| Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm | · · ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
wurm bis wurmbeiszig (Bd. 30, Sp. 2226 bis 2259) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| das wort ist gemeingerm.: got. waurms 'schlange' (s. kl. schr. 571); an. ormr 'schlange, drache', nisl. ormur 'wurm, schlange', norw. schwed. orm 'schlange', dän. orm 'wurm, made'; ae. wyrm 'reptil, schlange, drache, wurm', ne. worm 'wurm, made, raupe'; afries. wirm 'wurm' (nur bei afries. wb. 130), fries. wjerm 'wurm'; mnl. worm, wurm 'wurm, insekt, schlange, drache', nnl. worm 'wurm'; as. wurm 'wurm, insekt, schlange', mnd. worm 'wurm, wurmartiges geschöpf, schlange'; ahd. mhd. wurm 'kriechtier; schlange, drachewurm; insekt'. dazu ahd. wormo und pl. worma 'vermi; culus (= color purpureus)', fries. worma, ae. wurma, wyrma, 'purpur' s. nom. stammbildungslehre § 64 anm. 1; ahd. gramm. § 13. wurm ist mit mi-formans zur schwundstufe der idg. wz. er- 'drehen, biegen, sich winden' gebildet. auszerhalb des germ. ist identisch: lat. vermis (< *ormis; gemeinsame grundform * mis), vgl. ferner böot. eigenn. Ϝάρμι-χος, aruss. vermie 'gewürm' (< *vrmje bsl. wb. 343), klruss. vermjanyj 'wurmfarben, rot' und ablautendes gr. ῥόμος (σκωληξ Hesych), lit. varmas 'insekt, mücke', apreusz. wormyan, warmun, urminan 'rot', s. 1, 271. — zur synonymik in den idg. sprachen vgl. die aufstellung bei dict. of selected synonyms (1949) 193 f. (3. 84. worm) und 194f. (3. 85. snake). senkung des stammvokals (u > o) ist für das nd. sowie für teile des angrenzenden md. gebietes seit frühmhd. /mnd. zeit nachweisbar: wormen (dat. pl.,: worden) Lamprecht Alexander (Straszburger hs., rheinfränk.) 4072 K. (aber: wurmes 1301 im versinnern); worm (:storm) d. hohelied 2778 F.; (:storm) gottes zukunft 2317 S.; des Matthias von Beheim evangelienbuch 94 B.; (1381) Magdeb. weichbildrecht 51 (§ 139) W.; (15. jh. anfg., rhein.-md.) mhd. minnereden II 26, 20 Th.; (1433) cod. dipl. Lusatiae sup. 2, 420; hs. d. erlösung (15. jh. md.) 940 B.; gl. 12c; 493c; 551b; nov. gl. 241a; 317a aus md. vokabularen des 15. jhs.; mlat.-hd.-böhm. wb. 282; Alsfelder passionsspiel 144 Gr.; bündthertznei 9 H.-M.; (1517, Anhalt-Leipzig) voc. rer. prompt. H 6b; sprichw. (1530) nr. 208; w. (1521) 7, 567; (1528) 28, 80; pl. wrme (1543) 53, 616; tischr. (1530—1535) 1, 413; 6, 81 W. (neben vorherrschendem wurm). während die o-form nach Luther in der schriftsprache gänzlich zurücktritt, ist sie in den neueren maa. — zumal im nd. und md. — weithin bewahrt. sie gilt (landschaftlich zu woarm, waorm diphthongiert) in Oldenburg, [Bd. 30, Sp. 2227] Westfalen, Göttingen, dem Nordharz und Schleswig-Holstein, weiter östlich in der Altmark, Mecklenburg, Vorpommern und dem nd. teil Ostpreuszens. daran schlieszt sich im süden ein breiter md. worm-streifen: Düsseldorf, Barmen-Elberfeld, Siegerland, Aachen, Trier, die Pfalz, Handschuhsheim/Heidelberg, Darmstadt, Ober- und Niederhessen, Kassel, Sachsen, Nordböhmen, Schlesien, das Samland. doch reichen die formen noch in das nördliche (ostfränk. und badische) grenzgebiet des obd. hinein (Stadtsteinach /Bamberg, Henneberg, Taubergrund, Rappenau, Nordwestschwaben). auch in teilen der Schweiz (Bündner herrschaft, St. Galler Rheintal, Appenzell, Kesswil/Thurgau) sowie in der Baar (südwestschwäb.) ist die senkung u > o (vor r + konsonant) eingetreten, vgl. alem. maa. 89. demgegenüber besitzt die schriftsprachlich durchgedrungene u-form ihr mundartliches kerngebiet im obd. (Steiermark, Kärnten, Tirol, Österreich, Bayern, Nürnberg, Taubergrund, das hauptgebiet des alem. [Schwaben, Schweiz, Elsasz]). sie erscheint darüber hinaus in teilen des md., insbes. im westmd. (Lothringen, Luxemburg, Eifel, Siebenbürgen, Hessen, Siegerland), vereinzelt auch im ostmd. (Nordwestböhmen, Ostpreuszen). auf nd. boden haben das westfäl. (Soest, Hahlen) und Waldeck, ferner im äuszersten nordwesten das ostfries. (z. t. diphthongische) u-formen. zwischen den auslautenden konsonanten -rm kann sich im ahd. (zeugnisse seit dem 8. jh.) ein sproszvokal entfalten (vgl. svarabhakti im altdt. 123—128 mit reichem material), jedoch nur auf obd. gebiet, da allein hier svarabhaktibildung zwischen r + guttural oder labial stattfindet ( ahd. gramm. § 69; ahd. gramm. § 117). im mhd. und frühnhd. nur ganz vereinzelt nachweisbar (pauch burem, moltwurem nov. gl. 241a; 347b aus einem obd. vokabular des 15. jhs.), aber in der gesprochenen sprache sicher weiterhin durchaus lebendig, worauf auch das zeugnis der neueren maa. weist: verbreitungsgebiete sind das nordfries. (Sylt, Helgoland mit würəm, wirəm, wurəm), das mittelfränk. (wurəm, wūrəm, worəm im luxembg., pfälz., lothring., nordsiebenbürg.), das schwäb. (wurəm, wūrəm), bad. (worəm Rappenau), ostfränk. (wūrəm, worəm im Taubergrund) sowie das alem. (z. b. wurəm Grindelwald, Mutten; worəm St. Galler Rheintal). im ostschwäb. und im süden der Schweiz kann der auslautende nasal in schwachtoniger stellung fallen (wūrə neben wūrəm), s. alem. maa. 240 (mit genauerer abgrenzung der gebiete); schwäb. 6, 989 f. der wandel des auslautenden m > n, der im ahd. nur flexionselemente ergriffen hatte ( ahd. gramm. § 273), erfaszt im mhd. und frühnhd., zumal auf alem. gebiet, auch das stammhafte m in haupttoniger silbe ( mhd. gramm. § 84, 6; frühnhd. gramm. 1, 3, § 133, 2, anm. 5): wurn Barlaam und Josaphat 72, 31 K.; Marienleben 208, 23 K.; var. d. Heidelberger liederhs. (Zürich 14. jh.) zu kl. dicht. III 25, 1 Schr. sowie zum 14, 288; 15, 161 Str.; Hugo v. Langenstein Martina (Basler hs., 14. jh.) 117, 49 K.; wrn, wurn voc. optimus (14. jh., alem.) 42, 45, 46 W.; im reim mit verlurn noch um die mitte des 15. jhs. bei dem Württemberger (meister Altswert) 232, 28 K.-H. durch ausgleich ist -n wieder beseitigt worden. die schreibung wurmb ( frühnhd. gramm. 1, § 29, 3) begegnet mehrfach während des 16. und 17. jhs.: (1567) österr. weist. 5, 774; volksb. v. dr. Faust 51 ndr.; ged. 2, 67 F.; floril. polit. (1662) 1, 382; Judas (1686) 1, 152. genus und flexion. genus (s. dt. gramm. 3, 362): neben die ursprüngliche und auch in jüngster zeit durchaus vorherrschende verwendung als m. stellen sich seit dem beginn des 19. jhs. einzelne fälle n. gebrauchs. sie bleiben auf wurm in der übertragenen, mitleidig-affektischen verwendung 'armseliges, hilfloses geschöpf (kind)' beschränkt (wofür [Bd. 30, Sp. 2228] im übrigen vielfach auch das m. eintritt) und dürften unter der einwirkung n. synonyme wie etwa kind, wesen, geschöpf stehen ( berlinisch 293 verweist auf die parallele balg, m. und n.); vgl. ferner die n. diminutivformen würmchen, würmlein, würmel(e) in entsprechender verwendung. das n. behauptet sich in der literatursprache des 19. jhs. (Kleist, s. die belege unter V 5 b γ und δ sowie wb. d. dt. sprache 2, 1681) und erscheint etwa gleichzeitig in der mundartl. gefärbten umgangssprache einzelner landschaften (Hessen, Berlin [Glaszbrenner], Obersachsen, Preuszen, Wien). eine auch die pluralbildung ergreifende unterscheidung zwischen wurm, n. 'armer wicht', pl. würmer, und wurm, m. 'vermis', pl. würme, wie sie 1. erg.-heft 8 für das hess. bezeugt, hat — wenn überhaupt — nur sehr eingeschränkte geltung. — der im 16./17. jh. mehrfach belegte akk. ein wurm deutet nicht auf n. gebrauch, sondern ist als lautlich-graphische schwundform (< ein'n) aufzufassen. pluralbildung: der m. i-stamm wurm (pl.: as. ahd. uurmi, spätahd. uuurme, mhd. würme, mnd. worme) tritt seit der ersten hälfte des 15. jhs. in die reihe der wörter mit -er-plural über, der von haus aus nur den n. -iz-/az-stämmen zukommt, aber schon im ahd. n. a-stämme erfaszt und im frühnhd. auf masculina übertragen werden kann. die ursachen des flexionswechsels, der für wurm am ausgang des 18. jhs. im wesentlichen abgeschlossen ist, sind nicht befriedigend geklärt. jedenfalls erfolgt er unabhängig von der doppelgeschlechtigkeit des wortes (vgl. über die bedeutung n. nebenformen PBB 27, 221f.; 243); denn das n. wurm begegnet nicht vor dem 19. jh. (s. dt. gramm. 2, 31; weiteres zur erklärung PBB 27, 253; 38, 223f.). — er-formen erscheinen zufrühest in bair.-ostfränk. quellen ( pluemen d. tugent 9849 Z.; Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten [Augsburg 1511] 56a), sind aber schon in der ersten hälfte des 16. jhs. auch im alem. ( todtentanz str. 60 Bächtold) und im md. nachweisbar ( 750 sprichw. [1534] nr. 208; mehrfach, jedoch die zahl der würme-belege durchaus nicht erreichend, bei z. b. w. 15, 50; 33, 327; 41, 528; 47, 248; tischr. 2, 48 W.). bis um die wende vom 17. zum 18. jh. behaupten die r-losen formen würme, würm ein (ständig schwächer werdendes) übergewicht. in der ersten hälfte des 18. jhs. wird der neue plural vorherrschend. die form würme zieht sich zuletzt ganz auf den dichterischen sprachgebrauch zurück (Uhland, Tieck); bereits für 5 (1786) 309 gehört sie der 'höhern schreibart' an. zu einzelheiten vgl. die substantivflexion seit mhd. zeit in PBB: 27, 253; 31, 359; Gürtler zur gesch. d. dt. -er-plurale in: PBB 37, 527f.; 38, 81; 91; 223f.; gramm. d. dt. sprache d. 15.—17. jhs. 1, 164 (§ 280); dt. gramm. 2, 32 f. in den heutigen mundarten (s. in: zs. f. dt. philol. 33, 71) stehen die beiden pluralformen weithin nebeneinander: -er gilt im nordfries. (Sylt, Föhr, Amrum, Helgoland), nd. (Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Altmark, Nordharz, Göttingen), md. (Lothringen, Hessen; Obersachsen, Preuszen), ostfränk.-nürnberg., schwäb. u. österr. (Wien, Kärnten); -e im nd. (Elberfeld-Barmen, Westfalen, Göttingen, Altmark, Schleswig-Holstein), md. (Preuszen, Samland; Aachen, Siegerland, Luxemburg, Trier, Pfalz, Lothringen, Darmstadt, Hessen, Siebenbürgen) und in weiten teilen des obd. (Schweiz, Elsasz, Schwaben-Ostfranken, Bayern, Wien, Tirol, Kärnten, Lusern). — das ostfries. und einzelne nd. maa. (Schleswig-Holstein) kennen daneben den -s-plural. flexivische besonderheiten: im späteren mhd. und frühnhd. tritt an den akk. und nom. sg. vereinzelt ein unorganisches -e: akk. einen bosen wurme väterbuch 10 571 Reissenberger; ainen wurme spiegel d. menschl. heils 2462 Lindqvist (beide male im vers); nom.: ir wúrme erste dt. bibel 1, 157 K.; wurme (var. wurm) voc. incip. theut. gl. 520b; [Bd. 30, Sp. 2229] psalmen 82 ndr. die erscheinung ist auch mnd.: nom. sg. worme (1417 nd.) nov. gl. 148b; wyngaerden 207 R. — die form des (r-losen) dat. pl. greift im frühnhd. gelegentlich auf den gen. pl. über (s. PBB 27, 246 anm.): der wrmen (1472) dt. schr. 1, 80; der würmen opera 1, 98c Huser; Adam u. Eva (1570) G 3a; Gusman v. Alfarche (1615) 275; (1639) in: ev. kirchenl. 3, 22 F.-T.; mercks Wienn (1680) 57 und noch bei (nach PBB 38, 223); s. auch wirmen als nom. pl. Lothringen 550. bedeutung und gebrauch (vgl. auch gewürm teil 4, 1, 4, sp. 6814 ff.). I. 'kriechend sich fortbewegendes tier; kriechtier, reptil'; ein nur den älteren sprachstufen eigener gebrauch (s. dt. gramm. 3, 362), der an häufigkeit und verbreitung hinter den spezialisierenden anwendungen des wortes (wurm als bezeichnung einzelner arten kriechender tiere wie anguis, draco, vermis) weit zurücksteht. ob in ihm ursprüngliches nachlebt (wurm 'sich windendes'), musz zweifelhaft bleiben, umso mehr, als die belege ein dem germ. fremdes, von auszen herangetragenes begriffsschema sprachlich ausfüllen helfen. die anschauung einer natürlichen vierteilung des tierreiches (nach den vier arten der fortbewegung: laufend — kriechend — fliegend — schwimmend) ist im alten testament vorgeprägt (gen. 1, 20—25 [mit zusätzlicher unterscheidung iumenta/bestiae, doch vgl. 1, 26]; deut. 4, 17—18: similitudinem omnium iumentorum, quae sunt super terram, vel avium sub caelo volantium, atque reptilium, quae moventur in terra, sive piscium qui sub terra morantur in aquis) und lebt als topos im latein. mittelalter fort (leo rex est omnium bestiarum, aquila cunctarum avium regina esse videtur; cetus universorum est piscium imperator, basiliscus princeps est quorumlibet reptilium et serpentium, Buoncompagno, rhetorica novissima, zitiert nach in: WSB 145, 9, 2). sprachlich entspricht der lat. vierergruppe bestiae (iumenta) — aves (volucres) — reptilia (serpentes) — pisces im dt. tier (vieh) — vogel — wurm — fisch. auch verbale umschreibungen begegnen, bekannt vor allem: (ich) sach die vische fliezen, allez daz lebentich was, ez uluge gienge oder chras, diu tier in dem waldeir weide liezen stân. in elementen vieren [Bd. 30, Sp. 2230] perg und auch tal, des voglin schal,der visch im wag, meynsschen, beesten, vogele, dieren, was auff erd lebet inn gemein, die würme, die nur schleichen, II. schlange; drache; schlangen-, drachenartiges untier. der gemeingerm. verbreitete, im ahd. und mhd. kräftig entfaltete gebrauch bewahrt in ausläufern bis zum ende der frühnhd. zeit (zuletzt namentlich bei obd. schriftstellern) lebenskraft und wirkt in den neueren obd. maa. (sowie in zuss. und in namen) noch fort. die nhd. vertretungen der seit alters im wettbewerb stehenden sinnverwandten ahd. slango, tracho drängen wurm, das sich nunmehr auf den sinn 'vermis' und 'made, käfer, insekt' eingrenzt, in frühnhd. zeit ebenso zurück, wie sie ahd. mhd. unc 'schlange, natter' (> nhd. unke 'kröte') und mhd. serpent 'schlange, drache' zum weichen bringen. die vokabulare des 14./15. jhs. setzen für lat. draco bereits fast ausnahmslos drache, trache, für serpens nur noch slange ( gl. 191a; 530a), wennschon spuren der alten bezeichnung hier wie noch in den obd. wörterbüchern des 16. jhs. nicht gänzlich erlöschen (glossierungen wie die des lat. amphisbaena gl. 32a; nov. gl. 21b stehen allerdings auch stark unter traditionszwang). kennzeichnend für die endzeit des wortgebrauchs sind die erläuternden paarformeln schlange und wurm, wurm und drache, für die sich die belege im 16. jh. mehren. die dichter der klassischromantischen zeit haben wurm als bezeichnung des drachen und der schlange neubelebt, doch hat das wort auszerhalb der gehobenen literatursprache nicht wieder wurzel gefaszt. zwischen den anwendungen 'schlange' (1) und 'drache' (flügelschlange als fabelwesen) (2) ist nicht in allen fällen sicher zu scheiden; hier und da bezeichnet das wort wie das mnl. worm ( 9, 2812) auch nur unbestimmt ein schlangen- oder drachenartiges untier (3). in eigener tradition steht wurm als bezeichnung der paradiesesschlange und danach des teufels (4). in allen diesen anwendungen verbindet sich wurm mit charakteristischen beiwörtern, wie stark, wild; giftig; vreislich, ungehiure; arg, böse. ihr fehlen in ahd. zeit bestätigt, dasz sie dem (vielleicht älteren) formelbestand der mhd. dichtersprache entstammen, der erstarrt in frühnhd. zeit fortlebt. nach der wiederaufnahme im späten 18. jh. bleibt wurm kennzeichnenderweise wieder beiwortlos, abgesehen von der festen verbindung höllischer wurm (4), für die besondere voraussetzungen gelten. [Bd. 30, Sp. 2231] 1) 'schlange, schlangenähnliches tier (eidechse, molch)'; auch 'frosch, kröte, schildkröte'; zur synonymik in der älteren sprache vgl. dt. gramm. 3, 362: (got.: sai, atgaf izwis waldufni trudan ufaro waurme jah skaurpjono ἰδοὺ δέδωκα ὑμῖν τὴν ἐξουσίαν τοῦ πατεῖν ἐπάνω ὄφεων καὶ σκορπίων Luk. 10, 19. as.: so samo so the glauuo uurm, der wâpenroc gap planken schîn. merket alle drierlei worme, vil wilder wúrme htent sin (des pfeffers) Idra heizet ein freislich wurm, die sechste keich (gefängnis) ist wunder reich die schlang wert sich nach ihrer art [Bd. 30, Sp. 2232] halb todt wir all von dannen flohen, in der gehobenen literatursprache seit dem ausgang des 18. jhs. neubelebt: dort läge denn also die ausgewachsene schlange. der wurm, der entschlüpft ist, wird zwar mit der zeit auch gift brüten, hat aber doch für jetzt noch keine zähne s. w. 300 Bohtz; dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen, die bulle schmeiszt er flink hinein (ins feuer), mhd. und frühnhd. schlieszt wurm als sammelbezeichnung auch 'frosch, kröte, schildkröte' ein: diu krot ist ain vergiftiger wurm und hat ain schelmig gesiht buch d. natur 295, 26 Pf.; schiltkrot ein wurm ... cortus, voc. theut. (Nürnberg 1482) cc 5a; alle kleine frösch vnd der glichen würm vff der erden oder in wassern vnd fischlin verschlucken sye (die enten) Petrus de Crescentiis v. d. nutz d. ding (1518) 142b; das weyne ich, das mich got so ein feyne creatur geschaffen, nit szo ungestalt wie den worm (er zeigt auf eine kröte), und ich das nie erkennet 7, 567; 45, 99 W.; diese beyde abscheuliche würme (kröte u. schlange) 2, 483 Keller. 2) 'drache'; im ahd. nicht bezeugt (vgl.: dar ist inne diser zaligo draco [übergeschr.: traccho], serpens antiquus [übergeschr.: der alto uuurim] 2, 440, 11 P.). mit dem heldenepos und der höfischen und geistlichen fabulierdichtung der mhd. zeit setzt sich der wortgebrauch durch, vgl. die zahlreichen belege in den mhd. wbb.: ein wurm wûchs dar inni, [Bd. 30, Sp. 2233] Wolff Dietrich würm erschlg Grobianus v. 2260 ndr.; dero zit was ein grosser trackh oder wurm im land chron. Helvet. (1734) 1, 146; (der mann) saget herr(n) Tristranten, dasz ein grosser vnnd grausamer drach in dem knigreich were ... herr Tristrant fraget, an welchem ende der wurm were ... als er nun den serpenten erschlagen hatt, schnitt er jhm die zungen ausz dem rachen buch d. liebe (1587) 82c; es hatt vor zytten jn den wildinen vnd bergen vmb die statt Lucern ... treffenliche grosse würm vnd tracken ghept ... vnd aber allwegen, so man einen solchen tracken oder wurm hinwegfüere, sölle ein schädlicher wasserguss ... ervolgen Cysat in: R. Cysat, begründer d. schweiz. volkskde (1909) 50; ir lieben getreuen, euch ist bekandt, und wo des bauches weiches vliesz dich Sigurd ..., hättst du sie dort gesehn im drachenhorst, Fafner, der wilde wurm 3) '(drachen-, schlangenartiges) untier; ungeheuer': nu was da bi gelegen ein lant, o crocodil, du wilder wurm! bei 4) die schlange im paradies; übertragen (wie mhd. slange, trache, serpant, unc) der teufel; vgl. auch mhd. hellewurm, lintwurm in entsprechender verwendung (dazu W. Grimm in der einleitung zu seiner ausgabe der gold. schmiede Konrads v. LIII): swaswe waurms Aiwwan uslutoda filudeisein seinai (ὡς ὁ ὄφις Εὔαν ἐξηπάτησεν ἐν τῇ πανουργία αὐτοῦ) 2. Kor. 11, 3; der wrm ungehivre sr uil tivre do er (gott) sich an dem wurm gerach, wie der mensche wart erlôst das ich nicht wil verschrenken [Bd. 30, Sp. 2234] jha, sagt der teuffel, gott hats gebotten? (vom baum der erkenntnis zu essen) flucht unserm herrgott und lernet Adam auch fluchen, und folget dem gifftigen wurm (1538—40) 47, 66 W.; vgl. tischr. 5, 631 W.; der böse wurm pflegt seinen trewen dienern zu letzt also zu lohnen (1539) ders., 50, 409 W.; der teuffelische wurmb (Beelzebub) schwang in solche klufft hineyn mit d. Fausto (1587) volksbuch v. dr. Faust 51 Petsch; als nun der wurm der finsternisz sah das gebot gottes (1619) s. w. 3, 103 Schiebler; der höllische wurm il verme (serpente) infernale t.-ital. 2 (1702) 1407c; wer beredete sie (die engel) zu dem schändlichen aufstand (wider gott)? der höllische wurm slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 3; dasz ich dich hasse — hasse wie den wurm des paradieses (1783) 3, 158 G.; sie sagen, es sei der höllische wurm, 5) zu anfang des 16. jhs., namentlich während der reformationszeit und vor allem in den schriften Luthers erfährt wurm als verächtlich-herabsetzende bezeichnung für menschen nochmals eine stärkere belebung, vorwiegend in den fügungen giftiger, böser wurm. vgl. dazu verwendungen wie: (die Juden) hielten jhn (Christus) für den schedlichsten worm, so ihe auff erden komen were 28, 80 W.; also helt die welt uns aposteln und prediger des euangelij ... für die gifftigsten würme und grosste plagen auff erden uber krieg, pestilentz ebda 46, 15; ouch sagt man, eyn katz syg der nün bösen würm einer (1521) Karsthans 77 Burckhardt; ein böses weib ist vber alle böse würme Agricola bei bibl. sprichw. (1860) 117; wer da wissen wil, was ein weib oder frewlein sei ..., der sol sie keines weges halten oder ansehen für ... der sieben bösen würmen einer, sonder sol sie ansehen und halten für gottes geschöpff Adam u. Eva (1570) G 3a. a) allgemein für den gottes gebot zuwider lebenden, moralischer verderbnis verfallenen menschen der 'welt', auch mit der nebenvorstellung des falschen und heimtückischen: 'der gerecht fürcht sich nicht für solchem geschrey' (lästerung, nachrede); er weys, das es gut und gerecht ist, aber die bösen würme müssens besüdeln und beschmeysen (1526) 19, 331 W.; wie jtzt solcher gifftigen bosen wurme viel sind, die sich widder uns auffs aller bitterst erzeigen (1532) ebda 32, 364; (die kornwucherer sind) gifftige wurm, quod freude haben, quod aliis ubel gehet (hi sunt pestilentissimi serpentes) (1531) ebda 34, 1, 334; (die hl. schrift) hat zu schaffen mit geistlichen würmen und scorpionen, die vor der welt ein schein haben der heiligkeit (1530/35) ders., tischr. 1, 572 W. vereinzelt der mensch schlechthin in seiner kreatürlichen sündigkeit: der thürhütter hie (im evangelium) ist der prediger, der das gesatz rechtt leeret, nemlich, das es nur da ist und zayge uns was wir für kreütle sein und wie gifftige würme wir sind (1526) w. 10, 1, 2, 289 W. b) im theologischen streitschrifttum der reformationszeit, namentlich bei Luther als schimpfwort für den konfessionellen gegner: mer secten im orden seynd dann tag im jar, conuentales, marttiniani, obseruantini ... wer kan die würm vnd das geschwürm alles ertzelen s. schr. 3, 48 ndr. (vgl. DWB gewürm teil 4, 1, 4, sp. 6827); drey ding hatt Rhom am meysten, alte türm, vorgifftig würm, schendliche kirchen opera 4, 266 Böcking; das er (Alveld) mich schillit eynen ketzer, unsinnigen, blinden, narren, besessenen, schlangen, vorgifften wurm (1520) 6, 290 W.; ich habe manche böse that von cardinalen gehöret vnd gesehen, aber einen solchen vnuerschempten bösen wurm hette ich e. cardinalische heiligkeit nicht gehalten (1536) ders., bücher u. schr. 6 (1568) 361a; wie hertzlich gon ich das dem verzweivelten bosen wurm (erzbischof Albrecht) zu Meintz, der des unglücks alles bisher meister gewest ders., br. 10, 125 (monstro illi Moguntino 10, 118) W.; gott hette ihn (Luther) wunderlich wider den greulichen [Bd. 30, Sp. 2235] wurm, den babst, gefuret (1539) bei tischr. 4, 432 W.; (Witzel) sich zu dem gifftigen wurm vnd vffrhürischen menschen Jacob Straus gehalten hat widder Jörg Witzeln mammeluken (1539) F 7a. auch für Juden und Sarazenen: ich hoffe, die Jüden, wie gifftig, böse wörme sie sind, werden sie ja nicht sagen können, das wir diesen spruch (5. Mose 18, 15) ertichtet haben (1543) 53, 616 W.; drumb wollestu, o herr, doch dieses volck beschirmen, c) wie drache als bezeichnung eines zänkischen, unleidlichen weibes: der teufel würde in (den landsknecht) sunst mit dem bösen weib und kifechten wurm ewiglich beschissen haben (1556) gartenges. 62 Bolte; der böse wurm sitzt vielmal in der kirche und hat das buch umgekehrt Catharine 106 Fulda. vom schlangenhaft falschen wesen: komm in deiner ungeheuren fruchtbarkeit, schlange, spring an mir auf, wurm (Louise) (1784) 3, 499 G. III. insekt, käfer, käferlarve. in dieser verwendung seit den anfängen der bezeugung auf hoch- und niederdeutschem gebiet nachweisbar (in gleichem sinne mnl. worm 9, 2811); vgl. dazu vogel teil 12, 2, 394 (benennung vogelähnlicher lebewesen wie fliegen, bienen, schmetterlinge, heuschrecken, fledermäuse); ferner die zusammensetzungen mit -wurm 'käfer' im zweiten glied; häufig erscheinen die diminutivformen würmlein und würmchen: huuand it rotat hir an roste, endi regintheobos farstelad, die kleinste creatur erhebt des schöpfers preis, ich lerne dann, [Bd. 30, Sp. 2236] o geb' ein guter gott uns auch dereinst die würmchen summen lustig durch die blätter, marienvogel kleine ... aufschluszreich sind die lexikalischen zeugnisse des spätmittelalters: cicindela ('glühwürmchen') schinentter worm (15. jh. obd.) nov. gl. 88b; rimea (= tinea?) mutte, ein worm (1425 nd.) gl. 498c; myocia teke, eyn worm (16. jh. nd.) nov. gl. 254a; crabrona ('hornisse') ein bse fliegender wurm (1440 md.) gl. 154c; tarantula eyn vorgiftich worm (15. jh. nd.) nov. gl. 358b; scorpio werre, ist ein vergifftiger wurme (voc. incip. theut. ante lat.) gl. 520b. — zu würmchen: lucipeta ('glühwürmchen') en vleghende wormekin (1425 nd.) gl. 337c; lens ('nisse, lausei') nete, eyn clene wormeken in den haren (15. jh. nd.) nov. gl. 231b; s. mnd. wb. 3, 179; zu würmlein: nachtscheinent wurmelein noctilia, noctiluca vocab. theut. (Nürnberg 1482) x 1b; s. auch gl. 381c; nov. dict. genus (1540) Xx 2a; dict. (1556) 870b; fischbüchlein (Nürnberg o. j.) 45. in den neueren maa., zumal des nd. gebiets, tritt wurm an die stelle von käfer (Mecklenburg-Pommern, verstreut märkisch und ostmd.) und motte (Emsland [vgl. auch Groningen 1216 ] und verstreut im nd.), s. dt. wortatlas 1 (1951) karte 24; 33; ferner Holstein 4 (1806) 375 ('käfer'); Hahlen 178 ('insekt'); sächs. volkswörter 51 ('kerbtiere, maikäfer'); Nösner wörter 175 ('käfer'). in der diminutivform: das wermla käfer Nordböhmen 547; wiemla, wormla 'kleiner wurm', 'kerbtier, biene' nordmährisch 96. namentlich bezeichnet wurm schädlinge (käfer und käferlarven), die organische substanzen zernagen. 1) holzwurm (bohrkäfer, borkenkäfer und deren larven), in lebendem oder totem holz; s. auch steir. 640 (fliegender wurm 'borkenkäfer'); nordsiebenbürg. handwerkssprachen 1081: dû bist sam der cêderboum, daz (gleichnis vom wurmzerfressenen baum) bezeichnet den [Bd. 30, Sp. 2237] zerfressen oder ausgehölet seyn winterfl. d. sommervögel (1678) 92; die kunst der zeichnung unter den Ägyptern ist einem wohlgezogenen baume zu vergleichen, dessen wachsthum durch den wurm ... unterbrochen worden (1763) w. 3 (1809) 4; stille ..., die den nie ruhenden wurm in den alten meubeln hörbar machte s. w. (1853) 15, 67; nach 2—3 wochen kommt der schwarzbraune käfer (bostrychus typographus) zum vorschein, welcher auch unter dem namen des schwarzen wurms bekannt ist allg. naturgesch. 5 (1836) 1679; die vergoldeten stühle ... sind doch von holz und der wurm verschont es nicht in: briefw. zw. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 1, 347; um ... den wurm zu vermeiden, musz der baum vor ... ende januar gehauen ... werden d. wald (1863) 526; immer wieder werden welche (ikonen) notwendig; (nämlich:) wenn eines zerbricht vor alter und wurm ges. w. (1927) 4, 108; auch einen 'groszen wurm' kennt der holzhändler, es ist die larve des groszen braunen eichenbockkäfers Sellheim tiere d. waldes (o. j.) 35. 2) bücherwurm (bohrkäfer): wie wyr erfaren und gesehen haben, das mit so viel mhe und erbeit man die sprachen und kunst dennocht gar unvolkomen aus ettlichen brocken und stucken allter bcher aus dem staub und wrmern widder erfr bracht hatt (1524) 15, 50 W.; es klagen auch über die würmlin die studenten der bücher halben, dasz sie jnen die selbigen zernagen und verderben Petrarcha, von hülff u. rath (1551) 108b; bis zur ausfrtigung meiner schon lngst in Holland den wrmern zur speise gelegenen hoch- und niederdeutschen reim- und dichtkunst verm. Helikon (1656) 1, 5; (das) original, so von würmen und buchschaben gar verfressen grillenvertreiber (1670) 68; es lebt dein ruhm in mancher schrift, es musz ein edler geist den leser an sich ziehn, beschränkt von diesem bücherhauf, 3) korn-, getreidewurm (käfer u. larve); s. DWB kornwurm teil 5, sp. 1832: wurm der kleider, korn oder kraut tarlo t.-ital. (1618) 279b; getreide, wenn würme hinein kommen und solches lebendig wird Katzenveit (1665) K 4b. als krankheitsbezeichnung (s. unten V 3 f): das getraid hat den wurm il grano è corcogliato t.-ital. 2 (1702) 1407b; wurm 'krankheit des getreides' (auch des holzes und papiers) Oberhessen 926. IV. insekten- (fliegen-, schmetterlings-) larve, made, raupe; s. nordfries. 718; Holstein 4 (1806) 375; Eilsdorf 102; Barmen 173; Siegerland 331; pr. 2, 483; Tirol 715; schwäb. 6, 992; bärndütsch (Guggisberg) 3, 178. 1) wurm als schädling pflanzlichen wachstums, insbesondere als zerstörer der knospen- und blütenteile sowie der früchte; vielfach bildlich: nu kemen dise unreinen wúrme und slúffen us den wurmessigen phelen und essent das edel gt krut und machent es locherechtig pred. 184 Vetter; ich hett mir ein apfel, war hubsch und rott, [Bd. 30, Sp. 2238] teuffel einen wormb darein, der es nagt floril. polit. (1630) 350; (im august soll man) die würme vom kraut fleissig abklauben lassen georg. cur. (1682) 1, 129; die früchte, so der baum der keuschen liebe bringet, 2) seidenraupe (s. seidenwurm teil 10, 1, sp. 187 und unten wurmseide; ferner vgl.: de bombicibus id est vermibvs sericas vestes texentibus i. dia uurmi dia daz gotuuueppi machont [10. jh., Aldhelmi Aenigmata] ahd. gl. 2, 8, 16 St.-S.): alls die seyd würt gespunnen ausz den würmlin granatapfel (1510) d 6d; was seindt die seiden vnd sammet anderst als ein koth der verächtlichen würmen? Gusman von Alfarche (1615) 275; frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, F 4b; was ist der seiden pracht? der würme werck, der saft der erden, wo hast du armer wurm dein spinnen wohl gelernt? nimmt August nicht dem elefanten 3) fliegenlarve, made (an fäulnisstellen, in verfaulenden substanzen); häufig in paarformel (würmer und maden), vgl. auch die zuss. speckwurm, fleischwurm, käsewurm (bereits 1443 als personenname Jacobus Chaeswurm de Radstat bei handschriftenverz. d. Kärntner bibl. [1927] 121; keszewurmlin 8, 712 W.): tarmus haizt ain speckmad, wan daz ist ain wurm, der in speck wehset buch d. natur 309, 20 Pf. (s. gl. 574a; nov. gl. 359a s. v. tarmus); etlich von in die lieszens (das manna) vntz an den morgen: das es begund zekrichen mit wurmen vnd faulte (scatere coepit vermibus exodus 16, 20) erste dt. bibel 3, 275 Kurr. (da wuchsen wurme drynnen Luther); ain wasser das altzeyt still stat ..., das fahet gewonlich an zstincken vnd wachszent würm darinn predigen teütsch (1508) 36d; eynem new geschlagnen fleysch saltz von nöten ist, auff dasz es nicht würme oder maden vberkomme 750 teutscher sprichw. (1534) C 4a; darumb man fleisch, fisch, vogel gut [Bd. 30, Sp. 2239] da sey das brod schimlich, das fleisch voller würm (1669) Simpl. 285 Scholte; nach dem alten sprichwort, wo fäulnisz ist, hecken insekten und würmer 24, 70 S.; eine nahrung, die nicht stank und von würmern wimmelte d. labyrinth (1922) 134. 4) leichenwurm, made im menschlichen leichnam (vgl. 1, 787, 23 P.); mnl. worm 9, 2809: sô muoz der lîp in dem grabe sô kan mir der kerenter (das beinhaus) (der tod:) wer wird hernach, mein lieb, wer wirdt hernach dich preisen, aber Jehovah wird seine seele nicht in der hölle, feste wendungen (wurm in bildhaften umschreibungen für den vergänglichen menschlichen leib und sein schicksal der verwesung). a) der würmer speise (spiel, spott) sein, den würmern zur speise werden; anklingend an biblische wendungen, s. teil 10, 1, sp. 2096; seit mhd. zeit fest; daher auch früh die zuss.: wurmspeise ackermann a. Böhmen 24, 14 Hübner; würmerspeise Shakespeare 1 (1797) 89; 4 (1799) 223; würmerspott bei 11, 185 L.-M.; wurmesspott liter. w. (1904) 4, 131. vgl. auch Martina 117, 44 K.: so wirt sin (des toten menschen) vleisch der wurme spil kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. 98, 66 Rosenhagen; du mst vor war ein spise sin (die seele sagt zum leib:) [Bd. 30, Sp. 2240] mein leib zoch ich mit lustes fleysz, vmb das fromm mensch ists jmmer schad, da vnten in der finstern erdn, dieser leib vnd diesz gebein, sol denn mein fleisch, der würmer spott, mein leib bleibt hier der würme spott, doch wisst (eitle herrscher), dasz, einst der würmer speise, b) würmer des menschen bett: die würme suln uns bette sin, c) den würmern zuteil werden: wa is min vleisch des ich so wale plach, von schulden msz ich clagen das V. wurm im zoologischen sinne (vermis); wirbelloses, langgestrecktes weichtier, das sich durch zusammenziehen der hautmuskulatur kriechend fortbewegt. 1) in allgemeinem gebrauch; ahd. uuurm, uurum vermis Benediktinerregel 216, 5 St. (s. unten 5 b α); Tatian 95, 5 S.; vgl. auch ahd. gl. 2, 8, 16 St.-S. (IV 2) sowie unten 2 a (wurmsegen); gl. 613b: vermis haizt gemainleich ain iegleich wurm buch d. natur 310 Pfeiffer; die Egypter ... gleubten, das ein ochse, hund, fisch, schlange, wurm ... götter weren (1542) 53, 410 W.; [Bd. 30, Sp. 2241] so sehr von einer pflantz' ein wurm sich unterscheidet, a) der wurm gilt als winziges, der gewalt wehrlos preisgegebenes geschöpf, das sich in schmerz und todesangst windet; daher redensartliche fügungen des typus sich winden, sich krümmen wie ein wurm (s. auch winden sp. 290f. und krümmen teil 5, sp. 2460): du leydest ee (bevor du reichtum erlangst) manigen sturm, sie teten einen scharpfen sturm, das büblein mochts (den schmerz) erleiden nit, dein hertze musz sich ja als wie ein würmgen krümmen b) mit dem nebensinn 'sich sträuben', den bereits einige belege der vorangehenden gruppe erkennen lassen; deutlicher faszbar in dem sprichwort auch der wurm krümmt sich, wenn man ihn tritt, gegenwert des lat. et formicae sua bilis. älter sind abweichende fassungen: nun spricht man, wer ain wirmlin trit, man trit vff einen wurm so lang, [Bd. 30, Sp. 2242] es ist kein würmlein nicht so klein, kein würmlein ist so schwach c) in der literatursprache treten seit der zweiten hälfte des 18. jhs. von a und b ausgehende fälle freieren gebrauchs hervor (zumeist bildhaft, s. unten 5 b): ich bin nun nicht mehr Marwood; ich bin ... ein getretner wurm, der sich krümmet und dem, der ihn getreten hat, wenigstens die ferse gern verwunden möchte 2, 325 L.-M.; bist du es, der, von meinem hauch umwittert, doch einen stachel gab natur dem wurm, d) der wurm als winzigstes, unbedeutendstes glied der schöpfungswelt; gern erscheint wurm in dieser verwendung in der diminutivform; s. auch gewürmlein teil 4, 1, 4, sp. 6228 u. die belege für würmlein in den mhd. wbb.: daz ih got uuolta uuerden. ioh eîn uuurmeli irsterbin mag 2, 76, 23 P. (a minutissima bestiola mortem timens 3, 1, 124 S.-St.); es ist niergent enkein so klein wúrmelin: hette es vernunft, es solte billichen sin hǒbet uf heben im (gott) ze eren pred. 292 Vetter; heiliger odem! o mensch, des herren aug sieht weit, kein zweifel! die natur folgt ewigen gesetzen. der mensch, zu irdisch noch dem glük das engel krönet, (das schicksal) aller, des engels am stuhl, und des wurms im niedrigsten staube wollust ward dem wurm gegeben, den göttern gleich' ich nicht! zu tief ist es gefühlt; [Bd. 30, Sp. 2243] was? vom wurme soll der gott abhängen? der gott in uns, dem die unendlichkeit zur bahn sich öffnet, soll stehn und harren, bis der wurm ihm aus dem wege geht? s. w. 2, 118 Hell.; dasz das würmchen, das in der sonne fliegt, und der seher, der über alle sonne hinausfliegen mögte, einem gesetz gehorchen (1814) schr. (1845) 2, 138; eine weltseele, die alle materie der elemente durchdringt, und über sie gewalt hat, in dem in der erde steckendsten wurm und himmelhöchsten adler s. w. 4, 277 Sch. — für das kleineste würmichen, so auff erden kreucht, sorget er (gott) ja so wol, als für die grösten und sterckesten elephanten Jesus Sirach (1587) 1, 224a; der wurm und der elephant (titel einer fabel) (1748) Werlhof ged. (21756) 80; vom wurm zum elephanten, von einzelnen männern zu ganzen nationen 18, 347; 22, 237; 12, 229 S. e) wurm als vergleichsgrösze für etwas sehr winziges, unbedeutendes; vgl. die zuss. wurmwinzig bei schwäb. 6, 996: du (gott) kommst mit donner, blitz und sturm, und in der kette deiner (gottes) wunder sie (die tochter) hat doch kein würmchen betrübet! 2) der wurm als krankheitserreger im menschlichen oder tierischen körper (doch handelt es sich im folgenden nur zum teil um wirkliche würmer, weithin vielmehr um krankheitsdämonen in wurmgestalt, die nach volksheilkundlicher auffassung im menschlichen leibe, in dem betroffenen gliede nagen; die übertragung ist veranlaszt 'durch die ähnlichkeit der empfindung, welche die schmerzen des erkrankten körperteils hervorrufen' in: zs. f. dt. altertum 53, 120; 129; s. auch dt. krankheitsnamenb. 820—835). a) der beschwörung des wurms als krankheitsdämons dienen die seit ahd. zeit bezeugten wurmsegen (MSD 32, 276—281; 303—305 mit zahlreichen nachweisen; kl. ahd. sprachdenkm. 370—375; s. auch ahd. nesso [dazu a. a. o. 375 ]): ih besuere dih, sunno, bi sancto Germano, Jôb lag in dem miste. [Bd. 30, Sp. 2244] dasz jhm an diesem orth der wurm sesse vnd tieff eingefressen hätte gesichte (1646) 3, 316; so bald man empfindet, dasz ein glied wehe thut, ... dasz man besorgt, es möcht ein wurm wachsen georg. cur. 3, 1 (1715) 201b; gar manchem nagt ewig ein wurm am leben, aus dessen gesichte man es nicht schlieszen sollte mediz. paroemien (1806) 200; er galt ihnen als sehr gelehrter mann, den man nebenbei auch über eine wassersucht und die heilung des verdammten wurmes befragen konnte Peter Farde (1929) 248. redensartl. noch jem. den wurm segnen ihn von einer unart, einem tadelnswerten verhalten abbringen (s. unten e den wurm schneiden): der Papenschneider werde ich den wurm segnen ('durch segnen vertreiben') qu. a. d. j. 1937. b) über die art der jeweils vorliegenden erkrankung geben die alten wurmsegen nur selten deutlich aufschlusz; erst jüngere arzneibücher vermitteln einige anhaltspunkte: swem wurme die zende holnt unde die bilare (das zahnfleisch) ezent, nime bilsenole dt. arzneib. d. 13. jhs. 32, 33 Pfeiffer; sô die wurme wahsent in den ôren ..., sô nim phersichpleter ebda 39, 3; dye xxx. (krankheit) ist so würm in der mter wachssen als die kürbis keren (vor 1500) frauenbüchlein 11 Klein (vgl. hebammenbuch [1580] 95); (wermut) vertreibt die würm in den oren Margarita medicine (1516) 2b; würm in zenen artzneybuch (1584) 192; neige das ohr, darinn die würm seynd, auff heisser milch dampff, so kreucht das gewürm der süssin nach ebda 120; würmlin mögen so wol in ohren als ingeweid wachsen, wiewol das erste nicht so gemein ist ebda (1588) 120; mitesser oder zehrwürme ..., crinones oder dracunculi genannt, sind kleine würmlein, so in der haut der jungen kinder ... stecken frauenz.-lex. (1715) 1273; dasz etliche kinder mit solchen würmern in der haut geplagt werden, die man insgemein die mitesser, auch an vielen orten die zehrenden elben zu nennen pflegt gestrieg. rockenphilos. (1706) 1, 66. c) 'eingeweidewurm, spulwurm' im menschlichen oder tierischen körper; mnl. worm 9, 2809: (der mirr) zeuht die gepurt auz dem leib und die würm, die in dem leib wahsent buch d. natur 371, 2 Pf.; vgl. 381, 1; wär es, das der valck würm in im hat vnd die von im mit dem geschmaisz giengen v. d. falken 25 lit. ver.; wie sy dem iungen kinde die würm in dem pauche beschweren decameron 418 lit. ver.; gleich wie man den kindern, so würm im leib haben, das bitter würmmeel mit honig eingibt fabeln 2 ndr.; dieselbig (blume) gedörrt ist guett wann ein gaull würm im bauch hat roszartzney (1588) 182; vgl. 177; bey den weibern schreiben sie (die quacksalber) alle krankheiten der mutter zu, bey den kindern müssen alles die würm gethan haben mediz. maulaffe (1719) 972; unsre zwey knaben sind diese lezte zeit über auch unpasz gewesen, besonders Karl, der von würmern viel leidet (1802) br. 6, 421 Jonas; reichliche schleimabsonderung im darmkanal begünstigt die entwicklung von würmern v. baue d. menschl. körpers (1839) 8, 1, 389; da versichertest du ..., dasz die dame nur an den würmern leide s. w. (1900) 3, 136. mundartl. zeugnisse: pr. 2, 483; wîrem hun luxemb. wb. (1906) 493; Siebenbürg. 116; Rappenau 234; diss kint het wirm Straszburg 118; Bärndütsch (Grindelwald) 2, 201; (Lützelflüh) 1, 447. dazu redensartliche wendungen wie êr dat geschüt, gêt em en grainen worm af westf. 328; et geht em en worm af er musz bezahlen Elberfeld 177; er kann sich schlecht von etwas trennen Düsseldorf 269; dem werden sie die würmer abtreten (drohung) schles. sprichw. 313a; 2, 683. vgl. auch: jemand ein würmchen aus dem kreuze leiern einen drillen soldatensprache 43. [Bd. 30, Sp. 2245] d) würmer, die den menschen lebendigen leibes annagen, zerfressen (biblisch als von gott verhängte plage; vgl. 2, 623, 21 P.): Judith 16, 21 dabit enim ignem, et vermes in carnes eorum wann er gibt fewer vnd wúrm in ire fleysch erste dt. bibel 7, 82 Kurr.; sandt jmm (Antiochus) got durch sein grossen grimm ... (er) ist ein verfluchter haid. e) der wurm (eig.: die wurmförmige sehne) unter der zunge der hunde, der nach nat. hist. 29, 100 namentlich tollwut verursacht und daher den jungen tieren entfernt werden soll: est vermiculus in lingua canum, qui vocatur a Graecis lytta, quo exempto infantibus catulis nec rabidi fiunt nec fastidium sentiunt. das dt. wort in diesem sinne ist erst seit den anfängen der humanistischen lexikographie zu beginn des 16. jhs. nachweisbar (ebenso engl. worm lex. seit 1530), als gegenwert des von Plinius angeführten grch.-lat. lytta (voc. rer. ex prompt. Jo. Piniciani [Augsburg 1521]: litta wirmlin das in der hundszungen wechszt, nach gl. 334a): lytta ein taubwurm (tollwurm), der wurm so die jungen hünd vnder der zungen habend dict. lat.-germ. (1541) 528; lytta ... ein kleins würmle, welches die jungen hünd vnder der zungen habend, welchen man jnen in der jugend nimpt, damit sy nit taub werdind, taubwurm dict. lat.-germ. (1556) 790; in späteren wbb. für lytta überwiegend zuss. (taub-, toll-, hundswurm); offtermals verdorren die hunde, ob sie gleich viel zu fressen haben ... so werden sie würmer unter der zungen haben, die musz man jnen mit einer nadel heraus graben viehbüchlein (1667) 93 (die von Plinius an zweiter stelle erwähnte freszunlust); einem hunde den wurm schneiden ihn von einem wurm, der ihm unter der zunge gewachsen, befreyen t.-engl. (1716) 2548; vor der wuth ... ist das sicherste mittel die hunde zu praecaviren, wenn man ihnen den wurm nimmt. selbigen haben sie unter der zunge neueröffn. jägerpractica (1754) 2, 110; ein fahrender arzt, der ... den hunden den wurm schneidet und die ohren stutzt s. w. (1890) 1, 144. f) den wurm schneiden, nehmen (in übertragenem sinne). die frühesten belege für die seit der mitte des 17. jhs. bezeugte wendung stehen unter dem einflusz der abwertenden auffassung, der sich das mit vielfältigen betrügerischen praktiken verbundene jahrmarktsgewerbe des wurmschneiders (s. d.) nicht zu entziehen vermag. 'betrügen, übervorteilen, prellen': o ho sagte der wurmschneider ... sag an mein liebes bwerlein, hastu niemals zuvor deiner eigenen obrigkeit den wurmb geschnitten, hastu nicht deinen juncker im zehenden betrogen ...? gesichte (1646) 3, 316; dreyfach nehmen sie (die bauern) ihren lohn, ... schnitten den wurm ohn alle scham alamode politicus (zuerst 1647) bei sprichwörterlex. 5, 464. offenbar die gleiche ausgangsvorstellung liegt zugrunde, wenn Chr. Weise die wendung in dem sinne '(einen törichten, einfältigen menschen) narren, nasführen, hinters licht führen, ihm einen bären aufbinden' gebraucht: Eurylas, dem nichts mehr zu wieder war, als wenn sich jemand mb frembde hndel bekmmerte, machte alsobald den schlusz, er wolte dem vorwitzigen kerln einen artigen wurm schneiden (er erzählt eine erfundene geschichte, die den vorlauten, der sie für wahr hält, in höchste unruhe versetzt) (1673) erznarren 30 ndr.; was will Melane, das rabenaasz, halt, [Bd. 30, Sp. 2246] ich (der verkleidete) wil ihr auch einen wurm schneiden überfl. ged. 199 ndr. dagegen ist der im 18. jh. sich festigende gebrauch im sinne 'jem. von einer torheit heilen' von der ausgangsvorstellung bestimmt, dasz jungen hunden der angeblich tollwut verursachende wurm unter der zunge entfernt werden musz; gleichzeitig wirkt wurm V 4 'marotte, schrulle' ein: man musz ihm den wurm schneiden ad sanitatem revocandus est, poenam stultitiae suae ferat stammb. (1691) 2584; einem den wurm schneiden ò nehmen t.-ital. 2 (1702) 1407b; (1741) 2, 461a; es ist der sache gottes daran gelegen, ... denen aufgeklärten geistern richtige begriffe beizubringen, denen blöden aber und öffters nicht weit über die vorstellungen der kinder erhabenen gemüthern, nur den wurm zu nehmen, d. i. dasjenige bei ihrer religion abzuschneiden, was sie an der seelen seeligkeit hindern kan kl. schr. (1740) 474; (der narr) bespöttet eines jeden fürm, 3) wurm als krankheitsname; vgl. mnl. worm 9, 2810. a) eiternde sehnenentzündung des finger- (seltener zehen-)endgliedes; wurm am, im finger, sonst umlauf, beinfrasz, ungenannt (s. zs. f. dt. wortf. 10, 134 und teil 11, 3, 781); lat. panaritium, paronychia: ist dz ein mensche den wurm oder den vngenante het an dem vinger oder an der zehen, der neme liligen confenigen elsäss. arzneib. d. 14. jhs. in: Alemannia 10, 227; item vor den worm in den fynger ader handt (rezept) bündthertznei 9 H.-M.; wurm am finger ... disz geschwer ... ist mehr ein scharpffe vnd hitzige apostem, dann wie der gemein mann beredt ist, ein lebendiger gewachszner wurm in den fingern artzneyb. (1588) 565a; von einem nagelgeschwer so vom gmeinen böffel der schlaffende wurm ... geheissen wirdt practica d. wundartzn. (1612) 265; (mittel) für den wurm am finger georg. cur. (1682) 1, 293; Blancard, arzneiw. wb. (1788) 2, 512a. in verwünschungsformeln: das rad, der galgen si din grab! den wurm an alle finger welche drucken! (1789) b) krebsartiges geschwür; fressender, beiszender, schlafender wurm, wolf (s. sp. 1249f.), lat. phagedaena, herpes, lupus vulgaris (hierher vielleicht schon: oxia 'morbus acutus' eyn scharph worm [15. jh.] gl. 404a): phagedena, latine vermis der worm voc. rer. prompt. (1517) O 1a; ein geschwer, das bisz auff das beyn frisset der wurm dict. lat.-germ. (1536) [Bd. 30, Sp. 2247] 175c; der schlaaffend wurm dict. (1556) 1001b; herpes ... der wurm, wolff ... eine gattung geschwär, das under der haut fortkriechet und immerdar die nächstgelegenen theile mit hefftigem jucken angreifft Blancard, mediz. wb. (1710) 302; arzneiwiss. wb. (1788) 2, 431: hat ... einer den wurm, so nime des le ein wenig wundtartzney (1517) 26b; also auch im menschen der wurm, der wolff, der krebs wechst, das nit anderst als allein eim lebendigen thier zuvergleichen ist chirurg. bücher u. schr. (1618) 403A; krebs vnd würm der brüst (überschrift) ... zum gebrechen, den die wundärtzt den wurm nennen, ist folgends jhr gemein pflaster artzneyb. (1584) 225; ist gut den bösen und unheilsamen gesweren, dem krebs, dem wurm genant phagedena, den fisteln teutscher nation herligkeit (1609) 445; kräbs, schlaffend wurm, fistlen, auszsatz und frantzosen Raetia (1616) 169b; ihr ärzte wisset wol, wie schwer darnider liegen c) krebsartige pferdekrankheit; sonst bürzel (s. teil 2, sp. 554), ungenannt (teil 11, 3, sp. 780f.), rotz (teil 8, sp. 1327); häufig mit bestimmendem zusatz: auswerfender, aufwerfender, ausfressender, ausbeiszender, flieszender, fliehender, fliegender, reitender wurm (s. zum folgenden auch die belege bei bayer. 2, 1001; schwäb. 6, 992 sowie die ahd. vieh- und pferdesegen unter V 2 a; ferner rom. etym. wb. 799 [nr. 9570] und 83, 11 Niewöhner); der wurm der pferde ... ist eine schärfe der säfte, welche sich durch kleine braunrothe bäulen an verschiedenen theilen äuszert und ein vorbothe des rotzes ist 5 (1786) 309: item dem smede, der den pherden am pirczel (bürzel) und worm gehulffen hat, 20 gr. (1433) cod. dipl. Lusatiae sup. 2, 420; das pferd gewynt auch dick den vszwerffenden wurm zwischen hawt vnd flaisch ... vnd friszt die hawt an vil enden vff, als ob sy ain wurm zernagen hab v. d. falken 77 Hassler; wider den wurm der heizet der wirzel sprich dise wort wurmsegen (bei krankheit der pferde) Londoner hs. d. 15. jhs. (aus dem Nürnberger Augustinerkloster) zs. f. dt. altert. 38 (1894) 15; der wurm bekompt den pferden in der brust, bei dem herzen und in den diechen ... lauffen aus den naszlöchern wasser und stinckende feuchtigkeiten, dann würt es genannt der fliehende wurm (nasenrotz) vieharzneib. (oberrhein. 1535) in: Alemannia 3, 73; wider den fliesenden wurm: du solt dem pferde an schläfen blut lasen feldbau (1579) 158; (man nennt die krankheit ungenannt, weil) vil den aberglauben haben, wann einer sag, das pferdt hat den wurm, so werde das pferdt dardurch gleichsam beschryen vnd nemme die kranckhait noch mehr zue roszartzney (1588) 187; vgl. 177; neues roszbuch (1603) 2, 29; brauche die nachfolgende artzney für den reitenden wurm pferde- u. viehzucht (1658) 129; der ausbeissende wurm ... ist auch unterschiedlicher arten, als der pürtzel, der reitende, der ausbeissende, der fliessende georg. cur. (1682) 2, 226a; pferdschatz (1688) 410; ihre sonst so glatten pferde magerten ab und verreckten am rotz und wurm (1818) Arndt mährchen (21842) 1, 346. d) krebsartige krankheiten anderer tiere; so der rinder am schwanz: Kurhessen 461; Niederhessen 266; 'kröte' (Glarus) schweiz. 2, 460; Waldeck 115; 'rückenblut' schlesw.-holst. 5, 688; der hunde an den ohrrändern: Vilmar und a. a. o. [Bd. 30, Sp. 2248] e) die durch den sog. drehwurm (coenurus cerebralis) hervorgerufene drehsucht der schafe: die kühe geben blut statt milch, die schafe kriegen den wurm, die pferde werden kollrig (1896) versunkene glocke 227. f) pflanzenkrankheiten (s. auch oben III 3): wurm ... eine krankheit der bäume im gartenbau, wenn einer durch schlagen oder stossen beschädigt worden, dasz die rinde vom holtz abstehet, so wachsen würmlein darunter, so die rinde durchfressen, dasz der baumsafft dadurch verrinnet, compend. u. nutzb. haussh.-lex. (1728) 1057 (s. lat. vermiculatio, ferner unten wurmtrocknis). — unter wurm des tabaks versteht man eine sehr gefährliche krankheit, welche meist durch anhaltendes regenwetter entsteht und sich durch fäulniss ... kennzeichnet prakt. ackerbau (1882) 601. 4) 'schrulle, grille'. ein gebrauch, der sich seit der ersten hälfte des 17. jhs. unter dem einflusz der auch wurm V 2 zugrunde liegenden auffassung (wurm als krankheitserreger, hier übertragen auf die geistes- und gemütsverfassung des menschen) entwickelt (wurm im kopf, im verstand; dazu in: zs. f. dt. altertum 53, 133; vgl. ferner im engl.: he has worms, maggots in his brains [17. jh.] bei Murray s. v.), zugleich aber in der übertragenen verwendung anderer tiernamen seine parallele findet, s. DWB raupe teil 8, sp. 299; grille 4, 1, 6, sp. 318 ff.; mucke, mücke 6, sp. 2605 f.; 2609; schnake 9, sp. 1153 f.; vogel 12, 2, sp. 402; taube 11, 1, 1, sp. 168; egel 3, sp. 33. zur synonymik vgl. auch allg. dt. syn. 6 (1802) 338; w. (1884) 1, 41; syn. 3 (1852) 1141; wb. dt. syn. (1871) 736. die fügung einen wurm haben ist (mit leicht verändertem sinn) in die neunord. sprachen gedrungen: ha en orm (vurm) for noget 'eine an kränklichkeit grenzende neigung zu etwas haben', s. norw.-dän. etym. wb. 1 (1910) 801; schwed. vurm 'liebhaberei, manie, schrulle'. a) während der frühzeit der bezeugung stehen ebenso wie in den anfängen des gebrauchs von wurmen und der fügung den wurm schneiden (oben 2 f) mehrere abweichende verwendungsweisen nebeneinander. so scheint das wort zunächst einen fehler, schaden der intellektuellen anlage zu bezeichnen (vgl. dazu unten die mundartl. nachweise im sinne 'verrückt' unter e): der borgt ohn pfand, der hat ein wurm im verstand floril. polit. (1630) 103; wer antwort, ehe er hört, der hat ein wurm im kopff ebda 36. in anderen fällen bezieht sich wurm eher auf eine grillenhafte (aber nicht harmlos-närrische, sondern zumeist unmutbestimmte) einbildung, die den betroffenen (z. b. im rausch, in übler laune) vorübergehend anwandelt und ihn zu zänkischem, unverträglichem verhalten verleitet (vgl. DWB wurmen 3): wann die flöh die weiber necken, [Bd. 30, Sp. 2249] b) seiner hauptverwendung nach bezeichnet wurm jedoch eine harmlose, wenn auch eigensinnig festgehaltene grillenhafte dauereinbildung (schrulle, marotte, lieblingstorheit, fixe idee): also dasz der patient allbereit den namen trüge eines ... narren, der den kopf so voller würm, mucken, grillen, dauben und anderer tausendfältiger phantasey und thorheit stecken hätte (1671) Simpliciana 46 Scholte; also musz man offt die bittere warheit mit zucker überziehen, sonderlich bey den leuten, denen der kopff und das gantze gemüth voll würme steckt schr. (1663) 273; wurm eines wunderlichen menschen oder ein schieffer im kopff, ein wunderlicher vnd fantastischer sinn ... vne estrange folie, mira dementia, mirabiles animi motus et impetus, vel infirmitas et imbecillitas intellectus t.-frz.-lat. (1664) 697: ein schulfuchs, der den kopf voll griechscher würmchen trägt, c) sprichwörtlich: ein jeder (mensch) hat seinen wurm (s. die parallelen bei dt. sprichwörterlex. 5, 463 nr. 24): ein ieder ist seines wurms vergewiszt: Bisselius (der erfinder des giftpräservativs 'auff 30 jahr') des seinen J. J. Becher närr. weisheit (31707) 181 (erstausg. 1686); weil ... ein jeder mensch seinen absonderlichen wurm hat Thomasius kl. teutsche schr. (21707) 209; ein jeder hat seinen wurm ... admixtum habet aliquid stultitiae, in quo sibi sapientiae titulô placet thes. paroem. (1715) 701; ein jeder mensch hat seinen wurm. des Gert Westphalens wurm nun besteht darinnen, dass er die leute mit unnöthiger plauderey aufhält Holberg, dän. schaubühne (1743) 2, 357; noch spukt der Babylon'sche thurm, d) vereinzelt treten nebenvorstellungen bestimmter hervor, so die der hochmütigen, anmaszenden einbildung: ein spötter küzle sich, ich gönn ihm seinen wurm dass ein gelehrter narr, der voller mängel steckt, [Bd. 30, Sp. 2250] wer hat denn dem baron diesen wurm (die antiquitätensucht) zuerst in den kopf gesezt? s. w. (1784) 4, 2, 128. vgl. dazu etwa dän. orm, schwed. vurm in diesem sinne sowie: der bauherr war der fürstbischof Phil. Franz von Schönborn ... er ist vom 'bauwurm' ganz besessen gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 362. e) mundartl. und umgangssprachlich: du hast wohl'n wurm? bist nicht recht gescheit (Leipzig) obersächs. 2, 683; er hat wirm er ist verdreht Saarbrücken 232; dän hoad wörm schwätzt dummes zeug Trier 219; dien wurm im kopə verrückt Waldeck 285; he hett'n worm (in'n kopp) ist eingebildet, verrückt schlesw.-holst. 5, 688; hî hji wyrme ôn 't hr er ist verrückt Jensen nordfries. (Wiedingharde) 718. mit anderer sinnwendung: e wîremchen am kapp (kopf) hun 'eigensinnig sein' luxemb. wb. 487. 5) bildlicher gebrauch (s. auch V 1 c, 2 f und 4). a) übertragungen auf seelische vorgänge. α) das bild, das der verbindung (nagender) wurm des gewissens (s. auch gewissenswurm teil 4, 1, 3, sp. 6337) zugrundeliegt, geht zurück auf Mark. 9, 48 bzw. Jes. 66, 34: vermis eorum (der verdammten) non moritur et ignis non extinguitur, bei Tatian: iro uuurm ni stirbit inti fiur ni arlisgit. 95, 5 S. in religiöser sprache häufig bezeugt, vgl. auch gewissen teil 4, 1, 3, sp. 6235, 6261, 6274, 6277 und für das mhd. Martina 117, 46 K.: das inwendig fewr des menschen das nit zeleschen ist. und ist der bisz des wurms der gewissend, der vernüsset nit (conscientiae remorsus assiduus) spiegel menschl. lebens (1479) 131a; vermis infernalis ... der worm der da nagt conscientiam et cor inferno eternaliter voc. pred. (1482) Ee 5a; sy (die menschen) haben ausznen ainen hübschen schein der tugent ..., aber ynnwendig sind sy vol würmme der straffenden conscients predigen teütsch (1508) 78d; wer ... einen wurm im gewissen hat, derselbige halte sich erstlich an den trost des göttlichen worts (1531) tischr. 1, 122 W.; vgl. ebda 4, 700; da wirt er erst in seym gewissen den könig, meinen gatten, liesz ich morden, [Bd. 30, Sp. 2251] β) das 16. jh. zeigt bereits eine weitergreifende übertragung, die auf quälende empfindungen aller art ausgedehnt wird: darumb so lond uns den schantlichen und gifftigen wurm (den neid) weit von uns treiben, damit er in unsere hertzen nit ynnisten th (1556) w. 3, 239 lit. ver.; es ist keyner den nit heymlich ein schh trck, der nit einn nagenden wurm vnd heimlich leiden hab sprüchw. (1541) 2, 141b; ach, wie vil sein ir noch auff erden, die müssen von den nechsten freünden verklagung, verfolgung und verletzung leyden ..., dardurch sie stäts creütz und leyden spüren und einen nagenden wurm an dem hertzen haben nachtbüchlein (1559) 70 Bolte; ebda 195; (ihr) war dieser scharffe einhalt ein täglich-nagender wurm im hertzen Arminius (1689) 1, 157b; sorge? — dieser wurm nagt mir zu langsam (1781) 2, 58 G.; schon damals ... nagte mir der wurm am herzen, ich sah die folgen voraus dessen, was in meinem vaterlande vorging I 33, 66 W.; ruhig, als ob nicht in ihrer seele ein wurm nagte, sprach sie mit Markus von geschäften frau Sixta (1926) 259. ganz üblich ist die zufügung eines näher bestimmenden genitivs: der wurm der sorgen (1734) ged. 139 Hirzel, des kummers (1792) 6, 386 G., des inneren grams Adelbert (1793) 1, 17, des zweifels verm. schr. (1800) 3, 95, des unmuths ges. br. (1858) 2, 562, des nagenden heimwehes selbstbiogr. 3 (1856) 156, des zornes s. w. I 4, 99, der rache röm. gesch. 2 (1889) 248. redensartlich: ihr (tut) besser, wenn ihr durch eine anderweite profitable heyrath ihm einen wurm (ärger) in das hertz setzet Felsenburg (1731) 3, 177; über Krischans gesicht kroch finsternis ... 'du hast einen wurm (argwohn, zweifel) in meine seele gesetzt' heiden v. Kummerow (1958) 262. auch die maa. kennen eine anwendung in verschiedenem sinne: dat is mi een nagend worm die sorgen verzehren mich Vorpommern-Rügen (1781) 557; der ht an wurm einen heimlichen ärger Wien 222. b) als bild einer (den dingen innewohnenden) um sich greifenden verderbnis, ausgehend von der vorstellung des wurms als schädlings (s. ob. III 1; IV 1; IV 3) oder krankheitserregers (s. ob. V 2); vgl. dazu: alle ding haben iren wurm der in inen wachszt ... also ausz reichtumb vnd gesuntheit wachszet hochfart, das ist ir wurm Emeis (1516) 60b; wann man etwas wil verbösern vnd verderben, so musz man ein wurm in handel setzen floril. polit. (1662) 2, 795; lieber gar keine (justiz) als dergleichen ..., die ... gleichsam der nagende wurm werden musz, der ... das marck selbsten von des landes vermögen heimlich verzehret ernsth. ged. u. erinn. (1720) 2, 3; entstellt' ihn (den knaben) gram, [Bd. 30, Sp. 2252] wurm der zwietracht: qu. v. j. 1929; F. Lenz der ekle wurm der deutschen zwietracht (1953) titel. — auch auf das physische befinden des menschen beziehbar: (ein rezept,) das jedem hülfe, sofern er seinen wurm (todeskeim) noch nicht im leibe hätte erz. schr. (1918) 1, 195. — wurm des todes: des todes wurm im eingeweide, c) übertragen auf menschen; vgl. mnl. worm 9, 2810. α) Christus geschändet am kreuze, im zustand der ohnmacht und hilflosigkeit gegenüber seinen verfolgern (ps. 22, 7 ego autem sum vermis, et non homo: opprobrium hominum, et abiectio plebis): ih keuuisso pim uurum ... nalles man, ituuiz manno Benediktinerregel 216, 5 St.; ich aber bin ein wrem u nieht ein mennisk frühmhd. interlinearversion d. psalmen (cod. pal. Vind. 2682) 21, 7 Törnqvist; er erfulte, daz Davit dort sprach: warumb werd ich, ich armer wurmb, β) der mensch als schwaches, hilfloses geschöpf vor gott, vor überpersönlichen mächten; im religiösen schrifttum immer wiederkehrend: noli timere vermis Iacob vorchte dich nicht, du wurmelin Jakob, di ir tot sijt uz Israhel prophetenübers. Jes. 41, 14 Ziesemer; aber wie tnt wir armen wurmelin, die hie noch kriechent in der erden, in der eschen? pred. 409 Vetter; (gott,) versmahe nit von mir ungenemen wurme min girde dines lobes dt. schr. 305 Bihlm.; we byn ik, dat ik dar to dy (gott) spreken? ik byn dyn alder armeste knecht unde eyn vor worpen wormeken imitatio Christi 24 Hagen; das der schöpffer des himels vnd der erden vnnd aller creaturen vnns arme würmlein hatt wöllen sein brüder nennen predigen teütsch (1508) 93b; ist in Christo nach der menscheit ein sulcher wille gewesen, was wollen wir armen wormlein dan brangen, das unser wille guth sey? (1518) 9, 137 W.; 2, 737; 6, 235; 9, 390; 16, 137; sie (Maria) hat wol mögen sagen 'wer bynn ich armes würmlin, das ich ein künig solt geberen?' (1523) ebda 12, 459; bei ihm auch: gegen ihnen (den heiligen vätern) gehalten, bin ich (Luther) ein wörmlein und nichts anzusehen (1539) tischr. 4, 287 W.; 3, 259; ach wirf dein aug auf mich, der ich schier gar nichts mehr! [Bd. 30, Sp. 2253] und bäuerlein, arme blinde würmer? s. w. 4, 31 Sch.; so wirf dich in den staub, da nichts wie du (des menschen seele) so klein! γ) armer (armes) wurm als bedauernd-mitleidige bezeichnung eines schwachen, kümmerlichen menschen, anschlieszend an vergleiche wie: andere sind gegen dir wie gense oder wie arme wurmer 47, 248 W.; ich liege hier, als ein armer wurm asiat. Banise (1689) 92; ich schäme mich, wie ein armer wurm vor ihnen zu liegen 1, 22, 88 W. vgl. ferner unglückswurm, m., n., teil 11, 3, sp. 1010; da wuszte ich armer wurm noch nicht, dasz du mich nicht mehr lieben willst ... und mich nur aus barmhertzigkeit, genannt 'galanterie', heiraten willst (1843) in: s. br. 302 Muschler; wissen sie was, Bernhard, lassen sie 'das arme wurm' — (Peter fing bereits an, einzelne Berliner ausdrücke zu gebrauchen ...) — lassen sie das arme wurm (die geliebte) nicht blau anlaufen im gesichte erz. schr. (1861) 22, 110; 'was ist's? ist die Anne wieder kränker?' fragte Rose ... 'kränker! ach, du lieber gott! todt ist sie — das arme wurm!' s. w. (1877) 3, 281; eine frische, freudige, gesunde nonne ist etwas herzerquickendes, solch armes wurm aber (ein lebensabgewandtes frommes fräulein) ... ist zum weinen (1889) ges. w. (1920) II 5, 259; an uns armen würmern (den steuerzahlern) hat das finanzamt doch schon immer gut verdient neue Berliner illustr. 4 (1954) 11. δ) 'kleines kind, neugeborenes' im zustand der hilflosigkeit, des leidens. oft in diesem sinne auch als neutrum gebraucht; in gleicher verwendung würmchen und würmlein (belege unten); selten ohne epitheton, meist als armer (armes) wurm: wer hat die mutter alda gelernet, wie sie dem armen wurmleyn (in der krippe) hat kunnen helffen? (1530) 32, 254 W. seit der mitte des 17. jhs. zusammenhängend bezeugt: (auf den tod eines kindes:) da konnte sie (die mutter) nun nicht dran dencken [Bd. 30, Sp. 2254] da schleifte uns nun isz, nun trink, mein würmchen arm! mundartl. namentlich in der verbindung armer, armes wurm über weite teile des sprachgebietes verbreitet, z. t. auch in der mundartl. diminutivform für würmlein und würmchen (Westfalen, Nordharz, Brandenburg, Preuszen; Luxemburg, Mainfranken, Sachsen, Böhmen; Elsasz, Schwaben, Schweiz, Wien). ε) als spöttische oder verächtliche bezeichnung für einen nichtswürdigen: du wurm, schlecht vnnd geringer schelm, warumb hastu nicht ein erschrockenes hertz engl. comödien u. trag. (1624) D 5a; eure (des fürsten) brust voll himmelssinnen alleine sagt uns an: (Faust:) hund! abscheuliches unthier! — wandle ihn, ζ) frühnhd. (namentlich im 16. jh.) als abfällige bezeichnung für finanzielle nutznieszer, raffer, aussauger: haben wir under andern mängeln befunden, das die nagenden unnd schädlichen würm, die Juden, in unserm abwesen mercklich eingerissen d. fürstenth. Wirtemberg newe landsordn. (1536) K 3a; (geld,) dauon man solt zu gottes ehrn [Bd. 30, Sp. 2255] wenn nu vber das sie (die landleute) eim jeglichen pracher, vnd den beissenden würmen, den gartenbrüdern, auch geben sollen, wo nemen sie es denn? theatrum diab. (1587) 2, 181b. so auch in zuss.: (der graf war) ain rechter erdenwurm und dem nit erden und lands gnug werden konnte Zimmer. chron. 21, 272 Bar.; ob erwehnten kornwürmen (kornwucherern) die angewohnete unchristliche monopolia weiter nicht gestatten ... werden möge (Braunschweig 1597) bei de collegiis opificum (1727) 500 (zu kornwurm 2, teil 5, sp. 1832). η) anknüpfend an wurm V 4 während des 17./18. jhs. vorübergehend als bezeichnung für einen närrischen, kauzigen, geckenhaften menschen geläufig, vielfach mit verächtlichem beiklang (s. auch Dannhawer unter wurmen 3); ein wunderlicher wurm vnd ein wunderlicher kautz, der einen wurm oder ein schieffer hat vn estrange homme, ... d'une humeure bijarre, un fantasque et un capricieux t.-frz.-lat. (1664) 697: die haar werden mit ... poudre dermassen besprengt, dasz dieser wurm (à-lamode-geck) eines müllers sohn nicht ohngleich herausz sihet schädl. wurm (1648) in: zs. f. dt. wortf. beiheft z. 15. bd., 19; verdrusz ... über den verliebten wurm Narcissus vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 119 Gottsched; die erfahrung hat es ... gezeiget, dasz die allerexcellenteste mathematici ordinairement die allertummeste leute in andern vorwürffen sind und meist recht ridicule würmer abgewiesene fatale abfertigung (1753) 128; die reisen schleifen uns die rauhen sitten ab, d) übertragen auf dingliches, namentlich in mundart und fachsprache (s. auch schwäb. 6, 992). α) wirmer fein getrocknete suppennudeln (kindersprache) Lothr. 550. vgl. dazu: in wormleins wis (den teig schneiden) Heidelberger kochen meysterey (15. jh.) in: Alemannia 18, 264; würmlisuppe suppe mit fadennudeln, schweiz. id. 7, 1252; wirmknödel eiernudeln a. a. o.; würmergen (nudeln aus stärkemehl) obersächs. 2, 683; s. auch unten wurmnudel. β) in der anatomie der mittlere, stark gefaltete teil des kleinhirns, wegen der ähnlichkeit mit einem ringelwurm, lat. vermis cerebelli (auffwachsung mit wurms bildnusz kurzer auszug [1551] bei kunstw. d. anatomie [1884] 12): eine dem übrigen bau des kleinen gehirns ähnliche substanz, die die gestalt eines rings hat und die wurmförmige erhabenheit oder der wurm (protuberantia vermiformis) genennet wird Blancard, arzneiw. wb. (1788) 1, 516a; mehrere venen von der oberen fläche des kleinen gehirnes, besonders vom oberen wurme v. baue d. menschl. körpers (1839) 3, 269. γ) in der buchdruckersprache so viel wie norm 'der in kleiner schrift am fusze jeder ersten seite eines druckbogens erscheinende abgekürzte titel eines buches' fremdwb. d. buch- u. schriftwesens (1959) 107. wohl wegen des wurmartigen aussehens der titelzeile, unter gleichzeitiger lautlicher anlehnung an norm: wenn hier der setzer nicht aufs neue was verwirret, ... [Bd. 30, Sp. 2256] seite des bogens unten: erster, zweyter, etc. theil, oder dergleichen setzet Noël Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 2, 675; wb. d. buchdruckerkunst 2 (1805) 76; kunstgewerbe (1884) 443b; technol. wb. (1902) 1, 859. δ) übertragungen auf technische geräte oder teile von ihnen: die vornehmste stücke einer garnitur seynd die kappe, der bügel, das seitenblech oder der wurm d. gewehrgerechte jäger (1762) 111; schraube ohne ende technol. wb. (1902) 1, 859; gang in der mutterschraube, luxemb. ma. (1906) 493; spindel an der handbohrmaschine (im Saarbergbau) Saarbrücken 232. ε) langgezogene reihe: (wir sahen) einer scharfen linie entlang einen braunen wurm (einen eisenbahnzug) kriechen und darüber ein rauchwölklein schweben waldbauernbub (1959) 70; der breite, lange wurm der marschierenden unruhe (1948) 121 (vgl. DWB heerwurm 1 teil 4, 2, sp. 762). e) redensartliche fügungen. α) das würmlein kommt ihm, beiszt ihn in die nase 'er wird ärgerlich, ungehalten, zornig': wenn der bösz gaist gegen dir schlecht, das dir das würmlin geradt in die nasen komen, so man etwan dein gelacht oder gespott oder dich sunst saur angesehen hatt und du bist zornig granatapfel (1510) aa 6b; bald gheswylt ynen der bauch, vnd das wurmlyn beisset sy bald yn ire nasen, wan eyner etwas redt, tht, oder lasset, das wyder iren wolgefallen yst v. manigfeltigk. d. eynfeltigen eynigen willen gottes (1523) B 3b; da war es auss, da hatt S. Velten mehr gedult gehabt, da kam mir das wörmel auch in die nase, dasz ich ... ihm ein ... ungehewre maulschell geben hab gesichte (1650) 2, 510; illi bilis sedet in naribus das würmlein kriecht ihm bald in die nasen clavis ling. lat. (1686) 1, 90. in anderer wendung: exagito ... vexieren, fatzen, eim das würmle in die nasen bringen dict. (1556) 491b; d. teütsch spraach (1561) 467a; solche red jagt dem mönch den wurm vber die nasen vnd antwortet keck vnd vnerschrocken wendunmuth 1, 495 Öst. β) jemandem die würmer aus der nase ziehen ihm ein geheimnis entlocken, ihn aushorchen (durch unverfänglich wirkende fragen), frz. tirer les vers du nez; ähnlich im engl. to worm out 'to extract (a secret) by insidious questioning' (s. a. dt. sprichw.-lex. 5, 464); einem die würmer aus der nase ziehen scorgere i secreti dalla bocca d'un goffo t.-ital. 2 (1702) 1407c: lasst mich nur gehn! bei einem vollen glase, [Bd. 30, Sp. 2257] nordfries. (Wiedingharde) 718; vgl. schlesw.-holst. 5, 904. [Bd. 30, Sp. 2258] dem einflusz von masig und eissig); wurmäszig bayer. 1, 157; 2, 1001; wurmássik Kärnten 10; 260. umgestaltungen des zweiten gliedes begegnen vereinzelt auch in älterer sprache (16. jh.): wurmmessig gottesdienst der statt Cöllen (1545) E 2a (s. auch ahd. gl. 2, 559, 34 [unter 4]); wurmeyszig (belegstelle fehlt). der gleichen zeit gehören an bildungen zur pluralform von wurm: würmeszig Petrus de Crescentiis de agricultura 87a (beleg unter 2; weiteres bei elsäss. 433 und im schweiz. id. 1, 502). 1) vom holz; in den lebenden mundarten hinter wurmäszig 2 an gebräuchlichkeit zurücktretend: alibi cariantem tripodem ... repererunt ... in sumelichen dien steten funden sie ... sînen uuormazigen disg 1, 703, 9 P.; für das mhd. vgl. Karl d. Gr. 2509 B.; pilgerf. d. träum. mönchs 8479 Bömer; aus frühnhd. zeit: disz schifflin (Maria) ist nit gemacht von dem wurmäszigen holtz der sünd, dauon wir alle gemacht sind schiff d. penitentz (1514) 17d; wo an eim baum nichts ist oder alles wurmässig ... ist, da spricht yedermann: der baum ist nichts wert bei 52, 425 W.; wann ein baum brandig oder wurmeszig ist, schmiere den schaden damit (1569/70) haushaltung in vorwerken 128 Ermisch-W.; wenn an einem grossen baum etliche äst wurmessig vnnd vnnütz seind, so hawt sie der gärtner nicht all ab floril. polit. (1630) 743. 2) von früchten; s. auch schweiz. id. 1, 502; schwäb. 6, 993; elsäss. 433; für das mhd. vgl. auch Alexander 3125 Junk: nu ist súmlichú fruht wurm ssig, dú vallet abe e zit und verdirbet gar St. Georgener prediger 326 Rieder; die phel vielen alle ab, e si zitig wúrdin, und wúrden alle wurmessig pred. 184 Vetter; dieselben byren söllent ouch nit wurmessig sin (15. jh. elsäss.) weist. 4, 136 G.; da von werden seine früchte wörmigk oder würmeszig und fallen abe unzeitig Petrus de Crescentiis de agricultura 87a; bey ainer haselnusz, die ain klains engs löchlin hat, merckt man wol vnd ist ain zaichen das sy innwendig wurmässig ist granatapfel (1510) bb 4d; das sind nun die, so in der verfolgung nit bleyben, sonder wie das wurmessig obs am baum bleybt hangen, weyl (solange) es still ist; bald aber ein wind kombt, fallet es hauffen weysz ab (1544) bei 52, 144; vgl. 52, 420 W.; wir haben selten gesehen, dasz die frücht von solchen geärtzten bäumen wurmessig weren gewesen Antonii Mizaldi artztbüchlin (1574) 10; wann der erdboden der bäum allzufeucht ist, so werden die frücht wurmässig kreuterb. (1593) 24a; pomum vermiculosum wurmessig obst oder wurmstichig obst nomencl. (1645) 197; ein wurmäsiger apfel schr. (1892) 11, 147. 3) mit würmern durchsetzt; von faulenden, sich zersetzenden substanzen; für das mhd. vgl. auch passional 16, 93 Köpke; ferner evang. Nicodemi 4883 H.: aber wolfässig flaisch und wurmässigs und anderlai gebresthaftigs flaisch sont si niendert vail haben (14. jh.) oberschwäb. stadtrechte 1, 37; solches erhalt sie (die käse) auch für den käsmaden, das sie nicht wurmessig werden feldbau (1579) 100. ähnlich: die flamme purificirt wurmäszigen luft fürtrefflich beschreibung d. pest (1721) 46. 4) übertragener gebrauch stellt sich bereits im ahd. ein anläszlich der wiedergabe einer Prudentiusstelle (hymnus ad exequias defuncti, Cathemer. 10, 141): (si) cariosa vetustas (dissolverit ossa favillis) uurmazih altir (hs.: xxrmbzkhbltkr) (11. jh.) ahd. gl. 2, 504, 1 St.-S.; dazu ahd. gl. 2, 387, 67 (vurmazig, 11. jh.); 2, 392, 36 (wrmaziga, 11. jh.); 2, 554, 3 (uurmazig, 11. jh.); 2, 559, 34 (uuur mazzig, uur mazzic, 11. jh.); 2, 591, 9 (uurmazig, 11./12. jh.); 2, 490, 66 (uurmazig, 12. jh.), s. auch 4, 237, 28. — in mhd. und frühnhd. zeit festigt sich bildlichallegorischer gebrauch (s. die belege unter 1—2 sowie pred. 188 Vetter), der zu der übertragenen verwendung [Bd. 30, Sp. 2259] hinüberführt, wie sie sich namentlich in der geistlichen prosa des spätmittelalters und der reformationszeit entfaltet. a) hinfällig, brüchig, ausgehöhlt (von gütern, werten); für das mhd. vgl. (13./14. jh.) altdt. pred. 91, 160 Wackernagel: alles da syn (gottes) ere nit yn geliebet wúrdt, das ist alles wurmessig und verloren d. ew. wiszh. betbüchl. (1518) 184b; do er den rechten kernen christlicher heyligkeyt wurmessig gemacht hatt (1521) v. alten u. neuen gott 21 Kück; s. noch elsäss. 433; schwäb. 6, 993. hierher auch: dise mainung, der fördern zwider, ist gleichwol auch wurmbeszig (nicht stichhaltig, falsch) vnnd ärgerlich antipap. eins vnd hundert (1567) 3, 206a. b) verdorben, sündig, untugendhaft, sittlich nicht einwandfrei (von menschen): nu griffen wir wider an unser materie, der wir ze verre nicht engangen sin mit disen wurmessigen (nicht gottergebenen) lúten pred. 189 Vetter; die übel werdent nit gestrafft, die da straffen söllen, seind selb wurmässig granatapfel (1510) bb 5b; narrenschiff (1520) 27b; ... vyl byschoff wurmessig sind von wegen ires gydtz s. schr. 1, 11 ndr.; der adel verdirbt und wirt wormessig in den kindern (wenn sie nicht tugendhaft sind) wie iunge fursten unterwisen ... mögen werden (1537) 81 in: archiv f. hess. gesch. 15 (1884) 396; item dasz ein ieder sein geschlecht, wie wurmäsig es were, ansehe Germ. chron. (1539) vorr. b 3a. weitere belege schwäb. 6, 993; schweiz. id. 1, 502 (noch in lebender mundart). c) in mundarten scherzhaft von kränklichen, mit gebrechen behafteten menschen, namentlich von militärdienstfreien jungen männern: schweiz. id. 1, 502; elsäss. 1, 72 (auch von kränklichen, schwächlichen kindern); schwäb. 6, 993; Pfalz 153. — [Bd. 30, Sp. 2260] 1) vom holz: so man in (den baum) nieder meizzet, 2) von der wurmkrankheit befallen (zu wurm V 3): da hilft man den phrten mit:
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