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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sülze bis sülzentrog (Bd. 20, Sp. 1053 bis 1058)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sülze, sulze, f. (n.). herkunft und form. ahd. sulza, sulcia (ahd. gl. 4, 208, 36 St.-S.), alts. sultia; mhd. sülze, sulze, mnd. sulte, mnld. sulte, zulte, sult; nhd. sülze, sulz(e), nnd. sülte, sulte; fem. jo-bildung, im ablaut zu salz, vgl. Kluge-Götze etymol. wb. 606, salz teil 8, 1705; W. Schulze kl. schr. (1934) 119; sylte in den nordischen sprachen ist entlehnt aus dem mnd. sulte Falk-Torp etymol. wb. 1226. ursprünglich nord. sind einige dialektische formen im norw. und dän. sylt, sylta, die 'strandwiese, strandsumpf, schlamm' bedeuten Falk-Torp 1226 (vgl. unter sülze 1 b). ins romanische entlehnt sind afrz. souz (> prov. soulz, ait. solcio) Meyer - Lübke röm. etymol. wb. (1935) 696. — in heutigen mundarten gelegentlich neutr., vor allem in obd. maa. (s. unten 1 b).
sülze erscheint hd. und nd. mit und ohne umlaut des u: sülze: sulz(e), sülte: sult(e). im hd. hat das obd. im allgemeinen keinen umlaut gegenüber dem md., vgl. Paul dtsche gramm. teil 2 § 119 und v. Bahder grundlagen des nhd. lautsystems 199 ff., bes. 203, 204, 206; die auseinandersetzung zwischen beiden formen zeigt etwa die ma. des Vogtlandes mit silds neben sulds, die umgelautete form mehr nördlich, die andere mehr südlich, s. Gerbet Vogtland 149 anm. 3. senkung des u > o (ü > ö) in rheinischen (söltze auch Er. Alberus fabeln 119 ndr.), ostfränk. und schweizerdt. maa. silz im rheinfränk. und obers.-thüring. sealze, selse Crecelius Oberhessen 828. sulds, suls, sulsen, silsen rhein., südfränk. und bair.; im einzelnen s. die maa.-wbb.die schwache form sulsen, sulten neben der starken in nd. und obd. dialekten: up der sulten to Odeslo urk. d. stadt Lübeck 8, 363; up der sulten to Luneborg 8, 21; sulds Gerbet Vogtland 149: sulzn Lexer Kärnten 246; ein sultzen (nom. sing.) Guarinonius grewel (1610) 316. — apokope des e nd. vereinzelt: sült Mi Mecklenburg-Vorpommern 89; Dähnert plattd. wb. 473a; mnld. sult Verwijs-Verdam 7, 2428; obd. häufiger: sulz neben sulze, vgl. Enderlin Kesswil § 71, 3; sulz Staub-Tobler 7, 900. bedeutung und gebrauch.
da sülze der sache nach vor allem in den maa. und der umgangssprache, weniger in der schriftsprache heimisch ist, geben die literarischen belege kein getreues bild weder seiner räumlichen und zeitlichen ausdehnung noch seiner verschiedenen anwendungsmöglichkeiten. in neuerer zeit ist sülze in literar. denkmälern kaum belegt; in der älteren zeit häufig in chroniken (sülze 1); sülze 3 besonders in frühnhd. zeit (fastnachtssp., Hans Sachs). als ein wort der küche und des handels neigt sülze zum austausch und ausgleich zwischen den landschaften. in groszen umrissen gilt für die anwendung in den heutigen maa. folgendes: im nd. ist sülze vor allem das fleischgericht (sülze 3 c), in älterer sprache auch 'salzwasser' (1 a); im md. ist sülze seltener; hier wird statt dessen solper, sulper, sulber gebraucht (s. unter solper und sulper); obd. ist sülze das 'salzwasser' (1 a), weniger das fleischgericht, gelegentlich 'gallert' (3 b), bes. früchte in sulz. nur obd. ist sülze als 'salzlecke' (2).
1) natürliches salzwasser.
a) 'salzsole' (s. DWB sole 1 teil 10, 1; 1447) und die quelle, die solches salzwasser liefert, 'salzquelle'. vgl.sulza salsugo (10. jh.) ahd. gl. 1, 524, 33; sulzona, sulcina salinarum 1, 418, 13; soltz (15. jh. md.) salsugo Diefenbach gl. 509a; sulza salsugo Wadstein kl. alts. denkm. 77, 22. vgl. auch sulze 'das salzwasser' bergmänn. wb. (1778) 544; sulze 'soviel wie sole' Dannenberg-Frantz bergm. wb. (1882) 381; sulze, sülze soviel wie sole Mothes baulex. (1882) 4, 290; Veith bergwb. 483:

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des berges an einer sît
hiez der herzog in graben,
unz er die sulz moht gehaben.
dâ macht er ein solich sieden
dâvon die Salzpurgære schieden
von grôzem geniez
Ottokar österr. reimchronik 67592;

und der keiser gab zum kloster einen zoll von der sültze, und gab darüber eine handveste, die sültze war unter dem berge, da nun die stadt leit M. Dreszer sächs. chron. (1596) 131; diese sültze hat Jaromarus II. ... dem kloster Eldenow gegeben J. Micrälius altes Pommerland (1640) 6, 572; in älterer sprache häufig von der alten und berühmten Lüneburger sülze, so dasz man unter sülze vielfach gerade diese verstand, vgl. 'sültze, die sültze zu Lüneburg, der ort wo sie saltz machen' Ludwig teutsch-engl. (1716) 1925: desselbigen Otten söhne einer Johann bekam in der teilung mit seinem bruder Albrecht anno 1267 Lunenburg, und wendet grossen fleis auff die sultz, erfindt ein newe ader des saltzwassers M. Quad teutscher nation herligkeit (1609) 270; ich habe mit höchster verwunderung vor etlicher zeit die sülze zu Lüneburg besichtiget. dieser brunn wird tag und nacht, jahr aus und ein geschöpfet und wird doch nicht erschöpfet Chr. Scriver andachten (1721) 569. — ungewöhnlich ist sulza für 'salzgestein und salzerde': sulza (11. jh.) nitrum Diefenbach nov. gl. 264b (in späteren glossaren wird nitrum durch weytasche, sparglas oder spat, salzpolvir, -pulver, lutersalz, bergsalz u. ähnl. wiedergegeben, sieh ebda sowie gl. 381b); vgl. dazu mundartlich noch sulzenspat Unger-Khull steir. 600a. in enger verbindung mit dem vorigen auch das werk an solchen salzorten, wo aus der sole salz gesotten wird, 'salzsiederei': sulcze salina ahd. glossen 3, 717, 52 St.-S.; sulcia salina 4, 208, 36; soltze (15. jh. md.) salina Diefenbach gl. 508b (vgl. dazu salina saltzwerk in einem voc. von 1462 ebda.); offt he den vorscrevenen sod up der sulten to Odeslo wille buwen edder nicht urkundenbuch d. st. Lübeck 8, s. 409; twe pannen herschop unde enen halven wyspel, de wy hebben up der sulten to Luneborch 7, s. 486 (v. j. 1432). latinisiert sultia, sulcia: post imperante Friderico primo Henricus Leo dux allocutus est comitem Adolfum, dicens: ... item conqueruntur, qui sunt Lunenborch, quod sultia nostra devorata est propter sultiam, quam cepistis habere Todeslo Heinrich v. Herford liber de rebus ... sive chronicon 137 Potthast; sulcia bei Helmold chron. Slaw. 145 Schmeidler. vgl. dazu an ihrer stelle sulzer, sul-, sulzstube, sülzmeister, sieh auch sülfmeister.
b) 'salzlache', kleinere wasserstellen mit salzhaltigem wasser, vgl. sultza murium ah. gl. 3, 653, 34; sulza muria (11. jh.) 3, 694, 22; sült eine salzlache, salziger quellengrund Danneil altmärk.-plattd. ma. 216; sulz wildlache, eigentl. salzlache Buck obd. flurnamenbuch 274. hieraus kann sich die bedeutung 'sumpf, morast' erklären, soweit sie nicht wie bei sur (s. d.), sulper (s. d.) auf allgemeinerer übertragung beruht, vgl. auch DWB brühe 5, teil 2, 424. in nd. und obd. dialekten: sülte schmutz, morast (Altena) Woeste westf. 262b; sulz, f. (n.), schnee, kot Fischer schwäb. 5, 1954 (vgl. auch sulzig, das schweiz. und im schwäb. 'schlammig, wässerig' bedeutet, sulziger acker); sults, n., sumpf, schlamm (vgl. auch sultsoxt sumpfig) E. Wipf ma. von Visperterminen im Wallis 33 u. 79; 'halbflüssiger schnee, straszenkot; schlamm, sumpfiger boden' Staub-Tobler 7, 901. zu vergleichen sind norw. dial. sylt, f., 'niedriger strand am meer, der bei hochwasser überschwemmt ist, kleiner salziger sumpf', ält. dän. und dän. dial. sylt 'strandwiese', ält. schw. sylta 'schlamm' Falk-Torp etymol. wb. 1226.
c) häufig als flusz-, flur- und ortsname, einfach oder in zusammensetzungen, nd., md., hauptsächlich obd., hervorgerufen durch das vorkommen von salzhaltigem wasser in quellen und flüssen, im obd. (Schweiz) auch auf sulz 'salzlecken' (s.sulz 2) hindeutend (vgl. Friedli Bärndütsch 2 und 6; Staub-Tobler 7, 901) flusznamen: Sölz im bergischen (Waldbrühl rhingscher klaaf 209), Sülz in Bayern, Sulzach und Sulzbach in Schwaben; orts- und flurnamen: Sülze bei Rostock, Sulz, Sulza, Sulzbach, Sulzbad, Sulzberg,

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Sulzdorf, Sülzenbrunn, Sulzfeld, Sulzmatt u. a. md. und obd. vgl. dazu die zusammenstellung bei Fischer schwäb. 5, 1954; auch Friedli Bärndütsch 2, 172; 6, 157. vgl. auch Lexer 2, 1294.
2) 'salzlecke', nur obd. seit dem 16. jh. in der jägersprache; salzspeise für das wild (rotwild und gemsen), natürliches salz (vgl. auch sulze als salzlache, wildlache unter sulze 1 b) oder vom jäger künstlich bereitete und ausgelegte speise, vgl. 'sulze eine mischung von salz und leimerde mit einigem beisatz von anis oder anisöl, welche als eine lieblingslecke des rotwildes deswegen bereitet wird, um es mehr an seinen stand zu fesseln' v. Train waidmannspractica (1838) 311; auch der ort, wo salzlecken angelegt werden, vgl. ebda: wer trü (fallen) legen will, mags legen in sulzen und sprung (v. j. 1500) bei Staub-Tobler 7, 900; das wiltpret wird gebeiszt (mit salzspeise gefüttert) und das heiszt man ein sultz J. H. Meichsner handbüchlein (1567) 23b (vgl. sulzen 2); die pfädt und gänge derselbigen refir, da das geschleck und sulzen hingeschlagen werden haushaltung in vorwerken 229; wo sie (die gemsen) solche läcke haben, nennens die weidleut sultzen Stumpf Schweizerchronik (1606) 609b; auch ist es sehr nützlich, wenn man sultzen oder beiszen daherum macht Döbel jägerpractica (1754) 1, 133; in der regel haben sie (die gemsen) in der nähe eines solchen platzes eine kleine quelle, die nicht zufriert ..., vielleicht auch einen felsen, an dem bergsalz (sulz, wie die gemsjäger sagen) ausschwitzt J. G. Kohl Alpenreisen (1849) 3, 407; man sieht sie (die pferde in Südamerika) stundenlang an den sulzen verweilen und hier die salzige tonerde belecken Brehm tierleben (1890) 3, 43 P.-L.
3) sülze als 'speise'. in diesem bereich tritt zu dem begriff des salzigen der des geronnenen, gallertartigen hinzu, in der form, dasz entweder beide bedeutungen gleichwertig nebeneinander stehen, oder so, dasz eine von beiden vorherrschend oder gar alleinbestimmend ist.
a) 'salzbrühe', wie sie beim kochen eingepöckelten fleisches entsteht oder auch beim einmachen und einlegen von kohl und fisch (hering), dann 'salzige oder würzige tunke' zur zubereitung und anrichtung der speisen; in älterer sprache. heute noch in den mundarten; vgl. salsa sulse (15. jh. md.) Diefenbach gl. 508c; suls (15. jh. md.) ebda; 'sultz heiszt auch die füchte so sich sammlet wenn man fleisch insalzt, damit man auch gewont das fleisch zu beschütten, muries' J. Maaler (1561) 395d; sultz muria, muries Schönsleder prompt. germ. lat. (1647) H h h 1a; sultz an dem hering tracum est aqua salsa allecum voc. incipiens teut. ante lat. (Straszburg ca. 1495) x 3a; vgl. noch: sülte salzbrühe Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 364; sulz salzbrühe Schmeller-Fr. 2, 274; salzbrühe Schöpf tirol. 728; salzbrühe Staub-Tobler 7, 900. eingemachten weiszkohl (kabis, kabus, kappes, s. unter kabis, teil 5, 9) nennt man auch sülzkohl, sultekol (s. unter sülzkohl), sültemaus, sültmoos (s. unter sülzmus) wegen der salzigen brühe, in die er eingelegt wird; ähnlich sülten raiwen eingemachte rüben Woeste westf. 262b: da waren ... gesottens und gebrätens, mit geseltz gewürtz und sultze ingemachet Niclas v. Wyle transl. 279 lit. ver.;

liesz auch heimlich nach diesen sachen
ir fleisch zubereyten und machen
inn köstlich sultz und pfeffer ein
Hans Sachs 2, 85 Keller;

es sollen auch stets allerhandt seuerlichte sülsen, und krefftige tüncken zum essen gebraucht werden J. Struppius notwend. ... underricht (1564) b 7a; wollen ir (der kirche) die decreten ... hinderlich sein, so ... mag ein gelbe sultz oder schwartzen pfeffer drüber machen Fischart binenkorb (1588) 51a. in älterer heilkunde salzige brühe oder irgendein würziger absud: nim das wasser, das an dem sauren kappiskraut ist, man heiszt es sultzwasser, nachtschattenwasser, scheelkraut, rosenwasser, geiszmilch ..., dasz aller vierer halb so viel sei als der sultz oder krautwasser O. Gäbelkover artzneybuch (1595) 262; oder nimm linden holtz, und bast, thu die oberste rinde herab in ein wasser, lasz es 14 tage stehen, so wirds

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als eine sultz J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 88; kräftige sultz, davon morgens und abends ein paar löffel voll allein und warm, oder in einer leiszgesalzenen hennenbrüh zu nemmen Gockelius curiose beschreibg. (1697) 27. vgl. noch sulze(en)brühe.
b) 'gallertartige flüssigkeit', in der sache oft dasselbe wie DWB a, nur dasz aus dem inhalt mehr das festgewordene ('gestandene', gesülzte, s. unter sulzen) weniger das salzigflüssige betont wird. vielfach ist auch der stoff (fleisch, fisch, obst u. s. w.), aus dem die sulze gekocht wird, mitgemeint (vgl. unter c). häufig in gloss. und wbb. verzeichnet: sultz, galrey galantina gemma gemm. (1508) l 3, 6; sultz, galren, jus congelatum, gelu in patina Dasypodius dict. (1537) 438b; sultz jusculum gelatum, coactum Dentzler clav. ling. lat. (1716) 281b. das in den ahd. glossen erscheinende 'frigidaria' ist wie sulza selbst mehrdeutig; wie aus Diefenbach gl. 247c unter frigidarium hervorgeht, bedeutet es murium, salina, z. t. auch glossiert mit cumpost, gumpuszkraut, cappusz (also eingemachtes verschiedener art) und galreg: frigdaria sulza ahd. gl. 3, 684, 63 St.-S.; frigidaria sulza 3, 613, 19; 3, 615, 12; frigidani, gelatina sulze 3, 617, 27; ferner 3, 717, 52; 4, 202, 15; zur sache vgl. noch 'sulze ist ein dicker, zäher saft, der aus den knorpelichten teilen der tiere, als aus kälberfüszen, kälberohren, schweinsfüszen und ohren, fleisch, fischen, hühnern ... meerrettige u. dgl. gekocht, hernach auf vielerlei art und weise gefärbt, und entweder über dasjenige fleisch, daraus es gekocht, oder über andere speisen gegossen, und wenn es gestanden, kalt aufgesetzt wird' Jacobsson technol. wb. 7, 495a: (männer) die iren frawen befelhen ... wartz man senf soll essen ... als zu galray oder sultz, das da ist ain neuwe gewonhayt yetz Geiler v. Keisersberg sieb. schwerter (1510) bb 1a; gleich als ein stuck fleisch in seiner sultz ligt Paracelsus opera (1616) 2, 24c Huser; in ein keller darin stunde allerley brot, müsz, sultzen oder galreyen, eyer, kuchen S. Franck sprichw. (1541) 1, 108b; die uberigen als den bodler und andere därm sollen si wol seubern und zu sulz sieden stadtrecht Nauenburg a. Rh. (1588) 99; die sultz aber oder gelatine, so von eines hahnen, cappaunen, oder hennen zerschnittenem oder zerhacktem fleisch ... gekocht ... wird E. Gocklius d. eierleg. hahn (1697) 22; darinnen er (der bärenkopf) so lange kochen musz, bis er weich wird. ist er nun gar, so hebet ihn vom feuer weg und lasset ihn also in der sultze erkalten Amaranthes frauenzimmerlex. 165. von fischen: garum ein fischbrüe und sültzen, so man vor zeiten machte aus der saltzbrüe, darine der fisch gelegen Decimator thes. ling. (1608) 553b; so man ein sultz darvon bereiten wil, soll man die schüppen ... sieden Forer Geszners fischbuch (1563) 164b. — von früchten, 'gelée' (hier ist die beziehung zu salz völlig aufgegeben; es wird nur mehr an das gallertartige gedacht). in dieser bedeutung besonders in obd. maa. heimisch: sulze aussud aus früchten Lexer Kärnten 246; nach jeder mahlzeit kan sie ein wenig quittenschnitze oder die sultz von eingemachten kreusselbeeren geniessen Mauriceau (Basel 1680) 65. vgl. dazu bezeichnungen wie holdersulze, himpersulze, ruobnsulze (Lexer Kärnten 246); pommerantzensültze, zimmetsültze, himbeersültze, birnsültze u. s. w. (Marperger küchen- u. kellerdict. [1716] 1135b) apfelsulz Staub-Tobler schweiz. id. 7, 901 (man sagt auch gesulzte äpfel u. s. w., s. unter DWB sulzen, vb.). 'jede geronnene, durchsichtige, zitternde flüssigkeit, oder eben so viel als gallert' Voigt handbuch f. d. geschäftsführung (1807) 2, 473: sternreuspen, die man im sommer und herbst von der sonnen aufgang biszweilen bei den wassern, und an den wegen wie eine sultz findet Hohberg georgica (1682) 1, 255a; wann das recht wol gebratene (fleisch) kalt werde, so erscheinen auswendig auf dem fleisch kleine helle tröpflein wie eine sultz 1, 210; lasz es (das froschlaichpflaster) kochen, bisz (es) wie ein sultze oder gallerte wird H. v. Fleming vollk. soldat (1726) 339b; von gestocktem blut Staub-Tobler schweiz. id. 7, 901; hierher gehört auch sulzmilch (s. d.) oder milchsülze 'dickgewordene milch', ferner husten-, krankensülze Amaranthes frauenzimmerlexicon (1773) 2, 3418 f.

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c) fleischgericht, wurstart (im darm oder in einem geschirr, 'preszsülze' [s.sülzenpresse], 'napf-' oder 'topfsülze'), die fest gewordene brühe mit dem zerkleinerten fleisch (bes. schwarte, kopf und pfoten von schweinen und kälbern), aus dem sie gekocht wird, vgl. Amaranthes frauenzimmerlex. (1773) 2, 3418. in diesem sinne besonders bezeichnend für die mundarten und die umgangssprache Norddeutschlands: sulte in salzbrühe eingemachtes schweinefleisch Doornkaat-Koolm. ostfries. 3, 364; sülte junges schweinefleisch, so gekocht und in essig verwahrt Richey Hamburg 279; sulte brem. wb. (1770) 5, 917; sült Dähnert plattdt. 473a; sülte Woeste westf. 262b; zylte, sülze wurstsorte Martin dialektgeogr. von Waldeck 275; die sülzen Crecelius oberhess. 828; sülze (sölze) Spiess Henneberg 249; silze Jecht Mansfeld 104a:

dar nach gib uns volle kar
dar
gar,
scharpffe sultz mit ochsenfüszen liederbuch d. Hätzlerin 71 Haltaus;

tuschen der bort godes unde vastelavende ghiftme des morghens gropenbraden unde spek twie in der weken, des avendes sulten edder ene halve metwurst (15. jh.) urkundenbuch d. st. Lübeck 8, 807;

wann er ihn (den ochsen) hett wol auszgemest,
zuschlachten auff das kirbefest,
und wolt zurichten ein wolleben,
und seinen gesten söltzen geben
Er. Alberus fabeln 119 ndr.;

häufig in den fastnachtsspielen:

so het wir sulzen und schweinen proten 628, 10 Keller;

vgl. 624, 12; 628, 21, 24; 629, 20; 787, 11; in unflätigem sinn: 183, 26. für die neuere zeit fehlen literarische belege.
d) das fleisch (meist minderwertiger art), aus dem man sülze macht, wie sonst caldaunen (teil 2, 602 u. 5, 61), kitzelfleisch (5, 875), kuttelfleisch (5, 2897), kuttelfleck (5, 2897), fleck (3, 1741); kutteln (5, 2899), kottfleisch (5, 1900), fast ausschlieszlich in wörterbuchbelegen: bei Diefenbach gl. (vgl. auch nov. gl.), in nd., hd., vor allem md. glossarien seit dem 15. jh. unter esca (sultze voc. des 15. jh. md.), exta (sonst auch mit ingeweide, wamme glossiert), ocimus (ingeweide vel sultze 15. jh. md.), omasum, omasius (dafür auch wamme, wampen, wanst, pantze, pletzer, krose, kaldunen, kutteln u. s. w.), omentum (sonst auch: veiszt von dem buch, gedern), protrimentum (geschnittene caldaunen oder sultzen Kilian), salsucium (sonst auch worst, schlachtbrade), scrutinum (sonst gecrose), stripa, succidium, titillicus, tripa. in heutigen mundarten nur rhein- und südfränkisch: sils gekröse des rindviehs Lenz Handschuhsheim 70b; silz teil des gelings (geling lunge, leber, herz des schlachtviehs) Schön Saarbrücken 194a; sülza kutteln, kuttelflecke Sartorius Würzburg 121. literar.: (der rat) will, dasz hinfuro die sültz, als da seindt der wand, hertz, miltz, lungen, leber, klein und grosz därm wol gewaschen und gequellet ... mit dem pfundt auszgewogen werden soll Frankfurter zunfturkunden (1595) 1, 388; einsmahls brachte er sechs pfund sültzen oder rindernkutteln heim Grimmelshausen Simpl. 286 Kögel.
e) übertragen; mit beziehung auf das scharfe, saure der salzbrühe: welcher von solcher seiner weisz (grobheit) wegen ein bloderer, ein gall, ein sultzen von allen ist genennt worden Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 316; dasz, wenn es mir in den kopf kommen solte, dich ein jahr oder drey in ein closter in die beitze zu legen um dich zu der künftigen maternität recht einzuweichen, du dich gegen diese sülze gar nicht spreizen sollest Lindenborn Diogenes (1742) 2, 135. mit beziehung auf sülze 3 b oder c: es scheinen wohl die alten neigungen ... eine angenehme sultzen, deren man schon gewohnt ist Abr. a s. Clara etwas f. alle (1699) 2, 24; ich gehörte mit zu einer klasse rätselvoller verschwörer, die Waldeck als eine saure sülze zum frühstück ... verzehren wollten Fontane familienbriefe 1, 124. terminologisch mit beziehung auf sülze als geronnene, gallertartige flüssigkeit: zellgewebefäden, zwischen welche eine klare, dickliche

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... flüssigkeit, die sogenannte Whartonsche sulze abgelagert ist Sömmerring menschl. körper (1839) 7, 148. scherzhaft:

das heisze wetter obendrein
kocht sein geblüt zu sulzen
Schiller 1, 251 Gödeke;

in obacht er ein mädchen nahm,
mit seinen falkenblicken,
das ihm das herz im leibe stahl
und ihm in heiszer liebesqual
das mark zu sulzen kochte
E. Fr. Hübner verwandlungen (1791) 2, 58;

dasz ihme die butterbacken schlottern wie ein schweinerne sultz Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 150; sonst, wenn ich mich abends ... niedersetzte, da zitterte mir der ganze leib vor zufriedenheit wie sülze Eichendorff sämtl. w. (1864) 4, 485.
4) pflanzenname sülte, sültje, sult an der Nord- und Ostseeküste für die auf den dem meere abgerungenen salzwiesen wachsende meerstrandsaster (aster trifolium) und das glasschmalz oder krückfusz (auch queller genannt) (salicornia herbacea): sülte, sültje, soltje Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 364; Pritzel-Jessen volksnamen d. pflanzen 50, 351; während man die salicornia 'sülte' nennt die natur 16 (1867) 187; während er (der strandbewohner) früher den sult als futter für schweine und zur bereitung der pottasche massenhaft erntete 188.
5) zusammensetzungen: auszer in sulzartig (s. d. an alphab. stelle) ist der zweite bestandteil ein subst. die md. und obd. zusammensetzungen haben grösztenteils die form sulz-, daneben einzelne mit sulzen- (-spat, -stück, -trog); im nd. ist die form meist sülte-, sulte-, vereinzelt auch sült- und sülten-. wörter ohne quellenangabe sieh an alphab. stelle.
a) zu sülze 1 a (salsugo, salina): -born (nd.); -brunnen (obd.); -gut; -junker; -knecht;-rente, f. , 'einkünfte aus der saline', vgl. Krause wörterverzeichn. d. Lüneb. sülze im nd. jb. 5, 154; -rentner für einen chorusherr, pfannenherr, praelat ebda; -rinne: sulzrinne holzröhre die die soole in die sudpfanne leitet Unger-Khull steir. 600b; -schreiber: scriver (v. j. 1390) bei Krause nd. jb. 5, 153; sultescriver salinenschreiber Schiller-Lübben 4, 463; -strähn: sulzsträhn, m. 1) rohr, durch das die salzsoole in die pfanne geleitet wird. 2) das durch die röhren geleitete wasser Unger - Khull steir. 600b; -stube (s. d.); -stück: sulzenstück 'sinkwerk, laugwerk' Veith berg. wb. 483 (sinkwerk = salzwerk); -trog: sulzentrog zu Hallein im salzburgischen ein stück der vorrichtung, wodurch die soole aus dem sinkwerk abgelassen wird Hartmann hwb. d. mineral- u. salzwerkkde (1825) 2, 703;