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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
schütte bis schütteler (Bd. 15, Sp. 2105 bis 2111)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) schütte, schütt, f. schüttung und geschüttetes, nebenform zum masc. schutt; mhd. als schüte, schut zuerst vorkommend.
1) anschwemmung, angeschwemmtes erdreich, besonders dadurch gebildete kleine insel. Lexer mhd. handwb. 2, 832; bairisch die schütt, anschütt, erdreich, das ein flusz innerhalb des wassers oder am ufer angeschwemmt und aufgehäuft hat, fluszinsel oder werd, anschwemmung, alluvio Schm.2 2, 489; die schütt zwischen zwey Pegnizarmen in Nürnberg. ebenda; vgl. auch DWB anschütt oben theil 1, 451.
2) erdaufwurf und umwallung (vgl. DWB schutt 1): agger schütt Dief. 17c; die schütte, ein aufgeworffen erdtrich, murus, agger terrenus Maaler 362d; schütte, vallum, levee de terre, agger terrenus Schottel 1411; schutt et schütte, aggerem terrenum aut vallum notant Stieler 1945; zu befestigungs- und vertheidigungszwecken: (es wurden) mauren, türne, schütten und alle were umbgraben, geschleufet und verfellet. d. städtechron. 10, 322, 17; hatt ein behemischer herr .. den graben, schütt und mauer umb das schlöszl Weigs lassen pauen. 15, 28, 18; von belagerern errichtet: (sie) schutten eine schut umb die stad. 2 Sam. 20, 15; da füllet Pompeius die tieffen gräben mit holtz ausz und mit schütten ebnet er den graben. S. Franck chron. 1531 32a; er umbgab die statt mit iij. schütten. 34a; belagerten sie Stargardt an einer seiten und beschanzten sich mit schütten und gräben. Waissel chron. (1559) 238a; liesz etliche schifflin ausz dem Nilo, durch den graben und cannal an die schütten und bollwerk führen. buch d. liebe 219b; pflegt man von wasen und erden .. eine schütt zusammen lassen tragen. Kirchhof milit. disc. 175. vgl. auch anschütt th. 1, 451.
3) auch von sonst zusammengeschütteten oder geschwemmten dingen und dem orte ihrer lagerung in mancher art: sandschütte, steinschütte Adelung als oberdeutsch; mit erdinen schütten und grieszsand verwarte wege. Birlinger augsb.-schwäb. wb. 404b; die schütt, in Franken der schutt Schm. 2, 489; in Dillenburg heiszt die schütte ein mit bäumen bepflanzter platz in der nähe des schlosses Kehrein Nassau 2, 66, wol ursprünglich ein schuttaufwurf; bergmännisch ohne umlaut schutte, neben dem masc. schutt, blinder schacht, gesenk Veith 436; schütte, an der oberen Elbe, soviel als eine eisstopfung Jacobsson 7, 282a; bei jägern schütte, futterschüttung für wild, vgl. dazu auch schüttplatz; sonst ort für ablagerung von dünger, schutt und dergl., und dieser selbst: eine gemeine schütte, ort oder platz, dahin man allen wst oder ungeseüber einer statt hin tragt, schüt oder frt, locus congestitius Maaler 362d; schütte, loch, darein man den wust schüttet, locus congestitius, rudetum Dentzler 2, 257b; bair. die einschütt, ort wo unrat und dergl. ins wasser geschüttet zu werden pflegt; so heiszt ein platz in München: auf der einschütt. Schm. 2, 489; (dasz der schüttmeister) alle tag auf die schut gen woll und do die schut und hauffen eingleichen. Tucher baumeisterb. 58, 1; schütmeister, der der schut allenthalben wart vor den thoren und ine der stat. 57, 28.
4) schütte, ort für lagerung des aufgeschütteten getreides, speicher, schüttboden, vgl. dazu kornschütte th. 5, 1830: schütte,

[Bd. 15, Sp. 2106]


heiszt beim getraide der ort, wo man es hinschüttet. Frisch 2, 236c; schweiz. schütti schüttboden Stalder 2, 356; ob iemand getraide her in die stat schüttet und derselb nicht aigner schüt hie hat, der soll ein schüt besteen (mieten) von einem burger. Nürnb. pol. ordn. 216 (15. jh.); alle kästen, speicher, schütten und gebien lagen voll (von getreide). Garg. (1590) 109; scherren und schütten, dahin jr ewer frucht verwahret. Sebiz feldb. 13; kornsäcke ab meiner schütte. Pestalozzi 2, 170; es musz ein bauer viel korn auf der schütti haben. 4, 246; wo kein korn auf der schütte ist, da läuft auch kein mehl in den kasten. daheim 31, 342b.
5) schütte, schweiz., menge herabgeschütteten regens, regen- oder hagelschauer (vgl. dazu schütten 7, a unten): schütti, regenschauer Stalder 2, 356; d'schütti, plötzlicher heftiger regen, schlag-, platzregen Seiler 265b; die schüti, platzregen Hunziker 233. s. auch schutt 3.
6) schütte, bestimmte menge getreide als gegebener lohn und unterhalt, in hirtenschütte th. 4, 2, 1577. vgl. auch oben schutt 1, e.
7) am häufigsten schütte von soviel langstroh, als auf einmal über die tenne zum ausdreschen der körner gelegt worden ist, und nach dem ausschütten dieser aus den hülsen gerafft und gebunden wird: eine schütte stroh, fasciculus stramenti, sive stramentitius Stieler 1945; bair. die schütt, bündel ausgedroschenen, nicht zerrütteten strohes, auf welchen in der regel anderthalb garben von ungedroschenem getreide gehen. Schm. 2, 488; und helt doch so viel im fewer als ein schütte stro. Mathesius Sar. 113a; mit einer schütte stroh und hauptkissen zufrieden. westfäl. Robins. 43; zog ich ... einen halm aus einer schitte stroh. unwürd. doct. 238; zwo schütten stroh. 646; da er, von allen menschen verlassen, ausgehungert, ohne kleider, ohne bette auf einer schütte vermoderten strohes lag. J. E. Schlegel 5, 373; an seiner seite findet er ein dürftiges brod nebst einem wasserkrug, und daneben eine schütte stroh zu seinem lager. Schiller 6, 113;

so kommt in meine hütte,
da steht euch milch und brot, und eine gute schütte
von frischem stroh zu dienst.
Wieland 22, 166 (Oberon 4, 37);

ein schlechtes brot und einen wasserkrug,
und in der ecke eine schütte stroh.
Hebbel 1, 154;

ins gebirg am frühen tag
schritt ich aus des waidmanns hütte,
wo der freund auf seiner schütte
noch in tiefem schlummer lag.
Geibel 2, 77;

mit obscönem beisinn:

auch trisch ich an lerer schüt nit gern. fastn. sp. 346, 28;

man sol ausz treschen ain volle garben,
und sol ain lere schüt lassen darben,
wann ain volle garb gibt reilich korn,
an lerer schüt ist alls treschen verlorn. 748, 5;

als masztheil bestimmt: funffzehn schütten machen eine mandel, und sechzig ein schock stroh. öconom. lex. 2237.
8) schütte, in bezug auf die in büscheln wachsende krapppflanze, färberröte: sie schneiden alleyne den stengel alle jar abe, damit sie den samen davon (von der röte) haben mögen, decken darnach die wurtzel zu, und werffen auff eyne jede schütte, wo sie am besten und dickesten inn forchen stehet, zweyer finger dick erdrichs, damit das gefröst der wurtzel keynen schaden thue, und sie desto dicker auffwachsen möge. Sebiz 285. nahe rührt an diese bezeichnung die schött, in oberdeutschen gegenden bündel flachs, vgl. oben sp. 1610.
9) schütte, name des taucherhuhns, colymbus troyle Nemnich, ist wol ein völlig anderes wort; in Helgoland skütt, lumme, uria. Frommann, 3, 33.
 
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schüttegabel, f. hölzerne gabel, womit das ausgedroschene krummstroh auf der scheunentenne aufgeschüttelt wird, um die darinnen hängen gebliebenen körner herauszubringen. öcon. lex. 2237.
 
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schüttegeld, n. geld zur lösung gepfändeten viehes; niederdeutscher ausdruck, vgl. dazu unten das zweite schütten, pfänden: (dasz das mastvieh) wann selbiges auszerhalb dem bruche verstreichet ... solches keineswegs geschüttet werden dürfe, sondern ohngekränket wiederum zurückgekehret werden müsse, auch von niemand dafür schüttegeld prätendiret werden könne. Möser patr. phant. 3, 213; schüttgeld Frisch 2, 236c.
 
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schüttel, m.
1) kaltes fieber, wobei man sich schüttelt, fieberfrost, mhd. schütel wb. 2, 2, 231a: nachdem soll man jn decken, ehe denn jn der schüttel ankommt. Celsus von Khüffner (1531) 32b; bricht aber der schüttel nichts minder herfür, so soll er underm kleid mit vil warmgemachten oel begossen

[Bd. 15, Sp. 2107]


werden. ebenda; schittel, febris Aventin werke 1, 390, 22; als fluch: dasz dich der schüttel! Schm. 2, 490;

das dich der schitel angee! fastn. sp. 1000, 14.


2) gerät zum schütteln, im bairischen mühlschüttel, mehlbeutel in der mühle Schm. a. a. o., mhd. mülschütel; taratantara mulischiutele l. rennele Dief. 573b.
 
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schütteldamm, m. damm in einem graben, der zur wasserscheidung oder stauung dient. Jaeobsson 4, 70b. vgl. dazu das zweite schütten 1.
 
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schüttelfrost, m. fieberfrost, wobei man sich schüttelt.
 
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schüttelkasten, m. hölzerner kasten oder sumpf, in welchem die seifensiederlauge zu der alaune gethan wird, damit sich das alaunmehl niederschlage. Jacobsson 4, 70b.
 
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schüttelkopf, m. bezeichnung eines der die gewohnheit hat den kopf zu schütteln: desz götzen Bacchi sonderbare priester, welche sie Corybantes, das ist, schüttelköpffe nenten. anm. weiszh. lustg. 641; spöttische bezeichnung eines alten mannes: ein alter schüttelkopf, ein alter, welcher mit dem kopfe schüttelt, vor schwäche. Campe, vgl. dazu schütterkopf; bezeichnung der pfautaube, columba laticauda. Nemnich 2, 1131; in Aschaffenburg schüttelköpf, eine art klösze in sauerkraut gekocht. Schm. 2, 490.
 
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schüttelmann, m.: persönlichkeiten, die seit jahren ein geschäft daraus machten, die rüttel- und schüttelmänner an den staatlichen und kirchlichen einrichtungen zu sein. Frankfurter journal vom 1. märz 1872.
 
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schütteln, verb. heftig hin- und her bewegen, ahd. scutilôn, mhd. schütelen, schütteln, iterativbildung zu schütten (s. d.); in activer bedeutung neben dem passiven schotteln (das aber auch bairisch bisweilen für schütteln steht), vgl. oben sp. 1611.
1) transitives schütteln: quatere schutteln, schuttlen Dief. 478a; quassare scuttelen nov. gloss. 311a; schüttlen, unden auffschupfen, succutere Maaler 362d; schüttelen, quassare, quatere, bransler Schottel 1411; reimende formel rütteln und schütteln, vergl. theil 8, 1570; blosz im sinne des wiederholten hastigen bewegens: einen, etwas schütteln; eine fackel schütteln, lampada quassare Stieler 1945; eine säule schütteln, columnam succutere Steinbach 2, 526; sô nu die dünst lang gevehtent in den höhn, sô wirt ir stôzen ze letst sô stark, daʒ si auʒ prechent mit gewalt und werfent ainen perg auf den andern. mügent aber si niht auʒ geprechen, zehant so schütelnt si doch daʒ ertreich vast. daʒ schüteln ist zwairlai. daʒ ain ist, daʒ daʒ ertreich gêt wackelnd sam ein schef lanksam .. daʒ ander pidem ist, daʒ diu erd schotelt snell, sam dâ ainr den andern mit den henden schütelt. Megenberg 108, 5. 14; wen man ein stücklin fleisch in ein senf stoszet und wirft es einer katzen oder einem hund dar, so isset sie es nit gleich, sie schüttels mit den dopen (pfoten) als lang, bis der senf darvon kumpt, dann isset sie es. Keisersberg herr künig 84a; federn, betten schütteln; sprichwörtlich: man kann die streu nicht schütteln, so lang man im bett liegt. Auerbach dorfgesch. 3, 237; der gefangene schüttelt seine ketten; die knechtschaft, die ihre ketten schüttelt und dem urheber ihres elends flucht. Schiller 9, 177; körnerfrucht in einem siebe, sacke schütteln;

den dreck rütlen
und im syp herumher schütlen.
Murner schelmenzunft 11, 18;

eine wiege schütteln, bewegen, um das kind einzuschläfern:

reiche worte, breite tittel,
sind des hofes süszer brey,
und die wiege, die man schüttel,
bisz das kind entschlafen sey.
Logau 3, 208;

kleider, röcke schütteln; schüttelt den sack, so steht er strack. Garg. (1590) 75;

schüttel den kittel,
das hembd geht für. Ambras. liederb. 236, 11;

würfel, lose, den lostopf schütteln: würdest du dreust genug sein, die würfel zu schütteln, und die freche wette mit gott einzugehen? Schiller 3, 130 (Fiesko 4, 14);

jezt aber
ruft das geschick mich fort, das auf dem schlachtfeld
noch richtend sitzt und seine loose schüttelt. 13, 272 (jungfrau 3, 6);

(als das alte weib) mit dürrer hand
den loosztopf schüttelte, griff, mein verhängnis fand (wahrsagend).
Hagedorn 1, 63;

etwas zusammen, durcheinander schütteln; die sämmtlichen nationen, in den fürchterlichsten kriegen durcheinander geschüttelt, sodann wieder auf sich selbst einzeln zurückgeführt. Göthe 46, 241;

[Bd. 15, Sp. 2108]


lasz das chaos diese welt umrütteln,
durch einander die atomen schütteln.
Schiller 1, 286;

der wind schüttelt die bäume;

wie wirbelwind schüttelt das röhrich im moor.
Bürger 60a;

mich schüttelt's jetzt, doch so nur, wie der wind
den schierling schüttelt, der in blüte steht.
Hebbel 1, 239;

den kopf schütteln, vor alter denselben nicht steif halten können, caput non immotum tenere posse Frisch 2, 237b (verschieden unten 3, c);

so haben Tantals enkel fluch auf fluch
mit vollen wilden händen ausgesät!
und gleich dem unkraut, wüste häupter schüttelnd
und tausendfältgen samen um sich streuend,
den kindeskindern nahverwandte mörder
zur ewgen wechselwuth erzeugt!
Göthe 9, 45;

mit besonderem nebensinne: den speer, spiesz schütteln, in kampfmute:

räckt iergend dan der Mars den stutzkopff auch embor,
und schüttelte den spiesz, wie damals oft geschehen,
so lies insonderheit auch der sich tapffer sehen,
der herr von Rappoltstein.
Rompler 106;

einen schütteln, in zorn, oder um ihn der unbeweglichkeit oder trägheit zu entreiszen (vgl. auch einen aufschütteln th. 1, 732): nur du kleiner hauf hieltest mir den rücken frei: ich hatte mit den kerls vor mir genug zu thun. der fall ihres hauptmanns half mir sie schütteln, und sie flohen. Göthe 8, 100; wenn es wahr ist .. dasz ihr nur meine person geliebt, so zeigt es dadurch, dasz ihr das ebenbild derselben recht schüttelt, .. und ordentlich, obwol christlich, chikaniert und vexirt. J. Paul flegelj. 1, 15; er schüttelt ihn (einen anderen gewaffneten). Keller 9, 255; einen schlafenden schütteln, um ihn zu wecken;

die welt hats schütteln hoch vonnöthen,
sie ist so wunderwinzig klein.
Schubart (1825) 3, 9;

einem den säckel schütteln, verhüllend für plündern: er ... hat auff der straszen etlichen kauffleuten den säckel geschüttelt. Pauli schimpf 156a; den bauch schütteln, beim lachen: indessen bin ich doch entschlossen, diesen brief mit zu übersetzen, wollen doch einige gern ihre bäuche schütteln, nachdem sie ein wenig ernsthaft ausgesehen haben. M. Mendelssohn bei Lessing 13, 8; des teufels groszmutter aber schüttelt beim lachen die runzeln:

last mich auch schütteln die alten runzeln (Lillis spricht). fastn. sp. 902, 16;

schütteln mit unterdrücktem object: der wagen schüttelt, gewährt beim fahren keinen ruhigen sitz; das pferd schüttelt, wenn es hart trabt; das schütteln der pferde, succussus equorum Stieler 1945, vgl. dazu schüttler; ich schüttele, aber es fällt nichts aus dem sack; damit hauen sie nach dem gerechten, ob sie in fellen möchten und schlachten, das ist nicht allein tödten sondern nach ihrem mutwillen in im wülen und schüdlen. Luther 1, 531a; auf geistiges bezogen: kommt ein solcher in eine gesellschaft, so ist er ein krümchen sauerteig, der das ganze hebt .. er schüttelt, er bewegt, bringt lob oder tadel zur sprache. Göthe 36, 6; im inf. oder particip: wie mancher kan durch wagendes schüttelens (schüttelndes) lachen einen ungeraden, magenrumpeligen, därmspenstigen und bauchängistigen furtz vertreiben. Garg. (1590) 14; so lieszen wir doch nit nach .. sie mit schüttlen zu bewegen, bis sie sich endlich von selbst regte und portugesisch anfieng zu reden. Simpl. 2, 226, 35 Kurz; ein schüttelnder sturmwind. J. Paul uns. loge 1, 8;

wurgen unde rütteln,
ziehen und schütteln
mit zwangen und mit hemeren
muosten sie dô pflegen vil.
die nagel wâren über zil
getriben in des creuzes pogen (bei Christi abnahme).
H. v. Neustadt gotes zuokunft 3273.


2) aber auch, mit entsprechenden präpositionalen oder adverbialen beisätzen, durch schütteln lösen, treiben, entfernen, eigentlich und übertragen: etwas fort, weg, von sich schütteln, vgl. auch abschütteln, ausschütteln; den meidlein die agen (spreu) schütteln (ein spiel, vgl. unten schütten 1). Garg. (1590) 442; fein weit, wie unserer frantzösischen hofleut stiffel die man von füszen schüttelt. 471; die faulheit ab ihm schütteln, excutere pigritiam Dentzler 2, 257b; ich schüttle euren segen von mir. nehmt ihn zurück. Klinger 1, 26; er .. schüttelte etwas aus dem auge. J. Paul gesp. 1, 125;

eben hatte der weichende winter von stürmischen schwingen
seine letzten schaure von rieselndem hagel geschüttelt.
Zachariä Murner in d. hölle (1757) s. 5;

[Bd. 15, Sp. 2109]



er. schütte die blumen nun doch fort, aus dem schoose den rest!
sie. nun, ich schüttle sie weg, die schönen.
Göthe 1, 313;

einer wird in der welt herum geschüttelt;

heute da, herr vetter, und morgen dort —
wie einen der rauhe kriegesbesen
fegt und schüttelt von ort zu ort.
Schiller 12, 20 (Wallenst. lager 5);

einen aus den federn schütteln, aus dem schlafe empor jagen: haben wir sie aus den federn geschüttelt? Schiller 2, 97 (räub. 2, 3);

er aber kann, wie er auch stürmt und flieht,
den bangen ruf nicht schütteln aus den ohren.
Lenau Faust 94;

ein joch, dienstbarkeit, die knechtschaft von sich schütteln; den staub von seinen füszen schütteln, sinnbildlich beim entfernen: und wo euch jemand nicht annemen wird, noch ewer rede hören, so gehet eraus, von demselben hause oder stad, und schüttelt den staub von ewren füszen. Matth. 10, 14; (die juden) erweckten eine verfolgunge uber Saulum und Barnaban, und stieszen sie zu jren grentzen hinaus. sie aber schüttelten den staub von jren füszen uber sie und kamen gen Iconion. ap. gesch. 13, 51;

wie leicht der jüngling schwere lasten trägt
und fehler wie den staub vom kleide schüttelt.
Göthe 9, 163.


3) transitives schütteln in besonderen festen oder formelhaften verbindungen.
a) bäume schütteln, um die frucht davon zu gewinnen, mit anlehnung an die bedeutung oben 1: einen baum schütteln, agitare arborem manibus et corporis pondere, ut fructus decidant qui maturi sunt Frisch 2, 237b; wenn du deinen olebaum hast geschüttelt, so soltu nicht nach schütteln, es sol des frembdlingen, des waisen und der widwen sein. 5 Mos. 24, 20; als wenn man einen olbaum schüttelt, das zwo oder drey beer blieben oben in dem wipffe. Jes. 17, 6; ohne object:

du süsze pomeranze,
ich schüttle, fühl, ich schüttle,
o fall in meinen schoos!
Göthe 2, 99;

anders, und angelehnt an 2, die frucht vom baume schütteln; obst, äpfel, birnen schütteln; pflaumen schütteln Adelung; freier:

aber vollen blüthenregen
schüttelt schon der laue west.
Göthe 1, 132;

bildlich:

weil das leben reif und voll,
eine frucht man brechen soll,
und die andre schütteln.
Brentano ges. schr. 2, 593;

dann Syrier, sitz fest auf deinem thron,
sonst schüttelt Juda dich wie reifes obst.
Ludwig 3, 393;

es wäre doch immer hübscher, sagte Philine, wenn man die kinder von den bäumen schüttelte. Göthe 19, 4.
b) etwas aus dem ärmel schütteln, ohne mühe und vorbereitung hervorbringen, zufrühest auf eine predigt bezogen, und mit anspielung auf die weiten ärmel eines geistlichen, wie solche beim vortrage bewegt werden; eine predigt aus dem ärmel schütteln, sine praemeditatione, subito atque ex tempore concionem habere Stieler 1945;

das wer ein schlimmer socius,
ein grober rültz und knollius,
der nicht solt aus dem ermel fort
ein predigt schütteln.
Hollonius somnium 28, 465 neudruck;

nachher auf worte überhaupt bezogen: eine rede aus dem ermel schütteln, sine praemeditatione sermonem facere Frisch 2, 237b (der eine andere erklärung gibt: wie die markschreyer eyer in einen sack bringen, darinnen vorher keine gewesen, die sie aus dem ermel schütteln); auf jede frage, so unerwartet und unbequem sie ihm seyn mag, eine antwort aus dem ärmel zu schütteln. Wieland 6, 45; konnte ich ihm manches gedicht aufsagen, das der alte in früheren jahren aus dem ärmel geschüttelt hatte. Freytag erinn. 91; selbst von begebenheiten: darüber stiesz ich — ehre sei dem freundlichen zufalle! auf die launigste begebenheit, die er je aus seinem weiten ärmel geschüttelt hat. Thümmel 3, 182. wol angelehnt daran etwas aus dem munde schütteln:

könig. man musz sie (gesandte) wohl bewirthen
und jedem eine goldne kette reichen.
worüber lachst du? Dunois. dasz du goldne ketten
aus deinem munde schüttelst.
Schiller 13, 191 (jungfrau 1, 2).


c) den kopf, das haupt schütteln, dafür auch mit dem kopfe, dem haupte schütteln, zeichen der verweigerung, verneinung: den kopf schütteln zu etwas, quassando caput abnuere Frisch 2, 237b; darum winseln auch die geister des abgrunds,

[Bd. 15, Sp. 2110]


aber der im himmel schüttelt das haupt. Schiller 2, 185 (räuber 5, 1); sie aber schüttelte den kopf und sagte, man solle sie ruhig lassen. J. Gotthelf Uli d. knecht 322;

merkst du nicht des satans list? ...
schüttle deinen kopf und sprich:
fleuch, du alte schlange!
P. Gerhardt 136, 9;

schüttelnd drauf sein kleines häuptlein
sprach der held zu Tulifäntchen.
Immermann 12, 70;

frei, in bezug auf einen wirtlichen baum:

nun fragt ich nach der schuldigkeit,
da schüttelt er den wipfel.
Uhland ged. 61;

zeichen des zweifels, der ungläubigen verwunderung, miszbilligung auch spöttisch, höhnend gebraucht, vgl. dazu kopfschütteln und kopfschüttelnd th. 5, 1779, auch die locken schütteln th. 6, 1104: es wil ihnen nicht schmecken, schütteln die köpffe. Schoch stud. leben 60, 31 Fabricius; Spiegelberg schüttelt den kopf. nein! nein! nein! das kann nicht sein. Schiller 2, 33 (räub. 1, 2); sie sagen mir, der herr major habe immer den kopf zu ihrer regierung geschüttelt. 3, 421 (kabale 3, 1); der vater schüttelte hierüber den kopf, der oberamtmann nickte. Göthe 21, 130; der dicke ritter Wibod, der bei den versen den groszen kopf schüttelte und finster darein sah. Freytag bild. 1, 334; mochten die philister den kopf schütteln, wenn das fünfzigjährige kind im tollen übermuth des Brentanobluts manchmal ein rad schlug. Treitschke 4, 418;

sie dürfen vielmehr mich
in meiner bittern angst mit bitterm hon verlachen,
und schütlend jhren kopf mit spot
auch krumme mäuler machen.
Weckherlin 87;

du kannst nicht sagen, ich wars! schüttle
die blutgen locken nicht so gegen mich! (Macbeth zum geiste).
Schiller 13, 85;

so sasz der dumpfe forscher manche stunde,
von seinen zweifelqualen stets betäubter;
bedenklich schütteln über ihm die häupter
die alten eichen in verschwiegner runde.
Lenau Faust 20;

dafür nur schütteln: weil in der bis ins einzelne durchgeführten fabel manche widersprüche hie und da hervortreten und selbst den gläubigsten hörer schütteln und irre machen. Göthe 45, 201; die schüttelte traurig und sagte nein. Ludwig 1, 116;

denn wahrlich hab
ich sehr auf euch gerechnet ... dasz
ich allzeit offne kasse bei euch hätte.
ihr schüttelt?
Lessing 2, 209 (Nathan 1, 3);

den kopf schütteln, von mutigen, ungeduldigen rossen:

(der hengst) duldet kaum
am schüttelenden kopff das nasband und den zaum.
Rompler 127;

die ohren schütteln, vom esel:

(wir) lassen ihn als ledgen esel laufen,
dasz er die ohren schütteln mög' und grasen
auf offner weide. Shakesp. Julius Cäsar 4, 13.


d) einem die hand, sich die hände schütteln, bei grusz, im einverständnis: die hände schütteln, zum zeichen der treuherzigkeit Adelung;

traulich kam die mutter herbei und küszte sie herzlich,
schüttelte hand in hand.
Göthe 40, 334;

da schüttelt, froh des noch erlebten tags,
dem heimgekehrten sohn der greis die hände.
Schiller 12, 89 (Piccolom. 1, 4);

sei mir gegrüszt und lasz die hand dir schütteln!
Geibel 7, 48.


e) einen schütteln, vom fieber, schauer, grausen, frost: das fieber schüttelt mich Adelung; schon das wort Doria schüttelt sie wie ein fieberfrost. Schiller 3, 49; (Karl Moor) von schauer geschüttelt. 2, 162;

ein schütteln, wie vor frost, in allen bäumen.
Hebbel 1, 77;

unpersönlich: mich schüttelts; schüttelts dich? 133.
4) schütteln, reflexiv: der hund schüttelt sich, um aus seinem fell die wassertropfen los zu werden; ich fühlte meinen zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens. Wieland 20, 314; die nahen bäume schüttelten sich wie tauben süszschauernd in seinem (des nordostwinds) bade. J. Paul Tit. 2, 219; die junge nachtigall wetzte den abgefütterten schnabel am zweige und schüttelte sich lustig. 3, 41; das springt, bockt, bäumt, stöszt, rennt um mich her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt (vor ausgelassener freude). Immermann 2, 72;

schon schüttelt sich der gaul am leichten schlitten,
sein schütteln ist musik.
Schubart 2 (1787), 276;

[Bd. 15, Sp. 2111]



da nannt ich sie alle bei namen laut:
was willst du, Anne? was willst du, Beth?
da rüttelten sie sich, da schüttelten sie sich
und liefen und heulten davon.
Göthe 1, 173;

und wie in einer nacht ergraut
ein unglückselig haupt,
hat sich heut nacht das vaterland
geschüttelt und entlaubt.
Keller 9, 279;

sich schütteln, vor ekel, grauen: pfui, pfui! mir eckelt. nase, augen, ohren schütteln sich. Schiller 2, 52 (räuber 1, 3); vor einer spinne schütteln wir uns. 3, 474 (kab. 5, 1).
5) schütteln, intransitiv, geschüttelt werden, statt des alten schotteln (oben sp. 1611), selten, in alten quellen, später nicht mehr: die frau .. lachet doch das sie schüttelt. d. städtechron. 11, 694, 24; stnd er und lacht, das er schüttlet. Wickram rollw. 55, 11 Kurz.
6) schütteln statt schütten: hier wurde er erbittert, und schüttelte auf einmal das kind mit sammt dem bade aus, und fiel in meine rede. Heinse schriften (1838) 1, 253.
 
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schütteler, schüttler, m. einer der schüttelt: schütteler, schüttelerinn, mas et fœmina agitans, jactans, commovens, succutiens, quassans Stieler 1945; eine feindliche hand schüttelte den loostopf .. der schüttler der urne schrie. Klinger 1, 59; schütteler von harttrabenden pferden, succussores, succussatores. ebenda; plötzlicher regengusz, wie schütter (s. d.), im Schwarzwald: man horchte still hinaus, ob das wetter noch nicht nachlasse, das wütete aber immer toller, wie aus riesigen wurfeln schüttete es immer wieder, und jeder letzte 'schüttler' schien der gewaltigste. Auerbach dorfgesch. 3, 131; bezeichnung eines frostanfalles im fieber: schüttler, febris, quae frigore corpus concutit Frisch 2, 236b als vulgär; vergl. dazu schüttel 1; fluchend:

ey das geh dich der schütler ahn.
H. Sachs 3, 3, 8b;

flucht aber ubel in dem hoff
den schüttler, trüsz und auch die beuln. 4, 3, 11d.