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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ohngefähr bis ohnhäuptig (Bd. 13, Sp. 1219 bis 1221)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ohngefähr, adv. , auch als adj. und substantiv verwendet. die entstehung des wortes aus mhd. ân gevære, die bedeutungsentwickelung und die entstellung in ungefähr (s. dasselbe) ist schon theil 41, 2070 f. im allgemeinen behandelt und mit beispielen belegt worden, wozu hier (namentlich für die dort nicht erwähnte adjectivische und substantivische verwendung) weitere belege kommen. s. auch DWB an gefer, angefer, angfer theil 1, 194. 339. 354 und ohngefährd.
1) adverbial, bis ins 17. jahrh. auch noch getrennt geschrieben.
a) die ursprüngliche bedeutung 'ohne böse absicht, ohne arg, ohne hinterhalt' klingt noch öfter im 16. jahrh. hindurch, aber meistens ist der begriff schon in mannigfacher färbung auf den des blos absichtslosen, zufälligen eingeschrumpft (th. 41, 2070): ohne eigenes zuthun, ohne willen, ohne absicht, achtlos, zufällig, daher denn auch unversehens, unvermutet, plötzlich, wie der jeweilige zusammenhang ergeben musz. den übergang von der eigentlichen zur abgeblaszten bedeutung zeigen stellen wie: ein todschleger, der eine seele unversehens (var. angefehr) und unwissend schlegt. Jos. 20, 3. 9; so werden wir wissen, dasz seine hand uns nicht gerüert hat (dasz es nicht absichtliche strafe von gott war), sonder es ist uns on gefehr widerfaren. 1 Sam. 6, 9 (s. Staub-Tobler 1, 881); es was ein ... edelman in dasselbig haus .. eingezogen, des knecht gehet on gefehr hinauf auf den boden im haus, wil sehen was sie für herberg haben. Luther 3, 130b; ob es (feuersbrunst) on gevär oder mit gefärd geschehen sei. Aventin. 5, 477, 19;

von wegen der unbsunnen wort,
die dein mutter samb ohngefehr
redt wider den gott Jupiter.
H. Sachs 13, 444, 14.

andere belege bis ins 18. jahrh. (auch noch mit der schreibung ohngefehr), z. b.: on gefehr sind wir geboren, und faren wider dahin, als weren wir nie gewest. weish. Sal. 2, 2; das es scheinet fur uns, als gehe es on gefehr zu. Luther 4, 152a; darnach lies er on gefehr Paulinum für sich komen. 206b;

es möch mir grathen ongefer.
H. Sachs 9, 346, 28;

der ackerman kompt bald daher
mit seinem gsinde on gefehr.
Waldis Esop 1, 16, 46;

lasz dich vorsichern die kluge himlische gte, dasz du nit frefelich ohngefehr fährst auf hohe sande. Fischart Garg. 39b; als er ohngefehr im spatzirengehn .. laut reden und schreien hörete. Opitz (1644) 1, vorr. a 5b;

(da er) in dieses stromes strande
all voller staub und schweisz sich ohngefehr befande.
D. v. d. Werder Ariost I, 14, 2;

fürstengaben sind wie bäche, stürtzen immer gegen thal,
treffen so nur, wie sie treffen, ohngefehr und ohne wahl.
Logau 2, 2, 14;

Nothus ist mit rath gezeugt, ist gezeugt nicht ohngefehr. 2, 10, 56;

kümt vom weinen, kümt vom weihen, kümt vom wein weinachten
her?
so, wie ieder ihm sie brauchte, kamen sie ihm ohn gefehr. 3, 4, 92;

als ohngefehr (plötzlich) ein wirbelwind auf uns stiesz. pers. rosenth. 1, 37; und löschete ohngefehr mit dem ermel das licht aus. 5, 6; ohngefehr wurden wir von räubern überfallen. 5, 17 u. oft; fürst Ernst habe ohngefähr ausz dem fenster gesehen.

[Bd. 13, Sp. 1220]


Schuppius 9; da kame ohngefahr (plötzlich) ein ungewonliches liecht umb uns. 770;

mich wundert, dasz nunmehr sein scharffer geist nicht seh,
dasz auf des herrn welt nichts ohngefehr gescheh.
Gryphius trauersp. 303 P.;

ein freund, der ohngefehr das hertze hat verloren.
Hofmannswaldau verm. ged. 36;

was wirst du still, wenn ohngefehr
ich eines mädchens lob erzäle?
Gökingk 1, 87.

verstärkt durch all (theil 41, 2071):

der kam ins hausz on als gefahr (: gewar).
Waldis Esop 1, 13, 11;

sie kamen daher on alls gefär.
Uhland volksl. 247, 3 (vom j. 1588);

bei deim beruff ohn all gefehre
von meim exempel bleiben lehre.
Zinkgref 1, 194.


b) in weiterer abschwächung bei unbestimmten angaben, ohne es genau zu nehmen (ohne absichtlich eine falsche angabe zu machen), annähernd, etwa, beiläufig (theil 41, 2071. Staub-Tobler 1, 881): ongefar (circa) neun untz schwr. Maaler 312c; ohngefahr umb ain uhr. S. Bürster 172; Bructer, so ohn gefehr umb die Wetterau gewohnet. Opitz (1644) 1, vorr. a 6a; ich bin ohne gefehr vor einem halben jahre von einer vornemen adelsperson glaubwirdig berichtet. Ringwald tr. Eck. (1612) A 2a;

Volvinus ist gelehrt und gibt materi her,
sein weib, die concipirt, so wächset ohngefehr
ein richtiger context.
Logau 1, 5, 4;

so fällt die antwort ohngefehr:
herr V ** war ein gröszrer schelm als er.
Lessing 1, 33;

ohngefehr im jahre 1729 gerieth er in händel. Liscov 21; ich denke, das ist es ohngefehr, was den weibern an uns gefallen könnte. Knigge umg.3 2, 93; ohngefähr wie ein mädchen seine jungfrauschaft verliert, verlor ich meine freiheit. Heinse (1857) 5, 75; so ohngefähr wird der titel sein. d. j. Göthe 1, 78; so ohngefär ist .. (die hypothese) entstanden. Schiller 1, 87; ohngefehr zwei jahre. 2, 3; jede messe wird ein band, ohngefehr ein alphabet stark, herauskommen. 4, 113.
c) aber auch das gegentheil, sicher, so dasz niemand einen fehler nachweisen kann (s. theil 41, 2071).
2) der in éin wort zusammengedrängte adverbialische ausdruck wurde dann auch adjectivisch verwendet (wie ungefähr, das schon im 17. jahrh. als adj. nachzuweisen ist Zinkgref 1, 226. Stieler 1103) im sinne von zufällig oder beiläufig: ein preuszischer hauptmann, der mich in einer ohngefähren zusammenkunft bei tische lieb gewonnen hatte. Heinse an Gleim 1, 24 (werke 1857 5, 15);

(jeder wird) sich der gemeine freuen,
die sich um ihn her versammelt,
so im alten wie im neuen
ohngefähre worte stammelt.
Göthe 3, 111;

wenn ich ihnen den ohngefähren tag bestimme. mad. König bei Lessing 13, 281; aus der ohngefähren combination der drei theorien. Schiller 1, 87.
3) aber noch früher nachweisbar ist die substantivische verwendung das, ein ohngefähr, das unabsichtliche, zufällige, der zufall; zunächst ohne artikel:

bankarte sind tapfre leute: wannen kümt doch dieses her?
weil sie lieb und gegenliebe fleiszig zeugt, nicht ohngefehr.
Logau 2, 2, 66, vgl. 3, zugabe 102, 101.

das, ein ohngefähr: die macht des ohngefährs. Kant 6, 76; ein unverständliches ohngefähr. 115; wider wen murre ich? wider ein taubes ohngefähr? Lessing 1, 400;

wo war ich, als das ohngefehr (: wer)
zu dir .. mich brachte.
Gökingk 1, 79;

ein nichts, ein ohngefähr erweckt ihn öfters wieder.
Göthe 1, 59;

ich musz also das ohngefähr mit mir schalten und walten lassen. Heinse (1857) 5, 28; ein unsicheres glück .., das dem zufall, dem blinden ohngefähr preisz gegeben ist. Schiller 1, 146 anm.; werk des ohngefährs. 7, 18;

dennoch, tief verhüllt und leise,
schreitet eine finstre macht daher,
für das ohngefähr zu weise,
für die weisheit zu sehr ohngefähr.
Tiedge Urania 1, 145 f.;

das taugt in meinem plan.
erwünschtes ohngefähr!
Körner 231a.


4) darnach hat sich wieder gebildet der adverbiale ausdruck von ohngefähr, in absichtsloser, zufälliger weise:

vergesz ich mich von ohngefehr, und lache mit vergnügtem blicke.
Günther 436;

da kam er mit erröthen,
gewisz von ohngefähr.
Voss poet. werke (1835) 169;

[Bd. 13, Sp. 1221]


von ohngefähr und ohne ursache (entstehen). Kant 8, 142; heftig wie sie ist, thut sie sich noch einmal von ohngefähr ein leides. Göthe 19, 49; wenn ich mich von ohngefehr ausstrecke. F. Müller Faust 112, 17 neudr.; ich kenne ihn nicht, ich fand ihn hier nur so von ohngefähr. Schiller 13, 418 (Turandot 3, 4);

du kommst ganz wie von ohngefähr dahin,
es darf nichts als vorher bedacht erscheinen. 12, 486 (M. Stuart 2, 9).


 
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ohngefährd, ohngefährde, adv. aus ohne gefährde, mhd. âne geværde, bis ins 17. jahrh. statt und neben ohngefähr gebräuchlich.
1) wie ohngefähr 1, a, ohne böse absicht, ohne betrug, ohne hinterlist, getreulich, dann überhaupt absichtslos, unversehens, zufällig (th. 41, 2075 f.); bis ins 16. jahrh. auch noch getrennt geschrieben: was goldes gebrochen ist one geverde. städtechron. 9, 999, 8 (vom j. 1393); also komen sie ... uffainander geritten aun geferd in ainem nebel. 4, 102, 21 (anfang des 15. jahrh.); da gienge ongeverd ein man ausz dem haus. 11, 591, 1 (vom j. 1496); andere dinge geschehen ongeverd von natur. Keisersberg post. 11, 86a; ein mesz, die du ongefert, on fürsatz dins willens hast gehört. bilg. 24a; nu begab sich, daʒ etlich edelleut .. auch dazu kamen ongeferde. Pauli 156a; ich bin ongeferd (fortuito) har kommen. Murmelius 185; einmal kam der vatter ongeferde zum eidem. Luther tischr. 47b;

ohn gferth bin ich kommen darzu.
Ayrer 375, 29;

ongevärd, fortuito Maaler 312c, vergl. Staub-Tobler 1, 880 f.; verstärkt durch all (th. 41, 2076): als er nun hinausz lgt, .. so ersicht er on alles geferd den marggrafen. Wickram 184, 21.
2) wie ohngefähr 1, b, beiläufig, etwa: ohne gefehrd in einer halben juchart. Staub-Tobler 1, 881 (vom j. 1707).
 
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ohngefährig, adj. gebildet aus ohngefähr 1, a: das ohngefehrige böse und das unvermeidlich bestimmte gute. Wiedemann nov. 5.
 
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ohngefährlich, adv. gebildet aus ohngefähr (vergl. ungefährlich), nun veraltet.
1) ohne böse absicht, ohne hinterlist: alles ongefehrlich. Frankf. reform. 1, 42 § 10.
2) zufällig: da ersiehe ich ongefehrlich im springen, das. Berlichingen 26; ongeforlich sicht sie ihren lieben nachbauren da lauffen. Frey gartenges. D 3b cap. 20.
3) bei unbestimmten angaben wie ohngefähr 1, b: es wer dann ain guldin oder hundert ongevarlich. Schade sat. 3, 217, 20; hernach uber vier tag ongefahrlich. Zimm. chron. 4, 73, 20; wann sie ongefarlichen zu der statt kommen mögten. 391, 11;

ohngferlich zween oder drei tage.
Eyering 1, 143;

ohngefährlich im zwei- oder dreiunddreiszigsten grad verwandt. Simpl. 2, 532, 31; ohngefährlich bei 9 jahren alt. 577, 22; ein junger mensch, ohngefehrlich unter 20 jahren. Hohberg 1, 245b.
 
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ohngeil, m. s. geile 3 th. 41, 2, 2593.
 
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ohngott, m. atheista Stieler 686.
 
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ohngötter, m. dasselbe ('ein von einigen neueren gewagtes wort.' Adelung, vergl. DWB ungötter).
 
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ohngötterei, f. atheismus Kant philos. religionslehre 28. Lessing 2, 470. 11, 73. Mendelssohn Jerusalem 2, 135. J. Paul auswahl a. teuf. pap. 1, 5.
 
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ohngöttisch, adj. atheistisch: ohngöttische völker. allgem. deutsche bibl. (Campe fremdwb. 133a).
 
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ohnhaupt, m. acephalus Stieler 791; der fisch cyprinus leuciscus (der laugel), am Bielersee ohnhaupt genannt, weil diese fische von dort ohne kopf und gedörrt auf die märkte kommen. Oken 6, 308.
 
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ohnhäuptig, adj. gebildet aus ohnhaupt: reich, welches damals onhäuptig stnde. Wurstisen 59; wer diese superstition (der geiszler) von ersten aufgebracht, ist unbewüszt, daher man sie acephaloi, das ist onhäuptige rottierer nennet. 171.