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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
lotter bis lotterei (Bd. 12, Sp. 1210 bis 1212)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) lotter, m. nequam. das wort bezeichnet bei seinem frühesten vorkommen als ags. loddere, schlechthin einen zerlumpten kerl: ac se rîca besihð on his pällenum gyrlum, and cwyð: nis se loddere mid his tættecum (lumpen) mîn gelîca. Älfric Homil. 1, 256; im mhd. und noch später geht loter, lotter, loder vornehmlich auf den herumziehenden gaukler und spaszmacher, possenreiszer um geld, mit schimpflichem nebensinne: histrio loder, lodder Dief. 279a; nebulo lotir 377b; scurra lotter 522a; lotter, vispilio, parasitus, lotricus, fictum a sono, est homo scurrilis et inutilis, ut histrio et leno. voc. inc. theut. n 2a; lotter, speivogel, der vil glächters anricht, damit und er mulefe mög machen. Maaler 274d; item man sol auch ainicherlei spillewt oder lotter zu ainicher hochzeit nit herein, noch zu der malzeit laden, noch da essen lassen, ausgenomen die, die mit ainem preutigam oder praut vom land herein komen, oder die der statt schilt trügen. Nürnb. pol.-ordn. 79; da kommen den tag allerlei spilleuth, lotter, freiharten, die haben auch jr ernd auf der hochzeit. S. Frank weltb. 130a; naszpfriemenborer, lotter, jaufskinder, träumendäuter. Fischart groszm. 89;

sô springet der grille hin und her,
als loter und ander hovenager. Renner 5690;

richter ohne recht,
lotther und spitzknecht ...
mag man auf erden wol gerathen.
Luther tischr. 457b;

thun solchs (gaukelspiel treiben) die freien lotter nit,
und gewinnen dannoch gelt darmit? grob. A 8b (b. 1, cap. 3);

dann aber auch lotter, wie taugenichts, fauler oder liederlicher kerl schlechthin, mehr oder weniger scharf hervorgehoben: die gemein (hure) werd nit von den töchtern Israhel, noch der lotter von den sünen Israhel. bibel von 1483 94b (non erit meretrix de filiabus Israël nec scortator de filiis Israël. 5 Mos. 23, 17); er bestellet mit dem silber arm man und lotter und die volgten im nach. 115b (qui conduxit sibi ex eo viros inopes et vagos, secutique sunt eum. richt. 9, 4); lg aber du, das du dem lotterbetlin nit entsprechest, das du nit ein lotter seiest. Keisersberg evang. 1517 48a; der welt leben, das ein yeder mörder, lotter, dieb .. kan zucken. kriegb. d. fr. 27; selbst nur in bezug auf niedrige geburt gesagt: nicht ein sölchen eiden (eidam) als der, die do von edeler art geporn sein, sunder einen loter. Steinhöwel dec. 101, 11 Keller;

mainswerer und maintäter,
lotter, glisner und verräter. teuf. netz 13349;

als schimpfwort:

du zututtler, verreter und fensterloser,
du lotter, du schalk und hurntreiber. fastn. sp. 89, 10;

find ich dich hie, du lotter und schalk? 253, 13;

[Bd. 12, Sp. 1211]



schelm, schelm, keib, keib, böswicht, kätzer,
mörder, lotter, lugner, schwätzer! 864, 27;

du frouwenschänder, verfluechter lotter! 865, 14;

was streichst du hier herum, du träger lotter?
Tieck 3, 298;

endlich verliert das wort auch den schimpflichen beisinn, und sagt nicht mehr wie kerl in derber rede (vgl. theil 5, 585 unten 586): rufet der bauer seinem jungen und gesind: buben wo seid ihr lotter? Kirchhof wendunm. (1602) 4, 144; im bairischen steht loder, gerade wie allgemein bueb, gewöhnlich ohne gerade übeln nebenbegriff für bursche, kerl, geliebter, mannsperson überhaupt. Schm. 1, 1541 Fromm.
 
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lotter, f. in Baiern die lotterbank, faulbank hinter dem ofen. Schm. 1, 1541 Fromm. in Schwaben aber bezeichnet die lotter das gehänge am schnurrrade. Schmid 360. in Hessen bedeutet die lotter die latte. Vilmar 253.
 
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lotterbalg, m. nichtsnutziges, lasterhaftes weibsbild; hier bezeichnung einer pfaffenköchin: die do gern wolten sich z gott keren, und ein sölchen lotterbalg hant an inen hangen. Keisersberg bilg. 192b; ist es nit ein grosze dorheit, dʒ du dîn bilgerfart underwegen lost und verzerst, do z alle din hab umb einer sölchen gaffelstirn willen, und ein wüsten loterbalg, die doch so bald din vergiszt, und glich eines andren mer acht nimpt weder din? 193d; du hast ouch din eigen fleisch, dʒ reizt und stupft dich z bösem, dʒ sint die lüsz, wilt du dich diser lüsz erweren durch ein lotterbalg, du wilt ein kellerin han, so uberkümpst du erst wentelen. 213b.
 
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lotterbande, f. nichtsnutzige bande: die ganze bonapartistische lotterbande. aus einem zeitungsartikel von 1873.
 
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lotterbank, f. faulbank hinter dem ofen. in Baiern. Schm. 1, 1541 Fromm.
 
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lotterbett, n. bett von lockerer fügung, sophaartiges ruhebett: lotterbett, gutschen, oder gulterbett, darauf man tags schlaaft, accubitum, anaclinterium, grabatus, stibas Maaler 274d; faul-, lotter-, stuben-, ruhe-bette, anaclinterium, grabatus Stieler 136; (der mann) der allein zu haus auf dem lotterbet schnaufet und spaciret etwan in den keler und in die kuchen. d. städtechron. 3, 173, 2; (wenn der hund) unter dʒ loterbet schlüft, und sich verbürcht vor dir. Keisersberg bilg. 8c; du hest ein hunt, der hett gewont uff dem lotterbet z ligen in dynem husz. 9c; es hat sich ainsmals sommerszeiten begeben, das herr Johanns Wernher sich nach dem morgenessen zu ruhen gethon und uf ain lotterbett sich nidergelegt. Zimm. chron. 1, 484, 21; mein herr aber satzte sich auf sein lotterbette, weil ihm entweder vom zorn oder von der überfüllung wehe war. Simpl. 1, 108 Kurz; der leimstengler warf noch darzu die gute schusterin auf das daselbst stehende lotterbett. 3, 403;

einsmahls ein baur gesoffen hett,
und entschlief auf dem lotterbett,
niemandt zu bett jhn bringen kund.
L. Sandrub kurzweil (1618) 132;

das wort ist im 18. jahrh. verschollen, wird aber von Campe zur erneuerung empfohlen und dann auch von andern gebraucht: in einem wollüstigen kabinet auf einem rosenfarbnen lotterbette mit silbernen blumen. Wieland 14, 55 mit der note: um dem hrn. Campe die verantwortung dieser verdeutschung des worts sofa nicht allein aufzubürden, gestehe ich, dasz es mir hier an seinem rechten orte zu stehen scheine; so kannt er doch kein weicheres faul- und lotterbette zum ausruhen. J. Paul Tit. 1, 83.
 
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lotterbettlein, n.: ein edelmann der lag auf dem lotterbettlein. Pauli schimpf 80.
 
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lotterbube, m. bube eines lotters, lotter selbst, gaukler (vergl. auch unter lotterholz): histrio lodderboeve Dief. 279a; scurra loterbuob 522a; in der fürsten hofe vindet man loterbuben, spilleute, schmaicher. A. v. Eybe 41a; begert sich aber mit musziggehn zu erneren, darum übt er sich in reimen und sprechen, wie dann solche lotterbuben vor jaren in sondren deliciis bei unsern vordern sein gewest. Zimm. chr. 3, 7, 9; lieber aber welchen spilman oder welchen landstreicher und lotterbuben woltestu lieber sehen, dann dise (mönche), wann sie in irer predig nach der kunst der rhetorik daher faren. S. Frank mor. encom. 56b; auch mensch, der niedrige arbeiten verrichtet: du dorechter mensch, was erspringst du vor freuden under der schweren bürden, ... du soltest dich billiger beclagen und übel gehaben als ein lotterbb der ein

[Bd. 12, Sp. 1212]


sack treit. Keisersberg bilg. 98b; verächtlich für einen herumziehenden oder herumlungernden menschen, landstreicher, vagabunden: etliche sprachen, was wil dieser lotterbube sagen? apost. gesch. 17, 18, mit der anmerkung: spermologos im griechischen heiszen lotterbuben, tyriackskremer, freiheten und des gesindes das mit unnützem gewesch hin und wider im lande sich neeret. Bindseils bibel 7, 353; treffliche kunst were das (etwas so verkehrt zu übersetzen), welche auch die lotterbuben wol köndten. Luther 3, 342b; wer der zerrissene lotterbube were. Bocc. (1580) 1, 32b; ein sauberes kleid zieret den mann zwar, es machet ihn aber nicht gelehrter; es folget aber nicht, dasz man deswegen wie ein schmiracke herein ziehen, und als ein lotterbube die straszen durchstreichen soll. unw. doctor 530;

ein lotterbub trieb jmmer fort
scherzweise des Menalcæ wort.
L. Sandrub kurzweil 126;

als eine schelte für einen sittlich verwarlosten menschen: das ich mich an diesen lotterbben rechen mög. Aimon bog. e; weich von mir, du lotterbb. ebenda; der verwegenste lotterbube von der welt. avantür. 2, 219; ein aus den zehn hälsen dieser lotterbuben gestoszenes schimpfwort. Thümmel 2, 42; ohne sich vor dem kothe zu fürchten, den lotterbuben darfür auf ihn werfen würden. Lessing 8, 158; ich betrat die festung .. als ein verirrter und verliesz sie als ein lotterbube. Schiller 707b. zusammenstellung mit ähnlichen bezeichnungen: tolle, unsinnige narren, oder lotterbuben, die uber tissche, von eisern vogeln sagen, so uber den see fliegen, oder vom schwarzen schnee, der im sommer fellt, damit sie ein gelechter den gesten anrichten. eben solchen tollen narren oder lotterbuben machen die schwermer aus Christo auch. Luther 3, 474a; diese wort sind durch den mund gottes gesprochen, ob sie wol die schwermer nit höher achten, denn als hette sie etwa ein lotterbube oder trunkenbold gesprochen. 489b; hiesz ein mönch auf dem predigstuel s. Paul einen lotterbuben und lügner. tischr. 262b; du lebest nit als ein christ, nicht als ein edelmann, sonder als ein lotterbub, zunichtiger, verzweifelter, schandlichster und fäulester schelm. Bebel facet. 1589 72a; (reden, hergenommen) ausz den commenten des cölnischen kartenhäuserbruders Laurentii Surii, ... welchen doctor Peucer in seiner chronic deszhalben ein scurram, das ist ein carthäuserischen lotterbuben und holhieper nennet. Fischart bienk. 194; das sind werk, die den lotterbuben und bösen leuten zugehören. Bocc. (1580) 1, 15b; und das ist wieder ein streich von diesem verwünschten taugenichts! ha, lotterbube! Schiller neffe als onkel 3, 2;

wir dürfen keinen narren schmeicheln,
und keinen lotterbuben heucheln,
berangt, betitelt, wie sie sind!
Gökingk 1, 116;

gegensatz zu ehrender benennung:

nach kurzem lärm legt Fama sich zur ruh,
vergessen wird der held so wie der lotterbube.
Göthe 57, 279.

in der form lottersbube: lottersbb, nüt söllender mensch, nebulo, planus Maaler 274d; (Caligula) war der aller ungeheürest mensch, der alle verthanen lotthers bben übertraf. S. Frank teutscher nat. chron. (1539) 23b; also kommen auch in die arznei alle die faulen und heillosen lottersbuben und verkaufen ihr arznei, es reime sich oder nit. Paracelsus 1589 2, 180;

was meinstu loters pub do mit?
H. Folz, fastn. sp. 1277;

sag her du lottersz pub. 1291;

war ists, er schilt uns lottersbuben. trag. Joh. K 1.


 
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lotterbüberei, f.: schandpossen (lotterbüberei) sol mit höchstem fleisz vermeidet werden. Comenius sprachenthür von Docemius § 843. in der form lottersbüberei: glaubet nur, das alles frauenzimmer bei allen kurzweiligen gelagen und zusammenkünften von nichts anderes saget, als von eurer lottersbüberei, wodurch ihr euch alle speranz und hoffnung eines vortheilhaftigen heiraths ganz entziehet und auszlöschet. franz. Simpl. (1683) s. 66.
 
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lotterbübisch, adj. und adv.: es schickt sich nicht, wenn einer predigen, leren, oder für gericht reden solt, das er daher keme mit reimen gefaszt, als wolt er ein lied singen, oder lotterbübisch spielen. Luther 8, 16a.
 
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lotterei, f. wesen und art eines lotters, mhd. loterîe, lotterîe. Schm. 1, 1540 Fromm.; armut, lumperei: dasz mancher durch spielen um das seinige gekommen, an den bettelstab

[Bd. 12, Sp. 1213]


oder in lotterei gerathen. corpus constitut. Brandenb.-Culmb. 2, 1, 575; liederlichkeit, liederliches thun:

ir wisz stat als uff füllri
und tribend mengerlai lottri
mit brettspil und schachzabel. teufels netz 4688;

er soll auch loser worte pflegen,
nach lotterei und schlechten weibern ringen.
Herder z. litt. 20, 245,

nach: er sol ouch bœser worte pflegen,
nâch loter und nâch huore vaste ringen.
Meister Stolle, minnes. 3, 5a Hagen;

im plur. liederliche dinge: narrenwerk und lottereien. Luther br. 5, 553. mit niederdeutscher lautstufe lodderei: ist das eine lodderei mit diesen thieren (den wagen ziehenden pferden). Hackländer hinter blauen brillen (1869) s. 14.