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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
wichsen bis wichtel (Bd. 29, Sp. 810 bis 822)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) wichsen, vb. , 'mit wachs bestreichen', auch 'blank machen, putzen'; 'prügeln'. jüngere lautvariante von wächsen, vb. (ahd. wahsen), s. teil 13, sp. 126, die sich im gegensatz zu schwirmen (zu schwärmen) und wirmen (zu wärmen) in der schriftsprache seit dem 18. jh. durchgesetzt hat. zum nebeneinander beider formen vgl. DWB wächsen a. a. o.; zum übergang des aus a umgelauteten e in i s. noch Wilmanns dt. gramm. 1, 2, 286; H. Paul dt. gramm. 1, 195; fernerhin vgl. auch trichter teil 11, 1, 2, sp. 423. die annahme eines alten ablautverhältnisses zu wächsen (Kluge-Götze 17858) scheitert an dem späten auftauchen von wichsen. frühe lexikalische nachweise: wichsen cerare, voc. theut. (1482) oo 1b; gemma gemm. Straszb. (1508) e 1a; Frisius (1556) 210b; Corvinus fons lat. (1646) 179.

[Bd. 29, Sp. 811]



1) mit wachs (oder wachsähnl. stoffen) bestreichen, einschmieren (s. auch abwichsen, verwichsen, gewichst).
a) von gewebten stoffen, behältern u. dgl. (meist um sie undurchlässig zu machen): vyngen yr blut ynn gewichste secke Joh. Rothe dür. chron. 388; das bewerte sü domitte, das sü ein gewihsset hemede ane det und domit ging in ein für und bleib unversert (Straszb., anf. 15. jh.) städtechron. 8, 414; mit grossen langen flechten, hohen winleitern und gewichsten plahen zehen wägen, das die zu Stuttgarten sien ... gerichtet brot zu laden und damit zu faren (um 1459) urk.-buch d. st. Stuttgart 232 Rapp; solche salben soll man streichen auff ein reins tuch, so mit newem vngentztem wachs wol gewichset sey Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 293; kehr jhn (den faden) vmb, vnd wix jhn innen wohl Fronsperger kriegsb. 1 (1573) 142a; ein bösz weib ist ... ein gewixter wettermantel, in dem das wasser der ermahnung nicht eingehet Abraham a s. Clara Judas (1687) 1, 17; von guter gewichster grüner leinwand Döbel jägerpractica (1754) 2, 51.
b) von fäden, seilen u. dgl. (um sie geschmeidig und haltbar zu machen):

den wichst er (der schuster) im ain zwiren —
den spinet man aus hanff und flachs —
mit ainem wachs
Hans Sachs fabeln 3, 3 Götze-Drescher;

die (schnur) musz wol gewixt oder gebicht sein Speckle archit. v. vestungen (1589) 5b; auch das stricklein starck umwunden, mit gewichsten faden (ca. 1660) fischbüchlein 162; haar ... steif wie ein gewichster zwirnsfaden Ludwig ges. schr. (1891) 2, 332; mein gutes weib hatte ein stück von einer wachsfackel ... in der tasche und pflegte, wenn sie nähte, ihren zwirn damit zu wichsen Brentano ges. schr. (1852) 4, 244.
c) (einschmieren und das aufgetragene) glätten, blank machen; der vorstellungsgehalt verschiebt sich meist vom auftragen des putzmittels u. dgl. auf die bewegung des glättens, putzens bzw. auf das ergebnis der handlung. insbesondere von schuhen: nicht jeder schön gewichste, sondern jeder wohlgemachte schuh zeigt die hübsche bildung eines fusses Bode Montaigne (1793) 2, 208; als ein junger zweig des ... geschlechtes mit gewichsten stiefeln von universitäten zurückkehrte, ward im väterlichen hause ein ... bettag angeordnet Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 5; in unserm hause ist die ältere von den zwo zimmermannstöchtern an der wassersucht gestorben, die röck abgeneht haben und deren bruder dem Wolfgang und den edlknaben die stiefel gewixt hat (1778) L. Mozart in: br. W. A. Mozarts 4, 13 Schied.; da darf man doch seinen gewichsten stiefel anziehen Jean Paul w. 7/10, 232 Hempel; wenn des abends beim appell der hauptmann ... aus dem kasino kam, um für stiefel, die nicht geschmiert, sondern gewichst waren, mittelarrest zu verhängen: an Diederich fand er nichts auszusetzen H. Mann d. untertan (1949) 52. von hölzernen gegenständen:

man schälete die linden
und schriebe, was man wolt', in die gewichsten rinden
mit groszer müh und kost
Fleming dt. ged. 1, 125 lit. ver.;

in jenen milden septembertagen sahen nachbarn einmal eine blankgewichste, hochräderige bauernchaise ... vor das schusterhaus fahren O. M. Graf unruhe (1948) 355. weiterhin: wichsen holzarbeiten mit wachspolitur versehen Bucher kunstgew. (1884) 438b; bohnen, in Süddeutschland wichsen, besteht in einem tränken ... von holzteilen ... mit wachs und glänzendreiben ... mittelst bürsten Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 2, 597; wärs vielleicht netter, wenn mir ... die kinder, wenn sie umkugeln, die g'wichsten böden ruinierten Nestroy ges. w. (1890) 4, 64. ohne nähere bestimmung:

juheissa! jetzt krieg'n wir ein frau bald ins haus,
drum heisst es recht wichsen und fegen
Bäuerle kom. theater (1820) 6, 3.

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gelegentlich in freier verwendung, 'blank, geglättet': wenn ich von diesem männchen ... mit ... dem glatt gewichsten gesichte ... las H. Laube ges. schr. (1875) 8, 34; was sind das für sonderbare parketten, über die es (d. eichkätzchen) hinfliegt ... vom morgenthau gewichst und geglättet Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 262.
d) in ähnlichem sinne den bart wichsen (s. auch aufwichsen):

schon stand der grenadier und wixte seinen bart
Zachariä poet. schr. (1763) 2, 105;

o wie verzerrst du den mund, nicht den panduren zu küssen,
der seinen zottigten knebelbart wixt
Löwen schr. (1765) 2, 68;

wie er sich aber seinen staubigen bart wusch, und dann mit der schuhbürste wichste Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 54; der kohlschwarz gewichste schnurrbart Th. Storm s. w. (1899) 6, 225.
2) abgeleitete bedeutungen.
a) prügeln (im anschlusz an 1 c), vorwiegend umgangssprachlich ('gehört nur dem gemeinen leben an' Weigand synon. 3, 1086), s. auch durchwichsen: der schlingel, der seine schuldigkeit unterliesz, wurde gewichset Lessing die mätresse 45 lit.-denkm.;

sonst wird die mutter, stets bereit,
mich wichsen nach der schwerlichkeit
Hertzberg Till Eulenspiegel (1779) 2, 7;

bist'n halber kerl nur; ich will dich wixen, sollst nicht so abgewixt seyn in dein'n ganzen leben Bode Thomas Jones (1786) 2, 463;

er wixt halt, was er wixen kann,
schlagt alles krumm und lahm
Hafner ges. lustsp. (1812) 2, 78;

ich muss es nachholen, dass es unter allen uebeln für erziehung und für kinder, wogegen das verschrieene buchstabiren und wixen golden ist ... keinen mehr zehrenden pädagogischen bandwurm giebt als eine hausfranzösin Jean Paul w. 1, 45 Hempel; die leute dort genieszen den ruf, etwas kurz angebunden im umgange zu sein und als prima und ultima ratio das 'wichsen', vulgo prügeln zu beobachten Scheicher erlebn. (1907) 134; groszvater, ich hab heute mein braunes hösle an, auf das mich der vater neulich gewichst hat Finckh Rapunzel (1910) 22. mundartl. allgemein verbreitet, vgl. Mensing schlesw.-holst. 5, 616; Crecelius oberhess. 911; Fischer schwäb. 6, 750; Schatz Tirol 703. unbestimmter:

auch weil alle übrigen socii rixä
verdient hätten, das fiscus sie brav wixe,
so hätte auch jeder von ihnen den lohn
erhalten, nach gehöriger proportion
Kortüm Jobsiade (1799) 208.


b) tadeln, schelten:

im fall, es gienge noch und würde nur belacht,
weil alles brüder sind, die öfters mit bedacht
und sonder eigensinn einander freundlich wicksen,
denn keinem schadet doch ein scherz von jungen füchsen
J. Chr. Günther s. w. 3, 134 Krämer;

halts maul, du loser kiel, sonst werden sie (die jungfern) dich wicksen. ebda 6, 79,


c) gewichst 'durchtrieben, abgefeimt' (vgl. teil 4, 1, 3, sp. 5709): denn wer diesen gewichsten gauner betrügen wolle, sei hinterher gewisz selber betrogen P. Dörfler tör. jungfrau (1930) 250. nicht abwertend: flott, aufgeweckt, flink, schnell bei der hand, willig, bereit Martin-Lienhart elsäss. 2, 786.
d) spendieren, auftischen, freihalten; wichsen bezahlen Vollmann burschikoses wb. 512: Curti sagt, er verreise künftigen dienstag nach hause und will deswegen noch einen commerce zusammenbringen, wird aber, im fall er nicht wichst, schwer halten, denn unter zehn Schweizern, die täglich im 'Wagner' kneipen, pumpen acht (1841) G. Keller br. u. tageb. 2, 51 Ermatinger; sie sind mein sekundant, nicht wahr? ich wichse ihnen deshalb eine kleine flasche Champagner Spindler s. w.

[Bd. 29, Sp. 813]


n. folge (o. j.) 19, 59. mundartlich weit verbreitet (meist mit präfix: aufwichsen, s. auch Adelung 5, 197); de derns wichsen em banni up, he kreeg jeden middag, wat he gern mug Mensing schles.-holst. 3, 900; aufwichsen gästen etwas vorsetzen Müller-Fraureuth obersächs. 2, 662; glänzend bewirten Hertel Thür. 257; Fischer schwäb. 6, 750; Schatz Tirol 703.
e) lautnachahmend: wixte er wie eine eul, bellete wie ein hund Grimmelshausen Simpl. 194 Scholte; wichsen das winseln ... eines hundes Bühler Davos 1, 208.
3) von wichs III, m. herzuleiten: sich putzen, seinen besten anzug anziehen Wegeler Coblenz 60; luxemb. ma. 489; gewichst ... in vollem wichs Delcourt argot allem. (1917) 174b. weiteres unter gewichst, teil 4, 1, 3, sp. 5709.
 
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wichsen, wüchsen, adj., 'aus wachs', lautvariante von wächsen, adj. (teil 13, sp. 127), die im gegensatz zu wichsen, vb., aber nur in älterer sprache üblich ist: unstetlichte, wichsinne stöckel (1421) bei Palacky beitr. z. gesch. d. Hussitenkrieges 1, 151; do nam di frawe das wichszen bilde unnd hinge das ann iren arm Hedwiglegende (1504) B 2b; haben auch vil ... wichssene kertzen ratschlag (1525) 101a; do er ob nachmals das gehültze ... wegk geraumet, hat er darunter von mancherlei hauszrat, als bratspiese, flachs, hecheln, siebe, körbe, grosse stück zusammen gedrehete wixene liechte ... gefunden Rosenroth warhafftige newe zeittung (1536) B 2b; ich dencke das man noch mit eisern griffeln auff wixene tafeln geschrieben Mathesius Sarepta (1571) 103b; man hat in in einem meszgewandt begraben, und haben in ein wixen kelch auf die brust gesetzt zum gedechtniss Hüttel chron. d. st. Trautenau 43; einen guten punct ... in die wichsene schreibtaffel stechen Corvinus fons lat. (1646) 444;

da streiffet zu solchen (blumen) das feldheer der immen,
tauschet vor küssen den süssesten safft,
und ihn ins wüchsene königreich schafft
W. Scherffer geistl. u. weltl. ged. (1652) 144.

redensartlich (vgl. DWB wächsen 4): welcher stilh geswigen hat ... in der pfarr glimpflich auf seiner seyten mit forcht bescheitlichen geprediget hat von der gewalt, alleine zu tzeiten der schrifft ein wichszene nasze gemacht (1522) bei O. Clemen reform. flugschr. (1906) 1, 78; die untrewen richter, die ... dem rechten eine wichssen nasen ansetzen Suevus spiegel d. menschl. lebens (1588) 28b. —
 
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wichsern, adj., wie das vorige: so macht man wechsene bilder nach gelegenheit der scheden und opffert solches gott oder den heiligen auff, das sie umb der wichsernen gab helffen solten Mathesius Sarepta (1571) 54a; dem bapst aber musz man sein krafftlosen, pergamenen, wichsern, bleiern ablasz gar thewer abkauffen Artomedes christl. auszlegung (1609) 1, 747.
 
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wichsig, adj., s. wüchsig teil 14, 2, sp. 1724.
 
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wicht, m., docht, s. u. wieche.
 
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wicht, f., wichte, wechte, f., vereinzelt n.; gewicht (vorwiegend als maszbegriff). das wort begegnet in der form ohne präfix (d. h. mit präfixverlust) vor allem in älteren norddeutschen (nd. u. hd.) quellen; zum genusunterschied und zur abgrenzung gegen gewicht s. teil 4, 1, 3, sp. 5713; 5727. belege im hd. kontext (mnd. belege bei Schiller-Lübben 5, 705): 7900 m. schillinger haben wir enpfangen; ... is solden syn gewest 8000 m., sunder 100 m. ging an der wicht abe, das dy alde monze swerer was denne dy nuwe (um 1400) Marienburger tresslerbuch 519 Joachim; was silberwerke man verkouft, das men das bi der wichte verkouffe und nicht bi den stugken (1438) acten d. ständetage Preuszens 2, 61; dieweil aber die breite und dünne desz zeinens veränderung in der wichte (der münze) bringt (1592) bei v. Hagelstein acta publ. monetaria 1, 15; das soll derselbe von mahlen zu mahlen bei der wichtt und pfunden und mitt der zahll ausgeben

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(1561) dt. hofordn. 1, 55 Kern; dasz man einen knecht vor einer wechte wullen zu kraszen soll geben 7  (um 1596) bei Krumbholtz gewerbe d. st. Münster 478; (die feuerkugel) hat in der wicht ungefehr bey achtzig pfunden (1605) in: zs. d. Harzvereins 35, 24; windreiffen von guten henff wird zur wicht das pfund verkaufft 80 gr. (1633) corp. const. Pruten. 2, 211. z. t. beeinfluszt der vorgang des abwägens den vorstellungsgehalt:

ich (die wage) habe zweene schmale arm,
mich brauchen beydes reich und arm,
unter jedem arm für ich ein bauch,
die ich zu gleichem wicht gebrauch (um 1600)
J. Sommer aenigmatographia rythmica (o. j.) F 7a.

bildlich:

darumb fust nicht auff herren gunst,
noch auff jr gros genaden,
denn sie so wol seind schwacheit voll,
wie andre Adams kinder,
vnd bleiben nicht in jrer wicht
wie die gemeinen sünder
Ringwaldt handbüchlin (1586) B 8a.

dazu vgl.: et steiht up der wicht es drohet den sturz Strodtmann Osnabr. (1756) 285; wigt geven an der einen seite etwas wegnehmen, das gleichgewicht zu befördern Dähnert plattdt. wb. (1781) 549; wichte, wechte wagschale, wage Schambach Gött. 296. — andere mundartl. zeugnisse stehen der grundbedeutung näher: he hett wat in de wicht er wieget schwer Richey id. Hamb. (1755) 338; en wicht garn 2 pfund garn Mensing schlesw.-holst. 5, 616; Bauer-Collitz Waldeck 181; Frischbier pr. 2, 467.
übertragen ('wichtigkeit'): es hat keine wicht was einer von yhm selb betzeugt M. Risch paraphrasis (1524) V 4a.
in jüngster zeit in der fachsprache der technik neu belebt; wichte spezifisches gewicht, Brockhaus ABC d. naturwiss. u. techn. (1955) 810: aus ... einer gegenüberstellung der wichte einiger metalle sieht man, dasz titan z. b. wesentlich leichter ist als stahl wisschensch. u. fortschritt 7 (1955) 210. vgl. noch: da die auszenwände bei hochlochziegeln von 1, 2 kg/dcm3 rohwichte eine wärmetechnische dicke von nur 24 cm ... erfordern Berliner ztg. a. d. j. 1955.
 
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wicht, m., n. (f.), ding, (lebe)wesen; kobold; kind, mädchen. got. waihts, f., 'ding, sache', ni waiht, n., 'nichts'; an. vettr, væt(t)r, vīt(t)r, f. (sehr selten auch n.) 'ding, wesen, dämon', schwed. vätt(e), m. (älter f.) 'erdgeist', dän. vætte, m., n. 'übernatürliches wesen'; ags. wiht, wuht, f. (später auch n.) 'wesen, kreatur', n., 'ding', engl. wight '(übernatürliches) wesen', a whit 'ein biszchen'; mnl. wicht, wecht, nl. wicht, n. 'wesen; kind, mädchen'; as. wiht 'ding' (instr. wihti, wichtiu, daher oft als m. i-st. angesetzt) pl. wihti (m. oder f.) 'dämonen, teufel'; mnd. wicht, wucht, n., m. 'ding, wesen; mädchen'; ahd. wiht, n. (in komp. noch f.), mhd. wiht, n., m.etymologisch unbekannt; ob aslav, vešt 'ding, sache' urverwandt (so zuletzt Vasmer russ. etym. wb. 1, 196) oder aus dem germ. entlehnt ist (so Hirt PBB 23, 337) oder mit dem germ. wort nichts zu tun hat (Kiparsky d. gemeinslav. lehnwörter aus d. germ. 1934, 91), ist umstritten. das wort war wohl ursprünglich ein feminines wurzelnomen (reste dieser flexion noch im got., an. und ags.), ist aber in den frühen quellen schon meist in die starken flexionsklassen übergetreten. das femininum ist mit ausnahme des isländischen (vaettur, f. Blöndal isl.-dansk ordb. 961) in den neueren sprachen nicht mehr geläufig (s. ob.). im deutschen wurde das neutrum durch das maskulinum verdrängt; mundartlich und vereinzelt schriftsprachlich herrscht das neutrale genus (wie im nl.) noch im nordwesten des deutschen sprachgebiets, doch fast ausschlieszlich in den bedeutungen 'mädchen, kind' (2 e, f). die pluralformen des neutrums schwanken in älterer sprache, vgl. wiht nugas ahd. gl. 2, 533, 19 (13. jh.); Daniel 2952 H.; wihtir ahd. gl. 2, 644, 45 (11. jh.); kl. ahd. sprachdenkm. 127 St. (physiologus 11. jh.); armu wihti Otfrid II 16, 17. im nhd. gilt in der regel der

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plural wichter beim neutrum, wichte beim maskulinum; zur flexion vgl. noch PBB 27, 243; 38, 221; 67, 429 ff.im norddeutschen sprachgebiet begegnen wie im ags. formen mit verdunkeltem stammvokal: wuchten (pl.) s. u. 1 b; wuchter (pl.) s. u. 2 e (vgl. ähnl. vokalwechsel bei wibbel, m., wucht, f.).
die geschichte des wortes ist weniger durch wandlungen seines sinngehaltes als vielmehr durch seine wechselnde bewertung gekennzeichnet. die grundbedeutung 'ding, wesen, kreatur' (1) ist in neuerer sprache zwar nicht mehr geläufig, klingt aber in einzelnen verwendungen doch noch deutlich an (vgl. insbes. 2 c). im mittelalter scheint in den literarischen quellen die abschätzige bewertung sowohl in der anwendung auf menschen wie auf übernatürliche wesen zu überwiegen. im 17. jh. lebt das wort fast nur noch in diminutivbildungen in der schriftsprache weiter (s. wichtelein), im ausgehenden 18. jh. wird es neu belebt, vor allem im sinne von 2 b (armer wicht) und 3 (kobold); dazu vgl.: wicht in compos. tantum in usu est Stieler (1691) 2459; ein für sich allein im hd. veraltetes wort Adelung 5 (1786) 197; wicht ist in neuern modeschriften sehr geläufig Heynatz antibarb. 2 (1797) 631.
1) sachbezogen, ohne wertenden und emotionalen nebensinn.
a) ding, sache, wesen: unte raihtis managai dugunnun meljan insaht bi þos gafullaweisidons in uns waihtins (πραγμάτων) got. bibel, Luk. 1, 1 Streitberg; af allamma waihte (εἴδους) ubilaizo afhabaiþ izwis ebda 1. Thess. 5, 22; im ahd. ist dieser wortsinn noch nachweisbar, doch wird daneben der übergang in den wertenden bedeutungsbereich (2) erkennbar: et non est substantia vnde nesint sîe nehein uuiht. daz chit, sîe nesint nîouuiht uuiht. vnde sô sundig horo neist nîeht diu substantia, dîa ih scûof. uiciatam naturam nescûof ih nîeht Notker 2, 263, 20 f. P.; sumelîche chedint substantiam êht, quod intellegitur îeht, i. aliquid, accidens mit êhte ... sicut et corrupte dicitur îouuiht, et eius negatio nîouuiht. de omni namque re uuiht dicitur ... de homine quoque dicitur ubiluuiht, poseuuiht. ergo uuiht, êht, îeht, ... taz ist: substantiam significant ders. 1, 397 P. der blosze sachbezogene wortsinn hält sich vor allem in der verbindung mit der negationspartikel, die in frühen quellen noch in freier stellung neben wicht begegnet, später aber eine feste verbindung mit diesem eingeht (ni-wiht, nio-wiht, nieht, vgl. auch io-wiht, ieht): ûzzan sin ni uuas uuiht gitanes thaz thar gitan uuas (sine ipso factum est nihil) Tatian 1, 2 Sievers;

dara quimit ze deru rihtungu so uilo,
dia dar ar resti arstent.
so dar manno nohheinuuiht pimidan nimak
dar scal denne hant sprehhan (9. jh.) kl. ahd. sprachdenkm. 71 St. (Muspilli);

weiteres s. unter nicht teil 7, sp. 690.
aus der verbindung ni-wicht hat sich in der formel ein wicht die bedeutung 'kleinigkeit, nichts' isoliert (vereinzelt auch bloszes wicht 'nichts'), vgl. engl. not a whit, no whit 'not in the least, not at all' Murray 10, 2, 70:

da vorschet er spate unde vruo
in allem dem lande
nach sinem vriunt Tristande.
waz half daz? ern was da niht:
al sin suochen was ein wiht
Gottfried v. Straszburg Tristan 3770 R.;

wen wol gelouben ist ein wicht
wirkt man guter werke nicht
Heinrich v. Hesler apokalypse 21 161 Helm;

er (der ölbaum) treit zitlich, nicht zu vru
uf daz en der rife nicht
twinge, da von werde wicht
der trost in sime kerne Daniel 2108 Hübner;

was hincz mir ie geschach,
herzenlaid und ungemach,
das was mir alles ain wicht
gen diser mortlichen geschicht bei
Mone schausp. d. mittelalters 1, 179;

[Bd. 29, Sp. 816]



erschaffer aller ding von nicht
wer vergleicht sich deiner zuversicht
alle meisterschaft ist gegen dir ein wicht
Hess Judenspiegel (1602) 44.

neu aufgenommen von schriftstellern der romantik:

der könig sprach: zu hause
hab ich viel säle licht,
doch gegen diese klause,
ist alles nur ein wicht
Tieck schr. (1828) 13, 154;

bad', menschlein, dich im morgenroth,
dein sorgen ist ein wicht
Eichendorff s. w. (1864) 2, 67.


b) 'lebewesen, kreatur': (cetera per terras omnis) animalia (somno laxabant curas et corda oblita laborum) uuihtir (11. jh.) ahd. gl. 2, 664, 52 (zu Virgil, Aen. 9, 224); 2, 644, 45;

vor allin vogilin mach he (der adler) hoe vligin.
dat he sin ovgen nimmer in darf werlisen
vor der sunnin sichte
dat inschit andirs dicheinime uligenden wichte
Wernher v. Niederrhein 68 Grimm;

das er wolle bewaren, helen und halten die veme vor manne, vor wibe, vor torfe vor zwige, vor stock und stein ... vor alle quecke wichte (freischöffeneid) bei J. Grimm dt. rechtsalterth. 41, 73; veerfotige wuchten vierfüszige thiere (um 1700) bei Stürenburg ostfries. 336 (neben wicht kleines kind).
2) in der anwendung auf menschen reich nuanciert; häufig in verbindung mit wertenden und gefühlsbetonten attributen, doch auch ohne nähere bestimmung prägnant in diesem sinne gebraucht.
a) überwiegend pejorativ, böser, arger wicht u. dgl. (vgl. bösewicht teil 2, sp. 256), seit dem mhd. auch ohne abwertende attribute: tam nequissimus so ubil uuiht (10./11. jh.) ahd. gl. 2, 76, 69 (Boethiusgl., dien zagostên Notker); (quis illos igitur putet beatos quos) miseri (tribuunt honores?) ubiliu uuihter ebda 2, 77, 43 (die uuênegen Notker); uuaz netûont sie, sô sie ubelemo uuihte ze handen choment? (qu, si inciderint in improbissimum quemque) Notker 1, 102, 19 P.; uuer sol gûote hazên, âne uuihto uuirsesto (nisi stultissimus) ebda 266, 13; also musz der ritter wesen stolcz und kúne und behende, das yn alle die bösen wicht forchten und die dieb, die von im hören sprechen Lancelot 1, 121 Kluge;

dat bose wicht dat uch zo mir braichte,
mit bedecden worden zo mir saichte (Köln, 13. jh.) städtechron. 12, 80;

nit ker dich an den man
den man nent Rockentschan;
es ist ein schalkhafft wicht
Hermann v. Sachsenheim 261 Martin;

da ist der schulmaister ain wicht,
das si mengem sin kind machend ze nicht d. teufels netz 11 773 Bar.;

ouch püesst eur sünt
und nicht enzünt
eüch von dem rat
der bösen wicht
Oswald v. Wolkenstein 217 Schatz;

als ir in hant gesehen fröche
uf farn z himelriche,
also kumt er zu gerichte
die seligen und die wichte bei
Mone schausp. d. mittelalters 1, 264;

sy pten im der gallen tranck
vnd hiengen zwar zu schanden gar
zu'm zwen raubend wicht liederbuch d. Hätzlerin 303 Haltaus;

nu henka, henk den bsen wiht! Seuse dt. schr. 204 Bihlm.; das widerredte aber der ungetrew wicht Füetrer bayer. chron. 87 Sp.; zwar ich ms den wycht (nebulonem) vmtriben Terenz deutsch (1499) 44b (glosse: wycht oder böszwicht); als die recht zeit verging da samelten sich die schnöden wicht und lieffen in ire heuser (Nürnberg, 15. jh.) städtechron. 3, 141; das angesicht ist ein falscher wicht S. Franck sprüchw. (1545) 1, 105a;

[Bd. 29, Sp. 817]


pfuch schemen üch, jr alten wicht!
kein gute ader in üch ist schweizer. schausp. d. 16. jhs. 2, 29 Bächtold;

adelich ist din gestalt,
frlich ist din gesicht,
du hast des rmischen richs gwalt,
das mgt vil mengen wicht (16. jh.)
Tschudi chron. Helvet. (1734) 2, 414;

der weg ist schmal; die wält ist schnöd
das fleisch ist schwach; der feind ein wicht
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 211.


in neuerer sprache im allgemeinen stärker gefühlsbetont als normativ wertend. oft überwiegt das verächtliche in der aussage, die betreffende person wird als tölpelhaft, jämmerlich, nichtswürdig charakterisiert; wicht ... ein elendes, verächtliches wesen J. Grimm mythol. (1875) 1, 364;

er schämte sich, wenn solch ein wicht
ihn kennen wollte von gesicht
Herder 27, 381 S.;

nur plunder braucht der dumme wicht und denkt an hexereyen
R. Z. Becker Mildh. liederbuch (1799) 79;

und nun kommt so ein ding, so ein elender wicht, so ein weichling,
und verbrennt mir das auge
J. H. Voss Odyssee 168 Bernays;

lasz es seyn, dasz faule und dikke wanste, lüstlinge, wucherer, stolze wichte ... unter den tausenden dieses standes sind Schubart leben 1 (1791) 144; eine tüchtige magd ... schlüge auch drei solche elende wichte ... zu boden J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 347;

ein närrischer wicht!
der kerl er singt schon wenn er spricht
Göthe I 13, 1, 133 W.;

ei, wie der kerl gereitzt thut! ha, der ist
so einer von den wichten, welche sich
bloß dann beleidigt fühlen,
wenn sie sich rächen können
Grabbe w. 1, 74 Blumenthal;

mit befriedigung sehe ich ..., dasz ich ... diese wichte behandelt habe als das was sie sind Schopenhauer br. 152 Gr.; unsere regierung erscheint ganz gottverlassen. überall wimmeln lumpen, wichte, narren Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 3, 247; da hatte der prinz die unbesonnenheit, den studenten anzustoszen und zu sagen: sie sind ein unverschämter wicht G. Freytag ges. w. 7 (1887) 89; (er) gab das widrige ... schauspiel des ruchlosen wichtes, der zum selbstankläger wird, indem er sich zu vertheidigen sucht M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 5, 9; beschämen so jene traurigen wichte und jenes erbärmliche lumpengesindel, welches sich namentlich jetzt in schamlosester weise in der presse zeigt Bebel aus m. leben (1946) 3, 31; nach meiner meinung hatte der wicht es, auszer auf erzwungene lust, geradezu auf ihren tod abgesehen Th. Mann Faustus (1948) 606.
als schelte, vgl. Pansner schimpfwb. 78;

die minne füeget niemand,
wer da nicht enhat;
wann wo er hingat,
man spricht: du wicht,
we dir! was wiltu mir?
Oswald v. Wolkenstein 117 Schatz;

wer in seinem zorne spricht
zu seinem bruder: wicht! desz waltet das gericht
Rückert ges. poet. w. (1867) 11, 41.


b) alt ist zweifellos auch die verbindung armer wicht (unglücklicher wicht u. dgl.), sie scheint aber literarisch erst im 18. jh. geläufig zu werden. allgemein zur bezeichnung bemitleidenswerter menschen, oft in der selbstaussage, auch von unterdrückten, sozial niedrigstehenden menschen (ähnl. mnl. wicht Verwijs-Verdam 9, 2422):

mit iu eigut ir ginuhtoio armero wihto
(pauperes enim semper habetis vobiscum)
Otfrid IV 2, 33 Erdmann;

sie quamun al zisamanethiu zeichan thar zi sehanne ...
sie brahtun ummahtijoh ellu krumbu wihti ders., III 9, 5;

[Bd. 29, Sp. 818]



ich weysz daz du bist, heer, eyn rechter richter.
du hasz keyn onrecht ym ghetan,
mer vil genaten gar ons armen wichter
bruder Hans 1013 Minzl;

vnd dar under sollen ze de vndersaten vnde armen wychtere, aldar in deme ampte gesetten, by eren rechten laten vnde beholden (1483) bei Schiller-Lübben 4, 705;

... ich ja nicht bezalen kan
all vblthat, so ich armer wicht
im krieg vnd sonst hab ausgericht
Dedekind d. christl. ritter (1590) E 7b;

dass sie die armen wichte bis an die hüften in die erde gruben, und auf den oberleib eine menge pfeile schossen Bode Montaigne (1793) 2, 113; wie priesen uns diese armen wichte selig, einem ähnlichen schicksal so glücklich entronnen zu seyn Bräker s. schr. (1789) 1, 159; die unglücklichen wichte unter den Adamskindern, welche wunsch und hoffnung täuscht Musäus volksmärchen 1, 20 Hempel;

denn was kann
der arme wicht für zeit verlieren,
der mit dem abend kaum sein tagelohn gewann?
Goekingk ged. (1780) 2, 145;

da schwur im angesichte
der heiligen natur
dein mund mir armen wichte
den bald vergessnen schwur
Blumauer ged. (1782) 54;

so klagt häslein fort und spricht:
weh mir, ach ich armer wicht
Mittler dt. volkslieder (1865) 472;

ganz und gar
bin ich ein armer wicht.
meine träume sind nicht wahr,
und meine gedanken gerathen nicht
Göthe I 2, 229 W.

du überstudierter armer wicht, hast deine natürliche sprache verloren A. v. Arnim s. w. (1853) 10, 101. in anknüpfung an 1 b ('kreatur'): es ist, als erschüffe man menschen; aber wenn der sak fertig ist, und die wichte da stehen, erbarmen sie einem (1861) Stifter briefw. 3 (1929) 284.
c) verbindungen dieser und ähnlicher art (armer, ärmlicher, erbärmlicher, dummer wicht u. dgl.) können den abschätzigen sinngehalt in einer (von b her) abgeschwächten bedeutungsvariante enthalten; sie dienen meist zur charakterisierung einer unvermögenden, unbedeutenden, einfältigen person, z. t. in deutlichem anschlusz an die grundbedeutung 'kreatur' (1 b); wicht stellt das kraftlose des menschen dar, der dadurch unnütz und unbrauchbar wird Jahn bereicherung d. dt. sprachschatzes (1806) 51; ein kleiner schwacher mensch, mit dem nebenbegriffe des verächtlichen und schlechten Hübner zeitungslex. (1824) 4, 929a: die vier und zwanzig millionen menschen, die mit aller majestät, herrlichkeit und allgewalt, womit sie von den redseligen demagogen dekoriert werden, noch immer gröszten theils sehr arme wichte sind Wieland s. w. (1794) 29, 217;

bei Phöbus goldner fakel,
bei Lunas bleichem licht,
schlich um ihr tabernakel
der arme spizgeöhrte wicht
Schiller 1, 350 G.;

der herzog gab dir diesen warmen rock,
und du, ein armer wicht, bedenkst dich, ihm
dafür den degen durch den leib zu rennen
Schiller 12, 369 G.

ich hab ihn schon längst aufs rohr genommen.
ihn fürchten? da wär ich ein rechter wicht!
ich fürchte den leibhaften teufel nicht
Tieck schr. (1828) 2, 340;

ist er ein bettler?
ein toller und ein bettler.
im letzten nachtsturm sah ich solchen wicht
und für' nen wurm müszt ich den menschen halten Shakespeare (1832) 8, 350;

[Bd. 29, Sp. 819]



der fremde spricht mit bitterm scherzen:
ihr meint, im wahnsinn tappt der wicht,
weil ihm ausblies der sturm der schmerzen
im kopfe sein laternenlicht
Lenau s. w. 517 Barthel;

für den kümmerlichsten wicht hat die gesellschaft einen platz, aber genie und talent sehen sich umsonst nach einem zufluchtsort um Hebbel w. I 10, 408 Werner;

der bauer hierzu lande ist just kein wicht;
allein so reich wie Thümmel wird er nicht.
das war der reichste bauer in der welt
Kopisch ges. w. (1856) 1, 143;

ein wicht war der tribun, doch der ihn schlug,
ein arger thäter
G. Freytag ges. w. 3 (1887) 227;

übrigens war damals der kleine Tschoppe nur ein wicht, nicht der halunke, der später in ihm hervortrat Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 472; völlig verdienstlose wichte, fabrikwaare der natur Schopenhauer w. 2, 500 Gr.; du lump und landläufer, du ärmlicher wicht! wohin willst du denn deine zuflucht nehmen, wenn ich meine hand von dir abziehe? W. Hauff s. w. (1890) 4, 271.
d) gelegentlich in freieren verwendungen, denen die allgemeine bedeutung 'person, bursche' zugrunde liegt (s. auch e):

nu sage mir mîn herzeliebez wiht
(spricht sie zu ihm) (15. jh.) Malagis, bei
Lexer 3, 883;

es waren auch verlögnet crist
darbei vil zu derselben frist
mit namen uf vierhundert wicht,
zu den man Mamalucken spricht hist. volkslieder 3, 90 Liliencron;

da drehten die pärchen allzumal,
ein jedes mädchen mit seinem wicht
Göthe I 3, 182 W.;

vom vater hab ich die statur,
des lebens ernstes führen,
von mütterchen die frohnatur
und lust zu fabulieren.
urahnherr war der schönsten hold,
das spukt so hin und wieder,
urahnfrau liebte schmuck und gold,
das zuckt wohl durch die glieder.
sind nun die elemente nicht
aus dem complex zu trennen,
was ist denn an dem ganzen wicht
original zu nennen? ebda 3, 368;

heida! halt an, du kecker wicht!
der könig ruft es laut,
klein Roland lässt den becher nicht,
zum könig auf er schaut
Uhland ged. (1898) 1, 260;

der Grenzner spricht: mein lieber wicht,
bist auch ein vogelsteller?
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 136;

der trommelschläger, ein blutjunger wicht W. Raabe I 4, 393.
e) 'kind, junger mensch', ohne feste abgrenzung zu d, doch in mundartlichem sprachgebrauch wurzelnd: wycht, kynt puer, puerulus, pusillus G. v. d. Schueren teuthonista 313 B.-Cl.; viel wichter haben haver' una banda, una cricca di figliuoli Kramer t.-ital. 2 (1702) 1340b; bey uns ... und in gantz Nieder-Sachsen nennet man nur die kleinen kinder wichter, wichtkens Richey id. Hamb. (1755) 338; wicht, n. kleines kind (1800) Mensing schlesw.-holst. 5, 616; wiΧt, m. knirps Bauer-Collitz Waldeck 13; twe arme wuchter wolden so gerne tohope (zwei junge leute wollten heiraten) (1542) bei Schiller-Lübben 5, 705; seiner güte hab ich's zu verdanken, dass ich nicht vorlängst schon vor mangel umgekommen bin, und meine kleinen armen wichter, als zwey nackte, hülfsbedürftige, freundlose waisen der barmherzigkeit ... der welt habe überlassen müssen Bode Thomas Jones (1786) 5, 233;

mit hohngelache seh ihn der gänsehirt!
der buchstabierer, welcher die wichter bläut
Klopstock oden (1889) 2, 10;

[Bd. 29, Sp. 820]



und die junge welt
weisz es (bei der heuernte) listig so zu spielen,
dasz sich jedes von den vielen
an das liebste plätzchen stellt ...
leise schlummern nun die alten,
und die jungen wichter halten
ihre gute zeit;
spielen, spotten, necken, kosen
Seume s. w. (1835) 622;

doch alsobald der kleine wicht
verziehet kläglich sein gesicht:
die kinder schreien immer
Göthe I 4, 174 W.


f) in engerem sinne für 'mädchen'; besonders in Ostfriesland, Westfalen, am Niederrhein (so vor allem auch nl.): wicht, n. (pl. wichter) mädchen Stürenburg ostfries. 329b; Böning Oldenburg 132; Woeste westf. 321; wicht mädchen, dienstmagd (selten) Schmoeckel-Blesken Soest 331; weech kleines mädchen, auch herangewachsenes, heiratsfähiges mädchen Wrede Köln 3, 266; wēt im bergischen ein kleineres mädchen Münch gramm. d. ripuar. ma. 38; et is men en wicht es ist noch ein klein mädchen Strodtmann Osnabrück (1756) 285; de keerl is dat wicht werth, sä de steefvaar, do gaf he dat wicht 'n gardner (gärtner) Kern u. Willms Ostfriesl. 32; im Münsterlande heiszt das mädchen vom tage der geburt an bis zur verheiratung wicht Strackerjan abergl. u. sagen (1909) 2, 202; die leute sagen zu ihm: ihr wicht (mädchen) sei seit langer zeit vom schlag an der zunge gelähmt Brentano ges. schr. (1852) 8, 419; darum habe ich ... auf Michael einen verspruch mit dem wicht von Hölschers gethan, die ich kriegen konnte Immermann w. 1, 153 Hempel.
g) in neuerer schriftsprache gelegentlich von tieren, doch mit deutlicher personifizierung und im unterschied zu 1 b wohl vom menschen her übertragen: lange zeit schon in seiner handwerksnahrung zurückgesetzt, liess sich endlich ein fuchs von den benachbarten wölfen bereden, und ging mit ihnen auf den raub aus. unterwegs schon prahlten die wichte laut von ihrer kraft, wie von ihrem hunger, und schwuren dem hirten samt der heerde den tod Kretschmann s. w. (1784) 6, 141;

da flattert, im scheine
des mondes, der kleine
geflügelte wicht,
schlau, wie die annalen
Cytherens ihn malen,
mit sanftem gesicht
Matthisson schr. (1825) 1, 153.


3) im bereich niederer mythologie seit dem althochdeutschen bezeugt (s. auch ob. die verwandten germ. sprachen). benennungen dieser art knüpfen an die grundbedeutung 'ding, wesen' an und sind unter dem einflusz von tabuvorstellungen entstanden (ähnl. frz. chose 'diable' v. Wartburg FEW 2, 541; 543; s. auch Grimm myth. 41, 365, hdwb. d. dt. abergl. 9, 1011). die in mittelalterl. quellen begegnende anwendung auf böse geister und dämonen (auch vom teufel) ist kaum ursprünglich und wohl erst von 2 a her unter dem einflusz christlicher lehre übertragen, vgl. dazu Karg-Gasterstädt PBB 67, 430. älteste zeugnisse:

uuola, uuiht, taz tu uueist,
taz tu uuiht heizist,
taz tu neuueist noch nechanst
cheden chnospinci (11. jh.) kl. ahd. sprachdenkm. 389 St. (hausbesegnung);

in demo mere sint uunderlihu uuihtir, diu heizzent sirene und onocentauri ebda 127 (ält. physiologus); (alucinare dicitur uana somniare tractum ab alucitis quos) cenopos (dicimus ...) hos Galli Eluesce wehte uocant (13. jh.) ahd. gl. 2, 162, 16. mhd. in abschätzigem sinne vom teufel:

we Sathanas, waz redes dû?
in der ê man vindet wol,
daz man gode nîgen sol
und dienen alders eine.
flûch von mir, unreine
crêatûre und arger wiht erlösung 4319 Maurer;

do vorriet en der arge wicht Lucifer
Heinrich v. Hesler apokalypse 892 Helm.

[Bd. 29, Sp. 821]


daneben auch mhd. u. mnd., vor allem aber in neuerer sprache von mancherlei natur- und hausgeistern (zwergen, kobolden, gespenstern u. dgl.): penas wicht, gude holden (nd.) Diefenbach nov. gl. 285b;

Tynôlus der alde
der gebot dem walde
und allen wichten hôren
Albrecht v. Halberstadt 24, 4 B.;

ach herre got von himelrîch, wâ mac mîn glücke sîn?
daz hôrte ein edel cleine wiht
ûzm selben berc gap er mir antwürte meisterlieder d. Kolmarer hs. 139, 18 B.

bis zum ende des 18. jhs. scheint das wort nur in auszerliterarischer sprache zu leben, vgl.: wicht ... wird ... auch gebrauchet von den hausgeistern, davon in vorigen alten zeiten viel redens und schreibens gewesen, und verschiedene nahmen gehabt, als gode Johanneck, Hödeken etc., davon man aber, gottlob, nach abgeschafften abergläubischen ceremonien ... wenig mehr vernimmt Dietrich v. Stade erläuter. u. erkl. (1711) 43. seit der romantik wieder literatursprachlich:

doch siehe! da stehet ein winziger wicht,
ein zwerglein so zierlich mit ampelen-licht
Göthe I 1, 179 W.;

den gothischen zierrath ergreift nun der wicht
und klettert von zinne zu zinnen ebda 1, 208 (totentanz);

ja, trieb zuerst der schwarze wicht
sein wesen ungesehn,
so sah man nun bei dämmerlicht
ihn oft leibhaftig stehn
Kind ged. (1817) 4, 128;

da sah er unzählige kleine wichte, jedes eine grubenlampe auf dem kopf, in goldnen eimern wundersam singend auf und niederschweben Eichendorff s. w. (1864) 3, 450; das sind die kleinen wichte, die des menschen sinn und verstand verwirren A. v. Arnim s. w. (1853) 10, 137; so wird gleich hinterher mit demselben kindischen jubel die erscheinung irgend eines wichts verlangt E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 30 Gr.;

da hört ich, dasz sie's thaten aus furcht vor einem wicht
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 192;

die diamantne zauberpforte
bewacht vom unsichtbaren wicht
E. M. Arndt w. 5, 284 R.-M.;

ein geistlein, ein hexlein, so luftige wicht'
sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht
Mörike w. 1, 34 Göschen.


 
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wichtchen, n., dim.-bildung zu 3wicht; 'kind': (die frauen) mögen ihre kinder an die brüste legen oder wol zu sehen, welchen weibern sie die armen kleinen unschuldigen wichtgen vertrawen B. Schnurr kunst- u. wunderb. (1631) 481; und bei der mutter gottes! das niedliche wichtchen hörte auf zu weinen Eschenburg Shakespear (1775) 12, 29. in weiterem sinne 'person, wesen, kreatur':

ich singe nur von solchen wichtchen,
die mit verwegenheit uns nasen drehn
Göthe I 4, 329 W.;

spinnenfusz und krötenbauch
und flügelchen dem wichtchen! ebda 14, 216.


 
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wichte, f., 'gewicht' (grundform für wichtig) s. o. 2wicht sp. 813.
 
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wichtel, wichtle, wicht(e)lein, n. (wichtel auch m.); diminutivform von 3wicht, fast ausschlieszlich in der bedeutung 'kobold, zwerg' u. dgl. (zu 3wicht 3); s. mhd. wb. 3, 657; Lexer 3, 883; lemur wichtelen vel helbe (14. jh.) Diefenbach gl. 323b; penates wichtelein, wichtel (15. jh.) ebda 422a; pigmeus ein wichtel (15. jh.) nov. gl. 291b; wichtel nur im gemeinen leben einiger gegenden ... berggeist, kobold oder alp Adelung 5 (1786) 197:

dô sprach der ungefüege 'du kleines wihtelîn,
zwiu hâstu mich erwecket? ez muoz dîn ende sîn' Wolfdietrich B 488 Jänicke;

[Bd. 29, Sp. 822]


und weil der geist, wie gesagt, oder das wichtlin (wie es unsere leute nennen) in einem winkel in der küche wohnete, war der küchenbub ein schalk und gosz hinein spülich bei Luther tischr. 5, 484 W.; hielten das ... der heilig geist ein kleins berg mnlin, wichtlin oder schrtlin sey S. Franck chron. zeytb. (1531) 353b; wo eyn solch wichtlein sey, da sey eittel gluck vnd gedeyen Agricola sprichw. (1534) b 2b; man weisz für gewisz, dasz die teuffel, welche man wichtelin oder bergmännlin nennet, denen innwohnern des landes zur hand gehen Prätorius anthrop. Pluton. (1666) 1, 144;

wenn die wichtlein jubel rufen,
auf den stufen ihre krucken
brechen, durch die ritzen gucken
und zum schlüsselloch einschlupfen
Brentano ges. schr. (1852) 3, 395;

wie das volk in der Eifel behauptet, haben die zwerge, die wichtlein eine vorliebe für quellen und bäche Laistner nebelsagen (1879) 181; im haus indessen trippelt es auf und ab, hin und her, wie wichtel im wald E. v. Handel-Mazzetti die arme Margaret (1911) 148; da kommt aus einem der löcher in der nähe des teiches auf einmal ein kleiner wichtel herausgehüpft Thüringer sagen (1926) 196 Quensel. mundartlich: wichtel, m., zwerg, Luxemb. 486; Hertel Thür. 257; wichtlein, wichtelein, n. bergmännlein, kobold Schmeller bayer. 2, 843; nur vereinzelt auch von kindern: wolten das jhrer sect pfaffen ohn unterschid mit diesen sich vermischeten, und das die erste von jhnen erborne creatur ... unverzüglichen, von jhnen allen in der lufft rings umb, von aines händen zu des andern, und also lang hin und wider gepältzt würde, bisz dem wichtle der letzte athem auszginge Dreyfelder hist. d. hauses Est (1580) 114b; weil sie (die wichtelzöpfe) von den ungetaufften kindern, welche die alten wichteln nenneten, geflochten würden H. Sude d. gelehrte criticus (1707) 1, 885; das wichtel, die Elisabeth Richter (1886) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 90. vgl. noch: wichtle, n., kleine kreatur Reinwald Henneberg 1, 194.
 
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wichtel, m., f. , (lock)vogel, lockpfeife; wohl von 3wicht 1 b 'lebewesen, kreatur' abgeleitet und später in der waidmannssprache spezialisiert.
1) für eulenvögel: der wichtl das kleine käuzchen oder der todtenvogel Castelli Österreich 266; art eule, der man sich bedient, vögel zu locken und zu fangen Schmeller bayer. 2, 843; nachteule Unger-Khull steir. 631a; will man beim kleinvogelfang mit der reuse nicht auf besonders günstige geländepunkte und die anwendung von köderfutter beschränkt sein, so kann man es mit einem 'wichtel' oder steinkauz versuchen. den setzt man, gut von auszen sichtbar, in die mitte des trichtereingangs. seine die singvögel zu dreisten neckereien reizende erscheinung wird die kleinen vögel in die reuse hineinlocken W. Sunkel vogelfang (1927) 78.
2) für den turmfalken: wichtel, f., turmfalke Kramer Bistritz 138; Haltrich siebenb.-sächs. 68a.
3) 'lockpfeife': wann der weidmann auf der wichtel pfeiffet, die mit einer birckenen subtilen rinden zwischen zwey zusamm gepfaltzten langen viereckichten höltzlein eingedruckt wird Hohberg georg. cur. 2 (1682) 691b; wichtel, wichtelpfeife ein werkzeug zu künstlicher nachahmung der rufe verschiedener eulenarten Behlen forst- u. jagdkde (1840) 6, 386.