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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
grazial bis grazienfigur (Bd. 8, Sp. 2245 bis 2251)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) grazial, n., s. gratial.
 
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grazie, f. , für lat. gratia im sinne des deutschen wortes gnade, vorwiegend mhd. und frühnhd.; eingedeutscht gratie, häufiger gracie, auch gracy, schw. und st. flektiert. vereinzelt eine lat. flexionsform gracias (a. pl., s. u.). der gebrauch des wortes steht z. t. unter dem einflusz des weit gebräuchlicheren mnl. gracie, s. Verwijs-Verdam 2, 2089f.
1) für die gnade gottes, seine huld, güte, freundlichkeit: das er gottes mynne halt und sin gracie, anders enmöcht er nit vollbringen alles das er thut Lancelot 1, 30, 25 Kluge; hilligh leben und als lohn die ghenade und gracie gottes erhalten J. Veghe in: zs. f. dt. altert. 75, 149; 150; 151; wir haben von seiner (Christi) huld und milde den gegenschein empfangen, die αντιχαρις seiner gratie leuchtet in uns Herder 7, 391 S. von Maria als mittlerin der gnade:

dat er behelt der werden maget (Marias) gracie (nrh. 15. jh.)
Wackernagel kirchenl. 2, 789b; vgl. 780a.

als bi der gracien godes in vornhd. zeit vereinzelt die titularformel von gottes gnaden (s. DWB gnade II C 4) vertretend; nur im nrh. und unter einflusz des nl., wo diese formel bis heute gilt, vgl. woordenb. 5, 600, ferner: Willem bi der gratien gods koning van Rome (Dordrecht 1254) corp. d. altdt. originalurk. 1, 56, 23 Fr. Wilhelm; W. v. B. bi der gracien goids hertoge (nrh. 1364) bei Möller fremdw. a. d. lat. im später. mhd. u. mnd. (diss. Gieszen 1915) 58.
2) in der sprache des kanonischen und profanen rechts soviel wie 'privileg, immunität, für geld erkaufte bzw. verliehene befreiung von lasten oder pflichten', meist pluralisch in anlehnung an den lat. pl. gratiae gleicher bedeutung, s. du Cange 4, 104b, doch vgl. auch den verwandten gebrauch unter gnade III E 1 c: do lieffent arme pfaffen dohin (nach Avignon) umb gracien: das was den bebesten liep und viengent do ane gracien z gebende uf alle prelaten und alle pfrnden selber z lihende (Straszb. um 1400) städtechron. 8, 566; vgl. 584; 602 u. ö.; (abtrünnige klosterbrüder, die vom papst) erlangen, das sie nicht schldig sind, die kleidung jres ordens zu tragen ... solcher gnaden und gratien sol man sich enthalten und die selben nicht geben. denn die kleidung ist ein zeichen des gethanen closter gelbds bei Luther 50, 304 W.; Oheim chron. v. Reichenau 138 lit. ver.: soll diese compagnie ... dieselbe (kolonie) mit eben sothanen vorrechten, eminentien, regalien, privilegien, gratien und beneficien versehen (Cöllen a. d. Spree 1688) urk. d. kurf. Friedrich bei Schück Brandenb.-Preuszens kolonialpolitik 2, 325. historisch referierend: wenn sie (gewisse klösterliche privilegien) gleich wie andere päpstliche gratien bezahlt werden muszten Eichhorn dt. staats- u. rechtsgesch. (1822) 3, 471.

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3) allgemein 'gunst, geneigtheit, freundlichkeit' nur als glied einer wendung, die aber häufigeren gebrauch vermuten läszt: dieselben wollen mehrgedachten herrn rittmeister N. N. nicht allein respective alle gratie und ehre wiederfahren, ... sondern auch aller orten, wohin er seinen intent gerichtet, frey sicher und ungehindert passiren ... lassen (entlassungsbescheid für offiziere) Fleming teutscher soldat (1726) 119.
4) ebenfalls vereinzelt in der für gnade nicht nachgewiesenen, aber von lat. gratia herleitbaren bedeutung 'erkenntlichkeit, gratifikation'. pluralisch: 6 β den kistenergesellen geschenket zu gracias, als sie dem râde gearbeit hân (Frkf. 1438) Lexer 1, 1065. vergleichbar im sinne von 'spende, milde gabe': vor wen er baith umbe gracien den armen personen, das getzwigete der bobist sie alle (um 1500) Schmincke monimenta Hassiaca (1747) 1, 385.
 
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grazie, f.
A. als name der griechischen anmutsgöttinnen, der Chariten, lat. Gratiae; meist im plural. seit der mitte des 16. jhs. im mythologisierenden stil humanistischer literatur und um die mitte des 18. jhs., vor allem in der anakreontischen dichtung und bei Wieland, kräftig auflebend; hier aber über mythologisierende spielerei hinaus als symbolisch-lebendige verkörperung des anmutsbegriffes (s. u. DWB B), wie er den geist der epoche bestimmt und jünger deutlich nachwirkt, vgl. Franz Pomezny grazie u. grazien (1900). — bis über 1750 hinaus in der schreibung gratie, noch Zachariä poet. schr. (1763) 1, 6; (1766) Herder 1, 48 S., singulär auch gratzie Venusgärtlein 31 ndr.; 35; als grazie schon Dusch verm. schr. (1754) 13; vorherrschend seit den 60er jahren und später ausschlieszlich so. latinisierte formen nur älter: gratiarum Hans Sachs 20, 193 lit. ver.; die drey gracie Fischart Garg. 449 ndr.; graciae trincierb. (1652) 259.
1) im eigentlichen gebrauch, als lebendig gedachte, oft als bildlich dargestellte wesen im rahmen der antik-mythologischen einzelvorstellungen. vor allem mit formelhafter anspielung auf ihre dreizahl: drey blosz iunckfrauwen, die hetten einander mit den henden gefaszt ... die Latiner nennen soliche gttin gratias, vnd die Griechen charites ... es folgen jr (der Venus) nach die drey gratien oder gnaden, freüd, lust vnd hübsche S. Münster cosmogr. (1550) 854; Socrates, wie er die drei grazien meiszelt Justi Winckelmann (1866) 1, 371. daneben auch:

solt sie (Cypris) auch ihr holdseeligkeit
von allen gratien entlöhnen
Weckherlin ged. 1, 93 Fischer;

Wieland Musarion (1768) 118. als zum geleit der Venus, auch des Amor gehörend:

zirckelweisz stund umb sie (Venus) herumb
der göttin schar gratiarum (1560)
Hans Sachs 20, 193 lit. ver.;

hat Amor sich auf Idas höhn
von seinen grazien verirrt
Wieland comische erz. (1765) 118.

in der engen verbindung grazien und musen (s. bes. 2 b): die griechischen grazien und musen (1773) Herder 5, 262 S. mit anspielung auf die anmut ihrer erscheinung: die wangen der gratien, die augenbrauen der Venus (1766) Herder 1, 48 S. selten im blick auf ihre religiöskultische verehrung: die Römer wiedmeten ihren ersten trunck den hausgöttern, die Griechen den gratien Lohenstein Arminius (1689) 2, 297b; vgl. 1, 585b.
2) in ihrer beziehung zu den menschen und zum menschlichen leben. die vorstellung lebendig gedachter wesen kann sich dabei in diejenige abstrakter, durch die bezeichnung grazien nur noch symbolhaft aufgerufener werte verflüchtigen.
a) die grazien als trägerinnen und hüterinnen der körperlichen schönheit, bes. der weiblichen anmut:

mund, den die gratien mit ihren quellen netzen Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 38;

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in direktem oder indirektem vergleich zwischen den grazien und bestimmten menschlichen wesen:

gleich den grazien an schöne
Schubart sämtl. ged. (1825) 2, 275;

so leicht und zierlich wie eine grazie G. Keller ges. w. (1889) 6, 184. auch die prägnante benennung eines anmutigen weiblichen wesens als einer grazie ist an das mythologische vorbild noch oft gebunden:

steh, wanderer! hier ruht die vierte gratie bei
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 2, 239;

die drey wahren grazien setzten sich in den ersten wagen (drei schöne frauen) Heinse s. w. 6, 162 Sch. prägnant aber auch ohne ausdrücklichen mythologischen bezug:

zwoo mädchen, hübsch genug für grazien vom lande (1765)
Wieland comische erz. (1765) 18;

ich lese täglich zwo stunden mit meiner grazie von Massow die opern Heinse s. w. 9, 106 Sch.
b) die grazien als schutzgöttinnen zierlich anmutiger kunstübung, besonders im bereich der redenden künste: die gratien helfen ihme (dem dichter) eine schöne farbe daran streichen Butschky Pathmos (1677) 506. hier namentlich grazien und musen:

du (der pfalzgraf) warst ja, rufft sie, an der Pleisze
der gratien und musen lust
Gottsched ged. (1751) 1, 163;

weder von den menschen, noch den grazien, noch den musen aufgesucht (1865) W. Raabe s. w. I 6, 388 Klemm. die verbindung kann zur formelhaften kennzeichnung für die kunst und die dinge der kunst werden: ehe sie (die Römer) die griechische kunst adoptierten und den sanften einflusz der grazien und musen empfanden (1793) Schiller br. 3, 376 Jonas; musen und grazien in der Mark (überschr. eines spottgedichtes auf die prosaische Mark) Göthe I 1, 146 W.
c) die grazien als schutzgeister des maszes und der zucht, als sittigende, gefällig machende mächte: meine dame, die überirdische göttin, ist mit solcher menge unsterblicher tugenden ... überheuffet, dasz so einer ... ein wonhaus und aufenthalt aller süssen gratien nennen wil, der nenne nur jhren nahmen Schottel friedenssieg 25 ndr.;

die gratien hauchten dir jhr mildes wesen ein
Morhof unterr. v. d. dt. sprache (1682) 2, 11;

betend an der grazien altären
kniete da die holde priesterinn
Schiller 6, 22 G. (die götter Griechenlands);

geistvolle anmuth sitt'gen lebens,
der grazien weihe
Gaudy s. w. (1844) 4, 35.


d) als 'schutzgeister, gute geister' noch in anderer, mehr gelegentlicher beziehung: und kommt auch ihr mir zu nülffe wohlthätige grazien selbst Schiller 2, 59 G.; die drey grazien des menschlichen lebens — wahrheit, natur und freundschaft Thümmel reise (1791) 2, 210.
e) bestimmte formelhafte wendungen drücken meist aus, dasz anmut und sitte fehlen oder ihre gesetze verletzt werden:

die grazien entflohen, zu stolz an einer wilden
der schönheit feinste züge für barbarn auszubilden
Dusch verm. w. (1754) 13;

Gutzkow ritter v. geiste (1850) 4, 97; nur kann man eben nicht sagen, dasz er (Euripides in der 'Alceste') in der scene des Admet mit dem vater den grazien huldigte Heinse s. w. 5, 321 Sch.; die grazien hatten nicht an der wiege des unliebenswürdigen mannes gestanden Treitschke dt. gesch. (1897) 3, 685. selten positiv gewendet: die drei grazien, die an ihrer wiege gestanden ... hatten Fontane ges. w. (1905) I 1, 407. hierher auch in beschwörendem ausruf:

bei allen musen und grazien sagt an mir, ihr Deutschen
Göthe I 5, 37 W.;

um aller grazien willen! du siehst ja aus Kotzebue s. dram. w. (1827) 2, 56.

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f) noch bevor 2grazie B (s. d.), in einem rein begrifflichen sinne und in vorwiegend singularischem gebrauch, im deutschen als ein gleichsam eigenes und neues wort auftritt, bildet sich bei Wieland eine pluralische verwendung des noch mythologisch bestimmten wortes heraus, die aber, jenseits aller vorstellung von persönlichen wesen, bis zur abstraktbedeutung 'reize' vorstöszt und damit die grenze zu B erreicht. dieser eigentümliche übergangsgebrauch zwischen A und B reicht bis in die 90er jahre des 18. jhs., dann scheint man ihn als doppeldeutig fallen zu lassen und zugleich eine pluralische verwendung von grazie B zu vermeiden. von den folgenden belegen gehören also die jüngeren vielleicht schon zu B:

und in ihrem gesicht mehr als nur gratien,
mehr als sterbliche schönheit (1753)
Wieland in: Herrigs archiv 66, 51;

ders., sympathien (1756) 14; alle diese äuszerlichen reize und grazien Wieland Araspes u. Panthea (1760) 84; da kommt ihnen denn mit allen grazien der kindheit geschmükt, ein knäblein entgegen (1765) Schubart br. in: Strausz ges. schr. (1876) 8, 49; mit alle dem reichthum von gelehrsamkeit und den grazien der schreibart (1775) Herder 5, 656 S.; (sie ist das) ideal weiblicher sanftmuth, mit allen grazien des wizes und verstandes verbunden Kretschmann s. w. (1784) 3, 2, 17.
B. 'anmut'. 1759 von Winckelmann (s. u. 1) aus A, dem gerade damals stark belebten mythologischen gebrauch, zu abstrakter, begrifflicher verwendung umgebildet; unter umgehung des älteren fr. grâce (engl. grace) 'anmut', das seit etwa 1700 als grace nicht selten im dt. begegnet, vereinzelt noch (1766) Herder 1, 54 S. (daneben sonst gratie, vgl. 48; 53 u. ö.); Hermes Sophiens reise (1778) 5 722. im übrigen wird grace durch das rasch sprachläufige grazie völlig verdrängt, s. Schulz fremdwb. 1, 254. — schreibung bei Winckelmann zunächst grazie, später gratie (z. b. gesch. d. altert. [1764] 110; 409), vereinzelt gratia (fähigk. d. empfind. d. schönen i. d. kunst [1763] 27). auch Herder schreibt gratie (1766) 1, 53 S., sonst in den 60er jahren das später allein gültige grazie. ein latinisierter a. pl. grazias bei Claudius s. w. (1775) 3, 21 (s. u. 3 d) wohl in anlehnung an gratias (s. d.) mit anderer bedeutung. zur frage nach der möglichkeit pluralischen gebrauchs s. oben A 2 f. — zum ganzen vgl. Pomezny a. a. o. (s. oben A).
1) innerhalb theoretischer erörterungen und begriffsbestimmungen. zufrühest als ein auf die kunstbetrachtung angewandter, aber von vornherein weiter und allgemeiner gedachter terminus in: Winckelmann v. d. grazie in werken d. kunst (1759): die grazie ist das vernünftig gefällige, es ist ein begrif von weitem umfange, weil er sich auf alle handlungen erstreket ebda 13. typische merkmale der grazie, die auch den praktischen gebrauch des wortes bestimmen, sind ihre vorwiegende beziehung auf bewegung und handlung, ihre bindung an natürlichkeit, ungezwungenheit, leidenschaftslosigkeit, ihre gefällig und angenehm machende wirkung und ihre verwurzelung im geistigen und seelischen: die grazie ... ist ferne vom zwange und gesuchtem witze ... in der einfalt und in der stille der seele wirket sie, und wird durch ein wildes feuer und in aufgebrachten neigungen verdunkelt. aller menschen thun und handeln wird durch dieselbe angenehm ebda 13; die grazie, oder die hohe schönheit in der bewegung ist gleichfalls mit dem naiven verbunden M. Mendelssohn ges. schr. (1848) 1, 341; die dritte und höchste stuffe der schönheit ist der geistige reiz, die anmuth und gratie, die alles vorige belebt Herder 1, 53 S. (in: ist die schönheit des körpers ein bote v. d. schönheit d. seele?); W. v. Humboldt ges. schr. 1, 342 akad.; dasz pflanzen zwar schönheit, aber keine grazie beigelegt werden kann, ... thieren und menschen aber beides, schönheit und grazie. die grazie besteht ... darin, dasz jede bewegung und stellung auf die leichteste, angemessenste und bequemste art ausgeführt werde Schopenhauer w. 1, 299 Gr. Winckelmanns fassung

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des begriffs schlieszt auch solche züge ein, die Schiller nur durch das wort würde, nicht durch das wort grazie bezeichnet wissen will: er (Winckelmann) verwirrt den begriff der grazie, da er züge, die offenbar nur der würde zukommen, in diesen begriff mit aufnimmt. grazie und würde sind aber wesentlich verschieden ... was Winkelmann die hohe, himmlische grazie nennt, ist nichts anders, als schönheit und grazie mit überwiegender würde ... die grazie macht sich sinnlich, und ist auch nicht erhaben sondern schön Schiller 10, 117 G. ('über anmut und würde'). vgl. hierzu näheres bei H. Weber in: zs. f. dt. wortf. 9, 141 ff.
2) begünstigt durch den überaus häufigen gebrauch von A in der graziendichtung der anakreontik und im wechselspiel mit diesem gewinnt B auch auszerhalb der theorie neben konkurrierenden bildungen wie reiz, liebreiz (s. Eberhard synonym. 5 [1800] 75), anmut, artigkeit schnell einen festen platz (s. auch unten 3 d). dabei begegnet es weithin in den gleichen bereichen und beziehungen wie A.
a) als anmut körperlicher, vereinzelt auch gegenständlicher erscheinung, im bereich sinnlicher wahrnehmung.
α) fast ausschlieszlich für den reiz leichter, ungezwungener, freier, gefälliger bewegung, als ausdruck eines neuartigen und ganz spezifischen schönheitsempfindens, das sich von dem statisch-heroisch bestimmten schönheitsideal des barock deutlich abhebt: diese mit würde und anstand zusammenflieszende grazie, welche allen seinen bewegungen und handlungen eigen war Wieland Agathon (1766) 2, 169; die grazie und eleganz seiner bewegungen hat ihres gleichen nicht J. G. Forster s. schr. (1843) 9, 13; in seinem umgang eine grazie, die man erst nach und nach entdeckt und gewahr wird Göthe IV 8, 305 W.; doch sind die touren (des tanzes) zum theil schwierig auszuführen, wenn die grazie nicht verletzt werden soll Böhme gesch. d. tanzes (1886) 125. als eigenschaft, charakteristisches merkmal eines bestimmten menschen: madame Körner, eine liebenswürdige lebhafte person, von vielem verstande, einem sprechenden auge, vieler grazie und empfindung (1787) Schiller br. 1, 382 Jonas; diese würde und fürstliche grazie, die ihm (dem magister) übrigens den ... spottnamen 'die exzellenz' eingetragen H. Hesse glasperlenspiel (1946) 1, 302. vereinzelt auf eine bestimmte bewegung, handlung, gebärde, geste bezogen, meist in der wendung etwas mit grazie tun, aber auch freier: mit grazie ihre hände faltend Schiller 3, 123 G.; vgl. 2, 342; wie er den verheirateten frauen mit grazie die hand küszte Polenz Grabenhäger (1898) 1, 78; (er) reckte und dehnte sich ein wenig mehr, als die grazie erlaubte W. Raabe s. w. I 6, 187 Klemm; das spiel der hände voll grazie Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 131.
β) seltener von dem reiz, den unbewegtes ausübt, einzelheiten des körpers oder die kleidung kennzeichnend:

lächle, grazie der wange
Hölderlin ges. dichtung. 1, 115 Litzmann;

die steife grazie ihrer dünnen rosa ärmchen Kahlenberg Eva Sehring (1901) 131; dasz die gratie auch an der kleidung theil nehmen könne (1759) Winckelmann s. w. (1825) 1, 223; J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 216.
b) als ästhetischer begriff im raum der kunst, die künstlerische behandlung des stoffes, die darbietungsform, die ausdrucksweise im sinne des zierlichen und leichten, des beweglichen und gefälligen, des natürlichen und freien charakterisierend. die für a α so bezeichnende vorstellung eines bewegungsreizes ist oft auch hier, freilich verhüllter, spürbar. vornehmlich als eigenschaft bestimmter dichter und dichtungen: auszerdem musz der dichter, redner und künstler seiner arbeit einen gewissen reiz zu ertheilen, und über sie eine gewisse anmuth zu verbreiten wissen, die man grazie zu nennen pflegt, und die mehr eine frucht des feinen gefühls, als der mühsamen anstrengung ist Eschenburg entwurf (1783) 26; mir däucht, dasz sie (Goethe) hier (im Wilhelm Meister) die freie grazie der bewegung etwas weiter getrieben haben, als sich

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mit dem poetischen ernste verträgt, dasz sie über dem gerechten abscheu vor allem schwerfälligen, methodischen und steifen sich dem andern extrem genähert haben (1796) Schiller br. 5, 20 Jonas; welche leichte grazie ist im stücke ('kaufmann v. Venedig') O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 209. entsprechend von den bildenden künsten und der musik: je mehr man den Palladio studirt, je unbegreiflicher wird einem das genie, die meisterschaft, der reichthum, die versabilität und grazie dieses mannes Göthe IV 10, 361 W.; er (der bau) ruht in sich. grazie des einfachsten! Binding erlebtes leben (1928) 186; die grazie eines menuetts von Händel H. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 59.
c) abstrakter noch, aber weniger ausgeprägt in der zuordnung zu geistigen und sittlichen werten:

tugend nur und der weisheit grazie folgen auch dort uns
Herder 26, 66 S.;

eine nachgesprochene wahrheit verliert schon ihre grazie Göthe II 4, 105 W.; dasz sich in diesem geschöpfe ... die volle blüthe des gefühls bei der reinsten grazie der unschuld erhalten hat (1787) Schiller br. 1, 397 Jonas. die wendung mit (ohne) grazie etwas tun, auf ein sittliches handeln oder eine geistige tätigkeit bezogen, erscheint dabei fast als übertragener gebrauch der gleichen wendung unter 2 a α, vgl. dazu bes. DWB graziös 2 c: (sie) beschrieb mit grazie seine person, seinen charakter, sein herz und seinen geist Heinse s. w. 6, 144 Sch.;

dies herz, weil es sein musz, bezwingen will ich's,
und tun mit grazie, was die not erheischt
H. v. Kleist w. 2, 73 E. Schmidt;

auch das (geldhinauswerfen) war nichts als protzerei und geschah ohne die geringste grazie Renn adel im untergang (1947) 69.
3) unabhängig von der spezifischen füllung des begriffs, aber deutlich in dem unter 2 gegebenen rahmen treten an grazie weitere typische merkmale hervor.
a) namentlich durch synonyme oder gegensinnige verbindungen. grazie und anmut treten tautologisch zusammen: das schöne kann aber auch ganz in den einzelnen moment der erscheinung aufgegangen sein; und dann nennen wir es die anmuth oder grazie Solger vorles. über ästhetik (1829) 90; ein bezauberndes mädchen, von anmut und grazie strahlend Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 188. die zusammenstellung mit anderen verwandten begriffen bestimmt grazie in der richtung auf das leichte, zarte, beschwingte oder heitere: leichtigkeit und grazie beseelten jede bewegung (der mädchen und knaben) Schiller 4, 206 G.; vgl. ders., br. 2, 172 Jonas; eine zeichnerische und das malerische erst vorbereitende feinheit, eine unerwartete grazie Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 300; scherz und grazie wollen nichts gemeines Herder 27, 192 S. seltener auch in der richtung auf das liebenswürdige, wie es sich beim adj. graziös (s. d. 1) deutlicher zeigt: eine fülle von ... anziehenden eigenschaften, besonders die grazie und liebenswürdigkeit bei Gentz schr. 1, 97 Schlesier. mit bestimmten begriffen tritt grazie in ein verhältnis des gegensatzes oder doch der polaren spannung, vgl. auch die ersten belege unter 2 b: unter ihm schien sich grazie und grösze unauflöslich zu vereinen Meissner Alcibiades (1781) 1, 5; grazie und das hohe pathos sind heterogen; und niemand wird sie vereinigen (1769) Göthe IV 1, 199 W.; da war tiefe und grazie, deutsche innigkeit verschmolzen oft mit antiker plastik Storm s. w. (1900) 8, 170; in ihren ungezwungenen bewegungen ist grazie und kraft Gerh. Hauptmann einsame menschen (1891) 22.
b) die gleiche, aber darüber hinaus auch andere färbung wie unter a empfängt grazie durch typische adjektivische epitheta: (Michelangelos) einbildung war zu feurig ... zur lieblichen gratie (1759) Winckelmann s. w. (1825) 1, 223; all die schornstein- und giebelthürme, die sich hier in feinster grazie zusammenfinden H. Laube ges. schr. (1875) 4, 134; das thier (schritt) auf den feinen füszen mit leichter grazie einher Immermann w. 1, 217 Hempel;

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von der anmut, der freien grazie Th. Mann Faustus (1948) 489. anfangs häufig in der verbindung unbeschreibliche grazie, in der sich das noch schwer bestimmbare des als neuartig empfundenen reizes (s. oben 2 a α) ausdrückt: es ist eine unbeschreibliche grazie und schönheit in diesen beyden ... bübchen Gleim briefw. 1, 275 Körte; Ferdinand! sagte sie mit einer unbeschreiblichen grazie dt. erz. d. 18. jh. 21 lit.-denkm.; Heinse s. w. 5, 29 Sch. aus anderer blickrichtung heraus: welche unordnungen, in der natürlichen grazie des menschen, das bewusztsein anrichtet H. v. Kleist w. 4, 138 E. Schmidt; auch mangelte allen vieren ... die unbeschreibliche, angeborene grazie Holtei erz. schr. (1861) 21, 78.
c) grazie als eigenschaft bestimmter völker und ihrer kulturen, besonders der im mittelmeerischen raum heimischen: Griechenland! urbild und vorbild aller schöne, grazie und einfalt! (1774) Herder 5, 498 S.; vgl. 496; Cornelius, der die altteutsche tiefe mit italienischer grazie zu vereinigen gewuszt Görres ges. br. (1858) 3, 2; nur ihrer grazie nach ist sie Französin Fontane ges. w. (1920) II 3, 118.
d) in kritischer oder ironischer anspielung auf den übermäszigen gebrauch des wortes und seinen modecharakter in der dichtung der anakreontiker und Wielands: die anmuht, die man seit einiger zeit mit einem entbehrlichen fremden worte grazie nennt Haller vers. schweiz. ged. (1768) vorr. 5b; damit ... ich doch dem dinge ein fein gedeylich ansehn und grazias, wie sie sagen, geben könnte Claudius s. w. (1775) 3, 21; Jakobi (steigt aus der wolke in einer schmachtenden stellung): ach mit welcher grazie! — Wieland: von grazie hab ich auch noch ein wort zu sagen (1774) Lenz vertheidig. d. herrn Wieland 30 lit.-denkm.; vgl. 31; weiteres in: zs. f. dt. wortf. 6, 108.
C. in zusammensetzungen mit grazie- im ersten wortglied, wie sie seit dem späten 18. jh. zahlreich auftreten, beweist nur A typenbildende kraft, wobei die komponierung mit dem pl. grazien- erfolgt. ein graziefreund Herder 29, 297 S. ist ungewöhnlich (und vielleicht, wie noch grazienlos, grazienvoll [s. d.], an B anzuschlieszen).
1) in eigentlichem oder bildlichem anschlusz an die einzelnen vorstellungen von den grazien als mythologischen wesen, zu A 1: grazienaltar Brinkmann ged. (1789) 2, 299, -chor d. mädchen v. Orléans (1821) 2, 175, -gewand Herder 29, 123 S., -kreis Ed. Gerhard akad. abhandl. (1866) 1, 325, -opfer Herrmann d. feste v. Hellas (1803) 1, 267, -schleier Matthisson ged. 1, 202 Bölsing, -tanz Herder 17, 349 S.; E. v. d. Recke tageb. e. reise (1815) 3, 62.
2) in der übertragung der mythologischen einzelvorstellungen auf menschliche verhältnisse.
a) namentlich, A 2 a entsprechend, in der bezeichnung körperlich schöner, anmutiger, zierlicher einzelheiten: grazienantlitz Heyden br. e. flüchtlings (1838) 4, 64, -auge Stolberg ges. w. (1820) 1, 38, -figur Soden Psyche (1801) 52,

 

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