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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
retten bis rettigkraut (Bd. 14, Sp. 825 bis 828)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) retten, verb. , prät. rettete, liberare, eripere e periculo.
I. Herkunft, formales. das verbum ist den westgermanischen sprachen gemeinsam. ahd. retten, altfries. hredda, ags. hreddan, engl. to rid, mnd. redden, ebenso nld. später dringt das verbum

[Bd. 14, Sp. 826]


auch in die nordischen sprachen: dän. redde, schwed. rädda. vgl. oben th. 3, 945. die ursprüngliche bedeutung scheint zu sein eripere, aus der gefahr reiszen. so berührt sich das wort mit altn. hraðr, ags. hræd, ahd. hrat, adj. velox, strenuus Graff 4, 1150. dieses anschauliche, sinnliche element des begriffes tritt in ahd. glossierungen noch lebhaft hervor: irrettan glossiert excutere in folgenden beiden stellen: egrediar sicut ante feci (spricht Simson), et me excutiam (Judic. 16, 20) Steinmeyer-Sievers 1, 386, 53; nos pavidi trepidare metu, crinemque flagrantem excutere (des Julus) (Virgil Aen. 2, 685) ebenda 2, 650, 67. das perfectum mit umlaut: ahd. retita Graff 2, 471, mnd. redde, nhd. rettete; partic. ahd. giretit, mhd. gerettet; aber mhd. besonders ohne umlaut: ratte, vgl. part. arratte erepti Graff 2, 472; von nôtdurften ire erratte er sie. Windb. ps. 106, 6;

hete in Menelâus niht gerat,
er wær gar undergelegen.
Herbort 9936;

die ratten die bûren mit iren triwen. d. städtechr. 4, 88, 17.
II. Gebrauch.
1) aus drohender, oder schon hereingebrochener gefahr befreien.
a) ohne object:

vâh hie! rett dâ! stich unde slah! (ruf im turnierkampfe).
Suchenwirt 9, 183;

der turnei ...
... lêrt ouch retten unde slahen. 30, 221.

als hülferuf in älterer sprache rettâ und rettio (s. letzteres unten);

es trib jhn heim der brand,
da war kein retten mehr.
C. Kirchner bei
Opitz (1624) 184;

alles rennet, rettet, flüchtet,
taghell ist die nacht gelichtet.
Schiller 11, 311;

dich schreckt kein sturm, wenn es zu retten gilt. Tell 3, 3.


b) mit dem accus. eines objectes.
α) einer person: ahd.

wio wuntarlîcho er uns gihalf,thô man thiʒ in inan warf,
ginâdlîcho unsih retita,thô thiʒ man imo sitôta.
Otfrid 4, 25, 3;

mhd. kumt der übel tiuvel her, ich wil dich lân,
ê daʒ ich rette. minnes. 1, 151b Hagen;

nhd. gib uns sieben tage, das wir boten senden in alle grentze Israel, ist denn niemand der uns rette, so wollen wir zu dir hin ausgehen. 1 Sam. 11, 3; einen kaumerlich retten unnd schirmen. Maaler 331a; es ist eine undankbare arbeit, wenn man ketzer retten soll, wie es diese verfasser in ansehung der allgemeinen orthodoxie des geschmacks sind, gegen die sie sich auflehnen. Göthe 33, 10; den geretteten rettern (den unverletzt aus den befreiungskriegen heimkehrenden). J. Paul herbstblum. 3, 99. reflexiv sich retten: rette sich, wer kann; sich durch die flucht retten;

Gronsfeld wird auch nicht retten dich (Cöln)!
Opel u.
Cohn 315, 24;

ihn (den piloten) zu retten
bot ein vertrauter ihm die hand.
Gleim 3, 180;

zurück! du rettest den freund nicht mehr,
so rette das eigene leben!
Schiller 11, 288;

du rettest den verbrecher nicht, zu dem
du dich gesellst.
Göthe 9, 51;

sein freies herz
ergab sich ganz der freude, ganz der lust,
dich seine retterin und mich zu retten. 70;

'sie ist gerichtet!' ist gerettet. 12, 247.


β) mit dem accusativ eines unpersönlichen objectes: ehre, leben, freiheit, vermögen retten; das vaterland, eine festung retten. mit dem dativ einer person: jemandem die ehre retten; mhd.

der keiser dô nû alle mant
unt sagte in, die Unger wolden in daʒ lant,
daʒ sie nû hulfen retten rœmesch rîche. Lohengrin 1944;

swer helfen welle die kristenheit
retten, der gedenc waʒ marter durch uns leit
got unde wier mit sînem bluote uns lôste. 2668;

nhd. wollen wir ... uns nicht wehren wider die heiden, unser leben und gesetz zuretten, so haben sie uns leichtlich gantz vertilget. 1 Macc. 2, 40; ich habe droben ... ablasz gehabt, einige exempel von dergleichen vor veraltet angesehener wörter zu untersuchen und zu retten. Breitinger forts. der crit. dichtkunst 205. ebenso sagt man eine lesart, eine auffassung, ein system retten;

sie (die kellerin) hatz doch selbert pracht an mich,
da müest mein manheit retten ich.
H. Sachs fastn. sp. 6, 35, 231 neudruck;

heut' noch werd' ich ihn
auffordern, seinen leumund vor (coram) der welt
zu retten.
Schiller Piccol. 5, 3;

[Bd. 14, Sp. 827]



du rettest gern, so lang du kannst, den schein. Wallensteins tod 2, 1;

ach Schrewsbury! ihr habt mir heut das leben
gerettet, habt des mörders dolch von mir
gewendet. M. Stuart 4, 9;

wie ein fähnrich, wund und blutig,
sein banner rettet im gefecht.
Uhland ged. (1843) 132.

reflexiv: nd. de sake reddet sik wol sulvest, sie kommt schon von selbst wieder in ordnung. brem. wb. 3, 458.
c) mit näherer angabe des gefahrdrohenden.
α) schon im ahd. wird die präposition fona gesetzt:

thier fon then freison retita.
Otfrid 3, 8, 49;

nhd. so wird er, der herr unser gott, unser blut retten, von unsern feinden. Judith 8, 17; rette mich von meinem widersacher. Lucas 28, 3; ein haus vom feuer retten, die leute vom wasser retten. Steinbach. in der neueren sprache ist der gebrauch der präposition von nicht so gewöhnlich wie der von aus und vor: dies verhindert die mögliche entdeckung des betrugs und rettet uns von den verfolgern der gerechtigkeit. Klinger 5, 119; rette mich von dem gedoppelten meineid, von der unübersehlichen schande. Göthe 10, 102. ostfries. fan de dôd redden ten Doornkaat-Koolman 3, 19b;

und rette mich, die du vom tod errettet,
auch von dem leben hier, dem zweiten tode.
Göthe 9, 5.


β) mit der präposition aus, wenn das zu rettende schon von dem übel erfaszt ist: jemanden aus den flammen, aus den wogen retten, aus der gewalt des todes, aus der not, aus den klauen eines wilden thieres.
γ) retten vor etwas, das dann erst als etwas bedrohendes vorgestellt ist: rette mich vor der schimpflichen beschämung, vor dem nahen untergange u. ähnl.; zu welchem fürsten soll ich mich wenden, der mich vor diesen schändlichen absichten rette? Göthe 34, 311;

vor kälten grosz die waichen händlein retten. epithalam. Marian. (1659) bei
Schm. 2, 175.


δ) mit anderen präpositionen. gegen und wider: unser verstand vermag nicht, sich wider die ungereimtheiten zu retten. Kant 10, 132; er vermag diese festung gegen die übermacht der feinde nicht zu retten; land und leute wider den feind retten. Schm. 2, 175. ags. hreddan wið mit in: wer rettet uns in der not?
ε) mit dem genitiv, im nhd. nicht gebräuchlich: mnd. de cristenen redden sik beide des vures und der viande. Lüb. chron. 1, 310 bei Schiller-Lübben 3, 438a. vgl. DWB erretten mit dem genitiv th. 3, 945.
ζ) mit angabe, wohin man das object flüchtet: die habseligkeiten vor dem feinde in die wälder retten; aus dem meere sich ans gestade retten, sich in ein haus retten; wenn er sich bei zeiten zu frischen jungen männern gesellt, und sich aus seiner immer mehr sich verdüsternden lebensansicht in gesellschaft glücklicher jugend gerettet hätte. Göthe 45, 101;

vom altar
risz mich die göttin weg und rettete
hierher mich in ihr eigen heiligthum. 9, 55;

o hast du mich gnädig aus räubershand,
aus dem strom mich gerettet ans heilige land.
Schiller 11, 287;

manch segel rettet sich in diese buchten
vor des orkanes wut. braut von Messina 1592;

man rettet gern aus trüber gegenwart
sich in das heitere gebiet der kunst.
Uhland ged. (1843) 134.


2) in ungewöhnlicher fügung: sie solten das jämmerliche mord retten (abwehren). Aventinus bei Schm. 2, 175. ebenso den brand, das feuer retten. Schm. a. a. o., vgl. unter rettung. retten euphemistisch für stehlen Frischbier 2, 225b.
 
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retter, m. : retter, erlöser, der einen zerwen bringt, vindex Maaler 331a; salvator, liberator, ... servator, auxiliator Stieler 1606. das wort gehört der neueren sprachentwicklung an.
1) liberator, auxiliator: mercket doch das, die jr gott vergesset, das ich nicht einmal hinreisze und sey kein retter mehr da. ps. 50, 22; diese deine retter sind räuber und mörder. Schiller räuber 5, 2 schauspiel;

wann mich schmähen meine spötter:
wo ist nu dein gott und retter.
P. Gerhardt 128 Gödeke;

er liesz den ewgen retter
und gab sich in den schirm
der neuerdachten götter. 281;

gerechtigkeit des himmels,
wann wird der retter kommen diesem lande?
Schiller Tell 1, 1.

[Bd. 14, Sp. 828]



2) weidmännisch heiszt retter derjenige von den windhunden, welcher den gefangenen hasen vor den übrigen hunden schützt, bis der jäger herbei kommt. Frisch 2, 111b.
3) ausdruck im spiel für einen glücklichen vorfall, der zur rechten zeit das glück wendet. brem. wb. 3, 458.
 
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retterin, f. zum vorigen, auxiliatrix, servatrix Stieler 1606;

jezt ist es zeit! jezt retterin errette!
Schiller jungfrau von Orl. 5, 11.


 
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retterisch, s. DWB rätersch oben sp. 182.
 
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retterisch, adj. Stieler 1607; seltenes zu retter gebildetes adj.
 
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retterlich, adj. adjuvans, opitulans Stieler 1607. ungebräuchlich.
 
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rettersch, s. oben unter rätersch sp. 182.
 
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retterstimme, f.:

nackt, gebunden, blutend liegt er da! —
ha, wo war ich mit der retterstimme.
Bürger 97a.


 
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rettig, m. raphanus.
I. Herkunft und form. die falsche schreibung mit g statt ch im auslaute ist erst in neuerer zeit üblich geworden. Schottel 1385, Stieler 1605, Steinbach schreiben noch rettich, Frisch 2, 60c rättich. rettich schreibt auch noch Schiller Turandot 2, 3 in der ausgabe von 1802 (werke 13, 379):

beharrt ihr aber drauf, so steht ein rettich
des gärtners fester, herr, als euer kopf.

Adelung und Campe schreiben rettich. das wort mit der nutzpflanze haben die Deutschen von den Römern übernommen, vgl. Hehn kulturpflanzen u. hausthiere5 405. ahd. ratich ist entstanden aus lat. radicem; das ursprünglich lange â râtich (vgl. Weigand 2, 467) wird früh gekürzt. ags. entspricht rädic oder rædic. schon ahd. erscheint das wort umgelautet retich Graff 2, 492. die unumgelautete form erhält sich indesz sehr lange. mhd. retich und rætich, daneben ratich. mhd. wb. 21, 583b. Weigand a. a. o. ratich, rätich, rethich Dief.-Wülcker 819. Dief. 484b. nd. reddick, redeck Dief. a. a. o. mnld. reddigh, reddick Kilian.
II. Bedeutung.
1) in neuerem sprachgebrauch bezeichnet man mit rettig die bekannte, scharf schmeckende wurzel, sowie die ganze pflanze (raphanus sativus). im älteren sprachgebrauch wird rettig in umfassenderer bedeutung gebraucht (so auch für radieschen) und die einzelnen arten durch zusätze bezeichnet: rafanus sûre rætich, radix milter rætich. mhd. wb. 21, 583; schwarzer rettig, heidenrettig, monatrettig, meerrettig, rübrettig oder rübenrettig; rætich ist chalt und veuht ... und gît guot bluot und senftet den durst und machet den slâf unde leschet den huorgeluste. arzneib. (Diemer b. 13) im mhd. wb. 21, 583b; wiʒʒ, daʒ der rätich an kraft haiʒ und fäuht ist und pringt wind in dem leib ... er ist dem haupt schad und den zenden und dem drüʒʒel und den augen. wer in iʒʒet vor tisch, dem macht er daʒ eʒʒen swimment in dem magen und ruot niht, aber wer in iʒʒet nâch anderm eʒʒen, dem macht er den leip vertig und senkt daʒ eʒʒen hin ab. Megenberg 418, 30; etliche gärtner heiszen allein den runden rettich mit diesem nahmen, den kleinen und langlechten aber nennen sie radis. Hohberg 1, 481b;

ge hin, es ist doch nit so spat,
pring ein rettich oder salat!
H. Sachs fastn. sp. 6, 22, 265 neudruck;

rettich, muntz, kohl, kurbsen, reisz,
petersilg, würmlein roth und weisz ...
davon jhr wasserherren zehrt,
sind bey meinem geschlecht unwerth.
Rollenhagen froschm. Ll 6b.


2) uneigentlich als name einer schnecke, bulla rapa: die rübe, der rettich, das radieschen, das knollhorn, die seeflasche. Nemnich.
3) scherzhaft im schlesischen rettiche für schläge, prügel: da hats rettiche gesetzt, er hatt rettiche bekommen. vgl. Albrecht Leipz. mundart 192b.
 
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rettigbirne, f. eine sorte birnen. Campe.
 
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rettigkraut, n. polygonum hydropiper, wegen seines brennenden geschmackes so genannt. Pritzel-Jessen.