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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
rühren bis rühricht (Bd. 14, Sp. 1459 bis 1470)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) rühren, verb. , prät. rührte, part. prät. gerührt.
I. Verbreitung und formales: mhd. rüeren, rüerte, ruorte; ahd. ruoren, hruoren Graff 4, 1172 ff.; mnd. rôren, alts. hrôrian; altfries. hrêra Richthofen 828b; ags. hrêran; altnord. hrra; dän. röre, schwed. röra; nld. roeren. das wort ist im goth. unbelegt, seine herkunft dunkel. Fick3 3, 86 (vgl. die zusammenstellung der sinnverwandten verba des germanischen in der zeitschrift f. deutsches alterth. 6, 7). die unumgelautete form ruhren hält sich in einigen besonderen anwendungen, s. unter 1, i. l.
II. Bedeutung und gebrauch; die alte sprache erweist sich freier und beweglicher als die spätere.
1) rühren, etwas in bewegung setzen.
a) selten in allgemeiner anwendung in neuerer sprache: rührende habe (in passivischer anwendung des part.), bewegliches gut: so mach hei sine rorende have geven, wem hei will. rechtsalterth. 483;

vil keʒʒele wart gerüeret (umgestoszen),zerfüeret manic brant. Nib. 900, 3;

den rinc begunder rüeren sâ
sô vaste, daʒ diu burc erhal. Wigal. 7259;

als abe den hôhen alben
die wilde beche rüerent
und in ir rünse füerent
stein und flinse hin ze tal. troj. krieg 35657.

der wind rührt das schiff:

ir schif mit dem segeleruorte ein hôher wint. Nib. 366, 2.

die luft rührt die vögel:

das es (das meer) die schiff so gschwind msz füren,
als die vögel der luft tht rüren.
Fischart 2, 181, 56 Kurz.

in übertragener anwendung:

ja iʒ (acc.) herza mîn ni ruarit,noh sulih balo fuarit!
Otfrid 4, 12, 20;

daʒ vervluochet sî der tac,
daʒ ich die rede ruorte! Erec 5955;

mit solcher klag ist nit zu schimpffen.
wer solche hohe klag wil rüren
und kan sie nit zum ende führen,
dem gehts wie eim, der holtz will hawen
und thut nit fleissig vor sich schawen,
hawt sich in seinen schenckel selb.
B. Waldis Esopus 4, 21, 199;

musen, die ihr ...
lehrt gesang die lerch in lüften
rührt (zum gesange veranlaszt) im busch die nachtigall. maler
Müller 2, 400.

besonders etwas rühren, das besser in ruhe bliebe, mit folgenschwerer oder unerwünschter, unerwarteter wirkung, wie an etwas rühren (unten 2, a): oder wer weisz, ob beide nicht wichtigere ursachen hatten, eine sache nicht weiter zu rühren, die sie weder gern verdammen, noch billigen wollten? Lessing 8, 405; leise, Brackenburg! du fühlst nicht was du rührst. Göthe 8, 283. in allitterierender formel: rühren und regen (vgl. unter 1, n); übertragen:

du regst und rührst ein kräftiges beschlieszen,
zum höchsten daseyn immerfort zu streben.
Göthe 41, 6.

rühren im sinne von sich rühren:

mein leib (ach dasz man mit mir weine!)
der sich vorhin so prächtig trug,
ist nun ein sack voll dürrer beine,
ohn rühren, ohn geschick, ohn fug.
Roberthin in ged. des Königsb. dichterkr. 45 neudr.


b) besonders in anwendung auf die glieder des leibes: die glieder rühren;

thô warð the gêst kuman
an thena lîkhamon;he bigan is liði hrôrian, Hel. 4101.

besonders, die glieder rühren, in eifriger thätigkeit; im kampfe:

es tâten dâ (im turney) die biderben wol,
si ruorten manlîch dâ ir lit.
Lichtenstein 315, 19.

hinweisend auf 3, a:

wie jedes glied gerührt vom sang und spiel
bewegte, regte sich.
Göthe 33, 259.

kein glied rühren können u. ähnl.: ich kann kein glied rühren, von der müh' und vom fall. 14, 81; das geschrei so vieler

[Bd. 14, Sp. 1460]


menschen, die nur um desto heftiger brüllen, je weniger sie ein glied rühren können. 29, 274; mir selbst bewuszt, nicht fähig ein glied nach seiner hülfe zu rühren. 8, 278. ohne einen finger zu rühren, ohne die geringste anstrengung zu machen. die hände rühren, in eifriger thätigkeit: ruôre dîne hende, unde brûche siê ze guôte. Notker ps. 91, 2;

hätt' ich tausend
arme zu rühren!
W. Müller ged. 1, 7.

he rör nig finger noch lipp, er war todt. Schütze 3, 308. die beine rühren, eilig schreiten oder laufen:

heiʒ in rüeren diu bein (den boten),
und mache vier tage ze zwein. Iwein 2141.

den fusz rühren:

fängt das mädchen an den fusz zu rühren,
geht zu kommen.
Göthe 2, 190.

er rüret das kinn, wenn er redet. Stieler 1642. den schwanz rühren: wenn die visch slâfent, sô rüerent si nicht wan die zägel gar ain klain. Megenberg 242, 24. die zunge rühren, beim sprechen: er kan die zunge nicht rühren. Frisch 2, 135c; wie flink sie ihr zünglein rührt; dem ersten der nur die zunge rührt, eh ichs befehle, kracht diese gezogene pistole. Schiller räuber 5, 6 trauerspiel. in gleichem sinne den mund rühren, die lippen rühren:

Daphnis, thu die lefzen rühren,
eia, nit verbleibe stumm.
Spee trutzn. 167, 29 Balke.

obscön:

nû rüerâ dû den hozel bozel vaste.
Neidhart xlvi, 17.

die flügel, die schwingen rühren:

als ob ein frembds ungwont geflügel
da auff dem wasser rhürt die fliegel.
Fischart 2, 185, 226.

übertragen: dann rührte in jedem, angeregt durch das feine verständnisz und die einwürfe des andern, eine schöpferische kraft kräftig die schwingen. Freytag 1, 45. baum und strauch rühren die äste und zweige:

wenn liebende zum stillen feste
in deinen (des theestrauches) duftgen schatten fliehn,
dann rührest leise du die äste
und streuest blüthen auf sie hin.
Uhland ged. 64.


c) werkzeuge in bewegung setzen:

er bat sie mit den henden
die ruoder vaste rüeren. troj. krieg 25281;

ergreift das werkzeug, schaufel rührt und spaten!
Göthe 41, 318.


d) instrumente zum tönen bringen:

thaʒ spil, thaʒ seiton fuarentjoh man mit hanton ruarent,
ouh mit blâsanne.
Otfrid 5, 23, 201.

in neuerer sprache das spiel rühren, rühren lassen, besonders von den kriegerischen instrumenten des militärs: wie unsere reisende unter das thor kamen, wurde das spiel gerühret, und die wache präsentirte das gewehr. medic. maulaffe 846. die trommel wird gerührt, von werbern, beim auszug ins feld, beim angriff: werde er die trompete blasen, und die kesseldrumm haben rühren lassen, und gedacht haben, nun werde der scharmützel recht angehen. Schuppius 174; aus allen gegenden des Frankenlandes eilte man haufenweise herbey, sobald nur die trommel gerührt wurde. Schiller 8, 210;

ei da, sie (die bienen) schon erbrummen,
zu feld sich stellens ein,
stark rühren sie die trummen,
die gelbe kriegerlein.
Spee trutzn. 93, 35 Balke;

(Mars) rührt die trommel auf den streit.
J. Grob versuchg. (1678) 124;

die trommel ward gerührt. mein name
ging, wie ein kriegsgott, durch die welt.
Schiller Wallenst. tod 3, 13;

die trommel gerühret!
das pfeifchen gespielt!
Göthe 8, 189;

die trommel ward gerührt, tang, tang.
Rückert 6, 134.

der sumber wirt gerüeret zum ländlichen tanze:

Gîselbreht, nu heiʒ den sumber rüeren. minnes. 2, 79b Hagen;

ich will hier an meinem ort
trompet und pauke rühren.
Claudius (1791) 2, 134.

besonders von saiteninstrumenten wie harfe, leier u. ähnl., in neuerer sprache mehr in gehobener rede: unde seîten ruôrent imo, et psallite ei. Notker ps. 104, 2; sô wil ich dir die edeln unde die süeʒen seiten rüeren. Berth. v. Regensburg 1, 138, 25; wenn man eine saite auf dem einen (saiteninstrumente) rühret, und einen gewissen ton angibt, so wird auf dem andern eben diese saite freiwillig anschlagen. Schiller 1, 165;

hörpu tôk Gunnarr,
hrœrði ilkvistum. Atlamal 63, 2;

[Bd. 14, Sp. 1461]



mit den (händen) sô ruorte er (die harfe) unde sluoc
ursuoche und notelîn genuoc. Tristan 3551;

rühre stets für gottes thron
deines dankens saitenspiel.
P. Gerhardt 91, 81 Gödeke;

o gäb' er mir die stärke, seine mächt'ge leyer
zu schlagen, die Apoll ihm gab;
ich rührte sie, dann flöhn die ungeheuer
erschreckt zur höll' hinab.
Göthe 2, 154;

wenn unter meinem fenster
er seine cither rührte. 10, 296;

wenn des künstlers hand die goldne leier
mit zartem sinne rührt.
Grillparzer 9, 146.

mit aufgabe der ursprünglichen vorstellung:

wem rühren die saiten den goldenen klang?
Arndt ged. 273.


e) das schwert rühren, im alten heldenepos; das object wird gewöhnlich nur angedeutet (vgl. unten f):

zwei scharpfiu swert an irer hant
sie in dem strîte vuorten.
ahî, wie siʒ ruorten
ûf die helme mit den slegen. Dietrichs flucht 3428;

diu scharphen swert si vuorten,
alrêste sî eʒ manlîchen ruorten. Rabenschlacht 741;

selb er den vanen vuorte
vor der breiten schar.
ahî, wie erʒ ruorte
in dem strîte. 558;

dâ vaht man wider man
sam si der tiuvel vuorte.
ahî, wie eʒ Wolfhart dâ ruorte! 749.


f) mhd. daʒ ors rüeren, mit angabe des objects:

daʒ ros ruorte er mit den sporn. Erec 4704;

(er lernte) daʒ ors ze beiden sîten
bescheidenlîche rüeren. Tristan 2104;

mit zorne si diu ors ruorten,
si kômen ûf einander gerant. Rabenschlacht 648.

mit ausgelassenem object (vgl. rennen):

mit sporn si vaste ruorten,
die die juncfrouwen fuorten. Parz. 125, 9.

völlig wie ein intransitives verbum (s. Lexer mhd. wb. 2, 530):

dô kom gein mir min her Dietmâr
von Stîr gerüeret vaste dar,
diu ors wir vast zesamen triben.
Lichtenstein 211, 24.

frei auch von einem zu fusze laufenden:

(Tristan) hæte guote war genomen,
daʒ er nâch ime gerüeret kam (der riese). Tristan 16133.


g) das schiff rühren mit rudern (s. oben 1, a):

mit dem riemen daʒ schiffe rüeren. Rosengarten 707 Hagen.

mit ausgelassenem object:

heim schiffen unde rüeren
begunde si geswinde. Troj. 15438.


h) in besonderer anwendung von quirlender, drehender bewegung: wenn man die pôn kocht und niht rüert ob dem fewr noch weget, so plœent si minner wan sunst. Megenberg 402, 20; er macht das das tieffe meer seudet wie ein töpffen, und rürets in einander wie man eine salbe menget. Hiob 41, 22. zusammenrühren, durcheinander rühren, umrühren u. ähnl. eier rühren; gerürte eyer Stieler 1642. brei, farbe, mörtel rühren. rühren, mit ausgelassenem object für buttern in Oberdeutschland gebräuchlich Hintner 198. Schmid 442. Schöpf 567. Tobler 372b. Schmeller 2, 135:

mischt und rührt es, dasz der brey
tüchtig, dick und schleimigt sey.
Schiller Macbeth 4, 3;

rührt um, rührt um, rührt um
was ihr rühren könnt! ebenda;

brannte den kaffe
über der glut in der pfann', und rührte mit hölzernem löffel.
Voss 2, 281.

im bilde:

der Themis töchter, die nie vergessen,
die untrüglichen, die mit gerechtigkeit messen,
fangen es (das vergossene blut) auf in schwarzen gefäszen,
rühren und mengen die schreckliche rache.
Schiller braut von Messina 1991 (3, 5).

im kessel rühren, im brei rühren; in jedem quark rühren (s. theil 7 sp. 2317):

mit fremden pfoten
in jedem quark zu rühren.
Wieland 18, 307.

eier in die suppe, unter die speise rühren. milch an den teig rühren. diese pulver gab mir Signora, eurer frau täglich eins in die schokolade zu rühren. Schiller Fiesco 3, 5.

[Bd. 14, Sp. 1462]



i) den acker, das feld, den weinberg rühren, ihn umgraben. grüerte hërd, umgearbeitete, umgepflügte erde. Hunziker 212. besonders bezeichnet man damit das zweite pflügen oder umgraben (s. DWB felgen theil 3 sp. 1493). öcon. lex. 2086. Schmeller 2, 135. Stalder 2, 290. Vilmar 334. Kehrein 333. Schambach 174b. Seiler 242b (s. oben ruhr, f.): ein jeder soll ein tag thun, der ackermann mit seinem pflug, der medter mit seiner segen, der schnider mit seiner scheere, und haben sie das nit, so sollen sie hacken oder rüren. weisth. 1, 688; (der meyer) wirt zum andern mal die reben umbhacken oder rüren. Sebiz feldbau 57; jm früling das hacken, wann der wein schier blühen soll, das brachen, rühren oder felgen. anm. weiszheit lustg. 112; die länderei zu rechter zeit mit fleisz lenzen, brachen, ruhren, düngen. Lennep landsiedelr. 2, 125;

drum könnt' ich ohne müh'
vom buttern, wiesen, feld, vom pflügen und vom ruhren
hier viel ins gleichnisz ziehn.
Günther 423;

sie streueten, als einen trocknen regen,
die saat, auf das gerührte land.
Brockes 6, 177.

rühren, abzugsgräben durch aufrührung des mudders reinigen. Jacobsson 3, 466b.
k) korn, stroh, heu, rühren, d. h. es umwenden und lüften: das korn rüren, erlufften, frumentum ventilare Maaler 337a (s. Schmeller 2, 135); alsdann soll man auch, nach Constantini regel, vor anfang desz hornungs die winterfrücht rüren, es sei weytzen, dünckel, gerst, bonen oder sonst hülsenkorn. Sebiz feldbau 50.
l) weidmännisch, rühren, ruhren, die lockvorrichtung des vogelheerdes (s. DWB ruhr) in bewegung setzen: so ruhret man an den ruhr-ruthen. Döbel jägerpr. 2, 258b; so ruhret man die am ruhr hängende meisen. ebenda; dasz kein ruhren oder ruhrvogel helffen will; daneben bei Döbel rohren und röhren. vgl.anruhren, DWB anrühren (theil 1 sp. 432), den lockvogel an die ruhr (s. dieses) befestigen (vergl. auch anläufern theil 1 sp. 395).
m) schweiz. rühren im sinne von werfen: en stei rüere Hunziker 212, ausschlagen vom vieh ebenda; aim aini rüere, jemandem eine ohrfeige versetzen. Seiler 242b.
n) reflexiv, sich rühren, allitterierend sich rühren und regen, zunächst allgemein, sich bewegen: rührt euch, als militärisches kommando, entgegengesetzt dem still gestanden, gestattet die bewegung der glieder, soweit nicht der mann dadurch seine stelle im gliede verläszt. in eigentlichem und übertragenem sinne: du siehst wohl, ... dasz ich mich in diesem einzigen elemente nach wunsch rühren und ausbilden kann. Göthe 19, 154; ohne darauf zu achten, dasz er (im schlafe) sich rührte und sträubte. H. v. Kleist 4, 169;

halt an und steht! nicht von der stelle! nicht
gemuckszt! der ist des todes, der sich rührt.
Schiller Turandot 3, 7;

rühr' dich, ich schlag' dir
den schädel entzwey!
Göthe 11, 25;

sie rühren sich in ihren schwarzen höhlen. 9, 48 (aus ihren schwarzen höhlen 57, 61);

der thiere zahllos heer auf zweien und auf vieren,
die sich mit flügeln, klauen, huf
und tatzen auf der erde rühren.
Arndt ged. 6.

in der negation er rührt sich nicht mehr, er gibt kein lebenszeichen mehr: Lothario ... sah, ohne sich zu rühren, in den garten hinunter. Göthe 20, 303; die gesellschaft, die sich nicht rühren sollte, begrüszend. 21, 103; ich kann mich in diesem anzuge nicht rühren;

der kluge
rührt und regte sich nicht. 40, 9;

möcht' ich mich doch nicht rühren vom platz, um zu sehen das elend
guter fliehender menschen. 233;

er höret nicht, er regt sich nicht, er rührt sich nicht. Shakesp. Romeo u. Julia 2, 1;

doch jetzt geschwind geh hin
nach Arnstein wiederum, von wo du kamst,
und rühr dich nicht.
H. v. Kleist prinz v. Homburg 5, 7.

mit unpersönlichem und unbestimmtem subject: stehen sie auf Philine! was soll das heiszen? .. es rührte sich nichts. Göthe 19, 200; es rührte und regte sich weder günstiges noch ungünstiges. 30, 97. kein lüftchen rührt sich;

thes wârun farenti,thaʒ sih thaʒ waʒar ruarti.
Otfrid 3, 4, 10;

thanne er iʒ zi thiu gifiarit,thaʒ sih ther himil ruarit. 5, 19, 34;

sô sich inder ruorte der wint. Biterolf 7493;

wie sich die sterne in loufe rüerent,
wie der himel geehset ist. minnes. 2, 246a Hagen;

[Bd. 14, Sp. 1463]



grosz geschwollen ist mein leib,
als sey ich ein grosz pauchet weib.
und rürt sich tag unnd nacht in mir.
H. Sachs fastn. sp. 1, 133, 37 neudruck;

wenn die reben wieder blühen,
rühret sich der wein im fasse.
Göthe 1, 64;

da ich noch so rede, sieh, da rühret
sich ein windchen. 2, 190;

regt sich doch kein mäuschen,
rührt sich doch kein lüftchen,
nichts, nichts!
regt sich doch und rühret sich doch nichts? 11, 175.

in engerem sinne, sich rühren von eifriger, lebhafter, thätiger bewegung (vgl. rührig, adj.): du must dî wat beter rören un nich so lei wesen. ten Doornkaat Koolman 3, 53a; rühre dich tambour. Schiller Fiesco 5, 6; diese woche wieder zwey neue kunden! wenn man sich rührt, gibt's doch immer etwas. Göthe 7, 119; führ' die passagiers herein, trag' ihnen das gepäck; rühr dich! 10, 127; ich habe gesehen, so lange einer lebt und sich rührt, findet er immer seine nahrung. 19, 20; auch das handwerk rührte sich in den häusern. Freytag bilder 114, 68; auch sie trieben politik und rührten sich bei vertheidigung ihrer stadt. 119; rührte sich die stadt festlich bei einem groszen tage ihres heiligen. 273; die alte kraft, gebändigt durch den milden christenglauben und durch die ordnung des neuen staates, rührte sich auf allen gebieten menschlicher thätigkeit. 350. es rührt sich hobel und säge;

in dem strîte sie sich ruortendaʒ sie für helde wurdn genant. Wolfdietrich DX, 77, 4;

wer wil da viel glauben glauben, wo sich keine wercke rühren.
Logau 2, 231, 129;

der markt belebt sich, straszen, flüsse sind
bedeckt mit fracht, es rührt sich das gewerbe.
Schiller Piccol. 1, 4;

frisch an das werk! rührt euch! gleich wird der divan
beisammen seyn. Turandot 2, 1;

es säuseln die winde,
es rührt sich der schiffer.
Göthe 1, 73;

sie rührt sich, die cymbeln zum tanze zu schlagen. 251;

doch soll das kleine je werden grosz,
so musz es sich rühren und regen. 2, 228;

noch ist es tag, da rühre sich der mann,
die nacht tritt ein, wo niemand wirken kann. 5, 117;

der boden rührt sich ungesäumt
im wechsel jedes jahr. 4, 133;

aber nie ist mir ein regen,
solch ein treiben, solch bestreben,
wie es heut sich rührt begegnet. 11, 262;

blitz! ich will frisch mich rühren,
und alles soll schon gehn. Shakesp. Romeo u. Julia 4, 2.


2) rühren im sinne von tangere, berühren.
a) ohne nähere bestimmung: durch die fünf auswendigen sin, die da sind: sehen, hören, riechen, schmecken und rieren. Keisersberg dreieckicht spiegel Dd 2b;

mir ist niht kunt um mannes minne rüeren.
Neidhart 17, 36;

allein im rüren steht die sünd.
Fischart 1, 169, 1431 Kurz.

was berührt wird, ist im acc. hinzugefügt: in diesem zeichen ist schädlich die jtzgenanten glidder z artzneien, oder mit eisen rüren. kalender new geordent .. Oppenheim (o. j. um 1525. Jac. Kobel) bl. D 2; und sihe der engel rüret jn (den schlafenden). 1 kön. 19, 5; und rüret meinen mund. Jes. 6, 7; und spützet, und rüret seine zunge. Marc. 7, 32; sihe, so kompt ein zigenbock vom abend her, uber die gantze erden, das er die erde nicht rürete. Dan. 8, 5; das sie jn nicht fülen, rüren, messen noch begreiffen. Luther 3, 460a; (sie) hatte den rock über der achsel hangen und stund so nahe neben mich, dasz sie mich damit rührete. Simpl. 1, 237, 18; ich rührte im aufheben den saum ihres kleides. Göthe 8, 50;

ih, quad er, infualta,thaʒ etheswer mih ruarta.
Otfrid 3, 14, 35;

ni det er thes thô bîta,hîaʒ ruaren sîna sîta;
sie henti ouh sîno ruartin. 5, 11, 21;

er gie dar tougenlîcheund ruort im sîne hant. Nib. 428, 3;

waʒ hât mich gerüeret?dâht der küene man. 428, 5;

sælig sî diu terre
alda ir lieber fuoʒ die erde rüeret.
Hadamar v. Laber jagd 92;

hat denn der teuffel abermal
ein luttheraner her geführt,
der uns den schwer am hindern rürt.
Ringwaldt spec. mundi (1590) G 4a;

können sie (die ratten) den feind so beschmeichen,
das alles verfault, was sie rüren. froschm. Oo 2a;

[Bd. 14, Sp. 1464]



mir ist gar wohl bewust, dasz kein erwünschter ding
dir (dem geschmeide) widerfahren könt, uff diesem erdenring
als wann du also nah' jhr hertze soltest rühren.
Zinkgref bei
Opitz (1624) 179;

dasz ich könt ungefehr den purpurbogen rühren (der nase).
Hamilton ebenda 177;

als eine schnelle bach,
die alles was sie rührt, zeucht hinter sich hernach.
Opitz (1690) 1, 11;

die so verzärtelt sind, dasz seiffe, zwirn und rocken
die haut kaum rühren darff.
Günther 447;

(die palmen) rühre, dein genius
gebeut es, sie vor mir.
Klopstock 1, 102;

sachte schlich sie hinan, und rührt' ihm leise die schulter.
Göthe 40, 267;

der glühnde schlüssel rührt die schale kaum,
ein dunstiger nebel deckt sogleich den raum. 41, 84;

wie larven aus der unterwelt vor andern
dem einsamen erscheinen, rührt verlass'ne
ängstlich der trauer kalte schattenhand. 10, 4;

du frische alpenrose, rühr nimmer meine hand.
Uhland ged. 327;

wer den herrn sieht, musz anbetend
mit der stirn den boden rühren.
Rückert 330.

besondere anwendungen: das weib rühren, wie berühren 2 (s. th. 1 sp. 1536): der do rürt das weib des mannes, der sterb des todes. bibel von 1483 (1 Mos. 26, 11); mnd. se spreken (de cruzebrodere), se musten neine vruwen roren. chron. d. d. städte 7, 205, 3. den schild rühren, als zeichen der herausforderung: dar wart on vororlovet, dat malk rorde einen schilt; welkes jungelinges de schilt were, de queme hervor und bestunde den rorer. 169, 11;

swelhes rîters schilt geruort wart,
der muos die êrste juste nemen. Lanzelet 5464.

den grund rühren, stranden (s. DWB ruhr, f. und oben grundruhr):

verahtung dick den boden rürt,
vermessenheyt vil schiff verfürt.
Brant narrensch. 36, 17 (vgl. dazu
Zarnckes anm.).

ein land rühren, wie berühren, es betreten; in friedlichem sinne: swanne unse man ore lant roren, so scolen se se upnemen unde bekostegen. urkunde bei Schiller-Lübben 3, 507a. ein land rühren, an dasselbe grenzen:

liut sih in nintfuarit,thaʒ iro lant ruarit,
ni sie bi iro guatiin thionon is zi noti.
Otfrid 1, 1, 77.

Capadocia rrt von auffgang Armeniam, von nidergang kleiner Asiam. S. Franck weltb. 182a. fügungen mit präpositionen: das es damit sei, als um ein sphära oder runde kugel, welche, da sie auf dem tische lieget, rühret sie nur drauf mit einem punct oder spitzlin. Luther tischreden 1, 9;

dô mîn vrouwe bluomen las
ab im (dem anger), und ir minneclîchen vüeʒe
ruorten ûf sîn grüeneʒ gras. minnes. 1, 112b Hagen.

rühren an etwas: reyt er jhm an der seiten so hart, dasz ein haut an die ander rürte. buch d. liebe 227, 1;

und im zweyten, dritten sprunge
rührt er an das hochgewölb.
Göthe 41, 229.

besonders mit der nüancierung, dasz die ruhelage durch die berührung verändert wird, dasz eine störende oder verhängnisvolle wirkung eintritt, dasz ehrfurcht, scheu u. a. von der berührung zurückhält: an solche geheimnisse sey nicht gut rühren, meinte er. Göthe 23, 233. an mit dem dativ: mein vorschlag ist also, an jenen ersten groszen situationen gar nicht zu rühren, sondern sie ... möglichst zu schonen. 19, 162;

denn aufgerichtet steht der katafalk,
ein denkmal jener ernsten festlichkeit, noch da,
und an den bau des todes rührte keine hand.
Schiller braut von Mess. 2607 (4, 8);

wenn freche willkühr an das heilge rührt. werke 11, 401;

weh' dem, der an den würdig alten hausrath
ihm rührt, das theure erbstück seiner ahnen! Wallenst. tod 1, 4;

wo still ein herz voll liebe glüht,
o rühret, rühret nicht daran.
Geibel 1, 162.

mhd. jane sol ich nimmer rüerenmit mîner hant an iwer kleit. Nib. 591, 4 (C);

erst lange siech, an den sîn âten (des ungetreuen) rüeret. minnes. 2, 214b Hagen.


b) rühren im sinne von 'sich erstrecken, mit dem äuszersten theil reichen bis zu einem punkte, angrenzen, benachbart sein': wenn gleich seine höhe in den himmel reichet, und sein heubt an die wolken rüret. Hiob 20, 6; und sihe, eine leiter stund auff erden, die rüret mit der spitzen an den himel. 1 Mos. 28, 12; und wiewol es (das scharfe schwert) auff erden

[Bd. 14, Sp. 1465]


stund, rüret es doch bis in himel. weish. 18, 16; sein (gottes) weisheit rürt von einem end bisz zum andern. Franck guldin arch 2a; an Hiberniam rüren gegen auffgang vier inseln. weltbuch 24b;

darnach ward ich gefüret
in ein cammern, die rüret
an meines liebes gaden. Hätzlerin 2, 30, 118;

zu klagen dessen tod, der an die wolcken rühret.
Logau 1, 1, 1.


c) herrühren von etwas; in neuerer sprache gewöhnlich nur in gebundener fügung: woher rührt es, daher rührt es; fragen wir denn, woher die schlechten erfolge rührten. Ranke werke 1, 17;

warumb Vesuvius kan steine von sich treiben,
woher sein brennen rührt.
Opitz 1, 22;

es mag auch dann her rühren,
dasz mancher esel noch zur festung thor und thüren
viel eher als ein pferdt eröffnet. 96;

daher rührt's,
dasz wir nur noch den halben adler führen.
Schiller Wallenst. tod 4, 3.

in freier fügung: dasz sie nicht stärker und freier sind, rührt zum groszen theil von der engen athmosphäre, in welche sie durch die etiquette gebannt sind. Freytag handschr. 2, 397;

ein sinn von wahrem schmertze,
der von der sünden rührt.
P. Fleming 22;

lasz mich hinführo spühren
kein andre liebligkeit
alsz welche pflegt zu rühren
von dir in diser zeit.
Rist himl. lieder 2, 81;

dasz sich ein wald verjünget,
dasz hie ein vogel singet,
dasz hie wird wild gespührt,
dasz bäume früchte hegen,
dasz grasz wächst nach dem regen,
von liebe solches rührt.
S. Dach in ged. d. Königsb. dichterkr. 141 neudruck.

zu lehen rühren von: darnaeh uber etlich tag empfieng herzog Karl dise hernach beschribne herzogtumbs und lant, so von dem heiligen romischen reich zu lehen rüeren. Wilwolt von Schaumburg 15; die .. in der reichsstadt Reutlingen zu erhebende .. reichssteuer .. rührt noch bis auf den heutigen tag vom reiche zu lehn. Mayer teutsche staatskunst 370 (s. oben th. 5 sp. 809 unter kirchenrecht 3 und Lexer mhd. wb. 2, 532). ganz wie gereichen zu etwas:

und kein gewinn
von solcher lösung, herr, kan dir zu nutzen rühren.
Weckherlin ged. 163.

in die hände rühren, wie in die hände fallen: rüerten si den Römern .. in die hend; aber die finster und pferd halfen in davon. Aventinus 1, 1053, 29.
d) etwas rühren, es erwähnen, anführen, sich beziehen, anspielen auf etwas, es in betracht ziehen, etwas meinen, besonders vom schriftsteller, redner, prediger u. ähnl. die neuere sprache hat diese anwendung aufgegeben: unde alse se ere werf vor deme mestere gherort hadden. quelle bei Schiller-Lübben 2, 507b, wo man weitere belege vergleiche; er hats on zweivel aus dem heiligen geiste geschrieben, und S. Paulus rürets auch. Luther 4, 18a; er (David) rüret aber hie sonderlich die sünde mit Bathsaba begangen und Uria. 3, 15a; diese zwo frucht hat Paulus gerüret. 1 Cor. 10, 159a; und was ists nütz, das ich allen dreck des teufels rüre? 482a; er rürets aber hie nur mit kurtzen worten. 5, 381b; und rhürets zwar auch hie im text. 6, 70a;

doch wil ich uf ein selec heil
kurzliche ruren ir ein deil. Elisabeth 10476;

dha iʒ dhe denesche kronica rort. deutsche chroniken 2, 467, 673;

secht, wie herr Christus so fein rürt
die wunder in der letzten zeit.
Fischart 1, 70, 2652 Kurz;

(wenn ich) aber auch hinwider rürt
der weiber vortail, die sie treiben. 2, 91, 3420;

so mus ich doch nur etwas rüren,
was sich hizu nun mag gebüren. 3, 59, 75;

wie das sant Petrus melt und rürt.
Schade sat. u. pasqu. 2, 213, 613;

als oben gerüert .. ist. Aventinus 2, 585, 3; wie Moses rüret im fünfften buch. Luther 4, 78a. die zu grunde liegende sinnliche vorstellung verblaszt leicht: als du rürest von dines hengist wegen. quelle von 1410 bei Dief.-Wülcker 826 (vergl. Schiller-Lübben 3, 507b).
e) rühren im sinne von angehen, betreffen: gleich es sich denn noch auch wohl erweisen liesze, dasz in diesen fällen alle bauren zollfrey gewesen, und der zoll blos die handlung

[Bd. 14, Sp. 1466]


mit fremder waare rühren sollen. Möser patr. phant. 1, 271. mnd. mit präpositionen: de stucke, de rören uppe de köre der borghermeistere unde radmanne, ebenso mit in und an. Schiller-Lübben 3, 507b.
f) etwas rühren, zur anklage vorbringen, mit tadel treffen (von der bedeutung d ausgehend): bei den alten poeten, ... die alle unzucht der stat Rom auf das höchste gerüert und antast, nichts dahinden lassen haben. Aventinus 1, 402, 32; nun seine und anderer leute fehler begehre ich mit willen .. nicht zu rühren. Opitz psalmen vorr. 10;

ich rüere hie manege missetât,
an der mîn sêle vil teiles hât. Renner 2320;

dar beginnet man rren
al verholene missetat. deutsche chron. 2, 64, 22.

jemanden rühren, ihn tadeln, mit verweis strafen: damit rüret er die groszen hansen und obersten im lande, und wagets fehrlich genug mit seinem predigen und schelten. Luther 3, 230a; diese Behmen halt ich für ketzer, gott erbarm sich uber sie, ich hab sie auch vielmal in meinen schrifften gerüret. 1, 211b;

meint yemant das jch jnn nit rür,
der gang zn wysen fr die thür.
Brant narrensch. vorr. 133 (mit
Zarnckes anm.);

hie mit sint narren vil gerürt,
die dieser esel mit jm fürt. 78, 34;

wo jr nit wolt ablassen
vom schentlichen und bösen leben
und zu dem guten euch begeben
und mein warnung zu hertzen führen,
so wurd ich euch, vorwar! basz rüren.
B. Waldis Esopus 4, 98, 10 Kurz.

ohne object:

zucht die rühret (rüget Ramler) und nicht nennet.
Logau 1, 222, 17.


g) heftig treffen, schlagen, lähmen: schweiz. potz grütz, du gölschnabel, hätt ich di dussa, ich wottar da garint rüra (an den kopf schlagen). Simpl. 3, 164, 27;

do hieʒ des vogetes gebot
sie mit unvuogen ruoren
und zuo dem tempel vuoren. pass. 553, 9 Köpke.

mit waffen treffen, schlagen: wölichen der bösz gaist mit dem schwert rüret, würt unsinnig und schellig. Keisersberg siben hauptsünden (1510) Aa 6a;

darvon blib im sein haut nit ganz,
wo in die scharfen glitschen hin rürten.
Gödeke-Tittmann liederb. 121;

fleuch, fleuch, weintrincker, fleuch mit eil,
das dich nit rhür fraw Venus pfeil!
H. Sachs fastn. sp. 1, 17, 120 neudruck;

Heros und Leanders herzen
rührte mit dem pfeil der schmerzen
Amors heilge göttermacht.
Schiller 11, 337;

denn auch dich, den gott der wogen,
rührte Eros mächt'ger bogen. 342.

in gleicher vorstellung, freier gewendet:

(frowe) dû rüerest mich
mitten an daʒ herze, dâ diu liebe liget.
Walther 42, 26.

den zweck rühren, das ziel treffen:

doch lg er (der schütze), und heb nit jnn grundt
noch jn die höh, sunder jnns zyl
wann er den zwäck sunst rüren will.
Brant narrensch. 75, 10.

übertragen: das rührt den grund der sache nicht. Frisch 2, 135c. freier im sinne von treffen: so bald ihn der ostwind rüren wird, wird er verdorren. Hes. 17, 10;

in (den brunnen) rüeret regen noch sunne,
nochn trüebent in die winde. Iwein 570;

der ist so nütz, wie ich bericht,
als der regen, der stüpfel rürt,
wenn man das korn hat eingeführt.
B. Waldis Esopus 2, 27, 137 Kurz;

so ist ein mensch: heut blühet er,
und morgen, wann ihn ungefähr
ein wind rührt, liegt er nieder.
P. Gerhardt 315 Gödeke.

mhd. den vîent rüeren, ihn aufsuchen und bekämpfen:

sîn êrsteʒ harnasch, daʒ er vüert,
dar în er wol di vîende rüert.
Suchenwirt 14, 14;

er rüert die vîent mit werender hant
vil dicke ûf waʒʒer und ûf lant. 18, 369.

der wein rührt das hirn, das haupt:

der wîn begunde rüeren
ir houbet dô mit sîner kraft. ges. abent. 2, 472, 204.

von wirksamer arznei:

zu hant si (die arzetîe) ruren in began. Elisabeth 3432.

[Bd. 14, Sp. 1467]


wen he had gheslapen darna unde dat one de pillen roren, so en schal he nicht mer slapen. quelle bei Schiller-Lübben 3, 507a. blitz, nach volksthümlicher anschauung auch der donner rühren einen, eigentlich schlagen ihn nieder. auch: das wetter hat ihn gerührt. besonders: wie vom donner gerührt, zur bezeichnung von lähmender überraschung, schrecken u. ähnl.: stand er bey dem portrait des seeligen herrn plözlich still, wie vom donner gerührt. Schiller räuber 4, 2 schauspiel; ich glaube zu versinken, wie vom wetter gerührt. Göthe 16, 54;

sie blieben alle verstummend
sitzen, und wie von dem donner gerührt.
Klopstock Messias 4, 102.

krankheit, seuche rührt einen; in neuerer sprache nur noch der schlag rührt einen. nd. dat rören geradezu für den schlagflusz: rören un slag kann man davon krigen. dat di dat rören. Schütze 3, 308; is he hastlike kranck geworden unde geroirt, so dat he nicht mer en sprack. chron. bei Schiller-Lübben 3, 507a; do sulves rorde de poppeltzie den pawes Nicolaum; hertigen Rumpolt rorde de pestilentie; dat en de suke rort hadde. ebenda; hd. denn der schlag rüret jn, das er nicht mehr reden kund. 1 Macc. 9, 55; vieleicht wird sie der tropff und sterbedrüs auch bald rüren. werke 6, 359a; mit der apoplexia gerührt und darauf entschlafen. Micrälius altes Pommern 5, 276; dasz der eine, so sich einsmals über ihn erbosset, gleich vom schlage gerührt worden und gestorben. wolgeplagter priester (1691) 131;

rührt sonst einen der schlag, so stockt die zunge gewöhnlich.
Schiller 11, 123.

verwünschungsformeln: dasz dich das wetter rühr u. ähnl.:

das dich potz tausent stunden rürn.
Ringwaldt spec. mundi (1590) C 5b;

ich wollt, dasz euch rührt all potz Veltn!
Opel-Cohn 19, 138.

die hand gottes rührt ihn: so werden wir wissen, das seine hand uns nicht gerürt hat. 1 Sam. 6, 9; erbarmet euch mein jr freunde, denn die hand gottes hat mich gerürt. Hiob 19, 21;

du armes Preüszen-land,
dich rührt jetzt gottes hand.
H. Albert in ged. d. Königsb. dichterkr. 263 neudruck.

gottes zorn:

nun uns gottes eyfer rühret,
und in ein solch elend führet.
P. Fleming 410.

der tod rührt ihn:

thoh inan tôd (gilaubi mir)ni sculi ruaren furdir.
Otfrid 5, 12, 38.

allgemein von leid, kummer, ungemach, unannehmlichkeit, schaden: aus sechs trübsalen wird er dich erretten, und in der siebenden wird dich kein ubel rüren. Hiob 5, 19;

so ruarta nan tho hungar.
Otfrid 2, 4, 4;

unde gab eʒ armen luten dar,
di kummer wolde ruren. Elisabeth 5065;

ein tag ich ein fuder thu ausz furen.
wie mocht mich groszer arbeit ruren? fastn. sp. 563, 35;

allene godt jn der höge sy eer
unde danck vor syne gnade,
darumme dat nu unde vort nicht mehr
uns rören mach nen schade.
Wackernagel kirchenl. 3, 566;

er wird euch führen
an den ort,da hinfort
euch kein kreuz wird rühren.
P. Gerhardt 157 Gödeke;

das gelobte reich, woselbst kein unfall rühret
eur edle seel'.
Rist Parn. 826;

den schwärmer rührt nicht leicht ein ungemach.
Göckingk 2, 200;

schmerzen, welche dich berührten,
rührten mich in gleicher strenge.
Göthe 47, 65.

das obst ist vom froste gerührt, hat unter dem froste gelitten. Albrecht 193b.
h) rührende reime nennt man nach einem meistersingerausdruck diejenigen, bei denen auch die den reimelementen vorhergehende konsonanz identisch ist: halbrürende reimen oder vers mag man also erkennen, wo man stumpffe und klingende reimen zusamenbindet und reimet, also, wenn ein klingend bindwort mit den ersten syllaben ein stumpff bundwort rüret und bindet (haben zu hab). Puschmann gründlicher bericht 21.
3) auge, ohr, gesicht, gehör rühren, sich ihnen zur wahrnehmung darbieten, auf sie wirken: die dunkeln sinne hingegen, der geschmack, der geruch, das gefühl, können dergleichen

[Bd. 14, Sp. 1468]


realitäten (angenehm wirkende), indem sie von etwas widerwärtigen gerühret werden, nicht mit bemerken. Lessing 6, 517; betäubende donnerschläge fallen nieder, blitz folgt auf blitz, und unser gesicht wie unser gehör wird auf das widrigste gerührt. Schiller 10, 181;

sah er sein gut, wie lockern schnee, zerrinnen,
der sternend glänzt, das auge blendend rührt,
doch allgemach in tropfen sich verliert.
Hagedorn 2, 173;

was in des dammes tiefer grube
die hand mit feuers hilfe baut,
hoch auf des thurmes glockenstube
da wird es von uns zeugen laut.
noch dauern wird's in späten tagen
und rühren vieler menschen ohr.
Schiller 11, 306.

die nase rühren:

man weisz, wann menschen-blut ein arzt wil distîlliren,
was für geruch dabey wird seine nase rühren.
Logau 1, 230, 61.


4) innerlich bewegen, commovere.
a) in weiterer anwendung von den verschiedensten erregungen. das herz, die seele, das gewissen rühren; das herz zur liebe rühren; und solt den leser schier die lust rüren, zu wissen, was doch der Jüden Schem Hamphoras sey. Luther 8, 114a; und so dr. Ecken der kützel zu fast rühret. briefe 1, 308; dieweilen sie jhre gewissen von ihm gerühret und rege gemachet befinden. Schuppius 521; diese gründe haben mich gerüret. Stieler 1642; anstatt dasz dasjenige, was den verstand rühret, allererst aus der überlegung folget. Winckelmann 1, 97; die erweiterung über die zahlbegriffe rühret und setzt die seele in erstaunen. Kant 6, 118; das erhabene rührt, das schöne reizt. 7, 38; von einem dinge mit lust oder unlust gerührt werden. 379; der hund unterscheidet den braten vom brode, weil er anders vom braten gerührt wird. 1, 17; alle kleinen leidenschaften, die je mein herz gerührt hatten. Göthe 10, 157; noch immer so kräftig gerührt von dem groszen. 44, 11;

he he! warumb solt ich truren,
nu rüret mich der mei.
Uhland volksl.2 (nr. 53, 1);

Hilbert der ein mahler ist, wird von liebesglut gerühret.
Grob versuchg. 56;

wenn ihn mein wahrer nutze rühret.
Drollinger 31;

zu dem, was ist ein stein (edelstein), der uns so mächtig rühret,
eh ihn der eitle mensch mit langer müh gezieret. 71;

doch was ist der, den kein geschmack beglücket,
kein Opitz rührt, und Haller nicht entzücket?
Hagedorn 1, 124;

was deine sinne rühren,
was dich ergötzen kann, das findest du allhier.
Lichtwer 174;

aber keiner, als ihr vielgetreuer,
rührte jemals ihren sinn.
Hölty 60 Halm;

so ist's ein wahrer markebrief,
den Schramm und Franke (nachdrucker) führt;
weg ist, was aus dem hafen lief,
wenn sie die ladung rührt.
Göckingk 2, 35;

hat, von ihrem reiz gerührt,
zu des Orkus schwarzen flüssen
Pluto sie hinabgeführt?
Schiller 11, 200;

doch wem wenig dran gelegen
scheinet, ob er reizt und rührt.
Göthe 1, 40;

schüler macht sich der schwärmer genug, und rühret die menge.
Göthe 1, 352;

nun denn, bei gott! — der umstand rührt dich nicht (macht dich nicht besorgt)?
H. v. Kleist prinz von Homburg 3, 1.

es rührt mich nicht, es läszt mich kalt, gleichgültig, kümmert mich nicht: ja, diese berge waren einstmals von wellen bedeckt; ob vor oder während der sündfluth, das konnte mich nicht rühren. Göthe 26, 61; mich aber rührte das nicht weiter. 25, 309; ich gab, ohne mich hierdurch weiter rühren zu lassen, das zweyte stück meiner beiträge heraus. 54, 304;

es reitzt mich kein berühmter tittel,
es rührt mich weder hoff noch pracht.
Günther 197;

doch mich, die all diesz herrliche vollendet,
mich rührt es nicht das allgemeine glück.
Schiller jungfrau 4, 1.


b) häufiger in verengertem sinne, zu sanften empfindungen, zur trauer, wehmuth, mitgefühl bewegen, erweichen, erschüttern. zu thränen rühren, vergl. unter c rührend und gerührt, ferner rührstück, rührung: wenn er nun kommt, meine besten, so sucht sein herz zu rühren. Göthe 14, 13; er wird .. bei gewissen stellen so gerührt, dasz er heisze thränen weint. 19, 173; die erinnerung an Marien rührte mich. Arnim Hollins liebel. 62 Minor; der bettler muszte rühren durch klägliches aussehen und traurige geberde. Freytag bilder 18, 414;

[Bd. 14, Sp. 1469]


antthat themu godes barne
hugi warð gihrôrid,hête thrahni
wôpu awêllun. Heliand 4073;

weinonnes smerzaso ruarta mo thaʒ herza.
Otfrid 4, 18, 40;

thaʒ ungimah so ruartathie sine selbes friunta. 3, 24, 70;

verlassen (desertae Germaniae) er sich dein annimbt,
von gott ins herz gerühret. lied v. 1629, anz. d. germ. mus. 1865 sp. 58;

sehr michs rühret
und entschnüret,
schier in zähren ich ersauf.
Spee trutzn. 219, 94 Balke;

der maler war beschämt gerühret,
und sah den kenner kläglich an.
Gellert 1, 121;

du aber, den der schmuck der grauen haare rührt.
Lichtwer 202;

wie rührt dich nicht ein gröszrer schmerz. 35;

vater, will ich sagen,
das hat ein freund für seinen freund gethan.
es wird ihn rühren.
Schiller don Carlos 5, 3;

aber du bist mild und gütig,
und dich rührt der liebe schmerz. werke 11, 341;

wie oft hab' ich die herrliche (die heil. Maria) gesehn
in ihrem glanz, die inbrunst der verehrer —
es hat mich nicht gerührt. Piccol. 3, 3;

o königin! dein herz hat gott gerührt,
gehorche dieser himmlischen bewegung! M. Stuart 2, 4;

alles hab' ich mir
gesagt und ins gedächtnisz eingeschrieben,
wie ich sie rühren wollte und bewegen. 3, 3;

hat dieser auftritt euch im innersten
gerührt, bewegt, noch mehr, erschüttert.
Göthe 11, 336;

ach dein so zartes klagen
rührt alles, fräuelein,
schwellt auf die heischre quelle,
erweicht den kieselstein. maler
Müller 2, 329;

tugend nicht, noch geistesgabe
den eigensinn des schicksals rührt.
Gotter 1, 5;

rührt durch käs' und wolle sein herz.
Voss 2, 192;

wol keinen der Danaer sahe man jetzo
thränenlos; so rührten der göttinnen helle gesänge. Od. 24, 62;

es gilt uns heut, zu rühren des königs steinern herz.
Uhland ged. 390;

und die altbetretnen stege
rühren neu mich jedes mal. 55;

vor allem aber rührte dich die milde
des edeln Sifrids, Giselhers, des jungen. 129;

weh mir! deinen stolzen willen
rührte nie die fremde pein.
Platen 7a;

so rührten meine liebesklagen,
zwar nicht mit willen, deine brust. 11a;

ich bin die weise, die dich rühret,
ich bin das wort, das zu dir spricht.
Geibel 3, 125.

medial: der fühlt ein menschliches rühren,
läszt schnell zum throne sie führen.
Schiller 11, 289.


c) besonders erscheinen in den bedeutungen a und b, gewöhnlich in letzterer, die participia rührend und gerührt.
α) rührend, in allgemeinerer anwendung: auf diesem wege begegneten mir 3 frauenzimmer, welche mich rührend (wol medial: lebhaft) grüszten und gegen mich zu scherzen anfingen. avanturier 1, 163; in die muskeln legten sie eine schnelle wirkung und regung .. die sägförmigen muskeln in den seiten sind unter andern erhabener, rührender und elastischer, als in der natur. Winckelmann 4, 105 (s. oben rührende habe unter 1, a). rührend innerhalb des bedeutungsgebietes von 3, a: folget nicht daraus, dasz die schönheit der griechischen statuen eher zu entdecken ist, als die schönheit in der natur, und dasz also jene rührender, nicht so sehr zerstreut, sondern mehr in eins vereiniget, als diese ist. Winckelmann 1, 20; meine landschaften hatten .. noch zu zerstreutes licht, keine rührende hauptwirkung. S. Gessner 2, 219; der regenbogen, der mit einer rührenden pracht über dem gesichtskreise steht. Kant 6, 56; es ist das gefühl der unangemessenheit der einbildungskraft für die ideen eines ganzen .. wodurch die einbildungskraft in ein rührendes wohlgefallen versetzt wird. 7, 103. besonders aber ist rührend, was zu weichen empfindungen, mitgefühl, wehmuth, thränen bewegt: eine rührende geschichte, rührender abschied, ach wie rührend! u. ähnl.: so wird sie (die geistliche beredsamkeit) auch in ansehung des groszen, des erhabenen, des rührenden, den vorzug vor der weltlichen davon tragen können. Gellert 5, 276; bemühen sie sich, an statt erhaben dunkel, an statt neu verwegen, an statt rührend romanhaft zu schreiben. Lessing 3, 206; abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden lustspiele. 4, 109; der abschied war kurz und rührend. Hölty 226 Halm; vor allen

[Bd. 14, Sp. 1470]


gattungen der rührenden und unterrichtenden poesie. Schiller 2, 4; in ernster rührender stellung vor der todten verweilend. Fiesco 5, 13 (bühnenanweisung); die geschichte des unglücklichen Dom Karlos und seiner stiefmutter der königin, ist von den interessantesten, die ich kenne, aber ich zweifle sehr, ob sie so rührend als erschütternd ist. Schiller 5, 1, 2; er bringt uns um das rührende bild eines vaters, eines liebenden gemahls. 6, 86; mitten aus der wahrsten und rührendsten situation werden wir durch ein salto mortale in eine opernwelt versetzt. 90; die zum opfer bestimmte Iphigenia gesteht mit rührender offenheit, dasz sie von dem lichte der sonne mit schmerzen scheide. 10, 152; es sind eigentlich nicht die sogenannten rührenden stellen .. es sind, wenn ich mich deutlich ausdrücke, die schönen stellen. Göthe 19, 173;

fiel mir ein weiblich bildnisz in die augen,
von rührend wundersamen reiz.
Schiller M. Stuart 1, 6;

eurer thaten verdienst meldet der rührende stein. werke 11, 86;

knabe schien ich, ein rührendes kind.
Göthe 1, 316;

recht rührend wars, ein stein erbarmte sich.
Uhland ged. 168.


β) gerührt: er war tief gerührt;

und gerührt zu der herrscherin füszen
stürzt sich der menge freudig gewühl.
Schiller 11, 295;

schöne göttin! enthülle dich mir, und täusche, verschwindend,
nicht den begeisterten sinn, nicht das gerührte gemüth.
Göthe 1, 315;

sei fruchtbar, o teurer boden,
ich segne dich mild und gerührt.
Chamisso 1, 142;

du guter, hast in meinen finsternissen
theilnehmend und gerührt auf mich gesehn. 2, 73.

katachretisch: gerührter abschied; so fiel sein plötzliches gerührtes verstummen auch andern auf. J. Paul Hesperus 1, 139; seine achtung nahm .. eine gerührte wärme an. 2, 174.
 
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rührer, m. miscens, agitans. Stieler 1643. der berührer: dar wart on vororlovet, dat malk rorde einen schilt; welkes jungelinges de schilt were, de queme hervor und bestunde den rorer. chron. d. städte 7, 169, 12; der kornrürer, ein schrannenknecht in Augsburg, der das korn lüftet (s. DWB rühren 1, k). rührer, der rührlöffel Tobler 372b. Hintner 198; muesrüerer Schöpf 567. mundartlich das einmalige rühren, bewegen: einen rührer, ein rührerle thun, eine bewegung machen. Hintner a. a. o.
 
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rührfasz, n. butterfasz: rührfasz vas subactorium Frischlin nomencl. cap. 120. Stalder 2, 290.
 
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ruhrfrichte, f.: lenzfrichte, brachfrichte, ruhrfrichte weisth. 3, 510. es sind termine der pflugarbeit, s. Lexer mhd. wb. 3, 505, oben ruhr und rühren.
 
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rührgabel, f. gabelförmiges werkzeug zum umrühren.
 
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ruhrgerte, f. gerte oder ruthe, an welcher der ruhrvogel befestigt ist, s. oben ruhr. Jacobsson 3, 467a.
 
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ruhrhacke, f. zweite umpflügung der felder. weisth. 1, 698.
 
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rührhaken, m. ein hakenartiges werkzeug, womit in hüttenwerken die schmelzmasse gerührt wird. Jacobsson 3, 467a. hierzu als dim. rührhäklein: jedoch solstu das silber .. auf dem schirben einmal oder zwei mit einem glüenden eisern rürhäcklein umbrüren. Erker beschreibung aller fürnemsten mineralischen erzt und bergwerksarten (1580) 35a. rührhaken, ruhrhaken, ein hakenpflug zum rühren, ruhren des ackers. öcon. lex. 1891.
 
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ruhrhart, adv. dicht an, dicht dabei (s. oben ruhr 1):

da wir zween diese nicht recht haben können hegen,
und ist doch zwischen uns, uns ruhrhart angelegen.
D. v. d. Werder Ariost 27, 61, 6.


 
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rührholz, n. stück holz zum umrühren. Jacobsson 3, 467b. ein rührholtz, spatha, rudicula, rudes. Frischlin nomencl. cap. 120.
 
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rühricht, n. zusammengerührtes, gemisch; besonders in der sprache der küche: rühricht von mehl und eiern.