gewimmer. Fr. Rückert (erzähl. 2: Flor u. Blankflor 2).
γ)  auch auf die musik wird das substantiv bezogen, meist um einen widrigen eindruck zu kennzeichnen: um noch von denjenigen melodien ein paar worte zu sagen ... hätten wir sie aus der ursache entbehren wollen, weil sie keine lieder sind; zum theil auch wegen ihres französischen gewimmers. Gerstenberg
 
gewimmert
1)  unmittelbar von wimmer (pustula, veruca) abgeleitet ist: gewimmert, astknopfig ... voller hautwarzen. Unger-Khull 291a; vielleicht steht damit auch in zusammenhang: so hat man die coblicht unnd wiszmat ertz ausz gefüret, gepocht und inn ertzfeszlein gefüllet, da es auff
2)  als nebenform zu gewimmelte voll (s. oben) ist gewämmerte voll zu stellen, das oben (sp. 5235) zu gewampt, gewammt gezogen wurde.
 
gewimpert
1)  die schöngewimperte, schöngehaarte, die schöngehüftete, gliederzarte, der strahlende frauenedelstein ging in den kreis der einsiedler ein. Rückert
2)  die taube gerste ... hat eine magere, sechszeilige aehre, wovon die tauben seitenbälge gegrannt, die fruchtbaren gewimpert sind. Oken
 
gewinde
1)  schon der älteste gebrauch der deutschen mit dem präfix gebildeten form, die im übergang vom 15. zum 16. jahrh. zuerst beobachtet ist, gabelt sich in zwei richtungen. die eine zeigt den unmittelbaren zusammenhang des substantivs mit dem verbum, die andere läszt innerhalb der sachbedeutung eine längere
a)  für die erste richtung liegen belege aus Dürer und einer aus dem buch Weinsberg vor, der die collectivbildung auf ts, (z) aufweist, vgl. zu gethierz u. a.: so du aber ... die selben örter zu beden seiten nach der leng durch die gantz gewunden
b)  eine längere entwicklungsreihe ist für die sachbedeutung vorauszusetzen, die im dienste der technik steht; im gegensatz zu dem concurrenzwort winde, das ein der verbalthätigkeit dienendes werkzeug kennzeichnet, sind auch hier zunächst durchweg objecte erfaszt, die in ihrer äuszern form das ergebnis der verbalthätigkeit festhalten: das stechwammes, ein
2)  diese und ähnliche technischen bedeutungen werden vor allem von den wörterbüchern übernommen, die sich freilich im 17. jahrh. zurückhalten (bei Stieler zwar windung, nicht aber gewind), mit dem anfang des 18. jahrh. aber um so ausführlicher werden, während der sonstige litterarische
a)  das substantiv für gegenstände, die das ergebnis der verbalthätigkeit in ihrer äuszeren form festhalten.
α)  der schraubengang: und hat an dem anfang eine eiserne schraub mit dergleichen gewinde, dasz es auff einmahl thut ein zoll ziehen. J. J. Becher
β)  das gewinde am degengefäsz, manubrii obvoluta pars. Frisch 2, 450b; ebenso Hederich 1, 1423; gewinde, lat. commissura, wird auch an einem degen, der um das hefft oder den griff gewundene, eiserne, kupferne, meszingene, silberne oder goldene drat genennet.
γ)  gewinde, sind die stellen an den masten, an welchen einige stücke holz genagelt, und hernach mit dicken tauen umwunden werden, um sie zu verstärken. Hübner zeitungs ... lex. (1782; die ältesten ausgaben buchen das wort nicht) 1000. ebenso Jacobsson 5, 671a
δ)  eine reihe sehr verschiedenartiger verwendungen wird in den wörterbüchern unter dem allgemeinern begriff gelenk, verbindung zusammengestellt; vgl. schon gewinde ... gewerbe, a joint. teutsch-engl. wb. 2 (1716), 773; das gewinde an einem ding, wo zwei desselben theil an- oder in-einander gehen,
1))  die umfassende aufzählung der einzelnen verwendungen ist meist mit dem versuch einer gemeinsamen deutung verbunden: gewinde, commissura, wird an einer sache diejenige art genennet, worinnen sich zwei ausser dem abgesonderten theile in einander bewegen, z. e. die schraubengänge in einer schraubenmutter, zwei schenkel eines winckel-hackens,
2))  die gesonderte aufstellung engerer begriffe:
a))  gewinde an den fischbändern (zu fischband vgl. theil 3, sp. 1681), la boîte. Schwan; gewinde ... bandohr bei allen thoren und thüren. Popowitsch 155; unter dem einflusz dieser engeren beziehung von gewinde auf thüren und fenster wird auch
b))  gewinde, das, les couplets du tympan. Täubel
c))  entgegengesetzt der entwicklung, die gewerbe in der bedeutung von gelenk genommen hat, ist bei gewinde der aus der mechanik stammende begriff eines gelenkes auch von der sprache der anatomie übernommen und auf einen bestimmten typus angewendet worden (vgl. oben zu Hilpert):
3))  vereinzelt und auf der analogie mit den unten zu belegenden verwendungen beruhend, stellt sich hier übertragener gebrauch ein: die geschichte des menschen geht in einem stählernen gewinde fester stangen, die aus der innersten eigenthümlichkeit heraus sich bilden, und nur durch diese sich erweitern und verengern lassen. Heinr.
b)  eine annäherung an das fem. winde läszt sich im folgenden beobachten: und wierdt darz ein rünselradt F. welches innerhalb dem ofen, in die zacken des bodens gefüegt, und ausserthalb desz ofens ein gewindt mit einer handthab D. haben, mit welcher handthab, das rünselradt mög umbgewent und
3)  während die eben belegten technischen verwendungen, auszer in der fachsprache und in wörterbüchern, litterarisch nur selten bezeugt sind, hat die neuere litteratursprache dem substantiv von anderer seite her einen weiteren verwendungskreis erschlossen. die gebrauchsformen zweigen unmittelbar von der grundbedeutung des verbums ab, das sie zunächst jedoch weniger in
a)  eng mit gebinde (ein gebinde garn) stimmt die gleichung überein: gewinde ... so viel garn, als man füglich auf ein mahl aufwindet, in einigen gegenden, nieders. windels. Adelung, ähnlich Campe u. a.; ein gewinde von garn (garn-gewinde), a bottom or
b)  auszerhalb dieser letzten combination, aber noch in anlehnung an gebinde zeigt sich die lieblingsform des neueren gebrauches: gewinde von blumen, blumen-, laubgewinde, vgl. theil 2, sp. 163; theil 6, sp. 296; vgl. auch blumen-, laubgehänge; blumengewebe,
α)  der ausgangspunkt ist verdeckt, doch deutet ein übertragener gebrauch Herders darauf hin, vgl.: er [der leitfaden] ist ein schönes krausgewinde aus mancherlei neuern schriften aufgewunden, und daher auch so perlend, aber auch so unsicher und schwach, als dergleichen aufgewinde aus einer andern fremden textur, wo es
β)  im engen anschlusz an das winden der blumen wird gewinde zum ersatz des lehnwortes guirlande und als concurrenzwort für kranz eingeführt: besonders bewunderte man das sogenannte federzimmer, das anstatt der tapeten mit federn aller farben in künstlich zusammengesetzten blumenstücken, blumenkränzen, und in festons hangenden
1))  vielfach wird gewinde mit weiterem umfassenderem sinn den engeren begriffen kranz und strausz gegenübergestellt: damit sind die männer nicht zufrieden: einzelne blumen sagen ihnen nicht zu, kaum scheint ihnen ein ganzes gewinde aufhebenswerth. F. L. Jahn (über briefschreiben) 1, 134
2))  in engerer verwendung behauptet sich gewinde bis in die neueste zeit als ersatzwort für guirlande, nebenbei deckt es aber auch andere formen des blumengeflechtes und tritt manchmal für den blumenkranz im haar, ja sogar für den einfachen strausz ein:
a))  unter lustigen gewinden, in geschmückter lauben bucht, alles ist zugleich zu finden: knospe, blätter, blume, frucht. Göthe (Faust II. 1. act) 41, 27; rothe früchte und blühende kränze in den bäumen und duftende
b))  an ihrer hand das glück, gewind' und ros' im lockenhaar, ein schlankes, das miszgeschick ein fieberkrankes, ein weinend kind. Annette v. Droste (Sylvesterfey) 3, 392 Kreiten. im weiszen atlaskleide, ein zierliches gewinde
c))  (sie:) hundert sträusze vertheil' ich des tags, und kränze die menge; aber den schönsten bring' ich am abende dir. (er:) ach! wie wäre der mahler beglückt, der diese gewinde mahlte, das blumige feld, ach! und die göttin zuerst!
γ)  während das blumengewinde immer ein von menschenhand hergestelltes geflecht kennzeichnet, läszt die von dem begriff der guirlande begünstigte beziehung auf blätter, zweige, laub neben dem künstlichen gewinde auch die frei aus der natur erwachsenden gebilde in den kreis des gewindes eintreten.
1))  Schiller und Klopstock sangen und Goethe die blume der anmut, Rückert und auch Uhlands muse, vor allen beliebt. darf ich der neunte zu sein mich rühmen? bedächtige männer leugnen es nicht, mir ward lieblicher aeste gewind. hier
2))  das laubgewinde hallet mitgefühl in leisem laut. Voss 5, 105, s. theil 6, sp. 296; hier war's in eurer schattennacht, ihr linden ... führt liebend mir mit euren laubgewinden
c)  der gebrauch des substantivs überschreitet die grenzen der pflanzenwelt und des baumwuchses und zieht auch andere gebilde zum vergleich heran. der verwendungskreis ist hier zwar nicht so ergiebig; immerhin bilden sich einzelne gruppen, die in den verschiedensten zeiträumen immer wieder erneuert werden.
α)  er hatte sich durch die kunstvolle weberin, und das künstliche gewinde dahin bringen lassen, ein kunstvolles lied und einen künstlichen canon zu weben. Gerstenberg rezensionen (litt. denkm. 128) s. 230; und nahm das darinn verwahrte dokument der liebestreue (einen aus grüner und schwarzer seide
β)  der knoten furchtbares gewinde gewaltsam zu zerreiszen, strengt der arme kraft sich an, des geifers schaum besprengt und schwarzes gift die priesterliche binde. Schiller (zerstörung Trojas v. 297) 6, 357; da
γ)  sieh wie die geister aus bergen zu uns dringen, wie himmel und erd' in ihrer gewalt uns hegen, die sternenkreis' um uns gewinde legen, allseitig in ketten der hohen natur geschlagen, welche kraft will sich durch all'
δ)  eine nachhaltigere wirkung erzielte die verwendung von gewinde als ersatz für das fremdwort labyrinth, die sich zuerst bei Wieland und Bürger nachweisen läszt (bei letzterem häufiger in der zusammensetzung irrgewinde, vgl. Campe verdeutschungs wb.; vgl. auch: gewinde, verschlungene
1))  wir stehen schon mit der sonne munter auf und nehmen anfangs unsern lauf durch ein gewinde von alleeen in eine art von dicht verwachs'nen hain. Bürger (die königin von Golkonde 456) 413
2))  der vater, den ihr schrein herbeigerufen, spricht umsonst den trost ihr zu, woran's ihm selbst gebricht: 'er werde sich gewisz in diesen felsgewinden gesund und frisch auf einmahl wieder finden'. Wieland (Oberon 9,
ε)  auch die übertragung knüpft vor allem an diesen letztbelegten gebrauch an (vgl. irrgewinde th. 4, 2, sp. 2169): der ausgang, ja sogar der wunsch ihn auszufinden, wird immer schwieriger, je mehr er sieht und hört; ein wollustgirrendes
d)  aus der vielseitigkeit solcher verwendungen wurde in den wörterbüchern ein allgemeiner begriff abstrahiert: gewinde, eine benennung verschiedener gewundener dinge. Adelung; etwas gewundenes. Campe u. a., something wound. Hilpert; gewinde, spira. Nemnich
4)  schon bei der gleichung gewinde, labyrinth war auf die erneuerung der verbalkraft an unserem substantiv hinzuweisen (s. oben) und so wurde ihm auch sonst neuerdings wenn auch vereinzelt nach analogie ähnlicher bildungen die function eines nomen actionis wieder zugesprochen: gewinde,