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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gah bis gähhitze (Bd. 4, Sp. 1144 bis 1147)
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gäh, s. DWB gähe.
 
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gähbirgig, steil gebirgig: bedunket ine derselbige weg zu dornig, gähbirgig und zu rauch sein. Fischart ehz. 498 Sch.
 
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gähe, gäh, gäch, praeceps, proclivis, repentinus.
I) Formen und verwandtschaft.
a) mhd. gæhe, ahd. kâhi, gâhi; nhd. auch, sogar vorherschend, jäh, wie adv. jach gleich gach, jahen gleich gahen eilen (s. d.); s. dazu G 4, a. Auszerdem nur mnd. mnl. gâ (s. DWB gach), z. b. Ssp. 1, 55. 56, hier einmal flectiert gây (var.), wie im brem. wb. 2, 477 gai, gaje gähe, geschwind, aber nur als alt wie es scheint.
b) erhalten, wie es scheint, auch rom. in franz. gai munter, lebhaft, ital. gajo, altsp. gayo, portug. gaio, s. Diez 159 (1, 197).
c) für weiteres forschen rückwärts hat vielleicht Müllenhoff den rechten weg gewiesen (Haupts zeitschr. 13, 575). wie nahe und genau zusammen zurückgehn auf goth. nêhva (adv.) nahe, in dessen -h und -v sie sich theilten, so stellt er gähe zusammen mit nd. gau geschwind, hurtig (auch listig, schlau) brem. wb. 2, 492, nl. gauw, sodasz beiden ein goth. gêhv zu grunde läge.
II. Gebrauch und bedeutung.
1) rasch, von höchster schnelligkeit oder eile, mhd. die vorherschende bed., ahd. z. b. gâheʒ waʒʒer decurrens aqua Notk. 57, 8, scheint nhd. schon anfangs vor den folg. zurückzutreten.
a) von stürzenden dingen, wie eben ahd.: platzregen oder geher regen ... pluvie precipites. voc. th. 1482 z iija, obwol das auch zu 3 zu zählen wäre;

der dick beschäumte flusz dringt durch der felsen ritzen
und schieszt mit gäher kraft weit über ihren wall.
Haller (1777) 46.


b) von menschen, thieren in bewegung, von allerlei thun überhaupt: ein gächs wenden im lauf, incitatissima conversio. Maaler 154b, man beachte den starken lat. ausdruck; darfst (brauchst) du nit ze eilen, so ist mir auch nit gäch. 154a, s. dazu gach; ye gäher ye unnäher (vorher eilen thet nie kein gt). Frank sprichw. 1, 89b; gäher schritt, lauf Stieler (mhd. gæher louf der rosse Troj. kr. 12215). gähe-tauf, 'nothtauf, jagtauf' s. Frisch 2, 364b, vgl. gähtaufe.
c) meistens und vielleicht ursprünglich rasch mit ungestüm, 'überstürzung': preceps ... ein geher, gar gech, der sich übergrift. Melber varil. S 4a; ein geher gibt keinen guten jäger. Zinkgref 1653 1, 78. Lehman flor. 1, 437; ein gäher man soll esel reiten, die gehen langsam. Henisch 1333, mhd. b. Megenberg 286, 22, vgl. Freidank 116, 55, Winsb. 33, 8, (nicht) zuo gæhe noch zuo træge jüng. Tit. 4516, 4. Daher vom temperamente, z. b. öfter bei Megenberg: wes schritt snell sint und

[Bd. 4, Sp. 1145]


kurz, der ist gæch. 49, 11, auch in dem spruche vom eselreiten vorhin ist es zugleich so gemeint.
d) übertragen auf das seelenleben (vgl. 4): gähe lieb, lange feindschaft. Frank spr. 2, 14b; der rewling volgt gähen räthen (entschlüssen). 1, 59b, wunderlich entstellt b. Henisch 1331, 4, reuling, der aus der reue nicht herauskommt; gäher rath kompt zu fr. Frank 1, 61a;

nie stört sein gleichgewicht der sinne gäher sturm.
Haller 109;

der wollust gäher brand (glut). 193.


e) auch als adv. (wofür besser gach, s. d.): hoch kompt man nit gäh. Frank sprichw. 2, 61a; wa er so gähe in die kamer gieng. Steinhöwel (1487) 102b; gähe zornig Henisch, s. gähzornig, vgl. 4, c.
2) steil abfallend.
a) mhd. zwar noch nicht belegt, aber sicher durch ahd. 'gâhi abrupta' Graff 4, 129 und durch ein swinde gæhe, steile bergwand:

nû was ein alzu hôher berg,
ein rotsche, ein swinde gêhe. Elis. 3625,

deutlich benannt nach der schnelle des sturzes da hinunter, vgl. 'abschüssig', also wie lat. praeceps steil, eigentlich mit dem kopfe voran, 'kopf über'.
b) nhd. bis in die gegenwart (vgl.jähe): gäch proclivis, gäch tiefe gestad, abruptissimae rupes. Maaler 154b; in einem rhein. voc. 15. jh. 'nidergehe' declivis Dief. 168a, mnd. das. 'ge herneder'; je höher je gäher. Garg. 212a, zugleich nach 1, vgl. Frauenlob spr. 65, 5; etlich wurzen (wurzeln) waren ledig (frei in der luft, dasz er daran aufklettern konnte), das (weil) der herd (die erde) an der gähen halden davon was gerisen (abgefallen). Th. Platter 10 (28); die hund ob in machten durch ir laufen etlich stein am gehen gebirg (berg) wegig (brachten sie in bewegung). S. Frank clavis zum Teuerd. c. 53 s. 116; es ist im gebirg kein vels so gäch oder hoch, der steinbock springt darauf. Stumpf 609a; gähe trepp Henisch 1332, 63;

auf der tugent
gäh- und ungebahnten bahn.
Weckherlin 571 (od. 4, 5), steil ansteigend;

und jenes baches fall ....
durch gähe felsen rauschend stäubt.
Haller (1777) 164;

wir hatten eine gute, nicht gähe wiese (auf der alp) ... auf der sommerseite .. ists schon früher (sommer) aber auch gäher. Bräker 23;

bis er endlich
vor eines abgrunds gähem rande stutzt.
Schiller 246b;

der sturz des nachtwandlers, den ein warnender zuruf auf gäher dachspitze schwindelnd packt. 699b; gähe abgründe. 696a;

dörfer ... vom rücken des bergs stürzen sie gäh dort herab. 75b;

hier ist der gähe hinuntersturz .. Fiesco 2, 19. bei Aler 831a wird unterschieden gähe oben ausz acclivis, gähe under sich declivis, also auch vom steil ansteigenden, wie bei Weckherlin, wol auch bei Stumpf vorhin; vgl. nidergehe oben.
c) Henisch 1330, 60 gibt auch 'gähe, geneigt, sinkend, proclivis, transl. propensus' (vgl. DWB gach 2, b), von dingen die zu stürzen drohen?
3) plötzlich, vom unerwarteten sturze entlehnt, gleichfalls schon mhd. ahd.
a) repentinus, schneller, geher, urblutzlicher. Melber var. v 2b, var. 'geeher vel gecher' Dief. 493a; anfractus, gähe umbwendung der wägen oder straszen. Dasyp. 9c; gäch, das gächlingen .. dahär kumpt, repentinus, subitus. Maaler 154a; gäher schmärz, schräcken, gähe forcht 'panicum'. 154c; gäher zufall Frisch.
b) eine seuche hiesz der gæhe tôt mhd. wb. 1, 454b, pass. K. 196, 84, igwinaria das. 67 (igwein inguinaria Dief. 298c): der gäch und unversähen tod, fatum torrens. Maaler; N. fiel am gähen end zu tod. Hund bair. stammenb. 2, 280;

du (s. Christoph) hast auch macht von gott gewert
den gähen tod vertreiben.
Uhland volksl. 810,
Hoffmann v. Fall. kirchenl. 473;

also frasz an dem falschen brodt
der arme han den gähen todt.
Alberus Es. 128.

auch sonst gähen todes sterben. Simpl. 1, 14, mnd. starf gâes dôdes städtechr. 7, 128. 152; gäh (gähes) verscheiden. Annette v. Droste 178.
c) noch z. b. bair. gäher weis plötzlich, vgl. DWB gach 2, d; das gähe glück, zugleich zu 4: sie behaupten, vom gähen glück

[Bd. 4, Sp. 1146]


oder fato werd alles regiert. Selhamer; aufs gäch glück, auf geratewol.
4) die bed. 2 sittlich, vgl. DWB gach 1, c.
a) gäch, unbesinnt, praeceps, incogitans. Maaler, s. Henischs begriffsbestimmung unter gach 2, c, schon ahd. 'temerarius, praeproperus, protervus': in dem gehen geist (unbesonnenheit) wirst dazu ermürsen, zerbrechen oder verhergen die schiff. Keisersberg post. 1, 18, vgl. 28b; bat in das er schwig (über seine that), es wer geschehen in gehem mt. Eulensp. 38 s. 56, mhd. gæher muot, z. b. Lichtenstein 634, 4, vgl. gähmutig; gächs gemüet, impetus animi Schönsl. S 1b, was wir 'raptus' nennen;

zu straf der unfürsichting hand,
die da gewesen war so gech.
H. Sachs 1, 176b;

ei nicht zu gäch, signore!
Opel u.
Cohn 30 jähr. krieg 294 (1631).

gähe liebe, gäher rat u. ä. s. unter 1, c.
b) 'girig, imminens, z. b. gäch aufs essen sein, imminere in cibum' Schönsleder S 1b, ebenso (gähe) bei Aler 831b. noch bair. gäh sein auf etwas Schmeller 2, 28. vergl. DWB gach. dem entsprechend mhd. gæhen gleich begierig streben, verlangen, wie es von der heil. Elisabeth heiszt, dasz sie zu ime (gott) alleine gêhete. Elis. 6700. s. auch gähgirig.
c) jäh zum zorne, heftig, zornich und gæch. Megenb. 47, 27:

dér narr den esel allzit rit,
wer vil zürnt do man nüt umb git (um nichts, s. DWB geben) u. s. w.,

das cap. geiselt dann den schnellen zorn, am schlusse:

der wis man dt gemach allzit,
ein gäher billich esel rit.
Brant c. 35,

nach dem sprichworte unter 1, c; bist du zornweh und gech und würst leichtlichen z zorn bewegt, flüch ursach. Keisersberg irrig schaf 7 (C 2a);

die mutter lauft zu zornig gäh.
Fischart flöhhatz 822 Sch.

bair. er ist gleich gäch, gerät gleich in hitze, kärnt. a gâcher mensch, jähzorniger. natürlich auch ein gäher zorn, noch im anfang des 18. jahrh. bei Ludwig 683, vgl. DWB gähzorn, auch gähmutig.
 
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gähe, f. subst. zum vorigen, mhd. gæhe (auch gæhede, gæhte f.), ahd. gâhî (gâhida); gächt f. übereilung noch schwäb. Schmid 215, ain gächte tun 15. jh. das.; früher auch gâhe f. (s. das zweite gach) und gähin (s. 4), z. b. in der gächin plötzlich Dief. nov. gl. 352b. vgl. DWB jähe.
1) eile, hast, noch schwäb. Schmid 215: dasz niemand ab seiner eil und gähe zuklagen hab. Agricola spr. 61a.
2) steile Maaler 145c, mhd. gæhe (s. das adj. 2), noch bei Ludwig 683 gähigkeit oder gähe eines felsen, Steinbach 1, 537 gähe praecipitium: im winter wälzt ich mich im schnee herum und rutschte .. auf dem bloszen hintern die gähen hinunter. Bräker 20 (12);

(gletscher, wo) die gähe hinunter die wälzende lauwe (lawine)
rollet den frostigen tod.
Salis 80 (88).


3) plötzlichkeit: der gemein bisz, d. i. so sie (die hunde) in eim schnappen beiszen oder in einer gähe, ist leicht zu heilen. Paracelsus chir. schr. 45c, kann doch auch zu 4 gehören, wie das folg. beispiel; luff ein arm man zu einem richter oder zu einem schergen in ainer gäch und chlagt im ... bair. landr., hs. von 1427 bei Schm. 2, 28 (das erinnert an die gâe dât im Ssp. 1, 55), vgl. österr. weisth. 1, 319, 17 und gahen 2. noch bair. in der gächen, plötzlich.
4) leidenschaftlichkeit, unbesonnenheit, jähzorn, 'häftige des gemüts' Maaler 154c: bist du z ... heftig in handhabung der gerechtigkeit oder wider das unrecht, also das du durch gehe, treiben oder just (mhd. tjoste, juste) des geistes über oder ausz farest. Keisersb. irrig schaf C 2b; in seinem zorn und gähe. Pauli schimpf 107a; in der gäh viel bluts vergossen. das.; éin schnelle und éin gehe gieng da der andern nach. ders. 169 Öst., éine jähzornige that rief die andere hervor; ich hab iren zorn in gütikeit, ir gähin in ruwe verwandlet. Wirsung Calistus m 4, alterthümliche form wie kältin, ahd. cheltîn kälte. vgl. das zweite gach f.
 
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gahel, s. gachheil.
 
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gahen, gachen (mit â), eilen, besonders hastig, stürmisch, vielgebraucht mhd. gâhen, ahd. kâhôn; mnd. gân (wiefür hd. gâch, gæhe):

so se umme dich (sei vorsichtig, umsichtig) unde ga nicht sere.
Haupt 5, 386, 63.

nhd. dagegen früh abgegangen (vgl. 3, c und gähen).

[Bd. 4, Sp. 1147]



1) in der gewöhnlichen bed., wie mhd.:

wo man wil ... ritterspil anfachen (fâhen),
so thun sie da hin gachen. turnierreim bei
Hund (Schm. 2, 28);

mit sölcher sach ist nit zuo gahen. trag. Joh. D 6;

lieben fründ, lând uns nit gachen,
disem folk sind wir zu krank (schwach).
Lenz Schwabenkrieg 65b.


2) in einem besonderen rechtsgebrauche, von standrechtlichem, summarischem verfahren, lynchjustiz oder wie wir sagen würden (auch gähe musz so gebraucht gewesen sein, vgl. unter dem subst. gähe 3), mit oder an einem gahen:

und furtens in dy schergenstub
und wolten mit in gahen,
in die haupt ab lan slahen.
Beheim Wiener 252, 26;

gacht nit an uns, her küng, ich bit.
Kolrosz Daniel D 4.


3) nebenformen.
a) gohen, mit dem besonders oberrh. ô für â (vgl. gôch für gâch):

domit sy sich londt (lânt) willig fohen,
vil geuch nach disser gfenknis gohen.
Murner geuchm. 940 Sch.;

und sprachen, ylt har (hierher) gohen (: flohen). 977.


b) jahen, wie jähe für gähe:

ich wolt do zu der tur einjahen. fastn. sp. 115, 27 (s. unter kammerlauge).


c) s. auch begâchen, vergâchen, letzteres noch oberd.
 
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gähen, gächen (mit langem vocal), wie das vorige, mhd. gæhen Strickers Karl 11075 (mag auch oft in gâhte enthalten sein), mit md. vocal gêhen Elis. 6700, ahd. gâhian, gagâhian:

dar von (von Tervis weg) hand si bald gächet. älteres ged.,
Schmid schwäb. wb. 215.

noch bei Denzler (schweiz.) gächen praecipitare, praecipitem ferri ad poenam, (einer) der gächet praeproperum ingenium. sich vergæchen, übergæchen noch schweiz. bair. tir., auch sich gæchen (gæchten, s. DWB gähe fem.), in hitze geraten, 'gäh werden'.
 
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gähgirig, ad aliquid imminens Aler 831b, vgl. DWB gähe 4, b.
 
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gähheit, f. wie gähe f., bair. Schm. 2, 28, mhd. gâcheit. gahheit voc. th. 1482 i 8b, jähzorn, heftigkeit.
 
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gähhitze, f. am Mittelrhein, schnelle und zu starke ofenhitze, mit verb. es gähhitzt. Kehrein Nassau 1, 148. vgl. folg.