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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
traun bis traurigkeit (Bd. 21, Sp. 1526 bis 1538)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) traun, interj. , in wahrheit!, fürwahr!, wahrhaftig! herkunft und form.
mhd. entriuwen, triuwen, mnd. entruwen, truwen, trouwen, mnl. trouwen, neunl. trouwens in gleicher bedeutung. ahd. nicht bezeugt, doch steht bei Notker häufig (achtzehnmal) triuwo atqui, certe, das offenbar das genaue singularische gegenstück zu dem dat. plur. mhd. triuwen ist, vgl. Graff 5, 466. adverb. wird dieses triuwo schwerlich sein, da es das adj. triuwi ahd. so gut wie gar nicht, und besonders bei Notker nicht gibt, s. DWB treu, teil 11, 1, 2, sp. 246. dies singularische triuwo Notkers lebt noch bis in spätmhd. zeit vereinzelt in hochalemannischen denkmälern fort: trü ich enwaiss liedersaal 1, 200, 50 Laszberg (s. unten 1);

hâst du nicht ersehen wol
diu lînlachen? triuwe, ich sol
dir zürnen, das geloube mir
Boner 48, 32 Ben.; ähnlich 83, 32.

dagegen erklärt sich ein gelegentliches trau nein Luther 15, 600 W.; trau nein ich Lindener katzipori 105 lit. ver.; entraw nein Tristrant 145 Pfaff (s. unten 2 b) aus abwerfung des n in der engen verbindung traun nein. die regel ist von frühmhd. zeit an die form mit -n, mhd. triuwen und entriuwen. entriuwen ist aus in triuwen 'in wahrheit' entstanden, s. DWB treue, doch kommt die form ohne en- schon früh vor (Rother 95). im mhd. stehen entriuwen und triuwen gleichberechtigt nebeneinander, es tritt aber die form mit der präposition im laufe der zeit immer mehr zurück: nur mit geringen resten reicht sie bis ins 16. jh. hinein (andrauwen Keisersberg 1510 s. unten 1; entruwen [1515] Eulenspiegel 70 ndr.; inntrawen reimchron. üb. herz. Ulrich 15 lit. ver.). zweisilbige form des stammwortes (triuwen) ist für das mhd. regel. sie gilt ausnahmslos im mnd. und mnl. (truwen, trouwen) und hält sich auf diesen gebieten bis in die moderne zeit: neunl. trouwens, nordnieders. trouen brem.-ns. wb. 5, 115; truen Schütze holst. 4, 286 neben sum truen, dies nach Mensing 4, 934 aus so (du) mi truen (wullt), also zu trauen, vb. Nordniedersachsen ist das einzige gebiet, für das traun überhaupt, wenigstens für die zeit um 1800, als mundartlich lebendig gebucht ist. md. und obd. maa. kennen es nicht, 'war gewisz nie schwäbisch' Fischer nachtr. 1767 (falsche herleitung von trauen, subst., ebda 2, 329). während auch auf md. gebiet sich die zweisilbige form lange hält (truwen), treten auf obd. boden in der übergangszeit vom mhd. zum nhd. einsilbige formen auf, die schlieszlich zu dem später allein gültigen traun geführt haben: triun zs. f. d. altt. 10, 271 (hs. von 1347); trün Neidhart Eunuch (1486) und Straszburger Terenz (1499); treun Megenberg 197, 2, 3; 210, 35 Pfeiffer; trewn it.-deutsch. sprachbuch (1424) bei Brenner-Hartmann Bayerns maa. 2, 434 ff.; beleg von 1482 (Nürnberg) bei Diefenbach gl. 479b; neben einer zweisilbigen, meist diphthongierten

[Bd. 21, Sp. 1527]


form (trauwen 6195, 7224, 8756; trawen 260, 430; truwen 2313) hat H. Wittenwiler häufig trun (159, 385, 1874, 2011 u. ö.). die kurzform mit au steht zuerst bei H. Vintler: traun 8071 Zingerle (: davon), s. unten 2 a.
die erklärung der au-formen ist schwierig. es geht nicht an, mit Kluge 7463 und Weigand-Hirt 2, 1065 traun aus ostmd. einflusz zu erklären, die alten obd. belege sprechen dagegen. wir haben mit einer starken obd., speciell bair. neigung, iu vor w in û zu wandeln, zu rechnen, vgl. die einl. bemerkungen zu treue, f., und Weinhold bair. gramm. 102. im falle traun mag die sonderbedeutung des wortes zur lautlichen sonderbehandlung gegenüber dem grundwort treue geführt haben. gerade bei traun kann auch an volksetymologische einwirkung von trauen, vb., gedacht werden (V. Moser frühnhd. gramm. 1, 1, 213): gleich dem vb. (vgl. oben sp. 1327) macht traun vom mhd. zum nhd. eine starke abschwächung seiner bedeutung durch.
im 16. jh. stehen traun und trauen gleichwertig nebeneinander, reste der ü-, eu-form kommen in der einsilbigen gestalt gar nicht, in der zweisilbigen spärlich vor: trüwen Eulenspiegel (Straszburg 1515), s. unten 1; J. Schlusser peur. kr. (Basel 1573) 74. Luther hat nebeneinander trawen und trawn (über traw nein s. oben), H. Sachs trawen 21, 67 K.-G., traun 21, 28, drauen 9, 494 und ein singuläres trawa 1, 171 (zur erklärung vgl. Schmeller-Fr. 1, 635). formen mit dr- sind sonst selten: A. v. Eyb 2, 152 Herrm.; stets bei E. Alberus; engl. com. u. trag. (1624) S s 7b; J. P. de Memel (1656) 303. noch im 17. jh. steht neben gewöhnlichem traun in vers und prosa auch trauen (1666 Buchholtz Hercules, s. unten 5; 1675 Treuer Dädalus, s. 4). im 18. jh. gibt es nur noch traun. bedeutung und gebrauch.
Notkers triuwo atqui concurriert mit ze wâre atqui 1, 354, 4; 357, 20 P. (ze triuwon atqui s. unten 7). in mhd. zeit ist triuwen, entriuwen als beteuerungswort in der ursprünglichen bedeutung voll lebendig. in der rhetorisch bewegten, vielfach dialogischen literatur der reformationszeit ist es besonders beliebt: haec vocula draun habet quandam in se emphasim et energiam, qua libenter d. M. Luther utitur ... nec scio an habeamus latinam vocem, quae huius significationem assequatur E. Alberus (1540) Q q 1b. je länger je mehr erleidet traun, besonders in der stellung im satzinnern, eine einschränkung seiner bedeutung, hin zu einem vagen 'gewisz, doch wohl, wahrscheinlich, wie zu vermuten'. in der übersetzungsliteratur steht traun für lateinische interjectionen wie sane, nempe, scilicet, quin (für diese vier bei Neithard Eunuch 1486), pol, omnino, sane, vero (für diese bei E. Alberus 1540); quidem wol vel treun beleg von 1482 bei Diefenbach gloss. 479b. M. Kramer gibt 1702 noch eine ganze reihe lebendig klingender wendungen mit traun. aber im 18. jh. verschwindet das wort allmählich aus der gewöhnlichen prosa. Adelung bezeichnet es mehrfach als veraltet. in der poesie ist traun jedoch immer geblieben. die das volkstümliche wie das altertümliche suchende dichtung der 1770er jahre gebraucht es dann wieder häufiger, und so erscheint traun geradezu als 'ein in der dichtersprache gebräuchliches wort' Voigt hwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 510. im 19. jh. ist es oft nur ein leeres flickwort der epigonenpoesie oder von stark ironischem klange; wo es in prosa erscheint (Voss, J. Grimm, s. unten 3) klingt es bewuszt altfränkisch.über concurrierende bildungen mit andern präpositionen s. unten 7.
1) traun steht in der älteren sprache im dialog, besonders an der spitze des satzes, um die besondere aufmerksamkeit des hörers zu erregen. am redeanfang:

von ir selber nature chraft
was Sara unberhaft.
'intriwen', redete si zuo ir man,
'nu mir got nine gan
daz ich kint geberen schul' Milst. gen. 35, 25, Diemer;

triun, ir habent ez wol geschaft:
nu hânt ir ouch den verklaft,
der mir ê sêr ze herzen lag
der von Beringen in zs. f. dt. alt. 10, 271;

[Bd. 21, Sp. 1528]



beschawet den gaul wol und eben
an seinen zänen in dem maul,
sprach: 'drauen, es ist alt der gaul'
H. Sachs 9, 494 K.;

so auch in rhetorisch bewegter darlegung: sy klagen, sy haben hindernuss: so sy beeten söllen, so schlaffen sy. trawen, kinder, das ist nit ain wunder Tauler sermones (1508) 138v b; wozu dienet nu dieser wort pracht? dazu, das der tolle pöffel solle maul und nasen auff sperren und sagen: trawen, ich meyne ja, das sey ettwas, das ist eyn man, der kans Luther 18, 140 W.; so sprichstu: 'hastu doch selbs geleret, man solle allein gott und nicht menschen gleuben'. trawen, mit der weise soltestu mich wol mit meinem eigen schwerd schlahen 26, 150 W.
traun fordert den angeredeten zur antwort auf:

trawa, der sach mich basz bericht!
H. Sachs 1, 171 K.;

traun, mein Esaw, sag du mir an,
hat iemand dir ein leid gethan? 21, 28 G.

es steht infolgedessen geradezu bei der frage: 'triuuo du weist toh, wannan alliu ding châmen?' (atqui scis ...) 'taz weiz ih' (novi inquam) Notker 1, 47 Piper;

entriuwen vürhtent si dich?
ich pflige ir, und si vürhtent mich
als ir meister und ir herren Iwein 493;

besonders aber beim beginn der antwort: wanest tu darana wesen deheina rihti after redo? triuuo, chad ich, taz nechame niomer in minen sin, taz so guissiu ding faren after wanchelînero unrihti Notker 1, 45 Piper;

und sprach: 'liebi frowe min,
was mag die aventür gesin
hie in des hages kraisz?'
si sprach: 'trü, ich enwaisz' liedersaal 1, 200, 50 Laszberg;

des antwurt sei: 'trun, ich enwaiss!'
H. Wittenwiler ring 2011 Wieszner;

(Sibilla:) nu sag, wie lang wert din gewalt?
(Endcrist:) traun, des wirt nimmer ende nit fastnachtssp. 147, 17 K.;

andrawen, sprechen sy (die angeschuldigten), man mag es mich doch nit bezeugen (durch zeugen überführen) Keisersberg has im pfeffer (1510) C c 4c; der meister sprach zu im: 'trüwen stundest uff dem dach, so werst noch höher' (1515) Eulenspiegel 81 ndr.; 'ihr habt euch nicht recht bemühet.' 'traun, meine jungfer, ich hette es nicht fleisziger bestellen können' Schoch studentenleben (1657) c 5a.
in diesem zusammenhang kann traun geradezu für ja stehen: 'tu weist wola, chad ih to, mir nio neheina werltkireda analigen.' 'triuuo, chad si, wola weiz ih Notker 1, 109 Piper;

'sein seu nicht als wol sam wir
Adams kinder? daz sag mir!'
'trauwen', sprach do Rifflan,
'ez ist wol war, daz iederman
chomen ist von Adams leib'
H. Wittenwiler ring 7222 Wieszner;

trewn, du hast ez deraten (erraten) it.-deutsch. sprachbuch (1424) bei Brenner-Hartmann Bayerns maa. 2, 435; ähnlich noch ganz spät:

'so musz ich ja wohl gar
schlecht handeln, dasz von mir der schlechte nicht
schlecht denke?' 'traun! wenn du schlecht handeln nennst,
ein jedes ding nach seiner art zu brauchen
Lessing 3, 84 L.-M. (Nathan 1771).


2) bis ins 17. jh. steht traun am beginn der antwort in fester verbindung mit ja und nein.
a) mit ja:

'und welt ir michs geniezen lân,
so zeige ich iu denselben man'
diu frouwe sprach: 'entriuwen ja.'
do gap si im mit freuden da
drizzech huobe ze eigen Wigalois 5745 Ben.

'nu sag mir, zarter wirt mein,
möcht ich nicht ewer gevert sein,
das ich auch chund sagen davon?'
der wirt der sprach: 'ja traun,
ob ir sein euch hiet bedacht,
ir möcht halt varen heint nacht
H. Vintler pluem. d. tug. 8071 Zingerle;

[Bd. 21, Sp. 1529]


'hastu chain wag im haus?' 'trewn io ich.' 'prings her!' it.-deutsch. sprachbuch (1424) bei Brenner-Hartmann Bayerns maa. 2, 438; 'chumpt ir yeczunt von deuczen (deutschen) landen?' 'trewn jo; warumb wildus wissen?' 2, 433; 'wie, sprach Ferondo, pin ich dann tode und nit mer in leben?' 'ia traun, du pist tode', sprache der münch Arigo dec. 221 Keller; 'mag ich mich daran lassen, das dir mein fraw die allerliebst ist ...' 'ja entrauwen, du magst gewislich dich daran lassen' Tristrant (1498) 136 Pfaff; denn wenn man jhn solt gefragt haben: lieber vater, warumb issestu doch soviel jar lang eitel wurtzeln und kraut jm walde ...? meinestu auch, das dir gott sol darumb das ewige leben ... geben? so kunde ers nicht leugnen und must sagen: ja traun, ich hoffe jhe, er werde es nicht lassen umbsonst gethan sein Luther 28, 106 W.; 'odder solt ein hausvater jm seim haus sein gesind nicht leren ...?' antwort: 'trawn ja, das ist auch wolgethan' 32, 303 W. 'was thut man dan mit den wercken, oder soll man dan keyne gute werck thun?' antw.: 'draun ia, nur viel guter werck söllen wir thun' E. Alberus widder Jörg Witzeln mammelucken (1539) d 8a;

'in dem so wöll wir schicken hin
in alle flecken Israel
das sie zu hilff uns kummen schnell.'
'traun ja wir wölln jm also thon'
W. Schmeltzl Samuel u. Saul (1551) 33 Wien. ndr.;

da antwortet jhme herr Murner: 'ja drawen bey meinem katzenbart' eselkönig 379; ja traun, Jäckel gefelt mir so wohl Schoch stud. leb. (1657) m 6b; späterhin nur noch archaisierend:

'was gab er dann, o braut! als einen mahlschatz dir?'
'ein goldnes ringelein, darin strahlt ein saphir!'
'sag ist das ringlein auch pur lauter reines gold?'
'ja traun, drum bin ich ihm von ganzem herzen hold!'
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 2, 572.


b) mit nein:

'dune hâst niht wâr, Hartman.'
'vrouwe, ich hân.' 'entriuwen nein!' Iwein 2982 Bech;

do sprach sei: 'waist du, warumb ich
chümen pin zuo dir? vergich!'
'nain du, truwen!' sait ich do
H. Wittenwiler ring 2311 Wieszner;

'ist ez tewr in deuczen landen?' 'nain ez, trewn' it.-deutsch. sprachbuch (1424) bei Brenner-Hartmann Bayerns maa. 2, 434; 'wie düncket dich, hab ich dir gehaltenn als ich dir versprache?' 'traun neyn ir 'sprach Cyma Arigo dec. 193 Keller; aber Gymel gieng vor zu der frawen und sprach in grossem unwillen: 'wie meint ir disz ding? ist euch lieb, das ich mein eer also verlieren solt?' 'entraw nein' sprach die künigin Tristrant (1498) 145 Pfaff; sagen sie nitt fast allesampt also: ey wenn mein orden mir nit solt mehr gelten sund zu büssen ..., denn eynem paurn sein pflug und einem schneider sein fingerhut, was mach ich denn in dem orden und priesterstand? trawenn nein, ich will gutte werck thun, viel mess halten Luther 10, 1, 1, 686 W.; rede ich aber dieses ..., das man eben alles muste fur almosen hinweg geben? nein, trawen! C. Spangenberg jagdteufel (1560) h 4a; da kompt Clawert ins haus gegangen, rufft sein weib und spricht: 'Margareta, du wirst unsern hünern viel brodt zu essen geben.' 'traun nein, sagt die alte, ich gebe jhnen kein brodt' B. Krüger Hans Clawert 31 ndr.; fiengen sie (die apostel, als sie gestäupt wurden) zeter und mordio, ach und wehe drüber an zu schreyen? nein traun, sondern der text saget Chr. Mülman christl. geissel (1618) 13; nein traun, dieses hab ich nicht gethan Dannhawer catechismusmilch (1657) 6, 496;

nein traun, das ist nicht gottes sinn,
sein zorn, der hat ein ende
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel 3, 395.

(in den modernen ausgaben mit falscher interpunction nein, traun, die alten drucke haben richtig nein traun).
3) die stellung an der spitze des satzes wird im laufe der zeit immer seltener, aber bis ins 19. jh. kann traun in dieser stellung infolge der damit verbundenen emphase den ursprünglichen positiven sinngehalt bewahren: traun! ich

[Bd. 21, Sp. 1530]


schertze nicht io non burlo certo, sicuro! M. Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1118a; traun! er kam mir so hölzern vor, dasz ich ihn im bücken von mir stiesz Gerstenberg Ugolino 220 Hamel; traun, dann solls anders gehen als es bisher gegangen ist Bürger 320 Bohtz (Dan. Wunderlich);

traun! die macht des bösen
sinkt nun fort und fort
Platen 1, 60 Hempel;

traun! wollte gott in wundern sprechen,
er würde wenden euer herz,
er würde von der brust euch brechen
den siebenfachen wall von erz
Lenau 556 Barthel;

doch meldet sich auch in dieser stellung mindestens seit der mitte des 18. jh. das für diese zeit (vgl. 5) bei traun gewöhnliche moment bloszer vermutung oder abwägender skepsis: traun! ich werde wohl 50 dukaten ... missen Th. Abbt verm. werke 3 (1782) 133;

traun,
da müssen herz und kopf sich lange zanken,
ob menschenhasz, ob schwermut siegen soll
Lessing 3, 9 L.-M. (Nathan 132);

wieviel steht da vor euch
es auszubilden! traun! ihr finget kaum
zu lernen an
Herder 23, 251 Suphan;

zu reiner ironie gesteigert:

traun!
ich möchte dich gestrengen herrn wohl schaun!
Göthe 15, 67 W. (Faust 6169);

'diese schmerzliche sehnsucht — ich möchte nicht leben, wenn ich sie nie gefühlt hätte!' — 'traun! sie hat euch herrliche früchte getragen!' Iffland theatral. w. (1827) 10, 334; sonst in der prosa des 19. jh. bewuszt altertümlich: traun, ersprieszlicher als im frei denkenden Griechenland, blühete die ägyptische kastenmenschheit J. H. Voss antisymbol. (1824) 1, 110; traun geheimnisvoll und wunderbar ist der sprache ursprung! J. Grimm kl. schr. 1, 296.
4) auch im satzinnern hat traun in alter zeit uneingeschränkt positiven bedeutungsgehalt; etwa vom 16. jh. an concurrieren damit abgeschwächte bedeutungen (vgl. 5), die im 17. und 18. jh. in dieser stellung die regel bilden.das mhd. hat noch den alten vollen klang:

da ist doch mîn schulde entriuwen niht so grôz
als rehte unsælic ich ze lône bin.
ich stân aller vroiden rehte hendeblôz
Reinmar in minnesangs frühling 171, 18;

das sind warlich nicht unnütze und vergebliche historien und geschicht, die leute damit forchtsam zu machen, sie sind traun schrecklich und gar kein kinderwerk wie die klügling meinen Luther tischred. 5, 486 W.; ähnlich im sinne von 'ganz und gar': darum lief sie Christo nach und wollte sich trauen nicht lassen abweisen 6, 10; solche greuplein oder stüfflein, da rotgülden ertz ansteht, sind trawen auszuhalten Mathesius Sarepta (1571) 69b; die uneingeschränkte bed. besonders in der ursprünglichsten verwendung, bei beteuerungen: ich liebe dich trawen hefftig J. Barth weiberspiegel (1565) c 4a; lieber herr, ich hab es trawen nicht gethan, sondern das kindlein Kirchhof wendunm. (1565) 443a;

o Adlheit, er thut traun kein gut
Eyering proverb. cop. (1601) 1, 71 (im erzählenden text);

mit leiser abschwächung: Adam trauen hätte seinen sohn, do er die alleredelsten ergetzlichkeiten des ganzen erdbodens in willküriger besitzung gehabt, nicht würden zu dem ackerbau gewehnen, were dieser sonder lebensanmuhtigkeit gewesen G. Treuer deutscher Dädalus (1675) 1, 35; uneingeschränkt 'ganz und gar': gesetzt nun dasz jemand unter den papisten sich seiner tauffe getröstet ..., an dessen seligkeit ist traun nicht zu zweiffeln Chr. Weise väterl. testament (1684) 115; es ist traun! wahr egli è vero verissimo M. Kramer teutsch-it. 2 (1702) 1118; am hasse, gegen die laster und boszheit der menschen, fehlt es mir traun nicht C. Abel Boileau (1729) vorr. 5a;

Deutschland wäre traun! verlohren, wäre nicht dort jener held
v. Schönaich Heinr. d. vogler (1757) 51;

etwas schwächer: aber ein schlechtes stück ist es (Lenore) doch traun! auch nicht Bürger 465a Bohtz (an Boie);

[Bd. 21, Sp. 1531]


dein guten muth den mag ich nicht,
hat traun von treuer liebe nicht
v. Erlach volkslieder 2, 111;

archaisierend:

weit her, traun,
kamst du des wegs
R. Wagner ges. schr. (1897) 6, 6;

besonders beliebt bei Voss in der Homerübersetzung, zur wiedergabe der mannigfachen griechischen partikeln:

so gar schlecht bin ich, traun!, in keinem kampfe der männer Odyssee 8, 214;

heillos traun wird solches zuletzt noch Ilias 1, 573;

von hier aus bekommt das wort für modernes empfinden etwas schulmeisterliches: er hielt seine ansprachen ... in latinisierenden perioden und durchwirkt mit 'traun fürwahr', 'denn also' und ähnlichen häufungen alberner kleiner flickworte, gewohnheiten seiner Homerstunde in prima H. Mann professor Unrat (1905) 10.
5) allmählich wird der uneingeschränkt positive sinngehalt von traun ähnlich dem des sinnverwandten gewisz abgeschwächt in der richtung auf ein bloszes 'vermutlich, doch wohl'. im anfang des 16. jh. etwa zeigen sich die ersten ansätze hierzu, die fälle gehören aber im wesentlichen noch zu 4: die Arianer ..., die wolten trawn auch nicht widder die schrifft fechten, sondern eben dieselbige für sich fureten und der Christen meinung deuteten als widder die schrift, als die die gottheit teileten und mehr denn einen gott macheten Luther 34, 2, 383 W.; sie wollen trawn auch den namen haben, ja wol mehr denn die rechten heiligen, das sie hunger und dürste nach der gerechtigkeit 32, 322 W. traun bekommt so einen ironischen beigeschmack. es steht gern in ironischen sätzen, die ihrerseits dem wort die farbe seiner umgebung leihen. schon spätmhd. etwa in solchem zusammenhang:

doch gedacht er in dem sin:
'ob ich joch nu gar trunken pin,
so sein seu, trauwen, auch nicht lär
H. Wittenwiler ring 6195 W.;

ganz ausgeprägt: ich weisz trawen nicht, ob sein leib an mehr örtern dann an einem gefunden werde Eysenberg heilig brotkorb (1584) 53; so ist die faule metze das mal traun nicht faul gewesen, sondern hat weidlich durch die lufft gegrummet H. Bünting Lüneburg. chron. (1585) 69a; berührend nehmlich von der martinsganz wunderbarlichen geburt, so ist dieselbe traun nicht so schlechtlich und verächtlich, sondern vielen andern geburten weit fürzuziehen J. Olorinus Martinsgansz (1609) 9; lieber bruder, kennestu noch keine wölffe? es sind trauen keine hunde A. H. Buchholtz Herkules (1666) 1, 411; und wo ja ein unredlicher überfall eine tapfferkeit zu nennen ist, so ist traun Chammigrem der tapfferste in gantz Asien Ziegler asiat. Banise (1689) 283;

woher hastu, o held, den ursprung doch genommen?
du bist der mutter, traun, nicht aus der nasen kommen
wie ein gemeiner rotz
Rachel satyr. ged. 60 ndr.;

haben künftig viel von ihm zu hoffen, wenn er so fortfährt; wird traun bei bier und tobak unterm pro und contra fideler lieber gesellen der höll ein neu gesetzbuch schmieden maler Müller (1811) 2, 11;

ich stund ungefähr dieser tagen
hinten am hollunderzaun;
da kam mein pfaff und mädelein traun
Göthe 16, 62 W. (pater Brey);

mit weltmännischer ironie:

schelm, der du bist, mit deinen visionen!
wer weisz, von welcher schäferstunde, traun,
mit fleisch und bein hier wachend zugebracht,
dir noch der handschuh in den händen klebt
H. v. Kleist 3, 32 E. Schmidt (Homburg I 4);

die dam' hat wackre diener, traun!
doch liebt sie sondre livrei,
wie regenbogen anzuschaun
mit farben mancherlei
Uhland ged. (1898) 1, 261;

ach! ihr güldenen dukaten
schwimmt nicht in des baches well' ...
meine Manichäer, traun!
halten euch in ihren klau'n
Heine 1, 53 Elster.

[Bd. 21, Sp. 1532]



6) eine mittelstellung zwischen 4 und 5 nehmen die fälle ein, in denen traun mit gelassener skepsis die distanzierung des autors von der welt und ihren erscheinungen ausdrückt:

führt doch durch des lebens thor,
traun, so manche gleise
Göthe 4, 281 W.;

traun! das leben ist zu kurz
hier im erdenthale
C. A. Overbeck verm. ged. (1794) 72;

denn traun! ein räthsel ist des menschen herz!
Hölderlin 1, 133 Litzm.;

hast du aber deinen zaun
um dein gut gezogen,
leb ich frei und lebe traun
keineswegs betrogen
Göthe 6, 100 W.;

ich würde, kämen ganze gruppen
von mädchen, traun,
nicht aus der laube gehn, die puppen
nur anzuschaun
Hölty ged. (1869) 134 Halm;

hierher auch:

die reverenz zu machen einem hut,
es ist doch traun! ein närrischer befehl!
Schiller 14, 350 (Tell).


7) neben der form mit dem schnell abgegriffenen eu < iu resp. dem bloszen dativ stehen seit alters verbindungen mit andern präpositionen, wenn die grundbedeutung stärker anklingen soll: ze triuwon iro unwirde skinent testo minnera. atqui minus patebit eorum indignitas Notker 1, 146 P. in mhd. zeit vor allem mit bî, in directer rede gern mit dem possessivpronomen der ersten person:

ich wilz bi mînen triuwen sagen
Walther 83, 4;

anderes s. unter DWB treue. bî triuwen bleibt für das gefühl der sprechenden lange die stärkere form von traun: ja trün, das ist: by trüen red ichs Neidhart Eunuch (1486) 23 lit. ver.; vereinzelt noch im 17. jh.:

ich bin kein rechter löw bey traun
Gryphius lustsp. 42 lit. ver.;

aus der verbindung mit bei und dem possessivpronomen erwächst später die wendung (bei) meiner treu, mein treu, s. unter treue. mit stärkerer entstellung: sich mein traun, ist uns doch der abend übern hals kommen, ehe wirs gedacht hetten Schoch stud. leb. (1657) h 6a; in eine andre formel eingesprengt: aber das ding hat, mein schelm traun soll mich, was zu bedeuten Chr. Weise d. grün. jug. überfl. gedank. 215 ndr.; gelegentlich kann späterhin der imperativ von trauen, vb., die function von traun übernehmen:

dies herz, o freund, einmal von dir gerühret,
bleibt ewig, trau! von dir gerührt
Lessing 1, 139 L.-M.


 
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traunis, träunis, f., soviel wie dräunis 'drohung', siehe drohnis th. 2, 1427.
 
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traunis, f. 'zutrauen'. seltene abstractbildung zu trauen vb.: da die pöckler (die verschworenen mit einem bock als abzeichen) gen Rengspurg ... kumen, da verparg etlicher seinen pock, etlicher under die zotten der kappen, ... das sy sich des schambten vor hertzog Albrechten, voraus (besonders die) zu den er sein nit traunüss hett U. Füetrer bayr. chron. 224 Spilder.
 
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traupfennig, m., in alter zeit soviel wie mahlschatz (s. th. 6, 1458) und trauschatz (s. d.): arrha, arrhabo ein trawschatz, trawpfenning nomenclator lat.-germ. Hamb. (1634) 463. — landschaftlich auch für die traugebühr: keimende ehen, ... schon um des daneben keimenden traupfennigs für ihren mann, den pastor, pflegte sie nicht zu stören Storm sämtl. w. 7 (1899) 199.
 
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traupredigt, f., im 18. jh. statt des später geläufigen traurede (s. d.): wenn leute getraut werden sollten, so muste ich ihnen ... dann und wann eine traupredigt halten Zinzendorf sonderb. gespr. (1739) 73; die auslegung desjenigen textes ..., de se. churfl. durchl. selbst ... zur traupredigt auserlesen v. Besser schriften (1732) 2, 647; die wildbahne des heil. ehestes, eine traupredigt (titel) allg. dt. bibl. 92, 165. — troupredigt traurede brem.-nieders. wb. 6, 377.

[Bd. 21, Sp. 1533]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) traupriester, m.: wie allda gott der vater selber freier, brautführer und traupriester gewesen J. Zader breutigams ehrenkrantz (1606) 16.
 
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traurede, f., die rede des geistlichen bei der trauung: pastor Adolf Klügel hielt die traurede Hoffmann von Fallersleben ges. schr. (1890) 8, 27; er hielt als beichtvater die traurede bei dem myrtenfeste meines vaters v. Hippel lebensl. (1778) 1, 280; er hielt die traurede polnisch Cl. Viebig schlaf. heer (1904) 2, 330; (der geistliche) beschnitt daher die einzelnen teile der traurede und eilte sich, zur ceremonie zu gelangen Immermann 3, 38 Boxb.; er verhaspelte sich mehrfach in seiner traurede Holtei erz. schr. 21, 222; die traurede ... richtete sich, wie an die braut, so auch nicht minder eindringlich an das hofgesinde 4, 199; herr vetter, an wen halten sie (anrede) die traurede? Gellert 3 (1784), 303; das müszt ihr nicht in der traurede anbringen L. Goldammer Litthauen (1858) 79; da ... der seelenarzt nach einer traurede bei dem hochzeitsmahle beschäftigt war v. Hippel kreuz- u. querz. (1793) 1, 117; freitag, den 28. februar, vormittag fand die katholische trauung mit traurede und stiller messe statt tägl. rundsch. 1908 nr. 118, 2a; ohne alle zögerung ward das verlobte paar — von Mosheim, dessen traurede gedruckt ist — eingesegnet Ranke sämtl. w. 27, 200.
 
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traurer, m., der trauernde, nomen agentis, gelegentlich zum verbum gebildet:

der trûrære Tristan
der gieng ouch trûrende dan
und weinende starke
Gottfried v. Straszburg Tristan 14917; 15790;

der traurer, die traurerin Stieler stammb. (1691) 2304: und weil gedachte trauerer, nemlich vom männlichen geschlechte, nicht dürffen bethen P. Chr. Kirchner jüd. ceremoniel (1716) 86;

rosen schlieszen sich zu, nahet dein traurer sich
Hölty ged. 92 Halm;

im summer en murer,
im winter en trurer schweizerisch bei
Szadrowsky nom. agentis 13.


 
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traurig, adj. , ahd. nur bei Notker, neben synonymem unfro; Otfrid bevorzugt die familie ser, serlich, serag, Tatian gitruobit, dazu vgl. as. drôbian, ags. drēfan betrübt werden; as. gidrôbian, ags. gedrēfan betrüben.
1) in der ursprünglichen subjectiven bedeutung als 'betrübt, niedergeschlagen', auch verbunden mit dem gefühl der sehnsucht, sorge oder inneren anteilnahme.
a) unmittelbar vom persönlichen träger: so ih tih erest sah truregen unde wuofenten cum vidissem te mestum et lacrimantem Notker 1, 40 Piper; sunderig trost tero truregon o summum solamen lassorum animorum 1, 126; vgl. 2, 155; 269;

alsô trûric wart ich nie,
swenn ich die wolgetânen sach,
mîn senedez ungemach zergie
Dietmar v. Eist in minnesangs frühling 36, 20;

diu maget begunde denchen,
diu ougen nider senchen,
si nam ez in ir ahte
wie das werden mæhte
und wie dem gruzsal wære;
trurik stunt diu gewære
priester Wernher Maria d 2436 Wesle;

ich wil iuch hœren lâzenwar umbe ich trûric stân.
von boten mîner vîndeich daz vernomen hân
daz si mich wellent suochenmit herverte hie Nibelungenlied 157, 1 L.;

dô der trûrge vischære
saz âne freude und âne trôst
Wolfram v. Eschenbach Parzival 315, 28;

des lobet er (Job) got und fröute sich.
dô tet der arme Heinrich
leider niender alsô
wan er was trûrec und unfrô
Hartmann v. Aue armer Heinrich 148;

von dem ersten sollent ir wissen, daz do heisset unbescheiden trurikeit, daz ein mensche also rehte trurig ist, daz er nut gtes mag getn und doch nut weis waz ime

[Bd. 21, Sp. 1534]


gebristet Seuse 496 Bihlmeyer; (es) machet den menschen trurig und enge Tauler pred. 324, 17 Vetter; ir sullit nu truric sin, daz ist in der zit paradisus animae intelligentis 65, 22 Strauch; wan do der jungling hett gehort das wort, er gieng trurig hin erste deutsche bibel 1, 73; der apt was traurig des schadens Pauli schimpf und ernst 52 Österley; so ist allen melancholischen ... disz gemein, dasz sie forchtsam und traurig sind Wirsung artzneibuch (1588) 139b; die pfalzgräfin stellete sich nach ihres herrn tode gantz traurig und kläglich, rang ihre hände, raufte ihre haar aus Binhardus thüring. chron. (1613) 91; wie traurigsein beim menschen auch ein sondere art hat, dabei traurigkeit erkent wirt, also ist es auch in dem gestirn Paracelsus opera (1616) 2, 408 Huser; da die (drachenhöhle) Maria und Joseph ersahe, da wurden sie traurig und fürchten, sie kämen umb das kind J. Prätorius saturnalia (1663) 374; nur macht es mich stille und traurig ..., dasz du das schöne nicht sehen sollst Göthe IV 8, 54 W.; traurig und wehmütig, mit kaum verhaltenen thränen in den augen G. Keller 4, 18; er sah ... nicht mehr drohend aus, ... sondern nur müde und traurig H. Grimm volk ohne raum 1, 67. angelehnt an trauern im sinne von 'den kopf hängen lassen, krank einhergehen', s. sp. 1386: bei dieser krankheit (der bräune) wird das vieh traurig, friszt im anfange wenig und endlich gar nichts mehr; der atem ist beschwerlich J. N. Rohlwes allg. vieharzneibuch (1828) 133. ungewöhnlich für 'trauernd': ein schwartzes ... tuch, in welches sich das traurige frauenzimmer zu kleiden pfleget Amaranthes frauenzimmerlex. (1715) 425.
b) in gleich subjectivem sinne vom seelischen träger und sitze des schmerzes:

trourich im der mt was genesis 96, 34 Diemer;

sint die sonne er liehten skîn
gên der kelde hevet geneiget
end die kleine vogelkîn
heres sanges sîn gesweiget,
drûrech is dat herte mîn
Heinrich v. Veldeke in minnesangs frühling 59, 15;

werst du in der welt ..., din blünde jugent müst dick gedruckt werden mit willenbrechen ... und mst dick ein gruntlos trurigs hertz bergen mit frölichen worten durch eren willen Seuse 484, 17 Bihlmeyer; traurig ist mein sel bis in tod Berthold von Chiemsee teutsche theologey 193 R.; das gemeine sprichwort: es stehet kein frölicher kopf auf eim traurigen hertzen Luther 5, 182 W. ebenso neben psychologischen begriffen:

so erbluot sich mîn varweals der rôse an dorne tuot,
und gewinnet daz herzevil manigen trûrigen muot
der von Kürenberg in minnesangs frühling 8, 21;

traurige und fröhliche bilder ruft aus der vergangenheit seine phantasie hervor Herder 23, 3 S.; eine menge von traurigen vorstellungen stieg in gedrängter verwirrung bei diesem anblick in ihm auf Wieland Agathon 1, 37; soll ich nun aber nach Berlin denken, so macht mirs eine traurige empfindung, dasz ich des guten, was mir dort zu theil werden sollte, mich nicht erfreuen darf Göthe IV 33, 55 W.; in alle zukunft wird es den Deutschen eine traurige erinnerung bleiben, dasz unser gröszter dichter in dem feinde seines vaterlandes nichts sehen wollte als den groszen mann Treitschke deutsche gesch. 1, 318.
2) neben sachlichen begriffen erfolgt verschiedentlich ein übergang zu objectiveren bedeutungen:
a) der subjective ausgangspunct bleibt deutlich spürbar neben sachlichen vorstellungen, die traurige gefühle, erinnerungen, ahnungen wecken oder solchen empfindungen ausdruck geben:

jâne erkande ich nie
kein trûric scheiden alsô snel.
uns ist diu naht von hinnen alze balde
Wolfram v. Eschenbach lieder 8, 15;

brächt ain trurig botschaft Niclas v. Wyle translationen 44 Keller; trurig sach in geswiffnen worten und geberden furtragen Riederer rhetoric (1493) a 3b; die beiwoner

[Bd. 21, Sp. 1535]


des mörs haben ein traurig heulen weit gehört, da sie (die Nereide) gestorben ist Eppendorff Plinius (1543) 101; umb meinet willen mustest du ... deine arm in dem garten desz ölbergs auf die erden strecken und dieselbige mit traurigen thränen befeuchten J. M. Meyfart himml. Jerusalem (1630) 1, 17; das traurige spectacul der todtenkörper Abraham a s. Clara mercks Wien (1680) 11; ich will ... meine seele von der idee so vieler trauriger ruinen reinspülen Göthe IV 8, 83 W.; lange zittert der traurige grundton fort in seinem (Laszbergs) herzen Scherer kl. schr. 1, 63; ein trauriges lächeln glitt über ihr gesicht Freytag ges. w. 11, 201; als unheilkündend: Pithagoras sagt, man soll die bonen nit essen, dann man finde untröstliche und traurige buchstaben an irer blüet M. Herr feldbau (1551) 50b; den himmlischen (zeichen der pest) werden zugeeignet die ... traurige cometen Abraham a s. Clara mercks Wien (1680) 20. ursprünglich hierher gehörend: truriche sunda passionssonntag; druri lidde totengeläute Follmann lothr. 109. überleitend zum folgenden: traurig wetter düsteres, langweiliges wetter Fischer schwäb. 2, 336; den rest des langen und traurigen winters Ramler einl. 1, 395.
b) dem ausgangspunkt stehen bereits solche verwendungen ferner, in denen traurig den visuellen eindruck wiedergibt und in die bedeutung 'dunkel, düster' übergeht: tetricus truriger Diefenbach nov. gloss. 363b; heut wirt gemacht hagel, wan der treurig himel rotet (rutilat enim triste caelum) codex Teplensis 1, 22 Huttler (der himel ist rot und trübe Luther); in der zit (der abwesenheit des Euriolus) belaib Lucrecia haimant in irem huse, ... legt an trurige klaider Niclas v. Wyle translationen 44 Keller; die augbrauen fahen an zu grauen, traurig und melancholisch an der stirn zu sehen Sebiz feldbau (1579) 151; welcher ein trauriges tunckels angesicht hat, der purgiere sich mit bitterheilig Wirsung artzneibuch (1588) 63c;

ein trauriges gewülck, gantz fünster, schwartz und dick,
recht einem traurrock gleich
Weckherlin ged. 2, 292 Fischer;

wann das helle mittagliecht mit einem traurigen klagmantel wird überzogen Abraham a s. Clara Judas (1686) 1, 52; (der wolfsbeere) farbe ist traurig, auszen dunkel grünlichbraun, wie abgestandener purpur ohne glanz und schmuck Ehrhart pflanzenhistorie (1753) 7, 6; blaues glas zeigt die gegenstände im traurigen licht Göthe II 1, 315 W.; bei der traurigen violettfarbe Schiller br. 5, 266 Jonas; von düsteren, unfreundlichen behausungen: da sitzen die männer in traurigen stuben, schwelgen und spielen J. Möser w. 5, 49 Abeken; (er) lebte in einer weitläufigen, aber traurigen unterstube, in die seit vielen jahren kein pinsel eines tünchers, vielleicht kaum der kehrbesen einer magd gekommen war Göthe 26, 250 W.; das Louvre ist ein altes ..., nichts weniger als groszartiges, vielmehr formloses und trauriges haus Fr. Schlegel s. w. 11, 9; oben in seiner stube ... war es erst recht traurig Stifter s. w. 3, 275. als 'eintönig, verlassen, tot', gern in geographischen beschreibungen: so ... siht die gegend zwar schön, aber darbei traurig aus S. v. Birken verm. Donaustr. (1684) 120; dagegen es (Rom) andern fremden gar bald traurig und todt vorkommen musz Göthe IV 8, 286 W.; die nebel des traurigen nordens I 1, 253; in unserm traurigen märkischen vaterlande H. v. Kleist 5, 111 E. Schmidt; die gegend um Paris ... hat etwas unfruchtbares und trauriges Fr. Schlegel 6, 175; das finstre traurige Köln haben wir recht gern verlassen G. Forster s. schr. 3, 33; der traurigen einförmigkeit des asiatischen festlandes gegenüber steht die schöne gliederung des europäischen erdkörpers Droysen Alexander d. gr. (1833) 3, 33;

einsam und traurig wird der weg
A. v. Droste-Hülshoff 2, 89;

von einem einzelnen gegenstande, in dem sich dieser gesamteindruck besonders offenbart:

eine verwilderte landschaft
einzig mit stachlichten büschen bewachsen und traurigem riedgras
L. Th. Kosegarten Jucunde (1843) 174;

[Bd. 21, Sp. 1536]


immer kleiner (wird) selbst die traurige tanne, die unser begleiter in die schneegefilde sein wird Gutzkow ges. w. 11, 85.
c) die bedeutung 'schmerzlich, beklagenswert, bedauernswert' geht in die objectivere 'hart, bitter, drückend' über. zunächst noch mit dem gefühle persönlicher anteilnahme: unsere absicht ... ist blosz, das traurige schicksal seines verfassers bekannt zu machen Gottsched anm. gelehrs. (1751) 1, 62; das ganze römische heer ward von den traurigen überbleibseln dieser groszen niederlage äuszerst gerührt M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 78; da wir uns nun nach zwei jahren in Rom fanden, entdeckte er mir seinen traurigen zustand (krankheit) Göthe 43, 88 W.; es ist ja traurig um die armen alten menschen bestellt, die zum weihnachtsfest einsam sind H. Fr. Blunck sprung über die schwelle 88. weniger mit dieser persönlichen note, mehr den sachlich beklagenswerten zustand wiedergebend: die traurige exempel (des straszenraubes) gebens klar Pape bettel- und garteteufel (1586) n 3b; unförmliche also oder schief ausgebildete menschen zeigen mit ihrer traurigen exsistenz nichts weiter, als dasz sie in einer unglücklichen gesellschaft von kintheit auf lebten Herder 17, 116 S.; der bürgerkrieg, (der Frankreich) ein halbes jahrhundert lang zu einem schauplatz der traurigsten zerrüttung machte Schiller 8, 3 G.; bei dem traurigen mangel von allem, was das herz bedarf Zimmermann einsamkeit 1, 4; es ist ein trauriges schauspiel, solche anlagen in stumpfheit ausarten zu sehn Caroline br. 1, 68 Waitz; zu einer zeit, wo das deutsche theater ... aus trauriger beschränkung und verkümmerung wieder zu freiheit und leben hervorwächst Göthe 40, 86 W.; der traurige mangel an dramatischer tüchtigkeit G. Freytag ges. w. 15, 21. gern in prädicativer verwendung, heute auch umgangssprachlich durchaus üblich: ist es ... nicht traurig, dasz eine wörtliche übersetzung die bibel zwar liefert wie sie ist, aber auch vielen heutigen christen schwer zu verstehen macht Gerstenberg schlesw. literaturbr. forts. 301 lit. denkm.; traurig ist die bemerkung, aber wahr, dasz ... Herder 5, 630 S.; was nicht ist, wird werden ... und wenns nicht wird, traurig für sie Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 173; Afrika muszte europäischen tand ... drei jahrhunderte lang, traurig genug, mit seinen eigenen kindern bezahlen Peschel völkerk. 224. neben gewissen abstracten zeigt sich die objective bedeutung als 'hart, bitter, drückend' besonders deutlich: die vortrefflichsten gesetzgeber haben dieses eingesehen, und Rom hat die traurige erfahrung davon gemacht Th. Abbt 2, 19 anm.; aber euch gehorchen ist meine erste traurige pflicht Schiller 2, 15 G.; bis die gluth (der liebe) durch die traurige gewiszheit ... plötzlich gelöscht ... wird Fr. Schlegel Athenäum 1, 2, 150; sie werden dadurch in die traurige nothwendigkeit versetzt, an ihren unsterblichen werken ... unaufhörlich zu korrigieren Bremser parömien (1806) 123; es ist eine traurige, aber unläugbare wahrheit, dasz, sobald ein staat politische bedeutung erhält, ... die wohlhabenheit der bürger ... abnimmt Niebuhr röm. gesch. 1, 395; der ausdruck colonie erinnert ... an die traurige tatsache, dasz er ... C. Justi Winckelmann 1, 250.
3) jüngerer sprachgebrauch verbindet mit traurig gern ein negatives werturteil, so im sinne von 'unzulänglich, minderwertig, armselig'; heute umgangssprachlich bereits die vorwiegende verwendung, in älterer sprache noch ungewöhnlich: die zwei thier ..., die keinen verstandt haben, es wer dann ein trawriger verstand Eppendorff Plinius (1543) 119; als der verleger seinem verfasser einen traurigen ducaten für den bogen bezahlte bei Lessing 11, 181 L.; in einer trockenen, ja traurigen nachahmung des unbedeutenden wie des bedeutenden Göthe 47, 27 W.; stille für sich lesen (ist) ein trauriges surrogat der rede 27, 373; ich wollte, wir könnten unsern nachruhm wie einen pfauenschweif hinter uns ausbreiten und beäugeln; aber da würde freilich mancher einen traurigen gänseschwanz zu sehn bekommen oder gar nichts A. v. Droste-Hülshoff br. 189 Sch.; es fand sich, dasz ein groszer teil

[Bd. 21, Sp. 1537]


des ehemals übervollständigen werkzeugs gänzlich fehlte, ein andrer in den traurigsten umständen war O. Ludwig 2, 117; seit zwei tagen habe ich nichts gefressen als traurig brot und stunkenden käs graf Pocci komödienbüchlein 3 (1869) 196; welch unbedeutender trauriger ersatz aber ist dies wenige gegen so viel versunkenes und fortgespültes Allmers marschenb. 1/2, 13; im sinne von 'unerfreulich': gott helfe ihnen (Göthe) durch dieses traurige geschäft (bearbeitung eines dramas) Schiller br. 6, 366 Jonas; zur charakterisierung von moralisch verwerflichem: mit fauler und trauriger hoffart J. B. Schupp schr. (1663) 722; ungeachtet des traurigen hasses, welcher in diesem briefe wider die geringsten kleinen thorheiten hervorblicket J. E. Schlegel w. 5, 435; ein jahr hatte er das traurige handwerk (eines verbrechers) getrieben Schiller 4, 80 G. gern in der verbindung: von diesem fürsten, der sich in der geschichte der musik eine traurige berühmtheit ... gesichert hat O. Jahn Mozart 1, 227; ein Augsburger polizeidirektor erwarb sich diesen traurigen ruhm (den buchhändler Palm an Frankreich zu denunzieren) Adolf Hitler mein kampf (1933) 2. in prädicativer stellung, häufig in heutiger umgangssprache: dann besuchte ich das grammatikale hebräum des herrn Link, welches aber so traurig war, dasz ich es schon mit der sechsten stunde aufgab Laukhard 1 (1792) 125; das ergebnis war ein mehr als trauriges in vielfacher hinsicht Adolf Hitler mein kampf (1933) 101; gern auch: es wäre traurig, wenn ich bei diesem öfters eingetretenen wechsel nicht zu mehr bleibendem besseren vorgeschritten wäre fürst Pückler briefw. 1, 149; mit meinen hemden sieht es sehr traurig aus, und neue würden mir sehr wünschenswerth sein Moltke ges. schr. 4, 39; neben substantiven in gewissen verbalen verbindungen: sie machen diesem herrn gegenüber eine traurige figur Wieland in Göthejahrb. 1, 329; wir haben einen förmlichen krieg der facultäten vor uns, in dem jedenfalls die philosophen die traurigste rolle spielen Lange gesch. des materialismus (1866) 327. dieser noch stärker wegwerfende sinn 'kläglich, erbärmlich' ist umgangssprachlich und mundartlich allgemein, vgl. ein trauriger kerle, Peter, schwanz, wedel; ein trauriges mannsbild Fischer schwäb. 2, 335; bereits: diese neue art der weltweisheit ... hat die traurige art leute hervorgebracht, die man mystiker nennt J. A. Chr. v. Einem Mosheims kirchengesch. 1 (1769) 359; im sinne von 'kläglich' versteht heutige sprache auch traurig in der verbindung ritter von der traurigen gestalt, eine übersetzung von spanischem el caballero de la triste figura in Cervantes don Quichote, vgl. DWB es sagte auch Santscho zu ihm: zum fall ja dieselben herren zu wissen begehren möchten, wer doch der ... held gewesen, so sag ihnen der herr ..., dasz es der weitberühmbte don Kichote ... sey, welcher sonsten mit seinem andern nahmen ritter der traurigen gestalt heisset (1648) Pahsch Bastel v. d. Sohle don Kichote 290 Tiemann: dies heiszt ... gleich dem ritter von der traurigen gestalt auf melancholische abentheuer ausgehen J. J. C. Bode Yoricks empfinds. reise (1768) 2, 135; der ritter von der traurigen gestalt (ein hagerer mensch) dagegen schaute von seinem schimmel ... so unheimlich und komisch darein Eichendorff s. w. 2, 77. gelegentlich auch abgewandelt: die dichter von der traurigen gestalt J. G. Jacobi 1 (1825) 278; (sie werden) zu den gästen von der traurigen gestalt gehören, die man mit widerwillen anlangen und mit wohlbehagen wieder abwandern sieht Matthisson schr. (1825) 3, 39.
4) traurig in zusammenrückungen, seit Herder sehr üblich. am häufigsten ist die verbindung mit begrifflich entgegengesetzten adjectiven:

musz mich verwundern traurig-froh
der groszen gnad und gütigkeit,
die ohn verdienst mir wird bereit
G. Weber bei
Fischer-Tümpel kirchenl. 2, 517;

traurigsüsz ist die geschichte Herder 29, 169 S.; 12, 335; 24, 301; ein traurig fröhliches präsagium 20, 207, vgl. 20, 405 anm.; ich will aufhören, sie mit diesen traurig-angenehmen ideen zu beschäftigen Lessing 6, 396 L.-M.;

[Bd. 21, Sp. 1538]


mit traurig-schönen geistern in verkehr
Mörike 1, 132 Göschen;

verwandte begriffe ergänzen und steigern sich: so alles, alles verläugnen ... sei doch ein traurig elendes ding U. Bräker s. schr. 1, 39; mit einer traurig-schrecklichen erzählung Lessing 4, 440 Lachmann-M.; in diesen traurigdüstern stunden Spielhagen 3, 78; von seiner gewöhnlichen traurig-bitteren stimmung befallen H. Hesse Hermann Lauscher (1908) 9; mit ähnlicher wirkung: mit traurig-sanftem gesicht Zachariä poet. schr. (1763) 9, 142; einen traurig-gutmüthigen blick Naumann vögel 1, 158; mit traurig ergebener miene P. Rosegger schr. II 10, 147. der begriff traurig ist dem zweiten gliede entnommen (s. o. 2 b) und steigert ihn: traurig-leere äcker Herder 5, 515 S.; die traurig-nackten kalkwände des Salvadorberges Matthisson schr. 4, 30;

und der reiher
her aus traurigödem moorland
sandte schrill angstvollen wehruf
F. Freiligrath ges. dicht. 6, 51.

gleicher entstehung, jedoch in mehr objectivem sinne, vgl. oben 3: er tadelte, dasz er das schön flectirte verbum: dum fierent in ein traurig abstractes substantivum verändert Göthe 24, 307 W.; unsere im puncte der bekleidung traurig verarmte zeit Seidel vorstadtgesch. 85; wie traurig wenigen darum zu tun ist, sich auch nur über die ersten grundfragen unseres daseins klar zu werden C. Flaischlen Martin Lehnhardt (1921) 12.
5) sprichwörtliches: es ist mit den christen wie das aprillenwetter: frölich, traurig und wider frölich Petri der Teutschen weiszheit (1604) 1, c 2b; auf einen frölichen abend folgt ein trauriger morgen 2, j 5b; ein alter hund gehet traurig an seine ruhe 2, s 5b; es ist ein trauriger sieg, den einer mit blutvergieszen vieler guter leute erkeuffet Friedrich Wilhelm sprichwortreg. (1577) n 2a; ist die sonn vorhanden, so sihet er (der mond) dunckel und traurig Lehman floril. pol. (1662) 2, 889; das ist wohl die traurigste und bitterste armuth, die feines zeug aus besseren tagen bis zu lumpen auftragen musz Körte sprichw. (1837) 25; eine traurige braut, eine freudige frau Kirchhofer schweiz. sprichw. 198; traurig ist das haus, wo die hennen krähen und der hahn schweigt Dühringsfeld sprichw. 1, 371b; traurig für die maus, welche ein einziges loch hat 1, 193a. —
 
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traurigen, vb., über die anfänge des frühnhd. nicht bezeugt. in der form getraurigt sein betrübt sein: ze mir selbemo ist min sela getruregot, ze gote ist si getrostet ad me ipsum anima mea conturbata est Notker 2, 155 Piper; ich bin betrübt und betrübt (var. getrauriget) über die traurigkeit der tochter meines volcks (super contritione filiae populi mei contritus sum et contristatus) erste deutsche bibel 9, 35 lit. ver.; als intransitives verb:

so rihsent diu irrecheit,
so trowrigt elliu di christenhait,
vil michel not unde lait
lidet danne di christenhait (12. jh.) bei
Hoffmann v. Fallersleben fundgr. 1, 195;

wie vil (der mensch) sich vröwe ains andern hailes und gelükes und trurige ains andern unhailes und ungelükes, als vil ist (er) ain gelid unsers herren st. Georgener prediger 176, 5 Rieder; M. der trauriget und sprach (15. jh.) bei Fischer schwäb. 2, 336.
 
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traurigkeit, f., tristitia: zornlich liut alde trurecheite liut populus turbidus vel populus meroris Notker 2, 344 Piper; so bist du in dem ellenden jamertal, in dem liep mit leide, lachen mit weinenne, vrd mit trurkeit vermischet ist Seuse 237 Bihlmeyer; (ich) in trübsal und traurigkeit mein leben füren müsse Arigo decamerone 250 Keller; so daz weip gebirt, si hat trurigkeit, wann ir stund ist kumen erste deutsche bibel 1, 403 lit. ver.; ir (der kinder) trurikeit würt bald verwandlet in ein freud Keisersberg bilgersch. (1512) c 3d; der aderläszer soll sich hyeten in den ersten drey tagen vor überflüssiger spysz und tranck ..., deszglich vor trurigkeit, angst und sorg Gersdorff wundarznei (1517) 16d; die ... solch hertzleid

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fülen, das sie für traurigkeit verdorren Luther 34, 2, 465 W.; si wöllen des heiligen geists trost verneinen und sein ir leben langk durch traurigkeit des hertzens auf iren grund nie kommen, wie sichs doch gebüret kampf der schwärmer gegen Luther 21 ndr.; alle nationen ..., alle sprachen, alle zungen, alle völcker, alle heiden, wann sie äuszerlich anzeigen ir traurigkeit, so tragen sie ein schwartz kleid Fischart Gargantua 191 ndr.; die ursach unser traurigkeit und inwendiges schmertzens ist unser sünde Joh. Arnd Thomas a Kempis (1631) 29; nicht ohne verwunderung ist zu sehen, wie die blum vor lauter traurigkeit die gelbe blätter zusammenziehet (beim sonnenuntergang) Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 189;

schaue, wie mich itzt umhüllet hat die nacht der traurigkeit
Gryphius lyr. ged. 24 Palm;

meine traurigkeit über diesen fall (den tod Kleists) ist eine sehr wilde traurigkeit Lessing 17, 170 L.-M. mit charakteristischen adjectiven: die sanfte traurigkeit, die ermattung, welche auf langes unglück folgt Sturz schr. (1779) 2, 172; die mutter schien in stiller traurigkeit zu vergehen H. Steffens was ich erlebte 1, 27. um die grösze des schmerzes anzudeuten, bedient sich die sprache einer festen bildvorstellung:

gesenkten blickes, tief in traurigkeit
verloren, hielt er unter unserm chor
Göthe 9, 438 W.;

die ausgeschickten boten kamen unverrichteter sache zurück, und der könig fiel in tiefe traurigkeit Novalis schr. 4, 90 Minor; das betäubende getöse der kanonen hinderte uns gewissermaszen in jene art von traurigkeit zu sinken, die bei solchen gelegenheiten wohl zu erfolgen pflegt G. Forster sämmtl. schr. 2, 81; als krankhafte melancholie: alantwurtz benimbt zorn und traurikeit Tollat v. Vachenberg margarita medicinae (1516) 15b; die melancholische feuchte traurigkeit erwecke Ryff anatomie (1541) f 5a; diese latwergen taugt nicht allein zum hertzzittren, onmacht und traurigkeit Chr. Wirsung artzneibuch (1588) 292a; gleich durativ, doch von der seelischen haltung: die alte pelasgische tiefe und ernste traurigkeit traf hier zusammen mit der jonischen beweglichkeit Fr. Schlegel s. w. 4, 110; ähnlich: ihr liebenswürdiges gesicht war ... mit einem kleinen zug von traurigkeit geschmückt Göthe 25, 132 W.; in religiöser sprache ergeben sich gelegentlich bedeutungsschattierungen, die sich jedoch von der grundbedeutung nur unwesentlich entfernen, so als 'sündhafte verzagtheit': ih pin sculdic in sunthaftero unfrewida, in sermuotigi, in inblandini, in wescreie, in wuoftin, in unrehtere angista, in truricheite, in chlaga unde in alles leides unmezze unde in missetroste kleinere ahd. denkm. 144 Steinmeyer; etliche werden vom teufel mit schweren und mördlichen gedancken und geistlicher traurigkeit also zermartert und gequelet theatr. diab. (1569) 43b; stärker selbständig als 'schmerzliche sehnsucht': die traurikeit, die do ist nach gott, die wircket stete busz in behaltsam erste deutsche bibel 2, 124 lit. ver.;

wer heilge traurigkeit hier hat zum vesperbrodt,
dem wart das abendmahl die ewge freud in gott
A. Silesius 1, 141 Ellinger;

ungewöhnlich: je mehr traurigkeit man ihm (dem pferd) in derselben furcht (wenn es vor etwas scheut) vorbringet, desto heftiger wird es bestürzt J. Walther pferdezucht (1658) 22. objectivere gebrauchsarten: wann die traurikeit des tods umbgaben mich erste deutsche bibel 5, 220 lit. ver.; denn der wält traurigkeit gebirt nichts denn den tod Heyden Plinius (1565) 455; der storch ist alle jahr ein gewisser ankündiger des neuen jahres, der die traurigkeit des winters verjaget J. Prätorius winterfl. der sommervögel (1678) 150; in der nebligen traurigkeit des vorfrühlingsabends I. Seidel Renée u. Rainer (1930) 9; ungewöhnlich: so kann er doch ... die traurigkeit der unterjochten und die wildheit, mit der die freien völker verfolgt werden, nicht verbergen Herder 13, 245 S. der umgangssprache entnommen: wir saszen auf dem scheunendach und klapperten mit den zähnen, dasz es eine traurigkeit war O. Ludwig ges. schr. 2, 516. gelegentlich begegnet

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ein pluralischer gebrauch: wie dagegen in begrebnissen und traurigkeiten schwartze kleidung gebreuchlich gewesen J. Pomarius grosze postilla (1590) 1, 417b; die christen sond uns ... tröster in iren trurigkeiten erkennen P. Gengenbach 183 Gödeke; und wie kan ich, herr Jesu! erzehlen alle die freuden, welche das himlische Jerusalem erwecket in meinen traurigkeiten J. M. Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 390; viele tausend menschen sehen nichts mehr von den verkehrtheiten und traurigkeiten auf ihren wegen B. Auerbach ges. schr. (1864) 18, 99; sprichwörtliches: das ist eine gute traurigkeit, so man umb sünd oft treget leid Friedrich Wilhelm sprichw. (1577) b 1b; traurigkeit hengt an aller freud Petri der Teutschen weiszheit 2, T t 5b; ein bösz gewissen ist ein traurigkeit uber alle traurigkeit 2, s 8b; ausz eilen kompt oft traurigkeit 2, k 1b; gewöhnlich gehen die sprichwörtlichen wendungen auf die folgen der traurigkeit: als der schab dem gewande und der wurm dem holtz, also schatt die traurigkeit dem herzen des mannes erste deutsche bibel 8, 69; traurigkeit ist des teufels hauptküssen Butschky Pathmos (1677) 73; traurigkeit ist des menschen henker Abele v. Lilienberg gerichtshändel (1655) 35; traurigkeit ist des menschen todtengräber Kern sprichw. (1718) 49; traurigkeit verzehrt marck und bein Petri der Teutschen weiszheit 2, T t 6b; traurigkeit heckt alle nacht ein andern harm ausz 2, T t 5b; traurigkeit macht kein nützige leut Lehman floril. polit. (1662) 2, 775.