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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verabsäumen bis verabschiedung (Bd. 25, Sp. 59 bis 62)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verabsäumen, verb.
1) durch säumnis unterlassen, nicht beachten. mhd. nicht nachgewiesen, im ältern nhd. auch ohne umlaut; das simplex nicht aus der literatursprache belegt und oben nicht aufgeführt, jedoch bei Stieler abseumen, vacatione uti; sich von seinen geschäften abseumen, negotia intermittere, seponere, occupationibus se evolvere, levare. 1696. verabseumen, occasionem perdere, negligere Stieler 1696. Frisch 1, 152c. von realen gegenständen: die verabsäumten landstraszen und brücken sollten ... alle in den besten stand gesetztwerden. Haller Usong (1778) 81;

nichts konnt' ich mir fortnehmen und nicht
die excerpten einmal, die in Deutschland kein
buchhändler verschmäht
und verabsäumt hätte, das weisz ich.
Platen 275;

bildlich: die natur hatte seinen körper verabsäumt. Schiller hist.-kr. ausg. 4, 63. von abstracten dingen: so kostet es deinen kopff, da fern anders etwas verabsäumt wird. Simpl. 1, 152, 14 Kurz; letzlich, mein ich, sei nicht zu verabsaumen die geheimnus Henrici VII., welcher eher hat wollen geld vorenthalten, als er manglete. Schuppius 720; unrecht, ja dreimal und viermal unrecht thuen diejenigen, welche diese vorsorge verabsäumen. Rabener sat. (1752) 3, 53; damit ich nicht das geringste verabsäume. 3, 10; ist es zu verwundern .. dasz so viele sind, die alle andere talente verabsäumen .. und dahin

[Bd. 25, Sp. 60]


sich bestreben, es in der kunst zu betrügen zur vollkommenheit zu bringen? Wieland 6, 12; verabsäumte nichts, dem kaiser die augen zu öffnen. Schiller hist.-kr. ausg. 8, 139; die bildung ..., die er bisher verabsäumt hatte. 4, 265; neben dieser intellectuellen bildung .. wurde mein charakter, mein gemüth nicht verabsäumt. Immermann Münchh. (1858) 1, 40. das object ein abhängiger satz: ich befürchte, dasz ihre importanten affairen ... nicht glücklich lauffen möchten, woferne sie verabsäumen, mich .. persönlich zu sprechen. Felsenb. 1, 10. jemand verabsäumen, nicht berücksichtigen: wir müssen diesen kerl bei leib nicht verabsaumen. Simplic. 3, 297, 4 Kurz.
2) reflexiv, säumig, rücksichtslos werden; gegenstand der versäumnis mit an beigefügt: ist die diligenz, zu welcher jemand verpflichtet ist, eine solche, dasz er sich an ihr schon durch ein leichtes versehen verabsäumen kann, so .. Göschen vorl. 2. abth. 2, 58.
 
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verabsäumer, m.: verabseumer, supinus, socors, instrenuus, incuriosus, indiligens, perdite se gerens. Stieler 1696.
 
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verabsäumung, f. ursprünglich vernachlässigung aus säumigkeit, dann vernachlässigung überhaupt, detrimentum, damnum ex mora, negligentia Stieler 1696. Frisch 2, 152c. die form ohne umlaut bis ins 17. jahrh. nachgewiesen (Stieler 1696), heute die umgelautete form allein gebräuchlich: verabsäumung (schon bei Frisch); daneben in älterer zeit verabseumung (z. b. Stieler): ausz vielfältigem spintisiren kommen schädliche kranckheiten, ausz den kranckheiten entweders der untergang oder versaumung desz hauszwesens, ausz verabsäumung dessen die armuth. Schuppius 707; ihnen wird man es gewisz als eine ungesittete vertraulichkeit oder eine verabsäumung des wohlstandes auslegen. Rabener (1777) 3, vorber. 8; ich wünschte, dasz sie mir einiges licht davon gegeben hätten, denn dieser verabsäumung schreiben sie es nunmehr zu, dasz sie hier meine gedanken lesen müssen. Lessing 12, 48; das letztere (das absehen von einer vorstellung) ist nicht etwa blosze unterlassung und verabsäumung des erstern (des aufmerkens), sondern ein wirklicher act des erkenntniszvermögens. Kant anthropol. (1820) 10; aus der verabsäumung des begriffs der negativen gröszen sind eine menge von fehler entsprungen. werke 1, 23.
 
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verabscheuen, verb. abscheu hegen gegen etwas, gegen jemand. transitivum zu abscheuen, welches von Grimm th. 1, 98 neben transitivem abscheuchen vorausgesetzt wird und sich bei Dief. 280b (horrere, abeschwen) aus dem beginnenden 15. jahrh. belegt findet, s. auch Dief.-Wülcker wb. 16. das häufigere, ursprünglich mit abscheuen identische transitive abscheuchen (durch schrecken verjagen) ist wenigstens im spätern nhd. lautlich und begrifflich von jenem streng getrennt. verabscheuen, detestari, aversari Frisch 2, 175c; transitiv, dinge verabscheuen: damit uns kein falscher tag verführt, was wir begehren sollten, zu verabscheuen und was wir verabscheuen sollten, zu begehren. Lessing 7, 154; ihm unter todesschweisz und thränen einen schwur abnöthigen, den es verabscheut. Gotter 3, 67; ich verabscheute sie (die spöttereien) nicht nur, sondern ich konnte darüber in wuth gerathen. Göthe 26, 103; ich verabscheue gunstbezeugungen, die von den tränen der untertanen triefen. Schiller hist.-kr. ausg. 3, 471 (kab. 4, 9); musik, die er doch oft nach seinen reden zu verabscheuen scheint. Tieck 17, 288; jene greuelhaft despotische regierung, die einst in Frankreich blühte und die jeder Engländer von jeher verabscheute. H. Heine 3, 78; ein alter comthur ... trat sie (die verlassenschaft) nicht an, weil er katholisch blieb und die plünderung der verlassenschaft des protestantisch gewordenen ordens verabscheuen muszte. Gutzkow ritter3 3, 17; die allgemeine zuneigung, welche er einer vormahls verabscheueten regierung zuwandte. Wieland 3, 73; menschen verabscheuen: von dem augenblicke an, da sie ihm zu zürnen anfing, ihn zu hassen, zu verabscheuen glaubte, war ich ruhig. 38, 54; wer ein herz im busen trägt .. wird sich unserer erbarmen, uns beschützen und dich verabscheuen. Gotter 3, 96; ich verabscheue sie. Tieck 17, 39; ich habe sie (die überbleibsel der Teutomanen von 1815) all meine lebtage verabscheut und bekämpft. H. Heine 9, 18;

sprich, erträgst du das joch freiwillig oder verabscheun
dich die völker des landes?
Voss Odyss. 3, 214;

reflexiv: so willst du dasz ich mich vervielfältiget verabscheuen soll? Lessing 2, 96; ich würde sie unglücklich machen, und mich selbst dafür verabscheuen, dasz es nicht in meinem vermögen stünde anders zu werden, Wieland 38, 205.

[Bd. 25, Sp. 61]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verabscheuenswerth, adj. abscheu, abneigung verdienend: verabscheuenswerthe thaten u. s. w.
 
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verabscheuung, f. 'zurückstoszende abneigung vor einem gegenstande' (Weigand wb. d. d. syn. 3, 919): darinn sind wir doch wohl einig, dasz alle leidenschaften entweder heftige begierden oder heftige verabscheuungen sind? Lessing 12, 10; bei jeder heftigen begierde oder verabscheung. ebend.; die kunstgriffe, mit denen sie (die liebe) jede andere leidenschaft unter sich bringt, bis sie der einzige tyrann aller unsrer begierden und verabscheuungen wird. 7, 67; spott und verachtung verwunden den stolz des menschen empfindlicher, als verabscheuung sein gewissen foltert. Schiller hist.-krit. ausg. 3, 517; sie war voll gelüste und verabscheuungen. J. Paul 54, 20.
 
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verabscheuungskraft, f. fähigkeit, vermögen, abneigung zu hegen, abscheu auszudrücken: die absicht, bei vorwürfen, wo keine unmittelbare nacheiferung, keine unmittelbare abschreckung für uns statt hat, wenigstens unsere begehrungs- und verabscheuungskräfte mit solchen gegenständen zu beschäftigen, die es zu sein verdienen. Lessing 7, 154.
 
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verabscheuungswerth, adj., bei Campe 5, 261.
 
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verabscheuungswürdig, adj. zurückstoszende abneigung verdienend: der miszbrauch der eidschwüre ist mir vor vielen lastern verabscheuungswürdig vorgekommen. Rabener (1771) 1, 106; das verabscheuungswürdige gericht der inquisition. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 184; konnte sie so treulos sein, nachdem ich ihn als den verabscheuungswürdigsten ihr hingestellt hatte, vor seinen augen sich mit den frevlern ... auszusöhnen? Gutzkow ritter3 9, 80. — er hat ärger und verabscheuungswürdiger als Herostratos gehandelt. Thümmel 5, 49.
 
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verabschieden, verb. abschied geben, entlassen. mhd. nicht nachgewiesen; ältere form (vergl. Schottel 644. Frisch 2, 170) verabscheiden, doch schon im 16. jahrh. verabschieden. das verbum schlieszt sich zwar formell an abscheiden an, in der bedeutung aber steht es eng zum substantiv abschied. das einfache abscheiden geht früh in die starke flexion über; das compositum bleibt schwach. abscheiden ist intransitiv und transitiv, verabscheiden nur transitiv. verabschieden hat nur die übertragene bedeutung 'entlassen', während die sinnlichere des simplex (aussondern) nicht mehr vorkommt. in den wörterbüchern zuerst bei Frisch 2, 170a. Kirsch 329a.
1) abschied gleich weggang, verabschieden, zum weggang veranlassen: da der philosoph die gute meinung ... durch die einsylbigkeit seiner antworten ... wenig aufmunterte, so wurde er zu seinem groszen troste ziemlich bald wieder verabschiedet, ohne dasz man auch nur den leisesten wunsch äuszerte, die angefangene bekanntschaft fortzusetzen. Wieland 28, 170; zwar verabschiedete ihn seine freundin jedesmal kurz bevor sie ins theater fuhr. Heyse kinder d. welt4 1, 209; 'seien sie ohne sorge', sagte der freiherr mit einer verabschiedenden handbewegung. Freytag soll u. haben 1, 484. wie abschied speciell für entlassung aus dem dienste gebraucht wird, so verabschieden für entlassen: sie verabschiedet zu finden, das glück hätte ich mir kaum träumen lassen! doch sie sind nicht blosz verabschiedet: sie sind noch mehr. Lessing 1, 575; bei ihnen laufe ich nicht gefahr ... von einem altgläubigen vater .. wegen gefährlicher tendenzen verabschiedet zu werden. Heyse kinder d. welt4 2, 4. — ein verabschiedeter officier. Lessing 1, 579.
2) reflexiv: als wir abstiegen, verabschiedete er sich von mir in der hoffnung, mich im hause der baronin .. wieder zu sehen. Heyse kinder d. welt4 1, 276; er begleitete uns noch bis vor unsere hausthüre und verabschiedete sich, da er in der morgenfrühe abreisen wolle. Keller sinnged. 392; nun denn so wollen wir uns bei den damen verabschieden. Spielhagen werke 17, 171.
3) abschied ist ferner 'der bei feierlicher entlassung einer versammlung gefaszte schlusz, bescheid', s. theil 1, 99; verabschieden, einen derartigen bescheid geben, feststellen. diesz ist die bedeutung, welche sich früher als die unter 2 und 3 gegebenen nachweisen läszt: desgleichen weil man befindt, das die leufft, so geschwinde seindt, und dann etliche reuter, wie jungst zu Franckfurt verabschiedt, mit wartgelt aufgehalten. Rommel Phil. d. groszm. urk. 127 (146); und im fall, da solche vergleichung nit erfolgen mocht, das do gleich sehr es des friden und rechten halben, wie solchs zu Speier verabschiedet worden, wurklich gehalten werde. Druffel briefe u. acten z. gesch. d. 16. jh. 3, 2 (vom j. 1546); die entwendten jurisdiction und

[Bd. 25, Sp. 62]


gtter betreffend, wöllen e. m. irer kaiserlichen proposition und der stend bewilligung nach furfarn und dise sachen zum furderlichisten durch e. m. .. erörtern und verabschiden lassen. 3, 72; hierüber auch der durchl. hochgeborne fürst ... den stenden freundlich und gnedigst zu gemüthe geführet, was derentwegen auf jungst zu Regenspurg gehaltenen reichstag von der röm. kayserl. maj. .. dieszfals verabschiedet. Moser obersächs. crayszabschide 39 (1603). mit abhängigem satze: obwol zu Regensburg verabschidet were, man solt reformiern. Druffel a. a. o. 3, 7;

hierauf verabschieden wir das,
dasz man in alle hilffe versag.
J. Ayrer Machumet 150b;

hierher gehört, wenn auch mit verblaszter bedeutung: ich schäme mich in das dorff zu gehen, vornehmlich aber auch, weil ich mir vorgesetzt und bei meiner abreisz mit jederman betrohenlich verabscheidet, in dasselbige zu meiner wiederkunfft als ein ansehenlicher edelmann zu reiten. Simplic. 4, 328, 3 Kurz; reflexiv: als sie sich alszo verabschied haben, dasz solches in unszerm gefallen stehen solt. Ernest. ges.-arch. 1519.
 
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verabschiedung, f.
1) abschied geben, entlassung: (es) brachte vollends seine herren kollegen so wider uns auf, dasz sie alle .. auf die verabschiedung und trennung unserer truppe zusammen stimmten. Thümmel 5, 80; Spinozas tod, die verabschiedung der Löwensteiner, das unglück der flotte .. wer hätte nicht geglaubt, dasz eine dieser begebenheiten unsre unternehmung verrathen würde? Schiller hist.-krit. ausg. 4, 163; da mir bei der beschaffenheit der wunde seine verabschiedung zweifellos erscheint. Freytag soll u. haben 1, 439.
2) der infolge der verabschiedung eingetretene zustand: darüber trat sein ehemaliger rittmeister ein, dem er in die verabschiedung als diener gefolgt war. Gutzkow prüfe w. s. bindet 99.

 

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