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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verderben bis verderblich (Bd. 25, Sp. 216 bis 218)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verderben, n. substantivischer infinitiv der zwei vorigen wörter, vernichtung, beschädigung, mhd. verdërben.
1) infinitiv des intransitivs, untergang, zustand, darin jemand, etwas zu grunde geht.
a) wirkliche vernichtung: mhd.

so ist beʒʒer mîn verderben,
danne ob wir beidiu sterben.
Hartmann Iwein 4335;

nhd. ir abschied wird fur ein pein gerechnet und jr hinfart (tod) fur ein verderben, aber sie sind im friede. weish. Sal. 3, 3; seine augen werden sein verderben sehen, und vom grimm des allmächtigen wird er trincken. Hiob 21, 20; ists nit unnatürlich, schweig unchristlich, das ein glied dem andern nit helffen, seinem verterben nit weren sol? Luther adel 10 neudruck; (Christus) machet damit aus dem unwege, ja aus dem verderben einen weg und eine brücke, das der mensch frisch und ungezweivelt auff jn treten sol. 7, 60; sich ... der fremden nationen uberzugs und gemains verderbens teutscher nation aufzehalten und zu erwören. Druffel akten u. briefe z. g. d. 16. jh. 3, 67; ein accord der beides zu meinem und seinem verderben gereichen solte. Simpl. 2, 228, 28; wenn nehmlich Merope .. entweder ihr eigenes oder dieses geliebten sohnes verderben beförderte? Lessing 7, 173; es ist zu ihrem verderben, er findet sie (die kinder) und friszt sie auf. Tieck 5, 541; die vornehmsten florentinischen kaufleute baten mich inständig, ich solle nicht mit einem papste rechten, denn das könne zu meinem völligen verderben gereichen. Göthe 34, 177; das verderbnis der Römer schwebt ihm fürchterlich vor, dasz aber daraus nur allzubald das verderben sich entwickeln, dasz die vorhandene welt völlig untergehen ... würde, das war ihm wohl unmöglich zu denken. 53, 72;

welcher in der wüst durst wolt sterben,
dem der engel half aus dem verderben.
H. Sachs 3, 1, 1 (10, 16, 17 Keller);

auch sol er selb mit eisern ketten
gen Babel gfürt wern zum verderben,
ellendt in frembden landen sterben. 3, 1, 139 (11, 14, 33 Keller);

dann wann sie euch flöh daran lisen,
würden sie euch bald von jn erben,
jnen zu aigenem verderben.
Fischart dicht. 2, 69, 2557 Kurz;

dasz ich wegen jedes gefühls und jedes gedankens
innig sorge, sie führen ihn einst zum schnellen verderben.
Klopstock Mess. 3, 442;

denn sie bereiteten selbst durch missethat ihr verderben.
Voss Odyssee (1781) 1, 7;

[Bd. 25, Sp. 217]


das endliche verderben, sterben, tod, gegensatz zu ewiges verderben s. u.: dann gleich wie der mensch zur arbeit, wie der vogel zum fliegen geboren ist, also verursachet hingegen müsziggang beides der seelen und dem leib ihre kranckheiten und zuletzt das endliche verderben. Simplic. 2, 240, 32 Kurz; zusammenstellung mit gleichbedeutenden wörtern: daraus folgen mus ... verderben, verstörung und verwüstung deudschen landes. Luther 3, 114b; (der bann soll gethan sein) das die straffe nicht gelange bis an sein verderben oder sterben. 1, 283; sie bringen dich von ehren, von hab und gut mit weib und kindern unbarmhertzig ins ellend und verderben. Philander 1, 12;

setzt in ein das paradeisz,
auch jm verbot die einig speisz,
bei dem verderben und dem tode.
H. Sachs 1, 40 (1, 174, 17 Keller);

sein also die allerreichsten bisthumb in schuld und vorterben kummen. Luther adel 24 neudruck.
b) geistiger untergang, bildlich: zeigt ouch an, wie gott das blut der verlornen schäflinen wurde von den henden der hirten suchen, die an irem verderben schuldig werin. Th. Platter 39 Fechter; abstract: die jr das arme einfeltige volk zu solchem verderben jrer seelen und vieleicht auch verlust leibs und guts verfüret. Luther 3, 108b; sie werden den herrn verleugnen, der sie erkaufft hat und viel werden jrem verderben nachfolgen. 6, 10b; ewiges verderben, gegensatz zu endliches verderben, s. o.: so mgt jr auch .. etwas ausrichten .. aber das nicht, denn zu eurem ewigen und zeitlichen verderben. 3, 119b; von sittlichem untergang: nein, mein herz ist so verderbt nicht! schwach! schwach genug! und ist das nicht verderben? Göthe 16, 54.
c) verderben als fluch, nur in der poetischen sprache, kaum volksthümlich: verderben dir zu! des mondes strahl trifft mich! Fr. Müller 2, 169; verderben! lasz mich. 2, 185; verderben personificiert: die helle ist auffgedeckt fur jm und das verderben hat keine decke. Hiob 26, 6; wenn das abstractum mit zeitwörtern zusammentritt, so wird es oft als etwas bewegliches aufgefaszt, über jemand verderben bringen, häufiger noch aber in voller übereinstimmung mit andern abstracten wird verderben als ruhend gedacht, die dazu gestellten zeitwörter drücken eine bewegung nach einem ziele aus, zum verderben führen: diese handlungsweise führte zum verderben; du liebes mensch, du taurest mich, dasz du in dein verderben hinein rennest. Weise kl. leute (1675) 197; früher sehr häufig: ins verderben setzen, hingegen sahe ich auch viel untreu gesinde, die ihre fromme herren entweder durch diebstal oder fahrlässigkeit ins verderben satzten. Simpl. 1, 88, 4 Kurz; es ist ein recht undanckbares völcklein und zur bosheit so abgeführet und abgeschäumet, dasz sie auch understehen uns und unser reich in das verderben zu setzen. Philander 1, 32; gern wird heute das verderben mit einem abgrunde, einer grube verglichen:

ach wie sie arm in arm sich auf den wogen wälzen!
noch glücklich durch den trost zum wenigsten zugleich
eins an des andern brust zu sinken ins verderben.
Wieland Oberon 1, 4;

mein ganzes haus ist vielleicht bald
tief ins verderben gestürtzt, und all mein vermögen zertrümmert. Odyssee 2, 49;

so stürzte ich alles, was ich von geschirr erschleppen konnte, in gleiches verderben. Göthe 24, 14; so spricht man gern vom rande des verderbens: unendliche missbräuche dieser willkührlichen gewalt, .. hatten das reich an den rand des verderbens gebracht. Wieland 29, 178; junge wagehälse oder andre mit ellend beladene, am rand des verderbens schwindelnde. Fr. Müller 2, 59.
2) verderben infinitiv des transitivs, vernichtende thätigkeit, handlung (nicht immer streng vom vorigen zu trennen, da die handlung des verderbens ein folgendes verderbtsein hervorruft): mhd.

Gâwân warp sicherheit an in,
dô stuont sîn gir und al sîn sin
niuwan ûfs lîbes verderben
oder ûf ein gæheʒ sterben.
Wolfram Parz. 539, 23

(Gâwân ersuchte ihn sich zu ergeben, der aber dachte nur an tödten des gegners oder an eignes sterben); nhd. wie droben von S. Paul gesagt ist, das die gewalt ist nicht zu dem verderben, sondern zur besserung geben. Luther 1, 287b; du redest gern alles, was zu verderben dient mit falscher zungen. ps. 52, 6; hernach hatte jeglicher seine sonderbare arbeit zu verrichten, deren jede lauter untergang und verderben anzeigte. Simpl. 1, 20, 33 Kurz; er sprang auf, schwur

[Bd. 25, Sp. 218]


beim schwert mir frieden zu brechen, mord und verderben. Fr. Müller 2, 168;

dein rachen sucht lauter verderben
und wenn nur viel fromme ersterben
von deiner vergälleten zungen,
so meinst du es sei dir gelungen.
P. Gerhard 6, 21.


 
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verderbenschwanger, adj. verderben drohend, verderben bringend. Campe 5, 278.
 
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verderbenstifter, m.:

der verderbenstifter Mars durchstrich
gleich Akamas .. die schlachtreihn Ilions.
Bürger 163.


 
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verderbensstrahl, m. plötzliches verderben (mit einem blitzstrahl verglichen):

auch mir kann der verderbensstrahl erscheinen,
der feurig sich vom riesendach erhebt.
W. v. Humboldt 2, 361.


 
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verderbenträchtig, adj. verderben bergend, in sich schlieszend (vgl. verderbenschwanger): holla, Franz! sieh dich vor! dahinter steckt irgend ein verderbenträchtiges ungeheuer! Schiller hist.-krit. ausg. 2, 285 (räuber 4, 3).
 
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verderber, m. der verderbt, verderben bringt: mhd.

czu der czijt dy Wursovicensir zcuhant
Wozey unde Muchne worin genant,
dy warn irr furstin virderbir. Dalimil 119, 19;

Boczius sun zwen zu Prage ..
di warn do zu schul gevarn,
der virderbir nam si under dy arm. 126, 10

(bei Dalimil scheint überhaupt verderber der geläufige ausdruck für mörder zu sein); nhd. was er höret (der tyrann) das schrecket jn, und wens gleich friede ist, furcht er sich, der verderber komme. Hiob 15, 21; verderber, geschender, vastator, corruptor. Maaler 416b; (er wollte) wann sie wieder in Engellant anlangen würden, als verderber der jugend und die seinem sohn zu solcher verschwendung verholffen gewesen, vorm parlament verklagen. Simpl. 2, 158, 4 Kurz; indessen ist nichts gewisser, als dasz Mäcen ein ausgemachter wollüstling war ... wiewohl man weder einen Sallust noch Cicero noch Plutarch gelesen haben müszte, wenn man ihn ... für den ersten verderber der sitten in Rom halten wollte. Wieland Horazens briefe 1, vorrede 15; oft bezeichnung des teufels: das osterlamb hat ja eine seer feine gleichnis mit dem leibe Christi für uns gegeben .. indem das es geschlachtet und geopffert wird .. zur erlösunge vom verderber. Luther 3, 474b; die andern aber so die trübsal nicht haben wollen annemen mit gottes furcht, sondern mit ungedult wider gott gemurret und gelestert, sind von dem verderber und durch die schlangen umbbracht. Hiob 8, 21;

Simon Petrus wird auch gesucht von der wuth des verderbers.
Klopstock Mess. 4, 1046;

so heiszt bei Fr. Müller (Faust) einer der teufel der verderber: nimm mich, den verderber. 2, 160; verderber! siehst du dort grabgeister zittern? 2, 167; bezeichnung des strafenden gottes:

schaffe da feuer, tödtende gluth, die geister verzehre,
gott, verderber! zu furchtbarer gott in deinen gerichten.
Klopstock Mess. 2, 820.


 
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verderberei, f.: mörderei, erwürgen, krümmerei, lämerei, verderberei. Paracelsus (1616) 1, 226; zusammensetzung:

ich will mich (die deutsche sprache) immerhin durchs pöbelunheil
dringen,
und joch- und bürde-los in einen freistand schwingen,
da mich der eselstank und sprachverderberei
soll lassen die ich bin: rein, edel, teutsch und frei.
Schottel 1003.


 
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verderberin, f. vastatrix Maaler 416b:

weh mir, dasz meine augen sie gesehen haben
die traurige verderberin.
Schiller hist.-krit. ausg. 6, 217.


 
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verderbig, adj. maleficus Dasyp. 127b.
 
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verderbisch, adj. verderben bringend: diejenigen (weiber), welche den männern .. den schlüssel zum thresur .. nehmen, .. damit sie viel närrischen und mannsverderbischen hauszrath kauffen. Philander (1677) 1, 133.
 
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verderblich, adj. verderben bringend, vom verderben heimgesucht, mhd. nicht belegt, doch wohl vorhanden, vergl. verdërbelicheit Lexer 3, 93; mnd. vorderflik mit activer und passiver bedeutung (Schiller-Lübben 5, 338), aus der übergangszeit zum nhd. aus md. quellen belegt (vgl. Dief.-Wülcker 549).
1) in activer bedeutung, von menschen: sie (Margaretha) führte den verderblichen herzog von Alba über das land herbei. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 329; von dingen: mir ist die möglichkeit schrecklich, dasz irgend ein unvorhergesehener stosz,

[Bd. 25, Sp. 219]


ein fall, eine berührung ihnen schädlich und verderblich sein könnte. Göthe 17, 83; diese blitze (aus dem auge der geliebten) sind die verderblichsten und wer gegen sie einen ableiter findet, den will ich höher achten als Franklin. H. Heine 2, 218;

verderblich ist des tigers zahn.
Schiller lied von der glocke;

von abstracten dingen: ir müszt anders werden und gottes wort weichen, thut jrs nicht durch freundliche, willige weise, so müszt jrs thun durch gewaltige und verderbliche unweise. Luther 3, 114b; und was der geldverderblichen händel mehr ist. Weise drei klügsten leute 182; ein stoff, der mir gelegenheit gäbe, die nachtheile der neumodischen erziehung und den verderblichen einflusz der sofisten auf die denkart der alten und jungen in Athen nach meiner weise darzustellen. Wieland 33, 114; der du so oft die last getragen hast, mich vom kummer zur ausschweifung, und von süszer melancholie zur verderblichen leidenschaft übergehen zu sehen. Göthe 16, 10; andere von den drangsalen des krieges zu boden gedrückt, sehnen sich kleinmüthig nach einem, wenn auch verderblichen frieden. Schiller hist.-krit. ausg. 8, 303;

des thest mich und dich uberladen
mit neid und verderblichen schaden.
H. Sachs 1, 482 (5, 68, 13 Keller);

adv. verderblich, perdite, capitaliter Maaler 416b; sich verderblich und schädlich gegen gemeinen nutz halten, das ist: wöllen verderben, perniciosus de re publica mereri, daneben verderblichen, perniciose, pestifere ebenda; ich muszte mir sagen, dasz eine ähnliche, verderblich sündige flamme in meinem innern fortgebrannt. Heyse novellen (samml. 10) 200;

o dasz den bösen verführer die götter verderblich verdürben.
Göthe 14, 80;

substantivisch: wenn ein feind seinen feind tödtet, so erweckt .. der anschlag .. das allgemeine (mitleid), welches mit dem anblicke des schmerzlichen und verderblichen überhaupt verbunden ist. Lessing 7, 167; unter dem dritten faszt er (Aristoteles) alles zusammen, was den handelnden personen verderbliches und schmerzliches widerfahren kann. 7, 171.
2) verderblich in passiver bedeutung, was verdorben wird, zu grunde geht: die almosen an essender speise und vorrath, welche verderblich (sich nicht halten). Luther 2, 264; ist es nicht wahr, dasz wenn man im wachs .. ein bild eindrückt, das vorher darinnen gewesene bild zernichtet werde? aber unser verstand bildet tausend mal tausend bilder in sich, ohne dasz die ersten bilder in ihm verlescht werden, wie könte aber eine solche unverterblichkeit in dem verstande sein, wie könte er vergängliche dinge in sich unvergänglich machen und erhalten, wenn die seele selbst verterblich wäre. Lohenstein Armin. 2, 544; in moralischer bedeutung: wie gar kurtz und eitel, dazu auch sündlich und verderblich ist aller menschen leben. Luther 3, 18b.