| Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm | · · ![]() | ||
werwolf bis wesen (Bd. 29, Sp. 504 bis 510) | |||
| 1) in wolfsgestalt auftretender mensch: ... id est dum aliquis homo nascitur, et tunc valeant illum designare ad hoc quod velint, ut quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod vulgaris stultitia werwolf vocat, aut in aliam aliquam figuram (vor 1024) bei dt. mythol. 43, 409; wie ein solcher verwandelter wehrwolff mit eim pfeil oder flitschen inn hinderen sei geschossen worden, vnnd darüber zu bett sich legen mssen: allda man jhm, als er widerumb zu menschlicher gestallt gekommen, den pfeil mit gewalt hat herausz gezogen ... ein solcher menschenwolff oder wolffmensch ... Bodin, de magorum daemonomania (1586) 332; eine histori von einem vermeinten beerwolff oder weerwolff erzehlet Georgius Sabinus: man hält es, spricht er, allhier in Preussen darfür, dasz etliche menschen zu wölffen sollen werden Faust 277 lit. ver.; ich schosz einmal eine katz' am zaun, [Bd. 29, Sp. 505] der werwolf welche hexe, geübt durch salb' und räuchwerk sie, die volkreich heil'ge stadt 2) wolf in menschengestalt; mensch, der sich wie ein wolf gebärdet. a) als abschätzige bezeichnung; für einen gierigen oder auch gefräszigen menschen: dann der werwolf und röuber, pfleger Uolrich ... hette uns z groszerem schaden bracht ... diser pfleger ist under sinen andern unmäszlichen anfechtungen und begirden ain gar grosz kirchenröuber gsin (189) ... was scharpfen klauwen die gaistlichen wölf tragind (193) dt. histor. schr. 2, 167 G.; ... damit der leser solcher jesuwitischen beerwolffen heulen und frnemen erkennen lerne J. v. neuen orden d. Jesuwider (1562) C 7b; doch leb' ich (der einsiedler) noch am end' vom jahr, [Bd. 29, Sp. 506] 1, 443; für einen grausamen, grauenhaften menschen: qui occidunt homines per detractionem, nunc comedunt illum, nunc illum, nunc religiosum, nunc ... isti sunt werwolf. minus peccares et minus dominum offenderes, si in parasceue integrum bovem vel ovem comederes vel devorares sermo 172 Schönbach; mein herr, ich bin ein prinz vom berge Libanon. Derovalin: ihr möget gott betrügen, frau Isolde, warum ich euch hierhergebracht, ihr wiszt's. gar höflich schleichest du (der werber) zu zeiten b) vereinzelt als bezeichnung für einen mann, der mit der wildheit eines wolfes kämpft: der korsische werwolf (Napoleon) auf Elba qu. a. d. j. 1927; unser hauptmann, der heiszt Wulf, und ein richtiger wolf ist es auch, denn wo er zubeiszt, da gibt es dreiunddreiszig löcher. dennso bin ich der meinung, dasz wir uns die wehrwölfe nennen und zum zeichen, wo wir der niedertracht gewehrt haben, drei beilhiebe hinterlassen, einen hin, einen her und den dritten in die quer. und davon soll keiner was wissen, als wir dreimal elfe, so sich nennen die wölfe wehrwolf (1916) 94; hieran anknüpfend für eine geplante widerstandsbewegung der nationalsozialisten am ende des 2. weltkrieges: radio-sendungen ..., die von einer auf den namen 'werwolf' getauften freiheitsbewegung zu melden wissen: einem verbande rasender knaben Faustus (1948) 759. 3) zuweilen scheint umdeutung vorzuliegen zu 'wolf, der menschen anfällt' und allgemeiner 'wolf, bestie, reiszendes tier': in dem selven jair quam ein rasen werwolf intgain Bunne zo Berchen ... ind der leste minsche der gebissen wart, der greif den rasen wolf ... dat ein ander man quam geloufen mit eime bielen ind sloich den rasenden wolf doit (15. jh. Köln) städtechron. 13, 190; seint also werwlff die in die drffen lauffen vnnd kind vnnd menschen essen. als man etvan daruon sagt das sie also mit verhengtem zoum die menschen schedigen vnd heisen berwlff oder werwlff emeis (1516) 41a (doch ist Keisersberg die alte vorstellung 'mannwolf' auch bekannt geworden: da was ein man der kam inn die fantasei, [Bd. 29, Sp. 507] das er der selb wolff wer ebda 42a); sieh da, herr hinterwäldler (förster), wir hörten es schon an dem spektakel, dasz sie gekommen seien! was macht werwolf und bär, und uhu und kauz hinter den bergen? s. w. II 2, 88 Klemm. 1) der älternhd. gebrauch und die bedingungen seiner entstehung. a) voraus ist zu erwähnen, dasz die möglichkeit präsentischen gebrauchs von wesen durch die verwendung der partizipialform wesend (vgl. sein, vb., I 3 o, teil 10, 1, sp. 244) noch bis weit ins 17. jh. offengehalten wird. α) wesend 'befindlich, sich aufhaltend' mit lokalen ergänzungen (vgl. auch bayer. wb. 2, 1022): ein jeder fürst ... under dem ... der echter gesessen oder sein hab und gut wesend oder gelegen ist d. keys. maiestat cammergerichtsordn. (1555) 98a; das werder ... mit den darauff wesenden dörffern, krügen vnd kretzmern hist. rer. Pruss. (1592) 5, D 2b; die ausser lants und gerichts wesende salzkeufl und fuehrleit (17. jh.) österr. weist. 2, 33. β) wesend 'existierend', in verschiedenen auffassungen. αα) speziell 'im amt befindlich' (vgl. schwäb. 5, 1332 s. v. sein II): hat mir ain jetzt wesender rat ainen leichtfertigen menschen ... in mein haus ... geschickt (Augsburg, 16. jh.) städtechron. 32, 288; jetzt [Bd. 29, Sp. 508] wesende vnd kommende potentaten grewel d. verwüstung (1610) dedicatio II 7b; den iezt wesend(en) oder nachvolgenden abbt (1629) beitr. z. gesch. d. bischöfl. kirche Brixen 8, 382 Sinnacher. ββ) allgemein, in einem der bedeutung 'leben und weben' etc. nahekommenden sinne, namentlich von gott: o we zarter herre, es ist eyner wesenden seel hie an (an der bloszen anrufung gottes) nit gnug d. ew. wiszh. betbüchl. (1518) 21a; all unser leben ist eine farende lose habe, ich kan wol sagen ich fare dahin, aber sagen kan ich nicht: ich bin wesend, vergehe oder wancke nicht, ich bin und bleibe ewiglich. mit welchem titel reisset gott unsere ... augen von allen creaturen und zeuhets allein auff sich (1524) 16, 49 W.; wann etwas wirdt, das zuuor nit war, wird diss ein bewegung von dem onwesenden zu dem wesenden genennt grewel d. verwüstung (1610) 1156; so heist nun Jehova ... einen vnermässlich-wesenden gott catech.-milch (1657) 4, 202; der eine, so einig, das thun schlecht und rein, wesen, wesend allein (gott) dt. Dädalus (1657) 1, 750; wesend essente, sussistente t.-ital. 2 (1702) 1336b. b) der prägnante sinn des wirkenden daseins scheint (ebenso wie der mitunter vorkommende transitive gebrauch) durch das wort wirken induziert worden zu sein, mit dem sich wesen in solchen verwendungen von anfang an zu koppeln pflegt; doch ist auch an beeinflussung durch wesenen zu denken, das in der frühesten quelle ganz gleichartig gebraucht wird (eine kurzlebige neubildung der mystik zu wesen, n., I C 'essentia, substantia', sonst in der bed. 'wesen geben', vgl. mhd. wb. 3, 770b): wan got lebet und weset und wurket in im alle sine werk und gebruchet sin selbes in ime (dem von gott durchgossenen menschen) pred. 175, 21 Vetter (daneben: got lebt und wesent und wirkt in ir [der seele] ebda 146, 20); gott ist ein wirckende krafft in allen dingen, die in allen creaturen weset und alles in allen wircket S. Franck bei schwäb. 6, 723; auf das gott in uns wese, lebe, geiste, regire, hersche, wolle und wircke alle ding V. Weigel von d. seligmach. erkentnus gottes ( ) 105; also mag kein buch oder schrifft das inwendige im menschen wesen oder wircken ders., gülden griff (1613) H 1b. c) auszerhalb der verbindung mit wirken, doch z. t. mit anderen verben gekoppelt, begegnet das wort sporadisch vom 16. bis zum 18. jh.: wer nun von got kert ist, von dem keren sich alle ding, weil all ding mehr in got weset, steht vnd ist, dann in vnd auff jm selbs sprüchw. (1541) 2, 136b; was ist, das west und lebt, und dis von innen aus nichts weset ohne stimm: gott höret überall, 2) die moderne verwendung erhält starken auftrieb durch ; während das 19. jh. zurückhaltend bleibt, findet sich im ersten drittel des 20. jhs. bei manchen autoren (z. b. St. George) sehr intensiver gebrauch des arkanischahnungsvollen ausdrucks. a) von menschen (mitunter wohl durch die verbindung sein wesen treiben angeregt, vgl. DWB wesen, n., I G 4 c ζ): gewöhnlich wenn ich aufstehe besuch ich (im geiste) euch (die Jakobis) und sehe jedes in seiner art kommen und wesen (1793) IV 10, 48 W.; Ottilie wes't nun in Berlin und wird es von stunde zu stunde treiben, bis sie von zeit zu zeit pausiren musz; vielleicht gibt ihr das erreichte ziel ... wenigstens einige milderung der hast, ohne die man sie freylich kaum denken kann (1824) ebda 38, 12; vernimm, von allen männern, die im weltall wesen, [Bd. 29, Sp. 509] heimwäts bring ich euch einen lebendigen strahl, holzherr, knecht und wald b) entsprechend: vor allem sein soll der alogische wille als möglichkeit gewest haben und eben so nur als möglichkeit die logische vorstellung. da beide nur als möglichkeiten weseten, so war noch nichts bei erg.-wb. (1885) 633a; darum erschlugen die vanen den Mimir und sandten sein haupt den asen zurück. Wodan sprach seinen zauber über dem haupt, dasz es nicht wese, und hütete seiner im brunnen an Ygdrasils wurzeln 13 bücher d. dt. seele (1925) 9; blut, vordem wesend; blut aus diesem vordem ins nachdem rinnend und jenes unbekannte vordem unwiederlöslich vermörtelnd mit dem noch dunkleren nachdem Kortüm (1938) 122; hier weste die welt noch, wie sie vom schöpfer gemeint ist, gesund und voll zusammenklang d. jahr d. schönen täuschungen (1941) 208. auch: leben, wer lebt dich? wer ist's, der dich west? zum tod bereite sich, wer nicht mehr kann genesen; c) von ideell wirksamen kräften, tendenzen, kulturgütern u. ä.: dagegen weisz aber auch eine höhere theorie sich selten in den kreis zu finden, wo jener (der menschenverstand) wirkt und wes't I 42, 2, 260 W.; was alles dort (in Berlin) auch für mich gutes wes't und webt (1819) ders., IV 31, 53; (dem betrachter eines physikal. lehrbuches) muszte bedenklich vorkommen, wenn lebendiges und todtes (d. h. veraltetes) miteinander weste und fort wirkte ders., II 5, 2, 382; beim besuch seiner heimlichen heimat schaut er zuerst den sinnlichen raum, wo alles geistige weste und wirkte Hölderlins archipelagus (1911) 10. d) geistig in etwas (als in einem elemente) leben und weben: aber eben die uns vorgelegten romanzen des spanischen volkes ... leben und schweben durchaus zwischen zwei elementen, die sich zu vereinigen trachten und sich ewig abstoszen, das erhabene und das gemeine, so dasz derjenige, der auch darin west und wirkt, sich immer gequetscht findet I 41, 2, 71 W.; wie ist nun dem beizukommen, der im sein weset und den schein verachtet? w. (1884) 2, 705; wenn unser geist, nach anbetungen brünstig, e) in dem aktiven sinne wirkender und gestaltender gegenwart: du strahlst mir aus erlauchter ahnen werke f) auch in mehr spiritueller auffassung: jed ding wie vordem heil und schön genest der du hier grausend gleich den schatten stehst, [Bd. 29, Sp. 510] g) ironischer gebrauch scheint den meisten autoren fern zu liegen; vereinzelt: die guten harmlosen jünglinge, welche gar nichts anstösziges fanden, ... nackt wie eine heidnische gottheit sich zu sehen (die br. Stolberg i. d. Schweiz beim baden), wurden von freunden erinnert, dergleichen zu unterlassen. man machte ihnen begreiflich, sie weseten nicht in der uranfänglichen natur I 29, 135 W.; (Nereiden u. Tritonen:) sind eigentlich ihrer sieben (sc. das wort tritt zuerst in der auch sonst im idg. vertretenen wurzelbedeutung 'das verweilen' (I A 1) auf, die schon früh in den konkreten sinn 'aufenthaltsort, wohnstätte' überzugehen beginnt, der im mhd. fest wird (I A 2 und 3). die bedeutung ist schon zu beginn der überlieferung durchaus gebräuchlich, scheint aber noch jung zu sein, da entsprechende [Bd. 29, Sp. 511] kompositionsbildungen im ahd. nur zu (in dieser bedeutung als simplex fehlendem) wist vorkommen (s. heimwist 'domicilium', sam[ant]wist, mitewist 'das zusammensein mit jm.', nâhwist 'praesentia' 1, 1061 f.; vgl. an. vist 'aufenthalt, wohnen, bleiben') — und erst später durch -wesen-komposita abgelöst werden (mhd. nur noch heimwist, daneben heimwesen, mitewesen, bîwesen, s. d. mhd. wbb.). der wortgebrauch nimmt im mhd. und frühnhd. bis zum 17. jh., namentlich in den konkreten bedeutungsvarianten (quartier, gebäude, haus und hof, wirtschaft, siedlung, stadt, s. I A 2—4) und redewendungen (I A 5), breiten raum ein. um die mitte des 19. jhs. treten die anwendungen für 'ländliches anwesen' und 'hauswirtschaft' aus landschaftlichem gebrauch erneut in die schriftsprache (I A 6). gleichfalls schon im ahd., wenngleich seltener, ist die bedeutung 'existenz, dasein, leben' (I B 1) belegt, die seit dem mhd. dichter auftritt und bis zum 18. jh. sprachüblich bleibt. sie knüpft an die verbalbedeutung 'esse' an und bringt, neben selteneren sinnvarianten (I B 3), in redensartlichem gebrauch (I B 2) die bedeutung 'zustand' hervor ('[guter] erhaltungszustand' in wendungen wie in [gutem] wesen halten; die auffassung wird von dem adj. wesentlich mit der bed. 'in gutem zustand befindlich' aufgenommen, z. b. in wesentlichem bau halten, und zu 'rechtschaffen, ordentlich, tüchtig' weiterentwickelt; s. d. 5). theologischen ursprungs ist der zunächst auf gott oder die trinitarischen personen bezogene gebrauch für 'substantia, essentia' (I C 1). die nach verdeutschung verlangenden lat. und gr. termini (namentlich essentia und οὐσία) legen analogisch die ableitung vom vb. substantivum nahe. sie erfolgt im ahd. noch nicht durch den subst. inf. (so nur okkasionell 3, 22, 32 P., s. u. C 1 b), sondern einerseits durch die erweiterten bildungen uuesinî ('substantia'), uuesantî ('materia, substantia'), eouuesanti ('essentia'), uuesenussida ('substantia'), ferner spätahd. (Trudp. hohel.) wesunge (von der trinitarischen essenz); — andererseits, namentlich bei Notker, durch uuist 'substantia', auch eouuisti 'essentia' (entweder als abstrahierende übertragung von wist 'victus, frumentum' oder direkt vom verbum her aufgefaszt). erst in den schriften der mhd. mystiker wird hierfür wesen durchgeführt und in der spätmhd. und frühnhd. theologischen literatur beibehalten. gleichzeitig tritt wesen auch sonst als verdeutschung von 'substantia, essentia' (I C 2) sowie in verschiedenen spezielleren gebrauchsweisen auf (insbes. I C 3 'substantialität' und I C 8 'stoffliche substanz, stoff, materie'). hauptsächlich im 14. und 15. jh. gebräuchlich ist eine bedeutung '(bleibende) beschaffenheit, art' (I D 1), die wohl an verwendungen des verbums wesen 'esse' mit qualitativen bestimmungen anknüpft; sie wird im 16. jh. durch den gebrauch für '(vorübergehender) zustand' (I D 3) fortgesetzt. das 17. jh. bildet eine speziellere bedeutung 'stoffliche beschaffenheit' (I D 2) heraus. anwendungen auf gesundheitliches befinden und krankhafte zustände (I D 4) knüpfen teils an 3 an, teils sind sie anderen ursprungs. kaum über das spätmhd. hinaus ist wesen für 'lebensform, lebensweise' (I E 1), 'leben und taten' (I E 2) und 'lebensumstände' (I E 3) sprachüblich; spätere verwendungen dieser art schlieszen sich den gebrauchsweisen F und G an. wohl an das vorige anknüpfend entwickelt sich im 14. jh., zuerst in redensartlicher fassung belegt (I F 1), die bedeutung 'status', die in allgemeinerem sinne (I F 2) im 15. und 16. jh. und in der spezielleren auffassung 'sozialer stand, familienstand' (I F 3) im 16. und 17. jh. sehr sprachüblich ist. die im frühnhd. bei weitem vorherrschende hauptbedeutung des wortes ist 'tun und treiben, tun und lassen, verhalten'; sie entwickelt sich im 15. jh., an den gebrauch für 'lebensweise' (s. o.) anknüpfend (I G 1), und tritt im 16. und 17. jh. in auszerordentlich mannigfaltigen verwendungen auf (I G 2); nach fast gänzlichem verschwinden [Bd. 29, Sp. 512] aus der schriftsprache im 18. jh. wird sie gegen ende desselben in engeren grenzen wieder gebräuchlich (I G 3). dieselbe entwicklung zeigt der phraseologische gebrauch (I G 4), der, in älterer sprache reich vertreten, zu ende des 17. jhs. fast völlig versiegt und erst um 1800 mit neuen redewendungen wieder hervortritt. unsicheren ursprungs ist der gebrauch für 'öffentliche verhältnisse, öffentliche ordnung, gemeinwesen', der in allgemeinerer verwendung (I H 1—3) im 16. und 17. jh., und in der verbindung das gemeine wesen (I H 4) hauptsächlich im 17. und 18. jh. verbreitet ist. in vielgestaltiger anwendung bei ganz unscharfer begrifflicher fassung tritt wesen als allgemeine gegenstandsbezeichnung auf (IJ). es bezieht sich namentlich auf komplexe objekte (z. b. stoffgebiete der geistigen beschäftigung, doch auch auf dingliches, 'zeug, kram'); daneben begegnen redewendungen wie ins wesen hinein 'ins blaue hinein'. sprachgeschichtlich bedeutsam wird dieser gebrauch als basis des kompositionentyps schulwesen, finanzwesen etc. (s. I J 7). die bisher angeführten bedeutungen bestimmen den wortgebrauch der älteren sprache, namentlich des 15.—17. jhs., und greifen meist nur mit unerheblichen resten in die jüngere zeit über. im laufe des 18. jhs. vollzieht sich eine tiefgreifende umschichtung des bedeutungsaufbaus, indem sich — bei gleichzeitigem zurücktreten der älteren bedeutungen — aus einzelnen bis dahin unhäufigen sinnvarianten der bedeutungen I C und I G ein überaus frequenter und vielgestaltiger gebrauch herausbildet. die moderne verwendung des wortes erhält dadurch eine ganz neue basis: hypostasierende auffassung des essenzbegriffes in der anwendung auf gott (in der fassung gott ist ein wesen) führt schon im mhd. zu der bedeutung 'ens' (II A 1), die alsbald auch in allgemeiner verwendung auftritt (II A 2) und ohne unterschied auf lebendes und lebloses angewendet wird. im laufe des 18. jhs. steigert sich die häufigkeit dieses gebrauches rapide, und gleichzeitig verlegt sich das schwergewicht der verwendung auf lebendes ('animans' II A 3). in dieser geltung bildet die bedeutung ein nuancenreiches anwendungsfeld aus (II A 4 und 5); vor allem ist seit dem 19. jh. wesen für bestimmte personen, besonders frauen und kinder, sehr gebräuchlich (II A 6). wesen für 'die eigentliche natur, das wahre sein einer sache' kommt als sinnvariante der bedeutung 'essentia' seit dem 14. jh. vor, namentlich in den wendungen dem wesen nach und etw. ist das wesen einer sache 'macht ihre eigentliche natur aus' (II B 1). auch diese bedeutung wird im 18. jh. überaus populär (II B 2), u. a. als präzise verdeutschung des modernen essenzbegriffes (Chr. Wolff), und bildet zahlreiche phraseologische verwendungen aus (II B 3). anwendungen der bedeutung 'tun und treiben' auf das persönliche verhalten und gebaren eines einzelnen ergeben schon seit dem 16. jh. bisweilen die auffassung 'art eines menschen sich zu geben, naturell, gemütsart' (II C 1). mit dem abklingen der ausgangsbedeutung verselbständigt sich dieser wortgebrauch im späteren 17. jh. zunehmend und steht seit dem 18. jh. in lebhafter verwendung (II C 2). unter den verschiedenen abwandlungen der bedeutung (II C 3) sind besonders die anwendungen auf nationale eigenart (deutsches wesen) verbreitet. als übertragener gebrauch der bedeutung II B, zugleich durch nahestehende auffassungen der bedeutung II C ('gemütsart') gefördert, begegnet seit dem anfang des 18. jhs., ohne nennenswerte vorläufer, die bedeutung 'zentrale natur eines menschen, seine innerste organisation' (II D), die gleichfalls in moderner sprache dominierend wird. I. die im älteren nhd. vorherrschenden bedeutungen des wortes und ihr nachleben in jüngerer sprache. A. 'aufenthalt, wohnstätte, gebäude, wirtschaft, siedlung'. 1) 'das verweilen an einem orte', schon seit beginn der überlieferung mit flieszenden übergängen zu 'aufenthaltsort, [Bd. 29, Sp. 513] wohnung' (s. 2); oft in der fassung jmds wesen ist an einem orte (ahd. nur so bezeugt), entsprechend auch negiert, u. a. in der wendung jmds wesens ('bleibens') ist dort nicht mehr; vom ahd. bis zum 16. jh. gebräuchlich (redensartlich länger bewahrt, s. u. 5 a): samant uuonent ... in dheru christes chiriihhun, huuanda dhar ist in rehteru chilaubin allero uuesan chimeini (quia in fide communis est conditio omnium) Isidor 41, 13 Hench; sicut ltantium omnium habitatio est in te (ps. 86, 7) also dero diê frô sint, sô ist iro allero uuesen dâr, in dero clesti Jerusalem 2, 360, 15 P.; in Jerûsalem wirt ir wesn ('sedes'): swie manich hus er do verlos, man vant da, swaz man wolte, redensartlich da ist gut wesen u. ä. (vgl. DWB G 4 a ε und ζ): wie guot daz wesen dâ ist in: dt. mystiker d. 14. jhs. 262, 40 Pf.; wer hat uns von dort her vermelt, im sommer ist ein feines wesen ich weisz mir einen schönen weingarten, 2) entschiedener 'wohnung, bleibe, quartier' als zeitweiliger oder heimatlicher wohnsitz: darnach kam ich gen Baszel ... da was ich lang, das ich nit ein wesen fant nach meinem willen. darnach, do es got wolt, da gab man mir herberg in dem spital ze Basel (1339) Heinrich v. Nördlingen bei privatbr. 2, 14; und von Landszhut (kam ich) gen Freysing, da mein wesenn ist gewesen (var.: dabey ich nachen geporen bin) reisebuch 112 lit. ver.; so wir (herzog v. Sachsen) in unser wesen und lager kommen und zum eszen trommeten ader ansagen laszen dt. hofordnungen d. 16. u. 17. jhs. 2, 32 Kern; auch (sollen) die jenigen, so [Bd. 29, Sp. 514] unbesessen, oder kein heuszlich wesen oder wonung ... haben, von niemandt ... gehauset ... werden abschiedt d. reichsztags zu Augsburg (1555) 13a; da nun die hochzeit ein ende nam, da zoch der könig von Elsasz wider durch Lützelburg anheimisch gen Elsasz vnd schicket sein volck ein jeden wider an sein wesen buch d. liebe (1587) 272b. 3) konkret 'wohngebäude, siedlung'; vom mhd. bis zum 17. jh. (vgl. aber 6). a) die wohnstätte als gebäude, gebäudekomplex, haus und hof (mit land und wirtschaft) u. ä. (wesentlich jünger [15./16. jh.] ist das kompositum anwesen in dieser bedeutung; s. d. teil 1, sp. 519 und dt. wb. 1, 114a): Fontâne la Salvâtsche hiez er wihte sa 'so haiz ein haymleich wesen pawen, wer sein glück auff fürsten baut, baut sein wesen auff den sand b) siedlung, stadt (andere anwendungen des wortes auf städte s. unter DWB H 3 g): (wir) kamen vormittag in ein stättlin, zur Lawenburg genannt, ein alt unlustig wesen, düe hauptstatt in Cassuben reisen 93 lit. ver.; bey der stadt Tyro, die in grossen ansehen in Phoenecien ... gelegen, jtzt aber ein schlechts arms wesen ist magna alchymia (1583) 6; die statt von häuseren war lär, [Bd. 29, Sp. 515] 4) neben den angeführten gebrauchsweisen begegnen hin und wieder verschiedene abwandlungen der bedeutung. a) eingerichtete häuslichkeit, hauswirtschaft u. ä. (s. auch 6 b): si stalte ir muot und al ir lip so wöllestu auch als ein gast b) zu verwaltende gutswirtschaft: mein bruder George hatte zwar das ganze wesen in seinen händen ..., verrichte es aber zum besten nicht; denn er liesz hängen und schlafen, was er nur mochte in die lange thrun bringen, darunter waren gleichwohl die einkommen verthan denkw. 232 Oest. c) der besitzstand: lieber Pamphile, der gestalt vnd alter sichst du, vnd dir nit heymlich ist, wye vnnütz dern nn die beide sach sint, noch zu künscheit noch z wesen z beschirmen (et ad pudicitiam et ad rem tutandam) Terentius (1499) 17a (wesen [1539] 9b; haab und gut [1658] 31). vgl. ähnliche auffassungen in moderner mundart: 'besitztum, bes. wohn-und wirtschaftsgebäude samt dazugehörigem grund und boden' elsäss. 2, 866a; 'besitzthum, eigenthum (an grundstücken od. gewerbl. anlagen)' Davos 1, 205; wäswerk der inbegriff aller mobilien und immobilien, wofür man auch blosz wäsen sagt altmärk. 244a (s. auch 6) d) im nd. der einzelne wohn- oder nutzraum innerhalb eines gebäudes (zimmer, speicher o. ä.): hevet en en wesent ghemedet in emme huse, dar he sin korn oder ander ding inne heft, unde selve up der were nicht ne wonet bei 5, 697a; s. d. weitere belege. e) das wohngebiet, die besiedelte gegend (vgl. DWB H 3 e): dar uss (aus Ägypten) er sy frt ze hand f) der ort überhaupt: ob disem wesen (fegefeuer) ist ain klos, [Bd. 29, Sp. 516] do ward der grefin im schiff wehe zum kindt Zimmer. chron. (21881) 2, 239 Barack. 5) redewendungen. a) sein wesen an einem orte haben 'wohnen', 'sich aufhalten' (ohne genauere gegenseitige abgrenzung, vgl. 1): daz selbe castel, do hat sy (Maria) ze Jherusalem ir wesen von herrschern sein wesen an e. orte halten 'dort hof halten': (Herodes) hielt alda sein wesen (in prägnanter übersetzung für διέτριβεν, commoratus est) apostelgesch. 12, 19; inn der statt Laurentum, do er (Latinus) vormals sein gewonliche statt vnd wesen gehalten hett Livius (1551) 2b. b) die wendung mit wesen und inhaltlich nahestehende wortverbindungen (obd., vom 13. bis zum 17. jh.). α) mit wesen an einem orte sein 'wohnhaft, ansässig sein'; entsprechend auch mit anderen verbalen ausdrücken, besonders des sich-niederlassens: sin hus, do er mit wesen selber ynne ist (1276?), unser hous, da wir inne mit wesen sin (1296) bei schwäb. 6, 725; svaz kovffman oder bulute in die stat zu Brandowe zu wesen kumen, die sin vnser gemeine, die wile sie drinne sin (Umstadt 1282) corp. d. altdt. originalurk. 1, 454 Fr. Wilhelm; wer sich her ein ze Prage mit wesen halten wil, der schol byn vier wochen purger recht gewinnen (erste hälfte d. 14. jhs.) Altprager stadtrecht 15 Rössler; nu was der (sc. zweier brüder) ainer mit wesen zu Bayren und het darinn zwelf grafschaft (1428) s. w. 602 L.; und das sich auch derselben frembden (handwerksgesellen) keiner mit wesen hie nit nidersetzen (soll), er hab dann burgerrecht empfangen (um 1470) baumeisterb. d. st. Nürnberg 273 lit. ver.; der chorhern hüser, da si selb inn sind mit wesen (Augsburg, 2. hälfte d. 15. jhs.) städtechron. 4, 64; vnd seidt er keyser worden sey, sey er mit wesen vnd hoffe nie vonn jn kommen Germ. chron. (1538) 112a. — attributivisch erweitert: sie seyen ... daselbst mit stettem wesen anheyms (15. jh.) Nürnberger polizeiordn. 74 Baader; mit haushablichem wesen underkummen (1580) österr. weist. 3, 175; sich hinder andere herrschafften mit häuslichem wesen einzulassen qu. v. j. 1650 bei schwäb. 6, 725. [Bd. 29, Sp. 517] β) mit wesen 'mit haus- oder hofhaltung': da zoch er auf ain purck mit seinem wesen, γ) in persönlichem wesen, wesens, mit wesen 'persönlich' (an 1 'anwesenheit, persönliche gegenwart' anknüpfend; doch ist der adverbielle genitiv wesens vielleicht zu α zu stellen): des 16. jars kunig Rudolff in personlichem wesen zu Nüremberg hove hielte (Nürnberg, 2. hälfte d. 15. jhs.) städtechron. 3, 273; ob ich mit wesen von dir bin 6) während die schriftsprache den dargestellten wortgebrauch im 17. jh. aufgibt, hält die landschaftliche umgangssprache namentlich im alemannischen und im niederdeutschen (wo wesen mit gewese konkurriert, s. d. 2, teil 4, 1, 3, sp. 5684 und ergänzungswb. 632c) daran fest. die dialektwörterbücher buchen wesen hauptsächlich für 'haus und hof, ländliche wirtschaft, anwesen', vgl. schwäb. 6, 725; Basel 311; luxemb. ma. 485; Waldeck 112a; schlesw.-holst. 5, 602; altmärk. 244; pr. 2, 465; Mansfeld 122a; zusätzlich auch für gewerbliche anlagen findet sich wesen bei provinzialwb. (1792) 2, 231 (gastwirtschaft [Lanzig]); elsäss. 2, 866a (fabrikanlage); Davos 1, 205 (industrielle anlage oder grosze werkstatt). vgl. weiteres unter 4 c. von hier aus wird in der modernen sprache wieder literarischer gebrauch möglich, und zwar, dem charakter der vermittelnden sprachschicht entsprechend, hauptsächlich in den bedeutungen 'ländliche wirtschaft, anwesen' (a) und 'haushalt, hauswirtschaft' (b). diese verwendungen treten seit der mitte des 19. jhs. auf; einige zeitlich voraufliegende belege zeigen abweichende auffassungen (c). a) ländliches besitztum als herrensitz oder bäuerliches anwesen: dieses wesen, das anfangs einem prinzen von Mecklenburg ... zum landsitz diente, war jetzt einem sehr prosaischen kaffeewirth in die hände gefallen Ernst Schulze bei Ernst Schulze (1855) 217; besitzt er nicht einen heranwachsenden sohn, dem er ... das hiesige wesen (schlosz u. grundbesitz) zur verwaltung übergeben möchte? erz. schr. (1861) 35, 4; das ist nun das wesen, welches ihr und eure mutter in dem walde hier besitzet, es trägt nicht viel, es trägt aber doch etwas s. w. (1932) 9, 230; der moorbauer ist blind und seit vierzig jahren nicht über sein wesen hinausgekommen hist. nov. (1866) 213; wenn er von den soldaten loskomme, so würde er ... heiraten und das wesen übernehmen gesch. v. dt. art (1928) 39. b) eingerichteter haushalt, häuslichkeit, hauswirtschaft (vgl. 4 a): es ist erstaunlich, wie ein solches mädchen das ganze wesen so gut in ordnung erhält erz. schr. (1861) 11, 352; zu Holzminden will sich keine (frau) meiner erbarmen und so mag das arme ding mir das wesen führen s. w. I 3, 21; als die hütte stand, zog der fremde ein und richtete sein wesen darin zurecht ebda 6, 219; ein dienstmädchen war nicht im hause, denn die beiden frauen versahen das ganze wesen lust. gesch. (1930) 164. [Bd. 29, Sp. 518] c) vom regelmäszigen modernen gebrauch abweichende auffassungen stimmen zum teil mit landschaftlichen sonderverwendungen überein: alle (kaffeehäuser in Holland) ... hatten folgende schönheiten gemein: das ganze wesen bestand aus einem länglichten zimmer mit tischen und stühlen erfült gesch. d. lebens (1790) 3, 278 (s. o. Klein); denn ich habe auch noch in Rom eine offene werkstatt ...; habe ich nur einmal erst den ablasz, so will ich das ganze römische wesen einem meiner zöglinge überlassen I 43, 232 W. (s. o. Martin-Lienhart und Bühler); noch ein anliegen habe ich, das ich ew. durchl. in diesen tagen vortragen wollte (fürsprache um unterstützung), es betrifft Einsiedeln und sein häusliches wesen IV 9, 216 W.; dies ganze alte wesen ist mein eigenthum (verstreute besitzungen an häusern und grundgerechtigkeiten in einer stadt) ritter v. geiste (1850) 3, 48. B. 'das sein, die existenz', phraseologisch auch modifiziert zu '(guter) zustand'. 1) 'existenz, dasein, bestand'; von 'leben' an sich unterschieden, doch mitunter damit zusammenfallend, vgl.: mit den steinen haben wir das wesen, mit den bäumen das leben, mit den thieren das empfinden und sinnen und mit den engeln das verstehen und das wollen t.-ital. 2 (1702) 1335c. a) der gebrauch ist seit dem ahd. zu belegen und hält sich bis ins 18. jh.: 'ih sagên', quad, 'iu in uuâr mîn,êr imo sost thaz uuesan mîn, alle ding di wesen han de vruntschop wil ik snode lesen, vnser wird bald vergessen sein, [Bd. 29, Sp. 519] b) gebräuchliche redewendungen. α) von jemandem sein wesen haben: naturaliter autem simul sunt, qucumque convertuntur quidem secundum id, quod est esse consequentiam tiu sint aber natûrlicho ungeskeiden, tiu uone einanderen iro uuesen habint 1, 489, 17 P.; von swem daz dinc sîn wesen hât, und wem der himmel selbst sein wesen hat zu danken, der steilen berge reih ... β) jemandem, einer sache das wesen geben: esse enim relatiuis est: ad aliquid quodammodo se habere taz kibet tîen relatiuis iro uuesen 1, 440, 18 P.; da er (gott) mir mein wesen gab γ) das wesen verlieren: (deserentes bonum) non solum desinunt potentes esse, sed omnino esse ... ferlîesent sie nîeht ein geuualtîg uuesen, nube ioh selbez taz uuesen 1, 240, 12 P.; so wechset ausz dem gestorbnen körnlein ein ander vnd newer leib, doch eben der art, so das vorige gewesen, welches sein wesen verloren hat leychpred. (1569) 1, 68b; dasz mich nicht ... die welt verführt δ) ins, zum wesen kommen; vgl. elementa die element, die ersten anfäng eines dings, ausz welchen es zu seinem wesen kompt XI ling. (1598) 469a: wann die jungen nach volgent der eltern treffenliche tet und ... hant haltent ein gemeinen stant und nutz mit tugentlichkeit und manlichkeit, darmit er in wesen ist kumen (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 34; wie bistu ein mensch worden und ins wesen kommen? (1525) mon. Germ. paed. 20, 139; das erst nichding ist nit alsgar nichts ... sonder es ist mit der zeit ettwas worden vnd zum wesen komen teutsche theol. 138 Reithm.; vom abendmahl des neuen testaments, wie das vorbild sei ins wesen kommen (1623) s. w. 6, 546 Schiebler. dem älteren wortgebrauch verpflichtet: ist der mensch sich selber gott, dann musz der abgott ins wesen treten Karl Barth Römerbrief (51926) 21. ε) zum wesen bringen, in ein (sein) wesen bringen: dieweil got ... das geschoepf gemacht vnd zuom wesen bracht hat teutsche theol. 71 Reithm.; er bracht ouch ... ainen convent, der von vergangner kriegen ... wegen gar zerfloszen ... war, wider in ain wesen dt. hist. schr. 2, 6 Götzinger; wer wird den neuen bund, der durch so vil bemühn ζ) verschiedene formulierungen des religiösen sprachgebrauchs beziehen sich namentlich auf das diesseitige und jenseitige leben. [Bd. 29, Sp. 520] αα) in diesem wesen: er (der hl. geist) geit uns auch in disem wesen in prosen und versen, kind, soltu lesen, ββ) das ewig wesen 102, 45 Schatz; o mein seel erkenn das dir dein schöpffer geben hat ain schon wessen vnnd ain ewigs wessen granatapfel (1510) G 6b; darum sind auch die kreaturen ... in dieser welt nicht zum ewigen wesen geschaffen s. w. 2, 134 Schiebler; das ewige wesen erstes gebüsch s. reimget. (1647) 22. — auch (vgl. DWB H 1): (prophezeiung,) wie es forthin in der allgemein christenheit ... vnd hernach in alle ewigkeit im himlischen wesen gehen vnd stehen würde Sarepta (1571) 42b. γγ) ferner neues wesen (im sinne geistlicher wiedergeburt): wen wir aber nun also geboren werden vnd ein neues wesen so uberkomen, so bedurffen wir auch einer geistlichen speysz Hermann, erzbischof v. Cöln, reform. (1545) 8a; also haben sie nunmehr eine neue natur in sich ... und also ... nach solchem neuen wesen selbst lust zum guten, und hingegen einen abscheu vor dem bösen leichpred. 8 (1698) 22. 2) in verbalen redewendungen, die ein erhalten oder bestehenbleiben ausdrücken, geht die wortbedeutung von 'existenz, bestand' zu '(guter) zustand' über. a) in wesen (er-, be-)halten 'instandhalten, in gutem zustande erhalten'; in wesen stehen, bleiben, sein o. ä. 'bestehen (bleiben)', 'in gutem zustand, in blüte stehen' (vgl. gleichbed. in esse erhalten, bringen usw. teil 3, sp. 1159): item das were ... sullen dieselben zwen müllner kunftiglichen pessern und in wesen halten (1465) baumeisterb. d. st. Nürnberg 201, 19 Lexer; de wile Honovere in wesende is bei 5, 697a; dar durch sie ... nit allain ires vatters gt in wesen behielt, sunder dieselben über gröszlich merret de claris mul. 80 lit. ver.; van alleme holte ... des paradyses schaltu eten (gl.:) tho holdende dyne nature in deme wesende Lübecker bibel (1494) genesis 2, 16; domit aber diselbige glasehutte zcu bestendigem wesen komen und gehalden mochte werden (urk. 1509) schles. gläser (1891) 23; ist das testament untaugenlich, darinnen kinder in das, so nit in wesen ist, eingesetzt weren worden qu. v. j. 1513 bei schwäb. 6, 723; dan solt gots wordt in wesen sthan, b) entschieden für 'zustand, verfassung' steht wesen in attributivisch erweiterten wendungen. α) gleichzeitig mit dem vorigen in gutem (schlechtem usw.) wesen halten, stehen u. ä.: daz sie (bürgermeister u. rat) is (altar) furder unde baszs yn wirden unde redelichem wezen ... behalden unde vorwezen mogen (1433) urkundenb. d. st. Freiberg 1, 149; gedachten sy ... die freuntschaft zu pesserm wesen und bestätung zu pringen bayer. chron. 38; z dem ouch der brauch diser landen domalen ... sich des wassers vil mer dan des weins beflissen und die rebbeuw [Bd. 29, Sp. 521] ja ouch diser ursachen halb in schlechtem wesen gestanden sind dt. hist. schr. 1, 136 Götzinger; auf dasz die zu Amberg ... eingetriebene schächt und stollgebäu in gutem wesen conservirt ... und bestellet werden (1632) slg. d. baier. bergrechts (1764) 464; wan ich bei mir überleg, Eitelbert, wie deine sachen β) später bezeugt und (als amtssprachlicher ausdruck) länger gebräuchlich in baulichem wesen (er-)halten (vgl. in wesentlichem bau halten unter wesentlich 5 a): (sie) hält ihr haus in baulichem wesen mit dachung und anderm tischr. 4, 500 W.; dieser marggraff (hat) ... klöster, kirchen, stiffte vnd spittäl im bawlichen wesen erhalten thür. chron. (1613) 205; hiernächst verspricht auch meister Cajus ... die wassertröge ... im baulichen wesen zu erhalten neue br. (1723) 674; inwiefern das haus in baulichem wesen erhalten worden IV 28, 214 W. — auch: altes und baufälliges wesen hatte mich zernichtet, c) sehr sprachüblich ist die anwendung auf kommunen, geschlechter und völker, wo wesen sich auf wohlstand, macht und geltung bezieht; in (gutem) wesen sein etwa 'in blüte stehen', vgl. in ipso Graeciae flore do Griechenland in allem blst was, in seinem höchsten wolstand, in der höchsten eer vnd wäsen dict. (1556) 570b: das den genanten bürgern mitsampt der stat Bamberg in iren anligenden schulden und notdurfften ... gunstliche fürderung ... geschehe, damit sie in wesen bleiben und dem stifft mit dinsten ... dester tröstlicher werden mögen (1439) chron. d. st. Bamberg 1, 354 Chroust; als vnnser statt Amberg vnd vnnsere bürger daselbst durch bergwerckh lange zeit ... in guethen wesen gewest seint (1455) slg. d. baier. bergrechts (1764) 46; Harsdorffer waren in wesen, füerten schwarz und über zwerich gelb (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 99; da waren in wesen die Gwelfen und die Gibellin ebda 102; also wurde es mit den juden bald ein anders, das von tag zu tag all jr wesen abnam, bisz sie endtlich gar zu grund giengen (1545) 52, 791 W.; (die grafen v. Henneberg) sein von unverdechtlichen jaren in einem grosen wesen und vil güetern gewest Zimmer. chron. (21881) 4, 17 Barack; darumb er dann ausz dem raht verstossen worden ist, seine nachkommen seind darnach lang in schlechtem wesen blieben Plutarch (1580) 220b; Winterthur ... ist bey zeyten der Römer in berümtem wesen gestanden Schweizerchron. (1606) 446a; wie sie (d. regenten) die ihnen anvertrawete reiche, lande vnd leute ... in gutem wesen vnd ruhigem wolstande befestigen ... mögen schwed. krieg 2 (1653) vorr. 1; vgl. auch: der verharrende — im besten wesen; der höfliche — in seinem wesen (gesellschaftsnamen und -sprüche von mitgliedern der fruchtbr. ges.) neuspross. teut. palmb. (1668) 267 u. 437. vereinzelt noch in moderner sprache (wohl landschaftlich konserviert): es waren immer angesehene, vornehme leute gewesen, die Huckarde. aber sie hatten wohl ... immer viel geld gebraucht und waren auf diese art in ihrem wesen zurückgekommen d. Rheider burg (1859) 1, 65. von hier aus ergeben sich flieszende übergänge zur bedeutung 'sozialer status, stand' (F): ignobilitas vnachtbarkeit vnnd ärme desz geschlächts, oder eines schlächten wäsens dict. (1556) 645a; vir humilis eines niderträchtigen staats vnd wäsens ebda 637a. 3) verschiedener art sind die verwendungen, die sich auf das sein als objektiv seiendes beziehen. a) alles wesen 'die gesamtheit des bestehenden', nur hin und wieder vorkommend (wesen alles wesens s. unter II A 4 a α): [Bd. 29, Sp. 522] in (gott) lobt der himel, der alles wesen umbetast b) das sein als metaphysische grösze, der urgrund des seienden (in die bedeutung 'essentia' übergehend, s. d. folgende): alles dis leuchten und bekennen in got ist on creaturen. es ist nit da als ein werck (sc. schöpfung), sunder als ein wesen oder ein ursprung theol. deutsch 60 Mandel; dasz ein engel und ein mensch eine kreatur ist und nicht das ganze wesen, sondern ein sohn des ganzen wesens, den das ganze wesen geboren hat s. w. 2, 56 Schiebler; ruft immer die natur um grund und zeugnisz an, C. 'substantia, essentia'. (den gebrauch für 'die eigentliche natur, das wahre sein einer sache', der hier anknüpft, aber in moderner sprache völlige eigenständigkeit erlangt, s. unter II B). 1) in theologischer auffassung. a) gottes wesen, göttliches wesen; zuerst bei den mhd. mystikern und seitdem in der älteren sprache gebräuchlich; wesen gottes l'essence diuine (1616) 406b; das göttliche wesen la divina essenza t.-ital. 2 (1702) 1335b: wie götlich wesen (wenig vorher: substancie) in im selber beslozzen trage aller crêatûre adel 324 Pf.; das götliche wiselose, formlose, namlose verborgen wesen gotz pred. 204, 31 Vetter; daz götlich wesen ... daz ist ein sölichú vernünftigú substancie, die daz tödemlich oge nit gesehen mag in im selb dt. schr. 172 Bihlm.; dass gott von ewigkeit her auss seinem göttlichen wesen einen sohn ... erzeugt hist. processus juris (1600) 127; die lehr von gottes unwandelbarem ewigen wesen catech.-milch (1657) 1, ):( 3b. b) entsprechend von der einen 'substantia' oder 'essentia' der trinitarischen personen. — eine einzelne Otfrid-stelle bietet lediglich die sinngemäsze okkasionelle anwendung des substantivierten infinitivs ('esse'), spricht aber nicht dafür, dasz die bedeutung im ahd. schon platz gegriffen hätte: ih inti fater mîn, ioh thiu êuuînîgî sîn, — vater, sun und heilic geist, [Bd. 29, Sp. 523] auch wahrer, ewiger gott sein mit dem vater und dem sohn in einerlei wesen bei tischr. 6, 98 W.; o sohn, du deines vatters glantz! c) in jüngerer sprache begegnen derartige verwendungen nur selten; die folgenden stellen lehnen sich an die modernen bedeutungen II B und D (die innerste natur einer sache, eines menschen) an: denn geister können nach ihrem willen das eine oder das andere geschlecht, oder beyde zugleich an sich nehmen; so zart und ungemengt ist ihr reines wesen (so soft / and uncompounded is their essence pure, Milton parad. lost 1, 424 f.) slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 27; das wesen unsterblicher götter d) spezifisch mystisch ist wesen der seele für den seelengrund (bei Eckhart in der klimax das wort grund noch überbietend): wâ ist diu stat, dâ diz wort în gesprochen wirt? ... ez ist in dem lûtersten, daz diu sêle geleisten mac, in dem edelsten, in dem grunde, jâ in dem wesenne der sêle 4 Pf.; owe aber du, alles liebes grundlosü vollheit, du zerflüssest in liebes herzen, du zergüssest dich in der sel wesen dt. schr. 174 Bihlm. — die unio mystica wird als vereinigung des wesens der seele mit dem göttlichen wesen umschrieben: swenne aber alliu bilde der sêle abegescheiden werdent unde si alleine schouwet daz einig ein, sô vindet daz blôze wesen der sêle daz blôze formelôse wesen gotlîcher einkeit 318 Pf.; daz sin (des menschen) wesen also mit dem göttelichen wesen durchgangen wurt, daz er sich verlret, rechte alse ein troppfe wassers in eime grossen vasse wines pred. 33 Vetter. 2) auch auszerhalb theologischer vorstellungen schlieszt sich wesen für 'substanz' ('essenz') vielfältig dem gebrauch der lat. ausdrücke an; vgl. die lexikographischen buchungen im frühnhd. bei gl. 210c s. v. essentia; 561c s. v. substantia, subsistentia; 630c s. v. vsia; ferner accidens eines wesens schin ebda 7b, ähnl. 636b; wesen hypostasis, subsistentia, substantia dict. (1537) X 3b; substantia das wäsen eines dings dict. (1556) 1259a; wesen sostanza, essenza t.-ital. (1618) 276a; ein selbständiges wesen essere sostantiale, hipostatico; hipostase, sostanza t.-ital. 2 (1702) 1335b; ein zufälliges wesen essere accidentale, ebda 1335c: erkennet er (gott) in vorgênden bilden (ideen) al anevelligiu wesen (akzidenzen) alse diu selbstênden wesen (substanzen) 327 Pf. (Notker gebraucht für substantia uuist, für accidens miteuuist 1, 397, 23 P.); di sele ist substancie, das ist wesin, gnade ist ein aneval (accidens) des wesines parad. anime intell. 69, 29 Strauch; umb daz elementisch reich ist daz himelisch leuchtend reich ... daz reich haizzt von den maistern daz funft wesen (quinta essentia), da von daz ez an der zal daz funft ist nach den vier elementen dt. sphaera 8, 4 Matthaei; (vgl. noch fünftes wesen Lohenstein bei 5, 688b); der fruchtbrauch ist ein recht zw nyessen oder zw brauchen fremde gueter vnd das hailsam bleyb das wesen der gueter (ususfructus est jus alienis rebus utendi vel fruendi salva rerum substancia) (15./16. jh.) summa legum 278 Gál; (die Pariser [Bd. 29, Sp. 524] gelehrten) sagen, man vormuge sie (die gebote) wol erfullen, so viel es betrifft das weszen der werck, aber nit, szo viel es betrifft die meynung des gepietersz, gerad alsz fodderte der gepieter etwas mehr denn das weszen der werck 8, 302 W.; ein sam der gibt das ganz kraut von im mit allen neuen tugenden, mit verzeren aller alten wesen, also, das die alt substanz, das alt wesen, die alt natur, da kein wirkung mer hat (1526/27) s. w. I 3, 140 Sudhoff; der miszbrauch nimpt dem wesen nichts d. Teutschen weiszh. (1605) O 6b; die astra oder sterne sind wesen der engel inform. (1616) E 2b; es ist wol wahr, dasz sehr viel poeten solche edle kunst miszbrauchen, aber ... abusus non tollit substantiam rei, das ist, der miszbrauch hebt das wesen eines dings nicht auff (1618) hist. u. poet. kurzweil 59 ndr.; (d. jüngste gericht,) dasz unsrer seelen wesen oft in der tautologischen koppelung substanz und wesen: die seel sich selbs nach der substanz und wesen gar nit erkennt dt. schr. (1828) 1, 57; was die substanz und das wesen belanget, so läszt der papst die sacrament und bibel bleiben, allein will er uns zwingen, dasz wir derselben brauchen sollen, wie er will und fürschreibet (1566) bei tischr. 2, 203 W.; die heilgen engel auch desgleich 3) daneben steht von anfang an ein gebrauch für 'gehalt an substanz, substantialität, wesenhaftigkeit'. a) allgemein: als ferr als wir sind und wesen haben, als ferr heilgen wir als unser werck, es sy essen, schlaffen, wachen, oder was das sy. die nitt von grossem wesen sind, was werck die wirckend, da wirt nit uss (vor 1298) reden d. unterscheidg. 8 Diederichs; dasz die bücher kein wesen im menschen machen noch wircken, sondern nur zum bewehr, kundschafft und zeugnis gebraucht sollen werden d. güld. griff (1616) 49; all safft vnd krafft vnd wesen b) sehr sprachüblich ist vom 16. jh. bis zur gegenwart die opposition von schein und wesen, auch schatten und wesen, die zahlreiche okkasionelle gegenüberstellungen ähnlicher art hervorruft (vgl. schein 10 a, teil 8, sp. 2427 und schatten II 1 g, ebda sp. 2235): der schein ist also, aber der synn oder wesen ist anderst s. schr. 2, 154 ndr.; das hymel und erden nicht nach dem weszen, szondern nach der gestalt vergehen werden (1522) 10, 1, 2, 116 W.; die gottlosen ... (haben) nicht dann den schatten ... das ding aber vnnd das wesen ... haben die auffrichten sprichw., schöne weise klugreden (1548) 66a; dasz an der römischen unüberwindligkeit nicht so viel wesen als geschrey ... sey Arminius (1689) 2, 251a; der philosophische geist, da er mit unerbittlicher strenge den schein von [Bd. 29, Sp. 525] dem wesen trennt und in die tiefen der dinge dringet 10, 459 G.; die ... ehrfurcht, womit formen erhalten wurden, deren wesen abgeschafft war röm. gesch. (1811) 1, 95; denn diese (die künste) reden nur vom schatten, sie (die musik) aber vom wesen w. 1, 340 Gr.; so sicher drang er durch den schein hindurch zu dem wesen vor litt.-gesch. 7457; das lebensalter ..., wo die stunden umso mehr wesen haben, je dichter sie aus täuschungen gewoben sind eine kindheit (1922) 5. 4) in begrifflich unscharfen auffassungen dient wesen im älteren nhd. vielfach der umschreibung einer person oder sache (das wesen jmds oder eines dinges 'das was er oder es ist, dieser od. dieses selbst, sein inbegriff, sein sobeschaffenes sein', gelegentlich in 'beschaffenheit' [vgl. DWB D 1] übergehend); vgl. hierzu schon mhd. nach reden ze sprechende und nt nach wesende ('nach den worten des gleichnisses, nicht der tatsächlichkeit nach') pred. 153, 14 Vetter: vil narren, doren kumen dryn (ins narrenschiff), wir spielen hie ein römsche gschicht, nicht richte was von meinem (des buches) wesn, ich glaube nicht, dasz Jupiter de god nicht all tidt vor ogen haet, 5) hier sei noch eine andere art der umschreibung angeschlossen, in der wesen, als blosze nominalform des verbum substantivum, zusammen mit einem adjektiv ein qualitativ bestimmtes sein bezeichnet, das sich mitunter durch [Bd. 29, Sp. 526] ein entsprechendes adjektivabstraktum wiedergeben läszt (z. b. selig wesen 'seligkeit'): der glawb ist ain anfang vnd notdürft des menschens, zuoerlangen von got gnad vnd rechtfertikait auch saelig wesen (unter d. überschrift: ob zuor sälikait des glawbens allain gnuog sey) teutsche theol. 20 Reithm.; dann sonst ist kein ander weg, zu ergründen die warheit, des leibs anligen vnnd gesundes wesen opera 1, 205B Huser; nach dem sie die sachen in Africa geschickt vnd zu gutem wesen gerichtet hetten Polybius (1574) 67; ein stattliche legation könig Ludwigs in Franckreich, welche das streitige wesen in Teutschland beyzulegen abgefertiget war theatrum Europaeum (1652) 1, 339b; man kann der sonnen lauf, der sternen schnelles wesen, wie schickt sich dann dein glantz zu meinem duncklen wesen? ein krankker, der dem artzt bekennt sein heimlich wesen, 6) ein spezieller gebrauch für die physis, die leibliche oder auch nichtleibliche organisation von etwas belebtem, begegnet vorwiegend im mhd., später seltener: do der alte slange mit sînen genôzen (Minne:) zwâr, werlt, du hâst niht eben gebildet mir mîn wesen, da von was Jhesus alle stunt frühnhd. in der koppelung gestalt und wesen: dr. Faust wie auch vor sein geist namen solche gestalt vnd wesen an, vnd gab sich vor den Mahomet aus Faustbuch (1589) 61 Fritz; Venus, sein edle mutter hold, 7) jünger sind gelegentliche anwendungen auf die organische substanz tierischer und pflanzlicher lebewesen: wann aber der baum ... einen und den andern ast gestorben und verdorben zeiget, ... und letzlich das gantze wesen des baums inficirt, ist kein besser mittel, als das ausgedorrte unverzüglich wegschneiden georg. cur. (1682) 1, 422; so soll Noah ein gewisses elixir gemachet haben, womit er sie (d. tiere i. d. arche) ernähret, und welches sie ganz in ihr wesen verwandelt, ohne dasz [Bd. 29, Sp. 527] sie einige excrementen in die arche von sich geben dt. schr. (1838) 2, 341; ihr (einer rübe) wesen neigt sich nach der zerstörung hin volksmärchen 1, 13 Hempel. 8) wesen für substanz in dem konkreten sinne 'stoff, materie' (vgl. DWB D 2). a) vom spätmhd. bis ins 17. jh. in absoluter verwendung, doch unhäufig: ile das erste wesen lat.-dt. voc. v. 1420, nr. 1426 Schröer; deiner allmechtigen hand ..., welche hat die welt geschaffen aus vngestaltem wesen (ἐξ ἀμόρφου ὕλης, ex materia invisa) weish. 11, 18; ire (der erde) wesen dienen den geschaffenen dingen tz auffhalten und fester bestendikeit und z machen figuren und formen der dingen Petrus de Crescentiis v. ackerbaw (o. j.) 29b; gold, silber, vnd viel ander wesen b) mit kennzeichnenden attributen im 18. jh. sehr gebräuchlich: bald aber, wenn dies feuchte wesen (d. bernstein) harte wird, in solche materie ... (fliegen) eingeschlossen werden etw. f. alle (1699) 2, 2; hefen ist das dicke, schwere und trübe wesen, so in den wein- und bierfässern sich zuletzt zu setzen pfleget frauenz.-lex. (1715) 788; schmeltz ist ein durchsichtiges, zartes, gläntzendes und hol verarbeitetes wesen über einen zarten drat oder faden gezogen ebda 1738; medulla oblongata, das lange marck, ist das unterste marckigte wesen des gehirnes d. vollk. teutsche soldat (1726) 349; kalte und mit vielem mineralischen wesen ... vermischte quell- oder springwasser neueröffn. jägerpractica (1754) anh. 4, 93; dieses steinartige wesen pflegt man auf den meisten salzwerken griessteine zu nennen von salzwerken (1781) 402; ehe sie (die seidenwürmerdärme) aber diese völlige trockenheit an der luft erhalten, sucht man sie mit den nägeln von einem schleimigen wesen zu befreyen verm. schr. (1800) 7, 342; (der rote saft mancher schalentiere) enthält ein sehr stark und dauerhaft färbendes wesen II 1, 254 W. c) auch (verächtlich) 'das zeug': damit sich die spreu und das kleine wesen von den körnern absondern schles. wirthschafftsbuch (1712) 182; auch (soll) kein unflath oder unsauberes weszen auf die gaszen vor die häuszer geschütt oder goszen werden (1717) österr. weist. 2, 76; die stiele und das grobe wesen (vom heidekraut) hat man umhergestreuet bei obersächs. 2, 660a; vgl.krautwesen 'jede art von kohl- und krautgewächsen', wie viehzeug 'jede art von vieh' ebda nach einer hsl. sammlg. um 1800; vgl. auch J 6 und 9. D. art, beschaffenheit, zustand. 1) die bleibende beschaffenheit oder verfassung, die genuine art; vom ende des 13. bis zum anfang des 16. jhs. gebräuchlich, dann seltener und in jüngerer sprache an die bedeutung II B 'die eigentliche natur einer sache' angelehnt; qualitas wesen gl. 476c; conditio regionis das wäsen, die art vnnd eigenschafft eines lands dict. (1556) 286a: vil manec gebet vür in (den kaiser) kunt ûf ze himel dringen. horent furbaz mere [Bd. 29, Sp. 528] got beraube euch ewer macht vnd lasse sie zu puluer zerstieben! one zil habet ein teufelisch wesen ackermann a. Böhmen 5, 21; ich ... was in der stat und vrogete gar vlislich von der stat wesin (sc. anlage, einrichtungen, gewerbe der bürger usw.) md. Marco Polo 44, 22 Tscharner; ein ding, das z dem mnd in gat, der gang gab zu erkennen recht als ich nur in etwaz durchgelesen so auch menschliches wesen (s. dieselbe verbindung in anderem sinne unter G 2 b ι; völlig abweichend unter II A 4 d β): er (Jesus) versagete ir (der Kanaanäerin, Matth. 15) ouch nt alleine dis brot ... sundern ... er versagete und enthies ir menschlich wesen und hies s einen hunt pred. 44, 14 Vetter; got hat selb menschlich wesen an sich genommen spiegel d. sitten (1511) A 4a; gefragt: worinn das menschlich weszen bestunde? antwortet er: nehme jhnen die red vnd die vernunfft, so werden sie nichts vbrigs haben apophthegmata (1628) 233; gott, end- und anfangslosz, nimt menschlich wesen an dt. Dädalus (1675) 274. in moderner sprache ganz von der bedeutung II D ('die zentrale natur jmds') her aufgefaszt: (die charakterzüge der heidnisch-antiken sinnesweise) bilden sich zu einem von der natur selbst beabsichtigten zustand des menschlichen wesens I 46, 25 W.; weil sie (die lingua tertii imperii) in selbstgewählter beschränkung durchweg nur eine seite des menschlichen wesens zum ausdruck brachte l. t. i. (1949) 29. 2) im 17. jh. findet sich ein spezieller gebrauch für die stoffliche beschaffenheit (vgl. DWB C 8): das lehm- und lettichte wesen solcher wässer ostländ. lorbeerhayn (1657) 58; wie ... wachs nimmermehr so beständig ist, dasz es seine natur und sein weiches wesen gantz verläugnen solte polit. redner (1677) 477; wenn der magnet seines angenehmen wesens beraubet ist ..., pflegt er schwächer ... zu werden ebda 40; das ölichte wesen, das öl an etwas, die öligkeit oder oleosität l'ogliosità t.-ital. 2 (1702) 159a. 3) 'der (vorübergehende) zustand' (mitunter der bedeutung 'status' nahekommend, s. F); häufiger nur im 16. jh. und wenig früher, danach hin und wieder bis ins 18. jh. auftretend; wesen, zustand status, conditio, in einem wesen bleiben eodem loco stare clavis ling. lat. (1716) 349b: was wir in sechs jaren ... erobert und zu cristenlichem gelauben gepracht haben, ob wir also aus dem land ziehen, das wirt von den haiden alles wider in ir vorder wesen kumen bayer. chron. 119; [Bd. 29, Sp. 529] wann der mon beleibt nymer in aim weszen, alweg nimpt er ab oder zu predigen teütsch (1508) 46b; wie mein sele ... do were in einem schowenden wesen der blossen gotheit d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 44a; tamen illud regnum in aliud wesen gebracht (1523) 11, 72 W.; ich bitte, wollet ewr ia wort (zur heirat des sohnes) nicht lenger verzihen, damit der gute geselle aus dem vnrugigen wesen kome, denn ich kan nicht lenger halten, sondern werde mussen von ampts wegen dazu thun (1539) ders., br. 8, 454 W.; also wenden sich alle reich, wie die speer, von einem wesen vnd ansehen zum andern sprüchw. (1545) 1, 94a; dann wann der Mercurius wird zugefügt den metallis, so bringet er sie in jr erst wesen: das ist in Mercurium, der dann nimmer still steht pandora (1588) 147; der mohn, die sternen vnd der himmel seindt nit allzeit in einerley wesen, das wasser oder den schnee zu geben zeitkürtzer (1603) 3; nichts bleibt ... beständig in seinem wesen floril. polit. (1662) 2, 828; endlich kam der ... herbst, da sich alle früchte ... in ihrem reiffen wesen ... einstelleten polit. redner (1677) 484; er will nicht nur kinder aus dem rohen wesen, womit sie zur welt kommen, herausreiszen, sondern zeigen, wie das gute ... (in sie) gepflanzet werden könne anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 630. 4) speziell von gesundheitlichem befinden und krankhaften zuständen (vgl. die redensart wieder in seinem wesen sein unter II D 2 g). a) ganz im sinne des allgemeinen gebrauches unter 3 und gleichzeitig mit ihm; vgl. der krancke bleibt in einem wesen invaletudo aegri stat in eodem, nec minuitur, nec ingravescit dict. (1727) 2181a: (dasz) myn liebe gemahel und ich in guttem gesünden wesen sin (1446) bei privatbr. d. mittelalters 1, 45; die tochter vieng an gar wunderlich geberd z haben und unzimlich geschrei, als si besessen were, und beleib also in einem semlichen wesen uf zwei jar Stretlinger chron. 56 Bächtold; bald darnach ist ir aller verstand und red empfallen, hat weder wortzeichen noch nichts geben mügen ... und nachdem sie lang in eynem ernstlichen wesen gelegen, ist sie zletst on alle vernunfft ungeredt auzs disem jamerthal gefaren (1556) w. 2, 127 lit. ver.; aber der bott fande sie in dem wesen, wie erst gehört (ohnmächtig), vnd wartet bisz sie widerumb krafft bekame (1569) Amadis 1, 345 lit. ver.; (dasz gott) unns ... bey zimblicher gesundtheitt unnd erträglichem wesen gefristet hatt (1606) mon. Germ. paed. 19, 440. auch: bei gesundem wesen der kirchen podragr. trostbüchl. (1577) 46 Hauffen. b) der besseren übersicht halber sei hier die verbindung das böse wesen für 'fallsucht, epilepsie' angeschlossen (genauer: der epilept. anfall, zumal mit den verben haben, bekommen), die aber zweifellos anderen ursprungs ist und vermutlich der bedeutung 'tun und treiben' in ihren anwendungen auf äuszerliches verhalten und sichtbares gebaren zugehört (s. DWB G 1 b und 2 b δ). sie ist mundartlich im md. verbreitet, vgl. u. a. Koblenz 94; Henneberg 281; Thür. 257; Leipzig 236a; Berlin 193a; pr. 1, 292a s. v. höchste. in obd. wbb. findet sich dafür prägnantes 's wesen schwäb. 6, 726 (nur bei L. Aurbacher); 2, 1021 (oberpfälz.); ferner a hôt wiedr amôl 's wasn 'er thut wieder recht närrisch, verrückt' Nordböhmen 541. vgl. noch das wüste wesen eine krankheit des viehs schwäb. 6, 726. literarisch und lexikalisch begegnet der ausdruck seit dem ende des 17. jhs., vgl. das böse wesen, die böse krankheit l'epilessia t.-ital. 1 (1700) 137b: das böse wesen griff sie grimmig an, dasz sie innerhalb tag und nacht auf 150 paroxysmos erlitten qu. v. j. 1699 bei obersächs. 2, 660a; dä beste kuh am stalle [Bd. 29, Sp. 530] da sie bei zunehmendem mond gewöhnlich das böse wesen bekam Wieland bei schwäb. 6, 726; in diesem augenblick stürzte sich Friz vom stuhle und krümte sich und schäumte, als wenn er das böse wesen hätte pastor Rindvigius (1790) 1, 32; mutter Clausen he! der Jochen hat das böse wesen gehabt s. w. (1877) 1, 136. c) zu dem gebrauch unter J stellen sich einzelne weitere anwendungen auf pathologische erscheinungen: er hat ein schlimmes wesen an einem bein, an einem auge etc. ... un rio accidente (malore) t.-ital. 2 (1702) 1336a; (daneben: er hat ein sehr böses ding an einem bein ... un pessimo malore, ebda 1 [1700] 229c); dasz er an einem verzehrenden wesen krank liege d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 142; diesz kränkliche wesen währte bei mir den ganzen herbst hindurch leben 2 (1793) 245. E. die bedeutung 'lebensweise, lebensform' mit ihren abwandlungen 'lebensgeschichte' und 'lebensumstände' bleibt überwiegend auf das spätmhd. beschränkt, bildet aber die grundlage für die wichtigen frühnhd. bedeutungen 'stand' (F) und 'tun und treiben' (G). 1) 'die art, das leben zu führen, lebensweise, lebensform'. der gebrauch setzt in der ersten hälfte des 13. jhs. ein und bleibt bis zum beginn des 15. jhs. sprachüblich; spätere verwendungen entschiedeneren sinnes begegnen vereinzelt (s. u. Knebel), weniger spezifische stellen sich zu den frühnhd. dominierenden bedeutungen 'tun und treiben, verhalten' (vgl. Luther, Tschudi, Gerhardt unter G 2 a) und 'status, stand' (vgl. Luther, Tschudi unter F 2): wer sin e zu rehte hat, als wir von ainem menschen lesen, da von darf ez nieman zellen, nu hebbe ik iw vore lesen [Bd. 29, Sp. 531] 2) 'lebensgeschichte, leben und taten'; von der ersten hälfte des 14. jhs. bis zum 16. jh. bezeugt. der gebrauch erklärt sich leicht aus biographischer auffassung der bedeutung 1 (vgl. dort Konrad v. Helmsdorf; Tauler; Meister Stephan): daz man in den kirchen lesen wen wir vnser bibel lesen, 3) selten und in wechselnden auffassungen 'die lebensumstände' (vgl. ähnliche verwendungen in moderner sprache unter J 8): a) die erfreulichen oder unseligen umstände, in denen sich jmd befindet: daz sî sô sûz gemûte b) in verbindung mit ausdrücken des fragens die näheren umstände, die zur kenntnis der person wichtig sind, wer und was jemand ist: der (hl. drei könige) grab hot ouch geseen Marcus Polo ..., der vrogite das volk umme ir wesin, di wustin nicht woris von yn czu sayn, wen das si worin dry kunige, di in dryn engin mermel steynen wurdin begrabin md. Marco Polo 7, 16 Tscharner; in dem sie der künig Adrastus fragen ward ieres wesens, und die wyl sie im das ze erkennen gabe, wurden die zwen iüngling ... merken, daz sie ir baider mter was de claris mul. 67 lit. ver.; so baldt er sie (eine meerfrau) aber von irem wesen anfahen zu fragen ..., do ist sie ... geschwindt ... wider von ime abgeschaiden Zimmer. chron. 1, 32 Barack; den unbekannten aufhalten, bis man sich seines wesens erkundet bei 2, 1022; meines wesens vnd verrichtungen sattsamen bericht vnnd antwort zugeben: ... 1. wie mein name? 2. wer ich wäre? 3. woher ich wäre? 4. wie ich dahien kommen? 5. wasz ich allda zu schaffen hätte? gesichte (1650) 2, 66. c) dem vorigen sehr nahestehend 'die angelegenheiten, die persönlichen verhältnisse jmds': und als sie (Jokaste) [Bd. 29, Sp. 532] nun vermainet, sie were gancz glükhafft und selig worden ..., ainsmals, als sie antwurt ires wesens begeret von den götten, ward ir durch sie bekant, daz der ir lyplicher sun were, den sie iren eeman gehalten hette de claris mul. 90 lit. ver.; der wolff ... zuo dem fuchs ... sprach: liebe schwester, ich bitte dich, du wöllest mir mynen (paten-)sun Benedictulum laszen, so wil ich in leren und neren ... wann du hast sus vil kind, die du nit on grosze arbait magst erneren. der fuchs sprach zuo dem wolff: ... ich sag dir dar über groszen dank, das du myn wesen also bedenkest (quia memor es mei) Äsop 229 lit. ver.; wie ewr churfurstlich gnad meiner person, auch meinen kindern ..., deszgleichen meinem wesen nachgefragt (Nördlingen 1504) bei 900; wie Fortunatus gesagt hett das wesen seines vaters, wie er zu armt kommen wr vnd an des küngs hof von Cipern dienete Fortunatus 16 ndr.; auch: alsdenn so führst (du = Maria) F. 'status, stand'. 1) zuerst bezeugt in der rechtssprachlichen formel wes stands oder wesens die sein (o. ä.), bezogen auf einen personenkreis, der von einer verordnung od. dgl. betroffen wird; als bedeutung ist hier wohl zunächst der engere wortsinn 'sozialer stand' anzusetzen, doch weichen schon die älteren belege davon ab (vgl. 2): vnnd alle anndere meine leibaigne khnecht vnnd mägd, manns- vnnd weibspersohnen, sy seüen gleich auf den pauhöffen oder vnnter meinen diennstgnossen oder von yeder leibaigenschafft, auch was alters oder stants vnnd wesens die seüen (1319) bei gesch. d. landeshauptl. v. Tirol (1850) 38; ebda 34 auch: alle meine guetter was namen vnnd wesens die sein (1319); gebieten wir allen und yglichen mannen, rittern, ... steten und allen andern, in welcherleye adel, eren, wirden oder wesen die sein (1378) lehns- u. besitzurk. Schles. (1881) 2, 492; und liessen nyemanden inne, der ichtes wesens was, ane irleubunge der fursten (Frankf. 1442) bei 900; allen vnd yeden teütscher nation, fürsten, herren, edelleüten, burgern vnd gemeinen, was stands oder wesens sie seint, embeüt ich Vlrich von Hutten ... früntlich dienst zuor opera omnia 1, 405 Böcking; unsere underthanen ... wesz stands oder wesens die sein houegerichtsordn. Friderichen pfalntzgr. bey Rhein (1573) 122; allen ... unterthanen und getreyen, geistlichen und weltlichen, was wirden, stants und wesens die sein (1736) österr. weist. 5, 180. 2) wenig später treten allgemeinere verwendungen auf: der besondere 'status' (in verschiedenster hinsicht), in dem sich jemand, auch etwas (oder eine gemeinschaft, eine körperschaft usw.) befindet. dieser umfassendere wortsinn scheint der frühere zu sein und läszt sich unmittelbar an die bedeutung 'lebensform' (E 1) anknüpfen (zur herleitung aus dieser vgl. dort Ulrich v. Türheim; Heinrich der Teichner; ackermann a. Böhmen. — s. auch E 3 'lebensumstände'). der gebrauch hält sich vom älteren 14. bis zum 16. jh.; vgl. DWB wesen für 'status' bei gl. 551a; nov. gl. 347b; wesen eins ietlichen dings status dict. (1547) R 8b; collocare aliquem reipub. statum das gemein regiment in ein gewüssen stand vnd wsen bringen dict. (1556) 1244b; damnatum restituere wider in sein wsen setzen, das ist, ledig sprchen, on entgltnusz widerumb lassen faren ebda 1155b; cultu humili aliquem educare einen in eim schlchten wsen vnnd stand auferziehen, einen schlchtlich halten vnnd erneeren ebda 250b: wie das sy (Maria) empfieng und gebre [Bd. 29, Sp. 533] erbtt dich nieman ze vil: da aller maist erbietens ist, da ist etwen aller minst gevelles; dir gezimt ein ingetane demtige wandel. swenn eins wider sin wesen tt, daz gezimt ime niemer wol dt. schr. 167 Bihlm.; darumb bedüchte mich guot, wir (hasen) wären gedultig in unserm wesen als die andern, und trügen daz ioch der natur gedultiglich, die uns gegeben hat in sorgen zu leben Äsop (hasen u. füchse) 120 lit. ver.; sindt sie sich hat vermessen das du dich hast vergleichet einem man dazu die verbindung christliches wesen: ain christlich wsen stot darinn, das man ein andchtig hrtz trag z got, vnd ain erlichen vffrechten wandel z dem nchsten menschen 1, 2 ndr.; was ist aber eyn christlich weszen, denn eyn anfang des ewigen lebens? (1522) 10, 1, 1, 503 W.; denn daryn stehet eigentlich ein christlich wesen, das wir uns fur sunder erkennen und gnade bitten (1529) ebda 30, 1, 235. — abweichend, i. s. v. 'christentum' überhaupt (vgl. C 5): brder Michael Styfel von Esszlingen von der christfrmigen rechtgegründten leer doctoris Martini Luthers, ein überusz schn kunstlich lyed, sampt seiner neben vszlegung ... jnhaltend den gantzen grundt christliches wesens (1522) titel; dorumb ist mir es ... ein antzeigung eines grossen vnuerstandes des christlichen weszens, so man meindt, dy getzwungene keuscheitt der monchen ... sey got eyn angenem opfer (1524) bei reform. flugschr. 4, 233. 3) im 16. jh. vorherrschend der 'stand' als sozialer status, familienstand oder lebensalter (kindheit, alter, doch nur mit entsprechenden beifügungen); kaum über das 17. jh. hinaus gebräuchlich (nahestehende anwendungen im mhd. s. unter DWB E 1, z. b. Teichner und ackermann): elicher stat oder wesen matrimonium, coniugium, connubium, voc. incip. teut. (Speyer, um 1485) e 7a; puer puero mihi cognitus von kinds wsen auf, oder von jugend auf bekannt dict. (1556) 243a: wie sich ain ietliche person der dreier wessen (des ledigen, ehelichen und witwenstandes) haben sll entlich, damit yede iren besunderen lon von gott erlangen müg granatapfel (1510) F 2b; etliche ziehen ire kinder vff, das sie ein ersamen stad vberkumen, mit knechten vnd gesind füren mögen nach irem wesen Keisersbergs narrenschiff (1520) 32a; im eelichen wesen beychtpüchlin (1523) B 2b; wie geht es, das yhm niemand an seynem weszen benugen lest, eyn iglicher meynt, des andern weszen sey besser denn seynisz? wer eyn kauffman ist, der lobett [Bd. 29, Sp. 534] den handwerckszman ... ist er ehlich, szo lobt er den, der keyn weyb hatt ... ist er geystlich, szo gefellet yhm der welltlich stand 10, 1, 1, 314 W.; darumb das das allter ein schweer, unselig wesen und leben ist ebda 19, 357; als die reich, von ehrlichem wesen, yhr kind nicht wolten einem geringen losen man geben ebda 30, 3, 220; von kinds wesen auff, bisz in das alter sprichw., schöne weise klugreden (1548) 135b; fragt Lewfrid under andrem, was ihr wesen und begangenschafft wer (etwa 'stand und gewerbe') 2, 321 lit. ver.; ein fraw ehrbars wesens buch d. liebe (1587) 109b; darneben (hat Jesus) auch von hohem stand die haben aufferzogen mich 4) redewendungen (s. auch 1). a) vereinzelt rechtssprachlich nach gestalt, nach gelegenheit des wesens jmds.: dieselben (marodeurs) sollen angenomen, und mit jne gehandelt werden nach gepür und gestalt jrs wesens (1488) urk. z. gesch. d. schwäb. bundes 19 lit. ver.; (gebühren sind zu bemessen) nach gestalt der sachen vnnd gelegenheyt eyns jeden wesens vnd vermögens cammergerichtsordn. (1555) 42b. b) die koppelung stand und wesen ist seit dem ende des 15. jhs. auch auszerhalb der unter 1 angeführten rechtsformel sehr verbreitet: was guttes sich in dem eelichen stande vnd wesen mgen begeben dt. schr. 1, 5 Herrmann; so wir den personen dauon wir reden, billich wirdikeit nach irm stand vnd wesen zlegend spiegel d. waren rhetoric (1493) c 2a; von stand und wesen der stiften und klöstern, wie sich derselbig zr zeit der alten Franken ... in Gallien und Germanien gehalten habe chron. d. äbte d. kl. St. Gallen 1, 36 Götzinger; vom stand, wesen vnd verhalten einer meyerin feldbau (1579) 62; tugenden eines laboranten wie der in seinem standt vnd wesen sich halten sol magna alchymia (1583) vorr. 3; so sie (mönche) sich ... zu gutem gemeiner kirchen in ein andern stand oder wesen begaben Schweizerchron. (1606) 350a; da wir noch in unserm ersten ritterlichen stand und wesen umbschwebten ged. 1, 46 lit. ver.; er aber fragte, wesz lands, stands und wesen sie seyen 2, 818 Keller. oftmals in freierer verwendung ('status' im weitesten sinne); conditio humana der stand vnd das wsen der welt dict. (1556) 286a; gratam sortem habemus wir sind vnsers stands vnd wsens wol vergnügt vnd zefriden ebda 1227a: der halbtruncken Chremes ... der zeygt meisterlich an den stand vnd wesen der trunckenen Terenz deutsch (1539) 49a; denn busz predigen heist anders nichts, denn einen ein sünder schelten und jm sagen, er sey inn eim verdamlichen stand und wesen (1544) 52, 262 W.; so er (der mensch) in seinem ersten stand vnd wesen, darzu er gleich im anfang erschaffen worden, geblieben were wundartzney (1624) 1; wer fried vnd ruh hat, der ist im guten stand vnd wesen floril. polit. (1662) 1, 309. G. 'tun und treiben, tun und lassen, verhalten', die frühnhd. hauptbedeutung des wortes, die (namentlich auch in festen wendungen wie sein wesen treiben, viel wesens machen) bis zur gegenwart nachwirkt. [Bd. 29, Sp. 535] 1) die ausbildung der bedeutung bis zum anfang des 16. jhs. a) die ersten anhaltspunkte für den neuen wortsinn liefert der unter E 1 behandelte gebrauch für 'die art, das leben zu führen', dessen anwendungen z. t. schon mhd. in die auffassung 'tun und lassen, tun und treiben' schlechthin übergehen: ir hǎnd da vor nun wol gelesen nu se mynsche dynes sulues wesen; so mir ir wesen vnmut pringt, von hier aus wird wesen bald auch auf das äuszere verhalten und gebaren bezogen: etleicher ist fraidig in seinem wesen, b) auf dieser grundlage werden seit der zweiten hälfte des 15. jhs. stark divergierende auffassungen möglich, die den anwendungsbereich des wortes so weit ausdehnen, dasz es in der bedeutung 'tun und treiben, verhalten' bald für alle nur in frage kommenden sachverhalte gebraucht werden kann: wir haben dir zwen treffenlich rete zugeschickt, der soll allwegen einer ... bei dir sein, deinem wesen vorsein und dich getreulich ziehen (1469) Albrecht v. Brandenburg bei privatbr. d. mittelalters 1, 90; unter anderm sagt er von eurm (der herzogin Anna v. Braunschweig) geistlichen wesen (eifriger religionsausübung) (1474) ders. ebda 117; die (wucherer) warent auch dem unseligen gemainen volk ein ursach mit leihen des verderblichen wesens (umtriebe, revolte gegen den rat) (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 138; schentlicher, unzüchtiger wesen ist zu Nurenberg nie gewesen, dann auf diese nacht mit fackeln, waffen und geschrai ebda; das sy nit gantz lige, auch nicht recht stee, sunder ein mittel soll es sein ... vnnd das ist das best wesen der mageren frawen (bei der niederkunft). aber den grossen faisten weyber ist nützer sy legen sich auff den bauch (vor 1500) frauenbüchl. 8 Klein; die frowen, die z gtikait, tugentlichem wesen und mer z senfftem leben, wann uff gewaltige regierung von der ... natur geordnet synd de claris mul. 64 lit. ver.; er befalch auch dem patron ... das er ... über zway iar wider mit der gallee gen Allexandria käm ..., wann er wolte zway iar in den frembden landen wandlen vnd sein wesen (sc. seine beabsichtigten reisen u. geschäfte) darnach richten, das er denn auch zumal wöllt zu Allexandria wider sein Fortunatus 81 ndr.; mach ein ordenung ... das du dise stund bettest, die ander arbeitest, die dritt essest, ... und lug daz du also in einem sölchen wesen blibest [Bd. 29, Sp. 536] bilgerschafft (1512) 9b; der mit seinem gten christlichen wesen (lebenswandel) vnd seiner marter hat verdient das ewig leben manuale curat. (1516) 64b. 2) mit der so gewonnenen breite und mannigfaltigkeit der anwendung wird 'tun und treiben, verhalten' (im weitesten, oft stark modifizierten sinne, s. b. und c) im 16. jh. die weitaus vorherrschende hauptbedeutung des wortes. sie behält diese geltung bis ins 17. jh., beginnt jedoch in dessen späteren jahrzehnten nach und nach wieder zurückzutreten und den mächtig aufkommenden modernen bedeutungen (II A—D) platz zu machen (das fortleben in neuerer sprache s. unter 3). a) der gebrauch umfaszt das verhalten einzelner wie auch jedes anonyme treiben (an einem orte, zu einer zeit) und bezieht sich teils auf aktuelles handeln und geschehen, teils auf gewohnheitsmäszige oder als zustände bestehende verhaltensweisen (letzteres häufiger): die poeten haben ... fabel getichtet, darumb daz sie ... die sitten der menschen und ir wesen beschrybent Äsop 5 lit. ver.; da dieselben die groszen ungestümb und den merklichen haufen volks und ir wesen und geber sahen, trachtet iederman seinem negsten (1507) Wilwolt von Schaumburg 149 lit. ver.; nun ist er dir fast hold, das kan ich an allen seinem weszen wol spiren (1509) Fortunatus 106 ndr.; vor allen dingen veryagend die bettel munch von yhrem wesen, dan es vnchristlich vnd der stadt schedlich ist 3, 27 ndr.; wen sie den ernst datzu thetten, vnd vorpotten solch weszen (den kult der 'wilden kapellen'), die wunder solten bald auffhoren w. 6, 447 W.; ist ausz dem christlichen weszen ... worden eyn heydnische weysze tzu leben (1521) ebda 8, 296; das er in byweszen Peter Nungarts und sonst vil ander by einandern zecht und des ufrurigen wesens zu red worden (Colmar 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 192 Franz; heute hat mir ... Philipps ... gesagt, welch ein wust wesen zu Liechtenberg sey (1537) br. 8, 164 W.; (wenn Odysseus) ain sollichs mtwilligs wesen in seinem hauss funde Odyssea (1537) 2a; im bad zeche halten ... ist ein vnzüchtig üppig und seer schedlich wesen spiegel u. regiment d. gesundth. (1544) 110b; also dass die artzet zu im sagtend, dass er sich ze vil arbeiteti, und dass sölch wesen sin lib nit lang wurd mögen erharren chron. Helvet. (1734) 1, 304; was aber das für ein geselligs und vertrawlichs wesen bei den alten, unser vorfarn, gewesen Zimmer. chron. (21881) 1, 14 Barack; drumb rath ich, das wir vns verstelln, nach vieler leut exempel richt, [Bd. 29, Sp. 537] beredet haben, dasz, so sie das ungezieffer auff dem tische knicken würden, so bekämen sie solche wieder gestrieg. rockenphilos. (1706) 1, 74; zu diesem getümmel vnnd wesen lieff alles volck vnnd gesinndlein ausz der schencke zu juncker Harnisch (1648) 42; hilf, dasz ich bleib an meinem ort b) aus der vielfalt der verwendungsmöglichkeiten mögen noch einzelne charakteristische auffassungen hervorgehoben werden (feste redewendungen und häufige attributivverbindungen s. hauptsächlich unter 4). α) gegenüber dem spätmhd. gebrauch (1 a) gewinnt das wort im frühnhd. namentlich die anwendung auf tumultuarische vorgänge hinzu (vgl. z. b. unter 1 b städtechron. 3, 138 und im vorstehenden Wilwolt v. Schaumburg, Hayneccius, Bastel v. d. Sohle): nu aber ist ein solch gewurm und geschwurm in dem Rom ... das zu Babylonien nit ein solch weszen gewesen ist. es seyn mehr dan drey tausend bapst schreyber allein, wer wil die andern ampt leut zelenn (1520) 6, 417 W.; bey nacht seind viel blitz am himmel vnd sonst vngestm wesen gewesen Plutarch (1580) 407a. β) von hier aus kann wesen prägnant für 'tumult' gebraucht werden; turbella ein klein vnrwigs wesen mit haderen vnd balgen XI ling. (1598) 1501b: was wesens ist es gewesen? ist sie der schmertz vrplitzlich ankommen? (quid fuit tumulti) Terenz deutsch (1539) 120a; botz angst, was wesens ist dort hinden? 7, 116 lit. ver.; so bald die soldaten gedämpffet, ist Floretto auff dem platze, nimmet sich seines cammerathens an, und erhebet sich ein neu wesen (kampfgetümmel) com. v. studentenleben (1657) K 6b. — entsprechend für 'aufruhr, unruhen': das nach gestilltem elsassischem wesen entrichte vorratgelt qu. v. j. 1614 bei schwäb. 6, 724; wegen gehaldtener soldaten im Potschkayischen wesen (zuvor: wegen aufwendung auf die gehaltenen soldatenn inn der Potschkayschen vnruhe) (1618) acta publica 1, 50 Palm; vgl. landwesen tumulto, rivolta, disturbo generale di tutto un paese t.-it. 2 (1702) 1336b. γ) kennzeichnend ist dabei die verbindung mit hören: als sy das geschell vnd wesen bey den jnnern thürhüttern gehöret Herodot (1535) 45a; höreten sie ... in dem schlosz ein grosses wesen Amadis 1, 65 Keller; aber wunder was höre ich vor ein wesen vnd klappern vnd zurichten in meines vatern hause engl. comedien u. trag. (1624) K 8a. vgl.: wesen 'geräusch', eine noch im gemeinen leben, besonders Oberdeutschlandes, übliche bedeutung; was ist das für ein wesen? 'für ein lärm' wb. 4 (1801) 1508. δ) doch wird andererseits auch allein das sichtbare gebaren durch wesen bezeichnet (vgl. unter 1 b Ortolff v. Bayerland und unter a Ayrer): dann wie man in der gmalten gschicht [Bd. 29, Sp. 538] ε) viel wesens 'umstände, aufhebens', bisweilen auszerhalb der wendung viel wesens machen (s. u. 4 c ε): sintemal der bapst hie (ehescheidung) vil zeügen vnd wesens on vrsach fordert antipap. eins u. hundert (1567) 1, 88a. entsprechend strenges wesen, von repressalien: im haus stande denen unterthanen newe aufflagen, beschwerliche schatzungen, aussaugung ihrer vermögens und dergleichen strenge wesen, so von ihrer obrigkeit herrühret, erfolgen werden reform. astrol. (1665) 180. ζ) nicht selten wird das wort mit charakterisierenden attributen auf eine begebenheit angewandt (vgl. hierzu c sowie J 1 und 3): es seind in denselben (acht tagen) vill schiff an dieselb innsl khomen mit zerbrochen säglpämen, etliche on segl, von etlichen leuth ausgefallen, ains gar verdorben, es was ein graussamb wesen selbstbiogr. 191 Karajan; da fieng er an zu reden lang η) gelegentlich des wesens müde sein, von fortgesetzter schererei oder mühsal (s. auch Grillparzer [13, 12] und unter 3), doch mit dem gebrauch unter J konvergierend (s. d. 3 c β und vgl. DWB des dinges genug haben, des dinges müde sein essere stuffo hormai e stanco di quella cosa t.-ital. 1 [1700] 229c): und stehet die sache also, das ich des wesens müde vnd gern los were (die betreuung der kurf. Elisabeth v. Brandenburg) (1537) br. 8, 144 W.; desz wesens seyn wir md vnd satt (taedet pelagi perferre laborem, Verg. Aen. 5, 617) Äneis (1610) 97b. θ) auf gepflogenheiten, gewohnheiten bezieht sich wesen in koppelung mit brauch: (wenn) dieselben priester das wort gottes nit nach dem rechten verstand verkundten, sonder auf irem alten wesen und pruchen legen (d. i. 'auslegen') (Augsburg 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 166 Franz; die kunst ist ausz gott, ewer brauch vnnd wesen ausz dem teuffel opera 1, 228A Huser. aber auch sonst, z. b. von nationalen lebensgewohnheiten: dieweil wir Griechen eins geplüts vnd einer sprach, auch eins gleichen glaubenn vnd wesens seindt (ἤθεα ... ὁμότροπα 8, 144) Herodot (1535) 136a; (es ist bekannt,) wie die sitten, wohn vnd wesen gantz teutscher nation von allen andern nationen gantz vnterschieden, vnd folgt, dasz derselben geblüt ... in seiner natur vnd eygenschafft von anderer länder geblüt (verschieden ist) grewel d. verwüstung (1610) 980. ι) in ähnlichem sinne, aber auch für 'lebensverhältnisse' und für 'tun und treiben' überhaupt steht die verbindung menschliches wesen (vgl. auch D 1): sie fünde das selbig volk grob, unkünnend und menschliches wesens gancz unwissend und mer vihisch wann vernünfftlich lebend de claris mul. 47 lit. ver.; wann z auffenthaltung menschlichs wesens inn glücklichen oder widerwertigen sachen nichts bequemlicher vnnd nützer dann ware freündtschafft erfundenn würdt teutsch Cicero (1535) 68a; Democritus ein philosophus welcher ob allen glückfälen vnd menschlichem wäsen lachet XI ling. (1598) onom. 113a; ich (Fortuna) bin die gebieterin und unerbittliche tirannin über alles menschliches wesen friedenssieg 16 ndr. κ) den zentralen sinn der variantenreichen bedeutung vergegenwärtigt die wendung jmdm alles wesen verstören 'ihm all sein tun und trachten zunichte machen': wo der teufel nicht kommt hin, [Bd. 29, Sp. 539] wohl die gleiche grundauffassung enthält die (sonst nicht belegte) positive wendung sein wesen setzen bei Paracelsus (setzen = 'constituere'; die textstelle tritt für die innere und äuszere unabhängigkeit des begnadeten arztes usw. ein): dem got ... gab geben hat, der sols von kaines guets wegen ... verkaufen oder versetzen, sonder sein wesen setzen wie ain farer, pilger, der weder mörder noch dieb forcht und sein freien mut behalt theol. abhandl. in: archiv f. reform.-gesch. 14 (1917) 110; vgl. auch: nach hofe steht mein wesen, wo ich (spinne) auffschlagen wolt mein zelt, λ) ganz neutral gebraucht bezieht sich wesen auf die lebensweise überhaupt: considere in otio ein rwig wsen haben, rwig sitzen vnd wonen dict. (1556) 307a; ein unruhiges wesen uno stato, modo di vivere inquieto, turbulento t.-ital. 2 (1702) 1335c. c) selbständigere geltung erlangt der gebrauch für herrschende verhältnisse, bestehende zustände (wie z. b. auch Zimmer. chron. 1, 14 unter a), der aber durch vermittelnde anwendungen auf anonymes treiben (vgl. unter a br. 8, 164 W., Rätel, Ulsheimer) mit dem allgemeinen gebrauch für 'tun und treiben' verbunden bleibt (doch vgl. auch DWB J 1 und namentlich J 8): wir söllen alles wesen der zyt gedultiglich tragen und der zyt iere stat geben (tempora tollerari debent et homines tempori cedere) Äsop 120 lit. ver.; es were wol viel von dem elenden weszen zusagen, die iugent hat niemand der fur sie sorget an den adel 79 ndr.; ehs sey ein wild wesen z diser zeit gewesen Germ. chron. (1538) 126b; der landfried ... (wurde) gebessert und in gemein uffgericht, dadurch ... ein friedlich wesen z erhalten abschiedt d. reichsztags zu Augspurg (1555) 4b; in jedem land zoch einer dem einen, der ander dem andern zu und was ein wunderbar unsicher wesen allenthalben chron. Helvet. (1734) 1, 32. vgl. noch: factio wandelunge eyns wesens (15. jh., md.) gl. 222b. hierzu die verbindung stilles wesen: zu beten vmb fried vnd stilles wesen auff erden, wider den teuffel, alles vnfriedens stiffter vnd anfenger (1542) br. 10, 32 W.; die liebe macht ein stilles wesen in der kirche J. Jonas apol. d. Augsb. konfession bei konkordienbuch 127. vgl. noch: ein stilles, christliches (stillchristlich ò christstilles) wesen führen, haben menare, fare una vita quieta e cristianamente quieta t.-ital. 2 (1702) 1335c. 3) im 18. jh. ist die bedeutung literatursprachlich ganz ungebräuchlich (die seltenen belege aus dieser zeit scheinen einem rückwärtsgewandten sprachbewusztsein zu entstammen. vgl. aber unten a); erst gegen ende desselben lebt sie wieder auf (vermutlich im zuge des stärkeren rückgreifens auf volkssprachliche und altertümelnde ausdrucksweise), und besteht als ein nicht unbedeutender nebenzweig des wortgebrauches bis zur gegenwart, gestützt durch die festen redewendungen sein wesen treiben (zu ende des 18. jhs. aufgekommen, s. 4 c ζ) und viel wesens machen (aus älterer sprache konserviert, s. 4 c ε). — über das versiegen der schriftsprachlichen tradition vor dem einsetzen des modernen gebrauches vgl. auch die bemerkungen unter 4 (der quantitative befund wird durch gleichlaufende veränderungen des redensartlichen gebrauchs bestätigt). die [Bd. 29, Sp. 540] anwendbarkeit des wortes ist seitdem begrenzter als in älterer zeit und überschreitet kaum den umfang von modernem 'das treiben': aber in der fasznacht ist ihnen nicht zu kalt (wie in der kirche), da schwitzen sie bey ihrem dollen wesen stoppelpostilla (1715) 516a; die Genueser vermahnet Bernhardus zur beständigkeit ...; bey den Pisanen hingegen vermeynet er solches nicht nöthig zu haben. vielmehr erhebet er dieselben, wegen ihrer fermete, uninteressirten wesens, und in allen stücken bezeugten standhafften muths ('verhalten', in politischen wirren) einl. z. d. teutschen staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 3, 189; man hielte sie (d. kadetten) auch an zum cristenthum, honetten und artigen wesen d. vollk. teutsche soldat (1726) 134; dein muntres wesen bracht mich aus dem schlaf zurücke slg. v. schausp. (1764) 3, 108 (d. verliebten philos.); welches rohe, wüste wesen (lebensweise) aber sich vor keinem edlen weydmann schicket aufr. lehrprinz (1751) 247; lasst ihm nur seine wildheit, all sein wesen: wenns krieg giebt, braust er aus w. 1 (1815) 41; ihr bette so klein, ihr wesen so selig (taubenpaar) w. (1811) 1, 85; wäre nicht schon heut früh des wesens so viel geworden, hätt ich schon angefragt, ob sie mich heute zu tisch haben wollen? es ist aber auch sonntags bey mir als wärs jahrmarckt IV 5, 28 W.; ich kann mir ihr (anrede) leben in Pyrmont wohl vorstellen ... Humboldt hat mir schon etwas von dem wesen in Hannover geschrieben, und meine schwester von dem in Pyrmont (1789) s. schr. (1843) 8, 86; ich bin an die thüre getreten; ich habe dem wesen der wolken eine weile zugesehen pros. jugendschr. 2, 35 Minor; wenn ich meine geschäfte that, bekümmerte sich die alte nicht weiter um mein wesen schr. (1828) 4, 157; es ist so ein wesen, so ein klagen, so ein zittern in der luft ebda 5, 44; ich will mal den könig sehen; a) hervorzuheben ist die von der mitte des 17. bis zur mitte des 18. jhs. bezeugte (mit dem schwund des sonstigen gebrauches zusammenfallende) verwendung des wortes in lobgedichten, wobei es auf ruhmestaten, regierungsweise usw. der gepriesenen (meist fürstlichen) person bezogen wird: nicht nur Europa kennt sein wesen, seine (des fürsten) hochgebohrne väter ..., andre erben ihren thron; [Bd. 29, Sp. 541] erblickt man nicht ... man hat in mancher schlacht die heldenart gesehn, b) sonst begegnen, im gegensatz zur älteren periode, keine sehr spezifischen modifikationen der auffassung. zu erwähnen sind noch α) anwendungen auf ein gemeinschaftliches verhalten einer personengruppe (zuweilen dem gebrauch unter II C 3 b nahekommend): indessen nahmen nun die ruhigen und unbescholtenen unseres alters teil gegen das verfolgungssüchtige wesen jener, beschützten mich zu wiederholten malen vor ihren anfällen ges. w. (1889) 1, 154; das wesen derer von Mariels gegen Moses im allgemeinen und einiger seiner feinde ... im besonderen wollte ihr nicht mehr aus dem sinn E. die da kommen u. gehen (1909) 261. β) verwendungen aus neuester zeit, die sich auf die tosende bewegtheit modernen massenbetriebs beziehen: Lennacker starrte über das unter ihm dunkel wogende wesen (bewegung einer menschenmenge) hinweg Lennacker (1938) 202; und (er) sah in den unerhörten verkehr der fuszgänger, radfahrer, droschken, lastwagen und straszenbahnen, er stand an einer hausecke und liesz dies gewaltige wesen an sich vorüberbrausen wunderb. welt (1938) 296. 4) die redewendungen und gebräuchlichen wortverbindungen zur bedeutung 'tun und treiben' (einzelnes s. auch unter 2 b und c) gehören in der mehrzahl deren älterer periode (s. oben 2) an und kommen jüngernhd. auszer gebrauch. erst nach der zäsur des 18. jhs. entsteht die in moderner sprache sehr verbreitete wendung sein wesen treiben (c ζ, unterschieden von frühnhd. ein wesen treiben c α); ebenfalls neu ist wesen und treiben (b ε), während die nahestehenden älteren verbindungen tun und wesen (b γ) und leben und wesen (b δ) gleichzeitig wieder aufgefrischt werden. die völlig fest gewordene wendung viel wesens machen (c ε) besteht (nebst varianten) unbeeinträchtigt vom frühnd. bis zur gegenwart. a) attributivische verbindungen. α) ehrsames, ehrbares wesen 'ehrbare lebensführung'; in der ersten hälfte des 16. jhs. sprachüblich: gedacht er ym, ainem solichen palast dem zymmet wol ain ersammes wesen, vnd satzt ym für, ainen gemahel zu nemen (1509) Fortunatus 63 ndr.; (dasz gott) uns ynn der tzucht behallte unnd uns ynn eyn erber weszen treybe euszerlich, das wyr unternander leben mugen und eyner den andernn nit fresse (1522) 10, 1, 1, 454 W.; er hat die bibli g'läsen, β) gottloses wesen, im 16. jh. häufig, danach bald auszer gebrauch; ἀσέβεια, ἀνασιότης, impietas gottlosz wesen nomencl. (1548) 97b: der herr dein gott vertreibt diese heiden vmb jres gottlosen wesens willen 5. Mose 9, 5; bis Christus selbst kumpt ... und macht ein end an solch gottloss wesen (d. treiben i. d. klöstern) schwankbücher 418 lit. ver.; vbermut, stoltz, ... fressen, sauffen ... vnd alles gottloses wesen des bapsts vnd seines geschmeis (1589) Faustbuch 55 Fritz; du bist nicht ain got, dem gotlos wesen gefelt psalmen 23 ndr. [Bd. 29, Sp. 542] γ) andere pejorative verbindungen sind z. t. länger gebräuchlich; confusio chaos, vnordnung, ein wst wesen dict. (1540) k 4b; das seind vocabel von dem teuffelischen wesen der heyden ebda S 4b: (des röm. stuhls) wuttends vnchristlichs weszen (1520) sendbrief an papst Leo 6 ndr.; bekrefftiget er (der papst) ... eyttel teuffelisch weszen, werck, lugen und yrthum ders. 8, 712 W.; komm her und lass unss stein aufflessen er hielte seine hochgeliebte gemeine δ) der welt wesen (daneben, zumal anfangs, auch freiere verbindungen); vorwiegend im 16. u. 17. jh. üblich: wer nun nicht weste, was die welt mit jrem wesen wer (1544) 52, 492 W.; welche diese böse welt du kennest nicht der welt verkehrtes wesen ε) fröhliches wesen, in verbindung mit führen, haben o. ä. (vgl.c) 'ein lustiges treiben veranstalten': sie namen das gelt mit hauffen ein katzen und hund sassen zu tisch ich far dahin zum fröling wesen, ich pfeiff gar frisch das frolich wesen! ζ) daneben begegnen unfeste verbindungen ähnlicher art (vgl. auch die wendung da ist gut wesen unter A 1): (er wollte) die fest vnd hochzeit sehen vnnd der fest ain ennd warten, wann er kund wol mercken, das es ain kostlich wesen werden wolt vnd das grosz volck tzurait von fürsten vnd von herren (1509) Fortunatus 41 ndr.; als nun mit hochzierlichem wesen die begräbnuss begangen ist worden buch d. liebe (1587) 117b; disz liebliche wesend des freien gnaden- und frewdenmahls mit dem köstlichen wein und milch t. schr. (1617) 1, 1, a 3a vorr. — eher von 'sein, dasein' (B) her zu verstehen: wer [Bd. 29, Sp. 543] bey dem lieben gott ist, hat freund die fülle und liebliches wesen immer und ewiglich abenth. glückstopf (1669) 43; dort ist schon für vns zugericht du durchrennst des lebens bahn, b) nominale koppelungen. α) wandel und wesen: da by merck ir aller sin wandel vnd wesen schwer ist Terenz deutsch (1499) 70b glosse; alle länder ... mit jhren eygenschafften, wandel vnd wesen opera 2, 496 Huser; mit achtgebung auff seins gesinds wandel und wäsen feldbau (1579) 26; jhrem (der tagediebe) wesen und wandel (nachforschen) grillenvertreiber (1670) 3, 29; der pater Sautel hat in einem gantzen tractat ... ihren (Maria Magdalenens) lebenswandel und wesen aufgewiesen frauenz.-lex. (1715) 1233. β) wesen und werk, nur im 16. jh. (im 17. jh. dafür tun und wesen, s.γ): geht doch alle sein (des papstes) weszen, werck vnnd furnehmen widder Christum, nur Christus weszen vnnd werck zuuortilgen vnd vorstoren an d. adel 38 ndr.; (der ordensleute) klösterlich wesen vnnd werck v. lutherischen wunderzaychenn (1524) B 1b; was jedes werck vnd wesen sey d. christl. ritter (1590) F 8b. länger bewahrt in der formulierung des taufgelöbnisses: ich widdersage dem teuffel vnd all seinen wercken vnd wesen zwei älteste katechismen 55 ndr.; ihr wollet wiedersagen dem teufel, allen seinen wercken, wesen und willen schr. (1663) 348; entsagst du dem teufel und allen seinen werken und allem seinem wesen? kreuz- u. querzüge (1793) 1, 52. γ) tun und wesen, im späteren 17. jh. verbreitet, vorher vereinzelt, zu ende des 18. jhs. gelegentlich wiederaufgenommen: durch all vnser thun vnd wesen ... seine göttliche maiestet gelobet vnd gebreiset werde musica choralis deudsch (1533) A 3b; in solchem (sc. verliebtem) thun vnd wesen wird die vernunft des willens führerin, δ) leben und wesen, frühnhd. und öfters um 1800; recidiuare widerfallen in das alt wesen vnd leben gl. 486c: nun nim war aller deiner edel leüte, bedenck ir leben unnd wesen, ir zucht, weise und gepärd decameron 253 Keller; es kunnen nicht gutte geyster seyn, die uns vom weszen und leben der toden sagen wollen 8, 535 W.; in summa, jr (der bienen) wesen, leben vnd wäben ist zum aller höchsten zu wunderen feldbau (1579) 300; unterhaltung mit August über sein bisheriges leben und wesen III 4, 69 W.; vgl. noch I 21, 81; IV 8, 51; solch ein tierlein ... hat ein geheimliches leben und wesen w. 2, 79 Behaghel; das ganze jetzige leben und wesen nachgel. [Bd. 29, Sp. 544] schr. (1826) 1, 12. — anders im mhd. (zu C 'essentia' oder A 'existenz'): der gottes sun ... wil ... dur got würken, und das ist sin wesen, sin lebenne, sin würken, sin selikeit buch d. göttl. tröstung 29 Strauch; di gnade cumet ouch in di sele, wan si nicht bestênde wesin enhâit an ir selbin, mer si gibit der sele wesin und lebin paradisus anime intell. 25, 1 Strauch. ε) wesen und treiben, um 1800 wohl im zusammenhang mit der wendung sein wesen treiben (c ζ) auftretend (häufig bei Göthe): wendete er (Tischbein) sich ... zum unschuldigen golden-silbernen zeitalter ländlichen wesens und treibens I 49, 1, 306 W.; vgl. noch III 7, 94; IV 8, 293; 19, 259; ich sah sie (die eltern) über mein wesen und treiben oft kopfschütteln s. w. (1892) 1, 66. c) verbale redewendungen (vgl. auch a ε). α) ein wesen treiben 'ein (näher bezeichnetes) verhalten an den tag legen, eine lebensweise führen' u. ä., meist pejorativ; vom ende des 15. bis zur mitte des 16. jhs. üblich, ganz vereinzelt auch später (vgl.ζ sein wesen treiben): dins sintlichs, schenntlichs wesen, die du unnd die dinen getribenn hand (1477) bei privatbr. d. mittelalters 1, 184; wo habt yrsz ye eür tag geleszen, wann du, herr, bist ie nit ein gott, β) ein wesen führen 'einen bestimmten lebenswandel führen', im 16. und 17. jh.; pergraecor ein voll vnzimlichs wäsen führen mit fressen vnd sauffen, wie die Griechen XI ling. (1598) 1060b: darumb ich dennocht wardt citiert, mein Phaedrus ist genesen, (das bier) verwüstet uns den kopff. γ) ein wesen anrichten; im 16. jh. seit hin und wieder auch noch im 17. jh.; die auffassungen variieren zwischen 'ein (wildes, wüstes) treiben anstellen' und '(näher bezeichnete) zustände, verhältnisse herbeiführen'; quas turbas dedit was hat er für ein wesen angricht nov. dict. genus (1540) Ii 4a: mein tod und aufferstehung wird alles new machen in himel und erden und ein solch wesen anrichten, da der heilige geist wird allenthalben regiren (1539) 46, 33 W.; kamen heimlich in gerten vnd wiesen, auch bey der nacht zusammen, vnd richten ein grewlich vnd wst wesen an ausgew. w. 3, 237 L.; vnd sie würd zweyer kinder gnessn, [Bd. 29, Sp. 545] das von den Chamiten angerichtete abgttische wesen altes Pommerland (1640) 1, 41; rieffen, man solte zur wehr greiffen vnd fr das vtterliche gesetz lieber mannlich streiten. vnd richteten ein wildes wesen an biblia (Nürnberg 1662) 3. Macc. 1, 30. auch: ich hab kein grossere gehabt vnd kein schwerere (anfechtung) denn de praedicatione, das ich dacht hab: das wesen richtest du allein zu; ist es nu vnrecht, so bist du schuldig an souil selen, die in infernum faren tischr. 1, 3 W. δ) ein wesen haben (mit jmdm) 'sich lebhaft gebärden, viel aufhebens machen', auch viel wesens haben; im 16. jh. und wenig vorher und nachher gebräuchlich, seit der mitte desselben durch die schnell verbreitete wendung viel wesens machen, ein wesen machen abgelöst (ε, s. d. vereinzelte weitere verbale variationen); sporadisch auch in jüngerer zeit, wohl aus landschaftlichem sprachgebrauch aufgenommen (vgl. auch sein wesen haben unter ζ): gedenck auch ... wie sy (Maria) ein wesen mit im (Jesus) gehapt wurd haben, wie sy in allwegen mutterlich gehantzlet, getragen, vmb fangen vnd gekeüst wurd haben dt. pred. 50, 1 Schmidt; pharisei et publicani ... hatten viel wesens mit beten, fasten, almosen geben 46, 489 W.; von sollichem seinem geschrey die fraw erwachet, fraget, was er nur für ein wesen het (1559) nachtbüchlein 44 Bolte; (Hans Pf.) hatt mit den jungen märterlein sie haben's ein wesen ε) viel wesens machen 'viel aufhebens, auch lärm, rubel machen', entsprechend ein (groszes) wesen machen u. ä.; die wendung wird um die mitte des 16. jhs. gebräuchlich, hält sich ungeschmälert bis zur gegenwart und ist nach ausweis der dialektwbb. in der modernen umgangssprache überall verbreitet. neben der häufigeren genitivischen fassung (vgl. viel II 1 b, teil 12, 2, sp. 107; auch durch mehr, weniger o. ä. eingeleitet) steht durchgehend die akkusativische form, beide oft (modern zumeist) mit präpositionalem anschlusz (gewöhnlich von, nur im 18. jh. häufiger aus, selten mit, wegen, über u. a.): gott geb was sie sunst für ein wesen machen (turbent) Terenz deutsch (1539) 127b; aber von den geringen sachen jederman thut ausz dieser sachen den hänfling und den star, den du mir einmal brachtst, [Bd. 29, Sp. 546] macht nicht so viel wesens! dram. w. (1798) 3, 108; besonders macht man viel wesens von seiner ältesten tochter I 19, 13 W.; aus dessen knaben- und jüngling streichen so viel wesens gemacht worden war ges. schr. (1893) 2, 196; dasz damals ein groszes wesen gemacht wurde Buddenbrooks (1922) 1, 431; (alle kinderkrankheiten vergehen) und zwar um so schneller, je weniger wesens man von ihnen macht wälder u. menschen (1936) 84. im späteren 17. und im 18. jh. findet sich nach einleitendem viel etc. auch der akkusativ (vgl. viel II 1 a [sp. 106] und II 9 a [sp. 139]), der sich jedoch im rahmen der festen wendung nicht gegen den genitiv durchsetzt: zu Franckenhausen machte ein zauberer viel verblendungen und wesen philos. colus (1662) 59; und macht hier nicht viel wesen (: lesen) u. a. Deutschen ged. (1697) 5, 4; mein weibchen machte nicht viel wesen ged. (1780) 1, 323. vielmehr tritt in moderner sprache bisweilen die umgekehrte neigung auf, den erstarrten genitiv anstelle des akkusativs zu gebrauchen: er wunderte sich, dasz Richard ein wesens daraus machte Rapunzel (1910) 141; nun aber war sie gestorben, ohne wesens, wie ein anderer mensch E. die da kommen u. gehen (1909) 173. daneben: bah, sagt er still und ohne wesen, ... das hätte ein andrer auch können ders., helden d. alltags (1906) 238. mitunter stellen sich bei gleicher bedeutung andere verben ein (vgl. auch δ): die schaf treiben nit vil wesens, haben aber vil woll sprüchw. (1541) 1, 116a; hörte er oben ... jemand singen, jauchzen und viel wesens treiben br. dt. sagen (1891) 1, 56 (vgl.α und ζ); macht man uns solche grosse difficulteten und spannt das wesen so hoch, dass wir nicht wissen, was wir daraus verstehen sollen (1649) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 1, 347 Erdm.; ich pfleg dess abends kein gross wesen anzustellen schr. (1663) 73; es gabe dieses ... ein grosses wesen (gerede) Octavia (1677) 2, 131. namentlich: diser vogel (kranich) bedarff keyns sondern wäsens, dann zu dem, das sie nicht allweg pleiben, sonder darvon zu gewisser zeit zihen, legen sie eyn gantz jar nicht vber zwey eyer (ne faut faire grand estat de la grue, Estienne l'agriculture [1573] 32b) feldbau (1579) 113; jedoch was brauchts viel wesens? Arminius (1689) 2, 1506a; was brauchts viel wesens hier. der streit ist gleich gehoben ges. lustsp. (1812) 1, 103. ferner begegnet: was wesens machen doch die haiden? ged. 1, 301 lit. ver.; was groszes wesen ist ein kusz Königsb. dichterkreis 103 ndr.; auch (vgl. oben E. Zahn): die grösten ... wercke geschehen ohne grosses wesen v. d. seelenfrieden (1685) 659. ζ) sein wesen treiben (auch haben, s. u.), zunächst 'seinem tun und treiben nachgehen', doch mit vorliebe (namentlich in lokaler fassung, s. u.) auf betätigungen und lebensformen angewandt, die als fremd, eigenartig, suspekt oder unheimlich empfunden werden, daher oft auch gleichbed. mit sein unwesen treiben (vgl. DWB unwesen 2 a δ, teil 11, 3, sp. 2194); kurz vor 1800 aufgekommen (ohne direkte verbindung zu frühnhd. ein wesen treiben, s.α), rasch verbreitet und bis zur gegenwart geläufig; oft mit lokalen bestimmungen, gern auch (wenngleich seltener anwendbar) mit jmdm (einer sache) sein wesen treiben, d. h. etwa 'sein spiel treiben': der könig (Oberon) will sein wesen nachts hier treiben Shakespeare 1 (1797) 197; (hof- und staatsbeamte, die) den gefesselten götzen (fürsten) mit abgötterey und anbetung speisten, während sie ... ihr wesen ohne furcht und scheu mit der gemeinde trieben w. (1809) 12, 6; ein gelehrter rabe, [Bd. 29, Sp. 547] dieser mensch ist ein alter zeichenmeister, der in mittelmäszigen schulanstalten sein wesen getrieben hat s. w. 14, 161 Gr.; eigentlich hat dies unterirdische geschlecht (zwerge) keine gemeinschaft mit den menschen und treibt inwendig sein wesen, da hat es stuben br. dt. sagen (1891) 1, 20; wirksame situationen (in der opera buffa), in denen die beliebten ... figuren ihr wesen treiben können Mozart (1856) 1, 350; ein dogmatismus, der noch heute sein wesen treibt gesch. d. materialismus (1866) 10; das rasseln der thurmuhr, die hier in der einsamkeit ihr wesen trieb s. w. (1899) 2, 33; dasz du hier herumkokettierst und sogar mit dem Andras dein wesen treibst ges. w. (1905) I 4, 144; um dieselbe zeit trieb, nicht nur in den gräflichen forsten, ... eine bande wildschützen ... ihr wesen ges. schr. (1893) 2, 163; zinkenisten und gaukler trieben ihr wesen frührot (1926) 307. mit lokaler ergänzung zuweilen auch sein wesen haben (vgl.δ): hatt auch auf einer burg ein poltergeist sein wesen Äsop. fabeln (1748) 145; (der wind) hatte sein wesen um den reisewagen hungerpastor (1864) 1, 228. H. die öffentlichen verhältnisse und ihre ordnung, das gemeinwesen als staatliches (oder kirchliches) ordnungsgebilde. 1) über das aufkommen dieser seit dem frühen 16. jh. sehr gebräuchlichen bedeutung sind nur dürftige anhaltspunkte zu gewinnen. erste spuren finden sich im 14. jh.: ouch sach man in den ordin varn dar uss (Ägypten) er sy frt ze hand weitere spezielle wortverbindungen begegnen in der zweiten hälfte des 15. jhs.: und noch demselben (sc. könig Konrad) Nuremberge mit pawung und bevestigunge eins stettischen wesens wider zugericht und erhebt ward städtechron. 3, 272; wir haben bedacht die manchfeldige clage und gebrechen unsers hofelichen wesens (Sachsen, ca. 1470/80) dt. hofordn. d. 16. u. 17. jhs. 2, 27 Kern. 2) in freier anwendung ist die bedeutung bis zum ausgang des 17. jhs. gebräuchlich: das wir unser baider lannd unnd lüte zusamen in ain regiment und wesen tuen, domit wir ... zu ewigen zeitten ungetaillt alls ain wesen bey ainannder blyben qu. v. j. 1482 bei schwäb. 6, 725; seytenmal alle sachen vnd das gantz wesen teütsches lands an dir (dem kaiser) allein gelegen (quia omnis in te uno posita Germania est) (1520) opera 1, 373 Böcking; das zerstret Hierusalem, das worlich ein bedeütnusz ist gewesen des jämerlichen zerstrten weszens der kirchen (1522) bei reform. flugschr. 3, 290; der jüden wesen zerrüttet vnd zerstrt worden ist chron. German. (1530) C 2a; unnd ist der erst gewesen, der alle vlcker in der gegne zsamen in ein gleich wesen zoch, z aim corpus pracht Justinus (1532) 29b; solten wir nit von euch (den geistlichen herren) mögen erlangen, das wir under uns eyn wesen aufrichteten, damit ... wir in [Bd. 29, Sp. 548] eynem freundtlichen leben on krieg und aufrr möchten leben? (certam religionis et doctrinae formam) (1542) reden 104 lit. ver.; vnd wiewol sie von den nachbawern durch bitt vnderstunden solchs z erlangen, vnd vmb jre kinder wurben, so wurden sie doch (als eyn newes wesen) verachtet (vgl.: Romulus legatos circa vicinas gentes misit, qui societatem conubiumque novo populo peterent, Livius 1, 9, 3) Livius (1551) 5b; der vbermuth vnd die wütigkeit können das vatterlandt gar leichtlich schwechen, aber niemaln in gutem wollstandt erhalten, vilweniger aber den zerfallnen wesen widerumb auffhelffen vnd in vorigen ehrstandt setzen Lucifers königreich 40 L.; hertzog Carl der III. von Saphoya hat pflegen zu sagen, durch trew vnd glauben werde das wesen erhalten floril. polit. (1662) 2, 689. 3) wortverbindungen und abgewandelte auffassungen; — auch hier geht die kontinuierliche tradition kaum über das 17. jh. hinaus. die in moderner sprache wieder auftretenden anwendungen greifen zum teil sichtlich auf den älteren sprachgebrauch zurück; zum andern teil mögen sie der die zwischenzeit überbrückenden verbindung das gemeine wesen (4) verpflichtet sein. a) wesen und regiment (s. auch 2): er werde den juden frist geben yhr tzeyttlichs weszens und regimentts, bisz das eyn new volck geporn werde, wilch gepererynn ist die samlung der apostelln (1522) 10, 1, 1, 601 W.; und eben am selben ort (Rom) ..., da so vil groszmechtiger keyser ire sess und wonung in grosser majestat gehabt, ... da sitzet jetz ein ... aller ding onartiger mensch, der von solchem grossem majestatischen wesen und regiment nichts anders, weder einen blossen titel, berig hat gelassen reden 28 lit. ver.; so musz die policey, regiment vnnd alles weltlichs wesen zu grundt vbernhauffen fallen floril. polit. (1662) 1, 347; starcker gott, nimm auch in schutz unser regiment und wesen sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 14. b) bürgerliches wesen (vgl. DWB J 7): (ein prediger,) der ein vernünfftig sitlich vrtheil hab, vnd etwas erfarung burgerlichs wesens s. schr. 1, 47 ndr.; das vnser politeuma, das ist, vnser burgerschafft odder burgerlich wesen, ist nicht hie, sondern ym hymel (vgl.: ἡμῶν γὰρ τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς ὑπάρχει Philipper 3, 20) 26, 425 W.; (gott,) der auch gnedigen frieden vnd eine löbliche zucht vnd ein fein brgerlich wesen hie gepflanzet vnd diese gemeine mit treide, fleisch vnd wein zur guten notturft versorget Sarepta (1571) 1a; alle schrifften und documenta, derer man sich in bürgerlichen wesen zu bedienen pfleget moral. weiszheit (1674) 130. modern vereinzelt: eure beste gelehrsamkeit hat für das bürgerliche wesen den wahren ächten juristischen sinn von jeher nicht belebt, sondern getödtet bürgerl. recht (1814) 424. c) neues oder altes wesen die (einem gesellschaftlichen status entsprechenden) verhältnisse: solchs alles (die ereignisse bei Christi tod) war ein anfang eines newen wesens (1544) 52, 16 W.; wer das alte wesen wil reformiren, der musz zuvor die alte stockfisch verschlucken floril. polit. (1662) 1, 100. — modern: das alte wesen, wie's die alten bücher d) ähnlich mitunter in freier verwendung: so ein alt ding ... ist der mond wucher oder centesima, das es scheinet, die heiden habens hernach von den juden gelernt. denn die juden rechen alle yhre feste, geschefft vnd wesen nach den monden (1540) 51, 363 W.; [Bd. 29, Sp. 549] von wegen ... erhaltung alles wesens, fridens und richtens ist ... dise hernach volgende ehehaftsordnung hinfiro stät und unzerprochen ... zu halten (1631) österr. weist. 3, 6, 37. e) wesen mit regionalen bestimmungen (vgl. auch A 4 e) hat frühnhd. mehr den engeren sinn 'gemeinwesen, verwaltetes territorium': ich wolt auch schier ... sein gfangen gwesen, beim Türcken in dem wesen (1601) schönes blumenfeld 13 ndr.; zuletzt wird das Magdeburgische wesen reassumiret, vnd die mängel und fähler erzehlet, so daselbst vorgangen schwed. krieg 1 (1648) 42; Rudolphus ertzhertzog zu Österreich ... war entschlossen, sich ... desz tirolischen weesens auf keinerley weisz anzunehmen ehrenkräntzel (1678) 151. — jüngere verwendungen schlieszen sich z. t. der auffassung von c an: (die wiedergeburt,) welche dem jenaischen wesen in manchem sinne bevorsteht Göthe IV 16, 281 W.; so ward die grosse bewegung (bauernkrieg) gedämpft, welche dem deutschen wesen eine vollständige umkehr drohte s. w. (1867) 2, 157. f) evangelisches wesen, von der protestantischen union des dreiszigjähr. krieges: dem evangelischen wesen einige dienste zu erweisen (1648) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm von Brandenburg 4, 657 Erdm.; wie man das allgemeine evangelische wesen, so durch des ... königs (Gustav Adolf) todt in etwas zerrüttung gerathen, aufs newe fassen, vnd die gesambte evangelische stände ... miteinander verknüpffen könte schwed. krieg 2 (1653) 14; wodurch also ... das evangelische wesen bisz an der Schweitzer gebirge ziemlicher massen vor dem feinde in sicherheit kommen ebda 159. vgl. auch: dasz euer churfl. durchl. keineswegs rathsamb, die direction des total weszens ferner an ein solches haubt kommen zu laszen, so an standt vnd gewaldt euer churfl. durchl. vberlegen (an Schweden) (1632) bei Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 134. g) im schwäb. gilt wesen schon früh von politischen körperschaften und instanzen überhaupt: das andre mechtige wesen aus dem reich sich auch zum punt tun wurden (1496) urk. z. gesch. d. schwäb. bundes 1, 201 lit. ver.; damit nicht die stette ... höher dann andre wesen und über ihr vermögen angeschlagen werden qu. v. j. 1508 bei schwäb. 6, 725. h) im älteren tirolischen speziell die landesbehörde: dan wan ainmal iezo die landschafft nicht das eisseriste darbey thuet; wurde sowol den wesen als dem landtsfürsten vnmiglich fallen fort zu continuieren (1624) bei landeshauptl. v. Tirol (1850) 52; das tyrollische lantsgsaz, auch die seithero vilföltig ergangenen hochherrschaftlichen wesens befelch (1766) österr. weist. 5, 233; zumahlen auf ratification der hohen herrschaft etc. die ainsmahlen auszgethailte gemainsbewaldung von wohlgemelten hohen wesen vorlengstens verwilliget und confirmieret worden ebda 39. dazu: erschinen die daselbstige hoche wesens bediente, neben einer grossen anzahl der adelichen landständ ehrenkräntzel (1678) 230. i) öffentliches wesen, eine modernere ausdrucksweise für die veraltende verbindung gemeines wesen (4), die sich jedoch nicht eingebürgert hat (vgl. öffentliches leben): dasz weder geistlichkeit noch edelleute in frühern zeiten groszen fusz in der stadt (Heilbronn) hatten; dasz das öffentliche wesen in frühern zeiten reich und mächtig war, und dasz es bis jetzt noch an einer guten mäszigen verwaltung nicht fehlen mag (1797) III 2, 99, 9 W.; die ausschaltung der volksmasse bei der führung des öffentlichen wesens heimkehr (1935) 335. 4) in eine spätere sprachepoche als der allgemeine älternhd. gebrauch fällt die verbindung das gemeine wesen (analog lat. res publica), die vereinzelt schon seit dem frühen 16. jh. auftritt, aber hauptsächlich vom zweiten drittel des 17. bis zum anfang des 19. jhs. in lebhafter verwendung steht, dann jedoch durch das seit Wieland bezeugte [Bd. 29, Sp. 550] kompositum gemeinwesen abgelöst wird (s. d. teil 4, 1, 2, sp. 3271); vgl. DWB fürsten sind wächter des gemeinen wesens principes pro republica excubant stammb. (1691) 2394; das gemeine wesen l'essere commune, la republica t.-ital. 2 (1702) 1335c: dieselbigen (freien) sigen dem gemeynen wesen mer furstendig und nutzlich dann nachteilig und schedlich (Sundgau 1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 229 Franz; die posteritet ... erhebet vnsere herrliche vnd dem gemeinen wesen nützliche begangene werck Lucifer 32 L.; daraus dem vaterlandt vnndt gemeinem wesen ein ... nachteil zuwachsen könte (1619) acta publica 2, 52 Palm; undt zweiffle nicht dasz dem gemeinen wesen viel fruchtbarliches dadurch würde zu wachszen können (1633) bei Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 339; dem gemeinen, in nicht geringer gefahr versierenden wesen durch gemein nützige ... mittel ... vnter die arme greiffen schwed. krieg 2 (1653) 6; es ist ein elender handel, wo das gemeine wesen dem privatnutzen nachgesetzet wird drey klügsten leut (1675) 71; wie solten denn so viele menschen, aus welchen das gemeine wesen bestehet, stetswährend einerley lebensart behalten? kl. dt. schr. (1894) 81; einen mann ..., der sowohl in das gemeine wesen, als in die wissenschaften einen groszen einflusz gehabt gedächtnisr. auf Copernicus (1743) 19; ich machte entwürfe, wie die erhabenen lehrsäze meiner idealischen sittenlehre auf die einrichtung und verwaltung eines gemeinen wesens angewendt werden könnten Agathon (1766) 1, 327; die die musik zu studiren, und durch dieselbe nützliche mitglieder des gemeinen wesens zu werden gedenken anweisung die flöte zu spielen (1789) a 1a; alles hier gesagte könnte man an fürsten und vorsteher des gemeinen wesens richten I 48, 142 W.; dasz dieses edle, von natur kräftige ... volk die hände in den schoosz sinken läszt, und gegen alles, was das gemeine wesen angeht, ... die äuszerste gleichgültigkeit zeigt nachgel. schr. (1826) 1, 43. ironisch archaisierend: und ich sasz dem gebrochenen oberhaupte des gemeinen wesens von Bützow gegenüber (1869) s. w. I 6, 411. J. in einigen verwendungsweisen nimmt wesen den charakter einer unbestimmten sachbezeichnung an, mit ähnlicher funktion wie ding, sache, angelegenheit, doch mehr auf komplexe, mannigfaltiges umfassende gegebenheiten bezogen (u. a. im sinne von '[wirres] zeug', s. u. 6). zu beachten ist einerseits die nähe zu ding (vgl. auch Kramer unter D 4 c) in der beiden wörtern gemeinsamen wendung es ist ein (köstlich, schändlich, wunderbar etc.) wesen (oder ding) um etwas (s. u. 2); andererseits die beziehung zu den zusammensetzungen des typus schulwesen, nachrichtenwesen, gesundheitswesen usw. (s. u. 7). näheres s. in den einzelnen abschnitten und namentlich unter 9. der gebrauch ist wohl aus unterschiedenen verwendungszweigen des wortes herzuleiten, die nicht gänzlich konvergieren; auch scheint die schriftsprachliche bezeugung fragmentarisch zu sein und einen geschlosseneren mündlichen gebrauch nur unvollkommen wiederzugeben. 1) derartige verwendungen begegnen zufrühest in verbindung mit einem speziellen konstruktionstypus, der sich vom ende des 13. jhs. knapp bezeugt bis in die moderne sprache hält (z. b.: das ist ein seltsam wesen 'eine seltsame sache'); wesen steht hierbei, regelmäszig mit charakterisierendem beiwort (oder doch ein solches voraussetzend, vgl. Luther und Fischart), als prädikatsnomen eines ausrufes oder urteils (bzw. in ähnlich sekundärer funktion, also nicht als unmittelbare gegenstandsbezeichnung) und bezieht sich stets auf einen komplexen sachverhalt (namentlich auf bestehende zustände, verhältnisse, vgl. hierzu G 2 c): owe wel vngelichis wesin, [Bd. 29, Sp. 551] elend leben vor ein wesen ist, da kein speisz, trost, sterck der selen ist 2, 122 W.; da fand ers leder vberm hauff o leider, des verfluchten wesen, am gleichen tag geboren, über die entstehung dieses gebrauches ist nichts genaues auszumachen. der erste beleg läszt sich am ehesten an die (freilich erst mehrere jahrzehnte später bezeugte) bedeutung 'lebensumstände' (E 3) anknüpfen; überhaupt deutet die anfangs vorherrschende verwendung in verwünschenden ausrufen in diese richtung (vgl. auch 3 c α). seit dem frühnhd. ergeben sich berührungen mit dem weitgespannten gebrauch für 'tun und treiben' (G): warumb woltistu den (den bösen) zornen, so yhr mutterey so ein kurtz weszen ist 8, 215 W.; die fliegen vnd mucken betrüben den menschen offt, ist auch etwan zu sommerszeiten bey dem essen ein vnlustigs wesen opera 2, 558 Huser; was zwingest du die vers, es ist ein schlechtes wesen, da droben im g'birg die wilden ziegen, vivat die ritterschaft! das ist ein wesen! 2) dem vorigen sehr nahe steht die wendung es ist ein ... wesen um etwas (mit charakterisierendem attribut); gleichartige verbindungen mit anderen substantiven (am häufigsten: ding), die sämtlich nicht vor Luther belegt sind, s. unter DWB um I C 2 b, teil 11, 2, sp. 771, und sein II 23 d, teil 10, 1, sp. 295. es ist ein feines wesen drum egli è una bella cosa, un bel che t.-ital. 2 (1702) 1336a: ists denn nit eyn grewlich wessen umb der papisten und geystlichen leben? 10, 1, 1, 397 W.; das gar ein schendlich wesen ist umb das türckisch wesen ebda 26, 229; es ist ein armes wesen umb ein weib wendunmuth 3, 341 Öst.; der teutsche nahm Mummelsee gebe genugsam zu verstehen, dasz es umb ihn, wie um eine mascarade, ein verkapptes wesen seye Simpl. 408 Scholte; daher ist's um alles geschichtliche ein gar wunderliches unsicheres wesen IV 38, 92 W.; und es ist doch ein zart und schön [Bd. 29, Sp. 552] wesen um die flamme und das licht in dieser welt von lehm und thon! Horacker (1876) 170. 3) neben den gebrauch unter 1 stellen sich seit dem 16. jh. verwendungen, in denen wesen auch direkt als sachbezeichnung auftritt, jedoch gleichfalls in ganz unscharfer begrifflicher fassung. a) wie unter 1 auf komplexe sachverhalte bezogen; auch hier gelegentlich dem gebrauch unter G nahestehend (z. b. Zürcher bibel, schausp. engl. comöd.; vgl. namentlich G 2 b η, auch ζ): (die christliche lehre,) welche vnsz Christus ... verkündet, ... die so vyl hundert jar in trewer grundveste gestanden ist. deszhalb vnsz schimpfflich wr ... von so altem gefestigtem wesen weichen s. schr. 1, 164 ndr. (s. hierzu auch H 2, z. b. Sleidanus); do sprachend die knecht Pharaos z jm: wie lang sol vns das wsen verstricken? (die ägypt. plagen) Zürcher bibel (1531) 2. Mos. 10; ists aber nit ein schand, das ein solch burd (der beichtzwang) auff gelegt aller welt, und doch zu solchem grossen weszen nit ein eyniger klarer spruch mag auff bracht werden? so doch Christus die tauff ... szo viel unnd klerlich ausz gedruckt, unnd disz wesen der heymlichenn beicht, fast das aller grossist yn der christenheit, sol nit eynen eyntzelen spruch haben 8, 157 W.; den edlen grossen held hat noch des löwen rachen, (Gibeoniten:) ists ein geheimnis dann, das niemand wissen mag? b) seltener und später auftretend von komplexen dinglichen gegenständen (doch ist namentlich hier ein ausgedehnterer mündlicher gebrauch vorauszusetzen, vgl. br. Grimm und Raabe): das güldne hausz ... c) redensartlicher gebrauch. α) ytzt frewt mich weder tantz noch krantz. gott geb den wesen auch den ried (den stock, also prügel), [Bd. 29, Sp. 553] β) mit den anwendungen unter G 2 b η übereinkommend: molestia levari des verdrieszlichen wesens losz werden nomencl. lat.-germ. (1634) 232; vgl. auch ein unlustig wesen negotium molestum clavis ling. lat. (1716) 349b; dict. (1727) 2, 2181a. 4) die unbestimmtheit des wortsinnes zeigt sich vor allem in der redewendung ins wesen hinein 'ins blaue hinein'; zur herleitung aus dem gebrauch unter 3 vgl.: wie könnte in dem wesen (in der 'tiefe über der erde') gott sein, oder wie könnte das gott selbst sein? ... siehe ... wo dieses ganze wesen (die welt) nicht gott ist, so bist du nicht gottes bild s. w. 2, 268 Schiebler. die wendung ist vom späten 17. bis zum frühen 19. jh. zu belegen: der ehstand plagt mich offt, 5) eine zusätzliche quelle des vorliegenden gebrauchs entsteht anscheinend aus einer sinnverlagerung der bedeutung E 2 'lebensgeschichte, leben und taten'. auszugehen ist von anwendungen wie: daz man in den kirchen lesen wen wir vnser bibel lesen, wir hand in des bapsts rechten gelesen da wird dem Mäntelein fast kunst und ruhm entwendet: [Bd. 29, Sp. 554] ruck in die ausarbeitung der farbenlehre zu thun und dencke das wesen einmal derb anzugreifen (1803) IV 16, 229; das polygnotische wesen (Göthes aufsatz über Polygnot) nimmt sich prächtig aus und scheint einen neuen tag zu verkündigen (1803) br. 7, 106 Jonas; diese süszen träume der kindheit und sehnsucht ... lagen schon hinter mir, mündig werdende phantasie forderte gehaltvolleres wesen (als die schriften Lafontaines). trefflich kamen meinem bedürfnisz alle die wundervollen, bizarren und tollen romane unsers Spiesz entgegen schr. (1828) 4, 27. (vgl. noch IV 7, 50, 17; 8, 261, 16; 9, 298, 11; 10, 343, 14; 11, 149, 4; 39, 181, 17). der umstand, dasz diese anwendungen bei Göthe nur im lässigeren brief- und tagebuchstil vorkommen (vgl. dagegen 6), läszt auf vorwiegend mündliche tradition schlieszen, wird aber auch durch den verächtlichen sinn des sehr nahestehenden gebrauchs unter 6 ('zeug') bestimmt sein. zu demselben wortsinn scheinen nebenher auch bestimmte modifikationen der bedeutung 'tun und treiben' (G) zu führen, die ein sich-befassen mit etwas ausdrücken: gut gsellen vnd auch klen wein wer will, kan ein gekröntes buch bemerkenswert sind noch die folgenden anwendungen: die werckmusic ..., das klingende und vornehmlich das singende wesen, dessen untersuchung unsrer vorhabenden arbeit zum unterwurff dienet (melodik) vollk. capellm. (1739) 6; sintemahl diese letztere (toccaten u. fugen) ihre melodien schon zu viel künsteln und brechen müssen, einfolglich zum begriff des flieszenden und singenden wesens lange nicht so geschickt sind, als die arien ders., kl. generalbaszschule (1735) 67. vgl. auch: denn gerade das musikalische wesen eurer charwoche hatte ich lange zu verehren und zu genieszen gewünscht IV, 29, 89 W. 6) diesem gebrauch schlieszt sich eine verwendungsart an, in der sich das wort gewöhnlich mit beiwörtern des zusammengestückelten, verworrenen usw. verbindet und jedenfalls verächtlichen sinn hat (ähnlich mod. umgangssprachl. 'zeug'; vgl. nahestehende auffassungen anderen ursprungs unter C 8 c). wesen bezieht sich auch hier in der regel auf gegenstände oder erzeugnisse der geistigen beschäftigung: nach dem ich diese ... gedichte ... ohne einige ordtnung zusammen geraspelt: haben etliche meiner günstigen herrn vnnd freunde solch vnförmlich wesen bey mir gesehen, vnnd ... bey mir angehalten, dasz ich dasselbe publicieren ... solle hist. u. poet. kurzweil (1618) 7 ndr.; es ist ... zu beklagen, dasz diese teutschhassende nicht anhören wollen, auf was gründen ... die ausübung der ädlen sprache beruhe: und wissen nichts anders einzustreuen, als es were wider die gesetzgültige gewonheit und nur ein neugieriges wesen fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) ):( ):( 2b; wan wir aber unsere muttersprache ... derogestalt, wie sie von mancherley landarten gebraucht ... wolten abmessen [Bd. 29, Sp. 555] und rechtfertigen; würden wir meistenteihls ein ungewisses zerrüttetes wesen in dieser sprache aufbauen, die doch auff gewissen gründen festiglich beruhet haubtspr. (1663) 10; diese redensarten sind ... ein geflicktes wesen, das weder teutsch, noch lateinisch, noch frantzösisch heissen kan vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 13 Gottsched; die schrifften des einen sind nur ein zusammen geschriebnes wesen, des andern ein unordentlicher mischmasch ungereimter dinge ebda 170; verführen sie eine menge leute, ... dasz sie was von ihnen gelernt zu haben glauben, wenn sie ihr seichtes, unbestimmtes und unverdautes wesen nachsprechen recensionen 182 lit.-denkm.; allmählich verbreitete sich dies wesen (lehrmeinungen der vorcreuzerischen symbolik) durch akademische vorträge von immer erneutem anwachs antisymb. (1824) 4. — bei Göthe ist diese ausdrucksweise (im gegensatz zu 5) nicht auf umgangssprachlichen gebrauch beschränkt: ihr grillenfänger sollt uns heut so wird von tag zu tag ein traum gedichtet, am jüngsten tag, vor gottes thron nur hin und wieder finden sich dem gegenstand nach abweichende verwendungen: ich vernehme, dasz er sich bemühet, den verwalter-dienst zu Liebstädt zu überkommen ...; doch ... wenn ich an seiner stelle wäre, so wolte ich lieber alle saure winde lassen über mich gehen, ehe ich mich in dieses verwirrte wesen hinein steckte polit. redner (1677) 242; wenn man den lauf der sterne auf unsrer erdkugel betrachtet, darin wir stehen, so kommet ein wunderliches verwirretes wesen heraus dt. schr. (1838) 2, 51; westen ..., die gar keine westen waren, sondern nur rote dreieckige tuchstücke, die gleich an den uniformrock angenäht waren; und ... diese dreieckigen tuchlappen, ich sehe sie hier in allem, ... angenähtes wesen, schein und list ges. w. (1905) I 2, 26. besonders: ists denn wahr, oder ists nur so ein ausgesprenget wesen, ich habe ... gehöret, sie wolten sich adelen lassen Schlampampe 1, 94 ndr.; das ist ein aufgebrachtes wesen 'ein falsches gerücht' pr. 1, 35a s. v. aufbringen. zu ähnlichen anwendungen auf dingliche gegenstände vgl. auch 3 b: dieser Mansfeld hat ganz kein haar aufm kopf, trägt aber ein wesen von rothem krausichten haar gemacht allzeit aufm haupt tageb. (1627) 93; ein gar krauser, an beyden seiten (des helmes) abhangender zierrath (von bändern), wie ein laubwerck; ... die Frantzosen brauchen ... federbüsche von strauszfedern an statt des krausen wesens wapenkunst (1694) 40. 7) zu dem unter 5 abgeleiteten entwicklungszweig des wortgebrauches gehören offenbar auch die wichtigen und jüngernhd. sehr verbreiteten komposita des typus kriegswesen (der alten Römer kriegswessen kriegsordn. [1595] A 2a), justizwesen ( weisheit 3. theil [1653] 62), münzwesen ( teutschlat. wb. [1741] 1, 675b), schulwesen (ebda 2, 232b) usw.; jedoch ist der in diesen zusammensetzungen greifbare wortsinn (etwa: sach- und wirkungsbereich des öffentlichen lebens, in der mannigfaltigkeit seiner elemente und funktionen) im gebrauch des simplex nur ganz sporadisch nachzuweisen (vgl. noch bürgerliches wesen unter H 3 b): von nutz und not der sprache unnd christlichen schulen fur das geystlich wesen und zur seelen heyl (1524) [Bd. 29, Sp. 556] 15, 43 W.; die cammerœconomeyrhäte müssen das œconomische wesen bestellen Pommerland (1639) 6, 435. weniger spezifisch: sie sagen er hette inclination gehabt wie er ahnfangen grosz zu werden umb ein kauffmann zu werden, er hette dasz weszen gelehrnt undt were in dem laden von einem reichen kauffmann gangen Elisabeth Charlotte v. Orleans br. (1676—1722) 64 Menzel. — ein dem kompositionstyp genau entsprechender fester gebrauch ist vielleicht gar nicht vorauszusetzen; vielmehr ist es wahrscheinlich, dasz -wesen, ähnlich wie -werk u. a. substantiva, in solchen kollektivbildungen kraft der unbestimmtheit seiner bedeutung alsbald suffixcharakter angenommen hat und auf diese weise analogisch produktiv geworden ist; s. hierzu zur gesch. d. dt. kollektiva, in: festschr. f. Weisgerber (1959) 225. nebenher mögen sich die komposita auch an gebrauchsweisen wie H 3 c, d und e ('auf eine ordnung begründete verhältnisse') angelehnt haben, denen die folgenden modernen verwendungen nahestehen, die sich bereits auf den vorhandenen kompositionstyp stützen können; das wort bezieht sich hier auf die bestrebungen und verhältnisse in einem durch gleichgerichtetes wirken zusammengehaltenen menschlichen lebenskreis: sinn des pestalozzischen wesens (tagebuchnotiz) III 5, 116 W.; die wiederhohlten klagen über das einreisende landsmannschafftliche wesen (in Jena) ebda IV 7, 223; so sehe ich nicht ab, wie das römische wesen oder auch das herrnhutische für sie jemals könnte anlokkend werden weihnachtsfeier (1908) 15; wir sammeln indessen auch weiter über das etwas frühere wesen der lanzknechte im 15. jh. (1807) br. 35 Schoof; das aristokratisch-republikanische wesen, welches in den (europ.) staaten eine so grosse rolle spielte, suchte auch das papstthum, das seiner natur nach höchst monarchisch ist, zu durchdringen und umzugestalten s. w. (1867) 1, 31. hieran schlieszen sich ähnliche anwendungen mit mehr sachorientierten attributen (ohne erkennbare kontinuität mit den eingangs zitierten frühnhd. belegen): sie müssen sich für das literarische wesen ihre jungen leute ... als gehülfen anziehen ges. br. (1858) 3, 152; aber ausschlieszlicher immer drängte sich des (deutschen) ordens staatlich-kriegerischer zweck hervor. das kirchliche wesen erscheint oft nur als mittel, jene schweigende militärische unterwerfung zu erzwingen hist. u. polit. aufs. (1886) 2, 35; dasz alles sittliche wesen am naturprozesz des menschlichen aufstiegs gewachsen ist vom schicksal d. werte (1915) 6; leider war mir gerade damals das ärztliche wesen wieder einmal über den kopf gewachsen tag d. jungen arztes (1955) 122. 8) die begriffliche unschärfe des vorliegenden gebrauchs läszt mancherlei bedeutungsübergänge zu. auf beziehungen zur bedeutung G ('tun und treiben' etc.) wurde schon hingewiesen (s. 1, 3 und 5); berührung mit dem gebrauch für 'zustände, verhältnisse' (G 2 c; vgl. Zimmer chron. 21, 14 unter G 2 a) zeigen noch die folgenden verwendungen (s. auch ähnliches unter H 3 c): kein lieblicher wesen auff erden ist, denn wenn sich mann und weib freundlich zusammen halten d. Teutschen weiszh. (1605) Ll 4a; was für ein ödes, kaltes wesen würde in den menschlichen dingen herrschen roman meines lebens (1781) 1, 37; in den liedern dieser Uz und Gleim ... entdeckte man mancherlei klänge aus dem schönen alterthum ...; nur alles ... aus den groszen, freien, nackten linien antiker symposien in das kleine und gemütliche wesen deutschen stubenlebens übertragen Winckelmann (1866) 1, 75. ferner: welches (d. pentagramm) ausz einem alten abergläubischen wesen an denen höltzernen kinderwiegen eingeschnitten wird, die nachtgespänster damit abzuwehren anthrop. Pluton. (1666) 1, 10; später wieder ganz im sinne von 'tun und treiben' (G 3): [Bd. 29, Sp. 557] sprüche wispeln, zauber kochen wohl auch von 'tun und treiben' her verstehen sich einige stellen, die zwischen den anwendungen unter 6 und denen unter II C 3 b vermitteln: (die latein. u. griech. dichtkunst,) welche ihre wortglieder nicht nach der natur und aussprache ..., sondern durch blosz-gekünsteltes wesen und wider die natur lauffende gesetze lang oder kurtz uhrteilet und brauchet verm. Helikon (1656) 1, 14; (kein einziger,) der mit pferd und wagen, und dann ist das auch schon ein unerträglich wesen, einige anwendungen des 19. jhs. lassen (wohl ohne historischen zusammenhang) die im 16. jh. versiegte bedeutung 'lebensumstände' wieder anklingen: ich wuszte nun, wie ich mit (der untreuen) Miesmies daran war, und die quälerei mit dem ungewissen wesen war am ende s. w. 10, 182 Gr.; das materielle unwohlsein während der unterdrückung hatte die sehnsucht nach einem reichlicheren wesen geschärft w. 18, 33 Hempel. um 1800 kann die auffassung auch von der (in starker expansion begriffenen) bedeutung 'animans' (II A) bestimmt werden: gedanken der liebe sind immer die vorläufer des künstlers; wir entzücken uns lange an einem wesen, ehe wir es schildern und schreiben; wir kosen ihm und herzen und sparen es bis zum süszesten moment (vorr. zu 'Fausts leben') w. (1811) 2, 5; der krieg ist ein wildes getümmelvolles wesen und reitzt alle gelüste und triebe zur wildheit und bosheit schr. (1845) 1, 279. 9) es bleibt noch hervorzuheben, dasz diese mannigfaltigen gebrauchsweisen eng mit den anwendungen für 'ens' (II A 2) und 'stoffliche substanz' (C 8) zusammenhängen und mit ihnen zusammen einen anwendungsbereich bilden, der die einzelnen historischen entwicklungslinien zeitweilig überlagert und die auffassungen 'ens, etwas, ding, komplexe (dingliche oder begriffliche) gegenständlichkeit, stoff', auch 'zeug' (vgl. oben 6 mit C 8 c) umfaszt. die nähe dieser auffassungen zueinander erhellt aus den folgenden stellen: so wollen wir den leser ... etwas gründlicher berichten, damit er nicht also am bloszen buchstaben hange, und ein historisch wesen aus unsern schriften mache s. w. 3, 379 Schiebler (zum vorstehenden gebrauch, s. ob. 5); denn wenn ich rede von gottes grimm und zorn, so meine ich nicht ein wesen, das auszer gott sei ebda 4, 35 ('ens', s. II A 2); denn der begierde eigenschaft giebt und macht finster wesen, und der freien lust eigenschaft macht lichte wesen, als metalle ebda 4, 287 ('substanz, stoff', s. DWB C 8 a und b). zur ergänzung dieses bildes mögen noch einige stellen nachgetragen werden, in denen wesen mit ding und natur (konkret) variiert oder lat. res wiedergibt: das hie zwey unterschiedliche wesen als brod und leib werden fur ein ding odder wesen gesprochen ynn diesen worten 'das ist mein leib' w. 26, 439 W.; denn ob gleich leib und brod zwo unterschiedliche naturn sind ..., und wo sie von einander gescheiden sind, freylich keine die ander ist, doch wo sie zu samen komen und ein new, gantz wesen werden, da verlieren sie yhren unterscheid, so fern solch new einig wesen betrifft, und wie sie ein [Bd. 29, Sp. 558] ding werden und sind, also heiszt und spricht man sie denn auch für ein ding ebda 445 (vgl.: transsubstantiatio verenderung einsz wesens in das ander gl. 593b); gott hat ... eingesatzt beide, das man sehen und greifen kann, und ihren brauch und nutz, als die tauf und des herrn Christi leib und blut im abendmahl ... nu aber verneinen die ketzer der beiden eins; entweder rem, das wesen selbs, wie es von gott eingesatzt ist, oder seinen brauch, dazu es eingesatzt ist (1530—35) bei tischr. 1, 839 W.; aquastor, visio quaedam repraesentans rem aliquam, quae res ipsa non est ist ein geschichte (sic!), dasz ein wesen darstellt, welches doch kein wesen ist lex. alchem. (1612) 51. ferner: res das wesen gl. 494a; wesen res, materia dict. (1540) Ji 4a. II. die modernen hauptbedeutungen und ihre vorgeschichte. A. 'ens, animans', etwas selbständig existierendes überhaupt und namentlich — in moderner sprache nach kurzer übergangszeit ausschlieszlich — als ein belebtes oder belebt gedachtes. 1) den ausgangspunkt der bedeutung bilden anwendungen des wortes auf die göttliche essenz oder substanz (im sinne von I C 1 a und b), in denen es in der formulierung gott ist ein wesen oder in vergleichbarer fassung auftritt, wodurch eine hypostasierung des essenzbegriffes nahegelegt oder schon vorausgesetzt wird, die den neuen wortsinn 'ens, animans' herbeiführt. sichergestellt wird dieser anthropomorphistische sinn durch attribute wie vollkommen, allmächtig, allwissend (s. u.); doch dürfte die auffassung in älterer sprache noch vielfach schwanken (namentlich deutet die verbindung mit lûter im mhd. auf bewahrung des theologisch-abstrakten essenzbegriffes). der gebrauch mündet im 18. jh. in die umfassende moderne anwendung der bedeutung 'animans' ein, an deren vorbereitung er teilhat (s. d. die jüngeren belege unter 3 und die redewendungen unter 4 a): daz er (gott) ist ein substanzlich wesen, und daz er ist ewig, ... ein unliplicher weslicher geist dt. schr. 171 Bihlm.; so bút die hant us diner begerunge alleine z dem úberweslichen blossen luterme wesene, das got alleine weselichen ist pred. 152, 8 Vetter; volkumenes wesen, das aller volkumenheit mechtig ist ackermann a. Böhmen 34, 35; got der inist nicht wan ein luter wesin paradisus anime intell. 40, 25 Strauch; der glaub zaigt dir, daz drey person ain götlich wesen seind predigen teütsch (1508) 141a; das gott nicht ein solch ausgereckt, lang, breit, dick, hoch, tieff wesen sey, sondern ein ubernatürlich unerforschlich wesen 26, 339 W.; erstlich glaube ich, dasz ein gott sei, so ein allmächtig, ewig wesen ist denkw. (1878) 1; es bett jn (Jesus) an ein jederman gibst du auff was ich bitte, 2) in dem unter 1 entwickelten sinne kann wesen auch allgemein für 'ens, animans' gebraucht werden; vgl. zur überleitung: also ist es umb daz oge únsers gemtes: so daz ein sehen hat uf dis und daz wesen, so verahtet es dez wesens, daz da úber al luter einfaltig wesen ist dt. schr. 177 Bihlm.; dis einvaltig luter wesen (gott) ist dú erst obrest sach aller sachlicher wesen ebda 178. verwendungen dieser art mehren sich erst seit dem anfang des 15. jhs., bleiben aber bis zum ende des 17 jhs. noch wenig gebräuchlich. die auffassung schwankt in dieser zeit ohne entschiedene abgrenzung zwischen dem weiteren sinne 'ens' und dem engeren 'animans', analog dem verhältnis der auffassungen 'existenz' und 'leben' unter I B 1 (dabei ist zu beachten, dasz die hier angeführten verwendungen [Bd. 29, Sp. 559] für 'ens' im älteren nhd. mit einem ausgedehnteren gebrauch für 'ding, sache' usw. in zusammenhang stehen; s. näheres unter I J 9). zum lexikalischen vorkommen vgl. differencia eynis wesins von dem andern vnderscheydvnge beitr. z. mittelalt. vokab., reg. 449; persona eyn selbstendik wesyn ebda 452; ens wesen (15. jh.) gl. 203a; individuum eyn genant wesen (15. jh.), ein selbs unzerteilts wesen (15. jh.) ebda 295a; persona vornonftig wesen (15. jh.) ebda 429c: minn, du lieplichs wesen, wöllen kutten tragen yeder, vnd wie die glehrte halten, 3) seit dem anfang des 18. jhs. nimmt die häufigkeit dieses wortgebrauches schnell zu, wobei sich das schwergewicht auf den nun klar hervortretenden wortsinn 'animans' verlagert, der alsbald herrschend wird, während sich die anwendungen für 'ens' (s. u. disc. d. mahlern, Ramler, Göthe, Schubert, Grimm) zu anfang des 19. jhs. verlieren (doch bucht noch Adelung die bedeutung in dem alten, unterschiedslos auf lebloses und belebtes bezogenen sinne: 'ein selbständiges ding, an welchem man weiter [Bd. 29, Sp. 560] nichts, als diese selbständigkeit, bezeichnen will, ohne rücksicht, ob es körperlich ist, oder nicht'; ... alle wesen in der welt. gott ist ein unendliches, die seele ist ein geistiges wesen. alle körper sind vergängliche wesen vers. e. wb. 5 [1786] 187b; ebenso 5 [1811] 688b). offenbar entspricht diese entwicklung einem bedürfnis des modernen denkens (namentlich der aufklärungszeit), alle realen und fiktiven belebten existenzen (einschl. des menschen und gottes) unter einem gemeinsamen begriff zu subsumieren; ausdruck hierfür ist auch, wie die belege zeigen, die im 18. jh. beliebte vorstellung von der gesamtheit der lebewesen und der stufenfolge ihrer gattungen (vgl. 4 b α kette der wesen, β alle wesen; ähnliches auch unter geschöpf 4 d, teil 4, 1, 2, sp. 3955, doch greift wesen durch die einbeziehung gottes über geschöpf hinaus). der wortgebrauch erstreckt sich also gleichermaszen auf tiere, auch pflanzen, den menschen (als spezies, vgl. dagegen 6), überirdische wesenheiten und fabelgestalten, und bezieht bis zum anfang des 19. jhs. (vgl. aber 5) auch lebloses ('ens') in die auffassung ein: uns, die wir für betrachtungen (um uns so wohl, als andre wesen des schicksals weiszheit zeiget sich elende sterbliche! zur pein erschaffne wesen! nicht wahr? dem wesen, das gedanken schwarz, gift wirksam, hände fertig, [Bd. 29, Sp. 561] Reinhart Fuchs (1834) 1 vorr.; dem Schotten und Schweden ist die blume und der baum noch ein gar anderes, ein viel lieblicheres, wunderbareres wesen als dem Deutschen w. 6, 18 R.-M.; meine, meiner gattin, meiner nichte und meines hündchens Karlsbader-trinkkur ist vorüber. also 4 wesen waren wir dort (1866) briefw. 5 (1928) 230; der weiss noch einen feinen fisch zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem messer in dem zarten wesen herum, wie wenn er ein kalb schlachten wollte ges. w. (1889) 5, 17; läszt kein anderes, als ein geflügeltes wesen auf dem (unzugänglichen) Höttinger Solstein sich nieder Kalkalpen (1874) 295; da schlingt sich's um ihn wie ein geistig wesen, 4) mit der wachsenden verbreitung dieses modernen wortgebrauches bilden sich vielerlei redewendungen und besonderheiten der auffassung heraus. a) umschreibungen des gottesbegriffs. α) die verbindung wesen aller (oder der) wesen kommt im 16. jh. auf und wird zu ende des 18. jhs. noch einmal sehr beliebt; ihr grundwort knüpft ursprünglich an die bedeutung 'essentia' (I C) an, wird aber später wohl meist im sinne des attributivischen gliedes ('ens, animans') umgedeutet (etwa analog buch der bücher); zu der fassung wesen alles wesens vgl. DWB alles wesen unter I B 3 a: got ist aller wesen wesen, wer nun das ding on got ergreifft, der ergreifft ... den schein für das wesen sprüchw. (1541) 1, 136b; wenn du sinnest und denkest, was da in dieser welt und auszer derselben sei, über das wesen aller wesen, so spekulirest und sinnest du in dem ganzen leibe gottes, welcher das wesen aller wesen ist, und der ein unanfängliches wesen ist s. w. 2, 309 Schiebler; das walt der liebe gott, das wesen alles wesens, β) seit dem 17. jh. ist die wendung das höchste wesen gebräuchlich: dasz gott ... das höchste wesen ... sey Pathmos (1677) 54; sie (natur) ward von anfang her, vom allerhöchsten wesen [Bd. 29, Sp. 562] b) für die anschauung des 18. und frühen 19. jhs. kennzeichnend sind die verbindungen α) kette der wesen (u. ä.): sagt, sterbliche, den sphären ihre zahlen er forscht und staunt der wesen leiter, β) alle wesen, die wesen alle: der sterne glanz erblaszt, der sonne reges feuer von der gewalt, die alle wesen bindet, c) sehr beliebt werden seit der zweiten hälfte des 18. jhs. auf den menschen (als spezies) angewandte, von seiner empirischen bestimmtheit abstrahierende umschreibungen, die ihn gleichsam in eine reihe mit möglichen anderen intelligiblen existenzen stellen. α) namentlich vernünftiges wesen (vgl. unter 2 gl. 429c): dann würg ich nicht die vernünftigen wesen, wie Satan, nur einzeln; nicht allein im schreiben, lesen β) als ein einwohner eines freyen staats, und als ein denkendes wesen, nimmt man antheil an den öffentlichen angelegenheiten England u. Italien (1785) 1, 1, 65; den erdball mit üppigem pflanzenwuchse geschmückt, reich bewässert und ... von denkenden wesen bewohnt kosmos (1845) 2, 14; wie viele millionen ... mehr oder weniger denkender wesen sprechen diese worte ('sein eigener herr sein') mit tiefen seufzern aus hungerpastor (1864) 3, 21; damit wir kein heer von idioten züchten, sondern von denkenden wesen kreuz im venn (1909) 173. γ) auch sonst, mit wechselnden bestimmungen: wer kan einem wesen das meinungen hat ..., wehren diese meinung zu sagen? nachlasz (1899) 25; wie es einem freyen wesen zusteht w. 3 (1815) 140; eine wahrheit, welche in beziehung auf jedes lebende und erkennende wesen gilt w. 1, 33 Gr.; der mensch als moralisches wesen gesch. d. materialismus (1866) 192; aber was ich nicht kann, schrie die tante, ist, ein nützliches wesen werden adel im untergang (1947) 12. [Bd. 29, Sp. 563] d) dieser ausdrucksweise schlieszen sich andere wendungen an, die jeweils die durch das attribut bezeichnete (reale) gattung oder kategorie umschreiben; mitunter dient auch hier die wortwahl dazu, von jeder näheren bestimmtheit absehen zu lassen. α) lebendes (lebendiges) wesen: es ist kein lebendes wesen ohne wirksamkeit und leidsamkeit verm. schr. (1774) 2, 7; meine studierstube war so gelegen, dasz kein lebendiges wesen ... dahin gelangen konte gesch. s. lebens (1790) 2, 244; (die erde) sey ein herrlich lebend wesen s. w. 2, 152 Hell.; wenn er sich doch an irgend ein lebendes wesen kettete, wäre es auch nur ein hund s. dram. w. (1827) 2, 11; diese Römer ... wissen wenig von der natur der lebendigen wesen. warum sollte der fuchs sich in die höhle des löwen begeben? d. falsche Nero (1947) 91; von jedem stück erzählte er ... mit der liebe, die sonst lebenden wesen gehört namen u. menschen (1949) 108. β) menschliches wesen: so muszten sie ... die verbindungen menschlicher wesen in ihrem ganzen umfange kennen lernen I 46, 26 W.; drey stunden in die runde γ) weibliches wesen: ein weibliches wesen, das sich dem geliebten manne hingibt I 22, 129 W.; die gütige mutter oder sonst ein ihm zugewandtes weibliches wesen s. w. 12, 7 Gr.; er fand in ihr ein gemüth, das ... ihm in der that alles erfüllte, was ein durch die anstrengungen ... des lebens ... ermüdeter mensch von einem weiblichen wesen wünschen kann s. w. (1867) 9, 28; die villa vorm tor, ... wo man mit weiblichen wesen zusammentraf, die nicht ganz dirnen und auch keine damen waren d. blaue engel (1950) 227. unüblich ist: feminina aus bezeichnungen männlicher wesen dt. gramm. 5 (1920) V (inhaltsverzeichnis). auch sonst wird wesen mit vorzug auf frauen und mädchen bezogen, vgl. den persönlichen gebrauch unter 6 b; beliebt sind prädikative wendungen wie: das weib ist ein häusliches wesen in: Athenäum (1798) 2, 4; denn ein gebrechlich wesen ist das weib 12, 457 G.; frauen sind so gefährliche wesen, lieber bruder missa sine nomine (1950) 197. δ) dienendes wesen (nur gelegentlich und scherzhaft): er risz die thür auf und rief nach dienenden wesen, der Liese, dem Dietrich ritter v. geiste (1850) 2, 363; und sind sie vielleicht stubenmädl oder sonstiges dienendes wösen? lust. komödienbüchl. (1859) 157. e) die verbindung höheres wesen leitet mit einem teil ihrer anwendungen zu weiteren redensarten über, durch die personen oder personenkategorien einer besonderen klasse von wesen verglichen werden. α) höheres wesen; im eigentlichen sinne: in dem sanften schlummer ... sey ihm ein höheres wesen erschienen Alfred (1773) 26; frau Aventiure wird als höheres wesen geschildert kl. schr. (1864) 1, 99. den menschen einbeziehend: alle wörter, die höhere wesen, menschen, götter oder geister bezeichnen völkerkde (1874) 487. dagegen: halbmenschen, die sich, in vollem dummen ernst, für höhere wesen halten als uns oden (1889) 2, 6; das verhältnisz sämmtlicher vorübergehenden personen zu Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fühlten die gegenwart eines höheren wesens I 25, 1, 277 W. [Bd. 29, Sp. 564] β) so auch überirdisches wesen: dieser schwachen ..., γ) im übrigen ohne geprägte redensartliche fassung; speziell: wogegen ... die Deutschen ... am ende dahin kamen, dasz sie nächst gott ... kein groszmüthigreicheres wesen als einen englischen lord ... erkannten 23, 162 S.; dasz ein Franzose und vollends ein Engländer durch seine nationalität und geburt ein vornehmeres wesen sei als der Deutsche ged. u. erinn. 1, 142 volksausg. δ) auf die prätendierte ausnahmestellung einzelner bezogen: und sich ingeheim als ein wesen betrachtet, das an die gesetze der geselligkeit nicht weiter gebunden ist w. (1761) 5, 271; beschränkt und unerfahren hält die jugend er (Wallenstein) hielt sich nun ε) allgemein: angewöhnt lauter idealische wesen um dich her zu sehen, wirst du die kunst niemals lernen, von den menschen vortheil zu ziehen Agathon (1766) 1, 66; dass ein mann von genie ... immer ein wesen ist, das unsere verehrung verdient I 45, 13 W.; der mann, der also sprach, konnte kein gemeines wesen seyn pros. versuche (1810) 5, 12; mir erschien eine königin als ein wunderbares räthselhaftes wesen was ich erlebte (1840) 1, 54; zauberhafte wesen der groszen welt, die ihr so stolz ... euch anlehnen könnt an euer glück ges. w. (1872) 3, 4; dieser letzte furchtbare vorkämpfer der staatsgewalt gegen das mittelalterliche priestertum (Friedrich II.) erschien den italienischen propheten der zeit als ein völlig dämonisches wesen litt.-gesch. 7100; der schwedische könig und der Wallenstein, das waren wesen, aus aar und leu und mensch gemischt pfarrer v. Dornloh (1930) 218; er hatte ... zu ihr aufgeschaut als zu einem wesen aus einer zarteren, schnelleren welt Simone (1950) 115. ζ) noch hervorzuheben ist die (volkssprachlich sicherlich verbreitete) prägnante anwendung auf dämonische wesen und spukgestalten: still, der is kein räuber, der is ein wesen ges. w. (1890) 2, 30. 5) nicht selten begegnet übertragener gebrauch des wortes für dingliche und begriffliche gegenstände (kaum noch an die verwendung für 'ens' anknüpfend, vgl. 3). a) hypostasierte abstracta: vernunft! freiheit, holdes wesen, b) von der menschlichen seele, die auch im eigentlichen sinne als belebtes wesen aufgefaszt werden kann: die seele ist ein geistiges und unleibiges wesen sämtl. lustsp. (1765) 1, 278; [Bd. 29, Sp. 565] dann erstaun ich über die hohen wesen, die gott schuf c) gern von dinglichen gegenständen, namentlich, wenn eine gemüthafte beziehung zu ihnen besteht: diese (bedeutende kunstwerke) wirklich erhalten als unaussprechliche wesen I 46, 19 W.; die kometen sind wahrhaft excentrische wesen, der höchsten erleuchtung und der höchsten verdunkelung fähig schr. 3, 65 Minor; zwei flüsse begegnen sich da, umarmen sich und ziehen in der umarmung weiter, ein neues wesen. Weser heiszen sie von da an ges. schr. (1875) 1, 71; ein buch ist ein lebendiges wesen hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 1; da ist diese bucht, dann und wann kleine ruderersilhouetten davor in so schöner angestauter bewegung und genau das, was aus diesem boot ein wesen macht (1906) br. (1930) 104 inselverl.; dieser flügel war ein allwissendes, allempfindendes wesen Ingeborg (1911) 25. 6) seit dem anfang des 19. jhs. nehmen die anwendungen auf bestimmte personen (namentlich frauen und kinder, s. b) breiten raum ein, in denen der wortsinn usuell eine besondere färbung erhält. a) im allgemeinen gebrauch dieser art treten unterschiedliche auffassungen hervor. α) maszgeblich für die wortwahl ist meist das entgrenzende moment, das durch die begriffliche unbestimmtheit des wortes in die ausdrucksweise hineingetragen wird; so kann wesen dazu dienen, von aller konkreten determiniertheit einer person scheinbar abzusehen: herr von Harder nahm ... abschied, ... Dankmarn aber, als ein ihm noch nicht vorgestelltes unbekanntes wesen, ignorirte er gänzlich ritter v. geiste (1850) 2, 241; sie schauten ihn jetzt an wie ein wesen, das nicht mehr zu begreifen ist unruhe (1948) 365. β) daher wird das wort, mit entsprechenden attributen, gern auf personen angewendet, deren natur problematisch erscheint und sich gleichsam einer bestimmteren klassifizierung entzieht: meine schwester war und blieb ein indefinibles wesen, das sonderbarste gemisch von strenge und weichheit I 27, 197 W.; die Stael ist ein sehr merkwürdiges, seltenes wesen w. (1836) 5, 274. γ) ähnliches drückt sich in gefühlsbetonten anwendungen auf frauen und mädchen aus (so auch vielfach unter b), wo der verzicht auf konkretere (gleichsam der anschauung vorgreifende) bezeichnungen umsomehr den unmittelbaren eindruck wirken zu lassen scheint: seine augen und sein herz wurden unwiderstehlich von dem geheimniszvollen zustande dieses wesens (Mignons) angezogen I 51, 213 W.; während das mädchen schwach atmet und schläft, dieses wesen, von ihm immer mehr als der einzige, wild geliebte besitz auf erden betrachtet A. einsetzung e. königs (1950) 304. δ) hiermit vermischen sich in solchen verwendungen zwei weitere auffassungsweisen; einerseits eine (mitfühlend oder wohlwollend) herablassende tendenz, etwa im sinne von geschöpf (vgl. d. 4 g, teil 4, 1, 2, sp. 3955): hier aber find ich gar viel hübsche wesen, besonders die schwarzhärigen III 1, 217 W.; zugestoszen ist ihr gott sei dank nichts! nur verwirrt und geängstigt ist das unglückliche wesen Grabenhäger (1898) 2, 281; — andererseits der anklang an den gebrauch für 'höhere wesen', durch den das wort über die gleichgerichteten anwendungen von geschöpf hinausgreift: ein solcher engel wie sie, ein wesen, welches wir künstler schlechtweg ein ideal nennen ges. dram. w. (1848) 3, 12; wie so ganz anders, als mit seinem bruder, sprach dieses himmlische wesen mit ihm ges. schr. (1893) 4, 50; und nie habe ich mir die möglichkeit beikommen lassen, diesem geheiligten wesen (Lotte) irgend einmal von angesicht zu angesicht gegenüberzustehen Lotte in Weimar (1946) 19. [Bd. 29, Sp. 566] ε) im sinne von 'geschöpf' steht wesen nicht selten auch in anwendungen, die auf die menschliche kreatürlichkeit oder persönliche debilität anspielen: wie kann ein so armes blindes wesen, wie wir arme sterbliche sind, für alle seine mitmenschen entscheiden, was sie denken sollen? s. schr. (1843) 7, 169; ein bürgerkönig ist ein klägliches wesen briefw. u. tageb. (1873) 3, 257; wie ich ohne sie nur ein schwaches unselbständiges wesen bin (1814) br. 1, 14 Schulte-K.; was wissen wir schlieszlich von dem armen wesen, das nun eine siebenzackige krone zu bekommen gedenkt? missa sine nomine (1950) 366. ζ) verbindungen des weiten begriffes wesen mit einem präzisen attribut lassen die bezeichnete eigenschaft als allein relevant hervortreten: unter allen seinen lesern ist gewisz niemand, der ... vergessen sollte, dasz der verfasser ein ironisches wesen sey belust. (1741) 1, 175; darf ich hoffen, mein herr, dasz sie mich nicht ganz für ein so boshaftes wesen halten, als mein herr vater aus mir zu machen beliebt? s. w. II 2, 40; ein schüler war ein mausgraues, unterworfenes und heimtückisches wesen, ohne anderes leben als das der klasse d. blaue engel (1950) 26. η) näher zu δ (im ersteren sinne) stellen sich einzelne verwendungen, in denen wesen mit jovialen attributen auf männliche personen angewendet wird: graf Carl ist hier, ein sehr braves wesen IV 8, 6 W.; ein junger Hanauer, namens Büry, der mit mir zusammen wohnt und ein gar resolutes gutes wesen ist, hat mir nicht wenig geholfen ebda 329. θ) in prägnantem verächtlichem gebrauch vereint sich der wortsinn 'geschöpf, kreatur' (wie unter ε und ζ) mit der entgrenzenden, den betroffenen als indefinibel hinstellenden funktion des wortes, die es mit ausdrücken wie subjekt, individuum teilt; vgl. DWB wesen als schmähwort bei schimpfwb. 77b: wann bekomm ich meine vier thaler? machen sie ein ende oder — — wesen, ich rathe dir! ritter v. geiste (1850) 5, 219; bei ihnen liegt die unermessliche verantwortung, ob künftig männer wie der angeklagte die gefängnisse füllen und wesen wie der zeuge Hessling der herrschende teil der nation sein sollen d. untertan (1949) 249; eine welt, ... in der wesen zu gerichte sitzen wie du und dein herr, ... eine solche welt muss untergehen d. falsche Nero (1947) 208. b) den weitaus gröszten anteil an dem vorliegenden wortgebrauch haben die anwendungen auf frauen, mädchen und kinder. α) von frauen und mädchen in den unter a γ und δ angegebenen auffassungen: die natur kann wieder eine weile operiren, bis sie ein so neckisches wesen zum zweitenmale zusammen bringt gespräche 1, 182 Biedermann; lieb kind! mein artig herz! mein einzig wesen! ders. I 2, 12 W.; ich kenne die holde kleine; es ist ... ein natürliches, von jeder ziererei entferntes wesen s. w. 14, 155 Gr.; diese ... war eines jener unbesorgten, immer heiteren wesen, welche wohl wissen, dasz sie gefallen w. (1890) 1, 10; das edle wesen, welches ihnen ... ein so tiefes glük gewährte (1857) briefw. 3 (1929) 34; angebetetes wesen! hätte ich dich nie gesehen! dich sehen und lieben war eins! erz. u. schr. (1864) 1, 175; Brentano nannte dieses kindlich harmlose wesen einst eine anmuthstrampel br. (1893) 202; glückselig wohl, wenn sich ein wesen findet, [Bd. 29, Sp. 567] heim aus einem kränzchen d. blaue engel (1950) 35. — salopp: habe ich recht angenehme verbindung mit den Gagarinschen wesen, die einmal in Frankfurt waren, liebenswürdige alte frau und dito töchter br. an s. braut u. gattin 429 Bism. β) von kindern, wie geschöpf: es kriegt einen nahmen der gut lautet, obgleich basen und vettern dagegen schreyn, und sich das arme wesen durch nichts ... wird retten können (1787) br. 1, 39 Waitz; ja sieh, die letzte menschenregung für γ) häufigere wortverbindungen zu α und β. αα) schönes wesen: ich sah ..., wie das schöne wesen die stufen heraufstieg I 24, 31 W.; komm! in meine arme schönes wesen! w. 1, 213 Bl. ββ) zartes wesen: in bauernschenken findet man bequemere stühle ..., als deren sich hier die hofdamen bedienen. dem mittelalter zu liebe müssen sich diese zarten wesen beulen sitzen ges. w. (1872) 11, 60; ich bin so ungeschickt, so wenig gemacht mit einem so zarten wesen wie sie zu verkehren (1842) br. 2, 114 Schulte-K.; denn nach der ganzen erscheinung des armen mädchens könne es sich ereignen, dasz das zarte wesen nicht alt werde ges. w. (1889) 2, 32. γγ) junges wesen: sollte jedoch ein junges wesen verstockt zu seiner rückkehr (zur pflicht) keine anstalt machen, so wird es, mit einem kurzen aber bündigen bericht, den eltern wieder zurückgesandt I 24, 257 W.; manches weinen wurde beobachtet, wenn ein junges wesen, das als amme diente, irgend in einem dunklen dachstübchen erschien ges. w. (1872) 1, 146. B. die eigentliche natur, das wahre sein einer sache (wesen für die zentrale natur eines menschen s. unter D). 1) die bedeutung kommt um 1300 auf. sie stellt zunächst nur eine variante der bedeutung 'essentia' dar (s. I C, besonders 1, 2 und 4), wobei diese, als inbegriff der konstituierenden eigenart eines dinges, in besonderem hinblick auf dessen beschaffenheit angewendet wird, namentlich in den wendungen etwas ist das wesen einer sache ('macht ihre eigentliche natur aus', s. u. Tauler, Luther; ähnliche formulierungen auch bei Eckhart, u. a.; vgl. 3 a) und dem wesen nach (s. u. u. a. und vgl. 3 b). der gebrauch ist zuerst im mystischen schrifttum und auch weiterhin bis zum 16. jh. nur in religiösen literaturgattungen belegt und bleibt bis zum ende des 17. jhs. ziemlich selten: das wasser fliusset von eigener nature niderwert cetale und ouch lit sin wesen dar ane buch d. göttl. tröstung 29 Strauch; ô wunderwernder süeze ursprinc, ess (sc. die drei körner in d. lilie) bedutit auch dry korner der kuscheid, [Bd. 29, Sp. 568] 2, 85 W.; denn es ist viel ein ander frage, wenn ich sage: was bedeut das? vnd wenn ich sage: was ist das? 'ist' gehet ymer auffs wesen selbs ...; es sind mancherley rosen, als sylbern ... steinern, hültzen, dennoch ist ein igliche fur sich wesentlich eine rose ynn yhrem wesen ebda 26, 383; darum, obs gleich drei personen sind, gott vater, gott sohn, gott heiliger geist, so kann mans doch dem wesen nach nicht theilen noch unterscheiden ders., tischr. 6, 63 W.; dasz Christus dem wesen nach dem vatter gleich sey reyszbeschr. (1619) 16; dass die rechte ... nennwörter ... mit den bedeutenden dingen, deren wesen und gleicheit sie annehmen, übereinkähmen rosenmând (1651) 21; studenten an hohen schulen streiten über das wesen der wahrheit floril. polit. (1662) 2, 882; ob zwar des frauenzimmers höfliche bedienung zum wesen eines wackern edelmannes gehöret Arminius (1689) 2, 44a; die weltweisen, welche man zwar die zweifelnden heiszt, die aber weder an dem wesen der warheit, noch an der güte der tugend ... gezweifelt haben Arminius (1689) 2, 269b; alle geschöpfe sind von gott und nichts; ihr selbstwesen von gott, ihr unwesen von nichts (solches weisen auch die zahlen auf eine wunderbare weise [dyadik], und die wesen der dinge sind gleich den zahlen) dt. schr. (1838) 1, 411. 2) seit der ersten hälfte des 18. jhs. nimmt die verbreitung des gebrauches rasch zu, wobei die popularisierung des wesensbegriffes in scharf definierter form durch Chr. Wolff eine rolle gespielt haben wird (vgl. studien z. sprachl. würdigung Chr. Wolffs [1903] 74 u. 80): dasjenige, darinnen der grund von dem übrigen zufinden, was einem dinge zukommet, wird das wesen genennet. wer also das wesen eines dinges erkennet, der kan den grund anzeigen von allem, was ihm zukommet vernünft. ged. v. gott (1720) 14; der essenzbegriff in seiner neueren fassung hat damit eine präzise deutsche entsprechung gefunden. zur philosophischen abgrenzung gegen den begriff natur vgl.: wenn das wort natur in blos formaler bedeutung genommen wird, da es das erste innere prinzip alles dessen bedeutet, was zum dasein eines dinges gehört ... (dazu die anmerkung:) wesen ist das erste innere prinzip alles dessen, was zur möglichkeit eines dinges gehört. daher kann man den geometrischen figuren (da in ihrem begriffe nichts, was ein dasein ausdrückte, gedacht wird,) nur ein wesen, nicht aber eine natur beilegen w. (1838) 8, 441. dem entspricht im allgemeinen sprachgebrauch, dasz natur (s. d. teil 7, sp. 437, ziffer 5 a) regelmäßig den gesamtkomplex der (anerschaffenen) merkmale einer sache bezeichnet, während wesen auf den essentiellen kern abzielt (engste berührung mit den anwendungen von wesen s. bei natur a. a. o. unter β). — der gebrauch verdichtet sich bis zum ende des 18. jhs. zu einer der hauptbedeutungen des wortes: die satyre ist ein moralisches straf-gedicht über einreissende laster, da entweder das lächerliche in denselben entdecket, oder das abscheuliche wesen der boszheit mit lebhaften farben abgeschildert wird crit. dichtkunst (1740) 1, 88; (man) beschreibt ... das wesen des schwefels und salzes Rabener in: belust. (1741) 1, 213; man thut sein (des menschl. geistes) einfach wesen dar, [Bd. 29, Sp. 569] würde? s. w. 6 (1921) 117; die bezeichnung der urkunde im texte als bodmereibrief ... oder eine andere das wesen der bodmerei genügend bezeichnende erklärung handelsgesetzb. von 1861, § 683; denn man wuszte dazumal noch nichts, weder von dem namen noch von dem wesen des modernen traktätlein-konservatismus ges. w. (1889) 1, 15; nicht einen augenblick konnte man über das wesen dieses geräusches im zweifel sein Buddenbrooks (1922) 1, 474; die mittelalterliche kirche ... war ein staatliches gebilde und lieh ihr wesen an werdende staaten reformation (1927) 23; dieses erstmalige betreten einer fremden stadt nahm in seiner (des soldaten) vorstellung ganz ungewollt das wesen eines aufklärungsganges an Lennacker (1938) 7. 3) mit der anwachsenden gebräuchlichkeit der bedeutung vervielfältigen sich ihre redensartlichen verwendungen. a) zu der schon mhd. sprachüblichen wendung etwas ist das wesen einer sache (s. 1) gesellen sich zahlreiche feste verbalverbindungen ähnlichen sinnes, z. b. es gehöret zum wesen der sache il est de l'essence de la chose nouv. dict. (1783) 2, 1039b: weil das wesen desselben (des heldengedichtes) in der innern einrichtung, nicht aber in der länge der zeilen besteht versuch e. crit. dichtkunst (1751) 17 anm.; diejenigen, welche das wesen der dichtkunst im mechanischen suchen verm. schr. 1 (1755) 219; dasz die wahrheit das wesen der geschichte sey Seb. Nothanker (1773) 1, 77; hat man das wesen der dichtkunst in eine nachahmung der natur gesetzt 12, 7 S.; dasz anziehungs- und zurückstoszungskraft zum wesen der materie gehören I 33, 196 W.; höre auf ..., ich fühle diese wahrheit trotz ihrer freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so ganz das wesen meines lebens ist schr. (1828) 4, 94; namen, zahlen ... machen aber ihr (der geographie) wesen nicht aus erdkde (1822) 1, VII; (die systematische form) ist nicht das wesen der wissenschaft, sondern eine zufällige eigenschaft derselben s. w. (1845) 1, 42; dasz es eine im wesen des römischen charakters liegende nothwendigkeit war, unbewuszt ... alle dinge seinen zwecken unterzuordnen geist d. röm. rechts (1852) 1, 314; den überlieferten ... formelkram, in welchem die meisten das wesen der kunst setzten Mozart (1856) 3, 89 anm.; zu dem wesen des alten (deutschen) reiches gehörte, dasz es nach keiner seite feste grenzen hatte ges. w. 18 (1888) 91; die antike theologie hat niemals aufgehört das wesen des gottes in dem namen zu suchen, in den sie hineinzwang, was sie hören wollte glaube d. Hellenen (1931) 1, 33; das wesen aller militärischen erziehung besteht darin, dass eine reihe von handgriffen und tätigkeiten automatisiert werden l. t. i. (1949) 163. b) die seit dem frühnhd. bezeugte verbindung dem wesen nach wird allgemein sprachläufig: dasz der schöpffer ... eine jede creatur ihren wesen nach höchst vollkommen erschaffen ... habe mediz. maulaffe (1719) 37; das lateinische und griechische participium (ist ...) seinem wesen nach ein adjectiv umst. lehrg. d. dt. spr. (1782) 2, 6; dem wesen nach waren sie (die böhmischen u. mähr. brüder) ganz protestanten 8, 34 G.; wenn sie ihrer natur und wesen nach nichts als eine rübe war volksmärchen 1, 12 Hempel; eine darstellungsform, die ihrem wesen nach der thematischen bearbeitung an tiefer bedeutung nachsteht Mozart (1856) 4, 12; gebiete, die ihrem wesen nach dem verstand gehören, wie recht und staat kunsthist. aufs. (1914) 3. c) seit dem frühen 18. jh. mehren sich verstärkende ausdrücke wie das wahre, eigentliche und namentlich das innere wesen einer sache (vgl. DWB D 2 b): wir sehen zwar den mond von ferne leuchtend stehen, [Bd. 29, Sp. 570] gedanken von dem wahren wesen ... der music generalbasz (1728) )( 3; der roman (Wilhelm Meister) ist, was das innere wesen und den eigentlichen geist betrifft, schon mit diesem 7 ten buche aufgelöst (1796) br. 4, 451 Jonas; wenn du dich dem eigentlichen wesen der kunst ... hingeben wolltest Brentanos frühlingskranz (1844) 350; solche vorgänge, welche nicht blos die äuszere form, sondern das ganze innere wesen der körper umwandeln chem. feldpred. f. dt. landw. (1851) 1, 4; über das tiefste wesen eines echten dichters ist eine erklärung nie möglich s. w. (1904) 5, 98; dieser name (basilika), der das innere wesen des baues nicht entfernt berührt kl. schr. (1898) 1, 122; man kehrt zurück ... zur menschheit oder zur nation oder zur sittlichkeit oder zum wahren wesen der kunst usw. l. t. i. (1949) 83. d) das wesen der dinge natura rerum dt. wb. (1734) 2, 982; seit der mitte des 18. jhs. geläufig: das wesen der dinge zu kennen tageb. s. beob. (1787) 1, 6; Pythagoras ... gebrauchte dieses wort ('zahl'), ... um dasjenige was wir das wesen der dinge nennen zu bezeichnen Lucian 1 (1788) 368 anm.; der satz des widerspruchs ist ein natürliches gesetz zu denken, welches auf dem wesen der dinge und der natur der seele zugleich beruht recensionen 179 lit.-denkm.; die kraft ist kein stoszender gott, kein von der stofflichen grundlage getrenntes wesen der dinge kraft und stoff (1866) 1; die frage nach dem wahren wesen der dinge gesch. d. materialismus (1866) 5; pater prior, alte meister e) seit dem ende des 18. jhs. begegnen häufig wortverbindungen, die sich auf die erkenntnis des wesens einer sache beziehen: und du meinst, dasz der dichter in jenes wahre wesen der musik eindringe, ohne dasz ihm die schule jene niedrigeren weihen erteilt hat? s. w. 6, 82 Gr.; so muss auch der heutige dichter über das wesen seiner kunst mehr im klaren seyn, als es ehemalige grosse dichter seyn konnten Europa (1803) 2, 90 Schlegel; zur völligen einsicht in das wesen eines dinges allg. naturgesch. (1839) 1, 3; die ... einsicht in das wesen und die grundgesetze der künstlerischen darstellung Mozart (1856) 3, 382; diese kritik ... schonungslos, den kern einer sache erfassend und ihr wesen vollkommen erschöpfend namen u. menschen (1949) 160. f) ebenso formulierungen, die (als titel o. dgl.) eine wesensbestimmung ankündigen: was sagen alle vier erklärungen vom wesen des schönen? 22, 38 S.; Schellings abhandlung über das wesen der menschlichen freyheit III 4, 84 W.; wesen und begrenzung der physischen weltbeschreibung (vortragsthema) kosmos (1845) 1, XI; es dürfte ... zweckmäszig sein, ... einige worte über das wesen und den zweck dieser wissenschaft ... voranzuschicken chem. feldpred. f. dt. landw. (1851) 1, 3; über den zweiten punkt der tagesordnung: wesen und zweck der arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer aus m. leben (1946) 1, 82. g) nicht selten sind auch wendungen wie dem wesen einer sache widerstreiten: (die säule) widerspricht ... dem wesen all unserer gebäude I 37, 143 W.; elemente (in der vorlage eines operntextes) ..., welche dem wesen der musik völlig widerstreiten Mozart (1856) 4, 204; (das parlament) erklärte, dasz sie (anträge) mit dem wesen der parlamentarischen verfassung im widerspruch seien s. w. (1867) 17, 5. [Bd. 29, Sp. 571] h) bei Schiller findet sich der ausruf das ist das wesen 'das ist das wesentliche, darauf kommt es an': seid ihr doch im besitz, das ist das wesen 12, 66 G.; er schreibt gar nicht übel! C. gemütsart, naturell, die art eines menschen, sich zu geben, sein verhalten und gebaren, sofern es als ausdruck seiner wesensart erscheint. 1) das aufkommen der bedeutung. a) der gebrauch ist aus der frühnhd. hauptbedeutung 'tun und treiben, tun und lassen, verhalten' (I G) abzuleiten, die in manchen ihrer verwendungen schon seit dem 16. jh. in den neuen wortsinn übergeht. zu beachten sind einzelne grenzfälle, in denen die jüngere auffassung zwar möglich scheint, der genauere textzusammenhang aber die herkömmliche bedeutung ('treiben, verhalten, gebaren' schlechthin) nahelegt: darumb treybt yhn (den gottlosen) seyn falsches weszen dahyn, das er des gerechten lösz werd, yhn umbbring, damit seyn weszen recht und ungestrafft bleybe 8, 229 W.; liebliches reden ermuntert die herzen, ach edles N., mein eynger trost, wan ihr lacht thue ich weinen, der weisen sinnen zier, mit der er, noch ein knabe, und sie kant ('erkannte') jhn auch wol am wesen, an der stirn b) von der mitte des 17. jhs. an werden diese anwendungen häufiger und gelangen gegen die mitte des 18. jhs. (zu einer zeit, da die bedeutung 'tun und treiben, verhalten' fast gänzlich aus der literatursprache verschwunden ist, vgl. I G 3) zu gröszter verbreitung: wesen eines menschen, oder sein gemüth, seine art des gemüths, seine sitten vnd sein thun l'humeur et la facon d'une personne, ou le naturel et la maniere de vivre ou de se comporter; hominis ingenium vel indoles, naturae aut animi constitutio dict. (1664) 2, 670b; ein mensch von gutem gemüth vnd wesen vn homme de bonne humeur et façon, homo bonae indolis et constitutionis, ebda; ein mensch von einem stillen, friedfertigen und leutseligen wesen, leben und umgang a man of a quiet, peaceable, and sweet behaviour, life, conversation or dealing t.-engl. (1716) 2458; charitables wesen mira comitas gloss. nov. (1728) 116: [Bd. 29, Sp. 572] die tugend, den beqveemen geist, die demuth kan man dir (o was für schönes wesen mich selbst verdrieszt mein murrisch wesen dein ohne zwang bescheidnes wesen er kommt, er zeiget sich, dein an sich ziehendes verbindlich-holdes wesen du warst zwar eines stillen wesens, o wären meine lobgesänge 2) seitdem gehört die bedeutung zu den im jüngeren sprachgebrauch vorherrschenden. in dieser geltung bildet sie eine differenzierte skala von anwendungsmöglichkeiten aus, die ohne scharfe begrenzung nach der einen seite in die zu ende des 18. jhs. neu belebte bedeutung 'tun und treiben' (s. I G 3), nach der anderen seite in die mit dem 18. jh. aufkommende bedeutung D ('die zentrale natur eines menschen') überflieszen. die jeweilige nuance wird in erster linie durch charakterisierende adjektive festgelegt, je nachdem sich diese mehr auf die innere wesensart oder das sie ausdrückende gebaren beziehen. sporadisch ist die bedeutung in mundartwbb. gebucht, u. a. in der literarisch wenig hervortretenden verbindung ein ... wesen an sich haben (mit adj.-attrib.; vgl. 3 g ε): 'n stuursk ('mürrisches') wäsen an sükk hebben ostfrs. 321b; hot tii e weese ('benehmen') an sic! Handschuhsheim 77b; e fīn wese 'ein schönes benehmen' Eupen 229. a) an die bedeutung 'tun und treiben' angrenzende, aber das fragliche verhalten als ausflusz einer gemütsart auffassende verwendungen (zu d überleitend): freylich konnt ich mir wirklich keine eigentliche verschwendung oder lüderlichkeit vorwerfen; aber doch ein gewisses gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes wesen s. schr. (1789) 1, 200; denn wer weisz nicht, wie oft der dümmste labetsch, blosz mit einem beherzten angriffigen wesen, zuerst sein glück macht ebda 243; (er) war aber öfter als beamter genöthigt, gegen sein excentrisches, ja sittenloses wesen einzuschreiten bilderb. (1849) 7; das war ja so dein wesen [Bd. 29, Sp. 573] und erfuhr nun mit verwunderung, dass Römers seltsames wesen wohl bekannt war ges. w. (1889) 2, 55. b) anwendungen auf äuszeres gebaren und habitus, insoweit dem hervorgerufenen eindruck eine eigentümliche wesensart zu entsprechen scheint (zu c überleitend): es ist wahr, er hatte von weitem ein romantisches wesen, wegen seiner fliegenden haare ..., wegen seiner ausserordentlich langen hagern figur einsamkeit (1784) 3, 458; er geht die Charlottenstrasze herauf, mit solchem ganz seltsamen anstand und wesen, dasz er aus irgend einem fremden lande herabgeschneit zu sein scheint s. w. 14, 161 Gr.; einige (bildl. darstellungen) geben durch gewaltsame bewegungen und steifes wesen der figuren ein hohes alter ... zu erkennen gesch. d. bild. künste (1824) 1, 41; dies ist ein munterer ... vogel, welcher ... ein unruhiges wesen zeigt vögel (1822) 2, 1, 353. an die wendung ein wesen machen 'sich aufgeregt gebärden' (s. I G 4 c ε) angelehnt: (Augustes) ruhe fiel doppelt auf nach dem aufgeregten wesen von Jakobs frau die vor d. toren (1949) 84. c) die art eines menschen, sich zu geben, sein unwillkürliches oder mit absicht zur schau getragenes gebaren als wirklicher oder scheinbarer ausdruck seiner wesensart oder gemütsverfassung: eine schlechte gesundheit, weichlichkeit, geziertes wesen ..., alles dieses haben sie (die stutzer) dem weiblichen geschlechte zu danken anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 367 Gottsched; sein freundschaftliches und edles wesen gewann ihm alle herzen Usong (1771) 37; ([bedienter] mit einem gebläheten wesen) was stehet zu ihren diensten? d. j. sämtl. lustsp. (1771) 248; dasz euch nur darum Saladin begnadet, die (Sachsenmädchen) können bücher lesen, mit der andacht mienen d) zwischen c und e vermittelnde anwendungen auf wesenszüge, individuelle eigenheiten eines menschen, die in seinem verhalten hervortreten: doch wollt ich dass mich einmal wieder was zu lachen machte, und dass mir ein affisches wesen wieder ins blut käm (1776) IV 3, [Bd. 29, Sp. 574] 51 W.; dasz ihr gränzenloser stolz, ... dasz ihr unsystematisches, excentrisches wesen ... alle herzen von ihnen entfernt Neseggab (1791) 1, 23; darum sind sie (die einsamen) so oft der spott der welt, bald durch ihren trotz ..., bald durch ihr linkisches wesen einsamkeit (1784) 3, 155; so sehr der schulmeister mein gedächtnis lobte, so unzufrieden war er mit meinem träumerischen wesen, welches er dusselei nannte antisymb. (1824) 2, 182; ein stilles und langmüthiges wesen steht einem tapfern manne wohl schr. (1845) 1, 273; der knabe war seitdem wie verwandelt, das träumerische wesen gänzlich von ihm gewichen ges. schr. (1879) 2, 278; schon in den kinderjahren war ihr durchaus nicht entgangen, dasz sie sich durch ihr ungattig bubenhaftes wesen manche zuneigung und freude verscherzte freund Hein (1921) 117; ihr strenges, römisches wesen reizte ihn, das vestalinnenhafte an ihr d. falsche Nero (1947) 168. so auch von literarischen äuszerungen: unsre correspondenz ... ein wunderliches document, das an wahrem gehalt und an barockem wesen kaum seines gleichen finden möchte IV 41, 49 W.; der frühe naturalismus in Deutschland bedient sich gern der gedankenstriche: die sätze ... reissen ab, deuten an, haben ein flüchtiges, springendes, assoziatives wesen l. t. i. (1949) 79. vgl. ferner: Mannheim mag eine gar regelrecht gebaute stadt sein und heiszen, in der regel gefällt mir aber dieses moderne wesen der städte nicht so gar besonders selbstbiogr. 3 (1856) 443. e) in bedeutung D übergehend (vgl. auch 3 g δ), die natur eines menschen, insofern sie durch einen hervorstechenden wesenszug gekennzeichnet ist: sein gelehrt und frommes wesen 3) modifizierte auffassungen und redewendungen. a) in objektiviertem sinne bezeichnet wesen die nationale 'art' (vgl. sachlich nahestehende ältere verwendungen unter I G 2 b θ); einen frühen ansatzpunkt für diesen gebrauch bildet die verbindung fremdes wesen, die zunächst an den gebrauch unter I J 8 zweit. abs. (oder auch I G 'treiben') anzuknüpfen scheint: (die deutsche sprache) hat biszhero innerhalb wenig jahren in jhrer zier und schmuk also zugenommen, dasz sie an keinem mangel, und des frömden wesens nicht nötig hat haubtspr. (1663) 19; [Bd. 29, Sp. 575] das ist Arndt, α) seit dem ende des 18. jhs. findet sich namentlich deutsches wesen: sollte nun ein anschauer oder leser, bey gemälden und gedichten altteutschen wesens und inhalts, dennoch so ganz vergessen ..., dasz er ein Teutscher ist s. w. (1784) 1, 27; so wie das werk (Vossens 'Luise') jetzt zusammen steht, ist es eben so national als eigen reizend. das deutsche wesen nimmt sich darin zu seinem gröszten vortheil aus (1795) Göthe IV 10, 274 W.; wohl hielt die stadt so streng wie nur der orden selber auf deutsches wesen hist. u. polit. aufs. (1834) 2, 39; wie oft werde ich noch lesen müssen, dasz professor Eucken eine deutsche rede hält, in der er sagt: 'dem deutschen wesen eignet der zug zur innerlichkeit, die in Meister Eckart nach dem ansichsein der seele sucht' satire und polemik 1914 —1920 (1922) 138; züge, die die notwendige voraussetzung der zum deutschen wesen gehörenden innerlichkeit darstellen verfasserlex. 4, 129 Langosch; die furchtbare veränderung, die mit Deutschland vor sich gegangen war, liess alle früheren äusserungen deutschen wesens in einem veränderten licht erscheinen l. t. i. (1949) 139 | ||