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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ruhr bis rühreln (Bd. 14, Sp. 1457 bis 1459)
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[Bd. 14, Sp. 1457]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ruhr, f. nomen actionis zu rühren, mhd. ruore, ruor, ahd. ruora für hruora Graff 4, 1178, alts. hrôra, mnd. rore, ror, mnld. roere Kilian. das ags. und altnord. bieten nichts entsprechendes, dän. röre, schwed. röra scheinen aus dem nd. entlehnt zu sein, im gothischen ist der stamm unbelegt. in der zusammensetzung aufruhr ist das wort in das männliche geschlecht übergetreten (s. theil 1 sp. 714). das gleiche begegnet vereinzelt bei ruhr: schweiz. der ruhr, schlag, streich Stalder 2, 290. am ruhr (an der lockvorrichtung des vogelheerdes, s. unten 4) Döbel jägerpr. 2, 258b:

das muos man in wol durkochen,
das ainr (waldschwester) der ars nit werd zerbrochen
mit ainem ruor und susz (sonst) von zwang. teufels netz 5853.

der auslautende vocal hat sich mundartlich besser gehalten als in der schriftsprache: ruhre, rühre Stalder 2, 290. die beweglichkeit, mit welcher in alter sprache das substantivum der bedeutungsausbreitung des verbums folgt (s. mhd. wb. 2, 1, 815b ff. Lexer 2, 549), ist verloren gegangen bis auf spuren im älteren nhd. und den mundarten; in der beschränkten anwendung wird der zusammenhang des wortes mit rühren zum theil nicht mehr unmittelbar empfunden.
1) reste der alten, allgemeineren bedeutung von ruhr, die höchste gunstbezeugung der liebe: darumb nit lang vergieng, beider lieb beidenhalb ein genügen geschah und mit einander die letzt rr der lieb verbrachten. Bocc. (1535) 32a. ruhr war ein fechterausdruck, den erfolgreichen hieb bezeichnend (s. Lexer 2, 550. Zarncke in der Germ. 4, 422 anm. 3, oben blutruhr th. 2 sp. 189, kampfruhr th. 5 sp. 155): ein loser fechter ist es, der nur in die lufft schlegt, nein, treffen sol er, und dem widerfechter ein rure uber die andern geben. G. Wizel postille (1539) bei Vilmar 334 (vgl. noch schweiz. der ruhr, schlag, streich Stalder 2, 290 und unten rühren 2, g). die höchst röhr:

als offt einer ein schlagen thut
auff die höchst röhr, und das es blut.
Wassmannsdorff sechs fechtschulen 13 (von 1574).

die rote ruhr (in anderer bedeutung s. unter 2) bezeichnet den 'blutigen': fechterisch, wo man um eine rote ruhr ficht, das man das blut kan sehen nicht. Olorin ethogr. 1, E 2b. in freierer anwendung:

nun ist doch schier kein fluch noch schwur,
dar in man got nicht geb ein rur. fastn. sp. 1291;

das ander schwert ist das schwert des neids, stracks so du die erst rr des teufels empfangen hast, die hoffart, so geet dise ander rr hernach. Keisersberg sieben hauptsünden (1510) Aa 5a; sehe ein yeder wie er in diser christlichen fechtschl aufhebe, und das krentzle gewin, dasz jm nicht ein rr werde, ehe er das maul wisch. S. Franck verb. buch (1559) 3a; weder die Samniter .. weder auch die Persier und der ganz aufgang der sunnen haben so oft dem römischen reich ein ruhr geben (wie die Deutschen). Aventinus 1, 583, 29. übertragen, wie jemandem einen stich geben: unnd gibt guten fräuwlein auch ein ruhr, dann sie ja nicht gar katzenrein sind. Bocc. (1601) 1, 114a. ruhr, auffahren, strandung eines schiffes (s. oben grundruhr und vergl. unten rührung):

des würt uns bald eyn böse rr,
dann uns bricht mastboum, sägel, schnr.
Brant narrensch. 108, 104.

zu ruhr an, dicht an: so stend unser heuser z rhr aneinander. Wickram nachb. 77b; darumb wenn er (der schlechte schütz) schieszen wolt, so gieng Diogenes hin und satzt sich zrr an zwäck. Diogenes G 8a; do kam ein grusamer groszer vogell zrr uff uns (direct auf uns los) geschossen, das wier meinten, er welte ein oder bed hinweg tragen. Th. Platter 12 Boos; im reiten der chanen, herrn und dienern, so sich zu ruhr hinter dem könige befunden, wurde keine ordnung gehalten. pers. reisebeschr. 4, 43, s. weitere belege bei Zarncke Germ. 4, 222 anm. 3. Frisch 2, 136a. vergl. mnd. to rore an, rore an Schiller-Lübben 3, 506b; sien land ligt ror digte bi minem. brem. wb. 3, 528; hê wând'r rr an. ten Doornkaat Koolman 3, 53a, vgl. Frischbier 2, 238b. mit genitivischem s: rors daran, gerad dabey, juxtim. Maaler 338d; es war aber der gart rurs an der margrefin von Schiffri behausung. Zimm. chron. 3, 247, 6; also das der gaist den kopf an des grafen haupt zu ruors gehapt. 4, 180, 19, nd. rrs nâ Woeste 218a. ruhr im sinne von heftiger bewegung, in engerer bedeutung soviel wie aufruhr: aber ihm von freyen stücken seine untertahnen verhetzen und in die ruhr bringen, zeucht böse consequentz nach. Butschky Pathm. 888. nd. roor, aufruhr, tumult, lärmen: alles is in repp un roor. brem. wb. 3, 528, vgl. ten Doornkaat

[Bd. 14, Sp. 1458]


Koolman 3, 52b; he is all in de rör, er ist schon aufgestanden; de pokk is in de rör, die blattern sind im gange; dar sunt vele frouwen in de rör, viele frauen sollen ins wochenbett kommen. brem. wb. 6, 259.
2) ruhr, die bekannte krankheit, eigentlich die schnelle bewegung im leibe. man unterscheidet die wässrige oder weisze ruhr (dy rore da nicht blut bij ist und dy kost ist gedaut, diarrhoea Dief. 179c), die rote ruhr, blutruhr, dysenteria 185c (s. oben unter rot sp. 1289), die speiseruhr, lyenteria (die ungedowte rur Dief. 329a). übertragen auf andere krankheitserscheinungen in brechruhr, harnruhr. dimin. 's rüerli durchfall, auch gefährlicher, bei einem kinde. Seiler 242b. in älterer sprache auch identisch mit durchfall: ist guot zuo der ruor, daʒ diu verstê, und zuo dem roten fluʒ. Megenberg 82, 35; wer des leibs ruor oder hinganch hab ze vast, der koch des paums früht mit regenwaʒʒer oder mit wein, dem wirt paʒ. 325, 26; des leibes ruor oder daʒ hinlaufen. 340, 14; da gewan er die rure, daran starp er. deutsche chron. 2, 295, 3; so vil der blmen, als vil man mit dryen fingeren begreiffen oder fassen mag, heilet die rot rr. Maaler 338d; er starb jemerlich an der rotten ruer. Aventinus 1, 239, 27; fur die rot rur, oder den rotschaden und blutgang, gebet in rotem wein, gedörret und zu pulfer zerriben hasenblut, oder pulfer von menschenbein ein. Sebiz feldbau 81; die rr oder bauchflusz, durchlauff da die speisz also unvertöuwet durchgadt. Gäbelkhover arzneib. (1599) 243; ist die kräze darum weniger krankheit, oder die ruhr darum gesundheit? Schiller 1, 163;

ich furcht, er hab die roten rur. fastn. sp. 63, 32;

nit weit von Rom da stiesz in an die rure.
H. Sachs meisterl. 259, 12 Gödeke;

kan auch die roht ruhr vertreiben,
kein zahnweh vor mir kan bleiben.
Ayrer fastn. sp. 41b (2542, 25 Keller);

da schon die rohte ruhr zu wühlen angefangen.
Reinh. v. Freientahl spazierw. (1700) 123.

auch von thieren: perdt dat de rore hefft. quelle bei Schiller-Lübben 3, 506b. rothe ruhr der bienen. Overbeck bienenwörterbuch 70.
3) ruhr heiszt die zweite oder dritte umpflügung des feldes, behackung des weinberges (vergl. DWB rühren 1, i), s. Lexer 2, 550. Dief.-Wülcker 825. Vilmar 334: die andere ruhr thun, tertiare Stieler 1643. zeitschr. für d. philol. 17, 447; denn alle nasse ruhr über winter und sommer ist, wie obgedacht, sehr schädlich. öcon. lex. 2087.
4) ruhr, ein ausdruck der weidmannssprache: ruhr oder rudel, ist ein vogel, der an einem stecken, oder an ein sail angebunden wird, und darzu dienet, dasz er die andere zu dem garn hinzu locken solle. adelicher zeitvertreiber 3, 5 (s. DWB rühren 1, l, ruhrvogel). zur erklärung wird man von dem mhd. jägerausdruck ruore, brackenseil, koppel der jagdhunde auszugehen haben, der auf die fesselvorrichtung des lockvogels übertragen wurde. für die mhd. sprachepoche vgl. über das viel umstrittene wort Lexer 2, 549. mhd. wb. 2, 1, 816a. zeitschr. für d. alterth. 11, 266.
 
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ruhralant, m. inula dysenterica, eine pflanze, die als heilmittel gegen die ruhr verwandt wurde. Oken 3, 778. s. DWB ruhrkraut.
 
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rühran, adv., nd. rran, s. DWB ruhr 1.
 
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ruhrartig, adj. der ruhr ähnlich: ein ruhrartiger durchfall.
 
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rührauf, m., imperativische bildung (vgl. unten rührum); im sinne von verwirrung, unordnung, aufruhr: ob dann schon etwan ein kolbsrotz einen newen rurauf machen welte, so thet man ime ufs maul. Zimm. chron. 4, 54, 19. nd. als scherzhafter name Hans Rörup, der alles in unordnung bringt.
 
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rührbar, adj. Stieler 1644, der berührung, bewegung, besonders der rührung zugänglich: dasz sie (die Franzosen) mehr physisch als moralisch rührbar seien. Schiller an Göthe 453;

vor einem auserles'nen kreis,
der rührbar jedem zauberschlag der kunst
mit leisbeweglichem gefühl den geist
in seiner flüchtigsten erscheinung hascht.
Schiller Wallenstein prolog.


 
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ruhrbeerstrauch, m. cornus mas, kornelkirche. Pritzel-Jessen. die beeren wurden gegen diarrhoe verwandt. Tabernaemontanus (1664) 1460 E ff.
 
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rührbesen, m. der rührlöffel. Schöpf 567. vergl. bairisch muesbêsl Schmeller 1, 289.
 
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rührei, n. speise aus gerührten eiern, in demselben sinne rüheier. rührey frauenzimmerlex. 2, 2954 (1773): rühr-ey, eine art eyerspeise, welche mit butter zugerichtet wird, und viel nahrung giebt. Kindleben studentenlex. (1781) 177. nd. rörei

[Bd. 14, Sp. 1459]


brem. wb. 3, 530. übertragen, von einer gemischten gesellschaft: dat was en rechten rörei. Schütze 3, 309;

phraseologie, die im kopf mir blieb aus einem tragödienrührei.
Platen 258.

das wort scheint nach der bemerkung bei Adelung aus dem niederd. ins hochd. gedrungen zu sein.
 
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rühreisen, n. schürschaufel zum auflüften der brennenden kohlen. Frisch 2, 136a. eiserne stange zum umrühren von schmelzmasse. Jacobsson 3, 467a. 7, 122a.
 
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rühreln, rührlen, verb., iterativbildung zu rühren: geld in der tasche rurlen, durcheinander rühren. Birlinger wörterb. z. volksth. aus Schwaben 78.