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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gewendet bis gewerbeabgabe (Bd. 6, Sp. 5475 bis 5532)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewendet , participiales adjectiv zu wenden (s. d.), unverkürzte form zu dem reicher entwickelten und bevorzugten gewandt, vgl. oben sp. 5304ff.
1) ehe die form gewandt mit den bedeutungen 'zugewandt, verwandt' (später auch 'geschickt, anstellig') vom verbalstamme sich isolierte, läszt sich die unverkürzte form wenig belegen. sie gehört zunächst der ältesten schicht althochdeutscher denkmäler an, und wird in der mittelhochdeutschen dichtung nur gelegentlich durch versmasz oder reim begünstigt.
a) her tho ci in giwentit increbota sie (et conversus increpavit illos). Tatian 136, 3 (er umkert sich. cod. Tepl. Luc. 9, 55; Jhesus aber wandte sich. Luther), ebenso 188, 6; odowan furtreten sie mit iro fuoʒun inti giwentite zibrehhent iwih (et conversi disrumpant vos). Tatian 39, 7 (so si werdent bekert. cod. Tepl. Marc. 7, 6; und sich wenden und euch zerreissen. Luther), ähnlich 160, 4, vgl. auch giweniten, contortum [hastile] glossen zu Vergils Aeneis (11, 561), s. Steinmeyer-Sievers 2, 668.
b)

diu ros nâch stichen truogendiu rîchen küneges kint
beide für ein ander,sam si wæte ein wint.
mit zuomen wart gewendetvil rîterlîchen dan:
mit swerten eʒ versuohtendie zwêne grimme man. Nibelungen 184, 3 Lachmann;

swar ie der kôr nu wære
ûʒ nâch der krümb gewente,
iedoch was der altære,
daʒ der priester reht gên ôriente
dârobe sîn antlütze muoste kêren,
swenne er der kristen sælde
und Christes lop zer messe wolde mêren.
Albrecht v. Scharfenberg jüng. Titurel str. 360 bei
Piper 2, 475;

swer diu (gottes wort) wol vernemen chan
unde si gerne wil erfullen
mit werchen ioch mit willen
zuo dem sint si wol gewendet
da sint si niht geschendet. die hochzeit, s.
Karajan deutsche sprachdenkm. 20, 22;

ich hân den muot und die sinne gewendet
an die reinen, die lieben, die guoten.
daz müez uns beiden wol werden volendet.
Walther 110, 20 Lachmann;


c)

ir schif sigelte hinab
nach gewentem gange,
doch sahen si vil lange
daʒ waʒʒer burnen alsam ein stro. pass. (1) Köpke 14, 43.

[Bd. 6, Sp. 5476]



2) nach der isolierung von gewandt sind es weniger die prädicativen functionen des particips als die attributiven, die die unverkürzte form begünstigen.
a) zeugnisse für die prädicative function: darnach schikten die von Zürich 7 hundert man wol bezugt, daʒ si gan Wesen ... do si heruf kamen gen Richtiswil, do wurden si daselbs gewent und ward inen geseit, die fient hettin ir statt zu Wesen selber angestoszen und verbrennt. chronik d. stadt Zürich 141 (quellen d. Schweizer gesch. bd. 18); dies sind die unterschied gebogen, gekrümmt gewendt, gewunden, gestreckt, gekrüpft und geschoben .. zum dritten würdet 'wenden' in den menschlichen gliedern gebraucht, als wenn einer das haupt umwendt, desgleichen den leib, die arm, schenkel. und den meisten theil der glieder mögen also gewendt werden. Dürer von menschlicher proportion 233 Lange; in die flucht gewendt oder geben, in fugam conversus Maaler 179a;

burger nun mach din testament,
din leben ist zum tod gewendt.
Nikl. Manuel (todtentanz) Bächtold 13;

beide in sich selbst gewendet, deutlich in ihrem wollen, fest in ihren vorsätzen. Göthe (die wunderlichen nachbarskinder) 17, 323; war auch dieses gute ... hertz beständig zu seinem gott gewendet. (Meisters lehrjahre) 20, 256.
b) attributive verbindungen: wa ich eben auch dasselbig schribe, würde ich augenscheinlich der alten auff solche schrifften gewendete arbeit hiemit unkräfftig machen. Ryff übersetz. von Artemidori traumbuch 74a; da der umfang des betriebes eines handwerks mit dem in dasselbe gewendeten capital ... im verhältnisz steht. Völker einschränkung der meister eines handwerks (1801) 19.
α) ghewendt brod, panis ovis maceratus, panis dulciarius. Kilian 146a, ebenso Henisch 1597.
β) gewendter rock, persica. vocab. theut. (Nürnberg 1482) M 5; käuffer hat bewilliget ... den 2 töchtern jeder ein gewenden rock, ein damaschken halskoller, ein gebet bette, wann sie sich verheuraten, ... auf einen tisch auszurichten. schöppenbuch von Tschechnitz (1597) bei Meitzen 178 (ob zu gewende gehörig? vgl. sp. 5472). andere bedeutung zeigt die gleiche verbindung in: ein gewendtes kleid, resarcita vestis Steinbach 2, 928; der erbprinz sollte eine reise nach dem orient antreten. seine hoheit der herzog verkaufte seine pferde, um zu sparen. Maria Carolina ging mit gewendeten kleidern. Hermann Bang ihre hoheit (deutsch) 43; ist es nicht rührend, den herrn der könige (Napoleon) zuletzt soweit reducirt zu sehen, dasz er eine gewendete uniform tragen musz? Göthes gespr. (mit Eckermann) 7, 204 Biedermann.
γ) obversa, gewendt schiff Frischlin nomencl. triling. 271a.
δ) ein kekhen gewenten pueben vgl. oben sp. 5309.
3) fraglich ist, ob in diesem zusammenhang auch gewendtes widt (geklobenes brennholz) gehört. Schmeller 22, 945 stellt es zu hwenjan, vibrare, quatere (vgl. Graff 4, 1228). nach allem scheint aber der schwerpunkt der bedeutung in dem aufschichten, nicht im spalten des brennholzes zu liegen, und diese bedeutung läszt sich auch aus wenden erklären.
 
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gewendig, adj. und adverb, vgl. DWB wendig. Schmeller 22, 945. ringen um ihren leib stark und gewendig zu machen. Kästner nach Adelung 2, 654; gewendig ... was gewendet, und in engerer bedeutung was leicht gewendet werden kann, gelenk. ebenda; gewendig, leicht beweglich. Fulda vers. e. t. idiotik. 580; gewendig, supple, pliant, active, nimble. Hilpert 463c.
 
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gewendigkeit, f., substantivierung des vorigen, vgl. Adelung 2, 654. Hilpert 463c: er ist ein schlauer, durchtriebener, verschmitzter gast, der sich mit einer wunderbarlich und unglaublich groszen hurtig- und gewendigkeit in alle dinge schicken und in allen sätteln reiten kan. Reiske Demosthenis u. Äschinis reden 1, 8.
 
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gewenen, verb., s. DWB gewöhnen.
 
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geweng, gewenge, n.
1) s. DWB gewänge sp. 5318.
2) nebenform zu gewende, gewann s. d.
 
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gewenken, verb. , verstärktes wenken (vgl. Graff 1, 694. mhd. wb. 3, 707 ff.). während das grundwort mit wanken (s. d.) zusammenfiel, ist das compositum in der

[Bd. 6, Sp. 5477]


neueren sprache ganz geschwunden. nur bis zum 16. jahrh. werden einige belege aus der frühneuhochdeutschen prosa durch den druck festgehalten.
1) schon in der älteren sprache beruht der gebrauch fast ganz auf übertragenen verwendungen, vgl. Graff 1, 696. mhd. wb. 3, 708. Lexer 1, 983. belege für die sinnliche grundbedeutung sind selten und verhältnismäszig spät:

sie hôrten sagen und singen,
vile maneger slahte seitspiele;
aller wunnen was thâ vile;
thie kuonen vrônekempen
vor ein ander gewenken:
sie hiuwen mit den sverten
ûf then vlins herten,
thaʒ thaʒ viur thâ ûʒ vlouh.
Konrad Rolandslied 654 Bartsch.


a) der ältere gebrauch ist auch durchaus intransitiv. persönliche, sächliche oder abstracte bestimmungen treten nur in losere beziehung zum verbum.
α)

ni sî thir in githankethaʒ ih thir io giwenke,
druhtin mîn liobo;thes duan ih thih giloubo.
Otfrid 4, 13, 27, ebenso 13, 51;

ich diende eim der heiʒet got,
ê daʒ sô lasterlîchen spot
sîn gunst übr mich erhancte:
mîn sin im nie gewancte,
von dem mir helfe was gesagt:
nu ist sîn helfe an mir verzagt.
Wolfram Parzival 447, 28 u. a., vgl. mhd. wb. 3, 708b,

ich muoʒ dur sî unstæte lân.
ich getar von ir gewenken niht.
der von Gliers bei
Bartsch schweiz. minnes. 192.


β)

er sîna hant tho thenitathen sînan kneht thar nerita,
rafsta nan thô wortothero ungilouba harto;
ziu er scolti io thes githenkenjoh muates io giwenken
ouh forahten todes suâriunʒ er mit imo wâri.
Otfrid 3, 8, 45 (vgl. Matth. 14, 31), ebenso 4, 13, 18;

von hiute über hundert jâr
gewancte ichs nimmer umbe ein hâr,
ir wille ensî mîn besteʒ heil.
Hartmann Erec 9521 Lachmann;

wil du mich bedencken
ich newil von dînem dieneste niemer gewenken. kaiserchronik 11969 Schröder;

kint, unt welle dich geluke mîden,
daʒ dir got armuot gebe an lîbe und ouch an guote,
daʒ solt gedulteklich lîden,
und ensolt dar umbe han kein trûren in dem muote;
du solt im es genâde sagen mit herzen unt mit gednken,
nie mêr solt du dar an gewnken:
sich, so heiʒet er dir dort die werden fride schenken. lobgesang auf Maria (nach der groszen Heidelberger liederhandschr.
Pfaff s. 1208).


b) der transitive gebrauch hat sich erst secundär entwickelt. den übergang vermittelt das verbalsubstantiv des gleichen stammes (wanc) als object:

ich muoʒ ir stæten herzen liebe alsus erwerben,
daʒ ich gewenke nimmer wanc
von in.
Ulrich v. Lichtenstein frauendienst 425, 5.

fraglich ist das folgende beispiel, weil aus dem relativpronomen eben so gut das subject als das object ergänzt werden kann:

dâ got selbe ist der sunne,
ist der tac, ist diu wunne,
die nehein trûbe chrenket
unde niemer gewenchet.
Wernher Marienleben 2592,
Piper geistl. dichtung 1, 256;

sicher gestellt ist dagegen der transitive gebrauch in:

die rîchen burgêre
sâʒen z'einen stunden,
die vremden mit den kunden,
z'einem wîne der was gût,
der dicke trûrigen mût
ze vreuden kan gewenken gar. Wiener meerfahrt 89 Lambel;

gewenken tritt hier in bedeutungsgemeinschaft zu gewenden (s. o.) über.
2) bei Tauler ist es der transitive gebrauch, der am verbum weiterlebt: aber sein schifflin wirt wol von aussen gewenckt und bewegt aber doch bleibt es inwendig in gtem warem frid. predigten (druck von 1521) 88c. hierher ist wohl auch unter annahme einer ellipse des objectes zu stellen: wer dein schiff, dein gemt hart geanckert an den herten stein, von dem sant Paulus spricht, so möcht dir weder tod noch leben, noch fürstengel, noch gewaltengel, da von gewencken. ebenda 88b.
 
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gewenlich, gewent,gewenung u. a., s. DWB gewöhnlich, DWB gewohnt, DWB gewöhnung.
 
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gewer, gewere, s. DWB gewähr sp. 4785 ff.

[Bd. 6, Sp. 5478]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gewerbe, gewerb, n. (und m.), verbalsubstantiv zu werben (s. d., vgl. auch DWB gewerben), mit dem es jedoch nicht mehr in lebendiger bedeutungsgemeinschaft steht.
I. begriffsbestimmung, bedeutungsentwicklung, statistik, formen.
1) die begriffsbestimmung.
a) für den schriftgebrauch der heutigen sprache ergeben sich in erster linie weitere und engere fassungen desjenigen begriffes, der sich am nächsten mit der jüngeren bildung erwerb berührt. von dieser geht schon J. A. Eberhard (versuch einer synonymik 4, 19) aus, er bringt die begriffe gewerbe und handel in beziehung, die er beide wieder gegen die landwirthschaft abgrenzt. andererseits stellt Eberhard den handel auch wieder in gegensatz zum gewerbe, indem er aus dem begriffe des handels die produktive thätigkeit ausscheidet und diese dem gewerbe als bestimmungsmerkmal zuweist. wir gewinnen hier also einen mittleren begriff, in dem das gewerbe auch den handel umfaszt, und können von hier aus erweiterungen zu der allgemeinen bedeutung erwerbsthätigkeit und verengerungen zu der besonderen bedeutung handel mit selbstverfertigten waaren, herstellung von waaren verfolgen.
α) für den mittleren begriff ist ein beispiel Göthes kennzeichnend: man hatte mich dem handelsstand gewidmet, und zu unserm nachbar auf das comptoir gethan; aber eben zu selbiger zeit entfernte sich mein geist nur gewaltsamer von allem, was ich für ein niedriges geschäft halten musste. der bühne wollte ich meine ganze thätigkeit widmen ... ich erinnere mich noch eines gedichtes, ... in welchem die muse der tragischen dichtkunst und eine andere frauengestalt, in der ich das gewerbe personificirt hatte, sich um meine werthe person recht wacker zanken. (Meisters lehrjahre 1, 8) 18, 41. dieser mittlere begriff beherrscht vor allem die sprache der verwaltung und gesetzgebung, vgl. auch unter gewerbeordnung, gewerbesteuer, gewerbetreibende u. a. die sichersten merkmale für die abgrenzung dieses begriffes ergeben sich aus der amtlichen berufs- und gewerbezählung des deutschen reiches, bei der schon der titel negative und positive anhaltspunkte bietet: im jahr 1895 wird eine berufs- und gewerbezählung für den umfang des reichs vorgenommen ... die vorzulegenden fragen dürfen sich, abgesehen von dem personen- und familienstande und der religion, nur auf die berufsverhältnisse und sonstige regelmäszige erwerbsthätigkeit beziehen. gesetz betr. die vornahme einer berufs- und gewerbezählung ... vom 8. april 1895. das gewerbe umfaszt hier bestimmte arten regelmäsziger erwerbsthätigkeit, die innerhalb des allgemeinen begriffes beruf eine gesonderte stellung einnehmen. der rahmen, der diese arten umschlieszt, ist jedoch, wie sich zeigen wird, dehnbar.
1)) die negativen bestimmungsmerkmale: in den anfängen der berufs- und gewerbezählung erhob sich die frage, ob die landwirthschaft unter das gewerbe zu rechnen sei. sie wurde anfangs bejaht, dann aber durch bundesrathsbeschlusz verneint: in anbetracht, dasz die land- und forstwirthschaft für die feststellung ihrer zustände gegen die übrigen gewerbe wesentlich abweichende elemente, wie anbau und ernte, viehstand und grösze und besitzverhältnisse der wirthschaften bedürfe ... wird beschlossen, land- und forstwirthschaft als solche von der beabsichtigten gewerbestatistik auszuschlieszen, und nur die landwirthschaftlichen nebengewerbe in betracht zu ziehen. vierteljahrshefte zur statistik d. d. reichs 1876 s. 4. wie die landwirthschaft einerseits, so ist andererseits auch die thätigkeit im öffentlichen dienst vom begriffe des gewerbes ausgeschlossen, das im besondern den privaterwerb ins auge faszt. endlich sind unter den berufsarten des privaterwerbs wiederum diejenigen durch die gewerbeordnung ausgeschlossen, die eine höhere wissenschaftliche oder künstlerische vorbildung erfordern: nicht als gewerbe sind nach der auffassung der reichsgewerbeordnung anzusehen a) die auf gewinnung roher naturerzeugnisse gerichtete thätigkeit — die urproduction ... fischerei, bergwesen und viehzucht ... hieher (werden) auch zu zählen sein: ackerbau, forstwirthschaft, gartenbau und weinbau ... b) die freien künste — die freie wissenschaftliche, künstlerische und schriftstellerische thätigkeit ... c) die persönlichen dienstleistungen höherer art, die eine höhere bildung erfordern

[Bd. 6, Sp. 5479]


— die seelsorge, die erteilung von unterricht, die thätigkeit des arztes (über diese vgl. 2)). d) der öffentliche dienst (hof-, staatsdienst). Landmann commentar zur gewerbeordnung (1903) 1, 24 ff.
2)) positive merkmale ergeben sich schon aus den strittigen punkten in der frage der abgrenzung. das hauptbestimmungsmerkmal ist der privaterwerb, und zwar diejenige form desselben, in der auf die einzelne leistung auch die gegenleistung erfolgt, die erwerbsthätigkeit wird hier unter dem gesichtspunkt eines tauschgeschäftes erfaszt, während bei dem künstlerischen oder wissenschaftlichen berufe die auffassung des honorars vorwiegt. aus dem gegensatze des privaterwerbes gegen die öffentliche dienstleistung ergiebt sich auch der bürgerliche charakter dieses begriffs von gewerbe, mit dem geschichtlich die vorstellung eines selbständigen betriebs verknüpft ist (vgl. III, 1 und III, 3, a). vgl.: das bürgerliche gewerbe theilt sich in zwei hauptbranchen, nemlich in die handelschaft und handwerke. Kreittmayr handwerksrecht bei Ortloff 441; wo dieser privaterwerb der öffentlichen sicherheit oder wohlfahrt entgegen tritt, erfährt er von dort her beschränkungen und eingriffe. aus diesem grunde allein ist auch der ärztliche beruf wiederholt von gewerbeordnungen gestreift worden, weil bei ihm ebenso wie bei den apothekern die ausübung des berufs an den nachweis von kenntnissen gebunden ist (vgl. gewerbeordnung, tit. X, strafbestimmungen § 147). dieser nachweis aber wird nach der analogie der bedingungen beurtheilt, die für die erlangung von gewerbeconcessionen maszgebend sind. auf ein anderes bestimmungsmerkmal, das sich beim engsten begriffe von gewerbe besonders geltend macht (s.γ), wirft hier der begriff des landwirthschaftlichen nebengewerbes licht, denn bei ihm wird die leistung, die art der arbeit, die vollzogen wird, ins auge gefaszt. dasz diese bedeutungsrichtung jüngerer entwicklung erwächst, wird sich später zeigen.
β) die erweiterungen des mittleren begriffes gehen der abgrenzung zur seite, die oben festgestellt wurde und die natürlich je nach den wechselnden bedürfnissen des zusammenhanges sich wieder verschiebt. innerhalb des privaterwerbs treten die grenzlinien zurück; der gegensatz des privaterwerbs zur freien künstlerischen thätigkeit und zum amt wird in der annäherung von gewerbe an allgemeinere begriffe wie profession, beruf überbrückt. wie weit reste älteren gebrauches, die aus der grundbedeutung von gewerbe unmittelbar stammen, hieran betheiligt sind, musz im einzelnen erwogen werden. vgl. sp. 5481 ff.
1)) schon die gewerbestatistik zog die grenzen weiter als die gewerbeordnung: diese statistik soll sich auf alle selbständigen betriebe der kunst- und handelsgärtnerei, der fischerei, des berg-, hütten- und salinenwesens, der industrie mit einschlusz des bauwesens, des handels und verkehrs, der erquickungs- und beherbergungsgewerbe erstrecken. vierteljahrshefte z. statistik des d. reichs 1876 s. 4. und lange vor dem ablehnenden beschlusse des bundesraths war die landwirthschaft von einer richtung des sprachgebrauches in den weiteren begriff von gewerbe aufgenommen worden. vgl.: das gewerbe des landwirthes. Garve (Adam Smith 4, 5) 3, 172 und oft; die landwirthschaft soll so viel gewinnst und so viel ehre gewähren als irgend ein anderes gewerbe. (Iselin) versuch über d. gesell. ordnung 42; mein verlangen war schon damals, ein bauministerium für die sämmtlichen bauten und ein gewerbeministerium für alle gewerbe zu haben; ich erinnere mich des arguments: das landwirthschaftliche gewerbe ist auch ein gewerbe, der handel ist auch ein gewerbe, alles gehört unter den begriff des gewerbes und sollte ministeriell in einer hand sein. Bismarck (rede im abgeordnetenhause 1878) 7, 220; ungefähr auf dieser linie hält sich auch ein versuch der rechtlichen festlegung des weiteren begriffes: da sich auch in der preuszischen gesetzgebung keine ausdrückliche definition von 'gewerbe' findet, so ... (ist) ... kein grund ersichtlich ... von einem anderen begriffe des gewerbes auszugehen, als von dem weitesten, der im gewöhnlichen sprachgebrauche heutzutage mit diesem worte verbunden wird, nach welchem demgemäsz jede zum zwecke des erwerbes als unmittelbare einnahmequelle betriebene dauernde thätigkeit darunter verstanden ist, mit ausnahme der rein

[Bd. 6, Sp. 5480]


wissenschaftlichen und rein künstlerischen berufe, sowie derjenigen der öffentlichen beamten und der geistlichen. entscheid. des reichsgerichts in civilsachen (1897) 39, 137. hierzu vgl. die adjectivbildung gewerbsmässig. aber auch diese grenzlinie, die den allgemeinen sprachgebrauch zu treffen sucht, wird von den einzelnen stilisten gern überschritten. bald ist es das moment der dauer oder der gesetzmäszigkeit, das bei seite geschoben wird, bald der unterschied zwischen privaterwerb und öffentlichem dienst, bald der gegensatz zwischen erwerbsthätigkeit und wissenschaftlicher oder künstlerischer leistung; vgl.: sogar die schriftstellerei ist davon (von überfüllung) nicht ausgeschlossen, .... konnte diesz geistige gewerbe übersetzt werden, wie viel mehr war es bei den mechanischen zu erwarten. Joh. Adam Weisz über das zunftwesen (1799) 99;

schaft auch (Venus), dasz indessen das wilde gewerbe des krieges (fera moenera militiae)
mög überall entschlummern in allen landen und meeren.
Lucrez de rerum naturae (1, 30) übers. v.
Knebel;

je ausgezeichneter und nothdringender das land, der boden, das gewerbe, der stammcharakter seiner bewohner ist, auch die lebensart und verfassung seiner bewohner sein werde. Herder (ideen z. philos. d. gesch. d. menschh.) 13, 451; auf den punkt zu gelangen, wo ... wir sie als kunst gar nicht mehr gelten zu lassen vermeinen ... was sich uns in den gewöhnlichen theateraufführungen darbietet, zeigt ganz den charakter eines sonderbaren, und sogar sehr bedenklichen gewerbes, dessen betrieb lediglich auf die möglichst günstige zurschaustellung der person des schauspielers gerichtet zu sein scheint. R. Wagner (über schauspieler u. sänger). unter dem begriff 'gewerbe' wird jede gleichmäszig fortgesetzte, auf gewinn gerichtete selbständige thätigkeit verstanden. F. Hoffmann anmerk. zur gewerbeordnung tit. I § 1. müheloser, gröszer und sicherer, auf kosten des gegenkontrahenten ist der gewinn aus den strafbaren gewerben, wie hehlerei, wucher, unberechtigtes jagen. Kayser gewerbsmäszigkeit im glücksspiel 37 ff.
2)) diese verschiebungen hatten schon in der mitte des 18. jahrh. die erscheinung gezeitigt, dasz der sprachgebrauch nicht blosz in der gelegentlichen verwendung des freien schriftstellers, sondern sogar in der terminologie eines und desselben fachmanns schwankte, vgl.: man kann alle gewerbe in drei hauptarten eintheilen, 1) in blosz handelnde gewerbe, 2) in gewerbe, die zugleich arbeiten und handeln, und 3) in gewerbe, die allein arbeiten und gar nicht handeln. v. Justi staatwirthsch. 22, 375; es sind aber eigentlich viererlei hauptarten der gewerbe, nämlich 1) der erdenbau, 2) die manufacturen, fabriken und handwerker, 3) der kaufhandel innerhalb landes, oder die krämereien und höckereien, und 4) die künste und wissenschaften. ebenda 1, 266. dazu vgl. die unterscheidung (policeywissensch. 128): 1) landesöconomien, 2) manufacturen und fabriken, 3) handwerke, 4) commercien und gewerbe.
γ) die bedeutungsverengerung geht von dem unterbegriffe des handels aus, der sich in selbständiger entwickelung (blosz handelnde gewerbe bei Justi) von dem allgemeinen begriffe löste. so setzte sich an dem, was im alten rahmen verblieb, ein engerer begriff fest (gewerbe, die allein arbeiten und gar nicht handeln bei Justi). dieser neuere engere begriff ist am sichersten in einigen ableitungen und zusammensetzungen zu fassen. vgl. gewerblich im gegensatze zu gewerbig, gewerbisch (s. d.); vgl. gewerbekunde, DWB technologie: vgl. das oben erwähnte landwirthschaftliche nebengewerbe. zum gebrauch des einfachen wortes vgl.: kunst- und handelsgärtnereien ... gehören zu dem grenzgebiet' bei dem man oft im zweifel sein kann, ob man 'noch' bei der landwirtschaft oder 'schon' beim gewerbe ist ... insofern ist die handelsgärtnerei ein schönes beispiel für das charakteristische der urproduction und der verwandlung. durch glasanlagen u. s. w. sucht der gärtner von der natur sich möglichst zu emanzipieren, durch studium des pflanzenlebens wird er von der gewerblichen behandlung stets wieder auf die natur zurückgewiesen. ergebnisse der berufs- und gewerbezählung von 1895 in Württemberg s. 72; als berathende stelle steht (bezüglich des gewerbewesens) dem minister (des innern) die technische deputation für gewerbe mit der bestimmung

[Bd. 6, Sp. 5481]


zur seite, das wissenschaftliche der gewerbekunde zu verfolgen. Hue de Grais handbuch d. verfassung und verwaltung 531; im weitesten sinne ist gewerbe jede auf äuszern erwerb gerichtete beschäftigung, welche als regelmäszige lebensaufgabe betrieben wird. in bereits verengertem begriff stellt man das gewerbe dem wissenschaftlichen und künstlerischen erwerb als illiberale beschäftigung gegenüber. ... nach einem andern häufigen sprachgebrauch wird gewerbe als stoffveredelnde beschäftigung einerseits den stoffschaffenden beschäftigungen (bergbau ...) andererseits den gütervertheilenden beschäftigungen (dem handel ..) entgegengesetzt. Schäffle in Bluntschli's dtsch. staatswörterbuch 4, 318; für diesen engsten begriff von gewerbe ist das verhältnis zum lehnwort industrie kennzeichnend. vgl. III, 3) a).
b) in gelegentlicher verwendung einzelner schriftsteller und im mundartlich beeinfluszten sprachgebrauch weiterer kreise begegnen beispiele für andere bedeutungen von gewerbe, die von dem eben gewonnenen begriff weit abstehen.
α) bei der einen gruppe handelt es sich zwar auch noch um eine thätigkeit, aber nicht um eine dauernde, vielmehr um eine vorübergehende; und das ziel, mit dem sie ihren abschlusz erreicht, ist nicht auf gelderwerb eingeschränkt, sondern erfaszt die verschiedenartigsten menschlichen anliegen: vgl. DWB aufs gewerb gehen = freien im badischen volksgebrauch, vgl. auch Schiller 3, 365 (s. unter II, 2) a) β); es giebt keine offiziöse presse; es ist mein erstes gewerbe gewesen, als ich das ministerium übernahm, dieselbe abzuschaffen. Bismarck (preusz. abgeordnetenhaus 22. 1. 1864). klagte stein und bein äwer sine geldverlegenheit, so dat Axel tauirst gor nich mit sin gewarw ruterrücken kunn un sick vör sick sülwst schämte, den mann ... mit en anliggen tau kamen. F. Reuter (stromtid cap. 33) 3, 49, Seelmann u. a. (vgl. II. 2) a) α). anders zu beurtheilen ist: du siehst ich habe so viel gemüthsruhe hier, um mich dem ungewohnten gewerbe des plänemachens hinzugeben. Bismarck briefe an seine frau 584. hier liegt erweiterung des unter a) behandelten begriffes vor.
β) in anderen verwendungen handelt es sich gar nicht mehr um eine thätigkeit, das substantiv zeigt sachbedeutung: kaufte er das wirthshaus und die mühle und konnte 4500 fl. ... zahlen (und) ... diese gewerbe einrichten. Pestalozzi Lienhard u. Gertrud 2, 70; einem jeden soll sobald als möglich ein eigenes gewerbe eingerichtet werden. Göthe (Meisters lehrjahre 8, 1) 20, 135; wegen familienverhältnisse ein gütergewerbe, bestehend in wohnhaus, scheune, schopf, alles freistehend, wiesen, streuland und walt. tagesanzeiger für die stadt Zürich 18. 7. 1898. vgl. auch unter III, 3, b.
γ) am weitesten ab steht die concrete bedeutung gewerbe = gelenk, die bei Bürger, Jung Stilling und Göthe bezeugt und die mundartlich verbreitet ist, vor allem im westen des fränkischen sprachgebietes, am Mittel- und Niederrhein: gewerb ... gelenk eines gliedes. Autenrieth pfälz. idiot. 53; gewerb .. wirbel, gelenk. Lenz, der Handschuhsheimer dialect I, 21; gewerf ... gelenk. J. Müller und W. Weitz Aachener mda. s. 68; gewirw, gelenk. Gangler lexicon der Luxemburger umgangssprache s. 179. für den südosten zeugt nur ein vereinzelter beleg bei Unger-Khull steir. wortschatz 290a. Schmeller 22, 981 setzt gewerb = gewinde an, doch ohne belege, nur verweist er auf gewerbig.
2) bedeutungsentwickelung.
a) mit der bedeutung gelenk ist der anschlusz des substantivs an das verbum erreicht, mit dem gewerbe etymologisch zusammenhängt. wie in wirbel (wirbel an der geige, rückenwirbel am menschen) die bedeutung drehen, sich bewegen, die den verwendungen von werben als ausgangspunkt dient, unmittelbar erhalten ist, so auch an gewerbe im sinne von gelenk. nur ist für diesen ursprünglichsten sinnlichen gebrauch von gewerbe die vorstellung einer thätigkeit, einer bewegung, wie sie an wirbel = vorago (luftwirbel) noch fortlebt, ganz durch die sachbedeutung unterdrückt. diese unterdrückte vorstellung der thätigkeit, die funktion eines nomen actionis, liegt aber um so deutlicher den mannigfachen übertragungen zu grunde, auf denen sich der frühest bezeugte gebrauch von gewerbe auf baut. gewerbe verblaszt zu der bedeutung bewegung, thätigkeit

[Bd. 6, Sp. 5482]


und berührt sich hierin aufs engste mit werbung. dieser allgemeinste begriff wird in der älteren sprache gepflegt und in der neueren vereinzelt wieder zurückerstrebt: were uebet man von ûzen, aber gewerbe ist, sô man mit redelîcher bescheidenheit sich üebet von innen. meister Eckhart 2, 49; gewerbe ist besser als geerbe. F. L. Jahn 2, 691. so allgemein ist jedoch dieser begriff nicht überall gefaszt; es sind weitere und engere formen zu trennen, je nachdem die thätigkeit als eine vorübergehende oder dauernde aufgefaszt ist, und je nachdem sie an den absoluten oder relativen gebrauch von werben anknüpft. zeitlich begrenzte thätigkeit, die von dem absoluten begriff des verbums getragen ist, liegt z. b. vor in:

der krâ nam er vil eben war.
er sprach: 'gott grüeʒ dich, gevatterlîn
waʒ ist daʒ gewerbe dîn?'
'ich brüet mîn eiger', sprach diu krâ,
'als mîn geslecht tuot anderswâ'.
Boner edelstein 49, 48 Pfeiffer (var. geschefte),

vergleiche II, 2, a, α). aus solchen verwendungen ist auch die bedeutung 'besorgung, vorhaben, anliegen' zu erklären, die am niederdeutschen boden noch heute haftet. zum älteren weiter ausgreifenden gebrauch vgl. z. b.: was solt einer von dem andern habenn, wenn sie alle gleich einerlei botschafft unnd gewerbe von einem herrn haben? Luther von dem bapsttum D 1b; das ich den selben sun bewegt hett, mein nodt und gewerb dem fursten antzutragen. sermon v. neuen testament C 3a. in anderem sprachgebiet sind die bedeutungen lebendig, die die zeitlich begrenzte thätigkeit entwickelt, wenn sie vom relativen gebrauch des verbums ausgeht, vgl. z. b.: es was ein rîcher burger .. der hette nûwent ein einige dohter und was die gar schoene und was vil gewerbes umbe siu, daz siu in die welt solt kummen sîn. predigtmärlein des 13. jahrh. Pfeiffer s. 9. diese verwendungen gehen unserem gebrauch von werbung parallel, vgl.: darumb schickt der keiser ein legation an könig Philipsen und lies an in werben die weil sie zwene ... die fürnemsten ... der christenheit weren, stunde jn zu das sie in diese spaltung sehen ... auff solche werbung ward jnen ... zugesagt. bapst trew ... gegen keiser Friderichen Barbarossa geübt (Wittenberg 1545) F. fraglich ist, wie weit in diesen zusammenhang die bedeutung kaufvertrag, verhandlung gehört (II, 2) α) β).
b) von dem letzten strittigen fall abgesehen hielt sich bis hieher die entwicklung im rahmen der bedeutungen, die auch am verbum und seinen ableitungen (wirbel, werbung) zu belegen sind; die isolierung des substantivs geht in der richtung von erwerben, erwerb, und ist verknüpft mit der ausprägung des begriffes der dauer. dieses moment der dauer ist sowohl in allgemeiner fassung ausgeprägt (vgl. den gebrauch der geistlichen litteratur (II 2, b) als auch in der engeren richtung auf den erwerb, die vor allem die geschäftssprache des 16. jahrh. beherrscht. wie die entwicklung zwischen diesen beiden formen verlief, läszt sich im einzelnen nicht sicher stellen. die verwendungen, die mit den lateinischen terminis negotium, quaestus, commercium in parallele traten (III, 1), können unter dem gesichtspunkt der bedeutungsverengerung aus dem begriff thätigkeit, geschäft abgeleitet werden. aber man könnte auch umgekehrt mit Wachter den begriff commutatio als eine grundbedeutung von gewerbe ansprechen (vgl. a. a. o. 582) und dem tauschhandel eine bevorzugte stellung im bedeutungsumfang des wortes zuerkennen. thatsache ist jedenfalls, dasz diese an negotium, commercium sich anlehnende bedeutung von gewerbe, die den sprachgebrauch der neuhochdeutschen periode einleitet, dem städtischen erwerbsleben des ausgehenden mittelalters erwächst und in diesem rahmen beurtheilt werden musz. dieser begriff schlieszt sowohl den handel als auch das handwerk in sich: die theilnahme des handwerks an diesem begriffe ist bedingt durch den vertrieb der waaren, die es verfertigte, nicht durch die herstellung derselben. aus dem städtischen, bürgerlichen charakter dieses gewerbes erklärt sich auch der ausschlusz der landwirthschaft, während der gegensatz gegen das amt und den wissenschaftlichen beruf schon darauf beruht, dasz diese formen der bethätigung, die sich zu geschlossenen berufen erst allmählich entwickelten, die erwerbsthätigkeit immer mehr ausschlossen: auch die amptleut in iren ämptern desto fleisziger, so ist einem ieden ein nemlich lone bestimbt.

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allein iedoch so haben unter denen die zween loszunger die pesten besoldung, dann sie dürfen daneben sonst kainen handel oder gewerb treiben (eis negotiari non licet). aber der siben alten herrn hat ie ainer ein jar funftzig gulden, und werden inen darzu ... vil guete empter, alsz siglung der brief, testament und anders, davon sie grossen nutz und gewin haben, verliehen. deutsche übersetzung von Chr. Scheuerl's epistel über die verfassung von Nürnberg, d. städtechron. 11, 793; wir wollen auch unsern pflegern, richtern ... ambtleuten .... in unsern stätten und märckten nit gestatten, ainich burgerlich handel oder gewerb wider der stätt und märckt willen, neben ihnen mehr zu treiben. ordnungen d. fürstenthumben Obern und Nidern Bayrn (1616) 619. u. a. dazu vgl. die bestimmungen des preuszischen landrechts und aus der neueren litteratur: ursprünglich waren die professoren privatlehrer, um die sich schüler sammelten, die ihnen daher ganz naturgemäsz ihren unterricht bezahlten; auf diese bezahlung war der professor angewiesen, darin bestand ihr einziges einkommen; die professur war somit ein gewerbe, kein amt. Th. Ziegler der deutsche student am ende des 19. jahrh. 2115; besoldung durch den staat und kollegiengelder von den studenten, also amt und gewerbe zugleich. s. 212. an diesen gegensatz des städtischen privaterwerbs gegen die berufsarten des landlebens einerseits und den öffentlichen dienst andererseits knüpfen dann die erweiterungen (vgl. III, 2) und verengerungen des begriffes an (vgl. III, 3), die oben festgestellt wurden, und unter denen die bedeutung von gewerbe als der verfertigung oder bearbeitung von waaren die jüngste und bemerkenswerteste stufe der entwickelung bildet.
3) statistik.
a) des litterarischen gebrauches: die hauptpunkte der entwickelung, die wir eben gewonnen haben, sind auch für die zeitliche gliederung des gebrauches maaszgebend: die bedeutungsgemeinschaft mit werben, wirbel, werbung beherrscht den mittelhochdeutschen gebrauch, während die neuhochdeutsche periode durchaus durch die isolierung des substantivs vom verbum charakterisiert wird. dasz ausläufer des älteren gebrauches in die neuere zeit hineinreichen und ansätze des jüngeren gebrauches weiter zurückliegen, steht dem nicht entgegen.
α) der mittelhochdeutsche gebrauch.
1)) der erste beleg fällt frühestens in das 11. jahrh.:

si urageten in (den boten) genote
nach allem niu mære und waʒ sin gewerft wære. genesis u. exodus 43, 1 Diemer (bei
Hoffmann gewerf 2, 34), ebenso 55, 20.

weit früher ist das verbum bezeugt, das noch mit dem guttural im anlaut überliefert ist, vgl. hwerban Graff 4, 1229. in die gleiche zeit reichen auch andere substantiva des selben stammes zurück, so hwarf (im Heliand, vgl. DWB warb, m., congregatio, vertigo, sibun warb = septies s. Graff 4, 1235) und gihwerbitha (gihwerbithu thera gotcundhî in fleisg, conversione divinitatis in carnem. Weiszenburger katechismus z. 91). die substantiva, die heute noch fortleben, sind in den ältesten belegen schon mit dem anlaut 'w' überliefert: warba, motus, vicis ... warbunga, umpiwervunga (vertigo coeli) Graff 4, 1235. 1236; werbil, wirvil ebenda 1237. seit dem schwund des gutturals fallen die mit hwerban verwandten substantivformen lautlich zusammen mit anderen, die zu der sippe von werfen gehören. denn der labial im stammesauslaut wird unter dem einflusz der betonungsverhältnisse und der mannigfachen gestaltung der suffixe bei der ersten gruppe auch in der schreibung eines spiranten, bei der zweiten in der eines verschluszlautes überliefert, vgl. iares umbiwerf, anniversaria (Graff 4, 1237) zu hwerban und die nebenformen gewerft, gewerf zu gewerbe (s. unter 4). davon zu trennen sind die zu werfen gehörigen bildungen gewerf, gewerb, umlage, steuer (cawarf, conjectura Graff 1, 1039) und gewerf, gewerff, gewerb, wurfgeschosz, gewehr, wehr. zwiespältig ist auch die herkunft bei werft (s. d.), das mehrere bedeutungen aufweist; hier lassen die verwandten sprachen darauf schlieszen, dasz die bedeutung kette eines gewebes zu werfen, die bedeutung werkplatz, arbeitsplatz zu werben zu stellen ist.
2)) die mittelhochdeutsche dichtung hatte vor allem das zeitlich begrenzte an gewerbe hervortreten lassen, hatte die

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vorübergehende thätigkeit und zwar in der absoluten wie in der relativen fassung gepflegt. die epik fand schon bei den zahlreichen begegnungen, wo der eine den andern in überraschender thätigkeit antrifft, gelegenheit, die formel waʒ ist daʒ gewerbe dîn? einzufügen; die gleiche formel stellt sich auch bei begrüszung von boten ein. die relative fassung kommt in der epik bei den liebeswerbungen zur geltung. die ältere rechtssprache ist mit der bedeutung vertrag, verhandlung betheiligt, deren stellung innerhalb der bedeutungsentwicklung strittig ist. in der geistlichen dichtung wird schon von dem Servatius ab das moment der dauer an gewerbe herausgearbeitet und umgedeutet, wie andererseits die weltliche richtung der bedeutungsentwickelung im sinne von erwerb schon bei Hartman v. Aue vorbereitet erscheint. dazu vgl.: tragit diʒ hinwec hin und machit mînes vater hûs nicht ein hûs des gewerbis. Beheims evangelienübers. Joh. 2, 16 (zum kauffhause Luther). bemerkenswerth ist, dasz die als älteste und früheste aller dieser bedeutungen anzusetzende parallele gewerbe = gelenk in mittelhochdeutscher zeit wenig belegt ist, sie wird eben hauptsächlich in der medizinischen litteratur dargeboten.
β) für den neuhochdeutschen gebrauch ist es schon bedeutsam, dasz Luthers bibelübersetzung, die von gewerbe überhaupt spärlichen gebrauch macht (vgl. z. b. Matth. 22, 5. Joh. 2, 16, wo in Beheims evangelienübersetzung gewerbe gesetzt ist), fast ausschlieszlich nur die bedeutung erwerbsthätigkeit pflegt. nur allein Jonas 1, 8 (was ist dein gewerbe) liesze sich zur noth für den älteren umfassenden begriff der thätigkeit verwerthen. an den stellen, wo Luther gewerbe in der annäherung an erwerb einführt, zeigen die älteren übersetzungen meist andere substantiva: hantierung, geniesz, gewinn (vgl. III, 1). die gleiche bevorzugung der bedeutung erwerbsthätigkeit, nur mehr in der richtung auf handels- und verkehrsbeziehungen ist in den chroniken, reisebeschreibungen, übersetzungen und der rechtssprache des 16. jahrh. wahrzunehmen. daneben allerdings werden auch ältere bedeutungen wieder aufgefrischt, vor allem durch die medizinische litteratur, die die bedeutung gelenk zu ehren bringt, freilich ohne dasz der zusammenhang mit gewerbe = commercium erkannt würde. in der gleichen periode bahnen sich auch die wirthschaftlichen verschiebungen an, die zunächst die erweiterung des begriffes gewerbe als eines nahrungszweigs einer berufsart zur folge haben. die ergebnisse spiegeln sich in der volkswirthschaftlichen litteratur des 18. jahrh., vor allem in der übersetzung von Adam Smith durch Garve. dieser hatte schon in seinem original einen weiten bedeutungsumfang des englischen trade, das er ausschlieszlich mit gewerbe übersetzt, vorgefunden, er giebt aber auch die worte employment, business mit gewerbe wieder. beeinfluszt war diese erweiterung zugleich durch verschiebungen auf sprachlich-stilistischem gebiete. hier ist es vor allem Herder, der gewerbe gern im allgemeinsten, weitesten sinne für beruf einsetzt. ihm folgt in gewissem sinne Göthe, der gewerbe besonders gerne verwendet und der in der mannigfaltigkeit seines gebrauches fast den ganzen bedeutungsumfang bloszlegt. bei Göthe kommt namentlich auch der engere begriff (gewerblich) zur geltung. nach anderer seite ist Immermann bemerkenswert, der die redensarten, in denen sich die bedeutung verflüchtigt, überblicken läszt.
b) die wörterbuchnotizen werden der weite des bedeutungsumfanges noch am meisten gerecht, insofern sie die einzelnen verwendungen neben einander buchen, später werden auch versuche gemacht, einen zusammenhang zwischen diesen zu finden. schon Stieler, der jedoch die bedeutung gelenk nicht hereinzieht, knüpft gewerbe an werbung an, und Adelung schlieszt den ring, indem er für gelenk und wirbel die beziehung herstellt, er erinnert an gewerbebein im sinne von wirbelbein am rückgrat. andere wörterbücher halten sich an einzelne bedeutungen, so namentlich die mundartlichen, die entweder die bedeutung gelenk oder die von besorgung einzeln buchen. die bedeutung erwerbsthätigkeit wird nur in den älteren wörterbüchern für sich allein gestellt, vor allem in denen des 16. jahrh. seit Kilian, Hulsius, Henisch mehren sich die bedeutungsangaben, die nur in den deutsch-lat. wörterbüchern später wieder zusammenschrumpfen.

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α) umfassende angaben: ghewerf, actio, negotiatio; ghewerf der leden, ligatura Kilian 146b; gewerb, gelenck, une joincture, gewerbe in dem rücken, les vertebras, gewerb u. handthierung, traffique, marchandise. Hulsius (1616) 138a (im ital.-deutsch. wb. von 1605 ist gewerbe nur bei managgio gebucht, s. u.); gewerb, gelenck ... gewerb, handthierung Henisch 1597; gewerb, geschefft, une affaire, negotium ... befelch und amt, une commission et vocation ... handel, handelung, handtierung ... gelenck. Duez (1664) 198b; gewerbe, gelenck ... handtthierung Rädlein 1, 382b; ebenso Pomey 133; teutsch-engl. wb. (1716) 771 (hier auch: ein gewerbe oder eine botschaft bestellen); Aler 936a (hier auch gewerb, gewinn, lucrum, quaestus); genau so Bayer 291; ähnl. Frisch 2, 440c. Kramer 2, 97a. nouveau dict. des passagers (1772) 2, 279; Hederich prompt. lat. probat. 1, 1422; gewerbe ... ein an einem gröszern körper befindlicher kleinerer, welcher sich umdrehen lässet .... s. DWB werben und wirbel ... geschäft, welches durch einen gang und mündliche bestellung ausgerichtet wird; im Niedersächs. werf ... in weiterer bedeutung, der ganze zusammenhang von geschäften, womit jemand seinen unterhalt erwirbt. Adelung 2, 654. 655. dazu vgl. noch Hilpert 1, 463c u. a. vgl. auch Beil technol. wb. 243; Autenrieth pfälz. idiotikon 53. Unger-Khull steir. wortschatz 290b.
β) umfassende angaben mit ausschlusz von gewerbe = gelenk: gewerbe, das, idem est quod werbung, in specie autem negotiatio, mercatura, commercium, quaestus, genus vivendi ... gewerbe bei einem tuhn, sive vorbringen, .. brief-gewerbe, freundschaftsgewerbe, amtsgewerbe, liebesgewerbe. Stieler 2547.
γ) einseitige ausprägung der bedeutungen erwerbsthätigkeit, erwerb, handel: gewerbe oder hantierung, contractus vocab. theut. (Nürnberg 1482); negotium, ein gewerb E. Alberus nov. dict. F 2a; gewärb (der) wäg und weisz ze gewinnen, quaestus, commercium. Maaler 178b (die bedeutung gelenk ist dort unter gewärble gebucht s. 200b). vor allem die lateinisch-deutschen wörterbücher führen gewerb übereinstimmend unter commercium, quaestus, negotium auf, während sie unter articulus, junctura nur andere synonyma buchen, so für das 16. jahrh.: Serranus, Cholinus-Frisius, Frisius, Faber, Bentzius; für das 17. jahrh.: Calvisius, Corvinus, Garthius, Cellarius und für das 18. jahrh. noch Dentzler, Janus, Mathiae, Drumelius. das gleiche gilt für das ital.-deutsche wb. von Hulsius: traffico, managgio, handel, gewerb 303a; dazu vgl. DWB gewerb, commercium, negotiatio W. Schönsleder prompt. germ. lat. V 5a; ebenso Gürtler 2, 74b. Weismann 157a. Kirsch 180a; commercien, kauffmannschaft, handel und wandel; gewerb, handthierung Sperander a la mode-sprach der Teutschen 129a; man begreift unter gewerbe im weitesten sinne jede erlaubte, auf erwerb gerichtete und berufsmäszig ausgeübte privatthätigkeit. Thiel 4, 423.
δ) die bedeutung, besorgung, anliegen, auftrag: warf, ein zu bestellendes gewerbe. versuch eines bremisch-nieders. wb. 5, 200. gewarw, warw selten für gewerbe, handwerk, häufig für bestellung, auftrag an eine person; hê hat sîn warw anbracht; ick heff in d' stadt 'n warw. Danneil wb. der altmärk.-plattdeutsch. mundart 64a; vgl. auch Berghaus 1, 565; gewerbe, werf (mke), sich etwas zu thun machen unter vorspiegelung einer anderen absicht. E. L. Fischer Samländische mundart 52.
ε) die bedeutung gelenk: σπονδυλος, vertebra, gleich, gewerb am leib. N. Frischlin 73b; gleich oder gewerb in dem rückgrat, spondyli, vertebrae ... Emmel nomenclator quadrilinguis 104, gewerb, junctur der beiner. Fulda versuch einer allgem. teutschen idiotikensammlung 581, dazu vgl. die oben (sp. 5481) besprochenen wörterbücher.
4) die formen. neben der vielseitigkeit der verwendungen ist auch eine grosze mannigfaltigkeit der formen überliefert. die ältere sprache bevorzugt das masculinum, das auf oberdeutschem boden sich zähe hält. das neutrum, schon aus dem anfang des 13. jahrh. bezeugt (Wigalois, krone), beherrscht das mitteldeutsche und niederd. gebiet und setzt sich mit dem 16. jahrh. im schriftgebrauch fest. man hat versucht, masc. und neutrum nach bildung und grundbedeutung gegen einander abzugrenzen (der erste versuch

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bei Hulsius, der die bedeutung 'gelenk' dem masc., die von 'handthierung' dem neutrum zuweist); diesz läszt sich jedoch auf grund des überlieferten materials nicht durchführen. zunächst musz man zwischen den beiden bildungstypen gewerft und gewerp (gewerf, gewerb) scheiden. die erste ist in den fällen, in denen das genus gekennzeichnet ist, nur als masc. überliefert. der zweite typus gehört dem masc. wie dem neutrum an; ursprünglich wird auch für ihn das masc. anzunehmen sein, wie bei erwerb; die weitere entwicklung hat ihn dann in die gruppe der neutralen bildungen mit dem suffix i (e) übergeführt. der deutlichste beweis dafür, dasz die formenverschiedenheiten nicht an der verwendung und bedeutung haften, sondern individuellem oder landschaftlichem gebrauch entsprangen, liegt in den varianten bei der überlieferung mittelhochd. texte: gewerf, gewerp (vorübergehende thätigkeit) kaiserchronik 11660; gewerp, gewerf, gewerft, gewerbe Iwein 5818 (frage bei begegnungen: waʒ ir gewerp wære); ebenso gewerft, gewerift, gewerf, gewerb Enikel 19022; gewerp, gewerbe Konrad v. Würzburg troj. krieg 21973; gewerft, gewerf, genesis und exodus 43, 1 (frage an den boten), ebenso gewerp, gewerft Wigalois 10059; gewerbt, gewerp Nibelungen 52, 4 (werbung), ebenso gewerf, gewerft, gepet, gewerb Wigalois 12566; gewerft, gewerf, gewerb Thomasin 9884 (ir gewerft und ir geslaht).
a) unterschiede in der wiedergabe des labials.
α) der spirant.
1) in den bildungen mit dem t-suffix ist ausschlieszlich der spirant überliefert (einzige ausnahme: gewerbt handschr. A des Nibelungenliedes 52, 4); in bayr.-österr. urkunden (von 1290 u. a.) erscheint gewerft als masc. (= vertrag, kauf); in anderen ist das genus unsicher: Riedegger handschr. z. Iwein 5818; var. zu Wigalois 10059, Enikel 19022. 10132. 12566. leben Christi 160. die form gehört schon den ältesten belegen an: genesis 43, 1; 55, 20 (Diemer); kaiserchronik 13506.
2) im auslaut ist der spirant in älteren bayrisch-österreich. urkunden überliefert, von der andern seite bieten ihn die rheinischen quellen der neueren zeit dar.
masculinum: gewerf kaiserchronik 11660. österr. urkunde von 1291 (kauf); iren gewerf treiben österr. weisth. 1, 334;
unsicher bezüglich des genus: ir gewerf genesis; Iwein 5818 (Florentiner und Heidelberger handschr.). gewerf = gelenk. Kilian 146b.
neutrum: grois gewerf (werbung) d. städtechroniken 12, 350 (Köln); gewerf (gewerw, gewierw) = gelenk in rheinischen mundarten; gewerf (werw) = anliegen, besorgung in niederdeutschen mundarten.
3)) im inlaut vor vocalen: gewerves öst. urkunde von 1288; gewerve Thomasin 9925; jüngere glosse z. Reineke de Vos s. 5. gewerfen d. städtechron. 27, 173 (Magdeburg).
β) die tenuis im auslaut: gewerp.
masculinum: Nibelungen 52, 4 (B. C.); Kudrun 659, 4; Erec 9479; Tristan 10461; Parzival 774, 18. 779, 28; Lanzelet 3079; Neidhart 41, 13. unsicher bezüglich des genus: Hartmann 1. büchlein 1546; Wigalois 10059 (var.); Tristan 10648; Neidhart 43, 35; K. v. Würzburg Partonop. 19120; Biterolf 9052; neutrum: K. v. Würzburg troj. krieg 21973 (var.) Hermann v. Fritzlar, myst. 1, 98.
γ) die media im auslaut: gewerb.
1)) abgrenzung des masc. gegen das neutrum (vgl. dazu sp. 5488). während die bisherigen formen das masc. als oberdeutsch, das neutrum als mittel- und niederdeutsch erkennen lieszen, verschiebt sich das bild bei den jüngeren zeugnissen, die die media im auslaut darbieten. gerade am Oberrhein wetteifert mit dem masculinum (zunftbuch von Konstanz 1418; Villinger chron. u. stadtrecht, Zimmersche chron. u. a.) nunmehr das neutrum, das hier zuerst bei H. v. Langenstein belegt ist (Martina 372. vgl. auch Überlinger urkunde v. 1450). auch Geiler v. Kaisersberg schwankt (masc.: postill 1, 14b; 3, 45b; neutrum: schiff der penitenz 57b), und Wimpfeling zeugt für das neutrum. die Augsburger und Ulmer quellen halten das masc. nur bis zur mitte des 16. jahrh. fest, und auch in die österreich. weisth. dringt das neutrum ein (6, 217. 173. 468 masc. 192. 205 neutrum). am zähesten hält sich das masculinum in der Schweiz, so bei Manuel, Stumpf, Maaler (aber in den Züricher stadtbüchern 1, 21 neutrum); ja sogar noch bei Bräker der arme mann im Tockenburg 72. 192.

[Bd. 6, Sp. 5487]



das neutrum, das in älteren mitteldeutschen quellen gesichert ist (passional 453, 17 Köpke; Heinrich Hesler evangel. Nicod. 3365. 2144; Joh. v. Würzburg; d. städtechroniken 2, 125; Michel Beheim), beherrscht auch die mitteldeutschen drucke des 15. u. 16. jahrh. (Nürnberger bibel, später Mathesius, Alberus, Münster), bis es durch die volle form gewerbe verdrängt wird (noch bei Opitz 1, 255 u. a., bei Sebiz 307 und Canitz gewerb).
2)) schwer hält es, die ältere bildungsweise gegen jüngere formen der kürzung, vor allem der apokope, abzugrenzen.
a)) wie weit die kürzung eingreift, zeigen die formen des dativ sing. und des plurals überhaupt:
α)) der dativ: von dem gewerb Enikel 23814; Magdeburger fragen 1, 1, 19; oberrh. urkunden (1476); d. städtechron. 3, 147; quellen z. bauernkrieg (Rotenburg) 85, (Oberschwaben) 165; Ryff Artemidorus 33b; Kirchhoff wendunmut 1, 214; Pegius 28c; Eulenspiegel c. 43; Hans Sachs fabeln 5, 132; liber vagat. bei Kluge 1, 48; Schaidenreisser Odyssee 5b; Boltz weltspiegel P 2b; Stöffler v. künstl. abmessung D 4a; Alpinus 2a; Josephus deutsch 149a; Fischart bienenk. 15a; Gretter 50; öst. weisth. 6, 173; Garzoni schauplatz 36; Agyrta grillenvertreiber 251; Prätorius wündschelruthen 59; Opitz 2, 249; Rompler ged. 1; Rachel satyr. ged. 38; Göthe 19, 127; Arndt erinn. 22; Heine Italien 1, 16; G. Keller bei Bächtold 2, 356.
dagegen gewerbe: Servatius 2826; Wigalois 5295; Basler chroniken 4, 37; Limburger chronik 39, 14; vocab. theut. (Nürnberg) von 1482; Sebiz feldbau 288; Rädlein, Kirsch, Bürger 162a (Ilias) 3, 163; Göthe (wahrh. u. dicht. 16. buch) u. a.
β)) der plural gewerb: urk. bei Schmoller 290; Überlinger urkunde von 1461 bei Mone; S. Brant narrensch. 18; Luther apostelgesch. 19, 24 (bis zu der ausgabe von 1524); Emser neudruck 83, 17; Mathesius Sarepta 8b, werke 2, 82; Bock 131a; Dryander artzenei 3a; Garzoni 246a; Ryff 62a. 145b; Alpinus 12a; Fronsperger kriegsbuch 3, 293b; Aristoteles deutsch (var.); Rauwolf 38. 314; Krafft reisen 125; Erasmus Francisci indisch-chines. lustgarten 1, 14; Göthe, Hebbel u. a. vgl. unten. dagegen gewerbe: d. städtechroniken 2, 364. 5, 235. 218; 11, 529; Villinger stadtrecht § 107; Diefenbach-Wülcker; Luther (bibelübers. seit 1524); Mathesius Sarepta 230a; Aristoteles deutsch F 4a; Kirchmaier instit. metall; Würtz wundarznei 538; Sleidanus 300b; Garzoni 240b; Harsdörffer 6, 271; Opitz 1, 573. 2, 348; Göthe 19, 194; Immermann 19, 188. gewerber bei Autenrieth pfälz. idiot. 53 und als österreich. form bei Nicolai reise 4, 482.
oblique casus: genetiv gewerb acta bei Londorp 1, 69; Rauwolf 93; österr. weisth. 6, 173. gewerben Tabernaemontanus 1521; dativ gewerben: Tengler laienspiegel; Kirchhoff wendunmut 286b. 125a; reichsabschied von 1530; Rauwolf 231; Aristoteles T 4b; Andreae 59; Erasmus Francisci schaubühne 2, 63; Tabernaemontanus 312 u. a.
b)) im nom. und acc. sing. ist gewerb nach Opitz (s. o.) auch noch bei Olearius, Logau, Wernicke bezeugt, ebenso in den älteren wörterbüchern bis Stieler (bei diesem gewerbe) und von späteren noch bei Dentzler, Aler, Weismann, Kramer, Wachter u. a.
c)) auch die classische zeit läszt die kurze form nicht blosz vor vocal belegen (gewerb'in Lichtwer fabeln 173; gewerb' an dich Stolberg 4, 169; ähnlich Göthe 12, 161. 23, 27; briefe 3, 224; Schiller 3, 14. 3, 365. 4, 115. Voss, Mörike, Rückert u. a.), sondern auch vor consonanten: gewerb von Gellert der christ; ähnlich Bodmer ged. 116; Göthe 8, 201. 35, 83. 38, 302. 40, 278; Schiller 12, 143; Uhland 413; Immermann 17, 378; innerhalb des jambus begünstigt der versschlusz die kurze form: Schiller 14, 339; Hebbel 1, 114; Immermann 15, 366.
3)) auch der genitiv sing. ist vereinzelt ganz ohne flexion überliefert: des groszen gewerb halb. Münster cosmographie 456; zahlreich sind hier auch die belege für syncope: gewerbs Francf. urkunde bei Diefenbach und Wülcker; d. städtechron. 2, 529 (Nürnberg); S. Fischer chronik v. Ulm 146; Binder Acolastus 4, 4; Fronsperger bauordnung 29b; Schaidenreisser Odyssee 37b; Mathesius 3, 89; Wickram (goldfaden, ebenso bei Brentano); urkunden bei Londorp 1, 220. endlich auch bei Herder 12, 152. dagegen gewerbes: 1. büchlein Hartm. 735; Walther 93, 8;

[Bd. 6, Sp. 5488]


Parzival 785, 16. 786, 11; K. v. Würzburg troj. krieg 21762; Ulr. v. Lichtenstein frauendienst 127, 18; Jeroschin 9845; Joh. v. Würzburg 7696; S. Franck Germania 396b; Fronsperger bauordn. 13a; Opitz 2, 273; Herder; Göthe 7, 134. 8, 205; Bonaventura nachtwachen 51 neudruck.
b) die bildung mit dem i (e)-suffix, gewerbe, ist als sicheres neutrum schon aus älteren mittelhochdeutschen quellen belegt: Heinrich v. Türlin krone 25726; Thomasin 9925 (gewerve); Wolfdietrich 1087; [ohne kennzeichnung des genus: Iwein 5818 (nach späterer handschr.); Türlin krone 27309; H. v. Langenstein Martina 230a; Jeroschin 26240]; Basler chroniken 4, 38; Hesler evangel. Nicodem. 4168; Schürebrand (ed. Strauch); Joh. v. Würzburg 7363; vocab. 12 bei Diefenbach u. Wülcker 619 (gewerb, gewerp var.). [ohne kennzeichnung des genus: Eckhart; vertrag von 1489 bei Mone; befreiung für Lübeck von 1473; Francfurter reichscorresp. 1, 114]. für die schriftsprache war es wiederum entscheidend, dasz Luther die form gewerbe in die bibelübersetzung einbürgerte (2 Macc. 11, 29 gegen Koburger; das genus ist nicht gekennzeichnet, darf aber als neutrum angesetzt werden); ihm folgten: A. Corvinus fons lat. 479; Sebiz; Prätorius saturnalien 372; Erasmus Francisci schaubühne 1, 292. 300; getr. Eckh. 181; Heilmann Thucydides 739. 1092; Zesen Rosemund 182 u. a., unter den wörterbüchern gab Stieler das erste beispiel, ihm schlossen sich an: Janus, Matthiae, Frisch, Adelung, vgl. auch gewerbe ... nicht gewerb. Heynatz handb. z. richt. verf. v. aufsätzen.
c) für die qualität des stammvocals sind die mundartlichen belege aus dem süden und dem norden des sprachgebietes bemerkenswerth. sie halten übereinstimmend an der offenen aussprache fest: gewärb, gewärbe S. Brant, Binder (Acolastus), Frisius-Cholinus, Frisius, Bentzius, Maaler, Stumpf, Fischart, Alpinus, Pegius, Sebiz, Zesen, Rompler, Uffenbach 2, 101; vgl.gewarw, warw Danneil u. a. für geschlossene aussprache zeugen westdeutsche belege: gewirw Luxemburger mda., gewierw Waldeck., vgl. auch gewürbe Döbel (jägerpractica 2, 143a).
d) das präfix ist in niederdeutschen mundarten ganz abgestreift (vgl. DWB das werb Kantzow 399. 360 u. a.); im oberdeutschen unterliegt es der syncope: gwerft Stricker, gwerb: Manuel, Maaler, Binder; S. Fischer, Hans Sachs; Schaidenreisser; quellen z. bauernkrieg aus Oberschwaben; öst. weisth. u. a.
e) der pluralgebrauch liegt dem nomen actionis an sich fern; er erwächst naturgemäsz den verwendungen, die den übergang zur sachbedeutung vollziehen: gewerbe = gelenk; gewerbe = erwerbsberechtigung (das alle gewerb ab. Überlinger urkunde v. 1461). auffallend ist der plural in späteren fassungen der frageformel (was seind seine gewerb alhie? Schaidenreisser Odyssee 4b; vgl. auch den plural bei der bedeutung anwerbung) und in der parallele gewerbe = quaestus (wendet denen nit geringe gewerb zu. Luther apostelgesch. 19, 23. oder liegt trotz der form des adjectivs sing. vor?). den eigentlichen ausgangspunkt findet der pluralgebrauch in der parallele von gewerbe mit commercium, namentlich seitdem die gruppe der betreffenden nahrungszweige immer mehr sich verzweigte und ausdehnte. die gröszte steigerung bedingte aber der jüngere enge begriff: die gewerbe = die gewerblichen betriebe (s. III, 3).
II. das verbalsubstantiv in der bedeutungsgemeinschaft mit dem verbum und anderen ableitungen vom gleichen stamm. gewerbe = wirbel und werbung.
1) die sinnliche grundbedeutung in der funktion des nomens actionis ist verblaszt, die litterarischen belege zeigen sie nur bei der sachbedeutung noch lebendig: gewerbe = gelenk (vgl. dieses sp. 3004 ff. und vgl. die viel belegte form geleich sp. 2978 f.). die beispiele sind verhältnismäszig jung: vor dem 16. jahrh. sind nur die folgenden bezeugt: ... und die läme ist als ain gesucht, und ettlich sprechent, das si tötlich sei, und komt von ainer bösen feüchtikait, die in die flügel und hinden umb die lenden in das gewerbe und gleich gefloszen und sich gesetzt hat ... Mynsinger v. d. falken 24 Hassler. iunctura, wirbel, wervel, gewerbe handschr. vocabularien bei Diefenbach 312a; item di underwamse hatten enge armen, unde in dem gewerbe waren si bevehet und behaft mit stucken von panzern. Limburger chronik 39, 14 Wysz; gewerbe (an einem thore)

[Bd. 6, Sp. 5489]


zu bessern. Francf. baumeisterbuch (1451) 70b (Kriegk). das substantiv wird sowohl auf die organischen gebilde am menschen und an der pflanze angewendet als auch auf die entsprechenden nachbildungen an geräthen. zum fortleben des wortes in heutigen mundarten vgl. sp. 5481; dazu vgl. die formen gewerbbein, gewerblein u. a.
a) am häufigsten begegnet der anatomische begriff, in beziehung auf den menschen. hier bietet die medizinische litteratur des 16. jahrh. die meiste ausbeute.
α) allgemeine verwendung: an jedem ellenbogen ist ein rundes beinlein, wie eine rolle, darüber die gewerb auff unnd abgehen. .... im knüchel unnd gewerb der handt seind in jedem acht beinlein, welche kein marck haben, darnach folgen vier handtbein .... Garzoni schauplatz ... aller professionen 36 s. 246a; hiemit werden die gewerbe der gleichen verstopffet ... also, dass einem menschen unmöglich ist, dieselbige ferner zu brauchen, alldieweil solches fleisch in den gewerben der gleichen ligt. Würtz praktika der wundartznei 538; nachdem einem artzt fürnemlich von nöten die erkendtnuss der wunderbarlichen zusammensetzung, anfeng und verborgene gewerb, aller glider und zugehöre des menschlichen cörpers .... Dryander artzenei 3a; dieses öl (johanneskrautöl) schreibet Matthiolus, heilet die wunden gar wol, sonderlich aber die verwundeten sennadern. ist auch dienstlich zu allen kalten gebrechen der glieder und gewerben. Tabernaemontanus neu vollkommen kräuterbuch 1521; derhalben die da sagen, das der elephant kein glieder noch gewerbe habe, die reden ubel, sintemal er sich alsdann nicht bewegen noch regen vermöchte. verdeutsch. der problem. d. Aristoteles (1557) G 6b; warumb kan allein die schlang für andern dergleichen thieren das haupt entpor haben, also, das doch der ander leib still helt? darumb, dieweil nach der würm art die schlang von runden gelenckichten gewerben ist, und gröspege beine, bieghafftige geleiche hat. T 4b.
β) localisierung.
1)) warumb sind die finger in glied und gewerbe getheilet? ... warumb hat ein jglicher finger drei gewerbe, aber der daum nicht mehr dann zwei? antwort: der daume hat auch drei geleich oder gewerbe, das dritte und hinderste aber ist an den arm gefasset ... problem. des Aristot. F 4a; vom ende der finger rückwärts in das gewerbe und gelencke der hand. Greber mathemat. friedens- u. kriegsschule 182.
2)) der gebänd seind zweierlei art, dann ettlich haben jhren ursprung, wie ietz gesagt, von den schnierlein der meüszfleisch, die andern entspringen von gewerben der bein ..... Ryff chirurgie 6b; (das hüftbein) ... hat oben ein runden boltzen, welcher sich füget in die höle des hufftbeins, unnd ist sollichs gewerb oder verglenckung mit vast starckem gebänd bevestigt. ebenda 34b; das coxa .. ist ein grossz marckecht bein, an beiden enden. die oberest rondigkeit ist genannt das gewerb, das sich hinzu neigt und würt empfangen in die büchssen oder schüssel des schlosszbeins, und ist ein wenig hofferecht gegen den uszeren teil. Gersdorf feldbuch der wundartznei 15;

doch Tydeus sohn
ergriff ein ungeheures felsenstück,
kaum tragbar für zwei männer dieser zeit,
er aber schwung's allein und leicht empor,
und warf's Aeneen an die hüft', allwo
das schenkelbein sich im gewerbe dreht,
genannt die pfanne. Ilias übers. v.
Bürger (5, 369) 3, 80;

da, wo der schenkel
in dem hüftgewerbe sich dreht. übers. in hexametern (5, 306)

(am hüftgelenk, wo des schenkels bein in der hüfte sich dreht, das auch die pfanne genannt wird. Voss).
3)) gewerben oder knoeren des ruckgrads. Ryff chirurgie 23a; warumb hat der ruckgrad viele gewerb und underglieder, welche bei den ärtzten spondili, die geleich des ruckgradts genant werden. Aristoteles problem. g. 91a; er (dr. Vogelsang) empfieng uns mit gewaltigen reverenzen, dabei er auf eine wunderliche art die augen zuthat, und den kopf schüttelte, als wenn er kein gewerb in dem halse hätte. Zach. Conr. v. Uffenbach merkwürdige reisen ... 1, 59.

[Bd. 6, Sp. 5490]



4)) ausz der junctur oder gewärb, durch welches sich der hals mit dem haupt verbindet. Petrus Uffenbach neues roszbuch 2, 101; die brust des kindes wollte aus dem gewerbe gehen. Marburger gnadengesch. (1753) 201. Unger-Khull 290a; nun weisz ich nicht, wie er (der schlottenfeger) etwan dz maul zu weit ausz gedehnet hatte, dasz es ausz dem gewerb kommen, unnd nicht wider zugehen wolte. Conrad Agyrta grillenvertreiber (2, 31) (1605) 251; dieser (der unterkiefer) ist von zweien stücken, welche zu beiden seiten neben den ohren ihre zapffen und gewerbe haben, unnd in dem kinn mit einem knorbel zusammenstossen. Garzoni schauplatz ... 36 s. 240b.
b) auf die pflanze übertragen, das glied am stengel.
α) der rund stengel spannen hoch mit vilen gewerblin, nit dicker dann ein strohalm, die gleich oder gewerb seind braun geferbet. Bock kräuterbuch 131a (vom storchschnabel); ein schöns geschlecht limonii, das von 10 inn 12 bletlein gewinnet, ... ausz einer langen wurtzel, welche aussen braun, unnd jnnen rotfarb: zwischen denen herfür schieszent 2 in 3 eckechte stengel, in der höhe eines elnbogens, die vil gewerb haben ..... Rauwolf reisbeschreibung 314; der stengel wird auf anderthalb ellen lang, ist mit gewerben und gleichen unterscheiden, wie der stengel des fenchels oder ferulkrauts ... Tabernaemontanus neu vollkommen kräuterbuch 312; das weiblein (vom bingelkraut) ... wächset anderthalb schuh hoch, bringt einen eckichten, glatten zweighafften stengel, mit vielen gewerben oder knotten, aus welchen die blätter entspringen .... aus den gewerben zwischen den blättern gehen lange stiel .... dazu bringt es bei den gewerben seinen saamen. Hohberg adel. land- u. feldleben 3, 417.
β) an einem gewärbe (der kardendistel) stehn zwei lange plettlin gegen einander. M. Sebiz feldbau s. 288; die zucker rohr erwachsen da nit vom somen, noch wurtzlen, sonder von jren röhren, deren sie stuck, die gesafftig, und von 2 in 3 gleich lang seind, einlegen: unnd damit sie desto belder herfür kommen, borens zuvor zwischen den gewerben löchlein zimlicher grösse: wann sie dann auszschlagen, so gewinnens bei jedem gewerb jre augen, die hernacher in grosse und hohe rohr erwachsen. Rauwolf reisbeschreibung 56; (gündelräb) hat dünne wurtzeln, die entspringen von den gewerben der stengel, und hefften sie also an die erden. Matthioli kräuterbuch 205b; der teutsche grosse feld-andorn ... bekommt einen viereckichten rauhen stengel, aus dessen gewerben gemeiniglich purpurfarbe, selten aber weisse blumen herfür kommen. Hohberg adel. land- u. feldleben 3, 422, 5; man gebe sich rechenschaft von der empfindung, die uns ergreift, wenn die berührte mimosa ihre gefiederten blätter paarweise zusammenfaltet und endlich das stielchen wie an einem gewerbe niederklappt. Göthe dichtung u. wahrh. 16. buch. die varianten in den ersten ausgaben (gewebe 48, 13) zeigen, dasz den verwaltern des nachlasses diese bedeutung nicht geläufig war.
c) künstliche gelenke an geräthen.
α) und disz grosz thier ist an eim gewaltigen grossen spiesz von eisen gemacht gesteckt gewesen, hat seine räder und andere kunstreiche heimliche verborgene gewerb gehabt, dasz von sich selbst umbgangen. Fronsperger kriegsbuch 3, 293b; der zapfen (am luftmörser) wird von einem hebel niedergedrückt, so auf der säule ruhet, und vornen ein gewerbe hat, eben als ein zuleg-löffel, der sich nemlich im hinunter drücken steiff hält, im herauf gehen aber bieget. Uffenbach merkwürdige reisen ... 1, 32; wenn nun der fuchs-fang angehen soll, so thut man recht wohl, und ist sehr gut, dasz man ... das eisen aus einander nehme, und ... mit klarem sande und reinem wasser abputze, alle schrauben, gewürbe und löcher mit schönem reinen sande aussaubere, und alle stücke recht vollkommen abtrocknen lasse. Döbel jäger-practica 23, 143a.
β) in dem gewerb, kopff odder nagel des circkels, da er uff und z geht, sei ein punct notirt oder ein eisenn stefftlin darein gesteckt, welchs sol geheissen werdenn das centrum ... Joh. Stöffler von künstl. abmessung D 4a; dann ein ketten hat vilerlei geleich und gewerb (connexiones et juncturas habet). Ryff übersetz. des Artemidorus 145b; diesen globum konten 2. man, mit seinen

[Bd. 6, Sp. 5491]


gewerben artlich herumb bringen. Joh. Val. Andreae chymische hochzeit (buch 1, dies 3) s. 59. wann die uhr ruhet, so verrosten die räder und gewerbe. Harsdörffer gesprächspiele 6, 271; gewerbe, schraubenmutter s. Adelung 2, 655 u. a.; gewerbe, deckelband, charnière. Beil technolog. wb. 243.
γ) dieses gewerbe (des tisches) dahinten, und diesen fusz da, und diese ausschnitte am gewerbe hat mein groszvater gemacht, — wer ihn lieb hat, kann das nicht zerbrechen. J. H. Jung [Stilling] (jünglingsjahre) 2, 6.
2) das nomen actionis in verblaszter grundbedeutung: gewerbe, das thun und treiben, das gebahren, das vorhaben, die werbung. auf dieser stufe der bedeutungsentwicklung ist der zusammenhang zwischen dem substantiv und dem verbum noch vielfach durchzufühlen, unter den älteren belegen sind mehrere, die beide formen in einem satzgefüge neben einander zeigen:

grîf vil stæteclîchen zuo ...
und kum niht gâhes an sî,
daʒ ir dîn gewerp bî
unstateclîchen wone ...
unrehteʒ gâhen sûmet dich ...
wan wirbest du eʒ mit sinnen,
dû maht dar nâch gewinnen
beʒʒer heil.
Hartmann v. Aue 1. büchlein 1546 Haupt,

si viel mit zuht, diu an ir was,
Parzivâle an sînen fuoʒ,
si warp al weinde umb sînen gruoʒ,
sô daʒ er zorn gein ir verlür
und âne kus ûf si verkür.
Artûs unt Feirefîʒ
an den gewerp leiten vlîʒ.
Parzivâl truoc ûf si haʒ:
durch friunde bet er des vergaʒ.
Wolfram v. Eschenbach Parzival 779, 28, ebenso 774, 18 u. a.;

die gotheit genoʒin was,
daʒ die weder qual noch enstarb
und daʒ gewerb doch alleʒ warb.
Heinr. Hesler evang. Nicod. 2144 Helm u. a.;

Erhart Bock von Stouffemberg der hochgebornen fürstin frowe Katherinen von Burgunden etc. lantvogt von wegen der selben unser frowen umbe einen friden werbende was, z sölichem gewerbe der obgenant unser herre der ischoff und wir gehollent. Basler rathsbücher 1425, s. Basler chron. 4, 37. die gebrauchsunterschiede, die am verbum zu beobachten sind, lassen sich auf dieser stufe der entwicklung auch noch zur gliederung des substantivgebrauches heranziehen. einzelne verwendungen berühren sich mit dem absolut gebrauchten werben, andere mit dem zum relativen gebrauch entwickelten verbum. mit dieser verschiedenheit kreuzt sich andererseits der gegensatz zwischen solchen verwendungen, in denen das substantiv eine vorübergehende, und solchen, in denen es eine dauernde thätigkeit kennzeichnet.
a) das nomen actionis kennzeichnet eine vorübergehende thätigkeit.
α) berührung mit dem absoluten gebrauch. in den hier einschlägigen belegen läszt sich die entwicklung der verwendungen aus der ursprünglichen sinnlichen grundbedeutung am anschaulichsten verfolgen, wenn sie auch natürlich nicht mehr in allen übergangspunkten belegt werden kann. charakteristisch ist namentlich das oben (sp. 5482) besprochene beispiel aus Boners edelstein, wo auch die variante geschefte für gewerbe beachtung erfordert.
1)) in diesen und ähnlichen verwendungen ist es schon die äuszere situation, die die verbalthätigkeit als eine zeitlich begrenzte, als eine vorübergehende erscheinung, kennzeichnet:

diu frowe beslôʒ die porten
.. si lie den helt aine
sizzen in der chamere.
die sluʒʒele nam sî alle zesamene.
si warf si in aine kisten,
daʒ iz niemen neweste,
den ir gewerf so spæhen. (var. gewerp) kaiserchron. 11660 Schröder;

nâch manegem süeʒem gewerbe
giengen si slâfen alle. Servatius 2826 Haupt;

daʒ wir hie bêdiu kôsen
mit ein ander hiute,
daʒ wæne ich al die liute
die sæhen uns mit ougen ...

[Bd. 6, Sp. 5492]



Ethrâ, mîn liebeʒ kamerwîp,
hât nû vil lange mir geseit,
dem volke dem sî vür geleit
unser gewerp und unser dinc (var. gewerbe).
Konrad von Würzburg troj. krieg 21973 Keller;

... daʒ si zuo dem pardîs kâmen.
dâ sâhen si ein venster stân.
dar inne sâhen si einen man ...
und frâgten in der mære,
waʒ sîn gewerft wære (var. vgl. oben sp. 5485);
er sprach: 'daz sol ich niht sagen,
mîn meister (gott) heiʒt mich es verdagen ...'
Jansen Enikel weltchron. 19022 Strauch.

die hiez si alle fürder gân
si wolt nieman sehen lân
ir minnenclich gewerbe.
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 7363 Regel; ähnlich 5028 (var. für gevert).


2)) der thätigkeit ist von innen heraus ein ziel gesetzt. auch hier begegnen gelegentlich possessivpronomina, die das subject kennzeichnen. wie sehr diese verbindung andererseits dazu beiträgt, das moment der dauer in den vordergrund zu drängen, darüber vgl. sp. 5499 ff.
a))

'wir sulin in ein unkundegiʒ lant.
... wir môʒen mit gôtin listin
unser lîb gevirstin.
ich bitûch alle gelîche
armen unde rîche,
heiʒit mich Thîderîch.
sone wêz nichein vremede man,
wie mîn gewerph sî getân. könig Rother 822 v. Bahder;

sît nieman weiʒ, wer ich bin,
sô ist daʒ harte wol mîn sin,
daʒ ich mîn (var. mînen) gewerp nieman sage.
Ulrich von Zatzikhoven Lanzelet 3079 Hahn;

sîn gewerp (Tristans) und sîn gerinc
der ist umb' ernestlîchiu dinc.
Gottfried von Straszburg Tristan 10461 Bechstein; ebenso 10648;

morne sô versuochent
ob ir sîne gîtekeit
mit gebender behendekeit
mugent schatzes gesaten.
... ir bedürfent rîches soldes,
sît ir diz hânt bestanden:
eʒ engât niht wol ze handen
iwer gewerp (var. antwerg) vergebene.
Konrad Fleck Flore 4791 Sommer.


b))

daʒ ich noch daʒ erringe
daʒ uns an ir gelinge.
des gewerbes, unʒ ichʒ leben hân,
lâʒ ich dich nimmer abe gân.
von diu vernim, lîp, waʒ dû tuo ...
jâ stêt eʒ alsô umb daʒ heil,
im enist ze niemen gâch,
er enwerbe dar nâch:
eʒ lât sich vil gerne jagen
unde entrinnet ouch dem zagen.
Hartmann v. Aue 1. büchlein 735;

und wæren aber alle man
und ir sterke und ir kraft
mit kunst und mit ritterschaft
an einen man gewendet,
ê eʒ werde vol endet (des königs reich wieder gewonnen),
er het mit alle gnuoc ze tuon:
wan er niergent vindet suon,
anders denn al zît gewissen strît:
er mac gewinnen übel zît,
ûf dem ditz gewerbe lît.
Heinrich v. d. Türlin krone 25726 Scholl;

Artûs warp ein hôchgezît,
daʒ diu des morgens âne strît
ûf dem velde ergienge,
daʒ man dâ mite enpfienge
sînen neven Feirefîʒ.
'an den gewerp kêrt iwern vlîʒ
und iwer besten witze,
daʒ er mit uns besitze
ob der tavelrunder.'
Wolfram v. Eschenbach Parzival 774, 18, vgl. auch 785, 16;

sunderlichen, das er (Friedrich) also
sinem geben sun Philippo
daʒ uberkumen und daʒ ein
gewunen rich mit nicht allein
beschirmend wer all stunde
und auch behalten kunde,
sunder, daʒ er durch sölich gewerb
im sin eigen veterlich erb,
es wer burg, stett, lüt oder land,
reichet und geb zu seiner hand,
auch daʒ gemeren unde
grosser gemachen kunde.
Michel Beheim reimchron. 191 (quellen z. bair. u. deutsch. gesch.) 3, 35.

[Bd. 6, Sp. 5493]



3)) beide arten der begrenzung treffen in jener frageformel zusammen, in der wir oben (sp. 5483) den ersten beleg für das substantiv gesehen hatten, vgl. auch:

er vrâget in dabîwaʒ sîn gewerft solde sîn. genesis u. exodus 55, 20 Diemer.

die formel ist in der mittelhochdeutschen epik bei begegnungen aller art beliebt, namentlich da, wo ein bote auftritt. in diesem falle macht sich die innere begrenzung stärker geltend, während es sonst mehr die äuszere situation ist, die der thätigkeit ein ziel setzt. mit unserem substantiv concurrieren hier auch andere formen:

als der zauberer was kommen dar,
Turneas nam sein war
unnd fragt in der mr
was sein werben wr. Friedrich v. Schwaben 5564 Jellinek;

was ist die werbung dein? ebenda 7327.


a))

daʒ man dem kaiser sagete ze mære,
daʒ der siben slâfære
wære ainer in die stat komen,
gehaiʒen Sêrâpîôn,
er wolte prôt koufen ...
dô frâct in der chunich mære,
wes er sich betragete,
oder waʒ er gewerftes habete. kaiserchron. 13506 Schröder;

den wirt wundert umb ir vart,
und vrâgte sî mære,
waʒ ir gewerp wære.
diu juncvrouwe dô sprach:
'ich suoche den ich nie gesach
und des ich niht erkenne'.
Hartmann v. Aue Iwein 5818 Lachmann (zu den varianten vgl. sp. 5485), ebenso
Jansen Enikel 10132 Strauch;

do sprach zorniclîchender heiden Beliân:
'sag an, ritter edel,waʒ ist daʒ gewerbe dîn?
alleʒ daʒ ir gebietent,damit sol uch gedienet sîn'. Wolfdieterich 1087 Holtzmann;

(Ell.) gott grüsz dich auch, du süsser Petz! (Geüt.) was ist dein gewerb? gott füge dirs zm besten! (Petz) lasz mich verschnauden! nu will ich es sagen on alle vorrede. ich hab lieb gehabt ain junckfrauwen, die habe ich haimlich vatter unnd mtter entfüret ... Albrecht v. Eyb (Philogenia) 2, 144 Herrmann; 'gter man', sagt er, 'ich bit, wöllend uns anzeigen, wie ir mir heüt versprochen haben, was euch beidsammen har in disen wald bracht hat oder was euwers gewerbs seie. Wickram (goldfaden cap. 22) 2, 322 Bolte (was euers gewerbs ist, und was euch in diesen wald gebracht? Brentano); nu sage mir wo her ist der gast, so erst bei dir gewest, von welchem land unnd geschlecht nennt er sich. was seind seine gewerb alhie, villeicht hatt er die gte potschafft von deinem vattern bracht, oder ist er seinen aignen geschäfften nach gezogen. Odyssee übers. v. Schaidenreisser 4b. vgl.: und wo er einen sahe, der auff inen wartete, selbst anredete und ime die hant bot und fragte, was sein werb wäre. Kantzow chronik v. Pommern s. 335.
b))

innen des dô quam geriten
des kuniges bote von Korentîn.
waʒ sîn gewerbe mohte sîn (var. gewerp, gewerft),
daʒ was in allen unbekant.
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 10059 Benecke;

den werden und den zühtigen
begunde er frâgen mære,
waʒ sîn gewerp dâ wære
und ouch des gesellen sîn ...
mit zühten sprach er alzestunt
'uns hât ze boten her gesant
mîn herre' ...
Konrad v. Würzburg Partonopier 19120;

als in der künec ersach, der baten
daʒ er im sagte mære,
waʒ sîn gewerp dar wære. Biterolf und Dietleib 9052 Jänicke;

wie seht jr so? villeicht nicht wist,
was mein gewerb und namen ist,
der hoffteuffl so bin ich genand,
und kom jetzt her aus Perser land,
wil euch auch weitr anzeign dabei,
was mein gewerb z hoffe sei,
all ungelück richt ich da an,
wo ichs z wegn nur bringen kan.
Chryseus hoffteuffel (2, 1) B 7b.


c))

die rede tâten sie vergeben:
in enmoht nieman untrôst gegeben.
ir gewerbe wart volendet.
Heinrich v. d. Türlin krone 27309 Scholl;

[Bd. 6, Sp. 5494]



des antwurd ir (Maria) gezogenlîch
der gotes pot von himelrîch
frawe mîn der heilig geist
wirt des gewerftes volleist
der chumt zu dir und lêret dich. leben Christi 160 Pfeiffer (z. f. d. a. 5, 22);

dô begundin râmin
dî heidenischin Samin,
wî sî der brûdre lebin
irvarin mohtin ebin
und ouch ir geleginheit.
in der wîse wart gereit
der eldstin einre und gesant
zur Balge; und dô dî brûdre irkant
hattin sîns gewerbis sin,
sî intpfîngin lîblîch in ...
Nicolaus v. Jeroschin 9845 Strehlke; ähnl. 26240.


4)) aus solchen verwendungen erwachsen allgemeinere bedeutungen, so vor allem die von auftrag, anliegen. diese bedeutung allein ist es, die das moment der zeitlichen begrenzung, der vorübergehenden erscheinung, das am neueren gebrauch von gewerbe sonst völlig abgestorben ist, wenigstens in einem seitentrieb der verwendungen lebendig erhalten hat; denn die beispiele reichen bis in die neueste zeit. in manchen der einschlägigen belege begegnen wendungen, die dem relativen gebrauche angehören. sie sind hier eingereiht, insofern der relative gebrauch nicht vom verbum her übernommen ist, sondern secundär erst am substantiv entwickelt zu sein scheint. vgl. dazu: Paulus III breve sampt der werbunge seines gesandten an die ... eidgenossschaft. Rom 1546 u. a.
a)) missehandelt imand radmanne mit scheltworten adir kampf anbutet adir swert uff sie czuet adir andir wofen, do si in der stat gewerb (varianten: werb, gewer) gesant sin, der sal in das vorbuszen eime iczlichen mit driszig schillinge, ab si den man vor gerichte dorumb beschuldigen, und iener, der beschuldigt wirt, des vor gerichte bekennet. Magdeburger fragen 1, 1, 19; so geschach es nicht lange hirnach, das die vom Sunde iren burgermeister doctor Zabel in iren gewerben gein Dantzigk schickten. Kantzow chronik v. Pommern s. 348; wenn ihr auf ein gewerbe ausgeschickt werdet, so bestellet dasselbe in euren eigenen worten, wenn es auch bei den vornehmsten personen sein solte, und nicht in den worten eures herrn. baurenmoral s. 86; wenn bediente auf gewerbe ausgeschickt werden, s. 61.
b)) als auf pfintztag sant Lucia tag anno 53 Jobst Tetzel und Anthoni Tucher zu Onolspach vom marggrave Albrechten von Brandenburg auszrichtung irs gewerbs empfangen. deutsche städtechron. 2, 529; sonst ist das gleiche verbum (ausrichten) in anderem sinne mit dem substantivum verbunden:

(Gabriel zu Christo): himlischer gott und herre reiche
ich verkündige dir sicherleiche,
das ich dein gewerb ausgerichtet han.
Theodorich Schernberk spil v. frau Jutten (fastnachtsspiele 2, 930);

zu diesem Zamolxi fertigen sie jhe umb daz 5. jar einen ab, welchen sie durch das losz darzu erwehlen, mit befehl, dasz er bei Zamolxi jhr gewerb auszrichten soll. Herodot 4, deutsch v. Georg Schwartzkopff 199; demnach, als hertzogk Bugslaff also sein werb zu Rhom ausgerichtet, nham er seinen abscheid vom bapst. Kantzow chronik von Pommern s. 360; niemanden ... dergleichen geheimnisse wissen lassen, vielmehr einem jeden bereden wolten, sie hätten auf der insul St. Helenae ein besonderes gewerbe auszurichten. insel Felsenburg 1, 292 neudr.; freund, kannst du mir wohl einen gang in die Neustadt thun, um ein gewerbe auszurichten? Musäus volksmärchen 4, 143; hab ich vergolten? hab ich? nun madam, keinen nadelstich mehr in bereitschaft? den wagen vor. mein gewerb ist bestellt. Schiller (Fiesko 2, 2) 3, 45; während ich mein gewerbe bestellte, pflegte er mich mit seinen grellen runden augen ungeduldig anzusehen und mich darauf hart und kurz abzu fertigen. Th. Storm (gesch. aus der tonne: Bulemanns haus) 2, 281.
c)) er (der offizier) sagte, er habe ein eigenes gewerbe, das er an herrn von Western selbst ausrichten müste. Fielding Tom Jones (6. kap. 2) übers. v. Bode 6, 15; schickte er zween an die gesandten zu fragen, ob sie auch sonsten

[Bd. 6, Sp. 5495]


mehr gewerb hetten zu ihrem herrn. Schütze Preuszen 112; die fromme Katharina wird gleich erscheinen. seid nur nicht zaghaft, und schüttet euer herz vor ihr aus, damit sie euch trösten kann, nämlich insofern ihr ein geistliches gewerbe an sie habt. Jul. Mosen 7, 2.
d))

schreibt dir dein bester freund, der deinen rath begehrt,
so scheints, als hieltest du ihn keiner antwort werth;
bringt jemand ein gewerb, das auf dein wohlergehen,
auf ehr und vortheil zielt; du läszt ihn draussen stehen.
Canitz (3. satire: v. d. poesie) 95;

(der orator Karls V.) nahm ... seinen eignen purpurnen mantel, legte den zusammen, als wie ein polster, setzte sich darauf und brachte darnach sein gewerbe für. Erasmus Ffancisci lustige schaubühne 1, 300; da wir (die gesandten) unser gewerbe nicht an das volk bringen können, um nemlich dasselbe nicht durch einen ununter brochenen vortrag ... zu verleiten ..... Thucydides (5, 84) übers. von Heilmann 739 (Jacobi: da wir nicht vor dem volke reden sollen. 2, 209); und damit, ohne dasz er das allergeringste gewerbe bei der witwe anzubringen hatte, als dasz er nur ein pfund würste in ihrer bude kaufte — ging Thomas hin. Sterne Tristram Shandy übers. v. Bode 9, 19;

Alcestes saget mir, ich weisz nicht was, ins ohr,
und bringt mir sein gewerb mit vollem athem an;
ein voller qualm bricht aus, und geht der rede vor:
ich rieche seine wort, eh ich sie hören kan.
Wernike poet. versuche 8.


e)) ir wollet den gnt. Ludwigen solchs sins gewerbs gutlich erhoren. Francf. archiv (15. jahrh.) Diefenbach-Wülcker s. 619; wir wollen ihn alsdenn gerne sehen und anhören, was eures herrn gewerb und anliegen sein werde. Schweinichen 1, 381;

(die amme): sei sanfter, töchterchen! komm, lasz du uns
auf diesem teppich ruhn! o, lange sasz
ich nicht an deiner seite! — öffne mir
dein ohr, und höre mein gewerb' an dich.
Christian von Stolberg Otanes (werke der Stolberg, 4, 169).


f)) die vorstellung einer thätigkeit wird bei dieser verwendung meist sehr abgeschwächt, in manchen wandlungen des zusammenhanges bahnt sich geradezu sachbedeutung für das substantiv an: im mittelst langten die mit dem Pisander abgegangenen atheniensischen bevolmächtigten von Samus zu Athen an, wo sie ihr ziemlich weitläufiges gewerbe in gewisse hauptpunkte kurz zusammen fasseten, und so dem volke vortrugen. Thucydides 8, 53 übers. von Heilmann 1092 (Jacobi: und brachten, nach einem weitläuftigen vortrage, das ganze vorzüglich auf folgende hauptpunkte zurück. 3, 142); deswegen dreheten sie sich fein kurtz, behielten ihr gewerbe zwischen den zähnen, und reisten, beides sonder anbringung und bescheid wieder ihres weeges. Erasmus Francisci lustige schaubühne 1, 292; war bei einem nachbar, auch wohl bei einem freunde, der wohl auf einer meile entfernung von uns wohnte, etwas zu bestellen, der vater schrieb das briefchen, das zahme röszlein ward gesattelt, der junge drauf gesetzt, und ohne mantel und überrock, es mochte sonnenschein oder regen und schneegestöber sein, muszte er mit seinem gewerb fortgaloppieren. E. M. Arndt erinnerungen aus dem äuszeren leben 22 Geerds.
5)) in den eben besprochenen zeugnissen haben sich unterschiede in der geltung des substantivs ergeben, die nicht auf wandlungen der bedeutung, sondern auf verschiebungen des zusammenhanges beruhen. je nachdem das subject aus eigenem antrieb thätig ist oder unter dem befehl eines andern handelt (vgl. die beispiele aus der baurenmoral u. a.), nähert sich das subst. der bedeutung anliegen oder auftrag. die beispiele unter diesem gesichtspunkt zu gliedern, schien nicht zweckmäszig, da die bedeutung selbst einerseits gar nicht überall sicher gestellt werden kann (vgl.: also auch Christus unser herr hatt so heftigklich und ernstlich gehandelt sein gewerb die erlöszung menschliches gschlechts. Geiler von Keisersberg schiff der pönitenz 57b), andererseits die sicher gestellten unterschiede als solche kaum empfunden wurden: so gieng nun Reineke aus dem hofe, mit seinem ränzel und stabe, und zwar nach des königes meinung, den nächsten weg nach dem heiligen grabe: da hatte er soviel gewerbes,

[Bd. 6, Sp. 5496]


als ein maibaum zu Achen. Reineke fuchs von Gottsched 34, Bieling 59 (dar hadde he werf. Reinke de Vos; hatt' er dort gleich so wenig zu thun, als ein maybaum in Aachen. Göthe), vgl. auch oben sp. 5481; ja, gnedige fru, dat is min eigentlich gewarw' ... un sei känen't mi nich verdenken, wenn ick den wunsch heww, dat min Lining bi mi up de neg' bliwwt un Gottlieb de parr kriggt. F. Reuter (stromtid 26. cap.) 2, 394 Seelmann.
β) das substantiv knüpft an den relativen gebrauch des verbums an:
1)) als umfassendste bedeutung bietet sich hier der begriff verhandlung, vertrag dar, wenn wir den aus der bayrischösterr. rechtssprache des 13. und 14. jahrh. vorliegenden zeugnissen ihre stellung hier anweisen dürfen. sie zeigen übereinstimmend die bedeutung kaufvertrag, nur fragt es sich, ob die bedeutung vertrag oder die von kauf (vgl. III, 1) als ausschlaggebend anzusehen ist. diese frage läszt sich aus dem verfügbaren material nicht entscheiden, wir finden ebenso gut die verbindung gewerbe (gewerft) und rede als die von gewerbe und kauf. jedenfalls aber läszt sich die bedeutung verhandlung, vertrag gut aus den gebrauchsformen des substantivs entwickeln, vgl.: hier jagten sie (die Lacedämonier) dem grossen haufen, der von dem ganzen gewerbe nichts wuste, ein grosses schrecken ein. Thucydides übers. v. Heilmann 8, 44 (Jacobi: der von der verabredung nichts wuszte. 3, 133); ich begehre mit dir nicht lange zu disputirn, durch was mittel oder wege du diese werbung an mich bracht ... sondern will ... solches meinem herrn Jesu anzeigen ... Moyses kam zu Jesu, sagt ihm desz Ciceronis gewerb und fürbringen, begehret darauff resolution, damit er den Ciceronem beantworten köndte. Ayrer histor. processus juris (3, 2) s. 797 u. a.
a)) unt daʒ die red unt der gewerfte, als er reddelehen geshehen ist, vuerbaʒ stt peleib unt unzebrochen, des gib ich disen prief ze urchunde. urk. von Sulz (1290), fontes rer. Austr. 2, 21, s. 53; und daʒ diser geberft und dieseu red stet buleib und unverbandelt, dar uber geb wir disen prief. urkunde von Heiligenkreuz (1312) 2, 16 s. 38.
b)) ich ... tün chunt, daʒ ich allen den erbteil, den mein howsvrowe ... hat gehabt ... an holz und an weide ... geben han Cholen von Seldenhoven um virzich march silbers, des selben chowfes und des ge werves sint gezewgen, Offe von Emberberch ... urkunde von 1288, font. rer. Austr. 2, 1 s. 239; ebenso urkunde von 1291. urkundenbuch des landes ob der Enns 4, 153; haben uns furgelait ainen gewerft und ainen chauf ... umb zehen schillinge Wienner pfenninge geltes irz rehten vreien aigens. Wiener urkunde v. 1305. fontes rer. Austr. 2, 21 s. 111; daʒ diser gewerft und diser chouf ... stæt beleib ... dar uber geb wir den oftgenanten heren ... disen prief. urk. von Heiligenkreuz (1311). font. rer. Austr. 2, 16 s. 34 (vgl. auch oben); den gewerfft und den kauf alls vor geschriben ist hab wir getan mit rat hern Albrechts von Rain. urk. v. 1308 monum. boica 15, 380; des ... sint zeugen her Alram von Rotaw .... und ander erber läwt di bei dem gewerft und chauff sint gewesen. urkunde v. 1337, 21, 404.
c)) und ist der chauf vor uns rehte und redleich geschehen ... unde daʒ dirre gewerfte alles ensampt, der so redleich und rehtichleich ist zue gegangen ein rchunde hab rehtichaeit, unde ganczer warhaeit darumbe leg ich Wolfhart an disen brief mein insigel. urkunde 1288, s. fontes rer. Austr. 2, 1 s. 137. ebenso urk. v. Heiligenkreuz (1294) ebenda s. 275; dirre gewerfte und diseu stêtichaeit ist geschehen, do van unseres herren geprte waren tausent jar zwaei hundert jar ahte und achtzig jar. 137; dar zu gehaizzen wir in bei dem selben aid, daʒ wir des römischen chünigs willen und gunst über disen gewerft und genad und dar zu sein hantvest und sein brief gewinnen süln, so wir schirst mügen an gevær. (erster ständischer freiheitsbrief. Landshut 1311) mon. Wittelsbacensia 2, 191.
2)) auf sicheren boden führt die bedeutungsverengerung, die den abstufungen der entwicklung von werbung parallel geht. auch sie findet ihren ausgangspunkt in allgemeineren verwendungen, vgl.:

[Bd. 6, Sp. 5497]


daʒ mære kom übr elliu lant,
kein strît möht in (den graal) erwerben:
vil liut lieʒ dô verderben
nâch dem grâle gewerbes (var. gewerbides) list.
Wolfram von Eschenbach Parzival 786, 11;

do erhoif sich grois gewerf van den fursten ind heren in desme lande ... vur iren neiven ind broider hern Wilhelm van dem Berge ... den si ... gerne zo eime erzschenbuschoffe van Coelne gehat hedden. memoriale des 15. jahrh. (d. städtechron. 12, 351), vgl. auch: aber nachdem sunst das werb auff verstentnus und buntnus ginck, welche wichtig war, hat hertzog Barnym nichts darinne gethan. Kantzow chronik v. Pommern 399. in solchen verwendungen tritt die allgemeinste bedeutung zu tage: bemühung, streben nach einem ziel. je nach dem ziel nun, das solcher bemühung vorschwebt, wird auch die bedeutung des substantivs differenziert. für hier kommen vor allem die beiden hauptgruppen in frage, die sich am gebrauch von werbung gegenüberstehen: die anwerbung von truppen; das liebeswerben.
3)) gewerbe, die anwerbung von truppen. für diese bedeutung ist das substantiv auf die ältere sprache beschränkt, es findet sich zuerst bei Johann v. Würzburg, dann in den chroniken und der staatsrechtlichen litteratur des 15. und 16. jahrh. und reicht vereinzelt noch in das 17. jahrh. herein:

ditʒ gewerb tag und naht
triben si mit groʒʒer maht.
doch wert eʒ wol ain halbes jar
e diu küncliche schar
zesamen alle kamen.
Johann v. Würzburg Wilhelm von Österreich 16127 E. Regel. ebenso 5969. 7696.

item nachdem sich die lanntlöffe gegenwürtiklichen schwinde und ungetrüw erogen und menscherlai gewerbe geschehen und doch nit offembar ist, in waz mainung oder wahin oder über wen die geen werden ... (ratsdekret v. Augsburg 1459) d. städtechron. 5, 235; ... und künnen doch nicht eigentlich den grunt erfaren wider den soliche gewerbe fürgenommen werden. (pfalzgraf Friedrich der Siegreiche an Ludwig v. Bayern-Landshut) d. städtechron. 5, 218; it. in die umbsitzenden reichstet ze schreiben, ob einicherlei gewerbe oder emporung fürgenommen würden, uns das uff unser costen fürderlich zu wissen thun. (Nürnberger ratsbeschlusz, 1487) deutsche städtechron. 11, 529; item do die von Nürmberg solch sein auszgeben von im gen den fürsten, daʒ er tet und über sie clagt, auch solch gewerb und kostung wider sie auf iren schaden bestelt. (Nürnbergs krieg gegen Albrecht Achilles) d. städtechron. 2, 125; merkliche gewerbe und samnunge. ebenda 2, 364; ... wir ... begern daʒ ir uwer kuntschafft deste basz habent, ob ir keinerlei gewerbe oder samenunge vernement von wem daʒ were, und besunder daʒ uch duchte daʒ daʒ wieder uns gen mochte. könig Ruprecht an Frankfurt 1403, s. Frankfurts reichscorrespondenz 1, 114 Janssen; ... so sich zutrüge, dass einiger stand wider alles obgemeldt, den andern mit heerskrafft, ... überziehen wolt, dass alsdann das kaiserliche cammergericht, ... völligen befehl, gewalt und macht haben, denen so in gewerben und rüstung stünden, ... von solchem ... fürnehmen und überzug abzustehen, ... zu gebieten. reichsabschied v. 1529 bei Koch samml. d. reichsabschiede 2, 295; das gleiche im reichsabschied von 1530 ebenda s. 316; do haben sich herr Johanns Wörnher ... Rennhart von Neunegk zusamen gethon, ... ist der ratschlag auf ain groszen und ansehenlichen gewerb zu ross und zu fuesz gestanden. Zimmerische chron. 2, 103 Barack; mir ist auch ingeheim angezeiget, das 2400 pferde in einer vorzeichnung sein sollen, die alle gewisz in der nottorft Franczen zuzihen wollen, und wird techlich das gewerb gemeret. Planitz (an kurfürst Friedrich 1522), berichte vom reichsregiment in Nürnberg, hrsg. v. Wülcker-Virck s. 254, ebenso s. 184; der herzogk hat seine ein zeit hero habende gewerbe nicht abgestellt. (Hessen, 1545) Francf. archiv bei Diefenbach-Wülcker; die dannen hero aber dem heiligen reich von frembden nationen noch täglich erwachsende beschädigungen durch die in dess heiligen reichs executions-ordnung statuirte mittel ... abschaffen lassen, vielweniger dieselben mit erlaubnuss

[Bd. 6, Sp. 5498]


noch mehrer gewerb im reich zu steiffen. bedenken üb. d. kaiserl. hofprozesz (1607) Londorp 1, 69.
4)) weit zäher und nachhaltiger ist die bedeutung von liebeswerbung. sie findet sich schon unter den ersten belegen des substantivs, begegnet in der mittelhochdeutschen epik ebenso wie in der lyrik, und greift mit ausläufern bis in die neueste sprache über.
a)) auch hier ist die zusammenstellung des substantivs mit dem verbum wenigstens in der älteren zeit häufiger zu beobachten:

disîu selben mæregehôrte Sigmunt ...
der wille sînes kindeswar im harte leit,
daʒ er werben woldedie vil hêrlîchen meit,
... den gewerbt man sêredem degne leiden began. Nibelungen 52, 4 Lachmann (zu den var. s. sp. 5486);

urloubes gerte ze werbenumb daʒ kint
der recke vil küene.daʒ erloubte sint
Hetele unde Hilde.die wolten hœren beide,
ob ir lieben tohter wæreliep der gewerp oder leide. Kudrun 659, 4 Symons;

zehant ich umbe ir minne warp.
der selbe gewerp ouch niht verdarp:
wande sî mit mir entran.
Hartmann von Aue Erec 9479 Haupt.


b)) die anknüpfung an die oben belegte form der botschaft ist, obwohl sie ja in der sitte des freiwerbens anhaltspunkte fände, zunächst nur in der biblischen erzählung bezeugt:

er mse uf siner zesewen sverigen
daz er sineme sune gewunne
ein wip von deme ebreisken chunne
ze einer frowen unde zeiner gebetten
er nante ime di shonen Rebecken.
der bote cherte dannen
z eineme unchunden lande
der engel in frte
den gewerf er in lêrte. Vorauer genesis
Diemer 20, 3.

später mehren sich entsprechende berührungen: (ich will erwähnen), dasz sich Adelmund straks des andern morgens bei der Rosemund meinet-wägen gleichsam zur freiwärberin gebrauchen lahssen, welche solches gewärbe mit höhchsten fräuden ... entfangen hat. Zesen adriat. Rosemund 63 neudr.; Franz war aber so dringend in seinem gewerbe, dasz sie zwischen dem mütterlichen kostum und dem verlangen des freiwerbers einen mittelweg suchte, und die holde Meta bevollmächtigte, das decisum in der sache nach ihrem gutbefinden zu fällen. Musäus volksmährchen 4, 140.
c)) häufiger ist es jedoch nur die äuszere form, in der sich die liebeswerbung mit der botschaft berührt, insofern in beiden fällen die gleichen verba angezogen werden: aber so bald der printz die oberwehnte zeitung erhalten, machte er sich selbst in person auf, und wuste dermassen zu eilen, dasz er seinem gesandten einige tage zuvorkam, und sein gewerbe schon eher angebracht und ausgerichtet, bevor noch sein gevollmächtigter Berlin erreichen können. Besser (beschreibung eines beilagers) schriften 627;

ich that erst mein gewerb mit unterbrochner rede,
verlangen machte mich zur unzeit stumm und blöde.
die erste halbe stund erhobet ihr recht hoch
den reinen jungfernstand, und schaltet auf das joch.
nach diesem schienet ihr mir mehr gehör zu geben ...
Bodmer (der eheliche dank) ged. 116;

hinter dem rücken des vaters musz er sein gewerb an die tochter bestellen. machen musz er, dasz das mädel lieber vater und mutter zum teufel wünscht, als ihn fahren lässt. Schiller (kabale u. liebe 1, 2) 3, 365.
d)) die persönlichkeit, der die werbung gilt, wird mehr nur im älteren gebrauch des substantivs gekennzeichnet und entgegen der beim verbum belegten bevorzugung von nâch mit umbe angeknüpft:

waʒ sol ein man der niht engert
gewerbes umb ein reine wîp?
Walther v. d. Vogelweide 93, 8 Lachmann;

jâ wânte ich daʒ ich geruowet solde sîn
vor den getelingen.des ist in vil ungedâht.
sîne lâʒent mich deheine râwe
gewinnen.ir gewerp ist um die vrouwen mîn.
Neidhart 60, 22 Haupt; ebenso Kudrun 659, 4; Erec 9478 u. a. vgl. oben sp. 5482.

[Bd. 6, Sp. 5499]



e)) einen breiten raum nehmen die fälle ein, in denen der erfolg der werbung fraglich bleibt; jede periode hat dafür andere formelhafte wendungen entwickelt:

du solt in von mir biten des
(nu merke eʒ rehte: ich sag dir wes)
daʒ er mich lâʒe gewerbes vrî,
als liep im al sîn êre sî.
Ulrich von Lichtenstein frauend. 405 Bechstein;

von mîner minne reine
sult ir die sinne kêren.
... vil hôchgeborner jungelinc,
ir wænent lîhte, daʒ ich sî
gewerbes unde bete frî
biʒ an disen tac beliben?
Konrad von Würzburg troj. krieg 21762 Keller;

wolt ich gewerbes abe stân,
daʒ solde ich ê hân getân,
ê ich imʒ goffent hâte.
Albrecht von Halberstadt 21, 283 Bartsch (
Wickram: dem gewerb);

dâ mit reit der heiden dan
sîn gewerft wolt er dannoch niht lân. s. o.
Jansen Enikel weltchron. 12566 Strauch (var. gewerf. gepet, gewerb);

dô er die frouwen wolgetân
von dem gewerb niht wolde lân,
dô gie si zuo irm wirt. 23814;

... dêswâr, so wil ich ir ze dienste mîniu jar vertrîben,
unt weiʒ doch wol, daʒ mîn gewerp niht endes hât.
Walther von Mezze bei v. d. Hagen 1, 310b;

dazu vgl.: es hatte demnach .... mein bruder vollends gelegenheit gefunden, sich in dem hertzen dieses frauenzimmers vollkommen feste zu setzen, ohne weiter hinaus zu dencken, wie dieses gewerbe etwa ablauffen könte oder würde. Schnabel insel Felsenburg 4, 162; eins von beiden Kalkagno. gib dein gewerb oder dein herz auf. Schiller (Fiesko 1, 3) 3, 14.
f)) wie die beispiele aus Schillers jugendstil zeigen, ist es der mundartliche gebrauch, der dem substantiv die fortdauer sichert; gleichfalls aus dem südwesten ist dieses fortleben in sprachgebrauch und sitte noch für heute bezeugt: im Harmersbacher thal und in Maisach (Oberk.) musz ein bauermädle stolz sein und auch den genehmen burschen, der 'aufs g'werb' geht, zweimal abweisen und erst beim dritten mal mit einer pfanne von eiern und speck und kirschwasser ihre zusage gewähren. E. H. Meyer badisch. volksleben 255; zu der verbindung, aus der sich diese formel entwickelt hat, vgl.:

Rebecka, die ihm wol behagt
auf sein gewerb wird zugesagt.
Tirolff Isaak u. Rebecca 13.


b) die thätigkeit steht auszerhalb der beziehungen auf einen einzelfall, sie ist allgemein gefaszt und mit der vorstellung unbeschränkter dauer verbunden. auch hier sind mehrere formen der entwicklung möglich: eine erweiterung und verallgemeinerung der eben betrachteten enger gefaszten verwendungen, und andererseits wieder ein weiter umfassender gebrauch, der sich unmittelbar aus der grundbedeutung ergiebt; vgl.: und ward uff die fassnacht, als die buren geng getrnken hettend, do machtend si den minchen kschwenz an kuten. und als das beschach, do lies der apt 2 fachen und lett si in den turn und ward ain wilder gewerb darumb. Heinr. Hug Villinger chron. 19 Roder. auf eine erweiterung ursprünglich engeren gebrauches weisen gewisse gegensätze in der bedeutung des von individualisierenden bestimmungen begleiteten substantives hin. da, wo an der thätigkeit weniger die begleiterscheinungen interessierten als die persönlichkeit, das subject überhaupt, von dem sie ausging, gewann diese neue bestimmung und begrenzung leicht das übergewicht im bedeutungsgehalt. vor allem sind es possessive und ähnliche bestimmungen, die diese entwickelung vorbereiten, und ihr einflusz ist um so nachhaltiger, je mehr sie an stelle eines bestimmten individuums einen allgemeinen typus als den träger der thätigkeit kennzeichnen. ausgangs- und endpunkt der entwicklung läszt sich an den beiden folgenden beispielen veranschaulichen, von denen das zweite der überlieferung nach älter ist:

daʒ eʒ ir güete niene ʒimt
daʒ si mir gwerb und fuoge nimt ...
wan ich sinnes niene hân
bî mir gar: swar ich var, sô muoʒ ich in ir lâʒen.

[Bd. 6, Sp. 5500]



daʒ muoʒ wol schînen, swenne ich mînen morgen an der strâʒen
den liuten biute gegen der naht.
Uolrich v. Guotenburg minnes. frühl. 76, 11;

mannes gewerf ne hilfet porvile
ube is got niene wile. genesis (fundgruben 2, 37).


α) unterschiede in der herausarbeitung des momentes der dauer lassen sich namentlich im sprachgebrauch der geistlichen litteratur verfolgen.
1)) eine in der thätigkeit selbst liegende begrenzung läszt sich durchfühlen:

(gott) und hub an ein gewerbe
und einen na irdahten rat
durch willen siner hantgetat,
und schuf sin getregede
mit der heren megede.
Heinr. Hesler ev. Nic. 4168 Helm;

wir beladent uns zm dickern mol mit gewerben und groszen hendlen, allein dorümb, das wir uns möchtent dem adel verglichen. Geiler von Keisersberg postill (1522) 1, 14a. bedeutsam ist hier das früher belegte compositum vorgewerbe, das die vorstellung zeitlicher begrenzung durch das präfix zum ausdruck bringt:

doch was eʒ allez ein vorgewerbe,
niwan diu sorge diu mich kolte
waʒ mîn werden solte,
so ich kœme ze gotes gesihte. Servatius 3524 Haupt (z. f. d. a. 5. 181);

diʒ was ein vor gewerbe
ê daʒ er in sîn erbe
der rehten helle kême.
Hugo von Langenstein Martina 230a Keller s. 579.


2)) unbeschränkt ist die dauer in folgenden, allerdings jüngeren belegen: der redelîche wille daʒ ist, daʒ man die füesʒe setze in alle diu werc Jêsû Kristî unde der heiligen, daʒ ist, daʒ man gelîch schicke wort, wandel unde gewerb an daʒ nêhste geordent. meister Eckhart s. myst. 2, 52 Pfeiffer; ebenso 2, 49, vgl. sp. 5482; darumb ist das fegfewr, mit allem seinem geprenge, gottesdienst und gewerbe, für ein lauter teufelsgespenste zu achten. Luther (artikel christl. lehre ... 1538) 6, 512b.
β) die bedeutungsänderung unter dem einflusz der individualisierenden bestimmungen läszt sich am anschaulichsten beobachten, wenn man die unter 1)) folgenden belege für die frageformel mit den oben (sp. 5493) besprochenen typen vergleicht.
1)) träger der bestimmungen ist eine einzelne persönlichkeit:

gewinne ich heil
gegen der wolgetânen, mîn gewerft sol heiles walten.
sî reien oder tanzen,
sî tuon vil manegen wîten schrit,
ich alleʒ mit.
Neidhart 12, 32 Haupt;

da sprachen sie zu jm, sage uns, warumb gehet es uns so ubel? was ist dein gewerbe? und wo kompstu her? aus welchem lande bistu? .. er sprach zu jnen, ich bin ein Ebreer, und fürchte den herrn gott von himel. Luther Jonas 1, 8 (Eggesteyn: werck; ebenso Koburger, Quentel u. a.; was ist dein handel und geschäfft. Züricher bibel, ebenso Dietenberger); thue dein gewerbe weg aus dem lande, die du wonest in der festen stad. Luther Jeremias 10, 17 (Eggesteyn: dein schand, ähnlich Koburger u. a.);

woher ich sei, ausz welchem land
was mein gewerb, was sei mein stand,
das soll mit grund und mit bestand,
jetzt kundbar werden allem land.
Frischlin St. Christoffel s. 174 Strausz

ir sond mich an die herberg füren
die z mim gwrb sich fg ben,
und jr mit mir in fruden schwben,
lbind tag und nacht jn dem susz.
wer me glts hab, der gbe usz!
Georg Binder (Acolastus 2, 3) schweiz. schausp. 1, 217.


2)) träger der bestimmungen ist eine gruppe, ein typus.
a))

swer sînes willen wil genesen
und âne guote witze lebet,
swâ der nâch vremden êren strebet,
die herte sint ze werben,
des gwerft sol wol verderben.
Stricker klein. ged. (3, 180) 8 Hahn;

dâ von sprach er (Jesus zu Martha) 'dû bist sorcsam' unde meinte: dû stâst bî den dingen unde diu dinc

[Bd. 6, Sp. 5501]


stânt niht in dir; unde die stânt mit sorgen, die âne hindernüsse stânt in allem irm gewerbe. meister Eckhart, s. Pfeiffer myst. 2, 49;

der arm mües weit dahinden ston ...
so nembt ab sein gewerb und handel,
wo ers dem reichen nach wil thon.
Hans Sachs (v. ehernen u. irdenen topfe) fabeln 2, 98;

zu der verbindung gewerb und handel vgl. b)) und unten III, 1, c.
b)) manns gewerb (vgl. oben sp. 5500); eine andere bedeutung der gleichen verbindung s. in:

ein weib, das witzig ist und helt doch weiszlich ein,
das nicht in manns gewerb dem mann zu klug wil sein.
Joachim Rahel (die gewünschte hausmutter 52) satir. ged. 38 Drescher.

man vreget waʒ der dritte, himel sî. di êrsten sprechen: sinlîch gewerp des menschen ist der êrste himel; der ander himel ist redelîch gewerp des geistes; der dritte himel ist vernunftic gewerp des geistes, und hi wart her în gerucket. Hermann von Fritzlar, s. myst. 1, 98; war ist leider .. das boszheit, schandt und laster ... szo graussam uberhand genommen, alle menschliche gewerb und handel szo ... falsch und untrew worden. Emser gegen Luther, Enders 1, 17; ebenso 1, 130;

das walt der liebe gott,
das wesen alles wesens, ...
der kauff- und wexel-herr des auszgethailten pfundes
im mänschlichen gewärb.
J. Rompler erstes gebüsch seiner reimgedichte 1;

vgl. oben unter a)) und unten s. III 1) c);

ir herze was verbannen
von dirre welte meile
und ir sunden teile.
si lie der welte ir erbe
ir unstetes gewerbe.
Hugo von Langenstein Martina s. 372 Keller;

dar umb die welt und alles ʒitlich gewerbe billich ʒ versmohende ist. Schürebrand her. von Strauch (studien z. d. phil. 4, 4); z dem süllent ir uwer hertze mit gantzer begirden lidecliche keren one alles ufsehen der weltlichen hertzen gewerbe. 14, 27; die weltlichen herzen alle mitenander so gar verblendet sint in irme betrogenen vehtenden gewerbe noch zitlicheme gte. 33, 6; mit allen ireme sorgveltigeme kumbere und gewerbe. 33, 20; eineʒ ist, âne daʒ ich in got niht komen mac, daʒ ist werc und gewerbe in der zît, als ouch dâ vor geschriben ist, unde daʒ enminret niht êwige sêlde. meister Eckhart Pfeiffer 2, 49; wan dar umbe sîn wir gesetzet in die zît, daʒ wir von zîtlîchem vernünftigem gewerbe gote nêher unde gelîcher werden 2, 49; omnis terra, irdisch gewerb. Melber vocab. pred. c. 3b; dieweil alle völcker in sonderheit .. die jenige für abgöter gezölt habend, von wöllichen etwan ein grosser nutz z des lebens gewärb erfunden ist worden. Alpinus Polydor. Vergil. deutsch (1593) 2a.
c))

daʒ ist der unmâʒe site,
si volget der untugende mite.
sô ist ir gewerve daʒ,
unsælikeit und gotes haʒ.
Thomasin wälsch. gast 9925;

unstæte eine swester hât,
ich enmac niht haben rât
ine sage ir site und ir maht,
ir gewerft und ir geslaht. (var. gewerf, gewerb). 9884;

daʒ er ie allergernst
warf sinen steten ernst
uf ein tugentlich gewerb.
aller sunden verderb
vloch er rechte als eine gift
mit witzen quam er in die schrift,
darabe er guten rat nam,
wie er mit eren lobesam
nicht viele in der sunden ungemach. passional 453, 17 Köpke;

daʒ was ein hersch gemenge
und ein edele gewerb,
daʒ der deisme was so derb,
der uch zwei zusamene wal
dine stete und des menschen val,
daʒ eʒ ware brot wart so los.
Heinrich Hesler ev. Nic. 3365 Helm;

ir sullit wiʒʒen daʒ, in funfleie wîse hât man kunste. zu deme êrsten von eigeneme gewerbe der vornunft

[Bd. 6, Sp. 5502]


und der redelichkeit ... Hermann von Fritzlar, s. myst. 1, 219; die freier sollen ... des gewisz sein, wo gott und seine engel nicht mit, unnd darneben sein; so wirdt nimmer kein gute ehe drausz ... das eheliche gewerb gehindert, und offt gelübdnisz zurissen. Mathesius (hochzeitpredigten) 2, 53 Loesche;

wan schon der winter herb,
ist er doch nicht beschwerlicher,
ist er doch nicht gefährlicher,
dan andrer zeit gewerb.
Weckherlin (die fünffte eclog von dem winter) 2, 390 Fischer;

darumb uns nit me lidlich was, sölichs gevorlichs umbzoges ze wartende, und wart dem selben lantvogt von unserm herren von Basel sölich gewerbe des friden abgeschriben, und wart ouch daz offenlich gerüffet, daz wir einem zoge mit maht uf unser vigende tn woltent. Basler rathsbücher (1425) s. Basler chron. 4, 38; swer gotes lêre enpfâhen sol, der muoʒ sich samenen und înslieʒen in sich selber unde sich kêren von aller sorge unde von dem gewerbe niderr dinge unde der krefte der sô vil ist unde sich sô wîte teilent. meister Eckhart, s. myst. 2, 315 Pfeiffer.
3)) unter dem gesichtspunkt der bedeutungsabgrenzung lieszen sich die eben besprochenen belege auch als erweiterungen des unserem heutigen sprachgefühl so nahe liegenden begriffes negotium, commercium auffassen. vom geschichtlichen standpunkt aus wird das abzulehnen sein. schwer aber musz es fallen, einzelne verwendungen der neueren sprache auf die frage zu prüfen, ob wir reste des alten gebrauches oder secundäre weiterbildungen und verallgemeinerungen des neueren verengten begriffes anzunehmen haben: so eine messe ist wirklich die welt in einer nusz, wo man das gewerb der menschen, das auf lauter mechanischen fertigkeiten ruht, recht klar anschaut. Göthe briefe 15 s. 62 (vgl. auch unter III, 1) c); durch die stadt und mancherlei menschen gewerb und wesen hab ich mich durchgetrieben. ebenda 3, 224;

gebet mir ferner dazu sprachen, die alten und neu'n
dasz ich der völker gewerb' und ihre geschichten vernehme;
gebt mir ein reines gefühl, was sie in künsten gethan. (venet. epigramme 34) 1, 357.


III. die isolierung des substantivs vom verbum und von anderen ableitungen des gleichen stammes, entwicklung der bedeutung erwerb.
die mannigfaltigen verwendungen, die in diesen rahmen fallen und die mit den begriffen 'sorge für den lebensunterhalt, nahrungszweig, gewinn, handel, beruf, betrieb' gekennzeichnet werden können, erwachsen aus der vorstellung einer dauer der thätigkeit. sie unterscheiden sich untereinander je nach dem grade, in dem sich die function eines nomen actionis geltend macht, und je nach dem umfange, den der begriff entfaltet. anhaltspunkte für das verständnisz der sprachlichen entwicklung wird man in dem bedeutungsgehalt der lateinischen parallelen negotium, quaestus, commercium, finden. eine sachliche voraussetzung bildet die städtische entwickelung des deutschen wirthschaftslebens, die vorerst zu einer erstarrung und verengerung der bedeutung führte. je mehr sodann die wirthschaftliche gebundenheit der älteren zeit sich wieder lockerte, um so mehr muszte auch der engere begriff sich wieder erweitern, eine entwicklung, die überdiesz auf stilistischem gebiete durch verschiebungen des sprachgebrauches gefördert wurde. durchkreuzt wird aber dieser verlauf durch die zähigkeit, mit der einzelne ältere bedeutungen im sprachgebrauch anhielten, die nun ihrerseits zum ausgangspunkt neuer verschiebungen und neuer gegensätze wurden. so ergiebt sich ein ungewöhnlich mannigfaltiger und auch widerspruchsvoller gebrauch, bei dem es nicht immer gelingen wird, die einzelnen schichten der entwicklung abzuheben, ohne die fäden des zusammenhanges zu zerreiszen.
1) die bedeutungsgemeinschaft mit den lateinischen bildungen negotium, quaestus, commercium.
a) in der parallele mit negotium zeigen sich am ungezwungensten die übergangspunkte, die von den oben belegten bedeutungen des wortes gewerbe zu der engeren beziehung auf den handel führen konnten. der begriff negotium umfaszt vorübergehende und dauernde formen der bethätigung; vor allem aber läszt er in bezug auf das ziel der thätigkeit

[Bd. 6, Sp. 5503]


einen weiten spielraum offen, der sich allerdings im hauptgebrauch zu der besonderen richtung auf den lebensunterhalt und hier wieder auf handelsgeschäfte verengte. die beispiele, die den deutschen und den lateinischen terminus neben einander stellen, gehören natürlich meist der lexikographie an und lassen die entwickelungsstufen nicht immer belegen; dafür müssen andere beispiele in die lücke treten, deren gebrauch sie hierher verweist.
α) wo negotium eine vorübergehende thätigkeit kennzeichnet, sind ableitungen, zusammensetzungenwenn nicht synonymabevorzugt: vgl. negotium, ein werbegeschefte, werbe, werbung, werf, gewerbe. Diefenbach 378a; trumet aber einem, wie er ein weib nemme, die vorhin einen mann gehabt, dem werden ... alte gewerbshndel ... glücklich naher gehen (vetera negotia). Ryff traumbuch Artemidori 126a; dazu vgl.: um den angehenden jungen ehe-leuten fürzubilden, dasz ihre verrichtungen im haushalten, und andren gewerben ihres beruffs, gleichsam geflügelt sein müssten. Erasmus Francisci lust. schaubühne 2, 63.
β) bei derjenigen thätigkeit, die auf den lebensunterhalt gerichtet ist, entwickelt sich der begriff der dauer von selbst. hier lassen sich übergangspunkte bloslegen von der ungeregelten freien thätigkeit bis zu der berufsarbeit in den festen formen eines geschlossenen erwerbsstandes.
1)) man schribet allen rêten, dc man Jo. und Burgis Schaflis brieve umb ir vischenze stête sol han, dc nieman da sol enhein gewerb han mit traglen, mit ruschen noch mit berren, noch mit burdinon als ir brief hat. Züricher stadtbücher 1, 21;

dar inne (in dem kahn) was niht liute mê
niuwan ein wîp und ir man.
den lac grôʒʒiu armt an.
si heten sehs kindelîn;
deste spâter msen si sîn
nach ir gewerbe ûf den sê.
Wirnt von Grafenberg Wigalois 5295 Benecke (var.: gewerft, ghewerb, gevert);

da sol man behütten bei kaiserlichem gebott, und viertzig marck goldes, wa man innen wurde, das die reichsstett das übersächen, das iemand dem andern in sein antwerck griffe mit kainerlei gewerb. F. Reisers reformation kaiser Sigismunds 218 Böhm; der hertzog und all sein diener ... und alles sein land ist in des bapsts bann lang gewesen und ... die leut all ... die in des hertzogen land durch ir hantierung und gewerb und von ir notturft wegen gezogen sind. B. Zink, s. d. städtechron. 5, 102; und ob gleichwol jemands in unser statt allain seinem gewerb und handtirung nach wandlen wellte, daʒ dann menigklichen zuogelaszen ist, die selben all ... werden ... in glübt genomen. verhaltungsmaaszregeln von Überlingen gegen die bauern (1525) Baumann 165; und wan einer begert bei uns allhie under (unser?) gefreut (gefreunt?) zu werden, der da sein gewerb ausserhalb auf dem land herumb mit seiner handierung und wahr vermaint und getrauet zu suechen. statuten v. St. Ruprecht (16./17. jahrh.) österr. weisth. 6, 205; wir wöllen die fasten darümb gehalten haben, auff das leute, so mit fischen handeln, ihr gewerbe haben. Luther v. beider gestalt des sacraments (1528) E 3b; knecht und megde, so die gantze woche ihrer arbeit und gewerbe gewartet. deutsch. catech. (1529) D 3a; wie jr begert in unser land zu reisen, und euer gewerbe bei uns zu treiben. Luther 2 Maccab. 11, 29 (daz ir welt absteigent z den euwern die do bei uns sein. Eggesteyn, Koburger u. a.); zu den sondererscheinungen, die diese verbindung des substantivs mit treiben unter zutritt des possessivpronomens hervorruft, vgl. sp. 5523.
2)) abir jene vorsmêhiten iʒ und gîngen inwec, der eine in sîn dorf, abir der andere z sîme gewerbe. Beheims evangelienbuch Matth. 22, 5 (der ander an sein geschefte cod. Tepl. u. a., zu seiner hantierung. Luther); vgl.geht an euer gewerbe. Göthe 8, 205, s. sp. 5521, damit nun sölicher misztraw abgeschnitten, und ain ieder zu seiner arbait und gewerb unverhindert gelassen wurd, sehe den ausschusz für not und gut an. Th. Zweifel chronik von Rotenburg 85 Baumann;

ich hab ein mann, der gar nichts kann
als essen, trinken, schlafen;

[Bd. 6, Sp. 5504]



ist nachts ein block, bei tag ein stock,
er dient wol in Schlauraffen.
hätt er ein gwerb, fürwahr er stürb,
all arbeit thut er fliehen. bei
Hoffmann deutsche gesellschaftslieder 2, 135;

da Mose ... die zwelf stemme Israel segnet unnd von einem jeden, wie der ertzvatter Jacob weissaget, was jre narung und gewerb, auch jr glück und unglück sein ... würde. Mathesius Sarepta 2b.
3)) diese zusammenstellung von nahrung und gewerbe wird auch in der neueren sprache immer wieder aufgenommen: vielleicht könnte Sachsen noch ein halb mal so viel menschen ... ernähren, wenn alle gelegenheit zur nahrung und gewerbe recht wohl besorget wäre. collectanea des handels und gewerbes (1754) s. 6; dasz gänzliche aufhebung der zünfte die schon ohnehin erwiesene übersetzung aller gewerbs - nahrungs - zweige ins unendliche vermehren müszte. J. A. Weisz zunftw. 208; die waaren, die man daselbst (in den kolonien) gewinnet, sind gleichsam so viel neue landes-producte. der debit der eigentlichen landes-producte wird vermehret; und die einwohner des hauptlandes erlangen mehr nahrung und gewerbe. v. Justi policeywissensch. (1756) 143; allein, das sind auch keine gewerbe und nahrungsarten zu nennen, wenn man etwas zu seiner eigenen bedürfnisz bearbeiten läszt. 1, 265; nicht zu gedenken, was sonst noch vor allerhand nahrungen und gewerbe, sowohl bei hervorbringung und verarbeitung derer mineralien, als auch noch vieler anderer sachen mehr, mit und durch holtz und kohlen zu wege gebracht werden. Döbel jäger-practica 11.
γ) die engere beziehung auf handelsgeschäfte, die sich ja auch in den verbindungen gewerbe und handtierung, nahrung und gewerbe deutlich vordrängt, macht sich namentlich in einigen belegen geltend, die gewerbe neben negotium stellen: negocium, ... ein geschäffte, unmusz, unruwe; negotior, ich werb, treib ein gewerb oder kaufmanschaft. Dasypodius Y 3a (negotiatio werbung); ebenso Serranus 98a; dazu vgl. instrumente .., welche unsere künstler, handwerker und fabricanten brauchen .. darf man nicht verbieten, ohne dem negotio und gewerbe zu schaden. collectanea des handels und gewerbes 50; die meisten wörterbücher begnügen sich mit der einfachen zusammenstellung: negotium, gewerbe Cholinus - Frisius 576b; ähnlich Bentzius (negotiatio); gewerb, handel, handtierung, negotiatio, negocium Calvisius 688b; G. M. König, Garthius, Cellarius, Dentzler, Matthiae.
b) in der bedeutungsgemeinschaft mit quaestus tritt die vorstellung, in der sich gewerbe und erwerb berühren, am reinsten zu tage. in ihr läszt sich zugleich eine weitgehende zurückdrängung des begriffes der thätigkeit beobachten, die nur noch in ihrem endziel, ihrem ergebnisz beachtung findet. die gleiche entwicklung hat ja auch das lat. quaestus durchlaufen, das die bedeutungen gewinn, vortheil, verdienst auf der grundlage eines nomen actionis vorbereitet hat. vgl. quaestus, gewerb oder gewinn ... quaestuosus .. gewinnig. Serranus X 8b; Frisius-Cholinus 722b; Calvisius thes. lat. 660a; Garthius, Matthiae. quaestus, gewinn, nutz, gewerb, begangenschaft, handthierung. Dentzler 640.
α) die function eines nomen actionis ist festgehalten: dieweil du das gewerb hast angehebt, so ist zugedulden und zverschweigen die unbilligkeit der jungen gesellen (quando eum quaestum acceperis). Valentin Boltz Terenz (aldelphoi 2, 1, 52) 133a; solcher menschen, die zu rütte sinne haben; und der warheit beraubt sind, die da meinen, gottseligkeit sei ein gewerbe (quaestum esse). Luther 1 Timoth. 6, 5 (var.: umb geniesz willen; randbemerkung: gewerbe, ein hendelchen, damit man ehre oder gut möge suchen, und nicht gott dienen allein; bei Eggesteyn, Koburger u. a.: gewin; in der Züricher und Kölner bibel: gewerb und geniesz).
β) die abstreifung der function des nomen actionis wird namentlich in verbindungen mit anderen substantiven gefördert, denen gewerbe bis zur identität der begriffe näher rückt.
1)) ältere verbindungen: es sige barschaft oder gewerde kleine oder gros, daʒ ir z redelicher notdurft nüt bedörftend. Schürebrand 31, 13 Strauch (var. gewerb); lidigent uwer hertze .. zitliches gefelles und nutzes (var. gewerbes).

[Bd. 6, Sp. 5505]


ebenda 21, 33; ouch so sal ein iglich meister erbeiten uff sinen eigenen gewerb und fromen und sal erbeiten vor einem fewre und sal nicht mehir zume meisten danne drei gesellen und einen iungen haben. innungsartikel d. sensenschmiede (15. jahrh.) § 10 bei Ermisch Freiberger stadtrecht 289; es ist zu Basel ... ain reicher kauffman gesessen, dem ist all sein kauffmanschatz und gwerb hindersich gangen was er angfangen hat. S. Fischer chronik v. Ulm s. 72 Veesenmeyer;

wer hie umb diser welte lust
sein ewig freud dort geben wil,
zwar des gewerb, gewin noch flust
ich halten wil auff kainem spil.
Oswald von Wolkenstein 121, 3 Schatz s. 301;

und umb seinen gewin, gewerbe und hantirung, das wol gelinge, bittet er den, so gar nichts vermag. Luther weisheit Salomonis 13, 19 (von der gewinnunge und von der werckung und von dem gelück. Eggesteyn, Koburger u. a.); unser gwin, gwerb unnd handtierung ist dem vogler oder vogelrichten allerdings gleich, wann ein vogler einen vogelplatz oder vogelherdt zugerichtet hat, so strewet er hin und wider getz, die vögel werden heimblich (hic noster quaestus aucupii simillimus est, auceps ... offundit cibum). B. Heupold Plautus redivivus (zu Asinaria 1, 3) 10; die vergebung der snden, welche man on nutz der vorsteher der kirchen vergebens gab, haben sie inn ein nutzlichen reichen ablaszkram verwendt: das schlecht essen unnd trincken im nachtmal, haben sie zu eim guten gewin und gewerb gemessen, dem leien haben sie eine wortlose bibel an den wänden und götzen gestifftet ... Fischart bienenkorb 15a; es ist ain grosz gewerb unnd gewinn, gotsälig sein und jm genügen lassen. Agricola 2, 491.
2)) einzelne dieser verbindungen werden auch in der neueren sprache weiter gepflegt; wir finden sie bei Göthe, Rückert und bei Schweizern: so sind es nur aüssere umstände, die dir eine neigung zu gewerb, erwerb und besitz einflöszen, aber dein innerstes bedürfnisz erzeugt .. den wunsch, die anlagen .. in dir ... zu entwickeln. Göthe (Wilhelm Meisters lehrjahre 4, 19) 19, 127; ... die meisten dieser pursche alle, die immer bald kalender und bald bibelhistorien ... in der hand oder im mund haben, sind tagdieben. — wenn man mit ihnen etwas, das hausordnung, kinderzucht, gewinn und gewerb antrifft, reden will, ... so stehen sie da, wie tropfen ... Pestalozzi (Lienhard und Gertrud 1, 40) 13, 174; die freundlichkeit ist die freundlichste aller tugenden ... aber desto wüster ist's, wenn sie auf gewinn ausgelegt wird ... wenn man ... mit durch sie gewonnenem zutrauen wucher treibt, gewinn und gewerbe. J. Gotthelf Uli der pächter (10) s. 173 Vetter; es ist, als ob sie (die Schweizer) alle beschaulichkeit in jenen öffentlichen festtagen konzentriert hätten, um nachher desto prosaisch ungestörter dem gewerb und gewinn und trödel nachzuhängen; G. Keller bei Bächtold 2, 356;

wem begnügsamkeit ist empfohlen,
und bewahrung der ehre befohlen,
das sind die herren vom reichen erbe,
die besitzer von gewerb und erwerbe.
Rückert (30. makame) 6, 162 Beyer.


γ) auszerhalb solcher verbindungen läszt sich diese neue bedeutung selten so rein fassen: ir (der menschen) sach stot allein doruff, wie sie nummen mgen grosz gt überkumen, gott geb es sei mit gott, oder wider gott. solt ich (sprechend sie) den gewerb lossen wo wolt ich beston. Geiler von Keisebsberg postill 3, 45b; denn einer mit namen Demetrius, ein goldschmid, der machet der Diana silberne tempel, und wendet denen vom handwerck nicht geringe gewerb (später: nicht geringen gewinst) zu. Luther apostelgeschichte 19, 24 (Eggesteyn, Koburger u. a. gewinn, geniesz); dennen burgern ... zu verbieten, das sie weder im brobst- oder bischoffhoff wein zu saufen und denen andern ir gewerb zu schmellern nicht hinein gehen oder denselben herausz tragen lassen. beschwerden der gemeinne St. Andrä (17. jahrh.) österr. weisth. 6, 529; was seit ir für seltzame gest ... ausz was ursach begebt ir eüwer leib und leben in gefärligkait ... tht ir dz gewerbs wegen als kaufleüt oder als rauber ...,

[Bd. 6, Sp. 5506]


also redet er. Schaidenreisser Odyssee 37b; Poland, Polonia ein künigreich Sarmatie an Germaniam stossende ... erneert vil gewilds, tregt vil honig unnd wachsz, auch wird über die massen vil saltz darinn ge. macht, das ist jr gröster gewärb. Stumpf schweiz. chron. 4a.
c) die bedeutungsgemeinschaft mit commercium führt in die reihe der verwendungen und bedeutungen von gewerbe einen neuen, besondern zug ein, der die vermuthung begünstigt, als ob von hier aus die entwicklung begonnen habe, die den neueren gebrauch kennzeichnet. die thätigkeit, die an dieser bedeutung zu tage tritt, ist die des 'tausches, eintausches', wie sie auch für erwerben vorausgesetzt werden kann und wie sie für angelsächsisch gehwearf in der bedeutung commutatio bezeugt ist; vgl. z. b. commercium, mitwerbung, abwechszlung des kauffmanschatz. Dasypodius V 5a u. a. es fragt sich freilich, ob die dahin zielenden erklärungen der älteren lexikographen nicht einfach deutungsversuche sind, die von dem lateinischen wortbestand ausgehen. denn die übertragung von gewerbe auf commercium, die zudem verhältniszmäszig spät bezeugt ist, läszt sich an und für sich genügend aus der entwicklung von gewerbe im rahmen der parallele mit negotium erklären, vgl. auch: so die kauffmanschafft, wlche er sagt, das die Penier erfunden haben, nichts anders ist, dann allein ein gewerb kauffmanns wahren, z kauffen und verkauffen. Alpinus Polidorus Vergil. deutsch 78b (actus emendi vendendique merces). im gegensatz zu den oben besprochenen verwendungen ist in der parallele mit commercium das nomen actionis am lebhaftesten gewahrt (gewerbe wechselt anfänglich noch gern mit werbung). die vorstellung der bewegung, die diesen verwendungen gemeinsam ist, nimmt hierbei die besondere richtung auf den verkehr, auf das verkehrstreiben sowohl als auch auf die pflege der verkehrsbeziehungen.
α) die betonung des nomen actionis bei den lexikographen: mercimonium ... kauffmanschatz oder gewerb, werbung. J. Serranus P 4b; commercium, mitwerbung etc., gemeinschafft, geselschafft, commercium, gewerb Cholinus-Frisius 177b; comercium, gewerbe, werbschaft A. Corvinus fons lat. 479; ähnlich Cellarius, G. H. König, A. Reyher u. a. commercium, tausch, item gewerb ... gemeinschaft oder gewerb mit einem haben. Garthius 116a; vgl. auch: gott ist in uns und die gewerb des himels. Alpinus Polidorus Vergilius deutsch 12a (et commercia coeli).
β) herausarbeitung der vorstellungen des verkehrstreibens und der verkehrsbeziehungen.
1)) verkehr, verkehrstreiben. und solliche schädlichait sich auff ainen gangsteig, strass oder gewärb aines gemainen platz streckte, oder sich erhübe von bösem gestanck, geschmach, oder faulkait. Pegius dienstbarkhaiten 28c; und so das auffgebawt dem gemainem gewerb schädlich ist, so mag der, so zu gemainen gewärben oder der commun brauchungen verordent beuelch haber ... ain solliches gebew ablainen. so aber das auffgebawt, auff ainem ort, den gemainen gewärben und gebrauchungen unschädlich ist, so sols nit erstört ... werden. ebenda; wenn aber einer ein hausz ... innen hett ... bösz bisz auff den grund ,... so solches aber an gelegenen orten, desz gewerbes und wandels gassen lege, unnd das ... z gemeinen nutzen reicht oder diente, der mag und sol dahin gehalten werden, fürderlich solches zu bauwen. Fronsperger bauordnung 13a; ob du umb selbe sach willen, arbeit, märckt gewerb, oder werck darzo du verbunden bist gewesen, hast underwegen gelassen. Geiler von Keisersberg dreieckecht spiegel Ff 2a: es hatten etliche frembde studenten aus Ungern, ... so zu wittenberg mit d. Fausto umbgiengen, ein bitt an jhn gelegt, als die Leiptziger mesz angangen, er solte mit jhn dahin verrücken, möchten wol sehen, was da für ein gewerb were, und vor handelsleute zusammen kemen. Faustbuch v. 1590 (cap. 52) Kühne 139; also ferner auch bedeut diser traum den kauffleuthen jrer lste, güter und handlunge ordenliche versorgung ... sonderlich aber so dieselbige allbereit schon im gewerb und handel (ἐὰν κινούμενα; si in motu fuerint ipsa). traumbuch Artemidori (1, 33) übers. v. Ryff 33b; die universalaccise musz vor allen dingen ohne unterschied, die zum

[Bd. 6, Sp. 5507]


lebensunterhalte verzehret werden, oder in verkehr und gewerbe kommen, entrichtet werden. v. Justi staatswirthsch. 22, 356.
2)) diese vorstellung des verkehrs nimmt mit der entwicklung des handels die form von handelsbeziehungen an, die über locale grenzen weit hinausgreifen. beachtenswerth sind auch hier die festen verbindungen, namentlich mit substantiven wie wandel, handlung, hantierung, handel, kaufmannschaft. die wandlungen, die in dem verhältnisz dieser worte zu gewerbe innerhalb der neuhochdeutschen periode eintreten, spiegeln die verschiebungen des sprachgebrauches wieder: so erscheinen in der verbindung gewerbe und handel die substantiva ursprünglich als synonyma, während sie in der heutigen formel handel und gewerbe contradictorisch sich ergänzen (vgl. auch unten sp. 5508 und im gegensatz dazu sp. 5513). vor der sündflut hat ein jeder hauszvater sein eigen notturft gebawet für sich und sein hausz und gesinde ... wie es jm sein acker und vihezucht getragen, und da schon gewerbe gewesen, hat man da gewechselt oder gebeutet, und wahr an wahr gestochen oder partirt. Mathesius Sarepta 230a; zu Alcayr versamlen sich järlich die Mahumetisten und Türcken zu gewisser zeit, und ihres bairams, aus allen morgenländern in einer mercklichen anzahl und viel tausent starck, etliche um betens und ablass willen, die andern ihre handthierung und gewerb, und die dritten umb wollust zu treiben. Kirchhof wendunmuth (2, 51), 2, 100 Österley; wir Friedrich ... bekennen öffentlich .., dass uns die getreuen ... durch ihr ehrbahr bohtschaft haben thun anbringen, wie sie an den grenzen und gemercken des heiligen reichs gelegen, ihr stande, wesen und nahrunge auf gewerbe und handthierunge der kaufmannschaft gesetzt ... mercklich beschweret ihnen die handel, gewerbe und kaufmannschafft. kaiserliche ... eximirung der stadt Lübeck von dem zoll in Mecklenburg (1473) bei Westphalen monum. inedita 4, 1083; darnach wendt sich das schiff dem erdtrich nach gegen mittnacht, bisz man kompt zu dem roten möre bisz gen Callikut und zu andern ländern und inseln, darin man gewerb fürt und kauffmans händel treibt. Münster cosmographie 23; dann die Pheacenser geen nit mit pfeilen ... oder gewören umb, si achten sich auch kainer andern hantierung, sunder all ihr gewerb ist mit schiffen. Schaidenreisser Odyssee 25b; erstlich sol diese union, vereinigung und bündnuss zu niemands offension oder beleidigung, sondern allein zu erhaltungder freien schiffahrt, handlung und gewerbs an der ost und nordsee, wie auch den wässern und strömen so sich in gemelte ostsee giesen, strecken. vertrag der hansestädte mit den Niederländern 1616 bei Londorp (1668) 1, 220; wider diejenigen, so ... der unierten eines oder andern theils commercien und gewerb niderlegen oder verbieten ... gesamter hand schützen und handhaben, auf dass die vielfältige beschwerden so ihren burgern ... bishero widerfahren abgeschafft und die handlung, gewerb und schiffahrt dem h. reich teutscher nation ... nicht allein mög erhalten, sondern auch vermehrt werden. ebenda; sie machen einen bund zu beschützung aller freunde, die untertrucket weren, zu befreihung desz gewerbs auff der see, und auff dasz alle fürsten und stände des Römischen reichs wiederumb in das jhrige werden eingesetzt. Moscherosch Phil. von Sittewald (6, 4) 6, 413; der herzog kann den lauff des gesetzes nicht aufhalten, ... eine vorbeigehung desselben ... würde dem ganzen staat gefährlich werden, dessen gewerb und vortheil von allen nationen abhängt. Wieland Shakespeares kaufmann v. Venedig 3, 3 (trade and profit; gewinn und handel. Schlegel); Sebulon lag am meer und konnte sich seines gewerbs mit den benachbarten handelsstädten freuen, wie der gesetzgeber deutlich saget. Herder (vom geist der ebräischen poesie 2. th.) 12, 152; zweierlei ding giebt ein gut seevolk: seemännisch leben auf dem land und gewerb auf dem meer. F. L. Jahn werke 2 I, s. 433;

ja, wenn die kühne kraft nicht ruhen kann,
so mag er kämpfen mit dem element,
den flusz ableiten und den felsen sprengen,
und dem gewerb die leichte strasse bahnen.
Schiller Piccolomini (3, 4) 12, 143.

[Bd. 6, Sp. 5508]



γ) die festen verbindungen, die sich schon in den eben betrachteten verwendungen geltend machten, begleiten die abstufung der bedeutungsentwickelung und wirken vielfach auf diese wieder zurück (s. unter 2). neben den verbindungen mit synonymen (vgl. auch sp. 5504f.) sind auch solche mit bestimmten verbis zu beachten, weil sie vielfach von den bedeutungsverwandten substantiven her übernommen sind. auszerdem ergeben sich durch den zutritt subjectiver genetive oder possessiver bestimmungen bemerkenswerthe unterschiede zwischen relativem und absolutem gebrauch.
1)) der absolute gebrauch ist fast nur innerhalb fester verbindungen belegt; als vereinzelte ausnahmen vgl.: die erst schel ist betriegen in dem gewerb, und welcher kauffman ist der, d' nit betrieg in der war, der nit eins fur dz ander, geb ... Geiler v. Keisersberg narrenschiff (102) 199a; weil ein lange zeit her zwischen Sicilien, Egypten und Mauritanien der gewerbe wegen heimlicher zwispalt gewesen were ... Barclay's Argenis (2, 7, 3) übers. von Opitz 2, 352; da werden tempel eingeäschert, ... die gerechtigkeit umbgekehret, die gewerbe gesperret. ebenda (2, 7, 9) 397.
a)) verbindungen mit synonymen und anderen substantiven auszerhalb der festen verbindung mit verbis:

ainr tht den andern drücken
mit handln und mit gewerb,
wil auff sein nachsten rücken,
wil im sein narung zücken,
acht nit das er verderb. die narrenkappe geistlich (15. jahrh.) bei
Wackernagel kirchenlied 2, 1055a;

vgl.: so hat das zän auszfallen auch an den krancken, knechten, und den jehnigen, so mit gewerb handlen, seine besondere bedeutung. traumbuch Artemidori (1, 33 exercentibus mercaturam) übers. von Ryff 32b; durch das (6.) geboht würt strenglichen verbotten aller unrechter gewerb oder kouffschlag. Geiler von Keisersberg dreieckecht spiegel Cc 3a; die hantierunge und gewerbe, die vor jaren den Rinstrom hinabe .. gehandelt sin. urkunde v. 1489 s. zsch. gesch. Oberrheins 9, 38; abbruch und verhinderung der gewerbe und hantirung des Rinstrames. s. 40 (1490); dann wo das zugelassen würde, dasz gute und nützliche dinge wegen etlicher miszbräuche derselben, solten abgeschaffet werden, müssen fürwahr die heilige schrifft, geistliche und weltliche rechte, und alle andere freie künste, ehrliche gewerbe und handthierung, als nichtige und vergebliche dinge, nach solcher leute meinung, verboten und abgeschaffet werden. (Kirchmaier) instit. metallicae, notw. ber. 65; was werden doch uwer sn tun, so sie aller geschrifft unwissend sint, vorusz so sie nit der ritterschafft nochgondt, oder die kein kauffmanschatz, oder ander gewerb hanttieren? Jacob Wimpfeling Tutschland hrsg. v. Moscherosch C 4b; hausz und hof, aecker und wisen, handel unnd gewerb, liebe nachbawren, unnd das liebe vatterland verlassen, kompt ja sawer und schwer gnug an. Joh. Decumanus dialogus (1521) 1; haben nicht ihre feinde, als die Engfänder und Javaner, mit ihrem eignen blute, ihren grund und boden dazu gedünget, dasz endlich ein so schöner lorbeerkrantz, welchen sie auch in ihrem wapen führet, und so herrliche früchte der gewerb und handlungen, daraus herfür gesprosset. Erasmus Francisci indisch-chines. lustgarten 1, 14; Cain heisst ein besitzer oder herr, davon hernach Chams sohn Canaan ein kauffmann, und das land Canaan sein namen hat, weil grosse gewerb und niderlag zu Tyro und Sidon war. Mathesius Sarepta 8b; das magstu wol glauben, antwort der jüd, dasz ich nicht geringe hendel treibe, sondern mit den theuwersten kleinotern und gewerben umbgehe. Kirchhof wendunmuth (1, 315) 286b; das hab ich fürnemlich von der statt Bagadet, jrer gelegenheit, den grossen gewerben, frembden gewächsen, sovil ich z der unbequemen zeit daselbsten inn meinem verzug ersehen und erlangen mögen, wöllen vermelden. Rauwolf reisbeschreibung 231.
b)) innerhalb der festen verbindungen mit verbis: nachdem ich nun oben von gebäwen .,. der herrlichen statt Halepo ... geredt hab, kann ich nit umbgehn, ... der gewerb unnd handlungen, so allda täglich geübet werden, zgedencken. Rauwolf reisbeschreib. 93 (gewerbe und handlung führen (s. III, 2, c); auch ist heraus zu erlernen ..

[Bd. 6, Sp. 5509]


... was sei vur handel, gewerb, hanterung, arbeit und narung angetriben haben, was stantz, staitz, amtz ... ein jeder gewesen sei ... buch Weinsberg 1, 6 Höhlbaum; es trifft sich in gemein, allezeit unwidersprächlich unnd gewiszlich zu, in allen handthierungen, gewerben und künsten, die ein jeder kan, gelernet oder getriben hat, so jhm fürkommt in einem traum, dasz er dasselbig übe ... (περὶ διδασκαλίας τεχνῶν καὶ ἔργων, opera sive artes). traumbuch Artemidori (1, 53) übers. v. Ryff 49b;

so lange das gewerb' und kauffmanschaft auff erden
wird altem brauche nach durch geld getrieben werden
das allen ist so lieb, so lange wird man dein,
und deiner schönen kunst, zum besten indenck sein.
Opitz (über Hindenberges neu erfundenen zähltisch. poet. wälder 1) 2, 44;

der mit der wolthat nicht gewerb und handel treibt.
Rachel satyr. gedichte (7, 47) s. 85 neudruck.


c)) feste verbindungen mit verbis bei isoliertem substantiv: umbgehen mit dem gewerb. Josephus (1) 149a; es soll auch kein pfenning gieriger, oder einer der on underlasz handelt, und gewerb gewins halben treibt ... als krämer, kauffleut, und derlei lewt, z hauptmann genommen werden. Onexander v. d. kriegshandlungen s. 30b. andere beispiele sp. 5522.
2)) der relative gebrauch. hier ist das substantiv häufiger ohne sonstige feste verbindungen belegt. vgl. sp. 5510.
a)) in synonymen verbindungen:

das erst ding ist die armt,
wo die selbig herwergn thet
und ain man die verpergen wil,
und haimlich sie halten gar stil
und im doch sein gewerb und handel
nit kan ertragen seinen wandel,
weil er sich nach wie vor last schawen:
prechtig mit klaidung und mit pawen.
H. Sachs (die drei wachsenden dinge) fabeln und schwänke 2, 43.

das aber die gefangnen des gefüglicher behalten werden mögen, haben sie ihr dartzu verordnet, kaufleut in allen steten, dero gewerb und hanthirung allein ist menschen zu kauffen, und verkauffen. S. Franck cronica, abconterfayung u. entwerffung d. Türckey B 4b; Lidia S. Pauli wirtin, war ein purpurkremerin, und hatt jre ehrliche gewerb, und kauffshandlung, und uberforteilet und ubersetzet niemand mit falscher und verpafelter wahr. Mathesius (hochzeitspred. 4) 2, 82 Loesche;

jedes land hat sein gewerb, sein gesuch und seinen wandel;
die die gegen norden sind, machte reich der seelenhandel.
Logau sinngedichte 2766 2, 152.

so oft ... die taxen als das hauptwerk angesehen werden, und die commercia, oder das gewerbe der unterthanen als ein nebenwerk, so gehen die nützlichen commercia samt den unterthanen aus. collectanea des handels und gewerbes (1754) s. 77.
b)) innerhalb der festen verbindung mit verbis hebt sich der relative gebrauch eigenartig vom absoluten ab. diesz kommt schon bei gewerbe treiben zur geltung, vgl. den gegensatz bei Zink deutsche städtechron. 5, 128 (er treib kaufmanschaft ... dem treib ich alles sein gewerb gen Venedig), vgl. auch: ein nürenbergischer kauffmann treib in allen landen teutscher nation mit allerlei kauffmannschafft sein gewerb. Kirchhof wendunmut 1, 231 Österley; der kauffleut, so ihr gewerb, handthierung und kauffmanns händel daselbst brauchen und treiben. privileg der stadt Lübeck bei Ayrer process. juris (2, 4) 571, ebenso Sleidanus 300b; bei haben ist der absolute gebrauch reichlich belegt (s. u.). wir Friderich ... thuen ... wisentlich ... dasz nun hinfur ihr leit und holten (Kaspar Harders und seiner erben) ... allen gewerb und handl mit weinschenken und in anderwög marktrecht haben sollen und mögen. freiheiten und rechte v. Gleisdorf (17. jahrh.), s. österr. weisth. 6, 217; ausz etlichen stetten wurden die haupt und ursächer des kriegs getödtet, ... etlichen so am meer lagen, der schiff beraubt, unnd verbothen kein handel oder gewerb mehr auff dem meer z haben. Livius 71b; doch vgl. auch: damit der gemeine kaufman nichts destminder sinen handel und gewerbe uf dem Rinstrom haben möge. vertrag von 1489. zsch. gesch. Oberrheins 9, 38; kölkraut bedeutet nichts sonderlichs, ist auch gantz widerwertig den weinkäuffern, schencken, wirten, und allen denen, die jhre

[Bd. 6, Sp. 5510]


händel und gewerb mit wein haben (et omnibus dionysiacis artificibus). traumbuch Artemidori (1, 64) übers. von Ryff 62a; anders bei gewerbe ausrichten: item als mein herr nun sach, dasz ich mich also wol anliesz und fast schrib und gnueg gewan, da bestalt er mich wider und richtet im also ausz all sein gewerb. B. Zink d. städtechroniken 5, 130; desgl. 137.
c)) auszerhalb fester verbindungen: so spricht der herr, der Egypter handel und der Moren gewerbe, und der langen leute zu Seba, werden sich dir ergeben. Luther Jesaia 45, 14 (ebenso schon Koburger, desgl. Dietenberger, dagegen geschefft bei Eggesteyn; kopenschop Quentel; kauffleut Züricher bibel; der erwerb Ägyptens und der handelsvertrag von Kusch. Kautzsch); (gerecht ist) wer niemand in seinem gewerb uberforteilet. Gretter erkl. d. epistel Pauli a. d. Römer 50; er sagte ferner, wie und auff was weise er mit den Iberischen kauffleuthen, so jhrer gewerbe halben dahin kommen, sich zur see begeben hette. Barclay's Argenis (2, 7, 2) übers. v. Opitz 2, 348; es hat sich zugetragen zun zeiten des königs Salomons, dasz drei jüden, die waren kauffleute, mit einander wanderten ihrem gewerb nach. Prätorius wündschel-ruthen 59; ich habe behaupten hören, dasz seit der errichtung der ersten bank in Glasgow, das gewerbe dieser stadt sich in funfzehn jahren verdoppelt habe. Adam Smith nationalreichthum (2, 2) übers. v. Garve 22, 41 (the trade of the city); dazu vgl.: wenn auch hier alle studierende ... zum thor hinauszögen ... so würde dadurch kaum irgend eine merkliche veränderung im öffentlichen gewerbe erfolgen. J. G. Fichte über die ... academ. freiheit s. 24.
3)) auch attributive verbindungen erwachsen dieser verwendung. in der älteren sprache ist die formel grosz gewerbe bevorzugt: grosze hantierung ... grosz gewerb uber mer s. theil 4, 2, 469; als das wolltchen vor jaren hie in grossem gewerb gehalten gemeinem nutz und sondern personen in der tcher zunft und usserhalb wol erschossen ist. urk. der tuchpolizei zu Freiburg von 1476 (zeitschr. f. gesch. des Oberrheins 9, 144); es ist in der statt Horb ein gros gewerb mit wullen tüchern wie das menglichem knt ist. Münster cosmogr. (3) 404; (2) 41; ein grosz gewerb do mit kauffmanschätzen. Rauwolf reisbeschr. 38; man findet auch, .. wo ein starkes commercium blühet, dasz es .. händler giebt, die nur mit einer einzigen waare handeln, und doch ein überaus groszes gewerbe .. damit haben. v. Justi staatswirtsch.2 1, 183; dazu vgl. kleines gewerbe sp. 5511 (s. auch kleingewerbe theil 5, sp. 1109); ingleichen welche sich mit dem fürkauf und burgerlichen gewerb understehen wolten, doch nit burger sein, alsz mit kaufmanswahren, wein ... und dergleichen, wasz der burgerlich gewerb sein zu handlen anbelanget, hat der marktrichter macht ... banntaiding zu Passeil 1662, s. österr. weisth. 6, 173; item niemand soll purgerlichen gewerb treiben, nur purger allein. (Gmünd) österr. weisth. 6, 468; andere belege s. sp. 5522 und unter III, 3, c; vgl. auch städt. gewerbe sp. 5514; weniger häufig belegt, aber ebenfalls aus der bedeutung von commercium erwachsen ist die verbindung offenes gewerbe, die den detailhandel insbesondere kennzeichnet: offenes gewerbe, kram und laden. Stetten 1, 17. andere adjectivverbindungen erwachsen dem engeren begriffe (s. 3).
δ) die hereinziehung des handwerks in diesen vorstellungskreis ist durch dessen theilnahme am kleinhandel bedingt, der das städtische verkehrstreiben beherrscht. auch hier machen sich feste verbindungen bemerklich, neben den eben beobachteten auch neue; das hauptaugenmerk musz sich jedoch darauf richten, wie weit die theilnahme des handwerks an diesem localverkehr gekennzeichnet ist und andererseits wie weit sich am handwerk ansätze geltend machen, die die productive seite (die verarbeitung und verfertigung von waaren) den betrieb, gegen den vertrieb ausspielen.
1)) die theilnahme des handwerks am städtischen kleinhandel übt auf diesen gebrauch von gewerbe einflusz.
a)) sie ist aus dem zusammenhange zu erschlieszen: freitags nach assumptionis haben die hern des capitels die rethe ausz beiden stedten und zu S. Michael sampt allen meister der gewerfen der handwercker, alsz becker, schneider, schuester etc. vor sich ... bescheiden. historia

[Bd. 6, Sp. 5511]


des Möllenvogtes Sebastian Langhans (Magdeburg) s. deutsche städtechron. 27, 173; und nun hin und wider im ganzen römischen reich verhoffentlichen alle gewerb handlung und handtierungen ... wider ufgerichtet werden sollen ... einladung des hosenstricker-handwerks zu einem handwerkstage 1651 bei Schmoller 290; Herodotus Halicarnaseus ... schreibt, als die statt Cuma in Asia erst erbawet, und dahin ain zlauff ward, thet sich under andern ausz der statt Mangnesie ainer mittelmässigs stands und gts mit nammen Melanopus daselbst mit hausz und gwerb darnider. Schaidenreisser einl. zur Odyssee 5b;

der musen lieber ort (Leipzig), jhr grund und rechtes erbe,
die grosze wechselbanck und schawplatz der gewerbe,
... musz sehn dasz auch auff sie jetzt ist das schwerd gewetzt.
Opitz (an herrn Joh. Heermann, poet. wälder 1) 2, 36;

... daher man fast schlieszen sollte, dasz erst im 14 jahrhundert das gewerbe mit weberwaare in rechten gang gekommen sein möge. P. v. Stetten 1, 6; wir beide fingen mit einander im märz 1755 in der schamatten unsern gewerb an. Bräker der arme mann im Tockenburg 72 Bülow; mein handel ging bald gut, bald schlecht. bald kam mir ein nachbar in die quere und verstümmelte mir meinen schönen gewerb; bald betrogen mich arge buben um baumwolle und geld, denn ich war gar zu leichtgläubig. ebenda 185; ebenso s. 192; zwei invaliden nemlich ... hatten hier ihr kleines gewerbe, und verkauften galanteriewaaren und andere sächelchen der kleinen täglichen bedürfnisse ... E. M. Arndt reisen 5 (1802), 392.
b)) sie ist ausdrücklich hervorgehoben. es was kein gewerb in der stat, wann die reichen waren gewichen und die da beliben waren, die besorgten, das pöfel würd sackman machen über sie und flöhenten ihr hab haimlich, also mocht der hantwerksman sein pfenwert nit vertreiben. Sigm. Meisterlins chronik von Nürnberg c. 3, 15, s. deutsche städtechron. 3, 146; von kramern, apotegkern und hugkeren gewerben. so die kramer unnd hucker gewonnlich under unnd in jren hanndtierungen und gewerben, auch vail haben, und verkauffen, damit sich die menschen speiszen. Tengler laienspiegel E 6; deszgleichen was der gemeinen kleinen gewerbs, krämbecken und ander wetterdächlein, weren, so von holtz, stein, zigel ... gemacht, angehenckt ... würden, der sol keines uber drei werck schuch von dem hausz und wand hinausz fürgenommen und erlaubet werden. Fronsperger bauordnung 29b; daher sahe man noch zu unser zeit, des sontages so woll, als werckel-tages sie in ihren kram - buden und werckstäten handthieren und gewerb treiben. Olearius reisbeschr. 148a;

solch loser man fint man noch vil,
die pei gselschaft, pei wein und spil
siczen altag
lassen ir weib und kind derrmaulen,
dahaim in clag
tht ir gwerb und werckstatt erfaulen.
H. Sachs (d. loszman) fabeln u. schwänke 4, 79;

in den Wiener zeitungen findet man beständig, dasz allerhand gerechtigkeiten, oder wie man es dort heiszet, personal-gewerber, z. b. eine handlung-, eine bäcker- ... gerechtigkeit ... zu kaufen sind. Nicolai reise 4, 482. vgl. gewerbeberechtigung u. a.; vgl. auch die composita realgewerberechte und gewerberealitäten unter gewerberecht.
2)) ansätze zu einer gegenüberstellung von handel und handwerk, zu einem gegensatz zwischen vertrieb und betrieb.
a)) schon die sachbedeutung eines rechtsobjectes, die im letzten beispiel handwerk und handel umfaszt, drängt in älteren belegen mehr den vertrieb als den betrieb in den vordergrund: das der schneider zunftmaister und sin sechs ... gebetten, des man mit der kouflüt zunftmaister .. redoti und si bäti, das si ... dem schneider ... iren gewerb gewandschneidens lihen wölten. zunftbuch v. Konstanz 1418. zsch. gesch. Oberrh. 13, 160; item si hand ouch gesetzt, das alle gewerb ab und mengclichen fri sin söllen, damit der gemain man arm und rich sin narung dester basz gehaben múg. (Überlinger urkunde von 1461) 18, 30; gewerbe wird hier als handelsprivilegium in gegensatz gestellt gegen die zunftgerechtigkeit des handwerks: wölt' aber ain semliche ains mals me denn ain lertochter halten, so sol si die zunft

[Bd. 6, Sp. 5512]


als umb ain gewerb ablegen. urk. der schneider zu Überlingen (1450), ebenda.
b)) auch in der verbindung von gewerbe und handwerk stehen sich die beiden substantiva nicht so nahe wie bei gewerbe und handel. selbst da, wo sich beide bezeichnungen auf die gleiche berufsgruppe beziehen, musz für jede doch wieder eine andere thätigkeitsform eingesetzt werden: handwerk zielt auf den betrieb und gewerbe auf den vertrieb der handwerkserzeugnisse. erst die neuere entwicklung verschiebt diese ursprünglichen verhältnisse, nunmehr kennzeichnet gewerbe in verbindung mit handel gerade den betrieb und nicht den vertrieb.
α)) die verbindung handwerk und gewerbe in fällen, die eine scheidung nach berufsgruppen nicht zulassen, oder wenigstens nicht sicher stellen: wär auch, daʒ er dehain andern gewerb oder antwerk trîben wölt, denn sîn vatter. Villinger stadtrecht § 101 (oberrh. stadtrechte 2, 76); in die zunfte, der antwerk und gewerbe sü tribent. ebenda (§ 107) 2, 78;

gar offt verdürbt ein handwercksman
der vil gewärb und hantwerck kan.
S. Brant narrenschiff 18, Zarncke 21a;

[vgl. DWB das sprichwort sagt: Hanns von allen gewerben wird niemahls reich. Adam Smith übers. von Garve (4, 5) 3, 171 (Jack of all trades)].

warumb ich nit daheimen blib (der 'lantfarer')
und ouch min gwerb und handwerk trib.
N. Manuel vom papst u. s. priesterschaft Bächtold s. 55;

ferner unnd zum dritten befindet man auch, dasz das stuckmachen ein schändlich und gantz sündlich handwerck und gewerbe sei. Prätorius saturnalien 372.
β)) beide substantiva zielen auf verschiedenartige berufsgruppen. gewerbe bezeichnet den vertrieb: item nachdem wir gemeinsamem nutz ouch frembden und heimschen zu gut, so die gewerbenden un hantwerchlüt in unser statt suchen un bruchen aller zunfft gewerb und handwerch, reformiert ... ist unser will ..., das demselben trüwlich gelebt und nachkommen werden, und sol dabi ein jeder gewerbender als gewandtschnider, kremer, appotecker ... sin gewerb oder hantwerckh erberlich ... volfüren. nüwe stattrechten und statuten der statt Friburg im Priszgaw (1520) 92; ab auch unter ... armer unvermogender leute kindern, iunge knaben befunden, welche zu der schule woll geschickt und begreifflich der freien kunst und schriffte sein wurden, die sollen ... aussm gemeinen kasten erneret ... werden ... die andern knaben zur arbait, handtwercken und zimlichen gewerben gefordert werden. Luther (ordnung eines gemeinen kasten 1523) 12, 26;

... ieder, der in dieser stat
ein guet gewerb oder hantwerck hat.
H. Sachs (der freiwilligen armut orden) fabeln u. schwänke 2. 178;

die pewrin gleichet ainem mon,
der ein guet gewinet ist hon
in eim hantwerk, ambt, gewerb oder handel. (die bäurin asz alle tage einen käse) fab. u. schw. 5, 132;

ein jeder thue unnd richte ausz was jm gott auffgelegt, prediger leren und beten, regenten wehren und schützen, der gemeine mann warte seines handwercks, gewerbs, bergwercks unnd ackerbaws ... Mathesius (Luther 5) 3, 89 Lösche; am sonntage und allen andern hohen festtagen, ingleichen an busz- und dankfesten ... soll kein gewerbe noch handlung geführet ... noch handwerk getrieben werden. neu revid. willkühr der stadt Danzig (1761) 169.
γ)) auch die verbindung handwerksgewerbe erwächst zunächst diesem gegensatz des engeren zum weiteren begriffe: begögnett mir uff ein zeitt umb vesper im basar, da man under den schupfen die maiste handwerckhsgewerb täglich dreibtt. H. Ulrich Krafft reisen und gefangenschaft s. 125; künftig soll nur derjenige zur selbstständigen betreibung eines handwerksgewerbes berechtigt sein, welcher als bürger in eine gemeinde des herzogthums aufgenommen ist. nassauisches bürgerbuch (1850) 379.
δ)) erst die späteren verbindungen lassen gewerbe und handwerk zusammen dem gleichen begriffe des betriebes zusteuern (s. III, 3): ... als dadurch dem handwerkswesen

[Bd. 6, Sp. 5513]


und den gewerben eine ganz andere gestalt gegeben war. P. v. Stetten 1, 6; im kommercialschema findet man verschiedene handwerke und gewerbe, von denen die benennungen an andern orten nicht bekannt sind. Nicolai reise 4, 481; aber es scheint niemand einzusehen, welchen hohen grad von wirkung die künste, in verbindung mit den wissenschaften, handwerk und gewerbe in einem staate hervorbringen. Göthe (Schweizerreise 1797) 43, 130.
3)) dem entspricht dann, dasz sich in den späteren verbindungen von gewerbe und handel die begriffe contradictorisch ergänzen: mitten unter dem waffengeräusch blühten gewerbe und handel, Schiller (abfall der Niederlande 1) 7, 15; bedenken sie, was natur und kunst, was handel, gewerke und gewerbe zusammen schaffen müssen, bis ein gastmahl gegeben werden kann. Göthe (Wilhelm Meisters lehrjahre 5, 10) 19, 194;

man hört wohl jammern viel und klagen,
es sei der geist in unsern tagen
in seinem tiefsten recht verletzt,
und von dem handel, dem gewerbe
gekränkt an seinem alten erbe,
des angestammten throns entsetzt.
und wahrlich, sieht man bunt sichs regen,
das dampfgerät auf eisenwegen,
die spindel, die von selbst sich dreht ...
der geist bleibt ewiglich allein.
Grillparzer (1837) 2, 178;

für die individuen, welche sich einem ordentlichen handelsgewerbe widmen wollen. regierungsblatt für Bayern (1826) nr. 4; genusz der rechte ... vermöge deren man sich ansässig macht, grundbesitz erwirbt und darüber verfügt, gewerbe und handel ausübt. stenograph. ber. der Francf. nationalvers. s. 757b; das königlich würtembergische ministerium des innern hat anher eine ... petition der 'centralstelle für gewerbe und handel' in Stuttgart eingesendet. ebenda 3071b; wir wollen freiheit der presse, der gewerbe, des handels. Th. Mann Buddenbrooks 1, 192; die verwaltung des gewerbewesens wird an oberster stelle im reiche durch das reichsamt des innern und in Preuszen durch den minister für handel und gewerbe mit der maszgabe wahrgenommen, dasz ein theil der gewerbepolizei vom minister des innern und ein theil des technischen unterrichtswesens vom kultusminister verwaltet wird. Hue de Grais handbuch der verfassung u. verwaltung (1901) 531.
2) die erweiterung des verwendungskreises auf grund der entwickelung des wirthschaftslebens und der verschiebungen des sprachgebrauches.
a) die entwickelung des wirthschaftslebens.
α) innerhalb des städtischen betriebs geht die entwickelung von neuerungen aus, die dem gesteigerten verkehr und den bedürfnissen, die er erzeugt, gerecht werden: in disem concilion ist auch usz allen landen, fil handtwercks folck, spileut, wiert, gemain frawen etc. zugezogen, die alle iren gewerb zu Costentz getriben haben ... apodecker so iren gewerb zu Costetz in der zeit des kuntziliums fierten, waren 16 ... scherer ausz allen landen so bei den firsten und heren zuhof dienten, und sunst hin und wider, iren gwerb fierten mitt iren knechten, waren 306 ... wechsler usz allen landen, die iren gwin zu Costentz auch suchten, waren 58. S. Fischer chronik von Ulm 199 Veesenmeyer. von anderer seite wirkt auch die regelung und gliederung ein, zu der das zusammenleben drängt. so spalten sich die früheren gruppen der nahrungszweige auf grund der arbeitstheilung und auf grund neuer erfindungen in neue arten und unterarten. und andererseits wächst diese oder jene nebenbeschäftigung, dieser oder jener zeitvertreib zu einem festen nahrungszweig aus.
1)) innerhalb des handelsgewerbes beanspruchen vor allem die neuerungen aufmerksamkeit, die der gesteigerte verkehr im vertriebe von nahrungsmitteln hervorrief, sie betreffen im besondern die entwicklung des gastwirthsgewerbes. andere gliederungen, die die arbeitstheilung innerhalb des groszhandels hervorrief, treten am gebrauch von gewerbe erst später zu tage.
a)) nach raut und unterwiszung aller der, den umb den gewerb des weins und des saltz kund und wissenlichen was. statut v. Augsburg über den weinhandel

[Bd. 6, Sp. 5514]


(15. jahrh.), s. deutsche städtechron. 5, 335; da (in Schweighofen bei Ulm) sassen auch die wirth, köch, gastgeben, das dorf nam von desz vilfeltigen gewerbes wegen also zu, dass vil baurn an andern orten hab und gut verkaufften und sich dahin rhetten. S. Franck Germania 396b; das gewerbe eines brauers und selbst eines bierschenken sind eben so nothwendige abtheilungen der arbeiten als irgend ein anderes gewerbe. Garve verdeutschung des Adam Smith (4, 3) 3, 108; ja die profession der branteweinbrenner war in der hälfte des sechzehnten jahrhunderts ... bereits ein ansehnliches gewerbe. P. v. Stetten 1, 246; es (das kaffeeschenken) war anfangs ein freies wesen und gewerbe. ebenda 2, 158;

fürwahr! ich bin der einzige sohn nur,
und die wirtschaft ist grosz, und wichtig unser gewerbe.
Göthe (Hermann u. Dorothea 4) 40, 268;

vgl. auch O. Hartmann lehr- und lesebuch für das gastwirthschaftliche gewerbe (Berlin 1895). zu den formen des kleinhandels mit nahrungsmitteln vgl.: und recht interessant war mir das zivilisierte wesen dieser (obst-) frau im contrast mit gewerb und leidenschaftlicher gewöhnung. nicht minder interessant waren mir die gegenstände ihres gewerbes, die frischen mandeln ... und die duftig frischen feigen. Heine (Italien 1, 16) 3, 245 Elster.
b)) zu den neuerungen auf grund der arbeitstheilung lassen sich einige beispiele aus Garves verdeutschung des Adam Smith (1794 ff.) anführen. gewerbe ist hier in allen fällen für trade eingesetzt: das gewerbe des getreidehändlers besteht aus vier verschiedenen zweigen ... (4, 5) 3, 158; gewerbe eines zwischenhändlers (4, 5) 3, 187, eines krämers 170, eines schleichhändlers (5, 2) 4, 360 u. a.
2)) erfindungen und neuerungen in berufsformen, die betrieb und vertrieb in sich vereinigen.
a)) sollichs alles wie obstat ist allen buchtruckern verbotten bei niderlegung ires gwerbs. S. Fischer chronik v. Ulm s. 146 Veesenmeyer; vgl. auch buchdruckergewerbe. buchgewerbe; gefährliche gewerbe sind pulvermühlen ..., apotheken, ... brauer, brandweinbrenner, ... töpfer. allg. landrecht f. d. preusz. staaten (1832) II ε § 2062.
b)) ... habe ich nichts hinzu zu setzen, als dasz ich in den steuer-registern von 1495 bereits die garnsieder als leute von einem eigenen gewerbe gefunden habe. P. v. Stetten 2, 75; bortenmacher sind hier ein altes gewerbe 1, 214; das gewerbe (der lodweber) erhält sich gleichfalls noch, und nähret sich nach der lage der handlung. 1, 213; vgl. dazu einige stellen aus Garves verdeutschung des Adam Smith, in denen das original durchweg trade verwendet: gewerbe der handwerker, manufacturisten und kaufleute (4, 9) 3, 418; gewerbe der horndrechsler und kammacher (4, 8) 3, 386; gewerbe der gold- und silberarbeiter (4, 6) 3, 202; sobald das gewerbe des häuserbauens mehr als dieses einbrächte, würde es bald so viele menschen reitzen, sich damit abzugeben. (5, 2) 4, 275 (the trade of the builder); den knopf auf die nadel zu setzen, ist ein eignes geschäft; — die nadeln weisz zu machen ein anderes. es macht sogar ein gewerbe aus, die nadeln in die papiere zu stecken. (1, 1) 1, 9 (business).
3)) der engere rahmen des städtischen wirthschaftslebens, den diese und andere ähnliche verwendungen voraussetzen, macht sich nach der einen seite als anstosz der bedeutungsverengerung geltend (vgl. unter 3): so seid ihr bürgersleute! ihr lebt nur so in den tag hin; und wie ihr euer gewerb' von euern eltern überkommen habt, so laszt ihr auch das regiment über euch schalten und walten, wie es kann und mag. Göthe (Egmont 2) 8, 201; wir kommen zunächst durch eine doppelreihe von städeln und wissen nun schon, Luckenbach gehört zu jenen städtchen, in deren thätigkeit sich ackerbau und gewerbe teilt. Otto Ludwig (Heiterethei) 2, 28; und so wird es fortgehen, wie es von seinen eltern her fort gegangen ist, wie es bei seinen söhnen fort geht, und wie es bei dem hegerbuben fort gehen wird, er mag sich nun zu einer handarbeit, zu einem gewerbe gewendet haben, oder zu dem meere der wissenschaft. Stifter (der waldgänger 2) erz. 2, 120 Agrent; das wesentliche des bürgerrechts besteht gerade in der berechtigung zum betriebe städtischer gewerbe. H. v. Kleist Berliner abendblätter (1810) 216; ebenso

[Bd. 6, Sp. 5515]


verhält sichs beim stadtgewerbe. übertreibung und vertheilung desselben in viele hände, da wo wenige hinreichend sind. Semer bei J. A. Weisz zunftwesen 138. vgl. die beliebte verbindung bürgerliches gewerbe sp. 5510; vgl. bürgergewerbe, sp. 5516.
4)) dagegen drängen zur erweiterung des begriffes die nahrungszweige, die aus ungeregelter thätigkeit zu einer berufsart sich entwickeln.
a)) in städten, wo es viele maskenbälle giebt, ist es ein gewerbe, maskenkleider zu verleihen. Garve verdeutschung des Adam Smith (2, 1) 22, 10 (trade);

des königs von Spanien tochter
ein gewerb zu lernen begann,
... sie wollte wohl lernen nähen.
Uhland 413.


b)) ... alle hushelterin, spontziererin und die so offenlich zur unee sitzent oder bulschaft tribent, wo die in der stat sessent, sollent ziehen ... und als ir etliche sithar widerumb in die stat under erber lüte gezogen sint und ir gewerbe tribent als vor, do sollent dieselben ... ziehen in vierzehen tagen. Straszburger verordnung von 1471 Brucker 459;

ich fröw mich, dasz ich kuplen kan,
sunst wurt's mir liden übel gan;
das han ich meisterlich und wol gelert,
und mich nun lange zeit mit ernert.
sit dasʒ mine tutten aufiengend hangen,
wie ein lerer sack an einer stangen,
do fieng sich an min hut zu rümpfen,
und wott man nit mehr mit mir schimpfen.
do gieng ich in das beginen hus,
min alter gwerb trg nüt me us.
N. Manuel (vom pabst u. seiner priesterschaft) Bächtold 55;

erstmals lebt dise keüschlich, karglich und streng, schende jr narung mit spinnen und weben, aber nach dem, da ist herz gangen ein bler oder zwen, die jr ein lohn zsagten ... hat sie den handel angenommen, nachgendts hebt sie das gewerb an. Terenz übers. v. V. Boltz (Andria 1, 1) 11a; (harlequin zur kupplerin): wenn ihr schon euern plaz ändert, so braucht ihr deszwegen nicht euer gewerbe zu ändern. Shakespeare übers. v. Wieland (mass für mass 1, 1) 2, 161; jetzt, da das gewerbe (der öffentlichen mädchen) geehrt und durchaus ungehindert scheint, trägt auch jede öffentlich zur schau, was sie ist und wovon sie lebt. E. M. Arndt reisen 5 (1802) 291; ... und hier bringen sie (die kuppler u. verschämten bettler) ungehinderter und freier ihr verlegenes gewerbe an, und gehen nicht selten mit einem glücklichen erfolg durch. 371;

dann allwellt fürt darüber klag,
das ist nammlich der bettler orden
der ist jetz z eim gwerb worden.
Valentin Boltz weltspiegel 6 (1551) P 2b;

bettler treiben das guldene gewerb, darinnen sie in der wochen sechs tag feiern und den siebenten vor der kirche sitzen. J. J. Otho evangel. krankentrost 623; das ist das verächtliche heer der langen finger. ein elend gewerb, das keinen grosen mann ausbrütet. Schiller (Fiesko 1, 9) 3, 30; das gewerbe (des beutelschneiders) gieng eine zeit lang wohl von statten. Musäus volksmärchen 2, 180; wie die staats-felinger in städten, so haben die gemeinen felinger, welches die scharfrichter und schinder oder freileute sind, ihr wesen hauptsächlich auf den dörfern und bei der niedern volksclasse. beider gewerb ist quaksalberei. Schöll abrisz des jauner- und bettelwesens in Schwaben (1793) 90 bei Kluge rotw. 1, 270; es ist auch ain anders gewerb der zauberei, bisz her noch von dem Mose und Jakobel herkommen. Polydorus Vergilius übers. v. Tatius Alpinus 26a;

gold leg in der klikusche (wahrsagerin) hand! denn nicht umsonst,
nein, von den kunden baar bezahlt spricht das gewerb.
K. Immermann (Eudoxia 15, 366);

... (Beppo) der seiner zeit in den Niederlanden im spanischen heere als feldschmied gedient, nebenbei verschiedene zweideutige gewerbe betrieben und nun, diese beschäftigung fortsetzend, sich in Venedig niedergelassen hatte ... und er (Ruggiero) erinnerte sich, Beppo mit seinen beiden strolchen von söhnen stehe im geruch neben anderen lichtscheuen geschäften auch das gewerbe eines bravo mit eben so viel entschlossenheit als geschick

[Bd. 6, Sp. 5516]


zu betreiben! Halm (das haus an der Veronabrücke) 4, 99 Schlossar.
β) in solcher übertragung auf erwerbszweige, die der festen regelung und geschlossenheit an und für sich wider streben, greift das substantiv auch über die mauern des städtischen lebens hinaus, und hierin liegt ein neuer schritt zur erweiterung des begriffes.
1)) ein ausgangspunkt liegt schon in den berufszweigen, die von der stadt auf das land hinausgreifen: (dasz die) hantwerck beschwärt weren, und aller gwerb gantz uff dem land wär, das sich der gemain man nit wol erneren möcht. Fläschütz, chron. des stifts Kempten Baumann 381; vgl.: flecken unterscheiden sich von dörfern nur durch die ihren einwohnern zukommende befugnisz, gewisse städtische gewerbe zu treiben. preusz. landrecht (1796) 2. th. 8. tit. § 176; und wo er (der müller) bei starkem mühl-gewerb mehrere mühlarzen halten musz ... badische müllerordnung 1670 § 24; bei eisenwerken zum beispiel, sind die schmelzhütten, wo das eisen aus dem mineral gezogen, die hämmer, wo es geschmiedet ... wird, sehr kostbare werkzeuge, derer dieses gewerbe nicht entbehren kann. Garve verdeutschung des Adam Smith (2, 1) 22, 8 (instruments of trade);

und heil dem bürger des kleinen
städtchens, welcher ländlich gewerb mit bürgergewerb paart!
auf ihm liegt nicht der druck, der ängstlich den landmann beschränket;
ihn verwirrt nicht die sorge der vielbegehrenden städter.
Göthe (Hermann u. Dorothea 5) 40, 278;

man schmeichelt sich, dasz nach aufhebung der tabacks pachtung, welche zu ende 1783 geschah, dieses wichtige gewerbe gänzlich wieder frei- und die fabrikation an kunstverständige zu geben, der vorschlag geschehen sei. Nicolai reise 4, 436; das gewerbe der fischer gehört ebenfalls unter die ältesten in unserer stadt. P. v. Stetten 2, 135; für das städtchen Alt-Pillau ist dieser fang (des störs) immer ein sehr wichtiges gewerbe, und daher führt sie auch einen auf den wellen schwimmenden gekrönten stör im wappen. preusz. handlungszeitung (1801) s. 16;

lasz mir den fischerkittel, den trutzigen! macht
sich noch rar der!
hat noch kein eigen gewerb und fronet dem
alten im handwerk.
Mörike (idylle vom Bodensee 3) 1, 352;

wegen der fünfʒehn krabbenfänger, welche auf kleinen, elenden booten ihrem gewerbe nachgehen ...? Frenssen Hilligenlei 113; vgl. schiffergewerb zunftordnung f. d. würtembergische schiffertum zu Schiltach (1766) bei Weisser recht der handwerker 472. 474; flozholzgewerb 467; flozgewerbe 473.
2)) die auffassung der erwerbsthätigkeit als eines geregelten und geschlossenen berufes greift von der stadt aus auf das land über.
a)) dieses nam er z hertzen, verhandelt bald seine pferde, wagen und wein, begab sich gentzlich auffs ochsen treiben. solchem gewerb bedaucht in aber das rosztauschen noch überlegen z sein, schlg die har wider umb, ward ein roszkam ... Kirchhof wendunmut 1, 214 Österley; ein andermal wollte er ein roszkamm werden; als ihm aber die pferde nase und ohren fast abgefressen hatten, gab er das wieder auf, ungeachtet er behauptete, kein mensch verstünde das gewerbe besser als er. Joh. Gottw. Müller Siegfr. v. Lindenberg (1780) 111; an den ufern der Havel lebte ... ein roszhändler, namens Michael Kohlhaas ... er besasz, in einem dorfe, das noch von ihm den namen führt, einen meierhof, auf welchen er sich durch sein gewerbe ruhig ernährte. H. v. Kleist (Kohlhaas) 3, 141 Erich Schmidt; dieses schutzes (der gesetze) zum gedeihen meines friedlichen gewerbes, bedarf ich. 3, 183; der roszkamm versicherte ... dasz er alle landesherrlichen verfügungen, die sein gewerbe angingen, genau kennte. 3, 143; vgl. auch landkutschergewerbe. Nicolai reise 4, 481.
b))

ach, den verwegnen alpenjäger hascht
der tod in hundert wechselnden gestalten,
das ist ein unglückseliges gewerb',
das halsgefährlich führt am abgrund hin!
Schiller (Tell 3, 1) 14, 339 Gödeke;

der schäfer siehet die natur mit andern augen an als der fischer und jäger: und in jedem erdstrich sind auch

[Bd. 6, Sp. 5517]


diese gewerbe wiederum, wie die charaktere der nationen verschieden. Herder (ideen zur philos. d. gesch. der menschh.) 13, 306; von dem gewerbe der schafhirten ... das hüten der schafe ist ein freies unzünftiges gewerbe, das weder von einer öffentlichen prüfung über persönliche befähigung, noch von der erlaubniss einer regierungsbehörde, noch von einer obrigkeitlichen bestellung abhängt. die ausübung dieses gewerbes ist jedoch einer besonderen polizeilichen controle unterworfen. zusammenstellung d. auf d. schafzucht sich bez. polizeiverordn. f. Würtemberg (1830) 5.
c)) Johann Nagelschmidt nämlich ... hatte für gut befunden ... einen teil dieses zu allen schandtaten aufgelegten gesindels von neuem zusammenzuraffen, und das gewerbe, auf dessen spur ihn Kohlhaas geführt hatte, auf seine eigne hand fortzusetzen. H. v. Kleist (Kohlhaas) 3, 206 E. Schmidt. zu dieser übertragung vgl. schon: ihr (der seeräuber) grausames gewerb aber das sie trieben, hatte alle freundigkeit ausz jhren gemüthern weggerissen. Barclay's Argenis (2, 10) übers. von Opitz 1, 255. ebenso der erste des namens (der Hirschbauern) hat das haus als eine art wildhüter zu lehen erhalten mit der ausdrücklichen bedingung, jagd auf die wilderer zu machen. da nun gar kein zweifel sein kann, dasz sein sohn neben anderen ähnlichen beschäftigungen auch diesem ehrsamen gewerbe obliegt, so könnte man es ihr als eine servitut auferlegen, dasz sie die hand zu seiner beifahung zu bieten habe. Kurz (Sonnenwirt 2, 29) 6, 167 Fischer.
3)) so wird auch der betrieb der landwirthschaft selbst als gewerbe aufgefaszt. als erste belege dafür waren oben (sp. 5479) beispiele aus Iselin und aus Garves übersetzung von Adam Smith angeführt, beim letzteren meist an stelle von employment, da das englische original nur in einem falle (in verbindung mit dem stand des kornhändlers) mit trade vorangeht: ... so wollte man ihn (den pachter) zwingen, nicht nur das gewerbe eines landwirths, sondern auch das gewerbe eines kornhändlers zu treiben (4, 5) 3, 168 (to exercise the trade, not only of a farmer, but of a corn merchant); diejenigen systeme also, die der landwirthschaft vor allen andern gewerben den vorzug geben (to all other employments 4, 9) 3, 443; wo die landwirthschaft das einträglichste aller gewerbe, und ländereien urbar machen und anbauen, das sicherste mittel ist, reich zu werden (the most profitable of all employments 2, 5) 2, 179). dazu vgl.: während das wichtigste aller gewerbe, der landbau, durch arbeiter betrieben wird, die nie den väterlichen boden verlassen. (J. G. Hoffmann) das interesse des menschen u. bürgers bei d. besteh. zunftverf. (1803) 96; die capitalien jeder nation stecken in ihrem ackerbau, in ihren fabriken, in ihrem handel; in dem letzten dieser drei gewerbe sind sie aber viel leichter realisirbar, als in den beiden ersten. über den freien manufacturhandel (1809) 21; J. G. Koppe allgemeine verhältnisse des landwirthschaftlichen gewerbes (1829); ist nun der ackerbau das einzige gewerbe einer nation, so theilt die stets wachsende bevölkerung den boden in immer kleinere theile. Mohl Württemberg. gewerbsindustrie 1, 14; ich glaube, dasz in keinem einzigen gewerbe mehr arbeiter betheiligt sind als in der landwirthschaft. Bismarck (rede im reichstag 15./1. 1885) 10, 433. noch deutlicher 7, 220 u. a. im allgemeinen aber wird die landwirthschaft vom neueren sprachgebrauche aus dem bedeutungsgehalt von gewerbe wieder ausgestoszen (vgl. sp. 5478) und wenn von landwirthschaftlichen gewerben die rede ist, sind meist industrielle anlagen (brennerei u. a.) damit gemeint, die unter den engeren begriff von gewerbe fallen (s. 3).
γ) wie die landwirthschaft an sich dem bürgerlichen charakter widerstrebt, den der mittlere begriff von gewerbe festhält, so schlieszt der gleiche rahmen des bürgerlichen berufes auch die künstlerische und wissenschaftliche thätigkeit einerseits, die gruppen des öffentlichen dienstes andererseits aus. doch auch hier werden parallel der entwickelung von bildungen wie geschäft, handwerk u. a. die grenzen des bedeutungsumfangs erweitert: die freie, ungeregelte thätigkeit des gelehrten, des künstlers, des kriegsmanns wird in die festen formen eines ständigen berufes gespannt, und auch das entgelt, das der beamte, der soldat, der arzt, der schriftsteller, der künstler für seine leistungen

[Bd. 6, Sp. 5518]


erwartet, wird immer mehr unter dem gesichtspunkte des nahrungserwerbs betrachtet. am meisten gilt das für diejenigen wissenschaftlichen erwerbszweige, die nicht im öffentlichen dienst stehen, sondern ihr entgelt bei privatpersonen suchen.
1)) die übertragung auf leistungen des öffentlichen dienstes und das kriegshandwerk.
a)) also ... so träumet einem juristen und fürsprecher gemeinglich von zanck und hader ... einem wucherer von gelt, gold oder silber, unnd einem jeden nach dem er ein gewerb oder handthierung treibet. Philipp Melanchthon von mancherlei geschlechten der träume bei Ryff B 7b; schularbeit, da einer was für andern studirt, gibt freud und lust, und es kan einer viel leuten seligklich damit dienen, ob es nicht so viel tregt, als andere gewerbe, so haben wir, die in schulen unnd kirchen ... dienen, den vortheil, das got unser herr, schutz und reicher lohn ist. Mathesius (leichenreden) 1, 79 Lösche; die ärmeren bürger schickten ihre kinder in die schulen solcher lehrer, welche aus dem unterrichten für geld ein gewerbe machten. Garve (Adam Smith 5, 1) 4, 154 (as made a trade); und doch steht die gewöhnliche belohnung des vorzüglichen lehrers der wissenschaften, mit der belohnung, welche ein berühmter advocat oder arzt erhält, in keinem verhältnisse. die ursache ist, weil das gewerbe des erstern mit armen, auf öffentliche unkosten erzogenen leuten überfüllt ist; in dem gewerbe der beiden letztern hingegen wenig andre mitbewerber auftreten, als die die unkosten ihrer erziehung aus eignen mitteln bestritten haben. Garve verdeutschung des Adam Smith (1, 10 trade) 1, 249;

du (diplomat) magst nur dein gewerbe treiben
in dem dich niemand übertrifft;
ich kann nur mit dem schwerte schreiben,
mit blut'gen zügen, meine schrift.
Göthe (Epimenides) 13, 278, vgl. auch sp. 5523: gewerbe treiben.


b))

krieg war ein frei gewerbe —
lebt wohl! ich sterbe.
Hoffmann von Fallersleben (lieder der landsknechte: 36 schabab) 3, 232;

dein, liebchen ist das kriegsgewerbe nicht. Ilias (4, 525) übers. v. Bürger 3, 88 (
Voss: werke des krieges), vgl. auch theil 5, 2273.

oder er (der staat) kann zweitens eine gewisse anzahl von bürgern, der er selbst unterhalt giebt, ganz allein mit kriegerischen übungen beschäftigen, und auf diese weise den stand eines soldaten zu einem eigenen und von allen andern abgesonderten gewerbe machen. Garve (Adam Smith 5, 1) 4, 15 (particular trade), ebenso 4, 13; und vollends das gewerbe des kriegers, diesz würde jedermann fliehen, als das gefährlichste, das es unter allen gewerben geben mag. Lotz revision d. grundbegr. der nationalwirthschaftslehre 3, 156.
2)) übertragung auf den privaterwerb.
a)) für die berufe mit wissenschaftlicher vorbildung kommen vor allem ärzte und apotheker in betracht. die apotheke ist aus dem kleinhandel erwachsen und gehört von vornherein hierher, während die heilkunde erst in den gebundenen formen des berufsstandes von den vorschriften berührt wird, die das gewerbe als solches regeln (vgl. sp. 5479). von kramern, apotegkern und hugkeren gewerben, s. o. sp. 5511; die kunst, aus natürlichen produkten arzeneien zu heilung menschlicher gebrechen zuzubereiten, und der handel mit denselben, sind von jeher auch bei uns für ein ehrbares gewerbe gehalten worden. P. v. Stetten 1, 242. apothekergewerbe Garve verdeutschung des Adam Smith (5, 1) 4, 229; bei den medicinisch - polizeilichen gewerben behält es sowohl hinsichtlich der vorschriften über die wissenschaftliche und praktische bildung der bewerber, als auch hinsichtlich der form des fähigkeitsnachweises bei den diessfallsigen bestimmungen der organischen edikte vom 8. september 1800 titel I die apotheker betreffend, ... die hufbeschlagschmiede betreffend, und bei der verordnung vom 25. jänner 1823 die chirurgen und bader betreffend, sein verbleiben. verordn. betr. d. gewerbswesen v. 1825, regierungsblatt für Bayern s. 93; 'oder zögen wir wieder die Franzosen zu felde — ich kenne einen dokter, der sich ein haus von purem queksilber gebauet hat ... 'vortreffliche plane! honete gewerbe! ... izt fehlte

[Bd. 6, Sp. 5519]


nur noch, dass wir weiber und kupplerinnen würden, oder gar unsere jungferschaft zu markte trieben'. Schiller (räuber 1, 2) 2, 41; bei dem groszen haufen wird es höchstens dahin kommen, dasz er einzelne wundärzte ungeachtet ihres gewerbes, aber nicht wegen desselben, schätzt. (J. G. Hoffmann) das interesse des menschen bei den besteh. zunftverf. 146; nach der hamburgischen gesetzgebung .. ist die ärztliche praxis zweifellos zu den gewerben zu rechnen. entsch. d. reichsger. in civils. (1897) 39, 135 u. a.
b)) bei der übertragung auf künstlerische thätigkeit wirken mehr die verschiebungen des sprachgebrauches mit (vgl. unter c), doch weisen manche verwendungen auch unmittelbar auf die verhältnisse des wirthschaftlichen lebens hin: wann werden einmal die Deutschen, auf fremden ruhm eifersüchtig, mit feineren stücken von ihrem eigenen gemache die nationalbühne bereichern? wann? ... dann, möchte ich sagen ... wann das schauspielschreiben nicht ein gewerb, sondern beruf sein ... wird. Sonnenfels briefe über die wienerische schaubühne 2, 8 (Wiener neudr. 7, 142); aus den händen armer leute empfing der komödiant das elternlose geschöpf ... er liesz das kind sich abtreten und beschlosz, es zu seinem gewerbe anzuführen. Immermann 5, 56; nachdem er (der mönch von Montaudon) diess gewerbe (des fahrenden dichters) eine zeitlang getrieben, begab er sich nach Orlac zu seinem abt. Diez leben u. werke der troubadours 2 270; das mögen sich unsere deutschen gelehrten zeug-fabrikanten und unsere poetischen goldarbeiter merken, die, in der schule Goethes gebildet, ihre wissenschaft und kunst und ihr edles gewerbe herabzuwürdigen glauben, wenn sie je auf etwas anders als auf neue erfindungen für die lust der reichen und vornehmen sinnen ... Börne (25. brief aus Paris) 14, 78; ein anderes princip des streites nimmt eine friedliebende confessionelle fraction (das centrum) in sich auf, wenn sie sich verbindet, oder wenn sie in sich erzeugt als ein unkraut, welches in jeder partei wuchert, (das ist) eine gewisse gattung publicistischer klopffechter, deren gewerbe gleich todt sein würde, wenn frieden wäre. Bismarck (rede im landtag 9./2. 1872) 5, 251; 'es sieht hier kaufmännisch aus' sagte der mann: 'der von hier aus mögliche wassertransport ist für mich unschätzbar'. dieses alles passte nun ganz gut zu dem gewerb eines bildhauers. Göthe (W. Meisters wanderjahre 3, 3) 23, 27.
b) auf grund dieser erweiterungen erwächst ein allgemeinster begriff, der in dem bedeutungsumfang von profession, handwerk seine parallelen hat und der das wort gewerbe fast in eine linie mit beruf stellt: man musz indessen gestehen, dasz die unterscheidung der zwei elemente unserer erkenntnisz, deren die einen völlig a priori in unserer gewalt sind, die andern nur a posteriori aus der erfahrung genommen werden können, selbst den denkern von gewerbe nur sehr undeutlich blieb ... Kant (kritik der reinen vernunft) 2, 627 Hartenstein; die vornehmsten begriffe der urkunde sind einzeln umschiffet: der verfasser wagts aber kaum, sich den beifall des herrschenden theils in diesem gewerbe zu versprechen. Herder (älteste urkunde 1, 3) 6, 255 Suphan; ... denn der ehrbare wandel ist ein langweiliger wandel, der rechtliche weisz weder, was die erhebungen der seele in der moral, noch die schwelgenden thränen der busze sind, er treibt sein gewerbe, wie alles wackere und tüchtige geschehen musz, einen tag wie den andern, ohne nur rechts und links zu sehen. Tieck (dichterleben 1) 18 (1844), 92. es sind aber gerade in dieser annäherung bemerkenswerthe unterschiede zu beobachten.
α) der synonyme gebrauch ist nur ein bedingter, meist erscheint er nur da, wo die kulturentwicklung oder wo die schicht der gesellschaft, von der die rede ist, an wissenschaftliche oder künstlerische berufe gar nicht denken läszt: dann inn derselbigen (der häuslichen herrschaft) erkennt der hauszfürst seines tachtropffes reichsgrentzen, ... seines underthanen gesindes gewerb, gesatz und gepreuch. Fischart Gargantua 92 neudr.; es ist beleidigter stolz (Kains), ... es ist stolz der erstgeburt, der person, des gewerbs, vielleicht schon des geschlechts — eine fürchterliche flamme. Herder (unterhaltungen u. briefe über die

[Bd. 6, Sp. 5520]


ältesten urkunden) 6, 172; welches gewerbes wird der gatte sein. inhalt eines serbischen liedes, s. Göthe 46, 316; geht aus einander, geht an euer gewerbe. es ist ein übles zeichen, wenn ihr an werktagen feiert. (Egmont 2) 8, 205; so war es und so musz es denn auch wohl sein, dasz jeder bei jeder gelegenheit seinem gewerbe nachgeht und seine thätigkeit zeigt. (lehrjahre 5, 2: Werner an Wilhelm) 19, 144;

(Marthe): und ihr, mein herr, ir reis't so immer fort?
(Meph.): ach, dasz gewerb' und pflicht uns dazu treiben. (Faust) 12, 161;

Merkur war, wie ihr wiszt, zu gleicher zeit der gott der diebe und der kaufleute, und es lag nahe, dasz er bei der wahl einer maske, die ihn verbergen, und eines gewerbes, das ihn ernähren könnte, auf seine antezedenzien und talente rücksicht nahm. Heine (götter im exil) 6, 89 Elster; und meinte, wer mit ganzer seele beim gewerbe sei, wer darüber nachsänne, wie er hier einen neuen kunden gewinnen, dort einen abtrünnig gewordenen wieder heranbringen wolle, der könne freilich nicht nebenbei geschniegelt und gestriegelt gehen, wie ein ladendiener. Hebbel Schnock; das gefühl, durch eigene kraft ... sich einen angemessenen credit zu eröffnen ... übt auf die lage von leuten groszen einflusz, welche bis dahin von der hand in den mund lebten und in gewerb und häuslichkeit allen plackereien und bevortheilungen ausgesetzt waren. Schulze-Delitzsch vorschusz- u. credit-vereine 5, 6.
β) diese bedingtheit auch des weiteren begriffes von gewerbe erhellt aus mannigfachen verbindungen; in amt und gewerbe wird besoldung und privaterwerb einander entgegengestellt (vgl. auch sp. 5483), in gewerbe und beruf der engere und der weitere begriff: dach und fach haben, bedeutet bei männern fürstliches decret und besoldung, oder sonst ein einträgliches gewerbe haben. G. F. Rebmann' s satyrisches handwörterbuch (1797) 10; sagt mir, mit was für einer mine wollt ihr bei unserm herrgott erscheinen, ihr meine brüder, fürsten, zinswucherer ... philosophen, narren und welches amtes und gewerbes ihr sein mögt. Bonaventura 6. nachtwache. Michel 51; denn in dem volke sind die grundbezüge der menschheit noch wach ..., da gilt das geschwätz noch nichts, sondern das gewerbe und der beruf. Immermann Münchhausen 2 1, 213; will der lehrling zu einem andern gewerbe oder berufe übergehen, so kann er ... gegen bezahlung des verfallenen lehrgelds austreten. Württemb. gewerbeordnung von 1828 (reg.-bl. s. 243); vgl.amts-, berufs- oder gewerbshandlung, s. DWB gewerbshandlung. als aufwendungen gelten auch solche dienste des vormundes oder des gegenvormundes, die zu seinem gewerbe oder seinem berufe gehören. dtsch. bürg. gesetzbuch § 1835 (reichsgesetzblatt 1896, 509); bei minderjährigen (sind aufzunehmen) die angaben der namen sowie des standes oder gewerbes der eltern. polizeiliches anmeldeformular (Berlin).
γ) dem entspricht auch, dasz die neuere rechtssprache, wo sie gewerbe allein gebraucht, immer den privaten erwerb voraussetzt: kein gewerbe, so klein es auch ist, und wenn es der handel mit federspuhlen wäre, musz jemand allein überlassen werden. v. Justi policeywissensch. (1756) 184; die regierung ist ermächtigt, bestimmten personen zum vortheil ihres gewerbes, ... befreiungen von zöllen ... zu erteilen. badisches staats- und regierungsblatt (1833) 213, art. 1; betreibt eine ehefrau, für deren güterrechtliche verhältnisse ausländische gesetze massgebend sind, im inlande selbständig ein gewerbe, so ist es auf ihre geschäftsfähigkeit in angelegenheiten des gewerbes ohne einfluss, dasz sie ehefrau ist. einführungsges. z. bürgerl. gesetzbuch art. 36 I (reichsgesetzblatt 1896 s. 612); im falle der tödtung, ... hat der ersatzpflichtige, wenn der verletzte kraft gesetzes einem dritten zur leistung von diensten in dessen hauswesen oder gewerbe verpflichtet war, dem dritten ... ersatz zu leisten. dtsch. bürg. gesetzbuch § 845 (reichsgesetzblatt 1896, 340).
c) der scheinbare widerspruch in dieser annäherung von gewerbe an den begriff beruf und in seiner abgrenzung gegen denselben löst sich, wenn man zwischen dem gebrauch des isolierten wortes und zwischen der formelhaften verwendung in festen verbindungen unterscheidet. denn in

[Bd. 6, Sp. 5521]


diesen vor allem liegt die ursache der bedeutungserweiterung.
α) unter den verbis, die das substantiv als object an sich ziehen, stehen die verba der bewegung an erster stelle. diese bewegung ist jedoch nicht als eine beschäftigung der hände zu denken, wie sie uns beim heutigen engeren begriff gewerbe nahe liegt, sie ist vielmehr aus den bedingungen des verkehrs zu erklären. denn eben die hieher gehörenden verbindungen knüpfen fast alle an die bedeutung von commercium an, sie sind theilweise den verwendungen von handthierung, handel, geschäft nachgebildet. erst in der weiteren entwicklung, die sich im rahmen der geschlossenen verbindung vollzieht, entfernt sich dann die formel von ihrem ausgangspunkt. nirgends läszt sich dies so anschaulich im einzelnen beobachten wie an der meist verwendeten verbindung ein gewerbe treiben. sein gewerbe treiben im gegensatz dazu stehen aber andere verbindungen, die von vornherein an allgemeinere bedeutungen des substantivs anknüpfen, wie ein gewerbe ausrichten, haben, machen.
1)) verbindung mit verbis, die eine bewegung zum ausdruck bringen. den ausgangspunkt bildet die bedeutung von commercium:
a)) gehen, eilen u. a.
α)) unnd weitter haben wir mit den einwonern Phenicie am mör gelegen, welche mit gewerb geflissen umbgehn, und umb gelts willen nach handlung fragen, kein gemeinschafft gehabt. Josephus deutsch (1) 149a; das XX. capitel ist von mumsen, das sind betler, die inn dem schin der beghart gond, und doch nit ist. als die in den kutten der nollbrüder gond und sprechen sie siend die willigen armen, die selben haben ire weiber an heimlichen enden sitzen, und gon mit irem gewerb umb, das heiszt in der mumschen gangen. liber vagatorum (1510) bei Kluge rotw. 1, 48.
β)) dann die gelehrten, reichen und was jn fürtrefflich ansahe, baht er mit grosser reverentz bei jm frölich zu sein, zubleiben, die andern armen und geringe leutlein (sagt er) hetten wol urlaub wider nach jhren gewerben zu gehen. Kirchhof wendunmut (1, 123 von verachtung der armen freunde) (1581) 125a; ebenso Eulenspiegel 68 neudruck;

kaum gelangten sie zu Paris schönem pallaste,
siehe, so wandten sich schnell die mägde zn ihrem gewerbe. Ilias übers. von
Bürger 3, 422;

der mann ging nun wider seinem gewerbe nach und fischte. Grimms märchen 1, 290 (goldkinder); seinem gewerbe nachgeht. Göthe 19, 144; geht an euer gewerbe 8, 205 (vgl. sp. 5503).

Reineke trat in die wohnung der frauen und fand sie nicht heimisch.
grüsz' euch gott! stiefkinderchen! sagt' er, nicht mehr und nicht minder,
nickte freundlich den kleinen und eilte nach seinem gewerbe.
Göthe (Reineke fuchs 3) 40, 41

(na sinem ghewin Reinke de Vos 1113;und damit ging er seine strasze.
Gottsched);

und so eilt' er hinweg nach seinem gewerbe 79 (Reinke de Vos 2271 wie oben; Gottsched: seinen vortheil zu suchen);
endlich trieb die noth nach dem gewerbe mich aus. (der neue Pausias) 1, 312.


b)) gewerbe führen: gwerb füeren, handtieren, werben. Frisius (1556) 863b; sie sagten auch, dasz sie iberische kauffleute ausz dem tartesischen königreiche weren und wolten von jhrem gewerb, den sie in der Tauben insel geführet ... zurück nach hause. Barclay's Argenis übers. v. Opitz 2, 249.
c)) gewerbe treiben.
α)) diese verbindung hat in beliebten formeln wie kaufmannschaft treiben (vocab. 1482), hantierung treiben (urk. von 1493, zsch. gesch. Oberrh. 9, 247) ihren stützpunkt: es wär dann ob er gewerb treiben wölt, wölich zunfft denn der selb gewerb am maisten berüren würd, in die selben zunfft sol er komen ungevarlichen. rathdekret v. Augsburg (1456), s. deutsche städtechron. 4, 147; gewerb oder antwerk triben. Villinger stadtrecht (15. jahrh.) § 101 und § 107, vgl. oben sp. 5512. da die belege alle spät fallen, ist es nicht möglich, festzustellen, welches der substantiva das verbum zuerst anzog. sicher ist nur, dasz die bedeutung commercium den ausgangspunkt bildete; vgl. die übereinstimmende buchung der formel gewerbe treiben in den wörterbüchern, die gewerbe unter

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commercium, negotium anführen: Cholinus - Frisius 576b. 722b; Frisius 863b; E. Alberus F 2a u. a. vgl. auch Hulsius 138a; Henisch 1597; Duez 199a; Rädlein 1, 382b; Pomey 133; Aler 935; teutsch-engl. wb. 771; Adelung 2, 655. ebenso läszt sich vermuthen, dasz diejenige bedeutung von treiben, in der es sich mit führen berührt, zu grunde lag; vgl. noch aus späterer zeit: kam ich ... zu ainem reichen man, Jos. Kramer ... ausz der weberzunft; doch treib er das handwerk nit ... er treib kaufmanschaft mit gefiell (zu fell) von der Steiermark ... dem treib er (ich?) alles sein gewerb gen Venedig, gen Frankfurt und gen Nürnberg. B. Zink, s. d. städtechron. 5, 128; vgl. auch: item umb die strass ze Rain und Liechtenwald, do süllen die meins herren iren gewerf treiben ân irrung zu irer notdurft. rechte des erzstiftes bei Leibniz und Gräz, s. österr. weisth. 1, 334. der heutige sprachgebrauch legt eine ganz andere vorstellung in das verbum, da ihm in der verbindung gewerbe treiben der engere begriff der handarbeit vorschwebt, vgl.: solle richter, rath, ... gewalt haben solche alsz mitburger aufzunemben und ein solchen alles burgerliche gewerb ... zu treiben erlauben. banntaiding zu Weiz (17. jahrh.), österr. weisth. 6, 192; geistliche dürfen weder für sich selbst, noch durch die in ihrem hause lebende familie, kaufmannschaft oder burgerliche gewerbe treiben. allg. landrecht f. d. preusz. staaten (1832) II 11 § 93.

männer, hart von faust,
die in Athen hier ein gewerbe treiben,
die nie den geist zur arbeit noch geübt,
und nun ihr widerspänstiges gedächtnisz
mit diesem stück auf euer fest geplagt.
A. W. Schlegel Shakespeares sommernachtstraum 5, 1 (men, that work in Athens here).

dem entsprechend zieht die neuere sprache da, wo sie den weiteren begriff von gewerbe aufnimmt, das compositum betreiben vor: es sei eine junge witwe, die in guten umständen ein reichliches gewerbe mit den erzeugnissen des gebirges betreibe. Göthe (W. Meisters wanderjahre 3, 5) 23, 67; sein heirathsgewerbe betreiben. Musäus volksmärchen 2, 58 Hempel; nur solche personen, die kaufmännisches gewerbe in der stadt betrieben, standen ohne rücksicht auf ihren geburtsstand in handelssachen vor dem stadtgericht zu recht. R. Schröder deutsche rechtsgeschichte (1889) 596. ähnlicher erweiterung unterliegt auch die alte verbindung mit üben (vgl. sp. 5508 unten): jedem ... welcher auf dem grundstücke ein gewerbe ausüben will. entscheid. d. reichsgerichts in civilsachen 41. 57.
β)) auf diesen kaufmännischen vertrieb von waaren war die verbindung gewerbe treiben in der älteren sprache ganz eingeengt (vgl. sp. 5504. 5507): das iedermann sein aigen handwerck und gwerb treiben sol. Reisers reform. Sigism. s. 218 Böhm; ähnl. 220; da nuh solch gebott auszgangen, erschracke schier jedermann. fürnemlich aber die teutsche unnd engelländische kauffleuthe, welche in des keisers landen unnd stätten, unnd sonderlich zu Antorff, in grosser anzahl jhre gewerbe unnd handthierung treiben. Sleidanus beschr. geistl. u. weltl. sachen 300b. die gleiche formel im privileg der stadt Lübeck (1473), ebenso in Ryffs übersetzung des Artemidorus 49b; gewerb und kauffmannschaft treiben. Opitz 2, 44 (zu gewerbe und handel treiben, s. sp. 5523); als menger hott zwen, oder dri sn, und schicket einen in England, denn andern schickt er gon Rom, und den dritten gon Venedig, und schickt den selben grosz gt noch, domit sie sollend den gewerb triben. Geiler von Keisersberg postill (1522) 1, 14b; dise äschen bringen die moren auff camelen von bergen herab inn die statt, etlichen kauffleüten z, die grosse gewerb darmit treiben, dann sie solche zum thail verschicken, zum thail auch saiffen darausz machen. Rauwolf reisbeschreibung 38; in Schottland ist Edinburg die hauptstatt, ... und ist doselbs ein namhafftig port, Letham genempt, do die Schottlender vil gewerb triben. Münster cosmogr. (2) s. 41, ebenso (3) 456; dann man sihet, was doch die Spanier für eine unsägliche kauffmanschafft mit dem honig treiben, dieweil sie vonwegen der manigfaltigen und grosser ungelegenheit jhres lands kein ander bequemer gewerb mögen treiben, dadurch sie sich bereichen, und zu grossem gelt und gut mögen kommen, dann alleine durch das blose honigswerb. Sebiz vom feldbau 307;

[Bd. 6, Sp. 5523]


mit untruwe drive ick min gewerve. jüngere glosse zu Reineke de Vos s. 5 Brandes (sprichwort auf die kramer und poklüde).

jeder, der in der stadt ein zunftmässiges gewerbe treiben will. preusz. landrecht 2, 8, 181; monopol ist ... das vorrecht ... irgend ein gewerbe, mit ausschluss aller übrigen ... zu betreiben. über den freien manufacturhandel (Berlin 1809) 8 u. a.
γ)) die erweiterung des begriffes innerhalb der verbindung gehört der jüngeren sprache an, wenn sich auch ansätze zu übertragung schon im 16. jahrh. zeigen. vgl. DWB gewerb oder handthierung treiben (vom juristen) bei Melanchthon (s. sp. 5518);

was gwärbs meinst, msz er ietzund triben?
dann hie mag er nit lenger bliben.
Georg Binder (Acolastus 4, 4) schweiz. schausp. 1, 238;

in Garves übersetzung des Adam Smith wird die formel auch auf den landwirthschaftlichen betrieb angewendet (s. sp. 5517), vgl. auch: wo die ... Lateiner, sklaven gleich das feld bauen und sonst mühseliges gewerb treiben. Göthe 38, 362; vgl. die gleiche formel in Grimms märchen (vom fischer, s. o.).
δ)) die reichste entwicklung zeitigt jedoch die übertragung auf handlungen, die gar nicht unter den begriff einer berufsthätigkeit fallen. gerade nach dieser seite hat sich der verwendungskreis der formel gewerbe treiben ausgedehnt:

ich mag gestehn,
dass ich damals kein sonderlich gewerbe
trieb, denn ich raubt' auf freier strasze frech.
Tiek (kaiser Octavianus 1, 5) 1, 413;

thut nicht gut, ein zweierlei gewerb treiben. ihr hattet einen vater zu rächen, seinen mörder aufzuspüren, und diesen herrlichen, gerechten, blutrothen beruf verlieszet ihr um eitler liebeslust willen. K. Immermann (die verschollene) 17 378;

natürlich trieb ich mancherlei gewerb,
citirte geister, stand verliebten bei,
verkaufte todte an lebendige ...
Hebbel (Genoveva 3, 2) 1, 135 Werner;

falsches zeugnisz als ein gewerbe treiben. Göthe 35, 8 (s. o.); männer, welche die schriftstellerei nicht als gewerbe trieben, sondern als eine würdige beschäftigung edler seelen ansahen. Schlosser weltgeschichte 4, 349; was für sitten kann ein tempel der dichtkunst stiften, wo wechslertische und taubenkrämer, recensenten und ochsenhändler ihr gewerbe treiben. Herder (über die wirkung der dichtkunst) 8, 430 Suphan; ir gewärb mit dem läben der menschen treiben, negotiari animas. Cholinus-Frisius 576b; Frisius 863b; Aler 936a; der mit der wolthat nicht gewerb und handel treibt. Rachel sat. ged. 85 Drescher; welche mit dem, was man etwas uneigentlich liebe zu nennen pflegt, ein gewerbe treiben. Wieland (Agathon 9, 8) 2, 234; so treibt jeder, der pfandbriefe besitzt und statsschuldscheine, mit der politik sein gewerbe. F. L. Jahn 2, 311; die richter treiben ein öffentliches gewerbe mit der gerechtigkeit. Forster briefe über Italien 2, 203; mit eid und treue ein gewerbe treiben. Schlosser weltgesch. 6, 298.
ε)) auch der relative gebrauch, der an dieser formel lebhaft betheiligt ist (zu der anknüpfung an den engeren begriff commercium vgl. wendunmut 1, 231; österr. weisth. 1, 334. 6, 192; Opitz Argenis 2, 262; jüngere glosse zu Reinke de Vos u. a.), begünstigt die verallgemeinerung und erweiterung des begriffes [vgl. auch unter δ))]. die Römer haben allda (in der stadt Dioscarias in Colchis) ir gewerb getriben durch hundert und dreissig tulmätzen. Aventin werke 673, 29 neudruck; vgl. Luther 2 Maccab. 11, 29; vgl. die so ... bulschaft tribend ... ir gewerbe tribend. Straszburger zunftordnungen 459;

ihr gesell, die wassermaus,
die sich in den fluthen drehte,
machte sich nicht viel daraus,
sie treibt ihr gewerb' in flüssen,
wenn es auf der erde ruht.
Lichtwer fab. 173 (d. kröte u. d. wassermaus).


d)) ebenfalls von der parallele mit commercium ausgehend, erweitern ihren kreis die verbindungen: ein gewerbe eröffnen, einem das gewerbe legen: kaum entfaltet die natur ihre freundlichen schätze, so sind die kinder dahinterher,

[Bd. 6, Sp. 5524]


um ein gewerbe zu eröffnen; keines bettelt mehr; jedes reicht dir einen strausz. Göthe (wahlverwandschaften 9) 17, 310;

sie zankten sonst in manchem falle;
doch jetzo waren einig beid',
auf dasz Cornwall nicht ganz verderbe,
Tristan zu legen das gewerbe.
K. Immermann (Tristan und Isolde 1) 13, 88.

zur grundbedeutung vgl. niderlegung ires gewerbes (vgl. sp. 5514); vgl. auch das handwerk legen; anders: ein solche practick ... die ... an jrem gewerb ein abgang brechte. Fischart aller practick groszmutter, vorrede.
e)) andere verbindungen halten sich enger im rahmen des fachmännischen gebrauches: musz jeder, welcher dergleichen gewerbe ausstellen will, zuvor ... anzeige machen. preusz. landrecht 2, 8, 180; die witwe eines zunftgenossen kann ... das gewerbe ihres mannes durch gesellen fortsetzen. 2, 8, 238 u. a.
2)) dagegen knüpft an ältere verwendungen an (s. unter II, 2, a sp. 5494) die verbindung sein gewerbe aus-, verrichten: rait gen Venedig und trib kaufmanschaft und füert pallen von Venedig herausz und richtet meinem herrn also sein gewerb ausz. B. Zink deutsche städtechroniken 5, 137; ebenso 130; dass sie (die kaufleute) ... nach verrichtung ihres gewerbes bald zu schiffe gehen. Barclay' s Argenis (2, 5, 5) übers. von Opitz 2, 273; sein gewerb verrichten, faire ses affaires Duez (1664) 199a.
3)) auch bei der verbindung gewerbe haben scheint die allgemeinere verwendung nicht secundäre erweiterung zu sein, sondern unmittelbar auf die oben unter II behandelte bedeutung auftrag, vorhaben, besorgung zurückzuführen; daneben hat sich jedoch auch die engere beziehung auf den handel entwickelt.
α)) allgemeinere fassung: wie mir dann warnung zu kommen, dasz der alt Stumpp gewerb hätte, welches ich erfahren wolt, und hielt vor Thomeneck, da kamen 5 pferde, die hinein zum Stumppen wollten, unter denen ich die 4. niederwurff und blieb einer todt ... Götz von Berlichingen leben 44 Bieling;

fremdlinge sagt, wer seid ihr? von wannen trägt euch die woge?
habt ihr wo ein gewerb' oder schweift ihr ohne bestimmung
hin und her auf der see: wie küstenumirrende räuber.
Voss Odyssee 9, 253.


β)) engere beziehung auf den handel: das ainer gwerb hatt mer dann im zgehört. Reisers reform. kaiser Sigism. 218 Böhm; ein gewerb haben, seine nahrung suchen, accipere quaestum. S. Calvisius thes. lat. 660a; gaudere commercio ..., ein gut gewerbe haben. Ianus philolog. lex. 775; sein gewerbe haben. Stieler 2547; hatt jre ehrliche gewerb und kauffshandlung. Mathesius 2, 82; ebenso Logau sinnged. 2766; so gehörten unter die kramer alle, die ein offenes gewerbe, kram und laden hatten. P. v. Stetten 1, 7; vgl. auch Justi 12, 183 (s. sp. 5510). vgl. auch ein eigenes gewerbe haben.
4)) auch die verbindung sich ein gewerbe machen, ein gewerbe aus etwas machen, zeigt wendungen, die an die ältere form des allgemeinen begriffes anknüpfen, andere erwachsen der bedeutungsverengerung von gewerbe im sinne von quaestus und erweitern sich später wieder durch übertragung.
a)) die reflexivconstruction knüpft an den allgemeinen begriff (vgl. unter II) an: der medicus und chirurgus wurden endlich wegen allzulanger verzögerung der cur überdrüszig, machten sich ein anderwertig gewerbe und überliessen mir den patienten alleine. des getreuen Eckharts unwürd. doctor (1697) 181; ich solte mir morgen, ohngefähr zwei stunden früher als ich heute gekommen, ein gewerbe machen, wiederum an dieser stelle bei ihr zu erscheinen. insel Felsenburg 1, 30 neudr.; sie machte sich oft ein gewerbe bei ihm und sah ihn dann so eigen an, dasz ihm in ihrer nähe wunderbar zu muthe ward Immermann 7, 84.
b)) die wendung ein gewerbe aus etwas machen knüpft an die bedeutung von quaestus an: aber daher kömmt es auch, dasz die, welche, in diesem gebildeten zustande der gesellschaft, ihr gewerbe aus sachen machen, welche den übrigen zu zeitvertreiben dienen, durchgängig sehr arme leute sind. Garve verdeutschung des Adam Smith

[Bd. 6, Sp. 5525]


(1, 10) 1, 184 (who follow as a trade, what other people persue as a pastime); ebenso (5, 1) 4, 13. 4, 15. 4, 154; vgl. auch teutsch-engl. wb. (1716) 771; über seine armuth klagt er öfters, und eben sie mag ihn bewogen haben, aus der kunst des gesanges, die von andern aus freier lust geübt ward, ein gewerbe zu machen. Uhland (Walther von der Vogelweide 1) schr. 5, 14; nach § 52 preuss. gew.-o. vom 17. januar 1845 bedurften ... einer konzession diejenigen, welche ein gewerbe daraus machen, leichen zu reinigen. entsch. d. reichsger. in civils. (1898) 41, 55; das 'ein gewerbe machen' oder die gewerbsmässigkeit besteht bei dem vergehen § 284 darin, dass die absicht auf fortgesetzten erwerb aus dem spiele gerichtet ist. entsch. d. reichsger. in strafs. (1886) 14, 30.
c)) reflexive und nicht reflexive wendungen vereinigen sich in der erweiterung des begriffes: ihr wiszt es vermuthlich, dasz eine art von leuten sich in Italien ein gewerbe daraus macht, dem müszigen volke auf den hafendämmen oder auf den öffentlichen marktplätzen geschichten zu erzählen. J. Mosen 7, 220;

Deutsche sind zigeuner,
die vom prophezein gewerbe machen.
eigen haus und hof hat keiner;
aber fremden sagen sie die schönsten sachen.
Immermann gedichte (werke 11, 189);

lügen sind schlechte brücken; gewisz aber brechen sie unter dem am ersten ein, der sonst kein gewerbe aus ihnen macht. reisejournal 3, 6 (10, 207); sie machten nämlich kenntnisse, kritik und den ernst der wahrheit zu einem gewerbe und brachten dinge, die ihrer gewichtigen natur nach immer etwas esoterisches behalten, zur verzettelung vor gemischten kreisen. ebenda 2, 11 (10, 135).
β) in allen den bisher betrachteten festen verbindungen ist es immer wieder der relative gebrauch gewesen, der erweiterungen und verschiebungen des begriffes in hohem grade begünstigt, vgl. vor allem unter den verbindungen mit gehen, treiben, verrichten. ihm sind noch besondere formelhafte wendungen eigen, in denen der bedeutungsgehalt des substantivs durch die engere beziehung auf einzelne träger der bestimmungen differenziert wird. es ist die gleiche erscheinung, wie sie schon in der geistlichen litteratur der mittelhochd. periode am allgemeineren begriff beobachtet wurde (s. sp. 5500). vielleicht knüpfen einzelne formeln auch unmittelbar dort an, die meisten lassen sich als neubildungen erweisen, die den engeren begriff wieder erweitern:
1))

jung und sieghaffter held, ruhm des berühmten Brennen,
wie würdig wird man ietzt dich seinen folger nennen!
fängt doch dein regiment mit solchen wundern an,
die Friedrich Wilhelm selbst im alter erst gethan.
du treibst im ersten jahr dein und der welt gewerbe.
du bringest deinen freund zu seinem königs-erbe.
Besser (an Friedrich III. von Brandenburg) 191;

man hat gewissermaszen lange weile, weil man zur arbeit keine sammlung und stimmung findet. indessen sende ich doch heute etwas manuscript der farbenlehre an Frommann. so wie jeder sein gewerbe wieder anknüpfen musz, so wollen wir's denn auch an dem unsrigen wo möglich nicht fehlen lassen. Göthe briefe 19, 225; dieser kleine ort (Kehl) steht diesseits und jenseits des Rheins in einem etwas zweideutigen rufe, der ihm übrigens, gleich einer hübschen dirne, ohne dasz die liebhaber sich durch ihr bescheidenes unschuldiges gesicht irre machen lassen, vortrefflich zu seinem gewerbe dient. Thümmel (reise 1) 1, 22; in den ländern ... die an das Venetianische gebiet gränzen, hatte sich ein volk niedergelassen, dessen ganzes gewerb in der seeräuberei bestund. Schiller (verschwörung des marquis v. Bedener) 4, 115;

und einem groschen nachzustellen, stehn wir nun
in der verstellung kleid an dieser stelle.
die armut kann wohl einen, der mit heldenmut
geprahlt hat, dazu bringen, dasz er prelle.
dies ist mein zustand nun, und dies ist mein gewerb'.
du von der schuld zieh ab die unglücksfälle!
Rückert (33. makame) 6, 177 Beyer.


2))

ruhm, überflusz und allmacht giebt
ein volk dem fürsten, der es liebt.
dies heisz ich staatskunst, das gewerbe
des erdengottes.
Pfeffel (erziehung d. löwen) poet. versuche 5, 64;

(gott) ... der verpönt hat zins und wucher —
und erlaubt das gewerbe der wohlthatensucher.
Rückert (24. makame) 6, 133 Beyer.

[Bd. 6, Sp. 5526]


fremde staaten mit hilfe der revolution zu bedrohen, ist seit einer ziemlichen reihe von jahren das gewerbe Englands. Bismarck an Manteuffel 4. 2. 1857.

denn mord allein ist sein (des wolfs) gewerbe (for murder is his trade).
Thomson jahresz., übers. v.
Brockes 331 (herbst);

(Thumelicus): kein werkzeug führt' ich jemals, als das schwert;
die waffen brauchen, das ist mein gewerbe!
Halm (fechter v. Ravenna 3) 3, 115 Schlossar;

... was deutsch, was römisch!
ich bin ein fechter, kampf ist mein gewerbe. ebenda 3, 120;

dort (wo Speckbacher befehligt) gilt es vorsicht! er versteht,
ich hab 's erfahren, gründlich sein gewerbe.
Immermann (trauerspiel in Tirol 2, 7);

sag ihnen, mein handwerk ist wiedervergeltung — rache ist mein gewerbe. Schiller (räuber 2, 16) 2, 266; mein gewerbe ist ein solches, in dem man viele feinde gewinnt, aber keine neuen freunde. Bismarck an Roon 13. 12. 72; 'komm', sagte er und faszte Reginens hand. 'komm, lasz den alten mann fluchen, es ist ja sein gewerbe'. Sudermann katzensteg 249.
γ) die bevorzugung des verb. substantiv. und ähnlicher hilfsverba läszt sich auch beim absoluten gebrauch beobachten. an die stelle der possessiven bestimmung treten dann gern attributive bestimmungen (vgl. auch sp. 5510): sobald die kunst desz redens ein gwärb ist worden, nach dem die redner habend anfangen umb gwin und nutzes willen z reden. ut lingua primum esse coepit in quaestu. Maaler 201c; es ist nun ein eigenes gewerbe, gypszeltlein durch den trichter gemacht, die den schein von drageen haben, in grossen körben zum verkauf mitten durch die menge zu tragen. Göthe (2. aufenthalt in Rom) 29, 253; kurz, er hat sich das gebot auferlegt allen zu schmeicheln; denn das ist itzt das einträglichste gewerbe. Rabener (vom miszbrauche der satire) 1, 126; es ist kein dankbares gewerbe, sich bis zu diesem grade mit seiner person einzusetzen, Bismarck reden 7, 230; dieser ostrazismus von stimmen aus dem vaterlande, die ein einziger .,. einsammelt ... dieses schändliche gewerbe von lob und tadel das unser tribunal? Lenz vertheidig. Wielands s. 11, litt. denkm. 121;

doch ist dein umgang nichts als ein beredt geschwätz,
nichts als ein leer' gewerb vornehmer eitelkeiten,
nichts als der witz, den ruhm der andern zu bestreiten,
ist's nichts als schmeichelei, nichts als der geist der pracht,
des balles und des spiels, der so beredt dich macht:
so wird er seine zeit ungern bei dir verschwenden.
Chr. F. Gellert moralische gedichte: der christ (Hempel s. 113).


δ) die vorstellung eines metaphorischen gebrauches, einer griffsübertragung, wie sie zahlreichen der eben belegten verwendungen zu grunde liegt, begünstigt die anknüpfung mit entsprechenden partikeln: wenigstens ist die gelehrsamkeit, als ein gewerbe, unter uns in noch ganz leidlichem gange. die meszverzeichnisse sind nicht viel kleiner geworden; und unsere übersetzer arbeiten noch frisch von der faust weg. Lessing (briefe, die neueste litteratur betr. 1, 2) 83, 5; weil die hieroglyphen wissenschaften enthielten, die man die geheimen nannte, die auch arkane des priesterstandes, als sein gewerbe blieben: so erdichtet er, die hieroglyphen sein auch nur erfunden, geheime wissenschaften zu verbergen. Herder (älteste urkunde 2, 5) 6, 388 Suphan; dazu vgl. DWB machen nun die regierungen die philosophie zum mittel ihrer staatszwecke; so sehen andererseits die gelehrten in philosophischen professuren ein gewerbe, das seinen mann nährt, wie jedes andere. Schopenhauer (die welt als wille und vorstellung, vorrede zur 2. aufl.) 1, 18 Grisebach.
3) neuere bedeutungsverengung: gewerbe kennzeichnet den betrieb im gegensatze zum vertrieb, es tritt in bedeutungsgemeinschaft mit handwerk und industrie.
a) wie sich gezeigt hat, führen mehrere wege zu diesem ziel:
α) im rahmen des städtischen wirthschaftslebens heftet sich an den begriff gewerbe = commercium immer mehr die vorstellung des kleinvertriebes im gegensatz zu dem groszvertriebe, der ausschlieszlich als handel gekennzeichnet wird. so unterscheidet das preuszische landrecht II, 8 § 41 zwischen brauern, gastwirthen ... und anderen, welche

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mit dem verkaufe ... ein gewerbe treiben, und den kaufleuten. dazu vgl.: bücher der brauer, bäcker oder anderer personen, welche ein öffentliches gewerbe treiben, ingleichen der krämer in dörfern und flecken, haben keine beweiskraft, auch wenn sie an sich auf kaufmännische art geführt wären. II, 8 § 277; bestimmungen, durch welche die grenze des kleingewerbes nach massgabe des .. handelsgesetzbuches näher festgesetzt wird. preusz. gesetzsammlung (1900) 303.
β) in diesem begriff gewerbe sind zwei entgegengesetzte vorstellungen vereinigt: eine nicht productive thätigkeit im vertrieb der waaren und productive arbeit in der herstellung oder veredelung derselben: fälle, wo ein gewerbtreibender zwangsweise zur arbeit oder zum verkauf seiner waaren anzuhalten ist. Württemberg. gewerbeordnung von 1828 reg.-blatt s. 240; je mehr das productive moment betont wird, um so mehr verflüchtigt sich die vorstellung des vertriebs: die vortheile, die es mit sich bringt, eine fortgesetzte reihe von unternehmungen auf gleichartige produktion zu richten ... (eine solche reihe) wird ein gewerbe oder eine gewerbeunternehmung genannt. Riedel nationalöconomie (1839) 2, 7; in der engeren bedeutung wird diese thätigkeit aber nur dann als gewerbe bezeichnet, wenn sie die verarbeitung von erzeugnissen bezweckt. Hue de Grais handbuch der verfassung u. verwaltung 530. vgl. auch gewerbserzeugnisse, gewerbsproducte u. a.
γ) die einseitigkeit in der betonung des productiven momentes findet an mancherlei neigungen des sprachgebrauches anlehnung. auch bei dem lehnwort profession läszt sich beobachten, dasz die gewohnheitsmäszige verwendung den ursprünglich weiten gebrauch immer enger in die gleiche richtung treibt: profession, handthierung, nouveau dict. (Genf 1683) 1137; bald wird in Frankreich die profession eines sittenlehrers die profession eines wagehalses werden. Lessing 53, 144; die instrumente, welche sie (die handwerker) zu ihrer profession brauchen. collectanea des handels u. gewerbes s. 48; professionist, der handwerker. Campe verdeutschungswb. s. 500. ganz ebenso bevorzugt der neuere sprachgebrauch auch gewerbe in den fällen, wo ein handwerk entweder gekennzeichnet oder vorausgesetzt ist; es hat alda (in Bischoffzell) ein stattlich volck: jr gröster gewerb ist spinnen, wäben und der leinwaad und gespunst sich erneeren. Stumpf schweiz. chron. (1606) 430a; der meister (schuster) gieng nach seinem gewerbe. Eulenspiegel 68 neudruck (vgl. sp. 5521); der schuster ein goldmacher schildert einen handwerker, der über der hoffnung, gold zu machen, sein gewerb fahren läszt. Sonnenfels briefe über d. wienerische schaubühne 4, 10 (Wiener neudrucke 7, 323); bei denen Beotiern ware der brauch, dasz, wenn ein schuldner auf den bestimmten tag oder zeit nicht bezahlen kunnte, wurde er auf offentlichen marckt geführt, auf ein erhobenes schauort gesetzt, und, zum zeichen seiner grösten schand, ein grosser korb über ihn geworffen ... o wenn dieser brauch noch wære, was für ein gewerb würden da die körbl-macher bekommen. Stranitzky (ollopatrida des durchgetriebenen Fuchsmundi) 307 neudr.; 'welch gewerbe treibst du'? ... 'nun, herr ich bin ein zimmermann'. Schlegel Shakespeares Julius Cäsar (1, 1 what trade art thou? von was für einem handwerk bist du? Wieland; an anderer stelle auch bei letzterem gewerbe); die zubereitung des leders überhaupts, und besonders die färbung desselben, gehört unter die chymischen gewerbe. P. v. Stetten 1, 258; nächst der kattunweberei ist die lodweberei, oder das weben von fuszdecken eines der beträchtlichsten gewerbe in Augsburg. Nicolai reise 8, 30; er war ein entsetzliches genie, und hatte ... zu allem in der welt lust und trieb, nur zu seinem eigentlichen gewerbe nicht. und dieses gewerbe bestand darinn, dasz er brillanten und edle steine ... in gold, silber ... zu fassen verstand. Joh. Gottw. Müller Siegfried v. Lindenberg 108;

seid ihr 'ne bäckersfrau,
die ihren altknecht freit auf ihr gewerb.
Grillparzer (Ottokar 1) 65, 35. vgl. auch 95;

so lange ein meister in gefänglicher haft sich befindet ... mag seine frau das gewerbe durch gesellen fortsetzen. preusz. landrecht 2, 8 § 277 (ebenda § 303 das handwerk fortsetzen);

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stirbt der meister ... mit hinterlassung einer wittwe, welche das gewerbe fortsetzt. Württemb. gewerbeordnung von 1828 reg. - bl. s. 244 (ebenda: wenn sie auch das handwerk ... fortsetzt); nach den schuljahren ist der grösste theil in den werkstätten aller art beschäftigt. da gewinnen selbst bei den rascheren und schwereren gewerben nur diejenigen glieder, die zur arbeit gehören, an kraft. Guts Muths turnbuch einl. s. 21; das handwerk hatte nämlich eine doppelte ... vereinigung, eine rechtliche ... und eine religiöse ... beide beziehungen hielten das gewerb in ehrbarkeit zusammen. Mone zsch. geschichte Oberrheins 2, 3; was die gewerbe an holzarten brauchten, wie die wagner, gerber, köhler, war entweder nicht viel, oder ihr bedürfnisz konnte zum theil mit abholz befriedigt werden. 2, 16 die beiden gewerbe der kupferschmiede und gerber sind in dem werke von Berlepsch 'chronik der gewerbe' ... nicht enthalten. 2, 5; nun begab es sich, dasz ein Genueser, ein bartscherer seines gewerbes und ein zungendrescher und windbeutel ohne gleichen, sich an das mädchen anmachte. Halm (das haus an der Veronabrücke) 4, 107 Schlossar; Heinrich Moldenhuber ... war inzwischen auch cigarrenmacher geworden, genau aus demselben grunde, aus dem Ludwig Semper bei diesem gewerbe blieb. Otto Ernst Asmus Semper 232. vgl. auch zusammensetzungen wie baumwollengewerbe, beckergewerbe, buchgewerbe, küblergewerbe, saltzgewerbe, schiffergewerbe, seidengewerbe, webwaarengewerbe, wirthschaftsgewerbe, wollengewerbe, zimmermannsgewerbe u. a.
δ) begünstigt wurde diese betonung des productiven momentes durch den aufschwung, den seit der mitte des 18. jahrh. gerade diese seite des wirthschaftslebens nahm. von auswärts nach Deutschland übergreifend, führte diese entwicklung zunächst auch fremde bezeichnungen ein: manufacture, fabrique, industrie, technik. als begleiter, als ersatz, als ergänzung dieser fremdworte gewinnt gewerbe mit seinem neuen engeren begriffe boden: im übrigen machte man aus dem commerce keine besondere wissenschaft, bis dasz man das spinnen und weben erfand und ... in cramläden manufacturen ausgab. G. Schumann übersetz. des Belloni (1752) s. 57; wir müssen vorhero unser innerlich gewerbe, unsere manufacturen und nahrungsmittel verbessern, ehe wir an ein ... commercium mit fremden denken können. collect. d. handels u. gewerbes (1754) 83; zustand des handels und der gewerbe ... sehr glückliche zeiten scheinen unserm handel, unsern fabriken und manufakturen bevorzustehen. preusz. handlungszeitung (1801) s. 150; dasz ich die gewerbe, so ohne hammer und feuer arbeiten, manufacturen, die entgegengesetzte art aber fabricken nenne. Joh. Fr. v. Pfeiffer die manufact. u. fabriken Deutschlands (1780) 1. einl.; dasz sie nicht die industrie entfernter völcker, sondern den fleisz der landesleute bezahlen. collect. d. handels u. gewerbes s. 67. u. a. vgl. den reichlichen gebrauch des wortes industrie bei Nicolai reisen (8, 18. 37. 97. u. a.; vgl. auch unter gewerbfleisz und s. sp. 5529). zur technik vgl. gewerbelehre = technologie u. a.; vgl.: er zog erkundigungen ein über die technischen gewerbe, welche andere gutsbesitzer eingerichtet hatten. G. Freytag (soll u. haben 1, 6) 4, 75.
b) aus dieser neuen engeren bedeutung von gewerbe ergeben sich nun mannigfache neuerungen und verschiebungen.
α) gewerbe tritt zu den künsten in engeres verhältnis. während der allgemeinere begriff den schroffsten gegensatz zwischen gewerbsmäsziger und künstlerischer bethätigung entwickelt, sucht der engere begriff eine annäherung (s. gewerbegeschichte), die im compositum kunstgewerbe gipfelt: nur dasz in einigen die cultur der gesellschaft schon höher gestiegen war und aus mancherlei ursachen mehrere künste und gewerbe vereint hatte. Herder (ideen z. philos. d. gesch. d. menschh.) 13, 311; wie wenig gebrauch man bisher im ernst in der haushaltung, gewerben und künsten von demjenigen gemacht hat, was die physik von dem feuer und dessen vortheilhafter unterhaltung bereits sehr deutlich lehrt. Lichtenberg verm. schriften 6, 140; der ausdruck freie künste hat bei den alten eine andere bedeutung ... als nachher, wo er wieder theils den höheren facultäten, theils den zunftmässigen gewerben entgegengesetzt wurde. Hugo naturrecht

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(1819) 167; ein staat kennt keinen andern vortheil, als den er nach procenten berechnen kann. er will die wahrheit anwenden — und worauf? auf künste und gewerbe. H. v. Kleist briefe an seine braut 206;

es blüht in ihrem (der bürger von Lindau) kreis ein streben
für künste und gewerb' ein frisches, freies leben.
Lingg (das fest in Lindau) ged. 281;

während das gewerbe im gegensatz zu der auf die schönheit gerichteten kunst zunächst nur zwecke der nützlichkeit verfolgt, finden beide richtungen in dem kunstgewerbe ihren natürlichen vereinigungspunkt. Hue de Grais handbuch der verfassung u. verwaltung 563. vgl. auch kunstgewerbe im bürgerl. gesetzbuch § 196.
β) andererseits entwickelt die an gewerbe haftende vorstellung des kleinbetriebs eine neue form des gegensatzes gegen den groszbetrieb, der sich an die begriffe der fabrik, im collectivgebrauch der industrie, heftet: in einem lande sind die industrie und die gewerbe weiter vorgerückt als in einem andern. verhandl. der Francfurter nationalvers. (I) 764a;

lebhaft wurden die gassen; denn wohl war bevölkert das städtchen,
mancher fabriken beflisz man sich da, und manches gewerbes.
Göthe (Hermann u. Dorothea 1) 40, 236.

eine fabrik-concession im gebiete zünftiger gewerbe wird nur dann ertheilt, wenn die beabsichtigte gewerbe - einrichtung sich von dem gewöhnlichen handwerksmässigen betriebe desselben gewerbes auf eine die fabrikation fördernde weise unterscheidet. Württemb. gewerbeordnung von 1828 (reg.-bl. s. 271); gewerbetabelle der fabrikationsanstalten im herzogthum Nassau für 1847; mit manchen gewerben will es in unserem deutschen vaterlande nicht recht fort; besonders wollen grosse einrichtungen, fabriken, nicht immer recht gedeihen ... du kaufst viel lieber ein rasiermesser, eine nadelbüchse oder eine sense, weil das ... aus Paris — aus London angekommen ist. Auerbach schatzkästlein (vom gewerbfleisze) 2, 107; im engsten sinne wird das gewerbe der fabrikation (industrie im engern sinne) entgegengesetzt ... gewerbe in dieser gegenüberstellung bezeichnet den mit ... weniger mitteln ... arbeitenden kleinerwerb gegenüber dem grosserwerb. Schäffle im dtsch. staatswörterbuch 4, 318. 319. dazu vgl. schon aus den verhandlungen der Frankf. nationalversammlung: jeder Deutsche hat das recht, überall das zu treiben, was er gelernt hat; ... ich habe absichtlich den satz gewählt ... was er gelernt hat, im interesse des bürgerthums und der gewerbe ... denn bei unbedingter gewerbsfreiheit kann ich mit einem biszchen talent alle gewerbe total vernichten ... es ist eine grosze calamität, dass bis jetzt schon das fabrikwesen zu tief in die geschäfte des handwerks eingegriffen hat ... so wird dadurch der geldaristokratie die möglichkeit abgeschnitten, dinge zu treiben, die sie nicht gelernt hat. berichte s. 765b.
γ) in dieser entwicklung streift der engere begriff ein merkmal wieder ab, das besonders am charakter des bürgerlichen gewerbes gehaftet hatteob dieses mehr dem handel oder dem handwerk zuneigtedas des selbständigen betriebs. wohl waren auch unselbständige leistungen, vor allem die der dienstboten (vgl. oben sp. 5521) gelegentlich gestreift worden, aber immer nur auf grund der verallgemeinerung oder übertragung. dagegen vgl. DWB erstens sagt der volkswirthschaftliche ausschusz statt 'kunst und gewerbe zu treiben' — 'jeden nahrungszweig zu betreiben'. die ausdrücke 'kunst und gewerbe' erscheinen dem volkswirthschaftlichen ausschusz viel zu eng. es kommt darauf an, dasz auch jeder arbeiter, der lediglich seine gesunden arme hat, ... das recht habe, sich in ganz Deutschland niederzulassen ... weil gewerbe sowohl im gewöhnlichen volksleben, als auch im technischen sinne, einen bestimmten speziellen kreis der arbeit bezeichnet. ebenda 756b. in folge der industriellen entwicklung greift gewerbe im engeren sinne nun auch auf die arbeiter über, vgl. unter gewerbebüchlein.
c) der engere begriff bevorzugt naturgemäsz bestimmte gebrauchstypen.
α) hierher gehört vor allem der pluralgebrauch, da die differenzierung im handwerk eine ganz andere rolle spielt als im handel; vgl. auch die zahlreichen beispiele unter a).

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1)) dasz allen gemeinen leuten und handwerkern sollte verbotten sein, nach art der reichen nichts fürzunehmen, nit träge sein, die gewerbe liegen zulassen, und den degen an der seiten zutragen, als ob sie zu friedenszeit krieg führten. Barclay's Argenis (3, 21) übers. v. Opitz 1, 573; ob die geschäfte und gewerbe der handwerker, fabricanten, künstler, und kaufleute einen besondern profit abwerfen? J. A. Schlettwein die wichtigste angelegenheit f. d. publicum 288; die waaren aber, so aus den gewerben kommen, lassen sich am vortheilhaftigsten durch eigene angelegte manufacturen und fabriken gewinnen. v. Justi staatswirthsch.2 1, 185; die policei musz auch sonst sorgen, dasz diese dinge durch vortheilhaftigen ankauf, z. e. der ochsen zum schlachten, und durch eine gute einrichtung der dazu erforderlichen gewerbe, z. e. der brau-nahrung, immer wohlfeiler gemacht werden. v. Justi policeywissensch. 175; die höchste summe, welche durch die gesammten studierenden in umlauf gesetzt werden könnte, hat zu der summe, welche durch den königlichen hof, durch die höchsten landesbehörden, durch einen bedeutenden handel und so viele höchst ausgebreitete gewerbe ... sich schon im umlaufe befindet, ganz und gar kein verhältnisz. J. G. Fichte über die einzig mögliche störung der academ. freiheit (Berlin 1812) s. 24; wie angenehm und nützlich es sein könne, sich zur mittelsperson so vieler gewerbe und bedürfnisse zu machen und bis in die tiefsten gebirge ... thätigkeit verbreiten zu helfen. Göthe (Wilhelm Meisters lehrjahre 4, 19) 19, 126; so war auch Wilhelm in der gröszten unruhe, als er, an einen eckstein gelehnt, die helle des morgens und das geschrei der hähne nicht achtete, bis die frühen gewerbe lebendig zu werden anfingen, und ihn nach hause trieben. (ebenda 1, 17) 18, 113; in folgender mittheilung sind urkundliche nachrichten über ... die technologie einiger gewerbe gegeben. Mone über die gewerbe im 14. und 15. jahrh. in seiner zeitschr. 2, 3; ein waffenplatz ward jede hauptstadt. die gewerbe des friedens ruhten, und jede werkstätte diente dem sich bereitenden kriege. Immermann memorabilien: das fest der freiwilligen in Köln (19, 188); was in wissenschaft und kunst, in erfindungen und gewerben, in gesetzgebungen und staatsverfassungen bei irgend einem volke neues und lebendiges ist. vor allen zuerst nimmt der Deutsche davon kunde und eignet sich sein theil davon zu. E. M. Arndt an s. lieben Deutschen 3, 196;

grosz seid ihr in gewerben,
den purpur färbt ihr gut ...
uns aber laszt ihn färben
nochmals mit Römerblut!
Leuthold ged.3 (Hannibal) s. 284;

in dieser beziehung (verarmung des handwerkerstandes) sucht das gesetz abhilfe zu schaffen, indem es durch bestimmung eines gewissen lebensalters und durch prüfungen den zudrang zu den gewerben erschwert. Bismarck (rede in der 2. kammer 1849) 1, 132 Kohl; durch den von ihnen genehmigten vertrag mit Österreich ist ... die ausfuhr zahlreicher erzeugnisse des bodens und der gewerbe gefördert. (thronrede zum schlusse des zollparlaments 1868) 4, 58.
2)) bestimmte attributivbestimmungen kehren hier gerne wieder: A. Petersen ob und wie dem landbaue, den technischen gewerben und dem handel mehrere freiheiten zu geben. Göttingen 1831; der kaufmannschafft und den mechanischen gewerben habe ich mich früh abgewendet. Tieck ges. novellen 10, 353 (liebeswerben); lehrbuch der rat. praxis der landwirthschaftlichen gewerbe. 7. aufl. 1884; kalender für die landwirthschaftlichen gewerbe (brennerei, ... essig, stärkefabrikation); auch die verbindung bürgerliche gewerbe ist vorwiegend unter diesem gesichtspunkt zu beurtheilen (vergl. auch sp. 5510), wenn auch der bedeutungsumfang nicht immer sicher gestellt werden kann: das publikum, welches der gewerbe bedarf, wird sich bei diesem wetteifer wahrscheinlich nicht übel befinden, und preiswürdigere arbeit für wohlfeilere preise erhalten, besonders wenn die reicheren classen anfangen werden, sich mehr auf bürgerliche gewerbe zu legen. gewerbfreiheit in Heinr. v. Kleist's Berliner abendblättern 1810 s. 216; vgl. auch: der

[Bd. 6, Sp. 5531]


bürger bezahlt der anlage nach seiner sämmtlichen einkünfte; es sei von häusern oder gewerben. aber der anschlag der gewerbe ist so gemacht, dasz wohl ein ⅕ herauskömmt. Nicolai reise 3 s. 120 der beilagen; wenn jetzt jemand zum ersten male mit dem vorschlage aufträte, die entscheidung der wichtigsten rechtsfälle von 12 personen abhängig zu machen, die beliebig aus den bürgerlichen gewerben herausgenommen werden, ... er würde bei einem besonnenen volke keinen anklang finden. Bismarck (rede in der 2. kammer) 1, 396; eine eigentümlichkeit der stadtgemeinden blieb nur, abgesehen von ihren etwaigen ständischen befugnissen, die besondere art der besteuerung (accise), das zunftwesen und die beschränkung der meisten bürgerlichen gewerbe auf den betrieb in den städten. Schröder deutsche rechtsgesch. (1889) 799.
β) ebenso beherrscht der engere begriff auch den collectivgebrauch, der vielfach der personificierung zustrebt und hierin mit innung, gewerk in bedeutungsgemeinschaft tritt:
1)) weiterer bedeutungsumfang: in Sachsen sind nur diejenigen orte geschickt, den leichtesten preisz zu machen und alles gewerbe an sich zu ziehen, welche ihren landesleuten die fremden waaren anschaffen. collectanea d. handels u. gewerbes s. 148;

Gryphin bewacht sein geld: an seiner seite wacht
ein menschenfeind, der geiz, der horchende verdacht,
der zänkische betrug, der meineid im gewerbe.
Hagedorn 1, 19.


2)) engerer bedeutungsumfang: auf der landseite habe man weder handel noch starkes gewerbe (niente di traffico). Belloni abhandl. v. commercien, deutsch s. 40; die nützliche theuerung ist diejenige, welche von der menge der menschen und des gewerbes entstehet. (Lith von steuern s. 22 ff.) collectanea des handels und gewerbes s. 93. vermuthlich gehört hierher auch: das gemeine volk ist es, welches den könig und das land reich machet, durch die arbeit und gewerbe. s. 73; welches die Fläminger bewog, sich auf die seite der Engländer zu schlagen. ihr ganzes gewerbe lag darnieder, seitdem ihnen diese ... keine wolle mehr zukommen liessen. Lessing (zur geschichte und litt.) 123, 36;

munter entbrennt, des eigenthums froh, das freie gewerbe ...
aus dem felsbruch' wiegt sich der stein, vom hebel beflügelt,
in der gebirge schlucht taucht sich der bergmann hinab.
Mulcibers ambos tönt von dem takt geschwungener hämmer,
unter der nervigten faust sprützen die funken des stahls.
Schiller (spatziergang) 11, 87;

auch unsre städte, fröhnerhütten einst,
sie dehnen sich, und weiter stets und weiter
zieht sich der mauern und der thürme kreis.
dort schafft der fleisz, dort rührt sich das gewerb,
dort lebt der handel, dort erblüht die kunst.
Uhland (Ludwig der Baier 1);

lastwagen und packenträger begegneten ihm und verkündigten durch ihre menge die nähe des rührigsten gewerbes. Immermann 7, 5.
3)) personificierung und bedeutungsgemeinschaft mit gewerk, innung, vgl. Eberhardt 2, 285. das gewerb ist so ängstlich und emsig, dass es sich nicht nahe genug an einander drängen kan. Göthe (Schweizerreise 1797) 43, 41; so sind wir von kaiserlichen amtswegen allerdings ge meinet, dieser zum besten des gemeinen wesens überhaupt, insonderheit aber zur aufrichtung des gedruckten nahrungs-standes und gewerbes abziehlenden guten absicht ... die hände zu bieten. rescript an die reichsstädte 1764 bei Ortloff corpus iuris opificiarii 35. ebenso: eines ehrlichen gewerbes und nahrungsstandes. 41; diese befugnis, das einzige bedingnis, unter welchem jedes gewerb und jeder stand wahrhaftig blühen ... kann. (Iselin) träume eines menschenfreundes 2, 203; vollständige freiheit verlange ich für die gewerbe und überhaupt für alle stände, in ihren eigenen angelegenheiten selbst sich ... ordnung und gesetze zu geben. das haben die gewerbe früher bei uns gethan. verhandl. der Frankf. nationalvers. (I) 775; gewerke und gewerbe. Göthe 19, 194. vgl. oben sp. 5513; jetzt ertönt das getöse des marktes von einer breiten brücke über unserm kopfe; gewerk und gewerb summt längs des flusses und trübt ihn theilweise, bis die rauchende häusermasse einer der gröszten industriellen werkstätten voll hammergetönes

[Bd. 6, Sp. 5532]


und essensprühen das bild schlieszt. Gottfried Keller der grüne Heinrich 1 (1854), 3;

wir stehn am eingang einer neuen zeit.
der bauer folgt in frieden seinem pflug,
es rührt sich in der stadt der fleisz'ge bürger,
gewerb und innung hebt das haupt empor.
Grillparzer (Ottokar 3) 65, 95.


γ) ebenso entwickelt sich hieraus gelegentlich sachbedeutung: weder eine schenke, noch ein sonstiges niederes gewerbe zeigte sich in dieser gegend, welche still und einsam in ihrer reinlichkeit ruhte. Gottfried Keller der grüne Heinrich 1, 290; aber schon fährt man wieder zwischen reizenden landhäusern und gewerben, zwischen dörfern und weinbergen dahin, die obstbäume hangen in's wasser. 4.
 
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gewerbe, m., nomen agentis s. DWB gewerber.
 
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gewerbe-, gewerbsabgabe, f., mit zweifacher art der composition, die wie in anderen derartigen zusammensetzungen auf jüngeren und älteren gebrauch weist. wenn die ältere form (unterordnung im genetiv s. gewerbsarbeit u. a.) im allgemeinen den weiteren begriff von gewerbe = erwerb bevorzugt, im gegensatz zu der jüngeren form (beiordnung, s. gewerbearbeiter), die sich mehr auf den engeren begriff (gewerbe = verarbeitung von waaren) beschränkt, läszt sich dieser unterschied doch nicht überall, so auch nicht bei diesen doppelformen durchführen: insbesondere sind dahin zu rechnen ... nahrungs- und gewerbsabgaben, sei es, dasz sie ausdrücklich für die erlaubnisz zum betriebe eines gewerbes oder ohne diese bestimmung ... erhoben werden. preusz. gesetz von 1825 § 58 (gesetzsamml. 1825, 83); in einem, über die natur der abgabe entstehenden processe soll, wenn der verpflichtete von der fernern leistung derselben, als einer gewerbeabgabe, entbunden wird, auf den ersaz der, vor einleitung des processes an den berechtigten etwa geleisteten abgabe nicht erkannt werden. P. Sinnhold allgem. gewerbeordnung 3. hier, wie auch sonst oft bei den folgenden zusammensetzungen, lassen sich lockere formen der verbindung nachweisen, die der composition vorhergehen: alle bisherigen abgaben von den gewerben, in so fern sie die berechtigung zum betriebe derselben betreffen ... hören mit einführung der gewerbesteuer auf. preusz. edikt von 1810 § 39 (gesetzsamml. 1810/11, s. 86); ebenso gesetzsamml. 1832, s. 64; vgl. gewerbliche abgaben ebenda 1833, s. 55. s. auch unter gewerblich.