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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
werwolf bis wesen (Bd. 29, Sp. 504 bis 510)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) werwolf, m. , mythologische bezeichnung für einen menschen, der auch in wolfsgestalt auftreten kann, mannwolf (wer 'mann, mensch', s. DWB wergeld). das wort ist im ahd. lediglich als eigenname bezeugt (Weriuuolf, s. zs. f. dt. altert. 12, 252) und in späterer zeit dann bei Burchard v. Worms und Berthold v. Regensburg (werwolf, s. u.) als gattungsbezeichnung nachweisbar. mhd. dichter haben werwolf offenbar nicht verwendet; erst seit dem 15. jh. erscheint das wort häufiger, teilweise in volksetymologischer umdeutung: bärwolf (so z. b. bei Luther; vgl. teil 1, 1146, beerwolf teil 1, 1244). german. parallelen finden sich im ae. wer(e)wulf, im mnd. warwulf, im mndl.-ndl. weerwolf; dem entspricht im anord. vargulfr (< vargr 'wolf' + ulfr 'wolf'), dän. varulv, schwed. varulf. mittellat. gerulphus, normann. garwalf und frz. loup garou sind entlehnungen aus dem germanischen (frz. < fränk. *wariwulf, s. Bloch-Wartburg 357). — der glaube, dasz menschen wolfsgestalt annehmen können, ist unter den idg. volksstämmen besonders bei den Griechen (λυκάνθρωπος), Römern (versipellis), Slawen (russ., aslaw. vlukodlaku; lett. wilkats, poln. wilkołak) und Germanen verbreitet gewesen und hat sich vereinzelt bis in die neuzeit erhalten (s. Frischbier pr. 2, 465, Mensing schlesw.-holst. 5, 598 sowie Bächtold-Stäubli hdwb. d. dt. aberglaubens 10, 396 und Jacob Grimm mythol. 42, 915 ff.). — der sage nach geschah die verwandlung mit hilfe eines wolfshemdes (bzw. -gürtels) oder auch durch einen zauberring. wurde das zeitweilig abgestreifte wolfshemd (bzw. der -gürtel) verbrannt oder der wolf verletzt, so nahm der mensch wieder seine natürliche gestalt an. verwundbar war der werwolf meist nur durch erbsilber. diese werwolf-vorstellungen sind in zeit und raum sehr verschieden, s. Mogk in: reallex. d. germ. altertumskde. 4 (1918/19) 511 f.; so werden bei den Slawen dem werwolf vampireigenschaften zugesprochen, während sich besonders in Deutschland der werwolfglaube unter dem einflusz des mittelalterlichen hexenglaubens weiter verbreitete und mit diesem in der neuzeit zurückging, zumal die wölfe in West- und Mitteleuropa ausstarben.
1) in wolfsgestalt auftretender mensch: ... id est dum aliquis homo nascitur, et tunc valeant illum designare ad hoc quod velint, ut quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod vulgaris stultitia werwolf vocat, aut in aliam aliquam figuram Burchard v. Worms (vor 1024) bei J. Grimm dt. mythol. 43, 409; wie ein solcher verwandelter wehrwolff mit eim pfeil oder flitschen inn hinderen sei geschossen worden, vnnd darüber zu bett sich legen mssen: allda man jhm, als er widerumb zu menschlicher gestallt gekommen, den pfeil mit gewalt hat herausz gezogen ... ein solcher menschenwolff oder wolffmensch ... Fischart Bodin, de magorum daemonomania (1586) 332; eine histori von einem vermeinten beerwolff oder weerwolff erzehlet Georgius Sabinus: man hält es, spricht er, allhier in Preussen darfür, dasz etliche menschen zu wölffen sollen werden Widmann Faust 277 lit. ver.;

ich schosz einmal eine katz' am zaun,
der Anne, der hex', ihre schwarze liebe katz';
da kamen des nachts sieben wehrwölf' zu mir,
waren sieben, sieben weiber vom dorf.
ich kannte sie all', ich kannte sie wohl,
die Anne, die Ursel ...
...

[Bd. 29, Sp. 505]



sie heulten im kreise mich an.
...
da nannt' ich sie alle bei namen laut:
...
da rüttelten sie sich, da schüttelten sie sich
und liefen und heulten davon
Göthe I 1, 156 W.;

das weib ist ja ein wärwolf ... so zwischen eilf und zwölf verwandelt sie sich Alexis die hosen (1846) 2, 1, 194; '... was mir geträumt hat! ... ich hatte mich in einen wolf verwandelt und wollte den kleinen Peter fressen; ich trabte auf allen vieren ...' ... 'pfui! die tante ist ein werwolf gewesen!' Storm s. w. (1920) 2, 139;

der werwolf
ein werwolf eines nachts entwich
von weib und kind und sich begab
an eines dorfschullehrers grab
und bat ihn: bitte, beuge mich!
...
'der werwolf' — sprach der gute mann,
'des weswolfs, genitiv sodann,
dem wemwolf, dativ, wie man's nennt,
den wenwolf — damit hat's ein end'
Chr. Morgenstern galgenlieder (1928) 66.

dem volksglauben nach können sich besonders hexen und zauberer in werwölfe verwandeln: es gehet ein geschrei in diesen landen von weerwlffen (wie mans nennet) oder von zauberern, welche sich mit einem besonderen zaubergrtel ... in wolffsgestalt verendern knnen C. Ulenbergius antwort auff J. Bady vermeinte warnung (1592) Nn 2a; Goehausen ... erzehlet von einem zauberer, der sich zum weer-wolff machen knnen J. Döpler theatrum poenarum (1693) 351; wie einige statuiren, dasz ... sich die zauberer vermittelst des teuffels hlffe in so genannte weer-wlffe verwandeln knten; welches ich aber fr blendwerck halte H. v. Fleming teutscher jäger (1719) 108;

welche hexe, geübt durch salb' und räuchwerk
...
oft auch saaten hinweglockt, oft als wehrwolf
hämmel raubt
J. H. Voss s. ged. (1802) 3, 110;

'könig katze' (so nannte sich der sultan von Bornu) ..., der für einen groszen zauberer galt, und sich gleich einem wehrwolf in eine katze verwandeln konnte Ritter erdk. teil 18 (21858) 517. manchmal wird werwolf neben hexen und kobolden genannt und geradezu im sinne von 'scheusal, gespenst, unhold' gebraucht: als wenn alle ... weerwolffen, kobbolde ... von Adams samen herkommen sollen Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 335; man gehe nur in eine gesellschaft von soldaten und jgern, ... so kommen die hexen, gespenster und genug andere wehrwlfe Stahl gewehrger. jäger (1762) 259;

sie, die volkreich heil'ge stadt
ist zur wüstenei geworden,
wo waldteufel, werwolf, schakal
ihr verruchtes wesen treiben
Heine s. w. 1, 447 E.;

werwölfe gehen durch sie (die geschichte), unterirdische und umgänger E. Wiechert d. kl. passion (1929) 99.
2) wolf in menschengestalt; mensch, der sich wie ein wolf gebärdet.
a) als abschätzige bezeichnung; für einen gierigen oder auch gefräszigen menschen: dann der werwolf und röuber, pfleger Uolrich ... hette uns z groszerem schaden bracht ... diser pfleger ist under sinen andern unmäszlichen anfechtungen und begirden ain gar grosz kirchenröuber gsin (189) ... was scharpfen klauwen die gaistlichen wölf tragind (193) J. v. Watt dt. histor. schr. 2, 167 G.; ... damit der leser solcher jesuwitischen beerwolffen heulen und frnemen erkennen lerne J. Zanger v. neuen orden d. Jesuwider (1562) C 7b;

doch leb' ich (der einsiedler) noch am end' vom jahr,
wo mancher wärwolf ist schon todt
aus ängsten vor der hungersnoth
Göthe I 16, 78 W.;

mundartlich: dǟ fresst wē earwolf oder: sī net sōearwolf isz nicht so gierig Heinzerling-Reuter Siegerland 321; werwolf (rhein.) nimmersatt Kehrein Nassau

[Bd. 29, Sp. 506]


1, 443; für einen grausamen, grauenhaften menschen: qui occidunt homines per detractionem, nunc comedunt illum, nunc illum, nunc religiosum, nunc ... isti sunt werwolf. minus peccares et minus dominum offenderes, si in parasceue integrum bovem vel ovem comederes vel devorares Berthold v. Regensburg sermo 172 Schönbach;

mein herr, ich bin ein prinz vom berge Libanon.
ich hatte mich dem dienst der schönsten aller schönen
drey jahre sonder minnelohn
verdingt, bevor sie sich so viele treu' zu krönen
erbitten liesz: und wie ich nun als bräutigam
ihr eben itzt den gürtel lösen wollte,
da kam der wehrwolf (der riese Angulaffer), nahm sie untern arm und trollte
vor meinen augen weg mit meinem holden lamm
Wieland ges. schr. I 13, 41 akad.;

'... eine ganz süperbe mécanique, solches fallbeil.' — gott, gott! unter welche währwölfe war ich gerathen! Gaudy s. w. (1844) 18, 76;

Derovalin: ihr möget gott betrügen, frau Isolde,
doch ich und ihr, wir wollen vor einander
ehrlich wie feinde sein
Isolde: du bist ein werwolf
E. Hardt Tantris der narr (1909) 28;

für einen haustyrannen, mürrischen menschen:

warum ich euch hierhergebracht, ihr wiszt's.
der alte werwolf aber schöpft verdacht;
ich hört' ihn sagen, zieh' die tochter fort,
woll' er mit ihr euch senden weit ins land
Grillparzer s. w. 8, 53 Sauer;

gar höflich schleichest du (der werber) zu zeiten
zu diesem wehrwolf in das haus
und kramst die neu'sten neuigkeiten
vom krieg und vom theater aus.
vergeblich suchst du einzuschläfern
den Argus durch der rede flusz —
feindselig bleibt den jüngern schäfern
der asinus domesticus (der vater des mädchens)
Gaudy s. w. (1844) 1, 112;

also doch weg! nun, so brauch' ich mir von dem alten wärwolf auch nichts gefallen zu lassen, wenn er mein schwiegervater ist! Hebbel w. 2, 28 Werner; ... dasz sie (Karoline) in Agnesens gatten einen mürrischen, ungefälligen, plumpen, nur auf ökonomischen ertrag gerichteten landjunker zu sehen fürchtete! sie kam in der heimlichen erwartung, wider solchen 'wehrwolf' mit ihrer freundin ein bündnisz einzugehen Holtei erz. schr. (1861) 2, 131.
b) vereinzelt als bezeichnung für einen mann, der mit der wildheit eines wolfes kämpft: der korsische werwolf (Napoleon) auf Elba qu. a. d. j. 1927; unser hauptmann, der heiszt Wulf, und ein richtiger wolf ist es auch, denn wo er zubeiszt, da gibt es dreiunddreiszig löcher. dennso bin ich der meinung, dasz wir uns die wehrwölfe nennen und zum zeichen, wo wir der niedertracht gewehrt haben, drei beilhiebe hinterlassen, einen hin, einen her und den dritten in die quer. und davon soll keiner was wissen, als wir dreimal elfe, so sich nennen die wölfe Löns wehrwolf (1916) 94; hieran anknüpfend für eine geplante widerstandsbewegung der nationalsozialisten am ende des 2. weltkrieges: radio-sendungen ..., die von einer auf den namen 'werwolf' getauften freiheitsbewegung zu melden wissen: einem verbande rasender knaben Th. Mann Faustus (1948) 759.
3) zuweilen scheint umdeutung vorzuliegen zu 'wolf, der menschen anfällt' und allgemeiner 'wolf, bestie, reiszendes tier': in dem selven jair quam ein rasen werwolf intgain Bunne zo Berchen ... ind der leste minsche der gebissen wart, der greif den rasen wolf ... dat ein ander man quam geloufen mit eime bielen ind sloich den rasenden wolf doit (15. jh. Köln) städtechron. 13, 190; seint also werwlff die in die drffen lauffen vnnd kind vnnd menschen essen. als man etvan daruon sagt das sie also mit verhengtem zoum die menschen schedigen vnd heisen berwlff oder werwlff Keisersberg emeis (1516) 41a (doch ist Keisersberg die alte vorstellung 'mannwolf' auch bekannt geworden: da was ein man der kam inn die fantasei,

[Bd. 29, Sp. 507]


das er der selb wolff wer ebda 42a); sieh da, herr hinterwäldler (förster), wir hörten es schon an dem spektakel, dasz sie gekommen seien! was macht werwolf und bär, und uhu und kauz hinter den bergen? W. Raabe s. w. II 2, 88 Klemm.
 
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werwort, n., 'zusicherndes, gewährleistendes wort; entschuldigung', s. unter wehrwort teil 14, 1, 1, 307 ff.
 
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werz, m., brassica oleracea, s. teil 14, 2, 627 f. sowie Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1 (1943) 647.
 
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werzer, m., s. unter wärzer teil 13, 2209 und vgl. zu den dortigen nachweisen noch: vmbra marina seerapp. mager, magerfisch, wertzer Megiser thes. (1603) 2, 726a,
 
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weschelholz, n., euonymus europaeus L., spindelbaum; zu wastel, m., n., 'halbrundes oder viereckiges milchbrot' (s. d. teil 13, sp. 2559 und ebda wastelholz), nach der form der früchte benannt; vgl. Marzell wb. d. dt. pflanzennamen 2, 341 (westeleholz): weschelholz evonymus europaeus Nemnich wb. d. naturgesch. 644; Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 354b; Pritzel-Jessen dt. volksnamen d. pflanzen 150; vgl. DWB waschelholz teil 13, sp. 2224.
 
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wese, m., edelstein (der sog. falsche opal), s. waise II 6 c, teil 13, sp. 1053 und wehse, m., teil 14, 1, 1, sp. 311.
 
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wesel, n., s. wiesel.
 
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weselich, adj., s. wesentlich.
 
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wesem, adj., 'welk', zu ahd. wesan adj., 'marcidus', wesanen, vb., 'marcescere, arescere', mhd., wesel, adj., 'matt'; mundartl. gewöhnlich von rüben, vgl. wäsel, wäser, wäsig Fischer schwäb. 6, 468; wesem, wesz Stalder schweiz. id. 2, 447; wese, wesem Seiler Basel 314; wisem, wise ebda 317: wie der (ein edelmann) gestarb und man ine ufthet, do het sein herz ain gestalt, wie ain weseme rüeben Zimmer. chron. (21881) 2, 169 Barack.
 
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wesen, vb. , 'leben und weben', d. h. 'existieren, da sein' (oft mit lokaler ergänzung) in einem intensivierten und den begriff spezifischer lebensäuszerung oder wirksamkeit vage einschlieszenden sinne. das wort ist identisch mit dem st. vb. ahd. wesan, mhd. wesen 'esse', zur idg. wurzel *es- 'verweilen', das zusammen mit formen der wurzeln *es- (sein) und *bheu- (bin, bist) das paradigma des deutschen verbum substantivum bildet, in welcher funktion es seinen präsentischen formenbestand bis zum frühnhd. fast völlig eingebüszt hat (s. näheres unter sein, vb., teil 10, 1, sp. 228; zu der allein überdauernden partizipialen verwendung vgl. unten 1 a). der nhd. gebrauch in der angegebenen bedeutung ist sekundär; er tritt schubweise und mehr oder weniger zeitgebunden in mystischreligiösen schriften oder (jünger) in mystizistischer stilhaltung auf.
1) der älternhd. gebrauch und die bedingungen seiner entstehung.
a) voraus ist zu erwähnen, dasz die möglichkeit präsentischen gebrauchs von wesen durch die verwendung der partizipialform wesend (vgl. sein, vb., I 3 o, teil 10, 1, sp. 244) noch bis weit ins 17. jh. offengehalten wird.
α) wesend 'befindlich, sich aufhaltend' mit lokalen ergänzungen (vgl. auch Schmeller-Fr. bayer. wb. 2, 1022): ein jeder fürst ... under dem ... der echter gesessen oder sein hab und gut wesend oder gelegen ist d. keys. maiestat cammergerichtsordn. (1555) 98a; das werder ... mit den darauff wesenden dörffern, krügen vnd kretzmern Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 5, D 2b; die ausser lants und gerichts wesende salzkeufl und fuehrleit (17. jh.) österr. weist. 2, 33.
β) wesend 'existierend', in verschiedenen auffassungen.
αα) speziell 'im amt befindlich' (vgl. Fischer schwäb. 5, 1332 s. v. sein II): hat mir ain jetzt wesender rat ainen leichtfertigen menschen ... in mein haus ... geschickt (Augsburg, 16. jh.) städtechron. 32, 288; jetzt

[Bd. 29, Sp. 508]


wesende vnd kommende potentaten Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) dedicatio II 7b; den iezt wesend(en) oder nachvolgenden abbt (1629) beitr. z. gesch. d. bischöfl. kirche Brixen 8, 382 Sinnacher.
ββ) allgemein, in einem der bedeutung 'leben und weben' etc. nahekommenden sinne, namentlich von gott: o we zarter herre, es ist eyner wesenden seel hie an (an der bloszen anrufung gottes) nit gnug d. ew. wiszh. betbüchl. (1518) 21a; all unser leben ist eine farende lose habe, ich kan wol sagen ich fare dahin, aber sagen kan ich nicht: ich bin wesend, vergehe oder wancke nicht, ich bin und bleibe ewiglich. mit welchem titel reisset gott unsere ... augen von allen creaturen und zeuhets allein auff sich (1524) Luther 16, 49 W.; wann etwas wirdt, das zuuor nit war, wird diss ein bewegung von dem onwesenden zu dem wesenden genennt Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 1156; so heist nun Jehova ... einen vnermässlich-wesenden gott Dannhawer catech.-milch (1657) 4, 202; der eine, so einig, das thun schlecht und rein, wesen, wesend allein (gott) Treuer dt. Dädalus (1657) 1, 750; wesend essente, sussistente Kramer t.-ital. 2 (1702) 1336b.
b) der prägnante sinn des wirkenden daseins scheint (ebenso wie der mitunter vorkommende transitive gebrauch) durch das wort wirken induziert worden zu sein, mit dem sich wesen in solchen verwendungen von anfang an zu koppeln pflegt; doch ist auch an beeinflussung durch wesenen zu denken, das in der frühesten quelle ganz gleichartig gebraucht wird (eine kurzlebige neubildung der mystik zu wesen, n., I C 'essentia, substantia', sonst in der bed. 'wesen geben', vgl. mhd. wb. 3, 770b): wan got lebet und weset und wurket in im alle sine werk und gebruchet sin selbes in ime (dem von gott durchgossenen menschen) Tauler pred. 175, 21 Vetter (daneben: got lebt und wesent und wirkt in ir [der seele] ebda 146, 20); gott ist ein wirckende krafft in allen dingen, die in allen creaturen weset und alles in allen wircket S. Franck bei Fischer schwäb. 6, 723; auf das gott in uns wese, lebe, geiste, regire, hersche, wolle und wircke alle ding V. Weigel von d. seligmach. erkentnus gottes ( ) 105; also mag kein buch oder schrifft das inwendige im menschen wesen oder wircken ders., gülden griff (1613) H 1b.
c) auszerhalb der verbindung mit wirken, doch z. t. mit anderen verben gekoppelt, begegnet das wort sporadisch vom 16. bis zum 18. jh.: wer nun von got kert ist, von dem keren sich alle ding, weil all ding mehr in got weset, steht vnd ist, dann in vnd auff jm selbs S. Franck sprüchw. (1541) 2, 136b;

was ist, das west und lebt, und dis von innen aus
D. v. Czepko geistl. schr. 273 W. Milch;

nichts weset ohne stimm: gott höret überall,
in allen creaturn, sein lob und widerhall
Silesius cherub. wandersmann 37 ndr.;

wann dieser (dein körper) nicht wäre und wesete, so würde auch dein Schatten nicht seyn und wesen können J. Chr. Eeldmann Moses m. aufgedeckten angesichte (1740) 2, 169.
2) die moderne verwendung erhält starken auftrieb durch Göthe; während das 19. jh. zurückhaltend bleibt, findet sich im ersten drittel des 20. jhs. bei manchen autoren (z. b. St. George) sehr intensiver gebrauch des arkanischahnungsvollen ausdrucks.
a) von menschen (mitunter wohl durch die verbindung sein wesen treiben angeregt, vgl. DWB wesen, n., I G 4 c ζ): gewöhnlich wenn ich aufstehe besuch ich (im geiste) euch (die Jakobis) und sehe jedes in seiner art kommen und wesen (1793) Göthe IV 10, 48 W.; Ottilie wes't nun in Berlin und wird es von stunde zu stunde treiben, bis sie von zeit zu zeit pausiren musz; vielleicht gibt ihr das erreichte ziel ... wenigstens einige milderung der hast, ohne die man sie freylich kaum denken kann (1824) ebda 38, 12;

vernimm, von allen männern, die im weltall wesen,
sind diese als der besten beste auserlesen
Spitteler olymp. frühling 1 (1911) 135;

[Bd. 29, Sp. 509]


heimwäts bring ich euch einen lebendigen strahl,
...
euch ein verhängnis, solang ihr verworren noch west
Stefan George d. neue reich (1928) 10;

holzherr, knecht und wald
wesen arm und alt
nun beisammen in der dunkeln welt
Joh. Linke d. baum (1934) 128;

er sah seinen toten vater wirken, seine gestorbene mutter wesen ..., hörte das gefährliche unterirdische rollen des vulkanes mensch Kluge Kortüm (1938) 559.
b) entsprechend: vor allem sein soll der alogische wille als möglichkeit gewest haben und eben so nur als möglichkeit die logische vorstellung. da beide nur als möglichkeiten weseten, so war noch nichts bei Sanders erg.-wb. (1885) 633a; darum erschlugen die vanen den Mimir und sandten sein haupt den asen zurück. Wodan sprach seinen zauber über dem haupt, dasz es nicht wese, und hütete seiner im brunnen an Ygdrasils wurzeln W. Schäfer 13 bücher d. dt. seele (1925) 9; blut, vordem wesend; blut aus diesem vordem ins nachdem rinnend und jenes unbekannte vordem unwiederlöslich vermörtelnd mit dem noch dunkleren nachdem Kluge Kortüm (1938) 122; hier weste die welt noch, wie sie vom schöpfer gemeint ist, gesund und voll zusammenklang Carossa d. jahr d. schönen täuschungen (1941) 208. auch:

leben, wer lebt dich? wer ist's, der dich west?
El. Langgässer in: dt. ged. d. gegenw. (1954) 176.

an verwesen angelehnt:

zum tod bereite sich, wer nicht mehr kann genesen;
und was nicht weiter hält, mag auseinander wesen
Rückert ges. poet. w. (1867) 8, 590.


c) von ideell wirksamen kräften, tendenzen, kulturgütern u. ä.: dagegen weisz aber auch eine höhere theorie sich selten in den kreis zu finden, wo jener (der menschenverstand) wirkt und wes't Göthe I 42, 2, 260 W.; was alles dort (in Berlin) auch für mich gutes wes't und webt (1819) ders., IV 31, 53; (dem betrachter eines physikal. lehrbuches) muszte bedenklich vorkommen, wenn lebendiges und todtes (d. h. veraltetes) miteinander weste und fort wirkte ders., II 5, 2, 382; beim besuch seiner heimlichen heimat schaut er zuerst den sinnlichen raum, wo alles geistige weste und wirkte Gundolf Hölderlins archipelagus (1911) 10.
d) geistig in etwas (als in einem elemente) leben und weben: aber eben die uns vorgelegten romanzen des spanischen volkes ... leben und schweben durchaus zwischen zwei elementen, die sich zu vereinigen trachten und sich ewig abstoszen, das erhabene und das gemeine, so dasz derjenige, der auch darin west und wirkt, sich immer gequetscht findet Göthe I 41, 2, 71 W.; wie ist nun dem beizukommen, der im sein weset und den schein verachtet? Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 705;

wenn unser geist, nach anbetungen brünstig,
an abenden in deinem (des lichtes) abglanz wes't
Stefan George d. neue reich (1928) 136.


e) in dem aktiven sinne wirkender und gestaltender gegenwart:

du strahlst mir aus erlauchter ahnen werke
entzückten fehden und berauschten fahrten
und wesest wach wie schamvoll auch verhüllt
im weisesten im frömmsten seherspruch
Stefan George stern d. bundes (1914) 15;

glaub es nur, Deutscher, dasz du in jedem wort wesest, das du prägst Binding kraft dt. wortes (1933) 7; in der wundersamen handschrift ... weste eine ruhevolle überlegenheit Carossa jahr d. schönen täuschungen (1941) 274.
f) auch in mehr spiritueller auffassung:

jed ding wie vordem heil und schön genest
nur dass unmerkbar neuer hauch drin west
Stefan George stern d. bundes (1914) 37;

der du hier grausend gleich den schatten stehst,
erschauderst du vorm hauche, der hier west?
R. A. Schröder ged. (1935) 15.

[Bd. 29, Sp. 510]



g) ironischer gebrauch scheint den meisten autoren fern zu liegen; vereinzelt: die guten harmlosen jünglinge, welche gar nichts anstösziges fanden, ... nackt wie eine heidnische gottheit sich zu sehen (die br. Stolberg i. d. Schweiz beim baden), wurden von freunden erinnert, dergleichen zu unterlassen. man machte ihnen begreiflich, sie weseten nicht in der uranfänglichen natur Göthe I 29, 135 W.;

(Nereiden u. Tritonen:) sind eigentlich ihrer sieben (sc.
der Kabiren).
(Sirenen:) wo sind die drei geblieben?
(N. u. Tr.:) wir wüsztens nicht zu sagen,
sind im Olymp zu erfragen;
dort west auch wohl der achte,
an den noch niemand dachte ebda 15, 163 W.;

keine sächsische personalunion wollen sie (die Litauer), sondern einen behäbigen Schwaben, der im lande sitzt und sein thrönchen wärmt und litauisch lernt und hier zu wesen gedenkt mit kind und kindeskind A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 3.
 
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wesen, n. , substantivierung des alten germ. infinitivs zum verbum substantivum (got. wisan, an. vesa, vera, ags. wesan, ahd. as. wesan, mhd. mnd. mnl. wesen, afrs. wesa; vgl. sein, vb., I 1 c, teil 10, 1, sp. 229, und I 3 n, sp. 243; s. auch oben nhd. wesen, vb., 'leben und weben'), zur idg. wurzel es- 'verweilen, wohnen' gehörig, die einzelsprachlich u. a. vertreten ist durch ai. vasati 'verweilt, wohnt, übernachtet', gr. εσα νύκτα 'brachte die nacht zu' (zu diesem bedeutungskreis s. unten I A), ferner arm. goy 'ist, existiert, ist vorhanden', as. werōn, ahd. werēn, nhd. währen 'dauern' (s. weiteres bei Walde-Pokorny 1, 306 f.). das substantivum wesen ist nur dem deutschen und niederländischen eigen. es begegnet seit dem ahd., wo es, zunächst gemeinsam mit abgeleiteten substantiven desselben verbums (wesantî, wesinî, wesenussida, wesunge) neben dem alten -ti-abstraktum wist, f. (aus *es-ti, wie ir. feiss 'bleiben, rasten', vgl. auch ir. foss 'bleiben, ruhe' aus *os-to-) platz greift (näheres über wesan — wist und ihre synonymik s. unter 'bedeutung und gebrauch'). — vom 14. jh. an nimmt die gebräuchlichkeit des wortes auszerordentlich zu. es verdrängt bis zum frühnhd. die synonymen bildungen gleichen stammes und wird in überaus mannigfaltigen anwendungen zu einem der meistgebrauchten deutschen wörter, namentlich der älternhd. periode.formale varianten begegnen kaum. die gerundialen formen des gen. und dat. sing. sind schon mhd. weitgehend zugunsten der nominalen flexion aufgegeben worden (wesens, wesen, vgl. Wilmanns dt. grammatik 22 § 303, 4; vollere formen gelegentlich im md., z. b. wesines, wesine paradisus anime intell. 33, 26 u. 5, 22 Strauch). im mnd. ist die form mit angefügtem dental die üblichere (wesent, flektiert wesendes, -e, plur. -en, vgl. Schiller-Lübben 5, 696b; Lasch mnd. gramm. § 308; hd. selten, z. b. wesende Tauler bei Wackernagel altdt. leseb. 866, 7); die formale doppelheit führt mitunter zur gegenseitigen isolierung der beiden lautvarianten, vgl. den zwiefachen ansatz des wortes als wesen und wesen(t) bei Schiller-Lübben a. a. o. und ebda 697a den beleg: (de) dy demme und dy bruggen vorbat in wesen unde wesenden holden schal cod. Brandenb. I 9, 175 Riedel (wohl kaum partizip, sondern gedoppelt aus der redewendung in wesen halten 'in stand halten', s. u. I B 2 a). — adverbialer und erstarrter gebrauch des genitivs wesens begegnet in verschiedenem sinne, s. u. I A 1, I A 5 b γ, I F 1, I G 4 c ε und vgl. A. Kuntzemüller zur gesch. d. subst. inf. im nhd., in: zs. f. dt. wortf. 4, 58 ff. (belege s. 91). bedeutung und gebrauch.
das wort tritt zuerst in der auch sonst im idg. vertretenen wurzelbedeutung 'das verweilen' (I A 1) auf, die schon früh in den konkreten sinn 'aufenthaltsort, wohnstätte' überzugehen beginnt, der im mhd. fest wird (I A 2 und 3). die bedeutung ist schon zu beginn der überlieferung durchaus gebräuchlich, scheint aber noch jung zu sein, da entsprechende

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kompositionsbildungen im ahd. nur zu (in dieser bedeutung als simplex fehlendem) wist vorkommen (s. heimwist 'domicilium', sam[ant]wist, mitewist 'das zusammensein mit jm.', nâhwist 'praesentia' Graff 1, 1061 f.; vgl. an. vist 'aufenthalt, wohnen, bleiben') — und erst später durch -wesen-komposita abgelöst werden (mhd. nur noch heimwist, daneben heimwesen, mitewesen, bîwesen, s. d. mhd. wbb.). der wortgebrauch nimmt im mhd. und frühnhd. bis zum 17. jh., namentlich in den konkreten bedeutungsvarianten (quartier, gebäude, haus und hof, wirtschaft, siedlung, stadt, s. I A 2—4) und redewendungen (I A 5), breiten raum ein. um die mitte des 19. jhs. treten die anwendungen für 'ländliches anwesen' und 'hauswirtschaft' aus landschaftlichem gebrauch erneut in die schriftsprache (I A 6).
gleichfalls schon im ahd., wenngleich seltener, ist die bedeutung 'existenz, dasein, leben' (I B 1) belegt, die seit dem mhd. dichter auftritt und bis zum 18. jh. sprachüblich bleibt. sie knüpft an die verbalbedeutung 'esse' an und bringt, neben selteneren sinnvarianten (I B 3), in redensartlichem gebrauch (I B 2) die bedeutung 'zustand' hervor ('[guter] erhaltungszustand' in wendungen wie in [gutem] wesen halten; die auffassung wird von dem adj. wesentlich mit der bed. 'in gutem zustand befindlich' aufgenommen, z. b. in wesentlichem bau halten, und zu 'rechtschaffen, ordentlich, tüchtig' weiterentwickelt; s. d. 5).
theologischen ursprungs ist der zunächst auf gott oder die trinitarischen personen bezogene gebrauch für 'substantia, essentia' (I C 1). die nach verdeutschung verlangenden lat. und gr. termini (namentlich essentia und οὐσία) legen analogisch die ableitung vom vb. substantivum nahe. sie erfolgt im ahd. noch nicht durch den subst. inf. (so nur okkasionell Otfrid 3, 22, 32 P., s. u. C 1 b), sondern einerseits durch die erweiterten bildungen uuesinî ('substantia'), uuesantî ('materia, substantia'), eouuesanti ('essentia'), uuesenussida ('substantia'), ferner spätahd. (Trudp. hohel.) wesunge (von der trinitarischen essenz); — andererseits, namentlich bei Notker, durch uuist 'substantia', auch eouuisti 'essentia' (entweder als abstrahierende übertragung von wist 'victus, frumentum' oder direkt vom verbum her aufgefaszt). erst in den schriften der mhd. mystiker wird hierfür wesen durchgeführt und in der spätmhd. und frühnhd. theologischen literatur beibehalten. gleichzeitig tritt wesen auch sonst als verdeutschung von 'substantia, essentia' (I C 2) sowie in verschiedenen spezielleren gebrauchsweisen auf (insbes. I C 3 'substantialität' und I C 8 'stoffliche substanz, stoff, materie').
hauptsächlich im 14. und 15. jh. gebräuchlich ist eine bedeutung '(bleibende) beschaffenheit, art' (I D 1), die wohl an verwendungen des verbums wesen 'esse' mit qualitativen bestimmungen anknüpft; sie wird im 16. jh. durch den gebrauch für '(vorübergehender) zustand' (I D 3) fortgesetzt. das 17. jh. bildet eine speziellere bedeutung 'stoffliche beschaffenheit' (I D 2) heraus. anwendungen auf gesundheitliches befinden und krankhafte zustände (I D 4) knüpfen teils an 3 an, teils sind sie anderen ursprungs.
kaum über das spätmhd. hinaus ist wesen für 'lebensform, lebensweise' (I E 1), 'leben und taten' (I E 2) und 'lebensumstände' (I E 3) sprachüblich; spätere verwendungen dieser art schlieszen sich den gebrauchsweisen F und G an.
wohl an das vorige anknüpfend entwickelt sich im 14. jh., zuerst in redensartlicher fassung belegt (I F 1), die bedeutung 'status', die in allgemeinerem sinne (I F 2) im 15. und 16. jh. und in der spezielleren auffassung 'sozialer stand, familienstand' (I F 3) im 16. und 17. jh. sehr sprachüblich ist.
die im frühnhd. bei weitem vorherrschende hauptbedeutung des wortes ist 'tun und treiben, tun und lassen, verhalten'; sie entwickelt sich im 15. jh., an den gebrauch für 'lebensweise' (s. o.) anknüpfend (I G 1), und tritt im 16. und 17. jh. in auszerordentlich mannigfaltigen verwendungen auf (I G 2); nach fast gänzlichem verschwinden

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aus der schriftsprache im 18. jh. wird sie gegen ende desselben in engeren grenzen wieder gebräuchlich (I G 3). dieselbe entwicklung zeigt der phraseologische gebrauch (I G 4), der, in älterer sprache reich vertreten, zu ende des 17. jhs. fast völlig versiegt und erst um 1800 mit neuen redewendungen wieder hervortritt.
unsicheren ursprungs ist der gebrauch für 'öffentliche verhältnisse, öffentliche ordnung, gemeinwesen', der in allgemeinerer verwendung (I H 1—3) im 16. und 17. jh., und in der verbindung das gemeine wesen (I H 4) hauptsächlich im 17. und 18. jh. verbreitet ist.
in vielgestaltiger anwendung bei ganz unscharfer begrifflicher fassung tritt wesen als allgemeine gegenstandsbezeichnung auf (IJ). es bezieht sich namentlich auf komplexe objekte (z. b. stoffgebiete der geistigen beschäftigung, doch auch auf dingliches, 'zeug, kram'); daneben begegnen redewendungen wie ins wesen hinein 'ins blaue hinein'. sprachgeschichtlich bedeutsam wird dieser gebrauch als basis des kompositionentyps schulwesen, finanzwesen etc. (s. I J 7).
die bisher angeführten bedeutungen bestimmen den wortgebrauch der älteren sprache, namentlich des 15.—17. jhs., und greifen meist nur mit unerheblichen resten in die jüngere zeit über. im laufe des 18. jhs. vollzieht sich eine tiefgreifende umschichtung des bedeutungsaufbaus, indem sichbei gleichzeitigem zurücktreten der älteren bedeutungenaus einzelnen bis dahin unhäufigen sinnvarianten der bedeutungen I C und I G ein überaus frequenter und vielgestaltiger gebrauch herausbildet. die moderne verwendung des wortes erhält dadurch eine ganz neue basis:
hypostasierende auffassung des essenzbegriffes in der anwendung auf gott (in der fassung gott ist ein wesen) führt schon im mhd. zu der bedeutung 'ens' (II A 1), die alsbald auch in allgemeiner verwendung auftritt (II A 2) und ohne unterschied auf lebendes und lebloses angewendet wird. im laufe des 18. jhs. steigert sich die häufigkeit dieses gebrauches rapide, und gleichzeitig verlegt sich das schwergewicht der verwendung auf lebendes ('animans' II A 3). in dieser geltung bildet die bedeutung ein nuancenreiches anwendungsfeld aus (II A 4 und 5); vor allem ist seit dem 19. jh. wesen für bestimmte personen, besonders frauen und kinder, sehr gebräuchlich (II A 6).
wesen für 'die eigentliche natur, das wahre sein einer sache' kommt als sinnvariante der bedeutung 'essentia' seit dem 14. jh. vor, namentlich in den wendungen dem wesen nach und etw. ist das wesen einer sache 'macht ihre eigentliche natur aus' (II B 1). auch diese bedeutung wird im 18. jh. überaus populär (II B 2), u. a. als präzise verdeutschung des modernen essenzbegriffes (Chr. Wolff), und bildet zahlreiche phraseologische verwendungen aus (II B 3).
anwendungen der bedeutung 'tun und treiben' auf das persönliche verhalten und gebaren eines einzelnen ergeben schon seit dem 16. jh. bisweilen die auffassung 'art eines menschen sich zu geben, naturell, gemütsart' (II C 1). mit dem abklingen der ausgangsbedeutung verselbständigt sich dieser wortgebrauch im späteren 17. jh. zunehmend und steht seit dem 18. jh. in lebhafter verwendung (II C 2). unter den verschiedenen abwandlungen der bedeutung (II C 3) sind besonders die anwendungen auf nationale eigenart (deutsches wesen) verbreitet.
als übertragener gebrauch der bedeutung II B, zugleich durch nahestehende auffassungen der bedeutung II C ('gemütsart') gefördert, begegnet seit dem anfang des 18. jhs., ohne nennenswerte vorläufer, die bedeutung 'zentrale natur eines menschen, seine innerste organisation' (II D), die gleichfalls in moderner sprache dominierend wird.
I. die im älteren nhd. vorherrschenden bedeutungen des wortes und ihr nachleben in jüngerer sprache.
A. 'aufenthalt, wohnstätte, gebäude, wirtschaft, siedlung'.
1) 'das verweilen an einem orte', schon seit beginn der überlieferung mit flieszenden übergängen zu 'aufenthaltsort,

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wohnung' (s. 2); oft in der fassung jmds wesen ist an einem orte (ahd. nur so bezeugt), entsprechend auch negiert, u. a. in der wendung jmds wesens ('bleibens') ist dort nicht mehr; vom ahd. bis zum 16. jh. gebräuchlich (redensartlich länger bewahrt, s. u. 5 a): samant uuonent ... in dheru christes chiriihhun, huuanda dhar ist in rehteru chilaubin allero uuesan chimeini (quia in fide communis est conditio omnium) Isidor 41, 13 Hench; sicut ltantium omnium habitatio est in te (ps. 86, 7) also dero diê frô sint, sô ist iro allero uuesen dâr, in dero clesti Jerusalem Notker 2, 360, 15 P.;

in Jerûsalem wirt ir wesn ('sedes'):
dâ wirt von allen landen
gesehen in ir banden
liute vil von al der diet
Rudolf v. Ems Alexander 17 402 lit. ver.;

ein straze gat miten durch die welt, die ist verbrennet von der sunnen, daz da deheinez menschen wesen mac sin Lucidarius 9, 7 Heidlauf;

swie manich hus er do verlos,
so geviel im doch daz wesen da
baz denne inder anderswa
('das wohnen an diesem ort') kl. mhd. erz. 3, 150, 15 Rosenhagen;

deucht mich, wir ... zügen dar von, dann vnsers wesens ist nicht mei hie, wölle wir nit gar ze schanden werden Arigo decameron 66 Keller; dazu wirstu vnter den selben völckern kein bleibend wesen haben, vnd deine fussolen werden keine ruge haben 5. Mose 28, 65; unbestendiger und ungewisser historien hab ich nit geleszen denn von St. Peters wesen zu Rom, das auch viel seyn, die da offentlich frey sagen, S. Peter sey nie gen Rom kummen Luther 7, 672 W.; dieweil si iren herrn und gemahel verloren, begeret sie, hinfürter ain geriewigs, abgesonderts wesen zu haben (siedelt in ein kloster über) Zimmer. chron. 1, 135 Barack; dabey er wol vernam, sein wesen inn Imola nicht mehr gesein mocht, unnd als ein verzagter gein Venedig zoch Montanus schwankb. 63 lit. ver.hierher sicherlich auch:

man vant da, swaz man wolte,
daz der meie bringen solte:
den schate bi der sunnen,
die linden bi dem brunnen,
die senften linden winde,
die Markes ingesinde
sin wesen engegene macheten
(etwa: 'seine [des maien] gegenwart zutrugen',
gleichsam als seine boten)
Gottfried v. Straszburg Tristan 561 Ranke.


redensartlich da ist gut wesen u. ä. (vgl. DWB G 4 a ε und ζ): wie guot daz wesen dâ ist David v. Augsburg in: dt. mystiker d. 14. jhs. 262, 40 Pf.;

wer hat uns von dort her vermelt,
ob im himl solch gut wesen sei? satiren u. pasquille 1, 83 Schade;

im sommer ist ein feines wesen
daselbst, wann man anhebt zu lesen
die roten erdbern in dem waldt
Alberus fabeln 116 ndr.;

ich weisz mir einen schönen weingarten,
darinnen da ist gut wesen
A. v. Arnim s. w. (1853) 13, 166.

vgl. noch: auch gefiel demselben Ribalin das wesen daselbst wol, denn der könig hette ein sehr schöne schwester buch d. liebe (1587) 78c.
2) entschiedener 'wohnung, bleibe, quartier' als zeitweiliger oder heimatlicher wohnsitz: darnach kam ich gen Baszel ... da was ich lang, das ich nit ein wesen fant nach meinem willen. darnach, do es got wolt, da gab man mir herberg in dem spital ze Basel (1339) Heinrich v. Nördlingen bei Steinhausen privatbr. 2, 14; und von Landszhut (kam ich) gen Freysing, da mein wesenn ist gewesen (var.: dabey ich nachen geporen bin) Schiltberger reisebuch 112 lit. ver.; so wir (herzog v. Sachsen) in unser wesen und lager kommen und zum eszen trommeten ader ansagen laszen dt. hofordnungen d. 16. u. 17. jhs. 2, 32 Kern; auch (sollen) die jenigen, so

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unbesessen, oder kein heuszlich wesen oder wonung ... haben, von niemandt ... gehauset ... werden abschiedt d. reichsztags zu Augsburg (1555) 13a; da nun die hochzeit ein ende nam, da zoch der könig von Elsasz wider durch Lützelburg anheimisch gen Elsasz vnd schicket sein volck ein jeden wider an sein wesen buch d. liebe (1587) 272b.
3) konkret 'wohngebäude, siedlung'; vom mhd. bis zum 17. jh. (vgl. aber 6).
a) die wohnstätte als gebäude, gebäudekomplex, haus und hof (mit land und wirtschaft) u. ä. (wesentlich jünger [15./16. jh.] ist das kompositum anwesen in dieser bedeutung; s. d. teil 1, sp. 519 und Trübners dt. wb. 1, 114a):

Fontâne la Salvâtsche hiez
ein wesen dar sîn reise gienc.
er vant den wirt, der in enphienc
Wolfram v. Eschenbach Parzival 456, 3 L.;

er wihte sa
dem heiligen geiste ein wesen
uzerwelt unde uzerlesen,
ein edel gotshus vil gt
(bildl.: d. herz eines täuflings)
Rudolf v. Ems Barlaam u. Josaphat 172, 15 Köpke;

'so haiz ein haymleich wesen pawen,
daz uns niemand mug geschawen'
...
daz geschach. er pawt ein vest
an ein haimleich er wol west
Heinrich der Teichner 565, 27 Niewöhner;

wir insollin ouch kein fynster odir kein loch gein der tütschin herrin wesin machin an dem forgenanten huse (1348) hess. urkundenb. 2, 557 Wyss-Reimer; me sal ouch vnsse vndersaten bie erren pachtlehen, gudern vnd wesen ... bliuen laten (1412) bei Bauer-Collitz Waldeck 305; dass der ... herzog von Burgunn dem ... herren Dietrichen von Stretlingen gab das selbe land, das man nempt das minder Burgunn, ... mit bürgen und wesen Stretlinger chron. 11 Bächtold; vnd es war ein man zu Maon, vnd sein wesen zu Carmel 1. Sam. 25, 2 (possessio eius, vulg.); es gilt uns mehr denn ecker und wesen, leyb oder tod, es gilt uns das ewig leben oder das ewig fewer Luther 18, 460 W.; das (findelhaus) ist ein schön wollerbauwt wesen, einem schönen closter gleich H. Scheickhart v. Herrenberg beschr. e. reisz (1602) 110;

wer sein glück auff fürsten baut, baut sein wesen auff den sand
Logau sämtl. sinnged. 358 lit. ver.;

mänschen ..., wie sie mit, bey vnd vmb vns ... in ihrem wesen wohnen Moscherosch gesichte (1650) 2, 291; soliches neuerpaute wesen (haus) widerumben nider zu reiszen (1656) österr. weist. 3, 254.
b) siedlung, stadt (andere anwendungen des wortes auf städte s. unter DWB H 3 g): (wir) kamen vormittag in ein stättlin, zur Lawenburg genannt, ein alt unlustig wesen, düe hauptstatt in Cassuben S. Kiechel reisen 93 lit. ver.; bey der stadt Tyro, die in grossen ansehen in Phoenecien ... gelegen, jtzt aber ein schlechts arms wesen ist Thurneysser magna alchymia (1583) 6;

die statt von häuseren war lär,
gar wenig stunden hin vnd her,
nichts an dem selben ort man sach,
dann armutey vnd vngemach,
(da jetzt das römisch wesen gut
gewaltig hoch auffsteygen thutt)
(cum muros arcemque procul ac rara domorum / tecta vident
quae nunc Romana potentia caelo / aequavit, Verg. Aen. 8
98—100)
Spreng Äneis (1610) 154a;

war Megalopolis in Arcadia nicht auch ein herrliches wesen? aber anjetzo ligt sie zerstöret Albertinus hirnschleifer (1664) 207; mitten stunde das rahthaus und möchte das gantze wesen in zweihundert häusern bestehen M. Kramer leben u. tapffere thaten (1681) 381; nachmals ... fiengen die jägerbursch neben dem landvolk an, daselbst ein klein wesen wieder anzubauen (anfänge d. st. Wien) S. v. Birken neu verm. Donau (o. j.) 43.

[Bd. 29, Sp. 515]



4) neben den angeführten gebrauchsweisen begegnen hin und wieder verschiedene abwandlungen der bedeutung.
a) eingerichtete häuslichkeit, hauswirtschaft u. ä. (s. auch 6 b):

si stalte ir muot und al ir lip
ze clage und rehte alse ein wip,
diu eines kindes sol genesen.
sie hiez ir kamere unde ir wesen
stellen unde machen
ze heinlichen sachen
Gottfried v. Straszburg Tristan 1914 Ranke;

also liessen wir holtz keuffen ... vnd schlugen ein küchen auff, vnd die zwo gesellschafften (sc. die 'erste' und 'dritte' pilgergruppe) kochten mit eim fewer, aber die ander ('zweite') gesellschaft hat eigen wesen, wenn sie ferre oben in dem hause kamern hatten Felix Fabri eigentl. beschr. d. farth zu dem h. landt (1556) 167b;

so wöllestu auch als ein gast
...
mein armes wesen nit verschmehen
(rebusque veni non asper egenis 8, 365)
Spreng Äneis 160a.


b) zu verwaltende gutswirtschaft: mein bruder George hatte zwar das ganze wesen in seinen händen ..., verrichte es aber zum besten nicht; denn er liesz hängen und schlafen, was er nur mochte in die lange thrun bringen, darunter waren gleichwohl die einkommen verthan Schweinichen denkw. 232 Oest.
c) der besitzstand: lieber Pamphile, der gestalt vnd alter sichst du, vnd dir nit heymlich ist, wye vnnütz dern nn die beide sach sint, noch zu künscheit noch z wesen z beschirmen (et ad pudicitiam et ad rem tutandam) Terentius (1499) 17a (wesen Boltz [1539] 9b; haab und gut Rhenius [1658] 31). vgl. ähnliche auffassungen in moderner mundart: 'besitztum, bes. wohn-und wirtschaftsgebäude samt dazugehörigem grund und boden' Martin-Lienhart elsäss. 2, 866a; 'besitzthum, eigenthum (an grundstücken od. gewerbl. anlagen)' Bühler Davos 1, 205; wäswerk der inbegriff aller mobilien und immobilien, wofür man auch blosz wäsen sagt Danneil altmärk. 244a (s. auch 6)
d) im nd. der einzelne wohn- oder nutzraum innerhalb eines gebäudes (zimmer, speicher o. ä.): hevet en en wesent ghemedet in emme huse, dar he sin korn oder ander ding inne heft, unde selve up der were nicht ne wonet bei Schiller-Lübben 5, 697a; s. d. weitere belege.
e) das wohngebiet, die besiedelte gegend (vgl. DWB H 3 e):

dar uss (aus Ägypten) er sy frt ze hand
in des gehaissen landes wesen
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 2717 Lindqvist;

dar ümb undervallent (gehen unter) die stern gegen den himelspitzzen (pol) den leuten die wonent unter dem ebennehter (äquator) ... aber in unserm wesen, da wir wonen, so sint uns die stern alle zeit ansihtig (wesen übersetzt situs 'erdenbreite') Konrad v. Megenberg dt. sphaera 33, 17 Matthaei; als Jacob floch Esaw sinen brder in ain ander land und in ain ander wesen J. v. Watt chron. d. äbte d. kl. St. Gallen 2, 313 Götz.
f) der ort überhaupt:

ob disem wesen (fegefeuer) ist ain klos,
die man nmmet Abrahams schoss.
...
z disem wesen ǎne frist
dar so mitt frden komen ist
Jhesus mit voller gotthait
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 2397 Lindqvist;

und namentlich als ein zum aufenthalt angenehmes stück landschaft: dar na quam he up en wunnechlik wesent ... dar motten eme twe junghelingh qu. v. j. 1407 bei Schiller-Lübben 5, 697a; (der graf) fur biss gen Costanz zu dem Aichhorn, ist ain ser schens und lustigs weldlin ...; wie sie nur an dasselbig ort kamen, das sonst ain lustigs und schens wesen sommers zeiten,

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do ward der grefin im schiff wehe zum kindt Zimmer. chron. (21881) 2, 239 Barack.
5) redewendungen.
a) sein wesen an einem orte haben 'wohnen', 'sich aufhalten' (ohne genauere gegenseitige abgrenzung, vgl. 1):

daz selbe castel,
da der marschalc ze stæte
sin wesen ufe hæte
und sin juncherre Tristan
Gottfried v. Straszburg Tristan 2158 Ranke;

do hat sy (Maria) ze Jherusalem ir wesen
...
und betrachtot da das lyden und schmertzen
irs lieben kindes
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 3097 Lindqvist;

im stublein ob demselben kemerlein, dorinnen der koch des keisers sein wesen hot (1471) Endres Tucher baumeisterb. d. st. Nürnberg 298 lit. ver.; verliessen sie (die Argonauten) ir alte wonung und erwelten ir wesen by den Lacedemonen zehaben Steinhöwel de claris mul. 109 lit. ver.; uppe der Ribenborch plach de olde hertoghen Erikes vader sin legher unde sin wesent to hebbende bei Schiller-Lübben 5, 696b; (Jesus) hatte sein wesen daselbs mit seinen jüngern (ἔμεινεν, morabatur) Joh. 11, 54; am orte, da der geladen sein wesen hat M. Beutter v. Carlstat praxis rer. criminalium (1565) 49a; des tags hat es (d. krokodil) sein wesen auffem lande, des nachts im wasser (dies in terra agit, noctis in aqua) Heyden Plinius (1565) 145; als ich mein wesen auff Ceram hatte, lag ich in der vestung Overburg Olearius orient. reisebeschr. (1696) 143; sein wesen irgend haben haver' il suo essere, cioè praticare, vivere, conversare in qualche luogo Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c. später nur aus landschaftlichem sprachgebrauch: guter freund, könnt ihr mir ... sagen, wo der bundestag sein wesen hat? (variiert: sich angesetzt hat, einquartiert ist) Hebel w. 2, 437 Behaghel. vgl. noch: vbi habes mansionem wo ist din wesen voc. incip. teut. (Speyer, um 1485) nn 8b.
von herrschern sein wesen an e. orte halten 'dort hof halten': (Herodes) hielt alda sein wesen (in prägnanter übersetzung für διέτριβεν, commoratus est) apostelgesch. 12, 19; inn der statt Laurentum, do er (Latinus) vormals sein gewonliche statt vnd wesen gehalten hett Carbach Livius (1551) 2b.
b) die wendung mit wesen und inhaltlich nahestehende wortverbindungen (obd., vom 13. bis zum 17. jh.).
α) mit wesen an einem orte sein 'wohnhaft, ansässig sein'; entsprechend auch mit anderen verbalen ausdrücken, besonders des sich-niederlassens: sin hus, do er mit wesen selber ynne ist (1276?), unser hous, da wir inne mit wesen sin (1296) bei Fischer schwäb. 6, 725; svaz kovffman oder bulute in die stat zu Brandowe zu wesen kumen, die sin vnser gemeine, die wile sie drinne sin (Umstadt 1282) corp. d. altdt. originalurk. 1, 454 Fr. Wilhelm; wer sich her ein ze Prage mit wesen halten wil, der schol byn vier wochen purger recht gewinnen (erste hälfte d. 14. jhs.) Altprager stadtrecht 15 Rössler; nu was der (sc. zweier brüder) ainer mit wesen zu Bayren und het darinn zwelf grafschaft (1428) Andreas v. Regensburg s. w. 602 L.; und das sich auch derselben frembden (handwerksgesellen) keiner mit wesen hie nit nidersetzen (soll), er hab dann burgerrecht empfangen (um 1470) Endres Tucher baumeisterb. d. st. Nürnberg 273 lit. ver.; der chorhern hüser, da si selb inn sind mit wesen (Augsburg, 2. hälfte d. 15. jhs.) städtechron. 4, 64; vnd seidt er keyser worden sey, sey er mit wesen vnd hoffe nie vonn jn kommen S. Franck Germ. chron. (1538) 112a. — attributivisch erweitert: sie seyen ... daselbst mit stettem wesen anheyms (15. jh.) Nürnberger polizeiordn. 74 Baader; mit haushablichem wesen underkummen (1580) österr. weist. 3, 175; sich hinder andere herrschafften mit häuslichem wesen einzulassen qu. v. j. 1650 bei Fischer schwäb. 6, 725.

[Bd. 29, Sp. 517]



β) mit wesen 'mit haus- oder hofhaltung':

da zoch er auf ain purck mit seinem wesen,
darauf er all seiner veinde dro
durch vorchte acht mynner dann vmb ain vesen
Albrecht v. Scharfenberg Merlin 199, 5 lit. ver.;

er het nun ein schwester, ein mechtige frawen, die kam auff ein zeit z ym mit eim grossen wesen, mit vil frawen vnd jungkfrawen Marquart vom Stein spiegel d. tugent u. ersamkeit (1498) c 3b. aber auch: mit wesen sizen 'mit seinem handwerk irgendwo arbeiten' Westenrieder (1816) 665 (vgl. E. Tucher unter α).
γ) in persönlichem wesen, wesens, mit wesen 'persönlich' (an 1 'anwesenheit, persönliche gegenwart' anknüpfend; doch ist der adverbielle genitiv wesens vielleicht zu α zu stellen): des 16. jars kunig Rudolff in personlichem wesen zu Nüremberg hove hielte (Nürnberg, 2. hälfte d. 15. jhs.) städtechron. 3, 273;

ob ich mit wesen von dir bin
doch pleibt mein sin
in lieb on falsch alweg bey dir
Forster frische teutsche liedlein 21 ndr.;

den 5. mai ist ... Andreas Polus von Greifenberg gen Trawtnaw vociert worden ... und den 19. tag mai ist er wesens hergezogen Hüttel chron. d. st. Trautenau 256 Schlesinger.
6) während die schriftsprache den dargestellten wortgebrauch im 17. jh. aufgibt, hält die landschaftliche umgangssprache namentlich im alemannischen und im niederdeutschen (wo wesen mit gewese konkurriert, s. d. 2, teil 4, 1, 3, sp. 5684 und Sanders ergänzungswb. 632c) daran fest. die dialektwörterbücher buchen wesen hauptsächlich für 'haus und hof, ländliche wirtschaft, anwesen', vgl. Fischer schwäb. 6, 725; Seiler Basel 311; luxemb. ma. 485; Bauer-Collitz Waldeck 112a; Mensing schlesw.-holst. 5, 602; Danneil altmärk. 244; Frischbier pr. 2, 465; Jecht Mansfeld 122a; zusätzlich auch für gewerbliche anlagen findet sich wesen bei Klein provinzialwb. (1792) 2, 231 (gastwirtschaft [Lanzig]); Martin-Lienhart elsäss. 2, 866a (fabrikanlage); Bühler Davos 1, 205 (industrielle anlage oder grosze werkstatt). vgl. weiteres unter 4 c.
von hier aus wird in der modernen sprache wieder literarischer gebrauch möglich, und zwar, dem charakter der vermittelnden sprachschicht entsprechend, hauptsächlich in den bedeutungen 'ländliche wirtschaft, anwesen' (a) und 'haushalt, hauswirtschaft' (b). diese verwendungen treten seit der mitte des 19. jhs. auf; einige zeitlich voraufliegende belege zeigen abweichende auffassungen (c).
a) ländliches besitztum als herrensitz oder bäuerliches anwesen: dieses wesen, das anfangs einem prinzen von Mecklenburg ... zum landsitz diente, war jetzt einem sehr prosaischen kaffeewirth in die hände gefallen Ernst Schulze bei Herm. Marggraff Ernst Schulze (1855) 217; besitzt er nicht einen heranwachsenden sohn, dem er ... das hiesige wesen (schlosz u. grundbesitz) zur verwaltung übergeben möchte? Holtei erz. schr. (1861) 35, 4; das ist nun das wesen, welches ihr und eure mutter in dem walde hier besitzet, es trägt nicht viel, es trägt aber doch etwas Stifter s. w. (1932) 9, 230; der moorbauer ist blind und seit vierzig jahren nicht über sein wesen hinausgekommen A. Stern hist. nov. (1866) 213; wenn er von den soldaten loskomme, so würde er ... heiraten und das wesen übernehmen Paul Ernst gesch. v. dt. art (1928) 39.
b) eingerichteter haushalt, häuslichkeit, hauswirtschaft (vgl. 4 a): es ist erstaunlich, wie ein solches mädchen das ganze wesen so gut in ordnung erhält Holtei erz. schr. (1861) 11, 352; zu Holzminden will sich keine (frau) meiner erbarmen und so mag das arme ding mir das wesen führen W. Raabe s. w. I 3, 21; als die hütte stand, zog der fremde ein und richtete sein wesen darin zurecht ebda 6, 219; ein dienstmädchen war nicht im hause, denn die beiden frauen versahen das ganze wesen Paul Ernst lust. gesch. (1930) 164.

[Bd. 29, Sp. 518]



c) vom regelmäszigen modernen gebrauch abweichende auffassungen stimmen zum teil mit landschaftlichen sonderverwendungen überein: alle (kaffeehäuser in Holland) ... hatten folgende schönheiten gemein: das ganze wesen bestand aus einem länglichten zimmer mit tischen und stühlen erfült Bahrdt gesch. d. lebens (1790) 3, 278 (s. o. Klein); denn ich habe auch noch in Rom eine offene werkstatt ...; habe ich nur einmal erst den ablasz, so will ich das ganze römische wesen einem meiner zöglinge überlassen Göthe I 43, 232 W. (s. o. Martin-Lienhart und Bühler); noch ein anliegen habe ich, das ich ew. durchl. in diesen tagen vortragen wollte (fürsprache um unterstützung), es betrifft Einsiedeln und sein häusliches wesen Göthe IV 9, 216 W.; dies ganze alte wesen ist mein eigenthum (verstreute besitzungen an häusern und grundgerechtigkeiten in einer stadt) Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 48.
B. 'das sein, die existenz', phraseologisch auch modifiziert zu '(guter) zustand'.
1) 'existenz, dasein, bestand'; von 'leben' an sich unterschieden, doch mitunter damit zusammenfallend, vgl.: mit den steinen haben wir das wesen, mit den bäumen das leben, mit den thieren das empfinden und sinnen und mit den engeln das verstehen und das wollen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c.
a) der gebrauch ist seit dem ahd. zu belegen und hält sich bis ins 18. jh.:

'ih sagên', quad, 'iu in uuâr mîn,êr imo sost thaz uuesan mîn,
ih bin mit giuuurtiêr, thanne er io uurti.
uuârun zîti mîno,êr uuurtîn io thio sîno,
mîn uuesan, uuizît ir thaz,êr imo filu rûmaz'
(antequam Abraham fieret, ego sum, Joh. 8, 58)
Otfrid 3, 18, 61 P.;

nihil inuenio, quod ... abiciant (animaliu) manendi intentionem dero (sc. animalium) nehein nefindo ih, taz ... uuesennes neluste Notker 1, 201, 1 P.; quod uero ab hac (sc. natura) deficit, esse etiam quod in sua natura situm est derelinquit taz aber sîa ferlâzet, taz habet ferlâzen sîn uuesen, daz an dero natura stânde uuas ...; sî gibet temo dinge, daz iz pestât unde ist ebda 241, 8; der stein hât wesen, er hât aber weder leben noch enpfindunge noch vernunft Berthold v. Regensburg pred. 1, 375 Pf.;

alle ding di wesen han
Tilo v. Kulm von siben ingesigeln 5038 Kochend.;

de vruntschop wil ik snode lesen,
de van der ghaue nympt ere wesen
Meister Stephan schachbuch 3030;

das geding, welchs geschicht mit guetern ... wen es das wesen angenommen, so ist es beklaydt (pactum, quod fit rebus, ... cum esse accipit vestimentum) summa legum 471 Gál; wir (tod) sein des lebens ende, des wesens ende, des nichtwesens anefang, ein mittel zwischen in beiden ackermann a. Böhmen 16, 15; daz zway wesen seinn, ain ewigs vnd bestændigs, das ander zeytlich vnd vnbestændig Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 145 Reithm.; (ich will) vertilgen von dem erdboden alles was das wesen hat, das ich gemacht habe 1. Mose 7, 4;

vnser wird bald vergessen sein,
als wern wir nie gewesen;
wie eine wolcke fehrt dahin,
verschwindet unser wesen (1590)
Rollenhagen spiel v. reichen manne 46 Bolte;

ihre zeugung, dardurch sie doch ihr wesen bekommen hätten Lohenstein Arminius (1689) 2, 26a; dasz ... das ganze firmament für uns und für uns allein sein wesen empfangen habe Zimmermann v. d. nationalstolze (1758) 6; sie machen sich kein gewissen, mich um meinen vor- und zunamen, und mein ganzes moralisches wesen zu bringen, und dreiste wie ein logicus zu behaupten, dass ich nicht ich, sondern dass sie ich sind Sturz schr. (1779) 2, 76.

[Bd. 29, Sp. 519]



b) gebräuchliche redewendungen.
α) von jemandem sein wesen haben: naturaliter autem simul sunt, qucumque convertuntur quidem secundum id, quod est esse consequentiam tiu sint aber natûrlicho ungeskeiden, tiu uone einanderen iro uuesen habint Notker 1, 489, 17 P.;

von swem daz dinc sîn wesen hât,
dem sol ez undertænic sîn.
hier an wirt offenlîche schîn,
daz die valschen göte blint
gewaltic niht der liute sint,
die si von êrst gebildet hânt
Konrad v. Würzburg Silvester 2140 Gereke;

Christus sein herr von dem er (ein jeder christ) sein wesen, leben und den namen hant (1492) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 281. jünger:

und wem der himmel selbst sein wesen hat zu danken,
braucht eines wurmes lobspruch nicht
Haller ged. (1882) 5;

der steilen berge reih ...
ist unser wasserschatz, daraus die bäche rinnen,
wodurch so mancher strom sein wesen musz gewinnen
Gottsched neueste ged. (1750) 59.


β) jemandem, einer sache das wesen geben: esse enim relatiuis est: ad aliquid quodammodo se habere taz kibet tîen relatiuis iro uuesen Notker 1, 440, 18 P.;

da er (gott) mir mein wesen gab
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 347;

(die eitelkeit) schafft alle uneinigkeit, gibet dieser wesen und leben Butschky Pathmos (1677) 50; euer vatter hat euch nächst gott das wesen gegeben Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c; erfinden in den künsten heiszt also nicht, einem dinge das wesen geben, sondern ausfündig machen, wo das ding ist, und was es ist Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 14.
γ) das wesen verlieren: (deserentes bonum) non solum desinunt potentes esse, sed omnino esse ... ferlîesent sie nîeht ein geuualtîg uuesen, nube ioh selbez taz uuesen Notker 1, 240, 12 P.; so wechset ausz dem gestorbnen körnlein ein ander vnd newer leib, doch eben der art, so das vorige gewesen, welches sein wesen verloren hat Mathesius leychpred. (1569) 1, 68b;

dasz mich nicht ... die welt verführt
und mein hertz um zeitlichs wesen gar das ewige verliert
Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 3.


δ) ins, zum wesen kommen; vgl. elementa die element, die ersten anfäng eines dings, ausz welchen es zu seinem wesen kompt Calepinus XI ling. (1598) 469a: wann die jungen nach volgent der eltern treffenliche tet und ... hant haltent ein gemeinen stant und nutz mit tugentlichkeit und manlichkeit, darmit er in wesen ist kumen (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 34; wie bistu ein mensch worden und ins wesen kommen? (1525) mon. Germ. paed. 20, 139; das erst nichding ist nit alsgar nichts ... sonder es ist mit der zeit ettwas worden vnd zum wesen komen Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 138 Reithm.; vom abendmahl des neuen testaments, wie das vorbild sei ins wesen kommen (1623) J. Böhme s. w. 6, 546 Schiebler. dem älteren wortgebrauch verpflichtet: ist der mensch sich selber gott, dann musz der abgott ins wesen treten Karl Barth Römerbrief (51926) 21.
ε) zum wesen bringen, in ein (sein) wesen bringen: dieweil got ... das geschoepf gemacht vnd zuom wesen bracht hat Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 71 Reithm.; er bracht ouch ... ainen convent, der von vergangner kriegen ... wegen gar zerfloszen ... war, wider in ain wesen J. v. Watt dt. hist. schr. 2, 6 Götzinger;

wer wird den neuen bund, der durch so vil bemühn
kaum in sein wesen bracht, nicht in den zweifel zihn?
Gryphius trauersp. 212 lit. ver.


ζ) verschiedene formulierungen des religiösen sprachgebrauchs beziehen sich namentlich auf das diesseitige und jenseitige leben.

[Bd. 29, Sp. 520]



αα) in diesem wesen:

er (der hl. geist) geit uns auch in disem wesen
allez dez wir slln genesen
und auch dort der sel genist
Heinrich der Teichner 1, 27 Niewöhner;

in prosen und versen, kind, soltu lesen,
daz es dir früm in disem wesen (Innsbrucker hs. d. 15. jhs.) in: zs. f. dt. philol. 9, 85.


ββ) das ewig wesen Oswald v. Wolkenstein 102, 45 Schatz; o mein seel erkenn das dir dein schöpffer geben hat ain schon wessen vnnd ain ewigs wessen Keisersberg granatapfel (1510) G 6b; darum sind auch die kreaturen ... in dieser welt nicht zum ewigen wesen geschaffen J. Böhme s. w. 2, 134 Schiebler; das ewige wesen Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimget. (1647) 22. — auch (vgl. DWB H 1): (prophezeiung,) wie es forthin in der allgemein christenheit ... vnd hernach in alle ewigkeit im himlischen wesen gehen vnd stehen würde Mathesius Sarepta (1571) 42b.
γγ) ferner neues wesen (im sinne geistlicher wiedergeburt): wen wir aber nun also geboren werden vnd ein neues wesen so uberkomen, so bedurffen wir auch einer geistlichen speysz Hermann, erzbischof v. Cöln, reform. (1545) 8a; also haben sie nunmehr eine neue natur in sich ... und also ... nach solchem neuen wesen selbst lust zum guten, und hingegen einen abscheu vor dem bösen Spener leichpred. 8 (1698) 22.
2) in verbalen redewendungen, die ein erhalten oder bestehenbleiben ausdrücken, geht die wortbedeutung von 'existenz, bestand' zu '(guter) zustand' über.
a) in wesen (er-, be-)halten 'instandhalten, in gutem zustande erhalten'; in wesen stehen, bleiben, sein o. ä. 'bestehen (bleiben)', 'in gutem zustand, in blüte stehen' (vgl. gleichbed. in esse erhalten, bringen usw. teil 3, sp. 1159): item das were ... sullen dieselben zwen müllner kunftiglichen pessern und in wesen halten (1465) Tucher baumeisterb. d. st. Nürnberg 201, 19 Lexer; de wile Honovere in wesende is bei Schiller-Lübben 5, 697a; dar durch sie ... nit allain ires vatters gt in wesen behielt, sunder dieselben über gröszlich merret Steinhöwel de claris mul. 80 lit. ver.; van alleme holte ... des paradyses schaltu eten (gl.:) tho holdende dyne nature in deme wesende Lübecker bibel (1494) genesis 2, 16; domit aber diselbige glasehutte zcu bestendigem wesen komen und gehalden mochte werden (urk. 1509) Czihak schles. gläser (1891) 23; ist das testament untaugenlich, darinnen kinder in das, so nit in wesen ist, eingesetzt weren worden qu. v. j. 1513 bei Fischer schwäb. 6, 723;

dan solt gots wordt in wesen sthan,
ihn (den fürsten) wurdt ihr gt vnd macht zerghan (1522)
U. v. Hutten opera 3, 536 Böcking;

das (reichs)regement bleibt noch in weszen, und auch das camergericht, bis auf weinnachten (1523) Planitz berichte 539 Wülcker; so doch clöster und ordensleuthe voor Christi geburth bei den juden undt heiden im weesen gewesen Widman chron. 121 Kolb; das ander (schlosz) stehet noch in tag vnd wäsen Stumpf Schweizerchron. (1606) 445b (zu tag vgl. Birlinger schwäb.-augsb. wb. 106b); die kirch Christi ... ist ... jederzeit in ihrem esse und wesen vnbeweglich verblieben Albertinus hirnschleifer (1664) 183; wie seltsam (selten) ist es hingegen, dasz reiche erben, die von ihren fleiszigen vätern ... erworbenen reichthümer im wesen erhalten Gottsched vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 196.
b) entschieden für 'zustand, verfassung' steht wesen in attributivisch erweiterten wendungen.
α) gleichzeitig mit dem vorigen in gutem (schlechtem usw.) wesen halten, stehen u. ä.: daz sie (bürgermeister u. rat) is (altar) furder unde baszs yn wirden unde redelichem wezen ... behalden unde vorwezen mogen (1433) urkundenb. d. st. Freiberg 1, 149; gedachten sy ... die freuntschaft zu pesserm wesen und bestätung zu pringen Füetrer bayer. chron. 38; z dem ouch der brauch diser landen domalen ... sich des wassers vil mer dan des weins beflissen und die rebbeuw

[Bd. 29, Sp. 521]


ja ouch diser ursachen halb in schlechtem wesen gestanden sind J. v. Watt dt. hist. schr. 1, 136 Götzinger; auf dasz die zu Amberg ... eingetriebene schächt und stollgebäu in gutem wesen conservirt ... und bestellet werden (1632) Lori slg. d. baier. bergrechts (1764) 464;

wan ich bei mir überleg, Eitelbert, wie deine sachen
in so schlechtem wesen stehn, weisz ich nicht was da zu machen
Grob dichter. versuchgabe (1678) 74;

die schlitten- und wintersweege ... werden im guten wesen erhalten Hohberg georg. cur. (1682) 1, 79.
β) später bezeugt und (als amtssprachlicher ausdruck) länger gebräuchlich in baulichem wesen (er-)halten (vgl. in wesentlichem bau halten unter wesentlich 5 a): (sie) hält ihr haus in baulichem wesen mit dachung und anderm Luther tischr. 4, 500 W.; dieser marggraff (hat) ... klöster, kirchen, stiffte vnd spittäl im bawlichen wesen erhalten Binhardus thür. chron. (1613) 205; hiernächst verspricht auch meister Cajus ... die wassertröge ... im baulichen wesen zu erhalten Menantes neue br. (1723) 674; inwiefern das haus in baulichem wesen erhalten worden Göthe IV 28, 214 W.auch:

altes und baufälliges wesen hatte mich zernichtet,
durch gottes gnade bin ich jetzt neu errichtet (1788) bei
Flaskamp hausinschr. d. st. Wiedenbrück 49.


c) sehr sprachüblich ist die anwendung auf kommunen, geschlechter und völker, wo wesen sich auf wohlstand, macht und geltung bezieht; in (gutem) wesen sein etwa 'in blüte stehen', vgl. in ipso Graeciae flore do Griechenland in allem blst was, in seinem höchsten wolstand, in der höchsten eer vnd wäsen Frisius dict. (1556) 570b: das den genanten bürgern mitsampt der stat Bamberg in iren anligenden schulden und notdurfften ... gunstliche fürderung ... geschehe, damit sie in wesen bleiben und dem stifft mit dinsten ... dester tröstlicher werden mögen (1439) chron. d. st. Bamberg 1, 354 Chroust; als vnnser statt Amberg vnd vnnsere bürger daselbst durch bergwerckh lange zeit ... in guethen wesen gewest seint (1455) Lori slg. d. baier. bergrechts (1764) 46; Harsdorffer waren in wesen, füerten schwarz und über zwerich gelb (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 99; da waren in wesen die Gwelfen und die Gibellin ebda 102; also wurde es mit den juden bald ein anders, das von tag zu tag all jr wesen abnam, bisz sie endtlich gar zu grund giengen (1545) Luther 52, 791 W.; (die grafen v. Henneberg) sein von unverdechtlichen jaren in einem grosen wesen und vil güetern gewest Zimmer. chron. (21881) 4, 17 Barack; darumb er dann ausz dem raht verstossen worden ist, seine nachkommen seind darnach lang in schlechtem wesen blieben Xylander Plutarch (1580) 220b; Winterthur ... ist bey zeyten der Römer in berümtem wesen gestanden Stumpf Schweizerchron. (1606) 446a; wie sie (d. regenten) die ihnen anvertrawete reiche, lande vnd leute ... in gutem wesen vnd ruhigem wolstande befestigen ... mögen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) vorr. 1; vgl. auch: der verharrende — im besten wesen; der höfliche — in seinem wesen (gesellschaftsnamen und -sprüche von mitgliedern der fruchtbr. ges.) Neumark neuspross. teut. palmb. (1668) 267 u. 437. vereinzelt noch in moderner sprache (wohl landschaftlich konserviert): es waren immer angesehene, vornehme leute gewesen, die Huckarde. aber sie hatten wohl ... immer viel geld gebraucht und waren auf diese art in ihrem wesen zurückgekommen L. Schücking d. Rheider burg (1859) 1, 65.
von hier aus ergeben sich flieszende übergänge zur bedeutung 'sozialer status, stand' (F): ignobilitas vnachtbarkeit vnnd ärme desz geschlächts, oder eines schlächten wäsens Frisius dict. (1556) 645a; vir humilis eines niderträchtigen staats vnd wäsens ebda 637a.
3) verschiedener art sind die verwendungen, die sich auf das sein als objektiv seiendes beziehen.
a) alles wesen 'die gesamtheit des bestehenden', nur hin und wieder vorkommend (wesen alles wesens s. unter II A 4 a α):

[Bd. 29, Sp. 522]


in (gott) lobt der himel, der alles wesen umbetast
Oswald v. Wolkenstein 94, 7 Schatz;

alles wesen besteht aus unergründlich kleinem Heinse s. w. 4, 285 Sch.dagegen 'das existieren' (gleichsam als actio): wie denn alles wesen in einer gewissen kraft bestehet, und je gröszer die kraft, je höher und freier ist das wesen Leibniz dt. schr. (1838) 1, 422. — in moderner sprache als kollektiver singular zur bedeutung 'animans' (II A): es ist allem wesen zwischen wurm und gott gemein, sich im grunde wohl zu fühlen in seiner haut und sie nicht vertauschen zu wollen Ponten rhein. zwischenspiel (1937) 58.
b) das sein als metaphysische grösze, der urgrund des seienden (in die bedeutung 'essentia' übergehend, s. d. folgende): alles dis leuchten und bekennen in got ist on creaturen. es ist nit da als ein werck (sc. schöpfung), sunder als ein wesen oder ein ursprung theol. deutsch 60 Mandel; dasz ein engel und ein mensch eine kreatur ist und nicht das ganze wesen, sondern ein sohn des ganzen wesens, den das ganze wesen geboren hat J. Böhme s. w. 2, 56 Schiebler;

ruft immer die natur um grund und zeugnisz an,
dasz wirklich etwas bös und etwas gut seyn kann,
dasz ihre grenzen sich schon in dem wesen trennen,
dasz wir der kräfte grund aus ihrer wirkung kennen
Schwabe belust. (1741) 1, 196;

im anfange war alles eins, das wesen (weiter unten: vater aether) so zart zerflossen, fein und dünn, wie der raum schier. und es regte sich; da ward form Heinse s. w. 4, 320 Sch.; wo man täglich gefaszt sein musz, dasz das zeitliche leben ... abfäht wie laub vom groszen baume des wesens kr.-br. gefall. studenten (1928) 171.
C. 'substantia, essentia'. (den gebrauch für 'die eigentliche natur, das wahre sein einer sache', der hier anknüpft, aber in moderner sprache völlige eigenständigkeit erlangt, s. unter II B).
1) in theologischer auffassung.
a) gottes wesen, göttliches wesen; zuerst bei den mhd. mystikern und seitdem in der älteren sprache gebräuchlich; wesen gottes l'essence diuine Hulsius-Ravellus (1616) 406b; das göttliche wesen la divina essenza Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335b: wie götlich wesen (wenig vorher: substancie) in im selber beslozzen trage aller crêatûre adel Meister Eckhart 324 Pf.; das götliche wiselose, formlose, namlose verborgen wesen gotz Tauler pred. 204, 31 Vetter; daz götlich wesen ... daz ist ein sölichú vernünftigú substancie, die daz tödemlich oge nit gesehen mag in im selb Seuse dt. schr. 172 Bihlm.; dass gott von ewigkeit her auss seinem göttlichen wesen einen sohn ... erzeugt Ayrer hist. processus juris (1600) 127; die lehr von gottes unwandelbarem ewigen wesen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, ):( 3b.
b) entsprechend von der einen 'substantia' oder 'essentia' der trinitarischen personen.eine einzelne Otfrid-stelle bietet lediglich die sinngemäsze okkasionelle anwendung des substantivierten infinitivs ('esse'), spricht aber nicht dafür, dasz die bedeutung im ahd. schon platz gegriffen hätte:

ih inti fater mîn, ioh thiu êuuînîgî sîn, —
ni mîthuh iuêr nihein — ist unkêr zueio uuesan ein (ego et pater unum sumus, Joh. 10, 30) 3, 22, 32 P.

(Notker hat stattdessen wist ['substantia, essentia' 1, 841, 7 P.; 'substantia' 2, 643, 24], die Wiener Notker-hs. wesenussida ['substantia' 323 Heinzel-Scherer], das Trudperter hohelied wesunge [104, 30]). — der gebrauch ist vom 14. bis zum 16. jh. verbreitet, später selten:

vater, sun und heilic geist,
nuer ein got, sin und ein wesn
Tilo v. Kulm von siben ingesigeln 965 Kochend.;

wie der götlichen personen drivaltekeit mug stan in eines wesenes einikait Seuse dt. schr. 180 Bihlm.; wann die heilig dreiualtikeit ist nur ein got an dem wesen erste dt. bibel 1, 4 Kurr.; darum musz der heilige geist

[Bd. 29, Sp. 523]


auch wahrer, ewiger gott sein mit dem vater und dem sohn in einerlei wesen bei Luther tischr. 6, 98 W.;

o sohn, du deines vatters glantz!
o liecht, vom liecht gezündet!
desz vatters wesen vnd substantz
vnendlich, vnergründet
Spee trutznachtigall (1649) 169;

vater und sohn und heiliger geist: dennoch nicht drey götter, sondern ein gott im wesen Treuer dt. Dädalus (1675) 394.
c) in jüngerer sprache begegnen derartige verwendungen nur selten; die folgenden stellen lehnen sich an die modernen bedeutungen II B und D (die innerste natur einer sache, eines menschen) an: denn geister können nach ihrem willen das eine oder das andere geschlecht, oder beyde zugleich an sich nehmen; so zart und ungemengt ist ihr reines wesen (so soft / and uncompounded is their essence pure, Milton parad. lost 1, 424 f.) Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 27;

das wesen unsterblicher götter
gleicht mit nichten dem wesen der erdebewandelnden menschen
Bürger s. w. 226 Bohtz;

eins-seyn, von personen gesagt, heiszt doch überal ... moralische einheit: warum sols hier beim Johannes einheit des wesens seyn? K. F. Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 263; ist nicht gott der heiligste, in dessen wesen keine lüge noch sünde ist? E. M. Arndt schr. (1845) 1, 250.
d) spezifisch mystisch ist wesen der seele für den seelengrund (bei Eckhart in der klimax das wort grund noch überbietend): wâ ist diu stat, dâ diz wort în gesprochen wirt? ... ez ist in dem lûtersten, daz diu sêle geleisten mac, in dem edelsten, in dem grunde, jâ in dem wesenne der sêle Meister Eckhart 4 Pf.; owe aber du, alles liebes grundlosü vollheit, du zerflüssest in liebes herzen, du zergüssest dich in der sel wesen Seuse dt. schr. 174 Bihlm.die unio mystica wird als vereinigung des wesens der seele mit dem göttlichen wesen umschrieben: swenne aber alliu bilde der sêle abegescheiden werdent unde si alleine schouwet daz einig ein, sô vindet daz blôze wesen der sêle daz blôze formelôse wesen gotlîcher einkeit Meister Eckhart 318 Pf.; daz sin (des menschen) wesen also mit dem göttelichen wesen durchgangen wurt, daz er sich verlret, rechte alse ein troppfe wassers in eime grossen vasse wines Tauler pred. 33 Vetter.
2) auch auszerhalb theologischer vorstellungen schlieszt sich wesen für 'substanz' ('essenz') vielfältig dem gebrauch der lat. ausdrücke an; vgl. die lexikographischen buchungen im frühnhd. bei Diefenbach gl. 210c s. v. essentia; 561c s. v. substantia, subsistentia; 630c s. v. vsia; ferner accidens eines wesens schin ebda 7b, ähnl. 636b; wesen hypostasis, subsistentia, substantia Dasypodius dict. (1537) X 3b; substantia das wäsen eines dings Frisius dict. (1556) 1259a; wesen sostanza, essenza Hulsius t.-ital. (1618) 276a; ein selbständiges wesen essere sostantiale, hipostatico; hipostase, sostanza Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335b; ein zufälliges wesen essere accidentale, ebda 1335c: erkennet er (gott) in vorgênden bilden (ideen) al anevelligiu wesen (akzidenzen) alse diu selbstênden wesen (substanzen) Meister Eckhart 327 Pf. (Notker gebraucht für substantia uuist, für accidens miteuuist 1, 397, 23 P.); di sele ist substancie, das ist wesin, gnade ist ein aneval (accidens) des wesines parad. anime intell. 69, 29 Strauch; umb daz elementisch reich ist daz himelisch leuchtend reich ... daz reich haizzt von den maistern daz funft wesen (quinta essentia), da von daz ez an der zal daz funft ist nach den vier elementen Konrad v. Megenberg dt. sphaera 8, 4 Matthaei; (vgl. noch fünftes wesen Lohenstein bei Campe 5, 688b); der fruchtbrauch ist ein recht zw nyessen oder zw brauchen fremde gueter vnd das hailsam bleyb das wesen der gueter (ususfructus est jus alienis rebus utendi vel fruendi salva rerum substancia) (15./16. jh.) summa legum 278 Gál; (die Pariser

[Bd. 29, Sp. 524]


gelehrten) sagen, man vormuge sie (die gebote) wol erfullen, so viel es betrifft das weszen der werck, aber nit, szo viel es betrifft die meynung des gepietersz, gerad alsz fodderte der gepieter etwas mehr denn das weszen der werck Luther 8, 302 W.; ein sam der gibt das ganz kraut von im mit allen neuen tugenden, mit verzeren aller alten wesen, also, das die alt substanz, das alt wesen, die alt natur, da kein wirkung mer hat (1526/27) Paracelsus s. w. I 3, 140 Sudhoff; der miszbrauch nimpt dem wesen nichts Petri d. Teutschen weiszh. (1605) O 6b; die astra oder sterne sind wesen der engel V. Weigel inform. (1616) E 2b; es ist wol wahr, dasz sehr viel poeten solche edle kunst miszbrauchen, aber ... abusus non tollit substantiam rei, das ist, der miszbrauch hebt das wesen eines dings nicht auff (1618) Sandrub hist. u. poet. kurzweil 59 ndr.;

(d. jüngste gericht,)
da das wesen aller sachen
in der letzten glut wird krachen
Treuer dt. Dädalus (1675) 933;

dasz unsrer seelen wesen
nicht von der erden ist, noch aus der niedern welt
Grob ged. 170 lit. ver.


oft in der tautologischen koppelung substanz und wesen: die seel sich selbs nach der substanz und wesen gar nit erkennt Zwingli dt. schr. (1828) 1, 57; was die substanz und das wesen belanget, so läszt der papst die sacrament und bibel bleiben, allein will er uns zwingen, dasz wir derselben brauchen sollen, wie er will und fürschreibet Aurifaber (1566) bei Luther tischr. 2, 203 W.;

die heilgen engel auch desgleich
sehr leuchten in dem himelreich
nach jhrem wesen vnd substantz
Ringwaldt christl. warnung (1588) B 8a.

selten dagegen: dieweil aber die gebranten wasser das mehrertheyl jre essentz vnd wesen ... von den distillierhelmen pflegen zu vberkommen Sebiz feldbau (1579) 406.
3) daneben steht von anfang an ein gebrauch für 'gehalt an substanz, substantialität, wesenhaftigkeit'.
a) allgemein: als ferr als wir sind und wesen haben, als ferr heilgen wir als unser werck, es sy essen, schlaffen, wachen, oder was das sy. die nitt von grossem wesen sind, was werck die wirckend, da wirt nit uss (vor 1298) Meister Eckhart reden d. unterscheidg. 8 Diederichs; dasz die bücher kein wesen im menschen machen noch wircken, sondern nur zum bewehr, kundschafft und zeugnis gebraucht sollen werden V. Weigel d. güld. griff (1616) 49;

all safft vnd krafft vnd wesen
ihr (blumen) nembt von schlechter erd
Spee trutznachtigall (1649) 112;

wir beten umb ein realreich, umb ein solches reich, das da warhafftig ist, sein wesen und wehrung hat Dannhawer catech.-milch (1657) 7, 126; eine einige wirckligkeit aber hätte mehr nachdruck als zehn dancksagungen, wie ein maasz erde mehr wesen als zehn maasz wasser Lohenstein Arminius (1689) 2, 1328a; eine jede vollkommenheit fleuszt unmittelbar von gott, als wesen, kraft, wirklichkeit Leibniz dt. schr. (1838) 1, 410.
b) sehr sprachüblich ist vom 16. jh. bis zur gegenwart die opposition von schein und wesen, auch schatten und wesen, die zahlreiche okkasionelle gegenüberstellungen ähnlicher art hervorruft (vgl. schein 10 a, teil 8, sp. 2427 und schatten II 1 g, ebda sp. 2235): der schein ist also, aber der synn oder wesen ist anderst Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 154 ndr.; das hymel und erden nicht nach dem weszen, szondern nach der gestalt vergehen werden (1522) Luther 10, 1, 2, 116 W.; die gottlosen ... (haben) nicht dann den schatten ... das ding aber vnnd das wesen ... haben die auffrichten sprichw., schöne weise klugreden (1548) 66a; dasz an der römischen unüberwindligkeit nicht so viel wesen als geschrey ... sey Lohenstein Arminius (1689) 2, 251a; der philosophische geist, da er mit unerbittlicher strenge den schein von

[Bd. 29, Sp. 525]


dem wesen trennt und in die tiefen der dinge dringet Schiller 10, 459 G.; die ... ehrfurcht, womit formen erhalten wurden, deren wesen abgeschafft war Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 95; denn diese (die künste) reden nur vom schatten, sie (die musik) aber vom wesen Schopenhauer w. 1, 340 Gr.; so sicher drang er durch den schein hindurch zu dem wesen vor Scherer litt.-gesch. 7457; das lebensalter ..., wo die stunden umso mehr wesen haben, je dichter sie aus täuschungen gewoben sind Carossa eine kindheit (1922) 5.
4) in begrifflich unscharfen auffassungen dient wesen im älteren nhd. vielfach der umschreibung einer person oder sache (das wesen jmds oder eines dinges 'das was er oder es ist, dieser od. dieses selbst, sein inbegriff, sein sobeschaffenes sein', gelegentlich in 'beschaffenheit' [vgl. DWB D 1] übergehend); vgl. hierzu schon mhd. nach reden ze sprechende und nt nach wesende ('nach den worten des gleichnisses, nicht der tatsächlichkeit nach') Tauler pred. 153, 14 Vetter:

vil narren, doren kumen dryn (ins narrenschiff),
der bildnisz jch hab har gemacht;
wer yeman der die gschrifft veracht
oder villicht die nit künd lesen,
der siecht jm molen wol syn wesen
vnd fyndet dar jnn, wer er ist,
wem er glich sy, was jm gebrist
S. Brant narrenschiff 2, 28 Zarncke;

drey stück sind, den ich von hertzen feind bin, vnd jr wesen verdreusst mich vbel. wenn ein armer hoffertig ist, vnd ein reicher gern leuget, vnd ein alter narr ein ehebrecher ist (tres species odivit anima mea, et adgravor valde animae illorum) Sirach 25, 3;

wir spielen hie ein römsche gschicht,
wie Titus Liuius vns bericht;
der summ, vrhab vnd gantzes wäszen
würt üch der schryber yetzt vorläszen schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 109 Bächtold;

indem er bedachte, wie der statt so herrlich wesen vnd ansehen so bald von seinem kriegszvolck zerstöret ... werden solte Xylander Plutarch (1580) 116a;

nicht richte was von meinem (des buches) wesn,
du habest mich denn durch gelesn
Ringwaldt lauter warheit (1597) A 1a;

das alte Teutschland, wo nicht in seinem vollenkommenem wesen, jedoch nur etlicher massen im bilde zusehen Rist d. friedewünschende Teutschl. (1648) 51; allein, weil uns (studenten) dieses (gebrauch d. schieszgewehrs usw.) verboten war, so strebten wir nach dem verkehrten wesen unsers appetits, dasz wir diese gesetze mehrentheils übertraten Leipziger avanturieur (1756) 1, 65;

ich glaube nicht, dasz Jupiter
noch iezund in dem himmel wer,
im fall er ihrer (Dorindens) gaben wesen
aus meinem herzen könnte lesen
Stieler geharnschte Venus 16 ndr.;

unsere hochgeehrte muttersprache, in ihrem gründlichen wesen und rechten verstande, ohn einmischung fremder ausländischer flikkwörter, ... zu erhalten und auszuüben Neumark neuspross. teutscher palmb. (1668) 26; er solte das wort, dessen wesen sie so sehr gekräncket, nie lassen auf seine zunge ... kommen Lohenstein Arminius (1689) 2, 1398a; also, dasz ... nicht allein alda recht ordinirte bischöfe und priester, sondern auch das sacrament des heiligen altars in seinem wesen vorhanden Leibniz dt. schr. (1838) 2, 262. — sprichwörtlich: denn es ist ein alter reym: geselle dich nicht zu der gewalt, so behelt dein wesen auch ein gestalt Luther fabeln 9 ndr.;

de god nicht all tidt vor ogen haet,
des wesen nicht wol lange staet
Husemann spruchsammlung nr. 4 Weinkauff.


5) hier sei noch eine andere art der umschreibung angeschlossen, in der wesen, als blosze nominalform des verbum substantivum, zusammen mit einem adjektiv ein qualitativ bestimmtes sein bezeichnet, das sich mitunter durch

[Bd. 29, Sp. 526]


ein entsprechendes adjektivabstraktum wiedergeben läszt (z. b. selig wesen 'seligkeit'): der glawb ist ain anfang vnd notdürft des menschens, zuoerlangen von got gnad vnd rechtfertikait auch saelig wesen (unter d. überschrift: ob zuor sälikait des glawbens allain gnuog sey) Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 20 Reithm.; dann sonst ist kein ander weg, zu ergründen die warheit, des leibs anligen vnnd gesundes wesen Paracelsus opera 1, 205B Huser; nach dem sie die sachen in Africa geschickt vnd zu gutem wesen gerichtet hetten Xylander Polybius (1574) 67; ein stattliche legation könig Ludwigs in Franckreich, welche das streitige wesen in Teutschland beyzulegen abgefertiget war Abelin theatrum Europaeum (1652) 1, 339b;

man kann der sonnen lauf, der sternen schnelles wesen,
der kräuter eigenschafft auf tausend blättern lesen
(sc. in den büchern einer bibliothek)
Gryphius trauersp. 22 lit. ver.;

wie schickt sich dann dein glantz zu meinem duncklen wesen?
...
zu deinem liebsten hat das glück mich nicht erlesen
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 38;

ein krankker, der dem artzt bekennt sein heimlich wesen,
und öfnet seine pein, der ist schon halb genesen
Rachel satyr. ged. 97 ndr.

vgl. noch: ich freute mich der schönen zeit in der schönen gegend noch mehr wenn du bey mir wärest ... es ist doch hier ein ganz ander wesen der natur (Jena 1786) Göthe IV 7, 226 W.
6) ein spezieller gebrauch für die physis, die leibliche oder auch nichtleibliche organisation von etwas belebtem, begegnet vorwiegend im mhd., später seltener:

do der alte slange mit sînen genôzen
von himel wart herab gestôzen,
sînes lîbes wesen teilte er in driu
('houbt, mittel teil, zagel')
Hugo v. Trimberg d. renner 3057 E.;

(Minne:) zwâr, werlt, du hâst niht eben gebildet mir mîn wesen,
wan ich bin niht von dîner art;
ich bin ein schaffer und ein bot
der êrsten sache und ein geistlich amt dâ bî
Frauenlob spr. 428, 1 Ettm.;

da von was Jhesus alle stunt
an sinem libe wol gesunt
...
und wære sin natrlich wesen
vor sterben iemer wol genesen
schweizer Wernher Marienleben 6071 Päpke-Hübner;

seins (des menschen) wesens stük und seins leibes gelider sint gesetzet nâch dem satz der ganzen werlt Konrad v. Megenberg buch d. natur 3, 5 Pf.; von sinem wesen sines libes was er in rechter lenge (fuit in statura moderatus) Stretlinger chron. 3 Bächtold; vgl. wesen nach (= hinsichtlich) der person statura, voc. incip. teut. (Speyer, um 1485) nn 8b; vernimm derowegen die bitte meines mundes, und erhalte meine natur und wesen in guten stande Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 302a.
frühnhd. in der koppelung gestalt und wesen: dr. Faust wie auch vor sein geist namen solche gestalt vnd wesen an, vnd gab sich vor den Mahomet aus Faustbuch (1589) 61 Fritz;

Venus, sein edle mutter hold,
gab jrem sohn (Äneas), schon zimlich alt,
ein junges wesen vnd gestalt
(lumen iuventae, Vergil Aen. 1, 590)
Spreng Äneis (1610) 16a.


7) jünger sind gelegentliche anwendungen auf die organische substanz tierischer und pflanzlicher lebewesen: wann aber der baum ... einen und den andern ast gestorben und verdorben zeiget, ... und letzlich das gantze wesen des baums inficirt, ist kein besser mittel, als das ausgedorrte unverzüglich wegschneiden Hohberg georg. cur. (1682) 1, 422; so soll Noah ein gewisses elixir gemachet haben, womit er sie (d. tiere i. d. arche) ernähret, und welches sie ganz in ihr wesen verwandelt, ohne dasz

[Bd. 29, Sp. 527]


sie einige excrementen in die arche von sich geben Leibniz dt. schr. (1838) 2, 341; ihr (einer rübe) wesen neigt sich nach der zerstörung hin Musäus volksmärchen 1, 13 Hempel.
8) wesen für substanz in dem konkreten sinne 'stoff, materie' (vgl. DWB D 2).
a) vom spätmhd. bis ins 17. jh. in absoluter verwendung, doch unhäufig: ile das erste wesen lat.-dt. voc. v. 1420, nr. 1426 Schröer; deiner allmechtigen hand ..., welche hat die welt geschaffen aus vngestaltem wesen (ἐξ ἀμόρφου ὕλης, ex materia invisa) weish. 11, 18; ire (der erde) wesen dienen den geschaffenen dingen tz auffhalten und fester bestendikeit und z machen figuren und formen der dingen Petrus de Crescentiis v. ackerbaw (o. j.) 29b;

gold, silber, vnd viel ander wesen
musz auch durchs fewer gehn
eh' als es kan bestehn
Simon Dach 108 lit. ver.

auch als übersetzung von moles 'kompakte masse': die wasser die do seint niden, die zerlauffent vnd zergende: wann die do komment von oben, die stende in einem wesen (in una mole consistent, Jos. 3, 13) erste dt. bibel 4, 259 Kurr.
b) mit kennzeichnenden attributen im 18. jh. sehr gebräuchlich: bald aber, wenn dies feuchte wesen (d. bernstein) harte wird, in solche materie ... (fliegen) eingeschlossen werden Abr. a S. Clara etw. f. alle (1699) 2, 2; hefen ist das dicke, schwere und trübe wesen, so in den wein- und bierfässern sich zuletzt zu setzen pfleget Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 788; schmeltz ist ein durchsichtiges, zartes, gläntzendes und hol verarbeitetes wesen über einen zarten drat oder faden gezogen ebda 1738; medulla oblongata, das lange marck, ist das unterste marckigte wesen des gehirnes Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 349; kalte und mit vielem mineralischen wesen ... vermischte quell- oder springwasser Döbel neueröffn. jägerpractica (1754) anh. 4, 93; dieses steinartige wesen pflegt man auf den meisten salzwerken griessteine zu nennen J. W. Langsdorf von salzwerken (1781) 402; ehe sie (die seidenwürmerdärme) aber diese völlige trockenheit an der luft erhalten, sucht man sie mit den nägeln von einem schleimigen wesen zu befreyen Lichtenberg verm. schr. (1800) 7, 342; (der rote saft mancher schalentiere) enthält ein sehr stark und dauerhaft färbendes wesen Göthe II 1, 254 W.
c) auch (verächtlich) 'das zeug': damit sich die spreu und das kleine wesen von den körnern absondern schles. wirthschafftsbuch (1712) 182; auch (soll) kein unflath oder unsauberes weszen auf die gaszen vor die häuszer geschütt oder goszen werden (1717) österr. weist. 2, 76; die stiele und das grobe wesen (vom heidekraut) hat man umhergestreuet bei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660a; vgl.krautwesen 'jede art von kohl- und krautgewächsen', wie viehzeug 'jede art von vieh' ebda nach einer hsl. sammlg. um 1800; vgl. auch J 6 und 9.
D. art, beschaffenheit, zustand.
1) die bleibende beschaffenheit oder verfassung, die genuine art; vom ende des 13. bis zum anfang des 16. jhs. gebräuchlich, dann seltener und in jüngerer sprache an die bedeutung II B 'die eigentliche natur einer sache' angelehnt; qualitas wesen Diefenbach gl. 476c; conditio regionis das wäsen, die art vnnd eigenschafft eines lands Frisius dict. (1556) 286a:

vil manec gebet vür in (den kaiser) kunt ûf ze himel dringen.
dô man gesungen unde gelesen
het nû gar ob im nâch sînes rehtes wesen,
ze dem von Kölne er kêrt Lohengrin 3072 Rückert;

horent furbaz mere
uon dez menschin ere
vnd von siner blœde
wie cranc wie œde
ist siner nature wesen
Hugo v. Langenstein Martina 122, 109 lit. ver.;

[Bd. 29, Sp. 528]


got beraube euch ewer macht vnd lasse sie zu puluer zerstieben! one zil habet ein teufelisch wesen ackermann a. Böhmen 5, 21; ich ... was in der stat und vrogete gar vlislich von der stat wesin (sc. anlage, einrichtungen, gewerbe der bürger usw.) md. Marco Polo 44, 22 Tscharner;

ein ding, das z dem mnd in gat,
wirt verzert und gat z nt
nach natrlichem wessen aller lt bei
Mone schausp. d. mittelalters 2, 209;

und vil anders desz gelychen gebot sie (Circe) ieren liebhabern, die nach dem wesen ierer gebott in dise oder andre tier verwandelt mochten gescheczet werden (1473) Steinhöwel de claris mul. 131 lit. ver.; aber himel und erden mag anders werden, du (gott) bleibst ynn dem selben wesen (du aber bleibest wie du bist ps. 102, 28) Luther 18, 516 W.; darumb ist die schrifft eben so wenig nach dem wesen des bchstabens zuerstehen S. Franck paradoxa (1558) vorr. 2; (die seele) vnderstehet sich aller ding eygenschafften, wesen vnd namen zu beschreiben: vnd kan sich selbst eigentlich vnnd erkandtlich nit benamsen, noch jhr wesen vnd eygenschafft klärlich an tag bringen Spangenberg ausgew. dicht. (1887) 5;

der gang gab zu erkennen recht
ihr göttlichs wesen vnd geschlecht
(et vera incessu patuit dea, Vergil Aen. 1, 405)
Spreng Äneis (1610) 11b;

als ich nur in etwaz durchgelesen
das wolgesetzte werck von nicht gemeinem wesen
Rachel satyr. ged. 8 ndr.;

jedes pigment hat sein eigenthümliches wesen in absicht seiner wirkung aufs auge Göthe II 1, 356 W.; dann fühlte sie den brief an, prüfte aus seinem äuszern wesen den inhalt Gutzkow ges. w. (1872) 2, 310.
so auch menschliches wesen (s. dieselbe verbindung in anderem sinne unter G 2 b ι; völlig abweichend unter II A 4 d β): er (Jesus) versagete ir (der Kanaanäerin, Matth. 15) ouch nt alleine dis brot ... sundern ... er versagete und enthies ir menschlich wesen und hies s einen hunt Tauler pred. 44, 14 Vetter; got hat selb menschlich wesen an sich genommen Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) A 4a; gefragt: worinn das menschlich weszen bestunde? antwortet er: nehme jhnen die red vnd die vernunfft, so werden sie nichts vbrigs haben Zinkgref apophthegmata (1628) 233; gott, end- und anfangslosz, nimt menschlich wesen an Treuer dt. Dädalus (1675) 274. in moderner sprache ganz von der bedeutung II D ('die zentrale natur jmds') her aufgefaszt: (die charakterzüge der heidnisch-antiken sinnesweise) bilden sich zu einem von der natur selbst beabsichtigten zustand des menschlichen wesens Göthe I 46, 25 W.; weil sie (die lingua tertii imperii) in selbstgewählter beschränkung durchweg nur eine seite des menschlichen wesens zum ausdruck brachte Klemperer l. t. i. (1949) 29.
2) im 17. jh. findet sich ein spezieller gebrauch für die stoffliche beschaffenheit (vgl. DWB C 8): das lehm- und lettichte wesen solcher wässer S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 58; wie ... wachs nimmermehr so beständig ist, dasz es seine natur und sein weiches wesen gantz verläugnen solte Chr. Weise polit. redner (1677) 477; wenn der magnet seines angenehmen wesens beraubet ist ..., pflegt er schwächer ... zu werden ebda 40; das ölichte wesen, das öl an etwas, die öligkeit oder oleosität l'ogliosità Kramer t.-ital. 2 (1702) 159a.
3) 'der (vorübergehende) zustand' (mitunter der bedeutung 'status' nahekommend, s. F); häufiger nur im 16. jh. und wenig früher, danach hin und wieder bis ins 18. jh. auftretend; wesen, zustand status, conditio, in einem wesen bleiben eodem loco stare Dentzler clavis ling. lat. (1716) 349b: was wir in sechs jaren ... erobert und zu cristenlichem gelauben gepracht haben, ob wir also aus dem land ziehen, das wirt von den haiden alles wider in ir vorder wesen kumen U. Füetrer bayer. chron. 119;

[Bd. 29, Sp. 529]


wann der mon beleibt nymer in aim weszen, alweg nimpt er ab oder zu Keisersberg predigen teütsch (1508) 46b; wie mein sele ... do were in einem schowenden wesen der blossen gotheit d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 44a; tamen illud regnum in aliud wesen gebracht (1523) Luther 11, 72 W.; ich bitte, wollet ewr ia wort (zur heirat des sohnes) nicht lenger verzihen, damit der gute geselle aus dem vnrugigen wesen kome, denn ich kan nicht lenger halten, sondern werde mussen von ampts wegen dazu thun (1539) ders., br. 8, 454 W.; also wenden sich alle reich, wie die speer, von einem wesen vnd ansehen zum andern S. Franck sprüchw. (1545) 1, 94a; dann wann der Mercurius wird zugefügt den metallis, so bringet er sie in jr erst wesen: das ist in Mercurium, der dann nimmer still steht Epimetheus pandora (1588) 147; der mohn, die sternen vnd der himmel seindt nit allzeit in einerley wesen, das wasser oder den schnee zu geben Albertinus zeitkürtzer (1603) 3; nichts bleibt ... beständig in seinem wesen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 828; endlich kam der ... herbst, da sich alle früchte ... in ihrem reiffen wesen ... einstelleten Chr. Weise polit. redner (1677) 484; er will nicht nur kinder aus dem rohen wesen, womit sie zur welt kommen, herausreiszen, sondern zeigen, wie das gute ... (in sie) gepflanzet werden könne Gottsched anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 630.
4) speziell von gesundheitlichem befinden und krankhaften zuständen (vgl. die redensart wieder in seinem wesen sein unter II D 2 g).
a) ganz im sinne des allgemeinen gebrauches unter 3 und gleichzeitig mit ihm; vgl. der krancke bleibt in einem wesen invaletudo aegri stat in eodem, nec minuitur, nec ingravescit Aler dict. (1727) 2181a: (dasz) myn liebe gemahel und ich in guttem gesünden wesen sin (1446) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 45; die tochter vieng an gar wunderlich geberd z haben und unzimlich geschrei, als si besessen were, und beleib also in einem semlichen wesen uf zwei jar Stretlinger chron. 56 Bächtold; bald darnach ist ir aller verstand und red empfallen, hat weder wortzeichen noch nichts geben mügen ... und nachdem sie lang in eynem ernstlichen wesen gelegen, ist sie zletst on alle vernunfft ungeredt auzs disem jamerthal gefaren (1556) Wickram w. 2, 127 lit. ver.; aber der bott fande sie in dem wesen, wie erst gehört (ohnmächtig), vnd wartet bisz sie widerumb krafft bekame (1569) Amadis 1, 345 lit. ver.; (dasz gott) unns ... bey zimblicher gesundtheitt unnd erträglichem wesen gefristet hatt (1606) mon. Germ. paed. 19, 440. auch: bei gesundem wesen der kirchen Fischart podragr. trostbüchl. (1577) 46 Hauffen.
b) der besseren übersicht halber sei hier die verbindung das böse wesen für 'fallsucht, epilepsie' angeschlossen (genauer: der epilept. anfall, zumal mit den verben haben, bekommen), die aber zweifellos anderen ursprungs ist und vermutlich der bedeutung 'tun und treiben' in ihren anwendungen auf äuszerliches verhalten und sichtbares gebaren zugehört (s. DWB G 1 b und 2 b δ). sie ist mundartlich im md. verbreitet, vgl. u. a. Wegeler Koblenz 94; Spiess Henneberg 281; Hertel Thür. 257; Albrecht Leipzig 236a; Brendicke Berlin 193a; Frischbier pr. 1, 292a s. v. höchste. in obd. wbb. findet sich dafür prägnantes 's wesen Fischer schwäb. 6, 726 (nur bei L. Aurbacher); Schmeller-Fr. 2, 1021 (oberpfälz.); ferner a hôt wiedr amôl 's wasn 'er thut wieder recht närrisch, verrückt' Knothe Nordböhmen 541. vgl. noch das wüste wesen eine krankheit des viehs Fischer schwäb. 6, 726. literarisch und lexikalisch begegnet der ausdruck seit dem ende des 17. jhs., vgl. das böse wesen, die böse krankheit l'epilessia Kramer t.-ital. 1 (1700) 137b: das böse wesen griff sie grimmig an, dasz sie innerhalb tag und nacht auf 150 paroxysmos erlitten qu. v. j. 1699 bei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660a;

dä beste kuh am stalle
hoots bise wasa kriegt
D. Stoppe schles. ged. (1729) 4;

[Bd. 29, Sp. 530]


da sie bei zunehmendem mond gewöhnlich das böse wesen bekam Wieland bei Fischer schwäb. 6, 726; in diesem augenblick stürzte sich Friz vom stuhle und krümte sich und schäumte, als wenn er das böse wesen hätte Bahrdt pastor Rindvigius (1790) 1, 32; mutter Clausen he! der Jochen hat das böse wesen gehabt Spielhagen s. w. (1877) 1, 136.
c) zu dem gebrauch unter J stellen sich einzelne weitere anwendungen auf pathologische erscheinungen: er hat ein schlimmes wesen an einem bein, an einem auge etc. ... un rio accidente (malore) Kramer t.-ital. 2 (1702) 1336a; (daneben: er hat ein sehr böses ding an einem bein ... un pessimo malore, ebda 1 [1700] 229c); dasz er an einem verzehrenden wesen krank liege d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 142; diesz kränkliche wesen währte bei mir den ganzen herbst hindurch Schubart leben 2 (1793) 245.
E. die bedeutung 'lebensweise, lebensform' mit ihren abwandlungen 'lebensgeschichte' und 'lebensumstände' bleibt überwiegend auf das spätmhd. beschränkt, bildet aber die grundlage für die wichtigen frühnhd. bedeutungen 'stand' (F) und 'tun und treiben' (G).
1) 'die art, das leben zu führen, lebensweise, lebensform'. der gebrauch setzt in der ersten hälfte des 13. jhs. ein und bleibt bis zum beginn des 15. jhs. sprachüblich; spätere verwendungen entschiedeneren sinnes begegnen vereinzelt (s. u. Knebel), weniger spezifische stellen sich zu den frühnhd. dominierenden bedeutungen 'tun und treiben, verhalten' (vgl. Luther, Tschudi, Gerhardt unter G 2 a) und 'status, stand' (vgl. Luther, Tschudi unter F 2):

wer sin e zu rehte hat,
dem mag sin sele baz genesen
danne der clusner wesen
Ulrich v. Türheim Rennewart 33 322 H.;

als wir von ainem menschen lesen,
der begertin sllich wesen
das gott aller genmste wre.
des kam mit ainem crtz schwre
unser herr und sprach z im:
'min lieber frnd, das crtz das nim
uff dich und hilff mirs tragen'
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 3948 Lindqvist;

es sint etliche lúte, ... alse in in uffstet ein gte begerunge eins nuwen wesens und eins gten dinges, Tauler pred. 12, 26 Vetter;

da von darf ez nieman zellen,
herschaft sey ein senftez wesen
Heinrich der Teichner 265, 31 Niewöhner;

nu hebbe ik iw vore lesen
des ridders leuen vnde sin wesen
wo he na ridderliker art
schal vullenbringhen sine vart
Meister Stephan schachbuch 1884;

in was wesens soll ich nu mein leben richten? ich bin vormals in der lieben lustigen ee gewesen; warzu sol ich mich nu wenden? in werltlich oder in geistlich ordenung? ... ich nam fur mich in den sin allerlei leute wesen, schatzte vnd wug sie mit fleisse: vnvolkumen ... fant ich sie alle Johann v. Saaz d. ackermann a. Böhmen 27, 6; als offt ich bedenck gemeines wsen deren personen genant klosterfrawen, so wirt all min gemt z erbarmung bewegt, wann wer mag on grosses hrtzeleid ir arbeitsligkeit bedencken Eberlin v. Günzburg 1, 24 ndr.; und wiewol sy mit sonderlichen ordensgesazen nit undericht wasen ... haben sy doch ... ain ordenlich gaistlich wesen mit fasten, beten und almsengeben gehalten (1531) Knebel chron. v. Kaisheim 67 lit. ver.; vgl. noch, an 'gemeinwesen' (H) angenähert: wir wellen vnderston kein regel lassen bliben dann allein sant Augustins erste regel für die man, vnd fry frawen stand für die frawen. auch wllen wir ein wesen der waldprder wie im land Wirtenberg gewon ist nit ab triben, doch sllen sy eygens haben vnd ir pfarrer soll ir visitator sein Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 138 ndr.

[Bd. 29, Sp. 531]



2) 'lebensgeschichte, leben und taten'; von der ersten hälfte des 14. jhs. bis zum 16. jh. bezeugt. der gebrauch erklärt sich leicht aus biographischer auffassung der bedeutung 1 (vgl. dort Konrad v. Helmsdorf; Tauler; Meister Stephan):

daz man in den kirchen lesen
sal Machabeorum wesen buch d. Maccabäer 4;

dô di zît quam daz her sterben solde, ... sô schreip her allez sîn wesin an einen brief Hermann v. Fritzlar in: dt. mystiker d. 14. jhs. 163 Pf.; (horoskope werden gestellt) umme das eyn iclichir wisse sin wesin und sine werk md. Marco Polo 46, 13 Tscharner; dem nach di wibel doch lauter bericht gibt aller Abrahames wesen von seiner gepurt pis seinem tod Füetrer bayer. chron. 51; mein ... raittung und antzaigen meines lebens und wesens S. v. Herberstein (titel) Karajan;

wen wir vnser bibel lesen,
Christi, der zwlffbotten wesen
Murner narrenbeschwörung 11 ndr.;

daz ich durch mein schreiben das wesen des teurn kaisers Maximilian ain wenig ... genueg kundet begreiffen G. Kirchmair denkw. 421 Karajan; historien, welche jhre (der Römer) leben vnd wesen mit fleisz vnd grundt beschrieben Reutter v. Speir kriegsordn. (1595) A 2a. — vgl. auch unten J 5.
3) selten und in wechselnden auffassungen 'die lebensumstände' (vgl. ähnliche verwendungen in moderner sprache unter J 8):
a) die erfreulichen oder unseligen umstände, in denen sich jmd befindet:

daz sî sô sûz gemûte
in sô bittirlîchim wesin
hattin
Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 15 289 Str.;

von euch bin ich freudenreiches wesens beraubet, tegelicher guter lebetage entweret vnd aller wunnebringender rente geeussert ackermann a. Böhmen 3, 10; wann es ist gar hortt ('trägt sich schwerlich zu'), das einer in glükchsamen wesen an neyde sey (1428) Andreas v. Regensburg s. w. 602 L; ains mols sagt mir ein kloster fraw, wüszt ich meine elter in der helle, vnd mcht sy mit eim aue Maria hrausz btten, ich wolt sy me hinein btten, das sie mich in disz ellend wsen gebracht haben Eberlin v. Günzburg 1, 24 ndr.so wohl noch spät: der welt lust ist ein augenlust, bringet mit sich ein lauteres wesen der bitterkeit schausp. engl. comödianten 261, 7 Creizenach. eher von 'status, stand' her aufgefaszt (vgl. DWB F 3): er hat sich ... aus einem schlechten wesen durch seine tugend herrlich emporgesch wungen M. Kramer leben u. tapffere thaten (1681) 572.
b) in verbindung mit ausdrücken des fragens die näheren umstände, die zur kenntnis der person wichtig sind, wer und was jemand ist: der (hl. drei könige) grab hot ouch geseen Marcus Polo ..., der vrogite das volk umme ir wesin, di wustin nicht woris von yn czu sayn, wen das si worin dry kunige, di in dryn engin mermel steynen wurdin begrabin md. Marco Polo 7, 16 Tscharner; in dem sie der künig Adrastus fragen ward ieres wesens, und die wyl sie im das ze erkennen gabe, wurden die zwen iüngling ... merken, daz sie ir baider mter was Steinhöwel de claris mul. 67 lit. ver.; so baldt er sie (eine meerfrau) aber von irem wesen anfahen zu fragen ..., do ist sie ... geschwindt ... wider von ime abgeschaiden Zimmer. chron. 1, 32 Barack; den unbekannten aufhalten, bis man sich seines wesens erkundet bei Schmeller-Fr. 2, 1022; meines wesens vnd verrichtungen sattsamen bericht vnnd antwort zugeben: ... 1. wie mein name? 2. wer ich wäre? 3. woher ich wäre? 4. wie ich dahien kommen? 5. wasz ich allda zu schaffen hätte? Moscherosch gesichte (1650) 2, 66.
c) dem vorigen sehr nahestehend 'die angelegenheiten, die persönlichen verhältnisse jmds': und als sie (Jokaste)

[Bd. 29, Sp. 532]


nun vermainet, sie were gancz glükhafft und selig worden ..., ainsmals, als sie antwurt ires wesens begeret von den götten, ward ir durch sie bekant, daz der ir lyplicher sun were, den sie iren eeman gehalten hette Steinhöwel de claris mul. 90 lit. ver.; der wolff ... zuo dem fuchs ... sprach: liebe schwester, ich bitte dich, du wöllest mir mynen (paten-)sun Benedictulum laszen, so wil ich in leren und neren ... wann du hast sus vil kind, die du nit on grosze arbait magst erneren. der fuchs sprach zuo dem wolff: ... ich sag dir dar über groszen dank, das du myn wesen also bedenkest (quia memor es mei) Steinhöwel Äsop 229 lit. ver.; wie ewr churfurstlich gnad meiner person, auch meinen kindern ..., deszgleichen meinem wesen nachgefragt (Nördlingen 1504) bei Diefenbach-Wülcker 900; wie Fortunatus gesagt hett das wesen seines vaters, wie er zu armt kommen wr vnd an des küngs hof von Cipern dienete Fortunatus 16 ndr.; auch:

alsdenn so führst (du = Maria)
als fürsprecherin mein wesen,
dasz ich gnadt findt bey deinem kind,
so kann mein seel genesen (1567) bei
Kehrein kath. gesangb. 2, 62.


F. 'status, stand'.
1) zuerst bezeugt in der rechtssprachlichen formel wes stands oder wesens die sein (o. ä.), bezogen auf einen personenkreis, der von einer verordnung od. dgl. betroffen wird; als bedeutung ist hier wohl zunächst der engere wortsinn 'sozialer stand' anzusetzen, doch weichen schon die älteren belege davon ab (vgl. 2): vnnd alle anndere meine leibaigne khnecht vnnd mägd, manns- vnnd weibspersohnen, sy seüen gleich auf den pauhöffen oder vnnter meinen diennstgnossen oder von yeder leibaigenschafft, auch was alters oder stants vnnd wesens die seüen (1319) bei J. A. v. Brandis gesch. d. landeshauptl. v. Tirol (1850) 38; ebda 34 auch: alle meine guetter was namen vnnd wesens die sein (1319); gebieten wir allen und yglichen mannen, rittern, ... steten und allen andern, in welcherleye adel, eren, wirden oder wesen die sein (1378) lehns- u. besitzurk. Schles. (1881) 2, 492; und liessen nyemanden inne, der ichtes wesens was, ane irleubunge der fursten (Frankf. 1442) bei Diefenbach-Wülcker 900; allen vnd yeden teütscher nation, fürsten, herren, edelleüten, burgern vnd gemeinen, was stands oder wesens sie seint, embeüt ich Vlrich von Hutten ... früntlich dienst zuor Hutten opera omnia 1, 405 Böcking; unsere underthanen ... wesz stands oder wesens die sein houegerichtsordn. Friderichen pfalntzgr. bey Rhein (1573) 122; allen ... unterthanen und getreyen, geistlichen und weltlichen, was wirden, stants und wesens die sein (1736) österr. weist. 5, 180.
2) wenig später treten allgemeinere verwendungen auf: der besondere 'status' (in verschiedenster hinsicht), in dem sich jemand, auch etwas (oder eine gemeinschaft, eine körperschaft usw.) befindet. dieser umfassendere wortsinn scheint der frühere zu sein und läszt sich unmittelbar an die bedeutung 'lebensform' (E 1) anknüpfen (zur herleitung aus dieser vgl. dort Ulrich v. Türheim; Heinrich der Teichner; ackermann a. Böhmen.s. auch E 3 'lebensumstände'). der gebrauch hält sich vom älteren 14. bis zum 16. jh.; vgl. DWB wesen für 'status' bei Diefenbach gl. 551a; nov. gl. 347b; wesen eins ietlichen dings status Dasypodius dict. (1547) R 8b; collocare aliquem reipub. statum das gemein regiment in ein gewüssen stand vnd wsen bringen Frisius dict. (1556) 1244b; damnatum restituere wider in sein wsen setzen, das ist, ledig sprchen, on entgltnusz widerumb lassen faren ebda 1155b; cultu humili aliquem educare einen in eim schlchten wsen vnnd stand auferziehen, einen schlchtlich halten vnnd erneeren ebda 250b:

wie das sy (Maria) empfieng und gebre
und ainem man gemchelt wre,
nun behüb sy doch ir mgtlich wesen
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 227 Lindqvist;

[Bd. 29, Sp. 533]


erbtt dich nieman ze vil: da aller maist erbietens ist, da ist etwen aller minst gevelles; dir gezimt ein ingetane demtige wandel. swenn eins wider sin wesen tt, daz gezimt ime niemer wol Seuse dt. schr. 167 Bihlm.; darumb bedüchte mich guot, wir (hasen) wären gedultig in unserm wesen als die andern, und trügen daz ioch der natur gedultiglich, die uns gegeben hat in sorgen zu leben Steinhöwel Äsop (hasen u. füchse) 120 lit. ver.;

sindt sie sich hat vermessen
vnd ihres frewlichen wesens vergessen,
vnd hat in mannes weise gegangen
vnd also das babstumb empfangen (1480)
Dietrich Schernberg spiel v. frau Jutten 864;

das du dich hast vergleichet einem man
vnd bist in bepstlichen wesen gegangen ebda 881;

das dreyerlay wesen seind der menschen: etlich werdent genant anhebendt menschen, ettlich auffnemend menschen, die dritten volkommen menschen Keisersberg granatapfel (1510) A 2b; in diessem wessen der volkomenhait seind z vordrist all clöster person ebda F 5c; allem reych, frey und fürsten stetten ... den soll allenn jr recht ordlich wesen gesetz und bestetigt werden teütscher nation nodturfft (1523) A 4b; item das dasjenig (besitztum), so gemeinem nutz davon gedinet het, auch in gemeinen peutel volge; dan ein jedes gut, das dermassen verendert (in den besitz eines geistlichen übergeht), tregt die purden des vorigen wesens, mitleidens (d. i. teilnahme an den öffentl. lasten) und dinstparkeit mit ime (1525) chron. d. st. Bamberg 2, 213 Chroust; ich meine aber nicht den jtzigen stand in klstern und stiften mit seinen ehelosen wesen (1530) Luther 30, 2, 528 W.; ich (Luther) will keinn andere (frau) dann dich, ich hoffe noch hundertt jar ... bei dir in slchem wesen z bliben (1538) Vogelgesang-Cochläus v. d. trag. Joh. Hussen 34 ndr; si (die Hussiten) zerbrachend vil clster und kilchen, wo man nit ir wesen annemmen wolt Tschudi chron. Helvet. (1734) 2, 90.
dazu die verbindung christliches wesen: ain christlich wsen stot darinn, das man ein andchtig hrtz trag z got, vnd ain erlichen vffrechten wandel z dem nchsten menschen Eberlin v. Günzburg 1, 2 ndr.; was ist aber eyn christlich weszen, denn eyn anfang des ewigen lebens? (1522) Luther 10, 1, 1, 503 W.; denn daryn stehet eigentlich ein christlich wesen, das wir uns fur sunder erkennen und gnade bitten (1529) ebda 30, 1, 235. — abweichend, i. s. v. 'christentum' überhaupt (vgl. C 5): brder Michael Styfel von Esszlingen von der christfrmigen rechtgegründten leer doctoris Martini Luthers, ein überusz schn kunstlich lyed, sampt seiner neben vszlegung ... jnhaltend den gantzen grundt christliches wesens (1522) titel; dorumb ist mir es ... ein antzeigung eines grossen vnuerstandes des christlichen weszens, so man meindt, dy getzwungene keuscheitt der monchen ... sey got eyn angenem opfer (1524) bei Clemen reform. flugschr. 4, 233.
3) im 16. jh. vorherrschend der 'stand' als sozialer status, familienstand oder lebensalter (kindheit, alter, doch nur mit entsprechenden beifügungen); kaum über das 17. jh. hinaus gebräuchlich (nahestehende anwendungen im mhd. s. unter DWB E 1, z. b. Teichner und ackermann): elicher stat oder wesen matrimonium, coniugium, connubium, voc. incip. teut. (Speyer, um 1485) e 7a; puer puero mihi cognitus von kinds wsen auf, oder von jugend auf bekannt Frisius dict. (1556) 243a: wie sich ain ietliche person der dreier wessen (des ledigen, ehelichen und witwenstandes) haben sll entlich, damit yede iren besunderen lon von gott erlangen müg Keisersberg granatapfel (1510) F 2b; etliche ziehen ire kinder vff, das sie ein ersamen stad vberkumen, mit knechten vnd gesind füren mögen nach irem wesen Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 32a; im eelichen wesen J. Strausz beychtpüchlin (1523) B 2b; wie geht es, das yhm niemand an seynem weszen benugen lest, eyn iglicher meynt, des andern weszen sey besser denn seynisz? wer eyn kauffman ist, der lobett

[Bd. 29, Sp. 534]


den handwerckszman ... ist er ehlich, szo lobt er den, der keyn weyb hatt ... ist er geystlich, szo gefellet yhm der welltlich stand Luther 10, 1, 1, 314 W.; darumb das das allter ein schweer, unselig wesen und leben ist ebda 19, 357; als die reich, von ehrlichem wesen, yhr kind nicht wolten einem geringen losen man geben ebda 30, 3, 220; von kinds wesen auff, bisz in das alter sprichw., schöne weise klugreden (1548) 135b; fragt Lewfrid under andrem, was ihr wesen und begangenschafft wer (etwa 'stand und gewerbe') Wickram 2, 321 lit. ver.; ein fraw ehrbars wesens buch d. liebe (1587) 109b;

darneben (hat Jesus) auch von hohem stand
kein diener auszgelesen,
sondern die kleinsten in dem land
von gar geringem wesen
Ringwaldt evangelia (1581) 1 5a;

etlich ... geschlecht ... deren ... etlich noch im adelischen wesen leben bei Fischer schwäb. 6, 724;

die haben aufferzogen mich
in jhrem hausz von kindes wesen
Spreng Ilias (1610) 194a;

deszgleichen gehen die Portugeszer weiber, so nur wenig eines stattlichen herkomens oder weszens sein, nirgendt hin für das hausz, man musz sie tragen J. Ulsheimer rayszbuoch (1622) 114; es sey euer vatter, wer da wolle, so geht euch doch an eurem wesen nicht ein härlein ab, sondern es ist genug, dasz ihr ein jäger seyd Zend. a Zendoriis teutsche winternächte (1682) 549.
4) redewendungen (s. auch 1).
a) vereinzelt rechtssprachlich nach gestalt, nach gelegenheit des wesens jmds.: dieselben (marodeurs) sollen angenomen, und mit jne gehandelt werden nach gepür und gestalt jrs wesens (1488) urk. z. gesch. d. schwäb. bundes 19 lit. ver.; (gebühren sind zu bemessen) nach gestalt der sachen vnnd gelegenheyt eyns jeden wesens vnd vermögens cammergerichtsordn. (1555) 42b.
b) die koppelung stand und wesen ist seit dem ende des 15. jhs. auch auszerhalb der unter 1 angeführten rechtsformel sehr verbreitet: was guttes sich in dem eelichen stande vnd wesen mgen begeben Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 5 Herrmann; so wir den personen dauon wir reden, billich wirdikeit nach irm stand vnd wesen zlegend Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) c 2a; von stand und wesen der stiften und klöstern, wie sich derselbig zr zeit der alten Franken ... in Gallien und Germanien gehalten habe J. v. Watt chron. d. äbte d. kl. St. Gallen 1, 36 Götzinger; vom stand, wesen vnd verhalten einer meyerin Sebiz feldbau (1579) 62; tugenden eines laboranten wie der in seinem standt vnd wesen sich halten sol Thurneysser magna alchymia (1583) vorr. 3; so sie (mönche) sich ... zu gutem gemeiner kirchen in ein andern stand oder wesen begaben Stumpf Schweizerchron. (1606) 350a; da wir noch in unserm ersten ritterlichen stand und wesen umbschwebten Weckherlin ged. 1, 46 lit. ver.; er aber fragte, wesz lands, stands und wesen sie seyen Grimmelshausen 2, 818 Keller.
oftmals in freierer verwendung ('status' im weitesten sinne); conditio humana der stand vnd das wsen der welt Frisius dict. (1556) 286a; gratam sortem habemus wir sind vnsers stands vnd wsens wol vergnügt vnd zefriden ebda 1227a: der halbtruncken Chremes ... der zeygt meisterlich an den stand vnd wesen der trunckenen Boltz Terenz deutsch (1539) 49a; denn busz predigen heist anders nichts, denn einen ein sünder schelten und jm sagen, er sey inn eim verdamlichen stand und wesen (1544) Luther 52, 262 W.; so er (der mensch) in seinem ersten stand vnd wesen, darzu er gleich im anfang erschaffen worden, geblieben were Würtz wundartzney (1624) 1; wer fried vnd ruh hat, der ist im guten stand vnd wesen Lehmann floril. polit. (1662) 1, 309.
G. 'tun und treiben, tun und lassen, verhalten', die frühnhd. hauptbedeutung des wortes, die (namentlich auch in festen wendungen wie sein wesen treiben, viel wesens machen) bis zur gegenwart nachwirkt.

[Bd. 29, Sp. 535]



1) die ausbildung der bedeutung bis zum anfang des 16. jhs.
a) die ersten anhaltspunkte für den neuen wortsinn liefert der unter E 1 behandelte gebrauch für 'die art, das leben zu führen', dessen anwendungen z. t. schon mhd. in die auffassung 'tun und lassen, tun und treiben' schlechthin übergehen:

ir hǎnd da vor nun wol gelesen
von der rainen lucernen wesen,
das Maria hat uff erd
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 3202 Lindqvist;

nu se mynsche dynes sulues wesen;
du schalt der doghet hebben meer,
na der vornuft, den en stum deer
Meister Stephan schachbuch 626;

so mir ir wesen vnmut pringt,
hebt sy frölichen an vnd singt liederbuch d. Hätzlerin 75 Haltaus;

das sie kamen ... z besuchen dise kirchen vnd spital vnd sachen der spitalerin wesen, sagten widder ein ander, es muste ein heylige frawe sein (1527) Warbeck d. schöne Magelone 53 Bolte.
von hier aus wird wesen bald auch auf das äuszere verhalten und gebaren bezogen:

etleicher ist fraidig in seinem wesen,
der do lang in chriegen ist gewesen;
die selb fraidichait ist von übriger gewonhait
Hans Vintler pluemen d. tugent 4184;

item nu saltu wiszen phyzonomien unde gestalt hern Conen vurgenant, want ich in dicke gesehen unde geprufet han in sime wesen unde in mancher siner manirunge (folgt ausführl. beschreibg. v. körperbau, mimik u. gehaben) Tilemann von Wolfhagen in: Limburger chron. 51, 5 Wyss; doch was mir frewden mit seinem (meines kindes) tode enczogen sind, dy werden widerlegt mit dem guten wesen ('durch das gütige verhalten') ewer kunklicher er (1428) Andreas v. Regensburg s. w. 603, 29; als ob sie etwas grusen hete ab synem (des Herkules) ruhen klaid und wildy synes wesens Steinhöwel de claris mul. 82 lit. ver.
b) auf dieser grundlage werden seit der zweiten hälfte des 15. jhs. stark divergierende auffassungen möglich, die den anwendungsbereich des wortes so weit ausdehnen, dasz es in der bedeutung 'tun und treiben, verhalten' bald für alle nur in frage kommenden sachverhalte gebraucht werden kann: wir haben dir zwen treffenlich rete zugeschickt, der soll allwegen einer ... bei dir sein, deinem wesen vorsein und dich getreulich ziehen (1469) Albrecht v. Brandenburg bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 90; unter anderm sagt er von eurm (der herzogin Anna v. Braunschweig) geistlichen wesen (eifriger religionsausübung) (1474) ders. ebda 117; die (wucherer) warent auch dem unseligen gemainen volk ein ursach mit leihen des verderblichen wesens (umtriebe, revolte gegen den rat) (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 138; schentlicher, unzüchtiger wesen ist zu Nurenberg nie gewesen, dann auf diese nacht mit fackeln, waffen und geschrai ebda; das sy nit gantz lige, auch nicht recht stee, sunder ein mittel soll es sein ... vnnd das ist das best wesen der mageren frawen (bei der niederkunft). aber den grossen faisten weyber ist nützer sy legen sich auff den bauch (vor 1500) Ortolff v. Bayerland frauenbüchl. 8 Klein; die frowen, die z gtikait, tugentlichem wesen und mer z senfftem leben, wann uff gewaltige regierung von der ... natur geordnet synd Steinhöwel de claris mul. 64 lit. ver.; er befalch auch dem patron ... das er ... über zway iar wider mit der gallee gen Allexandria käm ..., wann er wolte zway iar in den frembden landen wandlen vnd sein wesen (sc. seine beabsichtigten reisen u. geschäfte) darnach richten, das er denn auch zumal wöllt zu Allexandria wider sein Fortunatus 81 ndr.; mach ein ordenung ... das du dise stund bettest, die ander arbeitest, die dritt essest, ... und lug daz du also in einem sölchen wesen blibest

[Bd. 29, Sp. 536]


Keisersberg bilgerschafft (1512) 9b; der mit seinem gten christlichen wesen (lebenswandel) vnd seiner marter hat verdient das ewig leben manuale curat. (1516) 64b.
2) mit der so gewonnenen breite und mannigfaltigkeit der anwendung wird 'tun und treiben, verhalten' (im weitesten, oft stark modifizierten sinne, s. b. und c) im 16. jh. die weitaus vorherrschende hauptbedeutung des wortes. sie behält diese geltung bis ins 17. jh., beginnt jedoch in dessen späteren jahrzehnten nach und nach wieder zurückzutreten und den mächtig aufkommenden modernen bedeutungen (II A—D) platz zu machen (das fortleben in neuerer sprache s. unter 3).
a) der gebrauch umfaszt das verhalten einzelner wie auch jedes anonyme treiben (an einem orte, zu einer zeit) und bezieht sich teils auf aktuelles handeln und geschehen, teils auf gewohnheitsmäszige oder als zustände bestehende verhaltensweisen (letzteres häufiger): die poeten haben ... fabel getichtet, darumb daz sie ... die sitten der menschen und ir wesen beschrybent Steinhöwel Äsop 5 lit. ver.; da dieselben die groszen ungestümb und den merklichen haufen volks und ir wesen und geber sahen, trachtet iederman seinem negsten (1507) Wilwolt von Schaumburg 149 lit. ver.; nun ist er dir fast hold, das kan ich an allen seinem weszen wol spiren (1509) Fortunatus 106 ndr.; vor allen dingen veryagend die bettel munch von yhrem wesen, dan es vnchristlich vnd der stadt schedlich ist Eberlin v. Günzburg 3, 27 ndr.; wen sie den ernst datzu thetten, vnd vorpotten solch weszen (den kult der 'wilden kapellen'), die wunder solten bald auffhoren Luther w. 6, 447 W.; ist ausz dem christlichen weszen ... worden eyn heydnische weysze tzu leben (1521) ebda 8, 296; das er in byweszen Peter Nungarts und sonst vil ander by einandern zecht und des ufrurigen wesens zu red worden (Colmar 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 192 Franz; heute hat mir ... Philipps ... gesagt, welch ein wust wesen zu Liechtenberg sey (1537) Luther br. 8, 164 W.; (wenn Odysseus) ain sollichs mtwilligs wesen in seinem hauss funde Schaidenreisser Odyssea (1537) 2a; im bad zeche halten ... ist ein vnzüchtig üppig und seer schedlich wesen Ryff spiegel u. regiment d. gesundth. (1544) 110b; also dass die artzet zu im sagtend, dass er sich ze vil arbeiteti, und dass sölch wesen sin lib nit lang wurd mögen erharren Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 304; was aber das für ein geselligs und vertrawlichs wesen bei den alten, unser vorfarn, gewesen Zimmer. chron. (21881) 1, 14 Barack;

drumb rath ich, das wir vns verstelln,
seim wessen wir zusehen wölln
Ayrer dramen 129 Keller;

was ist dann nun verhanden? was bedeut das wesen? die schergen lauffen Hayneccius Hans Pfriem 76 ndr.; (ein riese) verwstet vnd verheeret die land ... so gar, dasz grosse klag ward, vnnd erschalle sein wesen durch alle land buch d. liebe (1587) 272b; denn da war täglichen freude und lust mit reiten, ring-rennen ... und hätte mich zu solchem wesen wollen kaufen, geschweige denn, dasz ich dazu bin gebeten worden Schweinichen denkw. (1878) 46;

nach vieler leut exempel richt,
was dir zu thun sei oder nicht,
und lasz der andern wesen sein
ein lehrung allem wesen dein
Weissenburg Catonis praecepta moralia (1588) C 1b;

als nun die königin ... vermerckete, das man jhr vnter solchem zerrütteten vnd vnordentlichen wesen ... nach leib vnd leben stellete Rätel Curaei chron. (1607) 37; dan sie noch gar vil von haidnischen aberglaubischen weszen behalten, und treiben J. Ulsheimer rayszbuoch (1622) 115; glaubt jhr ..., dass jhr mit allem diesem wesen (wehklagen) den todten cörper ewers vatters wider werd lebendig machen? theatrum amoris (1626) 106; und mag zweiffels frey ... ein reinlich weib, um dadurch solch unflätig wesen zu verhüten, ihre kinder und gesinde

[Bd. 29, Sp. 537]


beredet haben, dasz, so sie das ungezieffer auff dem tische knicken würden, so bekämen sie solche wieder J. G. Schmidt gestrieg. rockenphilos. (1706) 1, 74; zu diesem getümmel vnnd wesen lieff alles volck vnnd gesinndlein ausz der schencke zu Bastel v. d. Sohle juncker Harnisch (1648) 42;

hilf, dasz ich bleib an meinem ort
vnd mich zur frommen schaar gesell,
in ihrem rath mein wesen stell
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 418;

und weil eine zimliche leibsproportion und schönes angesicht darzu kam, hielten sie alle mein sitten, wesen, thun und lassen vor adelich Grimmelshausen Simpl. 184 Scholte; er nehme es vielmehr in besten auff, dasz ich so vorwitzig bin und mich umb sein wesen so genau bekümmert habe Chr. Weise polit. redner (1677) 402; wer macht denn eben das wesen ...? hielte sie ihr maul ..., so würden wir uns manchmahl nicht so mit ihr zancken müssen Chr. Reuter fr. Schlampampe 117 ndr.
b) aus der vielfalt der verwendungsmöglichkeiten mögen noch einzelne charakteristische auffassungen hervorgehoben werden (feste redewendungen und häufige attributivverbindungen s. hauptsächlich unter 4).
α) gegenüber dem spätmhd. gebrauch (1 a) gewinnt das wort im frühnhd. namentlich die anwendung auf tumultuarische vorgänge hinzu (vgl. z. b. unter 1 b städtechron. 3, 138 und im vorstehenden Wilwolt v. Schaumburg, Hayneccius, Bastel v. d. Sohle): nu aber ist ein solch gewurm und geschwurm in dem Rom ... das zu Babylonien nit ein solch weszen gewesen ist. es seyn mehr dan drey tausend bapst schreyber allein, wer wil die andern ampt leut zelenn (1520) Luther 6, 417 W.; bey nacht seind viel blitz am himmel vnd sonst vngestm wesen gewesen Xylander Plutarch (1580) 407a.
β) von hier aus kann wesen prägnant für 'tumult' gebraucht werden; turbella ein klein vnrwigs wesen mit haderen vnd balgen Calepinus XI ling. (1598) 1501b: was wesens ist es gewesen? ist sie der schmertz vrplitzlich ankommen? (quid fuit tumulti) Boltz Terenz deutsch (1539) 120a; botz angst, was wesens ist dort hinden? Hans Sachs 7, 116 lit. ver.; so bald die soldaten gedämpffet, ist Floretto auff dem platze, nimmet sich seines cammerathens an, und erhebet sich ein neu wesen (kampfgetümmel) Schoch com. v. studentenleben (1657) K 6b. — entsprechend für 'aufruhr, unruhen': das nach gestilltem elsassischem wesen entrichte vorratgelt qu. v. j. 1614 bei Fischer schwäb. 6, 724; wegen gehaldtener soldaten im Potschkayischen wesen (zuvor: wegen aufwendung auf die gehaltenen soldatenn inn der Potschkayschen vnruhe) (1618) acta publica 1, 50 Palm; vgl. landwesen tumulto, rivolta, disturbo generale di tutto un paese Kramer t.-it. 2 (1702) 1336b.
γ) kennzeichnend ist dabei die verbindung mit hören: als sy das geschell vnd wesen bey den jnnern thürhüttern gehöret Boner Herodot (1535) 45a; höreten sie ... in dem schlosz ein grosses wesen Amadis 1, 65 Keller; aber wunder was höre ich vor ein wesen vnd klappern vnd zurichten in meines vatern hause engl. comedien u. trag. (1624) K 8a. vgl.: wesen 'geräusch', eine noch im gemeinen leben, besonders Oberdeutschlandes, übliche bedeutung; was ist das für ein wesen? 'für ein lärm' Adelung wb. 4 (1801) 1508.
δ) doch wird andererseits auch allein das sichtbare gebaren durch wesen bezeichnet (vgl. unter 1 b Ortolff v. Bayerland und unter a Ayrer):

dann wie man in der gmalten gschicht
nicht oben an die farb besicht,
sonder das wesen, thn vnd stellen
Fischart artl. lob d. lauten 267 Hauffen;

heute aber schlich ich mich vor ihm (d. herrn) in die kammer und sah da verborgen sein ganzes wesen mit an dt. volksbücher (1839) 2, 30 Simrock.

[Bd. 29, Sp. 538]



ε) viel wesens 'umstände, aufhebens', bisweilen auszerhalb der wendung viel wesens machen (s. u. 4 c ε): sintemal der bapst hie (ehescheidung) vil zeügen vnd wesens on vrsach fordert Joh. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 88a. entsprechend strenges wesen, von repressalien: im haus stande denen unterthanen newe aufflagen, beschwerliche schatzungen, aussaugung ihrer vermögens und dergleichen strenge wesen, so von ihrer obrigkeit herrühret, erfolgen werden Prätorius reform. astrol. (1665) 180.
ζ) nicht selten wird das wort mit charakterisierenden attributen auf eine begebenheit angewandt (vgl. hierzu c sowie J 1 und 3): es seind in denselben (acht tagen) vill schiff an dieselb innsl khomen mit zerbrochen säglpämen, etliche on segl, von etlichen leuth ausgefallen, ains gar verdorben, es was ein graussamb wesen S. v. Herberstein selbstbiogr. 191 Karajan;

da fieng er an zu reden lang
von der statt Troya vndergang,
mit worten schön vnd auszerlesen
erzehlet er das kläglich wesen
Spreng Äneis (1610) 21a;

seyd jhr auch noch bey sinnen, wie kömpts, dasz ihr ewer eigen fleisch vnd blut ermordet, ach wehe dieses erbärmliche wesen bei Creizenach schausp. engl. comöd. 51.
η) gelegentlich des wesens müde sein, von fortgesetzter schererei oder mühsal (s. auch Grillparzer [13, 12] und Keller unter 3), doch mit dem gebrauch unter J konvergierend (s. d. 3 c β und vgl. DWB des dinges genug haben, des dinges müde sein essere stuffo hormai e stanco di quella cosa Kramer t.-ital. 1 [1700] 229c): und stehet die sache also, das ich des wesens müde vnd gern los were (die betreuung der kurf. Elisabeth v. Brandenburg) (1537) Luther br. 8, 144 W.; desz wesens seyn wir md vnd satt (taedet pelagi perferre laborem, Verg. Aen. 5, 617) Spreng Äneis (1610) 97b.
θ) auf gepflogenheiten, gewohnheiten bezieht sich wesen in koppelung mit brauch: (wenn) dieselben priester das wort gottes nit nach dem rechten verstand verkundten, sonder auf irem alten wesen und pruchen legen (d. i. 'auslegen') (Augsburg 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 166 Franz; die kunst ist ausz gott, ewer brauch vnnd wesen ausz dem teuffel Paracelsus opera 1, 228A Huser. aber auch sonst, z. b. von nationalen lebensgewohnheiten: dieweil wir Griechen eins geplüts vnd einer sprach, auch eins gleichen glaubenn vnd wesens seindt (ἤθεα ... ὁμότροπα 8, 144) Boner Herodot (1535) 136a; (es ist bekannt,) wie die sitten, wohn vnd wesen gantz teutscher nation von allen andern nationen gantz vnterschieden, vnd folgt, dasz derselben geblüt ... in seiner natur vnd eygenschafft von anderer länder geblüt (verschieden ist) Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 980.
ι) in ähnlichem sinne, aber auch für 'lebensverhältnisse' und für 'tun und treiben' überhaupt steht die verbindung menschliches wesen (vgl. auch D 1): sie fünde das selbig volk grob, unkünnend und menschliches wesens gancz unwissend und mer vihisch wann vernünfftlich lebend Steinhöwel de claris mul. 47 lit. ver.; wann z auffenthaltung menschlichs wesens inn glücklichen oder widerwertigen sachen nichts bequemlicher vnnd nützer dann ware freündtschafft erfundenn würdt Schwartzenberg teutsch Cicero (1535) 68a; Democritus ein philosophus welcher ob allen glückfälen vnd menschlichem wäsen lachet Calepinus XI ling. (1598) onom. 113a; ich (Fortuna) bin die gebieterin und unerbittliche tirannin über alles menschliches wesen Schottel friedenssieg 16 ndr.
κ) den zentralen sinn der variantenreichen bedeutung vergegenwärtigt die wendung jmdm alles wesen verstören 'ihm all sein tun und trachten zunichte machen':

wo der teufel nicht kommt hin,
musz er alte weiber senden,
jezo stünd erfüllt mein sinn,
und das glükk in meinen händen,
kommt ein alter höllenhund
und verstört mir alles wesen
Stieler geharnschte Venus 127 ndr.

[Bd. 29, Sp. 539]


wohl die gleiche grundauffassung enthält die (sonst nicht belegte) positive wendung sein wesen setzen bei Paracelsus (setzen = 'constituere'; die textstelle tritt für die innere und äuszere unabhängigkeit des begnadeten arztes usw. ein): dem got ... gab geben hat, der sols von kaines guets wegen ... verkaufen oder versetzen, sonder sein wesen setzen wie ain farer, pilger, der weder mörder noch dieb forcht und sein freien mut behalt theol. abhandl. in: archiv f. reform.-gesch. 14 (1917) 110; vgl. auch:

nach hofe steht mein wesen,
gab er zur antwort mir Reinicke Fuchs (1650) 286.

die erstgenannte redensart scheint namentlich auf die geschäftige spinne angewendet worden zu sein:

wo ich (spinne) auffschlagen wolt mein zelt,
waren drey oder vier bestelt,
die mir verstörten all mein wesen,
fegten mich weg mit vielen bäsen
Burkard Waldis Esopus 1, 211 Kurz.

ähnlich noch modern (vielleicht aus landschaftlichem gebrauch): wer hat nicht schon bemerkt, wie die spinnen ihre langen beine einziehen, wenn man sie in ihrem wesen stört? Waiblinger d. Britten in Rom 8 Zoller.
λ) ganz neutral gebraucht bezieht sich wesen auf die lebensweise überhaupt: considere in otio ein rwig wsen haben, rwig sitzen vnd wonen Frisius dict. (1556) 307a; ein unruhiges wesen uno stato, modo di vivere inquieto, turbulento Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c.
c) selbständigere geltung erlangt der gebrauch für herrschende verhältnisse, bestehende zustände (wie z. b. auch Zimmer. chron. 1, 14 unter a), der aber durch vermittelnde anwendungen auf anonymes treiben (vgl. unter a Luther br. 8, 164 W., Rätel, Ulsheimer) mit dem allgemeinen gebrauch für 'tun und treiben' verbunden bleibt (doch vgl. auch DWB J 1 und namentlich J 8): wir söllen alles wesen der zyt gedultiglich tragen und der zyt iere stat geben (tempora tollerari debent et homines tempori cedere) Steinhöwel Äsop 120 lit. ver.; es were wol viel von dem elenden weszen zusagen, die iugent hat niemand der fur sie sorget Luther an den adel 79 ndr.; ehs sey ein wild wesen z diser zeit gewesen S. Franck Germ. chron. (1538) 126b; der landfried ... (wurde) gebessert und in gemein uffgericht, dadurch ... ein friedlich wesen z erhalten abschiedt d. reichsztags zu Augspurg (1555) 4b; in jedem land zoch einer dem einen, der ander dem andern zu und was ein wunderbar unsicher wesen allenthalben Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 32. vgl. noch: factio wandelunge eyns wesens (15. jh., md.) Diefenbach gl. 222b.
hierzu die verbindung stilles wesen: zu beten vmb fried vnd stilles wesen auff erden, wider den teuffel, alles vnfriedens stiffter vnd anfenger (1542) Luther br. 10, 32 W.; die liebe macht ein stilles wesen in der kirche J. Jonas apol. d. Augsb. konfession bei Müller konkordienbuch 127. vgl. noch: ein stilles, christliches (stillchristlich ò christstilles) wesen führen, haben menare, fare una vita quieta e cristianamente quieta Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c.
3) im 18. jh. ist die bedeutung literatursprachlich ganz ungebräuchlich (die seltenen belege aus dieser zeit scheinen einem rückwärtsgewandten sprachbewusztsein zu entstammen. vgl. aber unten a); erst gegen ende desselben lebt sie wieder auf (vermutlich im zuge des stärkeren rückgreifens auf volkssprachliche und altertümelnde ausdrucksweise), und besteht als ein nicht unbedeutender nebenzweig des wortgebrauches bis zur gegenwart, gestützt durch die festen redewendungen sein wesen treiben (zu ende des 18. jhs. aufgekommen, s. 4 c ζ) und viel wesens machen (aus älterer sprache konserviert, s. 4 c ε). — über das versiegen der schriftsprachlichen tradition vor dem einsetzen des modernen gebrauches vgl. auch die bemerkungen unter 4 (der quantitative befund wird durch gleichlaufende veränderungen des redensartlichen gebrauchs bestätigt). die

[Bd. 29, Sp. 540]


anwendbarkeit des wortes ist seitdem begrenzter als in älterer zeit und überschreitet kaum den umfang von modernem 'das treiben': aber in der fasznacht ist ihnen nicht zu kalt (wie in der kirche), da schwitzen sie bey ihrem dollen wesen Herberger stoppelpostilla (1715) 516a; die Genueser vermahnet Bernhardus zur beständigkeit ...; bey den Pisanen hingegen vermeynet er solches nicht nöthig zu haben. vielmehr erhebet er dieselben, wegen ihrer fermete, uninteressirten wesens, und in allen stücken bezeugten standhafften muths ('verhalten', in politischen wirren) Hahn einl. z. d. teutschen staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 3, 189; man hielte sie (d. kadetten) auch an zum cristenthum, honetten und artigen wesen Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 134; dein muntres wesen bracht mich aus dem schlaf zurücke slg. v. schausp. (1764) 3, 108 (d. verliebten philos.); welches rohe, wüste wesen (lebensweise) aber sich vor keinem edlen weydmann schicket Heppe aufr. lehrprinz (1751) 247; lasst ihm nur seine wildheit, all sein wesen: wenns krieg giebt, braust er aus Klinger w. 1 (1815) 41; ihr bette so klein, ihr wesen so selig (taubenpaar) Maler Müller w. (1811) 1, 85; wäre nicht schon heut früh des wesens so viel geworden, hätt ich schon angefragt, ob sie mich heute zu tisch haben wollen? es ist aber auch sonntags bey mir als wärs jahrmarckt Göthe IV 5, 28 W.; ich kann mir ihr (anrede) leben in Pyrmont wohl vorstellen ... Humboldt hat mir schon etwas von dem wesen in Hannover geschrieben, und meine schwester von dem in Pyrmont (1789) J. G. Forster s. schr. (1843) 8, 86; ich bin an die thüre getreten; ich habe dem wesen der wolken eine weile zugesehen Fr. Schlegel pros. jugendschr. 2, 35 Minor; wenn ich meine geschäfte that, bekümmerte sich die alte nicht weiter um mein wesen Tieck schr. (1828) 4, 157; es ist so ein wesen, so ein klagen, so ein zittern in der luft ebda 5, 44;

ich will mal den könig sehen;
und den hof und all ihr wesen
Grillparzer s. w. 9, 136 Sauer;

heute, ich wills nicht leugnen, zitterte ich selbst ein wenig (während d. sturms zu schiff), aber nicht für mich, oder der gefahr wegen, das sind possen! wir sind das wesen gewohnt ebda 13, 12; seine reisen ... waren die veranlassung zu so vielen thorheiten ... geworden, dasz der vater seinem wesen einhalt thun muszte Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 1, 87; aber schämen sich denn ihre gelehrten nicht, auf diese art die kritik und litteratur zu handhaben? ... ich musz gestehen, in Frankreich würde man ein solches wesen verachten W. Hauff s. w. (1890) 2, 185; ja, kinder, macht, dasz ihr bald mit eurer sach ins licht tretet, ... es ist ein böses ding um solch ein heimlich wesen und tut nicht gut Raabe kinder v. Finkenrode 4 202; mein roman (d. gr. Heinrich) wird die letzte subjektive äuszerung sein, ich bin dieses nörgelnden wesens müde (1849) G. Keller br. u. tageb. 2, 209 Ermat.; wir aber lieszen sie lachen und setzten unser wesen fort A. Winnig frührot (1926) 206; was ist das für ein wesen, ... wofür soll das gut sein, dein geschrei? Waggerl jahr d. herrn (1933) 294.
a) hervorzuheben ist die von der mitte des 17. bis zur mitte des 18. jhs. bezeugte (mit dem schwund des sonstigen gebrauches zusammenfallende) verwendung des wortes in lobgedichten, wobei es auf ruhmestaten, regierungsweise usw. der gepriesenen (meist fürstlichen) person bezogen wird:

nicht nur Europa kennt sein wesen,
sein gottergebnes regiment
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 206;

seine (des fürsten) hochgebohrne väter ...,
deren weltberufnes wesen noch in vollem glantze flammt ders., neuspross. teutscher palmb. (1668) 445a;

andre erben ihren thron;
er wollt ihn vorher verdienen:
darum hat sein wesen schon,
längst uns königlich geschienen
Neukirch ged. (1744) 5;

[Bd. 29, Sp. 541]


erblickt man nicht ...
wahl, ordnung und geschmack in allem deinen wesen?
in deinen ubungen die kunstgeschicklichkeit?
in landsverrichtungen die unverdrossenheit?
bemühtes wachsamseyn für das gemeine beste?
König ged. (1745) 131;

man hat in mancher schlacht die heldenart gesehn,
so oft durch deinen arm der feinde fall geschehn.
der Pohlen edles volk wird dein erhabnes wesen,
so lang der erdkreis steht, in hundert schriften lesen
Gottsched ged. (1751) 1, 381.


b) sonst begegnen, im gegensatz zur älteren periode, keine sehr spezifischen modifikationen der auffassung. zu erwähnen sind noch
α) anwendungen auf ein gemeinschaftliches verhalten einer personengruppe (zuweilen dem gebrauch unter II C 3 b nahekommend): indessen nahmen nun die ruhigen und unbescholtenen unseres alters teil gegen das verfolgungssüchtige wesen jener, beschützten mich zu wiederholten malen vor ihren anfällen G. Keller ges. w. (1889) 1, 154; das wesen derer von Mariels gegen Moses im allgemeinen und einiger seiner feinde ... im besonderen wollte ihr nicht mehr aus dem sinn E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 261.
β) verwendungen aus neuester zeit, die sich auf die tosende bewegtheit modernen massenbetriebs beziehen: Lennacker starrte über das unter ihm dunkel wogende wesen (bewegung einer menschenmenge) hinweg Ina Seidel Lennacker (1938) 202; und (er) sah in den unerhörten verkehr der fuszgänger, radfahrer, droschken, lastwagen und straszenbahnen, er stand an einer hausecke und liesz dies gewaltige wesen an sich vorüberbrausen Winnig wunderb. welt (1938) 296.
4) die redewendungen und gebräuchlichen wortverbindungen zur bedeutung 'tun und treiben' (einzelnes s. auch unter 2 b und c) gehören in der mehrzahl deren älterer periode (s. oben 2) an und kommen jüngernhd. auszer gebrauch. erst nach der zäsur des 18. jhs. entsteht die in moderner sprache sehr verbreitete wendung sein wesen treiben (c ζ, unterschieden von frühnhd. ein wesen treiben c α); ebenfalls neu ist wesen und treiben (b ε), während die nahestehenden älteren verbindungen tun und wesen (b γ) und leben und wesen (b δ) gleichzeitig wieder aufgefrischt werden. die völlig fest gewordene wendung viel wesens machen (c ε) besteht (nebst varianten) unbeeinträchtigt vom frühnd. bis zur gegenwart.
a) attributivische verbindungen.
α) ehrsames, ehrbares wesen 'ehrbare lebensführung'; in der ersten hälfte des 16. jhs. sprachüblich: gedacht er ym, ainem solichen palast dem zymmet wol ain ersammes wesen, vnd satzt ym für, ainen gemahel zu nemen (1509) Fortunatus 63 ndr.; (dasz gott) uns ynn der tzucht behallte unnd uns ynn eyn erber weszen treybe euszerlich, das wyr unternander leben mugen und eyner den andernn nit fresse (1522) Luther 10, 1, 1, 454 W.;

er hat die bibli g'läsen,
erfaren den rechten grund,
und fürt ein erbers wäsen biblioth. ält. schriftw. d. Schweiz I 4, 181.

besonders auch amtssprachlich: und soll sölicher limut seinen ursprung haben von glaubwürdigen alten menschen ersams wesens und guten limuts d. stat Worms reformation (1513) 89b; deszgleichen sollen die beysitzer alle eines erbaren wesens unnd wandels ... sein d. keyserl. maiestat cammerger.-ordn. (1555) 3a.
β) gottloses wesen, im 16. jh. häufig, danach bald auszer gebrauch; ἀσέβεια, ἀνασιότης, impietas gottlosz wesen Frischlin nomencl. (1548) 97b: der herr dein gott vertreibt diese heiden vmb jres gottlosen wesens willen 5. Mose 9, 5; bis Christus selbst kumpt ... und macht ein end an solch gottloss wesen (d. treiben i. d. klöstern) Montanus schwankbücher 418 lit. ver.; vbermut, stoltz, ... fressen, sauffen ... vnd alles gottloses wesen des bapsts vnd seines geschmeis (1589) Faustbuch 55 Fritz; du bist nicht ain got, dem gotlos wesen gefelt Schede-Melissus psalmen 23 ndr.

[Bd. 29, Sp. 542]



γ) andere pejorative verbindungen sind z. t. länger gebräuchlich; confusio chaos, vnordnung, ein wst wesen Alberus dict. (1540) k 4b; das seind vocabel von dem teuffelischen wesen der heyden ebda S 4b: (des röm. stuhls) wuttends vnchristlichs weszen (1520) Luther sendbrief an papst Leo 6 ndr.; bekrefftiget er (der papst) ... eyttel teuffelisch weszen, werck, lugen und yrthum ders. 8, 712 W.;

komm her und lass unss stein aufflessen
wendt ihn (den juden) vertreiben ihr böses wesen Endinger judenspiel 1853 ndr.;

sündlich wesen vnd epicurisch leben, fressen, sauffen, gottlesterung Schweigger reyszbeschr. (1619) 158; so ferne ich meine landesleute hoffe zu verbessern und dass teuflische und tägliche böse wesen ab zugewehnen Prätorius philos. colus (1662) vorr. 5; dasz alles sündliche wesen ... verbannet ... würde Chr. Weise polit. redner (1677) 46. später nur noch ironisch-altertümelnd:

er hielte seine hochgeliebte gemeine
von allen lastern und bösem wesen reine
Kortum Jobsiade (1799) 1, 84.


δ) der welt wesen (daneben, zumal anfangs, auch freiere verbindungen); vorwiegend im 16. u. 17. jh. üblich: wer nun nicht weste, was die welt mit jrem wesen wer (1544) Luther 52, 492 W.;

welche diese böse welt
und ihr wesen liebgewinnen
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 34;

es würde alsdann auch männiglich der welt wesen mit Simplicii augen ansehen Grimmelshausen Simpl. 73 Scholte;

du kennest nicht der welt verkehrtes wesen
Warnecke poet. versuch (1704) 124;

ihr werdet noch lernen, dasz das ganze wesen der welt durch zwei principia regiert wird, bei den soldaten heiszt es: nehmen, was zu greifen ist, bei den schreibern: eine hand wäscht die andere G. Freytag ges. w. 12 (1887) 119. auch: rauch ist alles ird'sche wesen Schiller 11, 395 G.
ε) fröhliches wesen, in verbindung mit führen, haben o. ä. (vgl.c) 'ein lustiges treiben veranstalten':

sie namen das gelt mit hauffen ein
...
sie hatten al zu fressen dauon,
sie frten ein frlich wesen bergreihen 26 ndr.;

alsdann wolt er erst ein frlichs wesen anfangen und alle gten freund unnd nachbauren darz laden, ein new hochzeit haben Wickram w. 2, 155 Bolte;

katzen und hund sassen zu tisch
...
und heten do ein frölich wesen
Montanus schwankbücher 489 lit. ver.

in objektivierter auffassung etwa 'die lustbarkeit':

ich far dahin zum fröling wesen,
da ich noch weisz ein abend-dantz.
wilt mit? wol auff, mein lieber Frantz!
Hans Sachs 3, 72 lit. ver.;

ich pfeiff gar frisch das frolich wesen!
weil ich guet krona auserlesen
mit mir heraws von Maylant pracht,
so schlem und pras ich tag und nacht ebda 22, 283.


ζ) daneben begegnen unfeste verbindungen ähnlicher art (vgl. auch die wendung da ist gut wesen unter A 1): (er wollte) die fest vnd hochzeit sehen vnnd der fest ain ennd warten, wann er kund wol mercken, das es ain kostlich wesen werden wolt vnd das grosz volck tzurait von fürsten vnd von herren (1509) Fortunatus 41 ndr.; als nun mit hochzierlichem wesen die begräbnuss begangen ist worden buch d. liebe (1587) 117b; disz liebliche wesend des freien gnaden- und frewdenmahls mit dem köstlichen wein und milch Ph. Nicolai t. schr. (1617) 1, 1, a 3a vorr.eher von 'sein, dasein' (B) her zu verstehen: wer

[Bd. 29, Sp. 543]


bey dem lieben gott ist, hat freund die fülle und liebliches wesen immer und ewiglich Prätorius abenth. glückstopf (1669) 43;

dort ist schon für vns zugericht
ein süsz liebliches wesen
mit trost von gottes angesicht bei
Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 20.

zum folgenden vgl. DWB J 8:

du durchrennst des lebens bahn,
freund, mit abgeschossnem zügel.
ich auch setz in vollen bügel
auff das schöne wesen an
Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 183.


b) nominale koppelungen.
α) wandel und wesen: da by merck ir aller sin wandel vnd wesen schwer ist Terenz deutsch (1499) 70b glosse; alle länder ... mit jhren eygenschafften, wandel vnd wesen Paracelsus opera 2, 496 Huser; mit achtgebung auff seins gesinds wandel und wäsen Sebiz feldbau (1579) 26; jhrem (der tagediebe) wesen und wandel (nachforschen) Agyrta grillenvertreiber (1670) 3, 29; der pater Sautel hat in einem gantzen tractat ... ihren (Maria Magdalenens) lebenswandel und wesen aufgewiesen Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1233.
β) wesen und werk, nur im 16. jh. (im 17. jh. dafür tun und wesen, s.γ): geht doch alle sein (des papstes) weszen, werck vnnd furnehmen widder Christum, nur Christus weszen vnnd werck zuuortilgen vnd vorstoren Luther an d. adel 38 ndr.; (der ordensleute) klösterlich wesen vnnd werck Regius v. lutherischen wunderzaychenn (1524) B 1b; was jedes werck vnd wesen sey Dedekind d. christl. ritter (1590) F 8b.
länger bewahrt in der formulierung des taufgelöbnisses: ich widdersage dem teuffel vnd all seinen wercken vnd wesen zwei älteste katechismen 55 ndr.; ihr wollet wiedersagen dem teufel, allen seinen wercken, wesen und willen Schupp schr. (1663) 348; entsagst du dem teufel und allen seinen werken und allem seinem wesen? Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 52.
γ) tun und wesen, im späteren 17. jh. verbreitet, vorher vereinzelt, zu ende des 18. jhs. gelegentlich wiederaufgenommen: durch all vnser thun vnd wesen ... seine göttliche maiestet gelobet vnd gebreiset werde Agricola musica choralis deudsch (1533) A 3b;

in solchem (sc. verliebtem) thun vnd wesen
bin ich verzaubert gewesen
Th. Höck schönes blumenfeld 19 ndr.;

wann ich ewer thun vnd wesen nun betrachte, so bilde ich mir nichtes anders ein, als jhr seyd ein fräwlein hohes standes schausp. engl. comöd. 239, 26 Creizenach; wie doch dieser palmenorden seinen uhrsprung genommen? was sein thun und wesen? Neumark neuspr. teutscher palmb. (1668) 36; liebes kind, diese bilder können nicht reden, was aber ihr thun und wesen sey, kann ich ausz diesen schwartzen linien sehen, welches man lesen nennet Grimmelshausen Simpl. 31 Scholte;

wird die vernunft des willens führerin,
und lässt mich nun der liebe thun und wesen
in goldner schrift in euren augen lesen Shakespeare 1 (1797) 215.


δ) leben und wesen, frühnhd. und öfters um 1800; recidiuare widerfallen in das alt wesen vnd leben Diefenbach gl. 486c: nun nim war aller deiner edel leüte, bedenck ir leben unnd wesen, ir zucht, weise und gepärd Arigo decameron 253 Keller; es kunnen nicht gutte geyster seyn, die uns vom weszen und leben der toden sagen wollen Luther 8, 535 W.; in summa, jr (der bienen) wesen, leben vnd wäben ist zum aller höchsten zu wunderen Sebiz feldbau (1579) 300; unterhaltung mit August über sein bisheriges leben und wesen Göthe III 4, 69 W.; vgl. noch I 21, 81; IV 8, 51; solch ein tierlein ... hat ein geheimliches leben und wesen Hebel w. 2, 79 Behaghel; das ganze jetzige leben und wesen Solger nachgel.

[Bd. 29, Sp. 544]


schr. (1826) 1, 12. — anders im mhd. (zu C 'essentia' oder A 'existenz'): der gottes sun ... wil ... dur got würken, und das ist sin wesen, sin lebenne, sin würken, sin selikeit Meister Eckhart buch d. göttl. tröstung 29 Strauch; di gnade cumet ouch in di sele, wan si nicht bestênde wesin enhâit an ir selbin, mer si gibit der sele wesin und lebin paradisus anime intell. 25, 1 Strauch.
ε) wesen und treiben, um 1800 wohl im zusammenhang mit der wendung sein wesen treiben (c ζ) auftretend (häufig bei Göthe): wendete er (Tischbein) sich ... zum unschuldigen golden-silbernen zeitalter ländlichen wesens und treibens I 49, 1, 306 W.; vgl. noch III 7, 94; IV 8, 293; 19, 259; ich sah sie (die eltern) über mein wesen und treiben oft kopfschütteln Arndt s. w. (1892) 1, 66.
c) verbale redewendungen (vgl. auch a ε).
α) ein wesen treiben 'ein (näher bezeichnetes) verhalten an den tag legen, eine lebensweise führen' u. ä., meist pejorativ; vom ende des 15. bis zur mitte des 16. jhs. üblich, ganz vereinzelt auch später (vgl.ζ sein wesen treiben): dins sintlichs, schenntlichs wesen, die du unnd die dinen getribenn hand (1477) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 184;

wo habt yrsz ye eür tag geleszen,
das ir treibt also nerrisch weszen,
das ir die heiligen gotts verprent pfarrer von Kalenberg 58 ndr.;

er ... ass anders nit dann kreuter vnd wurtzeln; diss wesen dreyb er sieben jar an hertzog Aymont (1535) d 3a;

wann du, herr, bist ie nit ein gott,
dem gfall gottloss wesen zu treiben
Hans Sachs 18, 38 lit. ver.;

man treibt ein sündlich wesen Cronegk schr. (1771) 1, 14.
β) ein wesen führen 'einen bestimmten lebenswandel führen', im 16. und 17. jh.; pergraecor ein voll vnzimlichs wäsen führen mit fressen vnd sauffen, wie die Griechen Calepinus XI ling. (1598) 1060b:

darumb ich dennocht wardt citiert,
das ich ein solches wesen fiert
Murner narrenbeschwörung 223 Spanier;

also wilt du dein tochter in ein closter thn, so frag auch was man für ein wesen füre Keisersberg brösamlin (1517) 2, 10b; dasz jhr ein stilles, eingezogenes vntadeliches wesen führet Moscherosch insomnis cura par. 67 ndr.;

mein Phaedrus ist genesen,
ist frisch und wohlgemuth, führt gantz ein ander wesen
Rachel satyr. ged. 94 ndr.

abweichend, etwa i. s. v. ein wesen machen (ε): dem herren ein verdacht einfiel, waz doch in dem gemach sein mchte, drumb das hndlin ein solch wesen fret Heyden Plinius (1565) 197;

(das bier) verwüstet uns den kopff.
das kan man ietzt noch wol an unsern bauern spüren,
die von der Ceres tranck ein seltzam wesen führen
Treuer dt. Dädalus (1675) 256.


γ) ein wesen anrichten; im 16. jh. seit Luther, hin und wieder auch noch im 17. jh.; die auffassungen variieren zwischen 'ein (wildes, wüstes) treiben anstellen' und '(näher bezeichnete) zustände, verhältnisse herbeiführen'; quas turbas dedit was hat er für ein wesen angricht Alberus nov. dict. genus (1540) Ii 4a: mein tod und aufferstehung wird alles new machen in himel und erden und ein solch wesen anrichten, da der heilige geist wird allenthalben regiren (1539) Luther 46, 33 W.; kamen heimlich in gerten vnd wiesen, auch bey der nacht zusammen, vnd richten ein grewlich vnd wst wesen an Mathesius ausgew. w. 3, 237 L.;

vnd sie würd zweyer kinder gnessn,
die anrichten gar seltzams wessn
vnd töden denn Amulium
Ayrer dramen 38 Keller

[Bd. 29, Sp. 545]


das von den Chamiten angerichtete abgttische wesen Micraelius altes Pommerland (1640) 1, 41; rieffen, man solte zur wehr greiffen vnd fr das vtterliche gesetz lieber mannlich streiten. vnd richteten ein wildes wesen an biblia (Nürnberg 1662) 3. Macc. 1, 30. auch: ich hab kein grossere gehabt vnd kein schwerere (anfechtung) denn de praedicatione, das ich dacht hab: das wesen richtest du allein zu; ist es nu vnrecht, so bist du schuldig an souil selen, die in infernum faren Luther tischr. 1, 3 W.
δ) ein wesen haben (mit jmdm) 'sich lebhaft gebärden, viel aufhebens machen', auch viel wesens haben; im 16. jh. und wenig vorher und nachher gebräuchlich, seit der mitte desselben durch die schnell verbreitete wendung viel wesens machen, ein wesen machen abgelöst (ε, s. d. vereinzelte weitere verbale variationen); sporadisch auch in jüngerer zeit, wohl aus landschaftlichem sprachgebrauch aufgenommen (vgl. auch sein wesen haben unter ζ): gedenck auch ... wie sy (Maria) ein wesen mit im (Jesus) gehapt wurd haben, wie sy in allwegen mutterlich gehantzlet, getragen, vmb fangen vnd gekeüst wurd haben Stephan Fridolin dt. pred. 50, 1 Schmidt; pharisei et publicani ... hatten viel wesens mit beten, fasten, almosen geben Luther 46, 489 W.; von sollichem seinem geschrey die fraw erwachet, fraget, was er nur für ein wesen het (1559) nachtbüchlein 44 Bolte;

(Hans Pf.) hatt mit den jungen märterlein
...
sein freudenfest vnd wesen fein (im paradies)
Hayneccius Hans Pfriem 84 ndr.;

der furman nicht viel wesens hett Eyering proverb. copia (1601) 2, 28; er hat ein wesen inquietus est, miscet turbas Aler dict. (1727) 2, 2181a. mit dinglichem subjekt: hat solches mehr wesens und prausens, als es auszrichtet Boterus allg. weltbeschr. (1596) 2, 54b. — modern:

sie haben's ein wesen
...
und können nicht ruhn
Overbeck verm. ged. (1794) 52;

sie hielt viele mit allerlei interjektionen durchwebte selbstgespräche ... und hatte ein arges wesen mit kopfschütteln und achselzucken W. Raabe s. w. I 6, 421. auch: er hat sein wesen mit ihr gehabt nefas cum ea fecit Serz teutsche idiotismen (1797) 176.
ε) viel wesens machen 'viel aufhebens, auch lärm, rubel machen', entsprechend ein (groszes) wesen machen u. ä.; die wendung wird um die mitte des 16. jhs. gebräuchlich, hält sich ungeschmälert bis zur gegenwart und ist nach ausweis der dialektwbb. in der modernen umgangssprache überall verbreitet. neben der häufigeren genitivischen fassung (vgl. viel II 1 b, teil 12, 2, sp. 107; auch durch mehr, weniger o. ä. eingeleitet) steht durchgehend die akkusativische form, beide oft (modern zumeist) mit präpositionalem anschlusz (gewöhnlich von, nur im 18. jh. häufiger aus, selten mit, wegen, über u. a.): gott geb was sie sunst für ein wesen machen (turbent) Boltz Terenz deutsch (1539) 127b;

aber von den geringen sachen
wil ich hie nicht viel wesens machen
Fischart S. Dominici artl. leben 159 Kurz;

jederman thut ausz dieser sachen
ein grosz geschrey und wesen machen
W. Spangenberg bei
Dähnhardt griech. dramen 2, 73 lit. ver.;

die einfältigsten machten von ihrer einbildung mehr wesens als (die philosophen) Lohenstein Arminius (1689) 2, 269b; formalisiren sich beleydigt finden, ... viel wesens machen Stieler zeitungs lust u. nutz (1697) 444; die alten haben mit der cabbala viel wesens gemacht Leibniz dt. schr. (1838) 1, 451; von der obgemelten groszen opposition des Jovis und Saturni, so den 20. september einfällt, wird hie groszes wesen gemacht (1713) Berliner geschrieb. zeitungen 21 Friedl.;

den hänfling und den star, den du mir einmal brachtst,
woraus du gleichfalls erst so groszes wesen machtst,
gäb ich auch gern zurück
Gottsched dt. schaubühne (1740) 5, 460;

[Bd. 29, Sp. 546]


macht nicht so viel wesens! Iffland dram. w. (1798) 3, 108; besonders macht man viel wesens von seiner ältesten tochter Göthe I 19, 13 W.; aus dessen knaben- und jüngling streichen so viel wesens gemacht worden war M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 196; dasz damals ein groszes wesen gemacht wurde Th. Mann Buddenbrooks (1922) 1, 431; (alle kinderkrankheiten vergehen) und zwar um so schneller, je weniger wesens man von ihnen macht Ernst Wiechert wälder u. menschen (1936) 84.
im späteren 17. und im 18. jh. findet sich nach einleitendem viel etc. auch der akkusativ (vgl. viel II 1 a [sp. 106] und II 9 a [sp. 139]), der sich jedoch im rahmen der festen wendung nicht gegen den genitiv durchsetzt: zu Franckenhausen machte ein zauberer viel verblendungen und wesen Prätorius philos. colus (1662) 59; und macht hier nicht viel wesen (: lesen) Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 5, 4; mein weibchen machte nicht viel wesen Goekingk ged. (1780) 1, 323. vielmehr tritt in moderner sprache bisweilen die umgekehrte neigung auf, den erstarrten genitiv anstelle des akkusativs zu gebrauchen: er wunderte sich, dasz Richard ein wesens daraus machte Finckh Rapunzel (1910) 141; nun aber war sie gestorben, ohne wesens, wie ein anderer mensch E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 173. daneben: bah, sagt er still und ohne wesen, ... das hätte ein andrer auch können ders., helden d. alltags (1906) 238.
mitunter stellen sich bei gleicher bedeutung andere verben ein (vgl. auch δ): die schaf treiben nit vil wesens, haben aber vil woll S. Franck sprüchw. (1541) 1, 116a; hörte er oben ... jemand singen, jauchzen und viel wesens treiben br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 56 (vgl.α und ζ); macht man uns solche grosse difficulteten und spannt das wesen so hoch, dass wir nicht wissen, was wir daraus verstehen sollen (1649) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 1, 347 Erdm.; ich pfleg dess abends kein gross wesen anzustellen Schupp schr. (1663) 73; es gabe dieses ... ein grosses wesen (gerede) A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 131. namentlich: diser vogel (kranich) bedarff keyns sondern wäsens, dann zu dem, das sie nicht allweg pleiben, sonder darvon zu gewisser zeit zihen, legen sie eyn gantz jar nicht vber zwey eyer (ne faut faire grand estat de la grue, Estienne l'agriculture [1573] 32b) Sebiz feldbau (1579) 113; jedoch was brauchts viel wesens? Lohenstein Arminius (1689) 2, 1506a; was brauchts viel wesens hier. der streit ist gleich gehoben Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 103.
ferner begegnet: was wesens machen doch die haiden? Weckherlin ged. 1, 301 lit. ver.; was groszes wesen ist ein kusz Königsb. dichterkreis 103 ndr.; auch (vgl. oben E. Zahn): die grösten ... wercke geschehen ohne grosses wesen Ryssel v. d. seelenfrieden (1685) 659.
ζ) sein wesen treiben (auch haben, s. u.), zunächst 'seinem tun und treiben nachgehen', doch mit vorliebe (namentlich in lokaler fassung, s. u.) auf betätigungen und lebensformen angewandt, die als fremd, eigenartig, suspekt oder unheimlich empfunden werden, daher oft auch gleichbed. mit sein unwesen treiben (vgl. DWB unwesen 2 a δ, teil 11, 3, sp. 2194); kurz vor 1800 aufgekommen (ohne direkte verbindung zu frühnhd. ein wesen treiben, s.α), rasch verbreitet und bis zur gegenwart geläufig; oft mit lokalen bestimmungen, gern auch (wenngleich seltener anwendbar) mit jmdm (einer sache) sein wesen treiben, d. h. etwa 'sein spiel treiben': der könig (Oberon) will sein wesen nachts hier treiben Shakespeare 1 (1797) 197; (hof- und staatsbeamte, die) den gefesselten götzen (fürsten) mit abgötterey und anbetung speisten, während sie ... ihr wesen ohne furcht und scheu mit der gemeinde trieben Klinger w. (1809) 12, 6;

ein gelehrter rabe,
der in betrachtungsvoller ruh
zehn jahre schon in einem grabe
sein wesen trieb
Pfeffel poet. versuche (1812) 1, 38;

[Bd. 29, Sp. 547]


dieser mensch ist ein alter zeichenmeister, der in mittelmäszigen schulanstalten sein wesen getrieben hat E. T. A. Hoffmann s. w. 14, 161 Gr.; eigentlich hat dies unterirdische geschlecht (zwerge) keine gemeinschaft mit den menschen und treibt inwendig sein wesen, da hat es stuben br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 20; wirksame situationen (in der opera buffa), in denen die beliebten ... figuren ihr wesen treiben können O. Jahn Mozart (1856) 1, 350; ein dogmatismus, der noch heute sein wesen treibt Lange gesch. d. materialismus (1866) 10; das rasseln der thurmuhr, die hier in der einsamkeit ihr wesen trieb Th. Storm s. w. (1899) 2, 33; dasz du hier herumkokettierst und sogar mit dem Andras dein wesen treibst Fontane ges. w. (1905) I 4, 144; um dieselbe zeit trieb, nicht nur in den gräflichen forsten, ... eine bande wildschützen ... ihr wesen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 163; zinkenisten und gaukler trieben ihr wesen A. Winnig frührot (1926) 307.
mit lokaler ergänzung zuweilen auch sein wesen haben (vgl.δ): hatt auch auf einer burg ein poltergeist sein wesen Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 145; (der wind) hatte sein wesen um den reisewagen W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 228.
H. die öffentlichen verhältnisse und ihre ordnung, das gemeinwesen als staatliches (oder kirchliches) ordnungsgebilde.
1) über das aufkommen dieser seit dem frühen 16. jh. sehr gebräuchlichen bedeutung sind nur dürftige anhaltspunkte zu gewinnen. erste spuren finden sich im 14. jh.:

ouch sach man in den ordin varn
lantgrêven Conrâde vorwâr
von Duringin, dem dâ was
meistir Herman (v. Salza), als ich las,
dennoch in werltlîchim wesin
zu gesinde ûzirlesin.
...
dem swûr er nû gehôrsam
Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 1061 Strehlke;

d. h. 'er war ihm im weltlichen ordnungsgefüge unterstellt'; diese ausdrucksweise knüpft vermutlich, mit leichter sinnverlagerung, an wendungen an wie in diesem wesen 'in diesem leben, in der säkularen welt', entsprechend häufigerem das ewig wesen (s. DWB B 1 b ζ). — ein anderer zugang zu der bed. 'gemeinwesen' ergibt sich von der bed. 'wohnstätte, siedlungsgebiet' her (A 4 e; vgl. unten 3 e):

dar uss (Ägypten) er sy frt ze hand
in des gehaissen landes wesen
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 2717 Lindqvist.


weitere spezielle wortverbindungen begegnen in der zweiten hälfte des 15. jhs.: und noch demselben (sc. könig Konrad) Nuremberge mit pawung und bevestigunge eins stettischen wesens wider zugericht und erhebt ward städtechron. 3, 272; wir haben bedacht die manchfeldige clage und gebrechen unsers hofelichen wesens (Sachsen, ca. 1470/80) dt. hofordn. d. 16. u. 17. jhs. 2, 27 Kern.
2) in freier anwendung ist die bedeutung bis zum ausgang des 17. jhs. gebräuchlich: das wir unser baider lannd unnd lüte zusamen in ain regiment und wesen tuen, domit wir ... zu ewigen zeitten ungetaillt alls ain wesen bey ainannder blyben qu. v. j. 1482 bei Fischer schwäb. 6, 725; seytenmal alle sachen vnd das gantz wesen teütsches lands an dir (dem kaiser) allein gelegen (quia omnis in te uno posita Germania est) (1520) Hutten opera 1, 373 Böcking; das zerstret Hierusalem, das worlich ein bedeütnusz ist gewesen des jämerlichen zerstrten weszens der kirchen M. Stifel (1522) bei Clemen reform. flugschr. 3, 290; der jüden wesen zerrüttet vnd zerstrt worden ist Hedio chron. German. (1530) C 2a; unnd ist der erst gewesen, der alle vlcker in der gegne zsamen in ein gleich wesen zoch, z aim corpus pracht Boner Justinus (1532) 29b; solten wir nit von euch (den geistlichen herren) mögen erlangen, das wir under uns eyn wesen aufrichteten, damit ... wir in

[Bd. 29, Sp. 548]


eynem freundtlichen leben on krieg und aufrr möchten leben? (certam religionis et doctrinae formam) (1542) Sleidanus reden 104 lit. ver.; vnd wiewol sie von den nachbawern durch bitt vnderstunden solchs z erlangen, vnd vmb jre kinder wurben, so wurden sie doch (als eyn newes wesen) verachtet (vgl.: Romulus legatos circa vicinas gentes misit, qui societatem conubiumque novo populo peterent, Livius 1, 9, 3) Carbach Livius (1551) 5b; der vbermuth vnd die wütigkeit können das vatterlandt gar leichtlich schwechen, aber niemaln in gutem wollstandt erhalten, vilweniger aber den zerfallnen wesen widerumb auffhelffen vnd in vorigen ehrstandt setzen Albertinus Lucifers königreich 40 L.; hertzog Carl der III. von Saphoya hat pflegen zu sagen, durch trew vnd glauben werde das wesen erhalten Lehmann floril. polit. (1662) 2, 689.
3) wortverbindungen und abgewandelte auffassungen;auch hier geht die kontinuierliche tradition kaum über das 17. jh. hinaus. die in moderner sprache wieder auftretenden anwendungen greifen zum teil sichtlich auf den älteren sprachgebrauch zurück; zum andern teil mögen sie der die zwischenzeit überbrückenden verbindung das gemeine wesen (4) verpflichtet sein.
a) wesen und regiment (s. auch 2): er werde den juden frist geben yhr tzeyttlichs weszens und regimentts, bisz das eyn new volck geporn werde, wilch gepererynn ist die samlung der apostelln (1522) Luther 10, 1, 1, 601 W.; und eben am selben ort (Rom) ..., da so vil groszmechtiger keyser ire sess und wonung in grosser majestat gehabt, ... da sitzet jetz ein ... aller ding onartiger mensch, der von solchem grossem majestatischen wesen und regiment nichts anders, weder einen blossen titel, berig hat gelassen Sleidanus reden 28 lit. ver.; so musz die policey, regiment vnnd alles weltlichs wesen zu grundt vbernhauffen fallen Lehmann floril. polit. (1662) 1, 347; starcker gott, nimm auch in schutz unser regiment und wesen Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 14.
b) bürgerliches wesen (vgl. DWB J 7): (ein prediger,) der ein vernünfftig sitlich vrtheil hab, vnd etwas erfarung burgerlichs wesens Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 47 ndr.; das vnser politeuma, das ist, vnser burgerschafft odder burgerlich wesen, ist nicht hie, sondern ym hymel (vgl.: ἡμῶν γὰρ τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς ὑπάρχει Philipper 3, 20) Luther 26, 425 W.; (gott,) der auch gnedigen frieden vnd eine löbliche zucht vnd ein fein brgerlich wesen hie gepflanzet vnd diese gemeine mit treide, fleisch vnd wein zur guten notturft versorget Mathesius Sarepta (1571) 1a; alle schrifften und documenta, derer man sich in bürgerlichen wesen zu bedienen pfleget E. Weigel moral. weiszheit (1674) 130. modern vereinzelt: eure beste gelehrsamkeit hat für das bürgerliche wesen den wahren ächten juristischen sinn von jeher nicht belebt, sondern getödtet Thibaut bürgerl. recht (1814) 424.
c) neues oder altes wesen die (einem gesellschaftlichen status entsprechenden) verhältnisse: solchs alles (die ereignisse bei Christi tod) war ein anfang eines newen wesens (1544) Luther 52, 16 W.; wer das alte wesen wil reformiren, der musz zuvor die alte stockfisch verschlucken Lehmann floril. polit. (1662) 1, 100. — modern:

das alte wesen, wie's die alten bücher
vermelden — denk ich dran, mir geht das herz auf
Z. Werner Martin Luther (1807) 334;

so kühn er (Luther) im ersten ansturm aus der sicherheit seines glaubens das ganze alte wesen (der kirche) nach seiner berechtigung gefragt K. Brandi reform. (1927) 203. auch (i. s. v. 'regime'): der alte Bonaparte regierte 15 jahr, Louis Philippe 18, glauben sie, dasz das jetzige wesen länger halten wird? Bismarck ged. u. erinn. 1, 197 volksausg.
d) ähnlich mitunter in freier verwendung: so ein alt ding ... ist der mond wucher oder centesima, das es scheinet, die heiden habens hernach von den juden gelernt. denn die juden rechen alle yhre feste, geschefft vnd wesen nach den monden (1540) Luther 51, 363 W.;

[Bd. 29, Sp. 549]


von wegen ... erhaltung alles wesens, fridens und richtens ist ... dise hernach volgende ehehaftsordnung hinfiro stät und unzerprochen ... zu halten (1631) österr. weist. 3, 6, 37.
e) wesen mit regionalen bestimmungen (vgl. auch A 4 e) hat frühnhd. mehr den engeren sinn 'gemeinwesen, verwaltetes territorium': ich wolt auch schier ... sein gfangen gwesen, beim Türcken in dem wesen (1601) Höck schönes blumenfeld 13 ndr.; zuletzt wird das Magdeburgische wesen reassumiret, vnd die mängel und fähler erzehlet, so daselbst vorgangen Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 42; Rudolphus ertzhertzog zu Österreich ... war entschlossen, sich ... desz tirolischen weesens auf keinerley weisz anzunehmen F. A. v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 151. — jüngere verwendungen schlieszen sich z. t. der auffassung von c an: (die wiedergeburt,) welche dem jenaischen wesen in manchem sinne bevorsteht Göthe IV 16, 281 W.; so ward die grosse bewegung (bauernkrieg) gedämpft, welche dem deutschen wesen eine vollständige umkehr drohte Ranke s. w. (1867) 2, 157.
f) evangelisches wesen, von der protestantischen union des dreiszigjähr. krieges: dem evangelischen wesen einige dienste zu erweisen (1648) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm von Brandenburg 4, 657 Erdm.; wie man das allgemeine evangelische wesen, so durch des ... königs (Gustav Adolf) todt in etwas zerrüttung gerathen, aufs newe fassen, vnd die gesambte evangelische stände ... miteinander verknüpffen könte Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 14; wodurch also ... das evangelische wesen bisz an der Schweitzer gebirge ziemlicher massen vor dem feinde in sicherheit kommen ebda 159. vgl. auch: dasz euer churfl. durchl. keineswegs rathsamb, die direction des total weszens ferner an ein solches haubt kommen zu laszen, so an standt vnd gewaldt euer churfl. durchl. vberlegen (an Schweden) (1632) bei Gaedeke Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 134.
g) im schwäb. gilt wesen schon früh von politischen körperschaften und instanzen überhaupt: das andre mechtige wesen aus dem reich sich auch zum punt tun wurden (1496) urk. z. gesch. d. schwäb. bundes 1, 201 lit. ver.; damit nicht die stette ... höher dann andre wesen und über ihr vermögen angeschlagen werden qu. v. j. 1508 bei Fischer schwäb. 6, 725.
h) im älteren tirolischen speziell die landesbehörde: dan wan ainmal iezo die landschafft nicht das eisseriste darbey thuet; wurde sowol den wesen als dem landtsfürsten vnmiglich fallen fort zu continuieren (1624) bei J. A. v. Brandis landeshauptl. v. Tirol (1850) 52; das tyrollische lantsgsaz, auch die seithero vilföltig ergangenen hochherrschaftlichen wesens befelch (1766) österr. weist. 5, 233; zumahlen auf ratification der hohen herrschaft etc. die ainsmahlen auszgethailte gemainsbewaldung von wohlgemelten hohen wesen vorlengstens verwilliget und confirmieret worden ebda 39. dazu: erschinen die daselbstige hoche wesens bediente, neben einer grossen anzahl der adelichen landständ F. A. v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 230.
i) öffentliches wesen, eine modernere ausdrucksweise für die veraltende verbindung gemeines wesen (4), die sich jedoch nicht eingebürgert hat (vgl. öffentliches leben): dasz weder geistlichkeit noch edelleute in frühern zeiten groszen fusz in der stadt (Heilbronn) hatten; dasz das öffentliche wesen in frühern zeiten reich und mächtig war, und dasz es bis jetzt noch an einer guten mäszigen verwaltung nicht fehlen mag (1797) Göthe III 2, 99, 9 W.; die ausschaltung der volksmasse bei der führung des öffentlichen wesens A. Winnig heimkehr (1935) 335.
4) in eine spätere sprachepoche als der allgemeine älternhd. gebrauch fällt die verbindung das gemeine wesen (analog lat. res publica), die vereinzelt schon seit dem frühen 16. jh. auftritt, aber hauptsächlich vom zweiten drittel des 17. bis zum anfang des 19. jhs. in lebhafter verwendung steht, dann jedoch durch das seit Wieland bezeugte

[Bd. 29, Sp. 550]


kompositum gemeinwesen abgelöst wird (s. d. teil 4, 1, 2, sp. 3271); vgl. DWB fürsten sind wächter des gemeinen wesens principes pro republica excubant Stieler stammb. (1691) 2394; das gemeine wesen l'essere commune, la republica Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c: dieselbigen (freien) sigen dem gemeynen wesen mer furstendig und nutzlich dann nachteilig und schedlich (Sundgau 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 229 Franz; die posteritet ... erhebet vnsere herrliche vnd dem gemeinen wesen nützliche begangene werck Albertinus Lucifer 32 L.; daraus dem vaterlandt vnndt gemeinem wesen ein ... nachteil zuwachsen könte (1619) acta publica 2, 52 Palm; undt zweiffle nicht dasz dem gemeinen wesen viel fruchtbarliches dadurch würde zu wachszen können (1633) bei Gaedeke Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 339; dem gemeinen, in nicht geringer gefahr versierenden wesen durch gemein nützige ... mittel ... vnter die arme greiffen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 6; es ist ein elender handel, wo das gemeine wesen dem privatnutzen nachgesetzet wird Chr. Weise drey klügsten leut (1675) 71; wie solten denn so viele menschen, aus welchen das gemeine wesen bestehet, stetswährend einerley lebensart behalten? Thomasius kl. dt. schr. (1894) 81; einen mann ..., der sowohl in das gemeine wesen, als in die wissenschaften einen groszen einflusz gehabt Gottsched gedächtnisr. auf Copernicus (1743) 19; ich machte entwürfe, wie die erhabenen lehrsäze meiner idealischen sittenlehre auf die einrichtung und verwaltung eines gemeinen wesens angewendt werden könnten Wieland Agathon (1766) 1, 327; die die musik zu studiren, und durch dieselbe nützliche mitglieder des gemeinen wesens zu werden gedenken Quantz anweisung die flöte zu spielen (1789) a 1a; alles hier gesagte könnte man an fürsten und vorsteher des gemeinen wesens richten Göthe I 48, 142 W.; dasz dieses edle, von natur kräftige ... volk die hände in den schoosz sinken läszt, und gegen alles, was das gemeine wesen angeht, ... die äuszerste gleichgültigkeit zeigt Solger nachgel. schr. (1826) 1, 43. ironisch archaisierend: und ich sasz dem gebrochenen oberhaupte des gemeinen wesens von Bützow gegenüber (1869) W. Raabe s. w. I 6, 411.
J. in einigen verwendungsweisen nimmt wesen den charakter einer unbestimmten sachbezeichnung an, mit ähnlicher funktion wie ding, sache, angelegenheit, doch mehr auf komplexe, mannigfaltiges umfassende gegebenheiten bezogen (u. a. im sinne von '[wirres] zeug', s. u. 6). zu beachten ist einerseits die nähe zu ding (vgl. auch Kramer unter D 4 c) in der beiden wörtern gemeinsamen wendung es ist ein (köstlich, schändlich, wunderbar etc.) wesen (oder ding) um etwas (s. u. 2); andererseits die beziehung zu den zusammensetzungen des typus schulwesen, nachrichtenwesen, gesundheitswesen usw. (s. u. 7). näheres s. in den einzelnen abschnitten und namentlich unter 9. der gebrauch ist wohl aus unterschiedenen verwendungszweigen des wortes herzuleiten, die nicht gänzlich konvergieren; auch scheint die schriftsprachliche bezeugung fragmentarisch zu sein und einen geschlosseneren mündlichen gebrauch nur unvollkommen wiederzugeben.
1) derartige verwendungen begegnen zufrühest in verbindung mit einem speziellen konstruktionstypus, der sich vom ende des 13. jhs. knapp bezeugt bis in die moderne sprache hält (z. b.: das ist ein seltsam wesen 'eine seltsame sache'); wesen steht hierbei, regelmäszig mit charakterisierendem beiwort (oder doch ein solches voraussetzend, vgl. Luther und Fischart), als prädikatsnomen eines ausrufes oder urteils (bzw. in ähnlich sekundärer funktion, also nicht als unmittelbare gegenstandsbezeichnung) und bezieht sich stets auf einen komplexen sachverhalt (namentlich auf bestehende zustände, verhältnisse, vgl. hierzu G 2 c):

owe wel vngelichis wesin,
eine sterbin der ander genesin
Hugo v. Langenstein Martina 130, 3 lit. ver.;

wer hüt lebet, der ist morgen tod. dasz ist ein ellends wesen tractat contra pestem (1500) A 3a; nun sich, was dis

[Bd. 29, Sp. 551]


elend leben vor ein wesen ist, da kein speisz, trost, sterck der selen ist Luther 2, 122 W.;

da fand ers leder vberm hauff
(von Eulenspiegel in unordnung gebracht):
...
ey, dasz ich ausz der haut nit fahr!
was ist mir dasz doch fr ein wesen?
wer wil all diesen wust ablesen?
Fischart w. 2, 267 Hauffen;

o leider, des verfluchten wesen,
da kan kein recht noch gricht genesen
Hayneccius Hans Pfriem 51 ndr.;

ein wunderbarlich wesen, das disen 3 jinglingen nit ist haiss worden in dem feirigen offen Abr. a s. Clara n. pred. 46 lit. ver.; bin fro, dasz unszere brieffe endtlich wider ahnfangen, zu rutschen, den es war ein betrübt undt gar langweilliges wehszen, keine schreiben mehr von einander zu bekommen Elisabeth Charlotte v. Orleans br. (1707—1715) 136 Holland; wie diese länder an die krone gekommen sind, das ist ein uninteressantes wesen, weil es sich überall in ähnlichen sprossen wiederholt H. Laube ges. schr. (1875) 4, 96;

am gleichen tag geboren,
getauft am gleichen tag!
das ist ein seltsam wesen
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1879) 1, 245.

in moderner mundart: des ist ein böses wesen 'üble zustände, böse sache' Fischer schwäb. 6, 724. — auch (vgl. DWB H 3 c): denn die kaiserliche resolution wäre das alte wesen, und könnten die evangelischen darinnen nimmer willigen (1648) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 4, 656 Erdm.; es ist noch das alte wesen egli è ancora il medesimo essere, cioè il negotio è nel medesimo stato Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c.
über die entstehung dieses gebrauches ist nichts genaues auszumachen. der erste beleg läszt sich am ehesten an die (freilich erst mehrere jahrzehnte später bezeugte) bedeutung 'lebensumstände' (E 3) anknüpfen; überhaupt deutet die anfangs vorherrschende verwendung in verwünschenden ausrufen in diese richtung (vgl. auch 3 c α). seit dem frühnhd. ergeben sich berührungen mit dem weitgespannten gebrauch für 'tun und treiben' (G): warumb woltistu den (den bösen) zornen, so yhr mutterey so ein kurtz weszen ist Luther 8, 215 W.; die fliegen vnd mucken betrüben den menschen offt, ist auch etwan zu sommerszeiten bey dem essen ein vnlustigs wesen Paracelsus opera 2, 558 Huser;

was zwingest du die vers, es ist ein schlechtes wesen,
du kanst die leute doch nicht zwingen sie zu lesen
Grob dichter. versuchgabe (1678) 25.

jünger namentlich:

da droben im g'birg die wilden ziegen,
wenn ich eine bei'n hörnern thu kriegen,
fass mit dem maul ihre vollen zitzen,
thu mir mit macht die gurgel bespritzen,
das ist, bei gott! ein ander wesen
Göthe I 16, 80 W.;

vivat die ritterschaft! das ist ein wesen!
man soll von uns noch in der chronik lesen!
Bauernfeld ges. schr. (1871) 5, 24.


2) dem vorigen sehr nahe steht die wendung es ist ein ... wesen um etwas (mit charakterisierendem attribut); gleichartige verbindungen mit anderen substantiven (am häufigsten: ding), die sämtlich nicht vor Luther belegt sind, s. unter DWB um I C 2 b, teil 11, 2, sp. 771, und sein II 23 d, teil 10, 1, sp. 295. es ist ein feines wesen drum egli è una bella cosa, un bel che Kramer t.-ital. 2 (1702) 1336a: ists denn nit eyn grewlich wessen umb der papisten und geystlichen leben? Luther 10, 1, 1, 397 W.; das gar ein schendlich wesen ist umb das türckisch wesen ebda 26, 229; es ist ein armes wesen umb ein weib Kirchhof wendunmuth 3, 341 Öst.; der teutsche nahm Mummelsee gebe genugsam zu verstehen, dasz es umb ihn, wie um eine mascarade, ein verkapptes wesen seye Grimmelshausen Simpl. 408 Scholte; daher ist's um alles geschichtliche ein gar wunderliches unsicheres wesen Göthe IV 38, 92 W.; und es ist doch ein zart und schön

[Bd. 29, Sp. 552]


wesen um die flamme und das licht in dieser welt von lehm und thon! W. Raabe Horacker (1876) 170.
3) neben den gebrauch unter 1 stellen sich seit dem 16. jh. verwendungen, in denen wesen auch direkt als sachbezeichnung auftritt, jedoch gleichfalls in ganz unscharfer begrifflicher fassung.
a) wie unter 1 auf komplexe sachverhalte bezogen; auch hier gelegentlich dem gebrauch unter G nahestehend (z. b. Zürcher bibel, Opitz, schausp. engl. comöd.; vgl. namentlich G 2 b η, auch ζ): (die christliche lehre,) welche vnsz Christus ... verkündet, ... die so vyl hundert jar in trewer grundveste gestanden ist. deszhalb vnsz schimpfflich wr ... von so altem gefestigtem wesen weichen Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 164 ndr. (s. hierzu auch H 2, z. b. Sleidanus); do sprachend die knecht Pharaos z jm: wie lang sol vns das wsen verstricken? (die ägypt. plagen) Zürcher bibel (1531) 2. Mos. 10; ists aber nit ein schand, das ein solch burd (der beichtzwang) auff gelegt aller welt, und doch zu solchem grossen weszen nit ein eyniger klarer spruch mag auff bracht werden? so doch Christus die tauff ... szo viel unnd klerlich ausz gedruckt, unnd disz wesen der heymlichenn beicht, fast das aller grossist yn der christenheit, sol nit eynen eyntzelen spruch haben Luther 8, 157 W.;

den edlen grossen held hat noch des löwen rachen,
noch die Stymphalides, noch bleiche gifft des drachen,
und was des wesens mehr, nie vnter sich gebracht
Opitz teutsche poemata 71 ndr.;

ich bitt jhn drumb, er berichte mich solches wesens (sc. des 'heutigen vnfalls, so sich zugetragen'), dann es mir gantz verborgen schausp. engl. comöd. 321 Creizenach;

(Gibeoniten:) ists ein geheimnis dann, das niemand wissen mag?
(priester:) es ist zum wenigsten weit anders, als es pflag.
(Gibeoniten:) umständ erklären offt ein tieff verborgen wesen
Gryphius trauersp. 743 lit. ver.;

das ... siegel war ihr argwohns genung selbtem (brief) zu öffnen, und der innhalt ein erfreuliches wesen, woraus diese spinne mich zu tödten gifft saugen konte Lohenstein Arminius (1689) 2, 118a; das frauenzimmer und die liebe ist ein zartes wesen, und wollen auch dahero zärtlich mit sich umgegangen wissen Ziegler asiat. Banise (1689) 114; was er von ihm vor ein unbilliges wesen (indignum facinus) vernommen (sc. pro uxore habere hanc peregrinam, Terenz Andria 1, 1, 118 f.) Hartnack erläut. Terenz (1711) 28.
b) seltener und später auftretend von komplexen dinglichen gegenständen (doch ist namentlich hier ein ausgedehnterer mündlicher gebrauch vorauszusetzen, vgl. br. Grimm und Raabe):

das güldne hausz ...
die deck, aus der allzeit wolrichend ambra rinnt,
der seulen helffenbein, die güldnen netze sind
zum ansehn, schlecht zur lust, ja nur ein todtes wesen
Lohenstein röm. trauersp. 21 lit. ver.;

der mehr lang als kurtze halss, welchen der adern subtiles wesen zierlichst durchflochte Ziegler asiat. Banise (1689) 236; da gefiel ihr das kleine wesen (eine goldene glucke mit zwölf küchlein) so gut, dass sie gleich herabkam und fragte, ob sie nicht feil wären br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 14; dann leuchtete ich in das dunkel und griff mit vorsichtiger hand in das seltsame wesen, welches von unten bis oben den schrank füllte W. Raabe s. w. II 2, 159.
c) redensartlicher gebrauch.
α)

ytzt frewt mich weder tantz noch krantz.
gott geb dem wesen sant Veits tantz!
(klage über den ehestand) (1551)
Hans Sachs 9, 67 lit. ver.;

(ein schneider entwendet versehentlich ein stück vom stoff für die eigene hose und flucht:)

gott geb den wesen auch den ried (den stock, also prügel),
was thut die alt gewonheit nit
Eyering proverb. copia (1601) 1, 48.

[Bd. 29, Sp. 553]



β) mit den anwendungen unter G 2 b η übereinkommend: molestia levari des verdrieszlichen wesens losz werden nomencl. lat.-germ. (1634) 232; vgl. auch ein unlustig wesen negotium molestum Dentzler clavis ling. lat. (1716) 349b; Aler dict. (1727) 2, 2181a.
4) die unbestimmtheit des wortsinnes zeigt sich vor allem in der redewendung ins wesen hinein 'ins blaue hinein'; zur herleitung aus dem gebrauch unter 3 vgl.: wie könnte in dem wesen (in der 'tiefe über der erde') gott sein, oder wie könnte das gott selbst sein? ... siehe ... wo dieses ganze wesen (die welt) nicht gott ist, so bist du nicht gottes bild J. Böhme s. w. 2, 268 Schiebler. die wendung ist vom späten 17. bis zum frühen 19. jh. zu belegen:

der ehstand plagt mich offt,
dasz ich mich unverhofft
ins wesen nein verliebe
Chr. Weise d. grün. jugend überfl. ged. 127 ndr.;

calumniare audacter, semper aliquid haeret, lästere nur immer kühnlich ins wesen hinein, glaubet man dir nicht alles, so wird man doch etwas glauben Herberger geistr. stoppelpostilla (1715) 2, 315; er wird eigentlich stüpide neben ihr — ist still — und starrt mit abgestorbnen augen in das wesen hinein (1791) Caroline br. 1, 87 Waitz; ihr weiber redet doch immer ins wesen hinein, ohne zu denken, was Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 3, 212.
5) eine zusätzliche quelle des vorliegenden gebrauchs entsteht anscheinend aus einer sinnverlagerung der bedeutung E 2 'lebensgeschichte, leben und taten'. auszugehen ist von anwendungen wie:

daz man in den kirchen lesen
sal Machabeorum wesen buch d. Macc. 102 lit. ver.;

wen wir vnser bibel lesen,
Christi, der zwlfbotten wesen
Murner narrenbeschwörung 11 ndr.

in diesem biographisch-historischen sinne gebraucht, kann wesen leicht umgedeutet und auf den gegenstand einer schrift überhaupt bezogen werden:

wir hand in des bapsts rechten gelesen
und in Aristotelis wesen,
Thoma, Scoto und anders mer,
der alten schler und schriber ler (1522)
N. Manuel 43 Bächtold.

sicherlich handelt es sich dabei um einen terminus des schulbetriebes. von hier aus ergeben sich allgemeine anwendungen auf einen stoffkomplex geistiger beschäftigung, ein thema (auch des gesprächs) u. dgl., die namentlich bei Göthe sehr häufig auftreten (vgl. weiteres unter 6 und 7): zudem, so trift dis wäsen (sprachlehre und orthographie) kein stück des seligmachenden glaubens an Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 000 4a;

da wird dem Mäntelein fast kunst und ruhm entwendet:
dan eh er allen zeüg ihm schaffet und follendet,
treibt iener (Gutenberg) mit gewalt das frömde wesen fort (buchdruckerei) ebda 59;

nach dem nun diese unsere uhralte teutsche ... haubtsprache ... vermittelst dieses itzigen operis den augen der teutschen welt vorzulegen, und von dem gantzen wesen etwas weitleuftiger zuhandelen, ich schlüssig worden Schottel haubtspr. (1663) 4; es hat auch ... Jacobus Masenius einen weg erfunden, dadurch er das gantze wesen (kunst der argutien als element der rhetorik) aus dem grunde gewiesen ... hat. das buch wird genennet ars nova argutiarum und ist ... in Cölln 1660. gedruckt Chr. Weise polit. redner (1677) 62; Knebel blieb bey mir die nacht. viel über der Cristel todt. dies ganze wesen, dabey ihre letzten pfade pp. (1778) Göthe III 1, 61 W.; bey gewissen naturen tritt er (d. astrolog. aberglaube) öfter als man glauben kann, herein. hat doch der verstorbne könig in Preuszen blos darum auf den 'Wallenstein' gehofft, weil er erwartete, dasz dieses wesen ernsthaft darin behandelt seyn würde (an Schiller 1798) IV 13, 331 W.; ich hoffe in diesen acht tagen einen tüchtigen

[Bd. 29, Sp. 554]


ruck in die ausarbeitung der farbenlehre zu thun und dencke das wesen einmal derb anzugreifen (1803) IV 16, 229; das polygnotische wesen (Göthes aufsatz über Polygnot) nimmt sich prächtig aus und scheint einen neuen tag zu verkündigen (1803) Schiller br. 7, 106 Jonas; diese süszen träume der kindheit und sehnsucht ... lagen schon hinter mir, mündig werdende phantasie forderte gehaltvolleres wesen (als die schriften Lafontaines). trefflich kamen meinem bedürfnisz alle die wundervollen, bizarren und tollen romane unsers Spiesz entgegen Tieck schr. (1828) 4, 27. (vgl. noch Göthe IV 7, 50, 17; 8, 261, 16; 9, 298, 11; 10, 343, 14; 11, 149, 4; 39, 181, 17). der umstand, dasz diese anwendungen bei Göthe nur im lässigeren brief- und tagebuchstil vorkommen (vgl. dagegen 6), läszt auf vorwiegend mündliche tradition schlieszen, wird aber auch durch den verächtlichen sinn des sehr nahestehenden gebrauchs unter 6 ('zeug') bestimmt sein.
zu demselben wortsinn scheinen nebenher auch bestimmte modifikationen der bedeutung 'tun und treiben' (G) zu führen, die ein sich-befassen mit etwas ausdrücken:

gut gsellen vnd auch klen wein
han mich offt bracht in trawren,
dardurch ich kam vmb gsundheyt mein,
must drumb liegen vnd lawren.
ob es got schickt vnd mich erquickt,
dasz ich kem zu meinem krefften
so wolt ich mich gantz williglich
in andre wesen hefften
Forster frische teutsche liedlein 136 ndr.;

wer will, kan ein gekröntes buch
von schwarzen kriegeszeiten schreiben:
ich will auff Venus angesuch
ihr süsses liebeshandwerk treiben:
ich brenne. wer nicht brennen kan,
fang ein berühmter wesen an
Stieler geharnschte Venus 13 ndr.;

man musz den staat eines tapffern mannes vermehren, jemehr er seine groszmütigkeit an den tag giebet, alsdann wird er durch beförderung seines wesens seine seele wagen, und von denen Jadsusen (inbegriff streitbarer feinde) sich nicht erschrecken lassen Olearius persian. baumgarten (1696) 24a. vgl. noch mundartlich: ich bin schaun längscht mit deam weasa umganga 'mit dem vorhaben, habe das betrieben' Fischer schwäb. 6, 724.
bemerkenswert sind noch die folgenden anwendungen: die werckmusic ..., das klingende und vornehmlich das singende wesen, dessen untersuchung unsrer vorhabenden arbeit zum unterwurff dienet (melodik) Mattheson vollk. capellm. (1739) 6; sintemahl diese letztere (toccaten u. fugen) ihre melodien schon zu viel künsteln und brechen müssen, einfolglich zum begriff des flieszenden und singenden wesens lange nicht so geschickt sind, als die arien ders., kl. generalbaszschule (1735) 67. vgl. auch: denn gerade das musikalische wesen eurer charwoche hatte ich lange zu verehren und zu genieszen gewünscht Göthe IV, 29, 89 W.
6) diesem gebrauch schlieszt sich eine verwendungsart an, in der sich das wort gewöhnlich mit beiwörtern des zusammengestückelten, verworrenen usw. verbindet und jedenfalls verächtlichen sinn hat (ähnlich mod. umgangssprachl. 'zeug'; vgl. nahestehende auffassungen anderen ursprungs unter C 8 c). wesen bezieht sich auch hier in der regel auf gegenstände oder erzeugnisse der geistigen beschäftigung: nach dem ich diese ... gedichte ... ohne einige ordtnung zusammen geraspelt: haben etliche meiner günstigen herrn vnnd freunde solch vnförmlich wesen bey mir gesehen, vnnd ... bey mir angehalten, dasz ich dasselbe publicieren ... solle Sandrub hist. u. poet. kurzweil (1618) 7 ndr.; es ist ... zu beklagen, dasz diese teutschhassende nicht anhören wollen, auf was gründen ... die ausübung der ädlen sprache beruhe: und wissen nichts anders einzustreuen, als es were wider die gesetzgültige gewonheit und nur ein neugieriges wesen Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) ):( ):( 2b; wan wir aber unsere muttersprache ... derogestalt, wie sie von mancherley landarten gebraucht ... wolten abmessen

[Bd. 29, Sp. 555]


und rechtfertigen; würden wir meistenteihls ein ungewisses zerrüttetes wesen in dieser sprache aufbauen, die doch auff gewissen gründen festiglich beruhet Schottel haubtspr. (1663) 10; diese redensarten sind ... ein geflicktes wesen, das weder teutsch, noch lateinisch, noch frantzösisch heissen kan vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 13 Gottsched; die schrifften des einen sind nur ein zusammen geschriebnes wesen, des andern ein unordentlicher mischmasch ungereimter dinge ebda 170; verführen sie eine menge leute, ... dasz sie was von ihnen gelernt zu haben glauben, wenn sie ihr seichtes, unbestimmtes und unverdautes wesen nachsprechen Gerstenberg recensionen 182 lit.-denkm.; allmählich verbreitete sich dies wesen (lehrmeinungen der vorcreuzerischen symbolik) durch akademische vorträge von immer erneutem anwachs J. H. Voss antisymb. (1824) 4. — bei Göthe ist diese ausdrucksweise (im gegensatz zu 5) nicht auf umgangssprachlichen gebrauch beschränkt:

ihr grillenfänger sollt uns heut
zu rede stehn, mit deutlichkeit,
und nicht mit dunklem wesen I 3, 107 W.;

so wird von tag zu tag ein traum gedichtet,
dem wachen gleich, ein labyrinthisch wesen ebda 4, 28;

am jüngsten tag, vor gottes thron
stand endlich held Napoleon.
der teufel hielt ein groszes register
gegen denselben und seine geschwister,
war ein wundersam verruchtes wesen:
Satan fing an es abzulesen ebda 5, 141;

da das theater immer nur ein gestoppeltes und gestückeltes wesen bleibt ebda 22, 157.
nur hin und wieder finden sich dem gegenstand nach abweichende verwendungen: ich vernehme, dasz er sich bemühet, den verwalter-dienst zu Liebstädt zu überkommen ...; doch ... wenn ich an seiner stelle wäre, so wolte ich lieber alle saure winde lassen über mich gehen, ehe ich mich in dieses verwirrte wesen hinein steckte Chr. Weise polit. redner (1677) 242; wenn man den lauf der sterne auf unsrer erdkugel betrachtet, darin wir stehen, so kommet ein wunderliches verwirretes wesen heraus Leibniz dt. schr. (1838) 2, 51; westen ..., die gar keine westen waren, sondern nur rote dreieckige tuchstücke, die gleich an den uniformrock angenäht waren; und ... diese dreieckigen tuchlappen, ich sehe sie hier in allem, ... angenähtes wesen, schein und list Fontane ges. w. (1905) I 2, 26. besonders: ists denn wahr, oder ists nur so ein ausgesprenget wesen, ich habe ... gehöret, sie wolten sich adelen lassen Chr. Reuter Schlampampe 1, 94 ndr.; das ist ein aufgebrachtes wesen 'ein falsches gerücht' Frischbier pr. 1, 35a s. v. aufbringen.
zu ähnlichen anwendungen auf dingliche gegenstände vgl. auch 3 b: dieser Mansfeld hat ganz kein haar aufm kopf, trägt aber ein wesen von rothem krausichten haar gemacht allzeit aufm haupt Z. Allert tageb. (1627) 93; ein gar krauser, an beyden seiten (des helmes) abhangender zierrath (von bändern), wie ein laubwerck; ... die Frantzosen brauchen ... federbüsche von strauszfedern an statt des krausen wesens Schumacher wapenkunst (1694) 40.
7) zu dem unter 5 abgeleiteten entwicklungszweig des wortgebrauches gehören offenbar auch die wichtigen und jüngernhd. sehr verbreiteten komposita des typus kriegswesen (der alten Römer kriegswessen Reuter v. Speir kriegsordn. [1595] A 2a), justizwesen (Zinkgref-Weidner weisheit 3. theil [1653] 62), münzwesen (Frisch teutschlat. wb. [1741] 1, 675b), schulwesen (ebda 2, 232b) usw.; jedoch ist der in diesen zusammensetzungen greifbare wortsinn (etwa: sach- und wirkungsbereich des öffentlichen lebens, in der mannigfaltigkeit seiner elemente und funktionen) im gebrauch des simplex nur ganz sporadisch nachzuweisen (vgl. noch bürgerliches wesen unter H 3 b): von nutz und not der sprache unnd christlichen schulen fur das geystlich wesen und zur seelen heyl (1524)

[Bd. 29, Sp. 556]


Luther 15, 43 W.; die cammerœconomeyrhäte müssen das œconomische wesen bestellen Micraelius Pommerland (1639) 6, 435. weniger spezifisch: sie sagen er hette inclination gehabt wie er ahnfangen grosz zu werden umb ein kauffmann zu werden, er hette dasz weszen gelehrnt undt were in dem laden von einem reichen kauffmann gangen Elisabeth Charlotte v. Orleans br. (1676—1722) 64 Menzel.ein dem kompositionstyp genau entsprechender fester gebrauch ist vielleicht gar nicht vorauszusetzen; vielmehr ist es wahrscheinlich, dasz -wesen, ähnlich wie -werk u. a. substantiva, in solchen kollektivbildungen kraft der unbestimmtheit seiner bedeutung alsbald suffixcharakter angenommen hat und auf diese weise analogisch produktiv geworden ist; s. hierzu J. Erben zur gesch. d. dt. kollektiva, in: festschr. f. Weisgerber (1959) 225.
nebenher mögen sich die komposita auch an gebrauchsweisen wie H 3 c, d und e ('auf eine ordnung begründete verhältnisse') angelehnt haben, denen die folgenden modernen verwendungen nahestehen, die sich bereits auf den vorhandenen kompositionstyp stützen können; das wort bezieht sich hier auf die bestrebungen und verhältnisse in einem durch gleichgerichtetes wirken zusammengehaltenen menschlichen lebenskreis: sinn des pestalozzischen wesens (tagebuchnotiz) Göthe III 5, 116 W.; die wiederhohlten klagen über das einreisende landsmannschafftliche wesen (in Jena) ebda IV 7, 223; so sehe ich nicht ab, wie das römische wesen oder auch das herrnhutische für sie jemals könnte anlokkend werden Schleiermacher weihnachtsfeier (1908) 15; wir sammeln indessen auch weiter über das etwas frühere wesen der lanzknechte im 15. jh. (1807) J. Grimm br. 35 Schoof; das aristokratisch-republikanische wesen, welches in den (europ.) staaten eine so grosse rolle spielte, suchte auch das papstthum, das seiner natur nach höchst monarchisch ist, zu durchdringen und umzugestalten Ranke s. w. (1867) 1, 31.
hieran schlieszen sich ähnliche anwendungen mit mehr sachorientierten attributen (ohne erkennbare kontinuität mit den eingangs zitierten frühnhd. belegen): sie müssen sich für das literarische wesen ihre jungen leute ... als gehülfen anziehen Görres ges. br. (1858) 3, 152; aber ausschlieszlicher immer drängte sich des (deutschen) ordens staatlich-kriegerischer zweck hervor. das kirchliche wesen erscheint oft nur als mittel, jene schweigende militärische unterwerfung zu erzwingen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 2, 35; dasz alles sittliche wesen am naturprozesz des menschlichen aufstiegs gewachsen ist Paul Jäger vom schicksal d. werte (1915) 6; leider war mir gerade damals das ärztliche wesen wieder einmal über den kopf gewachsen Carossa tag d. jungen arztes (1955) 122.
8) die begriffliche unschärfe des vorliegenden gebrauchs läszt mancherlei bedeutungsübergänge zu. auf beziehungen zur bedeutung G ('tun und treiben' etc.) wurde schon hingewiesen (s. 1, 3 und 5); berührung mit dem gebrauch für 'zustände, verhältnisse' (G 2 c; vgl. Zimmer chron. 21, 14 unter G 2 a) zeigen noch die folgenden verwendungen (s. auch ähnliches unter H 3 c): kein lieblicher wesen auff erden ist, denn wenn sich mann und weib freundlich zusammen halten Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ll 4a; was für ein ödes, kaltes wesen würde in den menschlichen dingen herrschen Knigge roman meines lebens (1781) 1, 37; in den liedern dieser Uz und Gleim ... entdeckte man mancherlei klänge aus dem schönen alterthum ...; nur alles ... aus den groszen, freien, nackten linien antiker symposien in das kleine und gemütliche wesen deutschen stubenlebens übertragen Justi Winckelmann (1866) 1, 75. ferner: welches (d. pentagramm) ausz einem alten abergläubischen wesen an denen höltzernen kinderwiegen eingeschnitten wird, die nachtgespänster damit abzuwehren Prätorius anthrop. Pluton. (1666) 1, 10; später wieder ganz im sinne von 'tun und treiben' (G 3):

[Bd. 29, Sp. 557]


sprüche wispeln, zauber kochen
ist ein heidnisch unhold wesen
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 52.

abweichend: ein gottseliges wesen ist in der luft (im pfarrhofe) und dringt durch die fenster und schlüssellöcher L. Thoma ges. w. (1938) 4, 106.
wohl auch von 'tun und treiben' her verstehen sich einige stellen, die zwischen den anwendungen unter 6 und denen unter II C 3 b vermitteln: (die latein. u. griech. dichtkunst,) welche ihre wortglieder nicht nach der natur und aussprache ..., sondern durch blosz-gekünsteltes wesen und wider die natur lauffende gesetze lang oder kurtz uhrteilet und brauchet Zesen verm. Helikon (1656) 1, 14;

(kein einziger,) der mit pferd und wagen,
woran das gold verschwend'risch stralt,
mit kleidern, oder sonst so übermütig pralt;
zumal da Selabon ...
ein abgesagter feind von solchem leeren wesen
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 122;

und dann ist das auch schon ein unerträglich wesen,
wenn jeder spricht: o ja, ich hab es auch gelesen
Göthe I 9, 64 W. (vgl. 1);

ein übertriebenes wesen, sonderlich in der zeichnung der schienbeine, und der strenge und harte schnitt der muskeln der wade Winckelmann s. w. (1825) 3, 357.
einige anwendungen des 19. jhs. lassen (wohl ohne historischen zusammenhang) die im 16. jh. versiegte bedeutung 'lebensumstände' wieder anklingen: ich wuszte nun, wie ich mit (der untreuen) Miesmies daran war, und die quälerei mit dem ungewissen wesen war am ende E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 182 Gr.; das materielle unwohlsein während der unterdrückung hatte die sehnsucht nach einem reichlicheren wesen geschärft Immermann w. 18, 33 Hempel.
um 1800 kann die auffassung auch von der (in starker expansion begriffenen) bedeutung 'animans' (II A) bestimmt werden: gedanken der liebe sind immer die vorläufer des künstlers; wir entzücken uns lange an einem wesen, ehe wir es schildern und schreiben; wir kosen ihm und herzen und sparen es bis zum süszesten moment (vorr. zu 'Fausts leben') Maler Müller w. (1811) 2, 5; der krieg ist ein wildes getümmelvolles wesen und reitzt alle gelüste und triebe zur wildheit und bosheit E. M. Arndt schr. (1845) 1, 279.
9) es bleibt noch hervorzuheben, dasz diese mannigfaltigen gebrauchsweisen eng mit den anwendungen für 'ens' (II A 2) und 'stoffliche substanz' (C 8) zusammenhängen und mit ihnen zusammen einen anwendungsbereich bilden, der die einzelnen historischen entwicklungslinien zeitweilig überlagert und die auffassungen 'ens, etwas, ding, komplexe (dingliche oder begriffliche) gegenständlichkeit, stoff', auch 'zeug' (vgl. oben 6 mit C 8 c) umfaszt. die nähe dieser auffassungen zueinander erhellt aus den folgenden stellen: so wollen wir den leser ... etwas gründlicher berichten, damit er nicht also am bloszen buchstaben hange, und ein historisch wesen aus unsern schriften mache J. Böhme s. w. 3, 379 Schiebler (zum vorstehenden gebrauch, s. ob. 5); denn wenn ich rede von gottes grimm und zorn, so meine ich nicht ein wesen, das auszer gott sei ebda 4, 35 ('ens', s. II A 2); denn der begierde eigenschaft giebt und macht finster wesen, und der freien lust eigenschaft macht lichte wesen, als metalle ebda 4, 287 ('substanz, stoff', s. DWB C 8 a und b). zur ergänzung dieses bildes mögen noch einige stellen nachgetragen werden, in denen wesen mit ding und natur (konkret) variiert oder lat. res wiedergibt: das hie zwey unterschiedliche wesen als brod und leib werden fur ein ding odder wesen gesprochen ynn diesen worten 'das ist mein leib' Luther w. 26, 439 W.; denn ob gleich leib und brod zwo unterschiedliche naturn sind ..., und wo sie von einander gescheiden sind, freylich keine die ander ist, doch wo sie zu samen komen und ein new, gantz wesen werden, da verlieren sie yhren unterscheid, so fern solch new einig wesen betrifft, und wie sie ein

[Bd. 29, Sp. 558]


ding werden und sind, also heiszt und spricht man sie denn auch für ein ding ebda 445 (vgl.: transsubstantiatio verenderung einsz wesens in das ander Diefenbach gl. 593b); gott hat ... eingesatzt beide, das man sehen und greifen kann, und ihren brauch und nutz, als die tauf und des herrn Christi leib und blut im abendmahl ... nu aber verneinen die ketzer der beiden eins; entweder rem, das wesen selbs, wie es von gott eingesatzt ist, oder seinen brauch, dazu es eingesatzt ist (1530—35) bei Luther tischr. 1, 839 W.; aquastor, visio quaedam repraesentans rem aliquam, quae res ipsa non est ist ein geschichte (sic!), dasz ein wesen darstellt, welches doch kein wesen ist Ruland lex. alchem. (1612) 51. ferner: res das wesen Diefenbach gl. 494a; wesen res, materia Alberus dict. (1540) Ji 4a.
II. die modernen hauptbedeutungen und ihre vorgeschichte.
A. 'ens, animans', etwas selbständig existierendes überhaupt und namentlichin moderner sprache nach kurzer übergangszeit ausschlieszlichals ein belebtes oder belebt gedachtes.
1) den ausgangspunkt der bedeutung bilden anwendungen des wortes auf die göttliche essenz oder substanz (im sinne von I C 1 a und b), in denen es in der formulierung gott ist ein wesen oder in vergleichbarer fassung auftritt, wodurch eine hypostasierung des essenzbegriffes nahegelegt oder schon vorausgesetzt wird, die den neuen wortsinn 'ens, animans' herbeiführt. sichergestellt wird dieser anthropomorphistische sinn durch attribute wie vollkommen, allmächtig, allwissend (s. u.); doch dürfte die auffassung in älterer sprache noch vielfach schwanken (namentlich deutet die verbindung mit lûter im mhd. auf bewahrung des theologisch-abstrakten essenzbegriffes). der gebrauch mündet im 18. jh. in die umfassende moderne anwendung der bedeutung 'animans' ein, an deren vorbereitung er teilhat (s. d. die jüngeren belege unter 3 und die redewendungen unter 4 a): daz er (gott) ist ein substanzlich wesen, und daz er ist ewig, ... ein unliplicher weslicher geist Seuse dt. schr. 171 Bihlm.; so bút die hant us diner begerunge alleine z dem úberweslichen blossen luterme wesene, das got alleine weselichen ist Tauler pred. 152, 8 Vetter; volkumenes wesen, das aller volkumenheit mechtig ist ackermann a. Böhmen 34, 35; got der inist nicht wan ein luter wesin paradisus anime intell. 40, 25 Strauch; der glaub zaigt dir, daz drey person ain götlich wesen seind Keisersberg predigen teütsch (1508) 141a; das gott nicht ein solch ausgereckt, lang, breit, dick, hoch, tieff wesen sey, sondern ein ubernatürlich unerforschlich wesen Luther 26, 339 W.; erstlich glaube ich, dasz ein gott sei, so ein allmächtig, ewig wesen ist Schweinichen denkw. (1878) 1;

es bett jn (Jesus) an ein jederman
als ein selbstendig wesen
Ringwaldt evangelia (1581) c 8a;

gibst du auff was ich bitte,
allwissend wesen, acht? (1657)
Gryphius trauersp. 156 lit. ver.;

gott ist ein unsichtbares, unsterbliches, übervollkommenes, unaussprechliches, unbegreiffliches, uneinbildliches etc. wesen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1335c.
2) in dem unter 1 entwickelten sinne kann wesen auch allgemein für 'ens, animans' gebraucht werden; vgl. zur überleitung: also ist es umb daz oge únsers gemtes: so daz ein sehen hat uf dis und daz wesen, so verahtet es dez wesens, daz da úber al luter einfaltig wesen ist Seuse dt. schr. 177 Bihlm.; dis einvaltig luter wesen (gott) ist dú erst obrest sach aller sachlicher wesen ebda 178. verwendungen dieser art mehren sich erst seit dem anfang des 15. jhs., bleiben aber bis zum ende des 17 jhs. noch wenig gebräuchlich. die auffassung schwankt in dieser zeit ohne entschiedene abgrenzung zwischen dem weiteren sinne 'ens' und dem engeren 'animans', analog dem verhältnis der auffassungen 'existenz' und 'leben' unter I B 1 (dabei ist zu beachten, dasz die hier angeführten verwendungen

[Bd. 29, Sp. 559]


für 'ens' im älteren nhd. mit einem ausgedehnteren gebrauch für 'ding, sache' usw. in zusammenhang stehen; s. näheres unter I J 9). zum lexikalischen vorkommen vgl. differencia eynis wesins von dem andern vnderscheydvnge Alois Bernt beitr. z. mittelalt. vokab., reg. 449; persona eyn selbstendik wesyn ebda 452; ens wesen (15. jh.) Diefenbach gl. 203a; individuum eyn genant wesen (15. jh.), ein selbs unzerteilts wesen (15. jh.) ebda 295a; persona vornonftig wesen (15. jh.) ebda 429c:

minn, du lieplichs wesen,
din zuoversicht tuot mich genesen
Meister Altswert 117 lit. ver.;

die grossen heunen mussen vor vns (tod) fallen; alle wesen, die leben haben, mussen verwandelt von vns werden ackermann a. Böhmen 16, 17; ein iclich werc fluzit von eime wesine. inwere kein wesin, so enwere kein werc paradisus anime intell. 107, 9 Strauch; des gelychen vil ... das selb gelücke vmb hilff besprechent vnd anrüffent, als ob es syg ain ding vnd wesen des macht vnd gewalt habende Niclas v. Wyle translat. 231 lit. ver.;

wöllen kutten tragen yeder,
vnd kynnen weder schryben, lesen,
ouch hondt gesehen nie kein wesen,
das do dien vff geistlich art
Murner narrenbeschwörung 89 ndr.;

es ist ia war und kan niemand leucken, das zwey unterschiedliche wesen nicht mügen ein wesen sein, als ... was ein mensch ist, kan nicht ein stein odder holtz sein Luther 26, 439 W.; so seyn nun die teuffel anders nichts, denn geister oder geistliche wesen theatrum diabol. (1569) 9a; als ich dann in etlichen schulkünsten gepflogen die meinung fürzebringen von den allgemeinen dingen oder wäsznen (sc. die begriffslehre), und dasz ein wäsenlicheit einer gmeinen art oder gattung uszgesündert hab vilerley unterwürfflicher gattungen des wäsens Tschudi chron. Helvet. (1734) 2, 43;

vnd wie die glehrte halten,
dasz der abgang vnd das verwesen
könn ander wesen gestalten,
so wird, wa etwas werden soll,
gwisz ausz desz Rabelais magen
...
ein schön reb fürher ragen
Fischart Garg. 8 ndr.;

die frucht in mutter leibe ist nicht ein theil oder stücke jhres leibes, sondern ein anders wesen vnnd person Nigrinus von zäuberern (1592) 121; o grausames glück, du vndanckbar vnd blindes wesen (1630) schausp. engl. comöd. 320, 11 Creizenach; wie ein mahler einem jeden wesen seine farbe, also der poet A. Buchner anl. z. dt. poeterey (1665) 18; dasz der menschliche geist ein unsterblich wesen sey Prätorius blockesberges verrichtung (1668) 233; die vollkommenheit ist eine grösze des wesens, oder dasjenige, dadurch das wesen mehr ist, als es sonst wäre Leibniz dt. schr. (1838) 2, 36; seine (des menschen) seele soll von dem himmel aller himmel, einem uns unbekannten, unsterblichen und ewigen wesen genommen seyn ebda 336. — als philosophischer terminus für 'ens' findet sich bei Thomasius neben ding noch wesen, während Chr. Wolff allein ding gebraucht, das sich endgültig durchsetzt (s. Piur studien z. sprachl. würdigung Chr. Wolffs [1903] 75; vgl. aber noch Adelung unter 3): das aller oberste und gemeinste kunstwort ist ens oder aliquod, ein ding, wesen oder etwas Thomasius einl. i. d. vernunftl. (1699) 47; alles, was möglich ist, es mag würcklich seyn oder nicht, nennen wir ein ding Chr. Wolff vern. ged. v. gott (1720) 8.
3) seit dem anfang des 18. jhs. nimmt die häufigkeit dieses wortgebrauches schnell zu, wobei sich das schwergewicht auf den nun klar hervortretenden wortsinn 'animans' verlagert, der alsbald herrschend wird, während sich die anwendungen für 'ens' (s. u. disc. d. mahlern, Ramler, Göthe, Schubert, Grimm) zu anfang des 19. jhs. verlieren (doch bucht noch Adelung die bedeutung in dem alten, unterschiedslos auf lebloses und belebtes bezogenen sinne: 'ein selbständiges ding, an welchem man weiter

[Bd. 29, Sp. 560]


nichts, als diese selbständigkeit, bezeichnen will, ohne rücksicht, ob es körperlich ist, oder nicht'; ... alle wesen in der welt. gott ist ein unendliches, die seele ist ein geistiges wesen. alle körper sind vergängliche wesen vers. e. wb. 5 [1786] 187b; ebenso Campe 5 [1811] 688b). offenbar entspricht diese entwicklung einem bedürfnis des modernen denkens (namentlich der aufklärungszeit), alle realen und fiktiven belebten existenzen (einschl. des menschen und gottes) unter einem gemeinsamen begriff zu subsumieren; ausdruck hierfür ist auch, wie die belege zeigen, die im 18. jh. beliebte vorstellung von der gesamtheit der lebewesen und der stufenfolge ihrer gattungen (vgl. 4 b α kette der wesen, β alle wesen; ähnliches auch unter geschöpf 4 d, teil 4, 1, 2, sp. 3955, doch greift wesen durch die einbeziehung gottes über geschöpf hinaus). der wortgebrauch erstreckt sich also gleichermaszen auf tiere, auch pflanzen, den menschen (als spezies, vgl. dagegen 6), überirdische wesenheiten und fabelgestalten, und bezieht bis zum anfang des 19. jhs. (vgl. aber 5) auch lebloses ('ens') in die auffassung ein:

uns, die wir für betrachtungen (um uns so wohl, als andre wesen
zu untersuchen) eigentlich formieret scheinen und erlesen
Brockes ird. vergnügen (1721) 8, 3;

die meisten schlüsse, welche ich aus den würckungen eines wesens auf seine natur mache, sind blosse muthmassungen; ... was die abstracta und die andere wesen angehet, von denen ich durch die hilffe der sinne keine wissenschafft habe, sind die begriffe von denselben sehr dunckel und unvollkommen discourse d. mahlern (1721) 2, 60; das unsichtbare wesen im himmel (gott) vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 127 Gottsched; dasz himmliche wesen und götter zu grund gehen Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 9;

des schicksals weiszheit zeiget sich
vom kleinsten wesen bis zum grösten
Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 13;

allegorische wesen, personificirte meteoren anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 56 Gottsched; (der philosoph. künstler) siehet in der natur lebendige, er siehet auch leblose wesen. unter den lebendigen siehet er einige, die dencken, andere die nicht dencken Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 74;

elende sterbliche! zur pein erschaffne wesen!
Haller ged. (1882) 123;

nicht wahr? dem wesen, das
dich rettete, — es sey ein engel oder
ein mensch, — dem möchtet ihr, und du besonders,
gern wieder viele grosze dienste thun?
Lessing 3, 15 L.-M.;

von eben demselben wesen also, z. b. der menschlichen seele, würde ich nicht sagen können, ihr wille sei frei Kant 3, 17 akad.; der kunstrichter ..., der Homers poetische wesen classificirt Herder 3, 10 S.; denn dasjenige wesen, das einmal mensch heissen sollte, darf niemalen nur thier gewesen seyn Schiller 1, 152 G.;

gedanken schwarz, gift wirksam, hände fertig,
gelegne zeit, kein wesen gegenwärtig Shakespeare 3 (1798) 254;

es könnte ein wesen geben, dem das uns sichtbare weltgebäude wie ein glühender sandhaufen vorkäme Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 152; das licht, jenes wesen, das wir nur als eine einheit, als einfach wirkend gewahr werden, wird uns nun als ein zusammengesetztes ... dargestellt Göthe II 2, 15 W.; ward ich von einem unsichtbaren wesen ergriffen und vier ellen weit weggeworfen ebda I 43, 356; alle wesen, die wir auf der erde sehen, verdünsten, verwittern, welken oder sterben dahin, um anderen platz zu machen Schubert verm. schr. (1823) 1, 6; das wesen, welches einige von euch meinen argen dämon zu nennen pflegen Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 134; unmittelbarer aushauch eines organischen wesens (die sprache) W. v. Humboldt ges. schr. 4, 3 akad.; indem sie (die sprache) nicht umhin kann allen lebendigen, ja unbelebten wesen ein genus anzueignen

[Bd. 29, Sp. 561]


J. Grimm Reinhart Fuchs (1834) 1 vorr.; dem Schotten und Schweden ist die blume und der baum noch ein gar anderes, ein viel lieblicheres, wunderbareres wesen als dem Deutschen Arndt w. 6, 18 R.-M.; meine, meiner gattin, meiner nichte und meines hündchens Karlsbader-trinkkur ist vorüber. also 4 wesen waren wir dort (1866) Stifter briefw. 5 (1928) 230; der weiss noch einen feinen fisch zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem messer in dem zarten wesen herum, wie wenn er ein kalb schlachten wollte G. Keller ges. w. (1889) 5, 17; läszt kein anderes, als ein geflügeltes wesen auf dem (unzugänglichen) Höttinger Solstein sich nieder Barth Kalkalpen (1874) 295;

da schlingt sich's um ihn wie ein geistig wesen,
die zaubrin ist es
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1879) 2, 232;

am ende der hohen Lindenallee stand sie im golde der morgensonne wie ein wesen des elementes, welches sie umflosz Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 49; mythologische wesen umgeben den grimmen Hagen Scherer litt.-gesch. 7119; dumme und anmaszende wesen sind die menschen B. Kellermann Ingeborg (1911) 173; die sekte der christen, die an stelle eines mächtigen wesens einen armen gekreuzigten zu ihrem gott erwählt hatte Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 205; es ist doch nicht angängig, ihn (den Franzosen) zu einem wesen anderer rasse zu erklären Klemperer l. t. i. (1949) 150.
4) mit der wachsenden verbreitung dieses modernen wortgebrauches bilden sich vielerlei redewendungen und besonderheiten der auffassung heraus.
a) umschreibungen des gottesbegriffs.
α) die verbindung wesen aller (oder der) wesen kommt im 16. jh. auf und wird zu ende des 18. jhs. noch einmal sehr beliebt; ihr grundwort knüpft ursprünglich an die bedeutung 'essentia' (I C) an, wird aber später wohl meist im sinne des attributivischen gliedes ('ens, animans') umgedeutet (etwa analog buch der bücher); zu der fassung wesen alles wesens vgl. DWB alles wesen unter I B 3 a: got ist aller wesen wesen, wer nun das ding on got ergreifft, der ergreifft ... den schein für das wesen S. Franck sprüchw. (1541) 1, 136b; wenn du sinnest und denkest, was da in dieser welt und auszer derselben sei, über das wesen aller wesen, so spekulirest und sinnest du in dem ganzen leibe gottes, welcher das wesen aller wesen ist, und der ein unanfängliches wesen ist J. Böhme s. w. 2, 309 Schiebler;

das walt der liebe gott, das wesen alles wesens,
der geber des verstands, des schreibens und des lesens
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 1;

oder man müszte läugnen, dasz der mensch gegen das wesen der wesen in wichtigen verhältnissen stünde Cramer nord. aufseher (1758) 1, 90; wenn in der pythagorischen sprache gott eine zahl, oder die zahl aller zahlen heist, so ist diesz im grunde weder mehr noch weniger, als wenn wir ihn, mit einem eben so unbegreiflichen ausdruck, das wesen der wesen nennen Wieland Lucian 1 (1788) 368 anm.; o wesen aller wesen, o geist, der alles umfaszt Maler Müller w. (1811) 3, 129; was will das wesen der wesen mit seiner festen ordnung? Klinger s. philos. romane (o. j.) 4, 150.
β) seit dem 17. jh. ist die wendung das höchste wesen gebräuchlich: dasz gott ... das höchste wesen ... sey Butschky Pathmos (1677) 54;

sie (natur) ward von anfang her, vom allerhöchsten wesen
zu seiner dienerin, zur mutter uns, erlesen
König ged. (1745) 77;

die roheste und noch so verschiedene begriffe von einem höchsten wesen, mussten wenigstens in einigen allgemeinen eigenschaften übereinstimmen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 46; da das höchste wesen in gothischer sprache guþ ... genannt wird J. Grimm kl. schr. (1864) 3, 194; hier im zweiten gemälde ... ist die still in sich schwebende person des höchsten wesens ... dargestellt H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 292.

[Bd. 29, Sp. 562]



b) für die anschauung des 18. und frühen 19. jhs. kennzeichnend sind die verbindungen
α) kette der wesen (u. ä.):

sagt, sterbliche, den sphären ihre zahlen
...
und steiget an der wesen kette
bis dahin, wo den höchsten ring
Zevs an sein ruhebette
zu seinen füszen hieng
Ramler lyr. ged. (1772) 39;

(des menschen) rang in einer höhern reihe der wesen Kretschmann s. w. (1784) 2, 4; wir mögen die ganze reihe der wesen durchgehen, nirgends finden wir ... so viel energie des lebens ... als hier (beim menschen) Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 4;

er forscht und staunt der wesen leiter,
vom sandkorn bis zum engelchor
voll zweck und eintracht, und steigt weiter
zur weisheit und zur lieb empor
Voss bei
Campe wb. 5 (1811) 688b;

auf der stufenleiter der wesen Falk satiren (1800) 1, 6.
β) alle wesen, die wesen alle:

der sterne glanz erblaszt, der sonne reges feuer
stört alle wesen aus der ruh
Haller ged. (1882) 3;

alle diese allgemeine quellen der freude, woraus alle wesen schöpfen, fliessen wie ehmals um mich her Wieland Agathon (1766) 1, 33;

von der gewalt, die alle wesen bindet,
befreit der mensch sich, der sich überwindet
Göthe I 16, 178 W.;

wie sollt ich scheiden aus dem bunde, der die wesen alle verknüpft? Hölderlin s. w. 2, 275 Hell.; lobt den herrn, ihr wesen alle Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 60.
c) sehr beliebt werden seit der zweiten hälfte des 18. jhs. auf den menschen (als spezies) angewandte, von seiner empirischen bestimmtheit abstrahierende umschreibungen, die ihn gleichsam in eine reihe mit möglichen anderen intelligiblen existenzen stellen.
α) namentlich vernünftiges wesen (vgl. unter 2 Diefenbach gl. 429c):

dann würg ich nicht die vernünftigen wesen, wie Satan, nur einzeln;
nein zu ganzen geschlechtern!
Klopstock bei
Lessing 8, 52 L.-M.;

freiheit musz als eigenschaft des willens aller vernünftigen wesen vorausgesetzt werden Kant (1838) 4, 74 Hart.;

nicht allein im schreiben, lesen
übt sich ein vernünftig wesen
Wilhelm Busch Max u. Moritz (1865) 23;

die ... einteilung vernunftbegabter wesen O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 48.
β) als ein einwohner eines freyen staats, und als ein denkendes wesen, nimmt man antheil an den öffentlichen angelegenheiten Archenholz England u. Italien (1785) 1, 1, 65; den erdball mit üppigem pflanzenwuchse geschmückt, reich bewässert und ... von denkenden wesen bewohnt A. v. Humboldt kosmos (1845) 2, 14; wie viele millionen ... mehr oder weniger denkender wesen sprechen diese worte ('sein eigener herr sein') mit tiefen seufzern aus W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 21; damit wir kein heer von idioten züchten, sondern von denkenden wesen Cl. Viebig kreuz im venn (1909) 173.
γ) auch sonst, mit wechselnden bestimmungen: wer kan einem wesen das meinungen hat ..., wehren diese meinung zu sagen? Lichtenberg nachlasz (1899) 25; wie es einem freyen wesen zusteht Klinger w. 3 (1815) 140; eine wahrheit, welche in beziehung auf jedes lebende und erkennende wesen gilt Schopenhauer w. 1, 33 Gr.; der mensch als moralisches wesen Lange gesch. d. materialismus (1866) 192; aber was ich nicht kann, schrie die tante, ist, ein nützliches wesen werden Renn adel im untergang (1947) 12.

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d) dieser ausdrucksweise schlieszen sich andere wendungen an, die jeweils die durch das attribut bezeichnete (reale) gattung oder kategorie umschreiben; mitunter dient auch hier die wortwahl dazu, von jeder näheren bestimmtheit absehen zu lassen.
α) lebendes (lebendiges) wesen: es ist kein lebendes wesen ohne wirksamkeit und leidsamkeit Lavater verm. schr. (1774) 2, 7; meine studierstube war so gelegen, dasz kein lebendiges wesen ... dahin gelangen konte Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 2, 244; (die erde) sey ein herrlich lebend wesen Hölderlin s. w. 2, 152 Hell.; wenn er sich doch an irgend ein lebendes wesen kettete, wäre es auch nur ein hund Kotzebue s. dram. w. (1827) 2, 11; diese Römer ... wissen wenig von der natur der lebendigen wesen. warum sollte der fuchs sich in die höhle des löwen begeben? Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 91; von jedem stück erzählte er ... mit der liebe, die sonst lebenden wesen gehört E. Mühsam namen u. menschen (1949) 108.
β) menschliches wesen: so muszten sie ... die verbindungen menschlicher wesen in ihrem ganzen umfange kennen lernen Göthe I 46, 26 W.;

drey stunden in die runde
kein menschlich wesen als nur wir!
Z. Werner der 24. februar (1815) 30;

Karoline konnte im finstern eben nur die gestalt eines menschlichen wesens erkennen Holtei erz. schr. (1861) 3, 44; erst in Aachen wussten sie wieder, dass sie menschliche wesen seien O. M. Graf unruhe (1948) 381.
γ) weibliches wesen: ein weibliches wesen, das sich dem geliebten manne hingibt Göthe I 22, 129 W.; die gütige mutter oder sonst ein ihm zugewandtes weibliches wesen E. T. A. Hoffmann s. w. 12, 7 Gr.; er fand in ihr ein gemüth, das ... ihm in der that alles erfüllte, was ein durch die anstrengungen ... des lebens ... ermüdeter mensch von einem weiblichen wesen wünschen kann Ranke s. w. (1867) 9, 28; die villa vorm tor, ... wo man mit weiblichen wesen zusammentraf, die nicht ganz dirnen und auch keine damen waren H. Mann d. blaue engel (1950) 227.
unüblich ist: feminina aus bezeichnungen männlicher wesen H. Paul dt. gramm. 5 (1920) V (inhaltsverzeichnis).
auch sonst wird wesen mit vorzug auf frauen und mädchen bezogen, vgl. den persönlichen gebrauch unter 6 b; beliebt sind prädikative wendungen wie: das weib ist ein häusliches wesen Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 2, 4; denn ein gebrechlich wesen ist das weib Schiller 12, 457 G.; frauen sind so gefährliche wesen, lieber bruder E. Wiechert missa sine nomine (1950) 197.
δ) dienendes wesen (nur gelegentlich und scherzhaft): er risz die thür auf und rief nach dienenden wesen, der Liese, dem Dietrich Gutzkow ritter v. geiste (1850) 2, 363; und sind sie vielleicht stubenmädl oder sonstiges dienendes wösen? Franz Pocci lust. komödienbüchl. (1859) 157.
e) die verbindung höheres wesen leitet mit einem teil ihrer anwendungen zu weiteren redensarten über, durch die personen oder personenkategorien einer besonderen klasse von wesen verglichen werden.
α) höheres wesen; im eigentlichen sinne: in dem sanften schlummer ... sey ihm ein höheres wesen erschienen Haller Alfred (1773) 26; frau Aventiure wird als höheres wesen geschildert J. Grimm kl. schr. (1864) 1, 99. den menschen einbeziehend: alle wörter, die höhere wesen, menschen, götter oder geister bezeichnen Peschel völkerkde (1874) 487.
dagegen: halbmenschen, die sich, in vollem dummen ernst, für höhere wesen halten als uns Klopstock oden (1889) 2, 6; das verhältnisz sämmtlicher vorübergehenden personen zu Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fühlten die gegenwart eines höheren wesens Göthe I 25, 1, 277 W.

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β) so auch überirdisches wesen:

dieser schwachen ...,
die in dem ersten heilgen wahn
an ihm (dem papst) ein überirdisch wesen sahn
Blumauer ged. (1782) 120;

man betrachtete sie (d. prinzessin) wie ein überirdisches wesen Novalis schr. 4, 80 Minor; ein überirdisch wesen erschien sie ihnen (eine verhüllte gestalt) M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 102.
γ) im übrigen ohne geprägte redensartliche fassung; speziell: wogegen ... die Deutschen ... am ende dahin kamen, dasz sie nächst gott ... kein groszmüthigreicheres wesen als einen englischen lord ... erkannten Herder 23, 162 S.; dasz ein Franzose und vollends ein Engländer durch seine nationalität und geburt ein vornehmeres wesen sei als der Deutsche Bismarck ged. u. erinn. 1, 142 volksausg.
δ) auf die prätendierte ausnahmestellung einzelner bezogen: und sich ingeheim als ein wesen betrachtet, das an die gesetze der geselligkeit nicht weiter gebunden ist J. E. Schlegel w. (1761) 5, 271;

beschränkt und unerfahren hält die jugend
sich für ein einzig auserwähltes wesen,
und alles über alle sich erlaubt
Göthe I 10, 169 W.;

er (Wallenstein) hielt sich nun
für ein begünstigt und befreytes wesen,
und keck wie einer, der nicht straucheln kann,
lief er auf schwankem seil des lebens hin
Schiller 12, 330 G.


ε) allgemein: angewöhnt lauter idealische wesen um dich her zu sehen, wirst du die kunst niemals lernen, von den menschen vortheil zu ziehen Wieland Agathon (1766) 1, 66; dass ein mann von genie ... immer ein wesen ist, das unsere verehrung verdient Göthe I 45, 13 W.; der mann, der also sprach, konnte kein gemeines wesen seyn Pfeffel pros. versuche (1810) 5, 12; mir erschien eine königin als ein wunderbares räthselhaftes wesen Steffens was ich erlebte (1840) 1, 54; zauberhafte wesen der groszen welt, die ihr so stolz ... euch anlehnen könnt an euer glück Gutzkow ges. w. (1872) 3, 4; dieser letzte furchtbare vorkämpfer der staatsgewalt gegen das mittelalterliche priestertum (Friedrich II.) erschien den italienischen propheten der zeit als ein völlig dämonisches wesen Scherer litt.-gesch. 7100; der schwedische könig und der Wallenstein, das waren wesen, aus aar und leu und mensch gemischt Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 218; er hatte ... zu ihr aufgeschaut als zu einem wesen aus einer zarteren, schnelleren welt Feuchtwanger Simone (1950) 115.
ζ) noch hervorzuheben ist die (volkssprachlich sicherlich verbreitete) prägnante anwendung auf dämonische wesen und spukgestalten: still, der is kein räuber, der is ein wesen Nestroy ges. w. (1890) 2, 30.
5) nicht selten begegnet übertragener gebrauch des wortes für dingliche und begriffliche gegenstände (kaum noch an die verwendung für 'ens' anknüpfend, vgl. 3).
a) hypostasierte abstracta:

vernunft!
o unbeschreiblich edles wesen!
Gottsched ged. (1751) 1, 170;

ehe wir uns der blinden nothwendigkeit fügen, verwandeln wir sie lieber in ein wollendes wesen, das wir anfeinden können Schiller 7, 46 G.;

freiheit, holdes wesen,
gläubig, kühn und zart
M. v. Schenkendorf in:
Böhme volksthüml. lieder d. Deutschen 40;

so lange die unumschränkte herrschaft dauert, ist der staat ein mythologisches wesen Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 141.
b) von der menschlichen seele, die auch im eigentlichen sinne als belebtes wesen aufgefaszt werden kann: die seele ist ein geistiges und unleibiges wesen Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 1, 278;

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dann erstaun ich über die hohen wesen, die gott schuf
als er seelen schuf zu der liebe
Klopstock oden (1889) 1, 62;

ein sonderbares wesen ist die seele A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 312.
c) gern von dinglichen gegenständen, namentlich, wenn eine gemüthafte beziehung zu ihnen besteht: diese (bedeutende kunstwerke) wirklich erhalten als unaussprechliche wesen Göthe I 46, 19 W.; die kometen sind wahrhaft excentrische wesen, der höchsten erleuchtung und der höchsten verdunkelung fähig Novalis schr. 3, 65 Minor; zwei flüsse begegnen sich da, umarmen sich und ziehen in der umarmung weiter, ein neues wesen. Weser heiszen sie von da an H. Laube ges. schr. (1875) 1, 71; ein buch ist ein lebendiges wesen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 1; da ist diese bucht, dann und wann kleine ruderersilhouetten davor in so schöner angestauter bewegung und genau das, was aus diesem boot ein wesen macht (1906) Rilke br. (1930) 104 inselverl.; dieser flügel war ein allwissendes, allempfindendes wesen B. Kellermann Ingeborg (1911) 25.
6) seit dem anfang des 19. jhs. nehmen die anwendungen auf bestimmte personen (namentlich frauen und kinder, s. b) breiten raum ein, in denen der wortsinn usuell eine besondere färbung erhält.
a) im allgemeinen gebrauch dieser art treten unterschiedliche auffassungen hervor.
α) maszgeblich für die wortwahl ist meist das entgrenzende moment, das durch die begriffliche unbestimmtheit des wortes in die ausdrucksweise hineingetragen wird; so kann wesen dazu dienen, von aller konkreten determiniertheit einer person scheinbar abzusehen: herr von Harder nahm ... abschied, ... Dankmarn aber, als ein ihm noch nicht vorgestelltes unbekanntes wesen, ignorirte er gänzlich Gutzkow ritter v. geiste (1850) 2, 241; sie schauten ihn jetzt an wie ein wesen, das nicht mehr zu begreifen ist O. M. Graf unruhe (1948) 365.
β) daher wird das wort, mit entsprechenden attributen, gern auf personen angewendet, deren natur problematisch erscheint und sich gleichsam einer bestimmteren klassifizierung entzieht: meine schwester war und blieb ein indefinibles wesen, das sonderbarste gemisch von strenge und weichheit Göthe I 27, 197 W.; die Stael ist ein sehr merkwürdiges, seltenes wesen Chamisso w. (1836) 5, 274.
γ) ähnliches drückt sich in gefühlsbetonten anwendungen auf frauen und mädchen aus (so auch vielfach unter b), wo der verzicht auf konkretere (gleichsam der anschauung vorgreifende) bezeichnungen umsomehr den unmittelbaren eindruck wirken zu lassen scheint: seine augen und sein herz wurden unwiderstehlich von dem geheimniszvollen zustande dieses wesens (Mignons) angezogen Göthe I 51, 213 W.; während das mädchen schwach atmet und schläft, dieses wesen, von ihm immer mehr als der einzige, wild geliebte besitz auf erden betrachtet A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 304.
δ) hiermit vermischen sich in solchen verwendungen zwei weitere auffassungsweisen; einerseits eine (mitfühlend oder wohlwollend) herablassende tendenz, etwa im sinne von geschöpf (vgl. d. 4 g, teil 4, 1, 2, sp. 3955): hier aber find ich gar viel hübsche wesen, besonders die schwarzhärigen Göthe III 1, 217 W.; zugestoszen ist ihr gott sei dank nichts! nur verwirrt und geängstigt ist das unglückliche wesen Polenz Grabenhäger (1898) 2, 281; — andererseits der anklang an den gebrauch für 'höhere wesen', durch den das wort über die gleichgerichteten anwendungen von geschöpf hinausgreift: ein solcher engel wie sie, ein wesen, welches wir künstler schlechtweg ein ideal nennen Deinhardstein ges. dram. w. (1848) 3, 12; wie so ganz anders, als mit seinem bruder, sprach dieses himmlische wesen mit ihm M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 50; und nie habe ich mir die möglichkeit beikommen lassen, diesem geheiligten wesen (Lotte) irgend einmal von angesicht zu angesicht gegenüberzustehen Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 19.

[Bd. 29, Sp. 566]



ε) im sinne von 'geschöpf' steht wesen nicht selten auch in anwendungen, die auf die menschliche kreatürlichkeit oder persönliche debilität anspielen: wie kann ein so armes blindes wesen, wie wir arme sterbliche sind, für alle seine mitmenschen entscheiden, was sie denken sollen? J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 169; ein bürgerkönig ist ein klägliches wesen Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 257; wie ich ohne sie nur ein schwaches unselbständiges wesen bin (1814) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 14 Schulte-K.; was wissen wir schlieszlich von dem armen wesen, das nun eine siebenzackige krone zu bekommen gedenkt? E. Wiechert missa sine nomine (1950) 366.
ζ) verbindungen des weiten begriffes wesen mit einem präzisen attribut lassen die bezeichnete eigenschaft als allein relevant hervortreten: unter allen seinen lesern ist gewisz niemand, der ... vergessen sollte, dasz der verfasser ein ironisches wesen sey Schwabe belust. (1741) 1, 175; darf ich hoffen, mein herr, dasz sie mich nicht ganz für ein so boshaftes wesen halten, als mein herr vater aus mir zu machen beliebt? W. Raabe s. w. II 2, 40; ein schüler war ein mausgraues, unterworfenes und heimtückisches wesen, ohne anderes leben als das der klasse H. Mann d. blaue engel (1950) 26.
η) näher zu δ (im ersteren sinne) stellen sich einzelne verwendungen, in denen wesen mit jovialen attributen auf männliche personen angewendet wird: graf Carl ist hier, ein sehr braves wesen Göthe IV 8, 6 W.; ein junger Hanauer, namens Büry, der mit mir zusammen wohnt und ein gar resolutes gutes wesen ist, hat mir nicht wenig geholfen ebda 329.
θ) in prägnantem verächtlichem gebrauch vereint sich der wortsinn 'geschöpf, kreatur' (wie unter ε und ζ) mit der entgrenzenden, den betroffenen als indefinibel hinstellenden funktion des wortes, die es mit ausdrücken wie subjekt, individuum teilt; vgl. DWB wesen als schmähwort bei Pansner schimpfwb. 77b: wann bekomm ich meine vier thaler? machen sie ein ende oder — — wesen, ich rathe dir! Gutzkow ritter v. geiste (1850) 5, 219; bei ihnen liegt die unermessliche verantwortung, ob künftig männer wie der angeklagte die gefängnisse füllen und wesen wie der zeuge Hessling der herrschende teil der nation sein sollen H. Mann d. untertan (1949) 249; eine welt, ... in der wesen zu gerichte sitzen wie du und dein herr, ... eine solche welt muss untergehen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 208.
b) den weitaus gröszten anteil an dem vorliegenden wortgebrauch haben die anwendungen auf frauen, mädchen und kinder.
α) von frauen und mädchen in den unter a γ und δ angegebenen auffassungen: die natur kann wieder eine weile operiren, bis sie ein so neckisches wesen zum zweitenmale zusammen bringt Göthe gespräche 1, 182 Biedermann;

lieb kind! mein artig herz! mein einzig wesen! ders. I 2, 12 W.;

ich kenne die holde kleine; es ist ... ein natürliches, von jeder ziererei entferntes wesen E. T. A. Hoffmann s. w. 14, 155 Gr.; diese ... war eines jener unbesorgten, immer heiteren wesen, welche wohl wissen, dasz sie gefallen W. Hauff w. (1890) 1, 10; das edle wesen, welches ihnen ... ein so tiefes glük gewährte (1857) Stifter briefw. 3 (1929) 34; angebetetes wesen! hätte ich dich nie gesehen! dich sehen und lieben war eins! Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 175; Brentano nannte dieses kindlich harmlose wesen einst eine anmuthstrampel A. v. Droste-Hülshoff br. (1893) 202;

glückselig wohl, wenn sich ein wesen findet,
das mich versteht, das eng sich mir verbindet
Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 4, 241;

heiratete ich das wesen meiner wahl H. Stehr mein leben (1934) 14; ein paar huschende wesen in halblangen mantillen und mit tüchern um den kopf kehrten verspätet

[Bd. 29, Sp. 567]


heim aus einem kränzchen H. Mann d. blaue engel (1950) 35. — salopp: habe ich recht angenehme verbindung mit den Gagarinschen wesen, die einmal in Frankfurt waren, liebenswürdige alte frau und dito töchter Bismarck br. an s. braut u. gattin 429 Bism.
β) von kindern, wie geschöpf: es kriegt einen nahmen der gut lautet, obgleich basen und vettern dagegen schreyn, und sich das arme wesen durch nichts ... wird retten können (1787) Caroline br. 1, 39 Waitz;

ja sieh, die letzte menschenregung für
das wesen in der wiege ist erloschen
H. v. Kleist w. 1, 13 E. Schmidt;

so schwatzte das lebhafte kind und Katharina schien sich an den unschuldigen reden des muntern wesens zu erfreuen Tieck schr. (1828) 19, 203; sonst aber fanden sich durchaus keine amulette, ... welche auf den ursprung des kleinen wesens hindeuteten Immermann w. 1, 66 Hempel; Eva hatte erst einmal ein ganz kleines kind gesehen. es war ein runzliges, braunrotes wesen mit einem unförmig dicken köpfchen Kahlenberg Eva Sehring (1901) 61.
γ) häufigere wortverbindungen zu α und β.
αα) schönes wesen: ich sah ..., wie das schöne wesen die stufen heraufstieg Göthe I 24, 31 W.; komm! in meine arme schönes wesen! Grabbe w. 1, 213 Bl.
ββ) zartes wesen: in bauernschenken findet man bequemere stühle ..., als deren sich hier die hofdamen bedienen. dem mittelalter zu liebe müssen sich diese zarten wesen beulen sitzen Gutzkow ges. w. (1872) 11, 60; ich bin so ungeschickt, so wenig gemacht mit einem so zarten wesen wie sie zu verkehren (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 114 Schulte-K.; denn nach der ganzen erscheinung des armen mädchens könne es sich ereignen, dasz das zarte wesen nicht alt werde G. Keller ges. w. (1889) 2, 32.
γγ) junges wesen: sollte jedoch ein junges wesen verstockt zu seiner rückkehr (zur pflicht) keine anstalt machen, so wird es, mit einem kurzen aber bündigen bericht, den eltern wieder zurückgesandt Göthe I 24, 257 W.; manches weinen wurde beobachtet, wenn ein junges wesen, das als amme diente, irgend in einem dunklen dachstübchen erschien Gutzkow ges. w. (1872) 1, 146.
B. die eigentliche natur, das wahre sein einer sache (wesen für die zentrale natur eines menschen s. unter D).
1) die bedeutung kommt um 1300 auf. sie stellt zunächst nur eine variante der bedeutung 'essentia' dar (s. I C, besonders 1, 2 und 4), wobei diese, als inbegriff der konstituierenden eigenart eines dinges, in besonderem hinblick auf dessen beschaffenheit angewendet wird, namentlich in den wendungen etwas ist das wesen einer sache ('macht ihre eigentliche natur aus', s. u. Tauler, Luther; ähnliche formulierungen auch bei Eckhart, Frauenlob u. a.; vgl. 3 a) und dem wesen nach (s. u. Luther u. a. und vgl. 3 b). der gebrauch ist zuerst im mystischen schrifttum und auch weiterhin bis zum 16. jh. nur in religiösen literaturgattungen belegt und bleibt bis zum ende des 17. jhs. ziemlich selten: das wasser fliusset von eigener nature niderwert cetale und ouch lit sin wesen dar ane Meister Eckhart buch d. göttl. tröstung 29 Strauch;

ô wunderwernder süeze ursprinc,
...
der êrsten sache sechic dinc,
ir wesen, ir ewic und ir immer wegender sin!
Frauenlob kreuzleich 1, 4 Ettm.;

do ms der geist und daz gemte unmittellichen in got gon; daz ist alleine dis wesen des woren gebettes und anders nút Tauler pred. 101, 18 Vetter;

ess (sc. die drei körner in d. lilie) bedutit auch dry korner der kuscheid,
das wesen der heiligen drivaldikeid
Joh. Rothe lob d. keuschheit 2460 Neumann;

das das wesen und natur des gebets sey nichts anders dan ein auffhebung des gemuts ader hertzen tzu got

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Luther 2, 85 W.; denn es ist viel ein ander frage, wenn ich sage: was bedeut das? vnd wenn ich sage: was ist das? 'ist' gehet ymer auffs wesen selbs ...; es sind mancherley rosen, als sylbern ... steinern, hültzen, dennoch ist ein igliche fur sich wesentlich eine rose ynn yhrem wesen ebda 26, 383; darum, obs gleich drei personen sind, gott vater, gott sohn, gott heiliger geist, so kann mans doch dem wesen nach nicht theilen noch unterscheiden ders., tischr. 6, 63 W.; dasz Christus dem wesen nach dem vatter gleich sey Schweigger reyszbeschr. (1619) 16; dass die rechte ... nennwörter ... mit den bedeutenden dingen, deren wesen und gleicheit sie annehmen, übereinkähmen Zesen rosenmând (1651) 21; studenten an hohen schulen streiten über das wesen der wahrheit Lehmann floril. polit. (1662) 2, 882; ob zwar des frauenzimmers höfliche bedienung zum wesen eines wackern edelmannes gehöret Lohenstein Arminius (1689) 2, 44a; die weltweisen, welche man zwar die zweifelnden heiszt, die aber weder an dem wesen der warheit, noch an der güte der tugend ... gezweifelt haben Lohenstein Arminius (1689) 2, 269b; alle geschöpfe sind von gott und nichts; ihr selbstwesen von gott, ihr unwesen von nichts (solches weisen auch die zahlen auf eine wunderbare weise [dyadik], und die wesen der dinge sind gleich den zahlen) Leibniz dt. schr. (1838) 1, 411.
2) seit der ersten hälfte des 18. jhs. nimmt die verbreitung des gebrauches rasch zu, wobei die popularisierung des wesensbegriffes in scharf definierter form durch Chr. Wolff eine rolle gespielt haben wird (vgl. Piur studien z. sprachl. würdigung Chr. Wolffs [1903] 74 u. 80): dasjenige, darinnen der grund von dem übrigen zufinden, was einem dinge zukommet, wird das wesen genennet. wer also das wesen eines dinges erkennet, der kan den grund anzeigen von allem, was ihm zukommet Chr. Wolff vernünft. ged. v. gott (1720) 14; der essenzbegriff in seiner neueren fassung hat damit eine präzise deutsche entsprechung gefunden. zur philosophischen abgrenzung gegen den begriff natur vgl.: wenn das wort natur in blos formaler bedeutung genommen wird, da es das erste innere prinzip alles dessen bedeutet, was zum dasein eines dinges gehört ... (dazu die anmerkung:) wesen ist das erste innere prinzip alles dessen, was zur möglichkeit eines dinges gehört. daher kann man den geometrischen figuren (da in ihrem begriffe nichts, was ein dasein ausdrückte, gedacht wird,) nur ein wesen, nicht aber eine natur beilegen Kant w. (1838) 8, 441. dem entspricht im allgemeinen sprachgebrauch, dasz natur (s. d. teil 7, sp. 437, ziffer 5 a) regelmäßig den gesamtkomplex der (anerschaffenen) merkmale einer sache bezeichnet, während wesen auf den essentiellen kern abzielt (engste berührung mit den anwendungen von wesen s. bei natur a. a. o. unter β). — der gebrauch verdichtet sich bis zum ende des 18. jhs. zu einer der hauptbedeutungen des wortes: die satyre ist ein moralisches straf-gedicht über einreissende laster, da entweder das lächerliche in denselben entdecket, oder das abscheuliche wesen der boszheit mit lebhaften farben abgeschildert wird Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 88; (man) beschreibt ... das wesen des schwefels und salzes Rabener in: Schwabe belust. (1741) 1, 213;

man thut sein (des menschl. geistes) einfach wesen dar,
das keine fäulnisz trennt, kein moder kann verderben
Gottsched ged. (1751) 1, 169;

überhaupt also geht sie (die 'parasitik') beyden, der rhetorik und der philosophie, in rücksicht auf das wesen selbst, darin vor, dasz gar keine frage darüber ist, was sie sey Wieland Lucian 1 (1788) 258; mit dieser tiefen kenntnisz von dem wesen der groszen geschäfte verband er die seltensten fähigkeiten damit umzugehen Schiller 4, 117 G.; die religionen dieser völker ... geben nur durch stumme gebräuche ... kunde von ihrem wesen Creuzer symbolik u. mythol. (1810) 1, 205; und glaubt ihr, dasz ein gesetz, welches verbietet, an dem wesen eines vorgefundenen kunstwerkes etwas zu ändern, dem verfalle und der zerstörung desselben für alle zeiten vorbeugen

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würde? Stifter s. w. 6 (1921) 117; die bezeichnung der urkunde im texte als bodmereibrief ... oder eine andere das wesen der bodmerei genügend bezeichnende erklärung handelsgesetzb. von 1861, § 683; denn man wuszte dazumal noch nichts, weder von dem namen noch von dem wesen des modernen traktätlein-konservatismus G. Keller ges. w. (1889) 1, 15; nicht einen augenblick konnte man über das wesen dieses geräusches im zweifel sein Th. Mann Buddenbrooks (1922) 1, 474; die mittelalterliche kirche ... war ein staatliches gebilde und lieh ihr wesen an werdende staaten K. Brandi reformation (1927) 23; dieses erstmalige betreten einer fremden stadt nahm in seiner (des soldaten) vorstellung ganz ungewollt das wesen eines aufklärungsganges an Ina Seidel Lennacker (1938) 7.
3) mit der anwachsenden gebräuchlichkeit der bedeutung vervielfältigen sich ihre redensartlichen verwendungen.
a) zu der schon mhd. sprachüblichen wendung etwas ist das wesen einer sache (s. 1) gesellen sich zahlreiche feste verbalverbindungen ähnlichen sinnes, z. b. es gehöret zum wesen der sache il est de l'essence de la chose Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1039b: weil das wesen desselben (des heldengedichtes) in der innern einrichtung, nicht aber in der länge der zeilen besteht Gottsched versuch e. crit. dichtkunst (1751) 17 anm.; diejenigen, welche das wesen der dichtkunst im mechanischen suchen Kästner verm. schr. 1 (1755) 219; dasz die wahrheit das wesen der geschichte sey Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 77; hat man das wesen der dichtkunst in eine nachahmung der natur gesetzt Herder 12, 7 S.; dasz anziehungs- und zurückstoszungskraft zum wesen der materie gehören Göthe I 33, 196 W.; höre auf ..., ich fühle diese wahrheit trotz ihrer freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so ganz das wesen meines lebens ist Tieck schr. (1828) 4, 94; namen, zahlen ... machen aber ihr (der geographie) wesen nicht aus Ritter erdkde (1822) 1, VII; (die systematische form) ist nicht das wesen der wissenschaft, sondern eine zufällige eigenschaft derselben Fichte s. w. (1845) 1, 42; dasz es eine im wesen des römischen charakters liegende nothwendigkeit war, unbewuszt ... alle dinge seinen zwecken unterzuordnen Jhering geist d. röm. rechts (1852) 1, 314; den überlieferten ... formelkram, in welchem die meisten das wesen der kunst setzten O. Jahn Mozart (1856) 3, 89 anm.; zu dem wesen des alten (deutschen) reiches gehörte, dasz es nach keiner seite feste grenzen hatte G. Freytag ges. w. 18 (1888) 91; die antike theologie hat niemals aufgehört das wesen des gottes in dem namen zu suchen, in den sie hineinzwang, was sie hören wollte Wilamowitz-Möllendorff glaube d. Hellenen (1931) 1, 33; das wesen aller militärischen erziehung besteht darin, dass eine reihe von handgriffen und tätigkeiten automatisiert werden Klemperer l. t. i. (1949) 163.
b) die seit dem frühnhd. bezeugte verbindung dem wesen nach wird allgemein sprachläufig: dasz der schöpffer ... eine jede creatur ihren wesen nach höchst vollkommen erschaffen ... habe Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 37; das lateinische und griechische participium (ist ...) seinem wesen nach ein adjectiv Adelung umst. lehrg. d. dt. spr. (1782) 2, 6; dem wesen nach waren sie (die böhmischen u. mähr. brüder) ganz protestanten Schiller 8, 34 G.; wenn sie ihrer natur und wesen nach nichts als eine rübe war Musäus volksmärchen 1, 12 Hempel; eine darstellungsform, die ihrem wesen nach der thematischen bearbeitung an tiefer bedeutung nachsteht O. Jahn Mozart (1856) 4, 12; gebiete, die ihrem wesen nach dem verstand gehören, wie recht und staat Dehio kunsthist. aufs. (1914) 3.
c) seit dem frühen 18. jh. mehren sich verstärkende ausdrücke wie das wahre, eigentliche und namentlich das innere wesen einer sache (vgl. DWB D 2 b):

wir sehen zwar den mond von ferne leuchtend stehen,
doch sieht das auge nicht sein völlig wesen ein
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 49;

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gedanken von dem wahren wesen ... der music Heinichen generalbasz (1728) )( 3; der roman (Wilhelm Meister) ist, was das innere wesen und den eigentlichen geist betrifft, schon mit diesem 7 ten buche aufgelöst (1796) Schiller br. 4, 451 Jonas; wenn du dich dem eigentlichen wesen der kunst ... hingeben wolltest Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 350; solche vorgänge, welche nicht blos die äuszere form, sondern das ganze innere wesen der körper umwandeln Stöckhardt chem. feldpred. f. dt. landw. (1851) 1, 4; über das tiefste wesen eines echten dichters ist eine erklärung nie möglich Liliencron s. w. (1904) 5, 98; dieser name (basilika), der das innere wesen des baues nicht entfernt berührt Brunn kl. schr. (1898) 1, 122; man kehrt zurück ... zur menschheit oder zur nation oder zur sittlichkeit oder zum wahren wesen der kunst usw. Klemperer l. t. i. (1949) 83.
d) das wesen der dinge natura rerum Steinbach dt. wb. (1734) 2, 982; seit der mitte des 18. jhs. geläufig: das wesen der dinge zu kennen Haller tageb. s. beob. (1787) 1, 6; Pythagoras ... gebrauchte dieses wort ('zahl'), ... um dasjenige was wir das wesen der dinge nennen zu bezeichnen Wieland Lucian 1 (1788) 368 anm.; der satz des widerspruchs ist ein natürliches gesetz zu denken, welches auf dem wesen der dinge und der natur der seele zugleich beruht Gerstenberg recensionen 179 lit.-denkm.; die kraft ist kein stoszender gott, kein von der stofflichen grundlage getrenntes wesen der dinge Büchner kraft und stoff (1866) 1; die frage nach dem wahren wesen der dinge Lange gesch. d. materialismus (1866) 5;

pater prior, alte meister
lehrten mich, der dinge wesen
ahnend, manches blatt im groszen
buche der natur zu lesen
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 178;

das wappenwesen des kriegerstandes (entstand) aus den zeichen der waffen, wie es im wesen der dinge liegt K. F. Bauer d. bürgerwappen (1935) 8.
e) seit dem ende des 18. jhs. begegnen häufig wortverbindungen, die sich auf die erkenntnis des wesens einer sache beziehen: und du meinst, dasz der dichter in jenes wahre wesen der musik eindringe, ohne dasz ihm die schule jene niedrigeren weihen erteilt hat? E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 82 Gr.; so muss auch der heutige dichter über das wesen seiner kunst mehr im klaren seyn, als es ehemalige grosse dichter seyn konnten Europa (1803) 2, 90 Schlegel; zur völligen einsicht in das wesen eines dinges Oken allg. naturgesch. (1839) 1, 3; die ... einsicht in das wesen und die grundgesetze der künstlerischen darstellung O. Jahn Mozart (1856) 3, 382; diese kritik ... schonungslos, den kern einer sache erfassend und ihr wesen vollkommen erschöpfend E. Mühsam namen u. menschen (1949) 160.
f) ebenso formulierungen, die (als titel o. dgl.) eine wesensbestimmung ankündigen: was sagen alle vier erklärungen vom wesen des schönen? Herder 22, 38 S.; Schellings abhandlung über das wesen der menschlichen freyheit Göthe III 4, 84 W.; wesen und begrenzung der physischen weltbeschreibung (vortragsthema) A. v. Humboldt kosmos (1845) 1, XI; es dürfte ... zweckmäszig sein, ... einige worte über das wesen und den zweck dieser wissenschaft ... voranzuschicken Stöckhardt chem. feldpred. f. dt. landw. (1851) 1, 3; über den zweiten punkt der tagesordnung: wesen und zweck der arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer Bebel aus m. leben (1946) 1, 82.
g) nicht selten sind auch wendungen wie dem wesen einer sache widerstreiten: (die säule) widerspricht ... dem wesen all unserer gebäude Göthe I 37, 143 W.; elemente (in der vorlage eines operntextes) ..., welche dem wesen der musik völlig widerstreiten O. Jahn Mozart (1856) 4, 204; (das parlament) erklärte, dasz sie (anträge) mit dem wesen der parlamentarischen verfassung im widerspruch seien Ranke s. w. (1867) 17, 5.

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h) bei Schiller findet sich der ausruf das ist das wesen 'das ist das wesentliche, darauf kommt es an':

seid ihr doch im besitz, das ist das wesen 12, 66 G.;

er schreibt gar nicht übel!
und die orthographie —
ja! das ist das wesen! 14, 205.


C. gemütsart, naturell, die art eines menschen, sich zu geben, sein verhalten und gebaren, sofern es als ausdruck seiner wesensart erscheint.
1) das aufkommen der bedeutung.
a) der gebrauch ist aus der frühnhd. hauptbedeutung 'tun und treiben, tun und lassen, verhalten' (I G) abzuleiten, die in manchen ihrer verwendungen schon seit dem 16. jh. in den neuen wortsinn übergeht. zu beachten sind einzelne grenzfälle, in denen die jüngere auffassung zwar möglich scheint, der genauere textzusammenhang aber die herkömmliche bedeutung ('treiben, verhalten, gebaren' schlechthin) nahelegt: darumb treybt yhn (den gottlosen) seyn falsches weszen dahyn, das er des gerechten lösz werd, yhn umbbring, damit seyn weszen recht und ungestrafft bleybe Luther 8, 229 W.;

liebliches reden ermuntert die herzen,
schöne gespreche befrischen das blut,
löbliche sachen erquicken den muht,
lustige schwenke behagen zum schertzen,
trauriges wesen ergetzet die schmertzen,
häuffet die funken zur glimmenden glut
Harsdörffer frauenz.-gesprechsp. (1641) 3, 470.

auch wo kein hindernis besteht, den wortsinn 'art, sich zu geben, gemütsart' anzusetzen, wird der gebrauch noch für längere zeit als blosze spielart der absolut dominierenden bedeutung 'tun und treiben, verhalten' anzusehen sein und erst mit deren beginnendem versiegen um die mitte des 17. jhs. isolierte geltung erlangt haben; jedenfalls bleibt er bis dahin äuszerst selten: denn hohmuth und hoffart haben dissen unterscheyd, das hohmuth ym hertzen sitzt, hoffartt ist das eusserlich hochtragend wessen und geperde (1522) Luther 10, 1, 1, 637 W.; sie hat haimlich ain sollich wolgefallen an seinem wesen, thon und lassen gehabt, das sie in gern ledig gelassen (aus d. gefangenschaft), woverr er sie zu der ehe het nemen wellen Zimmer. chron. (21881) 1, 264 Barack;

ach edles N., mein eynger trost,
nach dir mich thut verlangen;
ein artlich wesen an dir hast,
das hat mich gar gefangen
Forster frische teutsche liedlein 27 ndr.;

wan ihr lacht thue ich weinen,
hab paides, freud und pein:
macht euer holdseligs wesen,
o freulein auserlesen
Schallenberg 110 lit. ver.;

der weisen sinnen zier, mit der er, noch ein knabe,
viel männer übertraf. sein kluges wesen gabe
was groszes zu verstehn. das ewige latein
war ihm fast mit der milch der mutter gangen ein (1633)
Fleming dt. ged. 1, 52 lit. ver.;

und sie kant ('erkannte') jhn auch wol am wesen, an der stirn
Dietrich v. d. Werder hist. v. ras Roland (1636) 16.


b) von der mitte des 17. jhs. an werden diese anwendungen häufiger und gelangen gegen die mitte des 18. jhs. (zu einer zeit, da die bedeutung 'tun und treiben, verhalten' fast gänzlich aus der literatursprache verschwunden ist, vgl. I G 3) zu gröszter verbreitung: wesen eines menschen, oder sein gemüth, seine art des gemüths, seine sitten vnd sein thun l'humeur et la facon d'une personne, ou le naturel et la maniere de vivre ou de se comporter; hominis ingenium vel indoles, naturae aut animi constitutio Duez dict. (1664) 2, 670b; ein mensch von gutem gemüth vnd wesen vn homme de bonne humeur et façon, homo bonae indolis et constitutionis, ebda; ein mensch von einem stillen, friedfertigen und leutseligen wesen, leben und umgang a man of a quiet, peaceable, and sweet behaviour, life, conversation or dealing Ludwig t.-engl. (1716) 2458; charitables wesen mira comitas Apinus gloss. nov. (1728) 116:

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die tugend, den beqveemen geist,
den sie in ihrem wesen weist,
kan keine mahlerey nicht treiben:
desz geistes kiel musz sie beschreiben (1660)
Stieler geharnschte Venus 17 ndr.;

die demuth kan man dir (o was für schönes wesen
ist disz an herren doch) aus beeden augen lesen.
die leute gehn zu dir als einem fürsten hin,
und als vom freunde weg
Treuer dt. Dädalus (1675) 373;

man hat (durch ausländischen einflusz) mit einiger munterkeit im wesen, die teutsche ernsthaftigkeit gemäsziget Leibniz dt. schr. (1838) 1, 459; ich bin dir gut darvor, dasz ein weibsbild in allem ihrem wesen recht abgeschmack ist, wenn ihre manieren nicht ein wenig mit der schelmerey gewürtzet sind ollapatrida 36 Wiener ndr.;

mich selbst verdrieszt mein murrisch wesen
J. Chr. Günther ged. (1735) 191;

dein ohne zwang bescheidnes wesen
verdient den ruhm der ewigkeit
Stoppe Parnasz (1735) 13;

er kommt, er zeiget sich,
man sieht, und was man sieht ist alles königlich.
und wär er unbekannt, so würden doch die thaten,
sein wesen und gesicht den könig bald verrathen
Pietsch geb. schr. (1740) 112;

dein an sich ziehendes verbindlich-holdes wesen
König ged. (1745) 3;

du warst zwar eines stillen wesens,
und fingst nicht gern zu reden an
Triller poet. betracht. (1750) 4, 249;

o wären meine lobgesänge
der schönheit deiner bildung gleich,
und so, wie deiner glieder länge,
an reizerfülltem wesen reich!
Gottsched ged. (1751) 213.


2) seitdem gehört die bedeutung zu den im jüngeren sprachgebrauch vorherrschenden. in dieser geltung bildet sie eine differenzierte skala von anwendungsmöglichkeiten aus, die ohne scharfe begrenzung nach der einen seite in die zu ende des 18. jhs. neu belebte bedeutung 'tun und treiben' (s. I G 3), nach der anderen seite in die mit dem 18. jh. aufkommende bedeutung D ('die zentrale natur eines menschen') überflieszen. die jeweilige nuance wird in erster linie durch charakterisierende adjektive festgelegt, je nachdem sich diese mehr auf die innere wesensart oder das sie ausdrückende gebaren beziehen. sporadisch ist die bedeutung in mundartwbb. gebucht, u. a. in der literarisch wenig hervortretenden verbindung ein ... wesen an sich haben (mit adj.-attrib.; vgl. 3 g ε): 'n stuursk ('mürrisches') wäsen an sükk hebben Stürenburg ostfrs. 321b; hot tii e weese ('benehmen') an sic! Lenz Handschuhsheim 77b; e fīn wese 'ein schönes benehmen' Tonnar-Evers Eupen 229.
a) an die bedeutung 'tun und treiben' angrenzende, aber das fragliche verhalten als ausflusz einer gemütsart auffassende verwendungen (zu d überleitend): freylich konnt ich mir wirklich keine eigentliche verschwendung oder lüderlichkeit vorwerfen; aber doch ein gewisses gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes wesen Bräker s. schr. (1789) 1, 200; denn wer weisz nicht, wie oft der dümmste labetsch, blosz mit einem beherzten angriffigen wesen, zuerst sein glück macht ebda 243; (er) war aber öfter als beamter genöthigt, gegen sein excentrisches, ja sittenloses wesen einzuschreiten Kerner bilderb. (1849) 7;

das war ja so dein wesen
von alten tagen her,
dasz du dir hast erlesen,
was schwach, gebeugt und leer
Krummacher in:
Knapps evang. liederschatz (1891) 524b;

einen menschen ..., der ... durch eitelkeit vielleicht und liederliches wesen dermaszen in zerfall geriet Mörike w. 3, 11 Göschen; diese narrenpossen, von einem manne mit so edlem und ernstem äuszern getrieben, empörten mich ...; ich begann daher, mich zu hause und auch anderwärts über die angelegenheit zu äussern

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und erfuhr nun mit verwunderung, dass Römers seltsames wesen wohl bekannt war G. Keller ges. w. (1889) 2, 55.
b) anwendungen auf äuszeres gebaren und habitus, insoweit dem hervorgerufenen eindruck eine eigentümliche wesensart zu entsprechen scheint (zu c überleitend): es ist wahr, er hatte von weitem ein romantisches wesen, wegen seiner fliegenden haare ..., wegen seiner ausserordentlich langen hagern figur Zimmermann einsamkeit (1784) 3, 458; er geht die Charlottenstrasze herauf, mit solchem ganz seltsamen anstand und wesen, dasz er aus irgend einem fremden lande herabgeschneit zu sein scheint E. T. A. Hoffmann s. w. 14, 161 Gr.; einige (bildl. darstellungen) geben durch gewaltsame bewegungen und steifes wesen der figuren ein hohes alter ... zu erkennen H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 41; dies ist ein munterer ... vogel, welcher ... ein unruhiges wesen zeigt Naumann vögel (1822) 2, 1, 353. an die wendung ein wesen machen 'sich aufgeregt gebärden' (s. I G 4 c ε) angelehnt: (Augustes) ruhe fiel doppelt auf nach dem aufgeregten wesen von Jakobs frau Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 84.
c) die art eines menschen, sich zu geben, sein unwillkürliches oder mit absicht zur schau getragenes gebaren als wirklicher oder scheinbarer ausdruck seiner wesensart oder gemütsverfassung: eine schlechte gesundheit, weichlichkeit, geziertes wesen ..., alles dieses haben sie (die stutzer) dem weiblichen geschlechte zu danken anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 367 Gottsched; sein freundschaftliches und edles wesen gewann ihm alle herzen Haller Usong (1771) 37; ([bedienter] mit einem gebläheten wesen) was stehet zu ihren diensten? Stephanie d. j. sämtl. lustsp. (1771) 248;

dasz euch nur darum Saladin begnadet,
weil ihm in eurer mien, in euerm wesen
so was von seinem bruder eingeleuchtet
Lessing 3, 34 L.-M.;

die (Sachsenmädchen) können bücher lesen,
den Wieland und den Gleim;
und ihr gezier und wesen
ist süsz wie honigseim
Schubart sämmtl. ged. (1825) 3, 72;

eine kleine person, die mit aller mühe, so sie sich gab, ein einfaches und kunstloses wesen zu erkünsteln, nichts weniger als natürlich war Wieland Lucian (1788) 1, 411;

mit der andacht mienen
und frommem wesen überzuckern wir
den teufel selbst Shakespeare 3 (1798) 232;

der sohn kam bald mit einem kruge voll frischer milch zurück, und reichte ihr denselben mit ungekünsteltem und ehrfurchtsvollem wesen Novalis schr. 4, 83 Minor; deine tochter hat einen anstand und ein wesen, das mich entzückt Schröder dram. w. (1831) 1, 220; sie (staatsmänner) suchten durch aufgeräumtes wesen und freundlichen zuspruch die öffentliche angst zu beruhigen H. König d. clubisten in Mainz (1875) 2, 368; sie machten sich prächtig, die scharfschützen, auf ihren muthigen pferden, mit ihrem geschulten wesen Gutzkow ges. w. (1872) 5, 360; das frank und freie wesen der jungen dame Fontane ges. w. (1905) I 4, 256; sie hatte zum ersten male musze, sich umzusehen, wo sie war. sie tat es mit ruhigem und klarem blick, mit einem wesen, das mit ihrer äuszeren erscheinung im einklang war E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 27; er hatte dunkles, glatt gescheiteltes haar, das wesen eines pflichteifrigen beamten, sprach sachlich H. Mann d. untertan (1949) 54; er schwieg, und sein ganzes wesen war ein trübes, bitteres ja Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 154.
d) zwischen c und e vermittelnde anwendungen auf wesenszüge, individuelle eigenheiten eines menschen, die in seinem verhalten hervortreten: doch wollt ich dass mich einmal wieder was zu lachen machte, und dass mir ein affisches wesen wieder ins blut käm (1776) Göthe IV 3,

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51 W.; dasz ihr gränzenloser stolz, ... dasz ihr unsystematisches, excentrisches wesen ... alle herzen von ihnen entfernt Cramer Neseggab (1791) 1, 23; darum sind sie (die einsamen) so oft der spott der welt, bald durch ihren trotz ..., bald durch ihr linkisches wesen Zimmermann einsamkeit (1784) 3, 155; so sehr der schulmeister mein gedächtnis lobte, so unzufrieden war er mit meinem träumerischen wesen, welches er dusselei nannte J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 182; ein stilles und langmüthiges wesen steht einem tapfern manne wohl E. M. Arndt schr. (1845) 1, 273; der knabe war seitdem wie verwandelt, das träumerische wesen gänzlich von ihm gewichen A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1879) 2, 278; schon in den kinderjahren war ihr durchaus nicht entgangen, dasz sie sich durch ihr ungattig bubenhaftes wesen manche zuneigung und freude verscherzte E. Strausz freund Hein (1921) 117; ihr strenges, römisches wesen reizte ihn, das vestalinnenhafte an ihr Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 168.
so auch von literarischen äuszerungen: unsre correspondenz ... ein wunderliches document, das an wahrem gehalt und an barockem wesen kaum seines gleichen finden möchte Göthe IV 41, 49 W.; der frühe naturalismus in Deutschland bedient sich gern der gedankenstriche: die sätze ... reissen ab, deuten an, haben ein flüchtiges, springendes, assoziatives wesen Klemperer l. t. i. (1949) 79. vgl. ferner: Mannheim mag eine gar regelrecht gebaute stadt sein und heiszen, in der regel gefällt mir aber dieses moderne wesen der städte nicht so gar besonders Schubert selbstbiogr. 3 (1856) 443.
e) in bedeutung D übergehend (vgl. auch 3 g δ), die natur eines menschen, insofern sie durch einen hervorstechenden wesenszug gekennzeichnet ist:

sein gelehrt und frommes wesen
war, was ihrer brust gefiel
Gottsched ged. (1751) 1, 197;

dein unbiegsames wesen will sich auch nicht zu der mindesten freundlichkeit für ihn entschliessen (1790) Caroline br. 1, 64 Waitz; du thust ihr, weisz ich, alles zur liebe; das beste kann freylich nicht ohne aufregung ihres aufgeregten wesens geschehen Göthe IV 38, 12 W.; weil der vater ihrem kindischen wesen keine achtsamkeit für das geheime zugetraut hatte A. v. Arnim s. w. (1839) 1, 12; aber das prinzliche wesen schlägt vor. wenn sie auch in einer hütte wohnt, sie läszt einen noch immer antichambriren Bauernfeld ges. schr. (1871) 3, 125; vier ... männer, welche ihr gediegenes wesen aufrichtig hinstellen durften wie es war Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 9; der knabe Konrad hatte schon das ernste wesen seines vaters Stifter s. w. 5, 1 (1908) 216; dass man sie so selten sieht, ... scheint auf ein ... scheues ... wesen zu deuten Brehm tierl. 1, 165 P.-L.; merkwürdig, dieser ruhige, schlichte mensch, der mehr als wir alle in seinem gelassenen wesen gefestigt schien, ist durch diese person ganz aus der bahn gerissen Hauptmann Schillings flucht (1912) 21; 'entgrenzung' bedeutet die entscheidende grundhaltung ... des romantischen menschen, worin im einzelnen auch immer sich sein romantisches wesen äussern mag Klemperer l. t. i. (1949) 141; sie hatte sich den jüngling ihrer wahl ganz anders vorgestellt ..., heiterer, leichter, froher, von hellerem wesen, als August es war Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 178.
3) modifizierte auffassungen und redewendungen.
a) in objektiviertem sinne bezeichnet wesen die nationale 'art' (vgl. sachlich nahestehende ältere verwendungen unter I G 2 b θ); einen frühen ansatzpunkt für diesen gebrauch bildet die verbindung fremdes wesen, die zunächst an den gebrauch unter I J 8 zweit. abs. (oder auch I G 'treiben') anzuknüpfen scheint: (die deutsche sprache) hat biszhero innerhalb wenig jahren in jhrer zier und schmuk also zugenommen, dasz sie an keinem mangel, und des frömden wesens nicht nötig hat Schottel haubtspr. (1663) 19;

[Bd. 29, Sp. 575]


das ist Arndt,
der hat zu allen zeiten
vor'm fremden wesen streng gewarnt
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 102.


α) seit dem ende des 18. jhs. findet sich namentlich deutsches wesen: sollte nun ein anschauer oder leser, bey gemälden und gedichten altteutschen wesens und inhalts, dennoch so ganz vergessen ..., dasz er ein Teutscher ist Kretschmann s. w. (1784) 1, 27; so wie das werk (Vossens 'Luise') jetzt zusammen steht, ist es eben so national als eigen reizend. das deutsche wesen nimmt sich darin zu seinem gröszten vortheil aus (1795) Göthe IV 10, 274 W.; wohl hielt die stadt so streng wie nur der orden selber auf deutsches wesen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1834) 2, 39; wie oft werde ich noch lesen müssen, dasz professor Eucken eine deutsche rede hält, in der er sagt: 'dem deutschen wesen eignet der zug zur innerlichkeit, die in Meister Eckart nach dem ansichsein der seele sucht' Th. Haecker satire und polemik 1914 —1920 (1922) 138; züge, die die notwendige voraussetzung der zum deutschen wesen gehörenden innerlichkeit darstellen verfasserlex. 4, 129 Langosch; die furchtbare veränderung, die mit Deutschland vor sich gegangen war, liess alle früheren äusserungen deutschen wesens in einem veränderten licht erscheinen Klemperer l. t. i. (1949) 139.
β) entsprechend: dasz ich folglich die verpflichtung habe, spartanisches leben und wesen in mir darzustellen Immermann w. 1, 76 Hempel; eine gewisse gutmütige lockerheit und sorglose ungebundenheit ... des schwedischen wesens E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 78; das feste zusammenhalten der familienmitglieder ... ist von altersher ein grundzug des römischen wesens gewesen Jhering geist d. röm. rechts (1852) 2, 1, 206; gewisz blieben genug spuren des alten keltischen wesens und auch der alten keltischen unbändigkeit Mommsen röm. gesch. (1894) 5, 76.
b) in ähnlicher auffassung werden auch sonst überindividuelle verhaltensweisen (als ausdruck einer wesensart) durch das wort angedeutet; die verwendungen stehen zum teil der bedeutung 'das treiben' (s. I G 3, insbes. b α) nahe, werden aber auch durch die gebrauchsweisen unter I J 8 (erst. u. zweit. abs.) vorbereitet:

sie haszt ein abgeschmacktes wesen,
und kurz, sie ziert ihr vaterland
Gottsched ged.