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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
lehren bis lehrerjahr (Bd. 12, Sp. 559 bis 572)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) lehren, verb. docere.
A. Formelles.
1) goth. laisjan; alts. altnfr. lêrian, lêrean, mnd. nl. leren; ags. læran, altengl. lere, lear, im schottischen noch jetzt lare docere; fries. lêra; altnord. læra, schwed. lära, dän. lære; ahd. lêran, lêrran; mhd. lêren. das verbum ist causativbildung zu dem starken verbum goth. leisan, von dem ein prät. lais Phil. 4, 12 (griech. οἶδα übersetzend, von Grimm als präteritopräsentiale form gefaszt) erscheint, das die bedeutung erfahren gehabt hat (vergl. auch goth. lubja-leisei φαρμακεία, lubja-leisai adj. plur. als glosse zu liutai γόητες 2 Tim. 3, 13), aber auf einen sinnlicheren begriff fuszt, den uns das goth. laists ἴχνιον 2 Cor. 12, 18 mit seinem öfter vorkommenden verbum laistjan folgen, und das ags. lâst fuszstapfe, fuszspur mit læstan folgen, ferner altn. leistr the foot below the ankle, und ahd. leist, calopodium, forma, uuagan-leisa orbita noch deutlich zeigt: in jenem verbum haben wir wol einen alten weidmännischen ausdruck vor uns, der sich auf das ausspüren des wildes und auch des feindes bezog und der erst später in die allgemeine bedeutung des erfahrens und kennens auslief. für den fall nun, dasz das causativ goth. laisjan, unser lehren, zu jenem leisan eine alte bildung ist, die schon bestand, als das letztere noch bloszes jägerwort war, und nicht etwa erst zu der zeit sich bildete, wo schon die allgemeinere bedeutung von leisan sich ausgeprägt hatte, so ist unser wort zufrühest auf den älteren weidmann bezogen gewesen, der dem jüngeren die spur des wildes erkennen und beachten lehrte; womit für lehren allerdings ein sehr entfernter und interessanter hintergrund gewonnen wäre. über das verhältnis von lernen zu lehren s. dort.
2) seit der mhd. zeit findet sich neben dem prät. lêrte auch die form lârte, vorzugsweise in mitteldeutschen quellen (vgl. Lexer handwb. 1, 1884): und quam in sînes vater lant, her lârte si in iren synagôgen. Behaims ev.-buch, Matth. 13, 54;

den wolde he ouch bedenkin
mit einer ôrenwinden;
diu wart im al ze swinde,
daʒ sich im der hals vorkârte,
alse im der slac dô lârte. altd. bl. 1, 262, 366,

aber auch oberdeutsch: wo si glich andre gschrift ouch lartend. Zwingli von dem touf a 2a; lart fürbasz den kalender. Wickram rollw. 86, 7 Kurz; das part. gelârt für gelêrt:

swer sich bevilht der vrouwen zart,
ja diu in zühten ist gelârt,
der sol ir dienen geren. minnes. 3, 296a Hagen;

auch niederdeutsch neben gelêrt: wo scholde ik denn nu vleen (fliehen)? ik hebbe des nicht gelart. ik hebbe vechten geleret und nicht vleen. d. städtechr. 7, 17, 6; und diese form ist, wenn das part. adjectivisch steht, im feierlichen oder zopfstil bis heute nicht vergessen (vgl. auch hochgelahrt, wolgelahrt): was? den ehrenmann? den gelahrten (willst du schlagen)? Göthe 8, 205; fleisch von fischen, kriech- und knäkenten, delfinen, seehunden, fischottern, bibern, wasserratten, und was die kirchengelahrten thierkundigen sonst noch zu den fischen zählen. Brehm illustr. thierleb. 5, 593. die formen lârte, gelârt verhalten sich zu den berechtigten lêrte, gelêret, ganz wie kârte, gekârt zu kêrte, gekêret von kêren, kehren wenden theil 5, 408—410; ihre entstehung kann so gedacht werden, dasz der rückumlaut von verben wie zerren, prät. zarte, und sogar theilweise wern mit dem prät. warte, nern, von dem auch das prät. narte gebildet ward, u. a. auf jene zu einer zeit übertragen und angewendet wurde, wo der ursprüngliche unterschied in der quantität des stammvocals zu verschwinden begann und namentlich vor consonantverbindungen mit r ursprüngliche kürze gedehnt gesprochen ward, also zêrren, zârte, nêrn, nârte, wêrn, wârte; die analogie risz lehren und kehren mit sich. begegnet aber auch ein seltener inf. lâren für lehren (wie sich auch das subst. lâre für lehre findet, oben sp. 554):

von den, die sich an nemen
kunftige ding zu offenbarn
das sie an dem fewer ervarn
und an den wolken wellen larn
und an des windes wehen.
M. Behaim in Wackernagels leseb. 1 (1873) 1414, 38,

so entstanden solche seltene und späte bildungen vielleicht erst wieder durch das so häufige particip gelârt, gelahrt, aus welchem man den inf. lâren und das subst. lâr, lâhre lehre folgern mochte.

[Bd. 12, Sp. 560]



3) über die verwendung des infinitivs lehren für das part. prät. vgl. die ausführung unter haben th. 42, 74; des lachet der lewe und sprach, wer hat dich so leren teilen? Luther 5, 271b;

euch künstler kann ich leicht entbehren,
mich hat die liebe zeichnen lehren.
Thümmel bei
Campe;

doch bevorzugt die neuere sprache das particip gelehrt:

als ihr die rede vernommen, versetztet ihr: sage, wer hat dich
so nach hofart theilen gelehrt?
Göthe 40, 184;

indesz hat Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt. Lessing 7, 183; so ist es .. niemand anders als donna Mencia, die mich den reichthum verachten gelehrt hat. Wieland 11, 120, wo indes die fügung: die mich den reichthum hat verachten lehren, auch heute noch nichts befremdendes haben würde.
B. Bedeutung und gebrauch.
1) lehren, zunächst mit persönlichem subject (im gegensatz zu unten no. 13), und ohne object, als lehrer thätig sein, eine lehrthätigkeit haben: der zeit aber siehest du dasz ein strafwürdige und ungeschickte art der grammatisten allenthalben regiert, auch winkel, in welchen sie mehr schaden als lehren. Schuppius 743; warumben denn lehren diejenigen, welche es nicht können? ebenda; solcher lehrenden (auf einem bilde) sind sechs. Göthe 39, 156;

an einem ort ein gelerther war,
dessen leber erhitzet gar,
dasz er fast all tag gieng zum wein,
solchs daucht die andern gar nit fein,
die in der schuel auch mit lehrten.
L. Sandrub kurzweil (1618) 112;

es war die art zu allen zeiten,
durch drei und eins, und eins und drei
irrthum statt wahrheit zu verbreiten.
so schwätzt und lehrt man ungestört.
Göthe 12, 130;

im gegensatze zu lernen: vil sind der die ehe wöllen meister sein dann schüler und ehe wellent leren dann lernen. Steinhöwel Esop (1569) 69b; professoren, so gut wie andere in ämtern angestellte männer, können nicht alle von éinem alter sein; da aber die jüngeren eigentlich nur lehren, um zu lernen, .. so erwerben sie ihre bildung durchaus auf unkosten der zuhörer. Göthe 25, 53;

zum lernen gibt es freilich eine zeit;
zum lehren seid ihr, merk ich, selbst bereit. 41, 100.


2) so namentlich in bezug auf die göttliche lehre, in der sprache der bibel: es werden aber viel tage sein in Israel, das kein rechter gott, kein priester der da leret, und kein gesetze sein wird. 2 chron. 15, 3; sie lereten in Juda, und hatten das gesetzbuch des herrn mit sich. 17, 9; jre heubter richten umb geschenke, jre priester leren umb lohn, und jre propheten warsagen umb geld. Micha 3, 11; Jhesus .. lerete in den schulen. Matth. 4, 23; bin ich doch teglich gesessen bei euch, und habe geleret im tempel. 26, 55; gieng durch stedte und merkte, und lerete. Luc. 13, 22; ich habe allezeit geleret in der schule und in dem tempel. Joh. 18, 20 (goth. ik sinteinô laisida in gaqumþai jah in gudhûsa); leret jemand, so warte er der lere. Röm. 12, 7; einem weibe aber gestatte ich nicht, das sie lere. 1 Tim. 2, 12 (goth. iþ galaisjan qinôn ni uslaubja); und danach sonst: o Simon, lasz uns gott bitten, das uns der man (ein evangelischer prediger) blibt, dan der man kan leren. Th. Platter 83 Boos.
3) mit einem adverb der art: die propheten leren falsch. Jer. 5, 31; die propheten können nicht unrecht leren. 18, 18; du darfest nicht sagen, hab ich unrecht geleret, so hats gott gethan. Sir. 15, 11; sie ... haben den fur einen grewel, der heilsam leret. Amos 5, 10; er leret gewaltiglich, und nicht wie die schriftgelerten. Marc. 1, 22 (goth. aber vas laisjands ins svê valdufni habands, in übereinstimmung mit dem griech. ἦν γὰρ διδάσκων αὐτοὺς ὡς ἐξουσίαν ἔχων); meister wir wissen, das du aufrichtig redest und lerest. Luc. 20, 21 (goth. vitum þatei raíhtaba rôdeis jah laiseis, griech. οἴδαμεν ὅτι ὀρθῶς λέγεις καὶ διδάσκεις); so lehren oder anders lehren; wie ich dich ermanet habe, das du .. gebötest etlichen, das sie nicht anders lereten. 1 Tim. 1, 3 (goth. ei anþarleikô ni laisjaina); Syrach am dritten capitel lehret anders. L. Sandrub kurzweil (1618) 64;

wird Christus dann nit hoch geehrt,
wenn man im babstthumb also lehrt? 44.


4) lehren, mit einem persönlichen objecte, einem unterweisung oder auch nur anweisung geben in einem wissenszweige oder auch in einer fertigkeit; der gegenstand des lehrens wird aus dem zusammenhange geschlossen: ahd. in suntôn bist al giboran inti

[Bd. 12, Sp. 561]


thû lêris unsih? Tat. 132, 20; nhd. Christus der herr, wenn er wolt leren sein lieb jünger, so gieng er mit inen auf ein berg, aber die schar underwies er herniden auf dem veld. Keisersberg pred. 2a; und sprach zu den Leviten, die ganz Israel lereten. 2 chron. 35, 3; ich wil dich fragen, lere mich. Hiob 38, 3; gott du hast mich von jugent auf geleret, darumb verkündige ich deine wunder. ps. 71, 17; und wird keiner den andern, noch ein bruder den andern, leren und sagen, erkenne den herrn. Jer. 31, 34; wer einen narren leret, der flicket scherben zusamen. Sir. 22, 7; darumb gehet hin, und leret alle völker. Matth. 28, 19; den koch lehret keiner (druckfehler einer) als ein koch. auf dem meer gibt niemand die weisz zu guberniren, als der schiffherr. Schuppius 743;

denn wer viel weisz, der grämt sich viel,
und welcher andre lehren will,
musz leiden und viel tragen.
P. Gerhard 98, 46 Gödeke;

und (sie) lehret die mädchen,
und wehret den knaben.
Schiller glocke v. 121;

sich selbst lehren:

o freund! bedaure doch Alcesten, ..
ihn, der von einem buch beschämt zum andern schlich,
und doch dem kummer nicht entwich;
ihn, der sich laut durch manchen trostgrund lehrte,
und doch sein herz viel lauter seufzen hörte.
Gellert 1, 216;

sich lehren lassen: denn die so jrrigen geist haben, werden verstand annemen, und die schwetzer werden sich leren lassen. Jes. 29, 24;

ihr menschen, laszt euch lehren,
es wird sehr nützlich sein.
P. Gerhard 115, 9 Gödeke;

mit einem adverb, das einen relativsatz einleitet:

swie mich mîn frouwe lêret,
als tuon ich mit den mînen. Parz. 29, 8;

pring mir bald her mein schwert!
ich will thuon, als ir mich lert. fastn. sp. 416, 27;

(der weber, der) kräftig den brummbasz strich, wie der organist ihn gelehret.
Voss Luise 1, 225.


5) lehren mit sächlichem object, anweisung zu einem wissen, einem verhalten, einer kunst oder fertigkeit geben, sei es im einzelnen falle, oder als beruf: ahd. meistar, uuir uuiʒumês thaʒ thû uuâruuurti bist inti gotes uueg in uuâre lêris. Tat. 126, 1; mhd.

man lêre, swaʒ man lêre,
man künne, swaʒ man künne. troj. krieg 2002;

nhd. denn Esra schickt sein herz zu suchen das gesetz des herrn und zu thun, und zu leren in Israel gebot und rechte. Esra 7, 10; ich .. wil machen, das deine fürsteher friede leren sollen, und deine pfleger gerechtigkeit predigen. Jes. 60, 17; ich bins, der gerechtigkeit leret. 63, 1; ich sehe und höre, das sie nichts rechts leren. Jer. 8, 6; was können sie guts leren? v. 9; aber vergeblich dienen sie mir, die weil sie leren solche lere, die nichts denn menschen gebot sind. Matth. 15, 9; du lerest den weg gottes recht. Marc. 15, 9; die heilige schrift rein, lauter und unverfälscht zu lehren. Schuppius 500; auf universitäten ist im namen des römischen käisers mir die freiheit gegeben worden, die heilige schrift und die freie künste allenthalben zu lehren. 611; ich lehre den scharfen blick, das verhältnis eines staats gegen den andern auf einmal zu durchschauen. Klinger 10, 147; er lehrt neuere sprachen; er hatte lange geographie und geschichte gelehrt;

das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
weils Christus lehrt.
Lessing 2, 230;

was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren.
Schiller xenien no. 214 (die sonntagskinder);

und er lehrt die kunst der zange,
und der blasebälge zug. d. eleus. fest v. 125;

lehret nun, ihr des gesetzes kenner,
weisheit-fromme, hochgelahrte männer,
treuer Mosleminen feste pflicht.
Göthe 5, 33;

dasz wir solche dinge lehren
möge man uns nicht bestrafen. 269;

muszt ich nicht mit der welt verkehren?
das leere lernen, leeres lehren? 41, 74;

schon ist dem dorfanwuchse bestellt ein verständiger lehrer,
welcher zugleich baumzucht, und, väterchen, edle musik lehrt.
Voss Luise 2, 544.


6) in der rechtssprache heiszt die formel ein gelehrter eid ein solcher, der dem schwörenden von wort zu wort vom richter vorgesprochen wird: (es wird gesetzt, dasz) die alle ze den heiligen gelêrte eide swern sullent, die vor die stiure noch der stat niht gesworn hânt. statuten von Dinkelsbühl in Haupts zeitschr. 7, 95; die ze den heiligen gelêrte eide swernt âne geværde. 100; so soll des gotzhus pfleger schweren ein gelerten eid

[Bd. 12, Sp. 562]


ze den heiligen, das er und das gotzhus des zinses nicht sicher sin. weisth. 1, 34 (Zürich, von 1347); acht manne, .. die alle swuoren gelert eide liplich zu gotte und den heiligen. 344 (Schwarzwald, v. 1397); straf der jhenen so einen gelerten eidt vor richter und gericht meineidig schwern. Carolina art. 107; ebenso gelehrte worte, die vom gericht genau angegeben werden: mit sogtanen gelerten worten, als sich frauwen und man in dem land ze Bairen erbrechts verzeihen mugen. Schm. 1, 1499 Fromm. (von 1357).
7) statt eines substantives als sächliches object tritt auch auf
a) das adverb zu einem volksnamen, welches in dieser verbindung mit dem verbum die sprache des betreffenden volkes bezeichnen soll; diese ungewöhnliche verbindung hat ihren ursprung wol von formeln wie deutsch, französisch u. s. w. sprechen, lat. latine, graece loqui, denen zunächst entspricht deutsch, französisch u. s. w. können (theil 5, 1726), wo man kaum mehr an einen zu ergänzenden infinitiv (sprechen, reden) denkt; diesem französisch können wieder zur seite steht französisch lehren, wie es nun kurz heiszt für französisch reden lehren, vergl. einen leeren latin reden, docere aliquem latine Maaler 266b, und französisch lernen; andererseits heiszt es die lateinische sprache oder kürzer das lateinische lehren, vgl. dazu unten 9, a; er lehrt russisch; er hatte an der universität lange hebräisch gelehrt; griechisch leeren, graecissare Dasyp.
b) ein infinitiv: er lehrt singen; er lehrt tanzen, reiten; auch in erweiterter construction: der religionslehrer soll lehren gott fürchten, den nächsten lieben, die eltern ehren;

(sollt ich) lehren verse machen?
selber kann ein jeder das.
Rückert liebesfrühling (1872) 255;

vgl. dazu unten no. 9, b.
c) in der ältern sprache ein acc. cum inf.: dasz er Christus blut lehret durch den glauben zu vergebung der sünde alleine nütz und noth sein. Luther br. 2, 418;

bei höfen sinnt man nur auf mittel
einander klug zu hintergehn:
der flickt fast stündlich an dem tittel,
der lehrt die hörner zierlich stehn.
Günther 940.


d) ein abhängiger satz: höret, denn ich wil reden, was fürstlich ist, und leren was recht ist. spr. Sal. 8, 6; er lehrte, wie wir auf der mensur stehen, uns auslegen sollten, wobei in solchem abhängigen satze ein conjunctiv oder indicativ steht, je nachdem das gelehrte als individuelle meinung oder als allgemein für richtig anerkannt hingestellt wird: Christus hat gelehrt, dasz den kindern das himmelreich gehört (mit einer schattierung des satzsinnes dasz den kindern das himmelreich gehöre); die alten alchymisten lehrten, wie man gold machen, ein lebenselixier destillieren, den stein der weisen finden könne; Syrach lehret wie man soll und möge gute freünde erwerben. Philander 2 (1643) 225;

hie sollt von der religion
erwigen, was lehrt Xenophon;
der sagt, Socrates hab gelehret,
wie unser vortheil sei verkehret,
und keim derwegen hie ausfündlich,
was gott und gottesdienst sei gründlich.
Fischart dicht. 3, 254, 2 Kurz;

nicht soll Medea ihre kinder schlachten
vor allem volke, hat Horaz gelehrt.
Uhland ged. 457.


8) lehren wird verbunden sowol mit dem acc. der person (vgl. no. 4) als mit dem acc. der zu lehrenden sache (no. 5), eine seit den ältesten zeiten gewöhnliche fügung: goth. ahma sa veiha, þanei sandeiþ atta in namin meinamma, sa izvis laiseiþ allata. Joh. 14, 26; ahd.

er gab thô mit thultithên liutin antuurti,
lêrta sie avur thô thaʒ guatjoh kêrt in frammort thaʒ muat.
Otfrid 3, 22, 36;

mhd. junc man, in swelher aht dû bist,
ich wil dich lêren einen list.
Walther 22, 34;

nhd. die bawren wusten nicht wie köstlich ding es sei umb friede und sicherheit, ... und dankten gott nicht darumb. das must er sie itzt auf diese weise leren. Luther 3, 146a; das ich solt ablassen fur euch zu beten, und euch zu leren den guten und richtigen weg. 1 Sam. 12, 23; so woltestu ... gnedig sein den sünden deiner knechte und deines volkes Israel, das du sie den guten weg lerest, darinnen sie wandeln sollen. 2 chron. 6, 27; alle die (zu richten), die das gesetz deines gottes wissen, und welche es nicht wissen, die leret es. Esra 7, 25; herr zeige mir deine wege, und lere mich deine steige. ps. 25, 4; die lere (plur.), die jn seine mutter leret. spr. Sal. 31, 1; das er Jacob solt den bund leren, und Israel

[Bd. 12, Sp. 563]


seine rechte. Sir. 45, 6; derselbige wirds euch alles leren. Joh. 14, 26; so hab ich ... denselbigen, mich solches zu berichten und zu lehren, mir erwehlet. volksbuch von dr. Faust s. 20 Braune; wann ein meister einen jungen auszgelehrt und ledig gezehlt hat, so soll derselbig meister in den nächsten dreien jahren darnach keinen jungen mehr anzunehmen und das handwerk zu lehren macht haben. würtemb. beckenordn. 1651 § 12; er (Mylius) ward in einem dorfe gebohren, wo er gar bald mehr lernen wollte, als man ihn daselbst lehren konnte. Lessing 4, 445; der gott, welcher die menschen den wein gelehret hatte. 8, 518; konnte nicht ein affe die ältesten Scheschianer etwas gelehrt haben? Wieland 6, 38; welche (junge leute), wie abgerichtete hunde, alle künste machten die man sie gelehrt hatte. 156; sein verlangen, eine reise, welche ihn so viel neues lehren würde, zu machen. 7, 154; lehre mich deine kunst, Kassim. 8, 269; wird dir einfallen, deinem schulmeister die hälfte deines vermögens zu geben, weil er dich vor dreiszig jahren das abc gelehrt hat? Göthe 10, 105; sie .. lehreten mich piquet, l'hombre und was andre dergleichen spiele sind. 25, 62; (mein vater bat mich) dasz ich doch von zeit zu zeit blasen, und das schöne talent, das er mich mit so vieler mühe gelehrt hatte, nicht vernachlässigen sollte. 33, 59;

du lehrst den storch die reisezeit.
Hagedorn 1, 9;

herr, lehrt mich bessre sachen,
als, statt des singens, geld bewachen. 2, 69;

wie? die grosze pflicht
zu glauben, ganz und gar ein kind nicht lehren?
Lessing 2, 303;

habt ihr,
ihr selbst die möglichkeit, dasz engel sind,
dasz gott zum besten derer, die ihn lieben,
auch wunder könne thun, mich nicht gelehrt? 199;

ihr unternehmt vergebens, mich den wahn
zu lehren, dasz den hocherhabnen, ihn,
ich fragen dürfe.
Klopstock 9, 101;

es sind gar wunderbare sachen;
der teufel hat sies zwar gelehrt,
allein der teufel kanns nicht machen.
Göthe 12, 121;

was der gott mich gelehrt, was mir durchs leben geholfen,
häng ich, dankbar und fromm, hier in dem heiligthum auf.
Schiller votivtafeln 1;

du willst wahres mich lehren? bemühe dich nicht! 11;

er sprach: sag an, mein ritter werth,
wer hat dich solche streich gelehrt?
Uhland ged. 330;

als lehrte zu jedem bilde
sie (die mutter) sprüche mich und lieder.
Freiligrath dicht. 127;

in vereinzelten fällen, wo lehren mehr an die bedeutung kundthun (sonst kennen lehren, s. nachher unter no. 9, b, α) rührt:

die fabel, die ich dich itzt lehre,
zeigt unsers pöbels ekel an.
Hagedorn 2, 73;

ein geist, den Molochs priester
heraufruft, soll dich jenen rathschlusz lehren,
den gott nur kennt?
Klopstock 9, 101;

man sagt zurückweisend: du willst mich doch nicht sitte lehren (ich weisz sie schon selbst);

gott Amor wollt ihr treue lehren?
Gotter 1, 359;

musz ich dich hofzucht lehren?
darfst du vom kranz der ehren
ein läublein nur begehren?
Uhland ged. 252.


9) auch in diesen fällen kann, wie bei der fügung mit einfachem acc. (vergl. oben no. 7) das substantiv des sächlichen objects ersetzt werden
a) durch das adverb zu einem volksnamen, wenn es sich um die unterweisung in einer sprache handelt (vgl. darüber oben 8, a): er lehrt seine kinder lateinisch, neben die lateinische sprache oder kürzer das lateinische (würdet ihr mich das lateinische lehren, .. wenn ichs lernen wollte? Scheffel Ekkeh. 50); z dem herren, den ich hebreisch gelert hatt. Th. Platter 59 Boos.
b) durch einen infinitiv, der theils mit, theils ohne zu steht; das letztere im allgemeinen in kurzen sätzen, das erstere in längeren satzverbindungen, obschon der sprachgebrauch des einzelnen vielfach schwankt.
α) infinitiv ohne zu: ahd. truhtîn, lêri unsih betôn, sôsô Jôhannes lêrta sîne jugirôn. Tat. 34, 5; mhd.

dur daʒ, sô suoche ich, frouwe, iuwern rât,
daʒ ir mich ebene werben lêret.
Walther 46, 36;

nhd. Sopher den feldheubtman, der das volk im lande kriegen leret. 2 kön. 25, 19; lere mich thun nach deinem wolgefallen. ps. 143, 10; lere uns bedenken, das wir sterben müssen. 90, 12; leret ewer töchter weinen, und eine lere die andre klagen.

[Bd. 12, Sp. 564]


Jer. 9, 20; herr, lere uns beten, wie auch Johannes seine jünger lerete. Luc. 11, 1; wie Pallas die menschen lehret spinnen, weben und dergleichen. Göthe 37, 297;

so musz man narren die kolben lausen,
und katzenkinder lehren mausen.
Römolt D 7a;

er lehrt mich thun und lassen,
führt mich auf rechter straszen.
P. Gerhard 120, 16 Gödeke;

und lehre du mich selber thun
nach deinem wohlgefallen.
Gellert 2, 141;

herr! lehre mich, wie oft ich fehle, merken. 184;

in der erweiterten construction eines reflexiven verbums: wo du die fromen lerest sich sondern von den bösen leuten, so soltu mein lerer sein. Jer. 15, 19; wo indes bei doppeltem vorkommen einer pronominalform dieselbe einmal unterdrückt werden kann:

kommt, lehret nur mich meines kummers schämen.
Gökingk lieder zweier lieb. (1779) 148

(für lehret mich, mich meines kummers schämen); oder mit transitiven verben: ahd. er lêrta iuuuih an got trôst haben. Notker ps. 13, 6; mhd.

dar under lêr ich iuch wol
iuwer êre bewarn. Iwein 2800;

nhd. auf das sie euch nicht leren thun alle die grewel, die sie jren göttern thun. 5 Mos. 20, 18; wie man die kinder in der schulen leret die buchstaben kennen. Luther 8, 117a; wenn ich dich ihn könnte verachten lehren, den nichtswürdigen! Göthe 10, 57;

lehr uns verrichten heilige geschäfte.
P. Gerhard 107, 38 Gödeke;

(ich will) euch lehren, meines vaters reich
und hohen rath verstehen.
Gellert 2, 203;

herr, lehre diesen weg mich gehn. 173;

einen etwas kennen lehren, vergl. darüber theil 5, 544, 8 und unten unter lernen; ironisch:

lehrt ihr des armen vogels,
der an der ruthe klebt, geflattre mich
doch kennen!
Lessing 2, 291.

in der alten dichtersprache konnte selbst ein gegenstand als belebtes object hingestellt werden:

von heiʒen bluotes flœʒen
daʒ velt sie lêrten riechen. troj. krieg 32015.


β) infinitiv mit zu: ahd. lêret sie zi behaltanne alliu sô uuelîchiu sô ih iu gibôt. Tat. 242, 1; der prophet aber oder der trewmer sol sterben, darumb das er euch von dem herrn ewerm gott ... ab zufallen geleret, und dich aus dem wege verfüret hat. 5 Mos. 13, 5;

o wie schön
ist itzt die gegend! sagt entzückt
der knabe, den Irin gelehrt,
auf jede schönheit der natur
zu merken.
E. v. Kleist (1765) 104;

ein jedes gut nach seinem werth zu schätzen,
brauch ich dich nicht zu lehren.
Göthe 9, 186;

o lehre mich das mögliche zu thun! 145;

(die frauen) lehren die kräfte, die feindlich sich hassen,
sich in der lieblichen form zu umfassen.
Schiller würde der frauen;

doch so lehrte mich gott Merkur
vorzubeugen dem greuelhaften.
Rückert liebesfrühling (1872) s. 124.


c) statt des sächlichen objects ein abhängiger satz in mehrfacher form (vergl. dazu oben 8, d): ahd. hie lêret unsih Christus, daʒ uns sîn reht in muote sî, nieht ein in munde. Notker ps. 39, 10; mhd.

er schalc, in swelhem leben er sî, der dankes triege,
unde sînen hêrren lêre daʒ er liege!
Walther 28, 22;

nhd. ich wil .. euch leren, was jr thun solt. 2 Mos. 4, 15; was sollen wir mit der lade des herrn machen? leret uns, womit sollen wir sie an jren ort senden? 1 Sam. 6, 2; aber herr lere doch mich, das ein ende mit mir haben mus, und mein leben ein ziel hat, und ich davon mus. ps. 39, 5; der die menschen leret was sie wissen. 94, 10; ich bin der herr dein gott, der dich leret was nützlich ist. Jes. 48, 17; lere mich wie ich reden sol. stücke in Esther 3, 9; und etliche kamen erab von Judea, und lereten die brüder, wo jr euch nicht beschneiten lasset nach der weise Mosi, so künd jr nicht selig werden. ap. gesch. 15, 1; man hat mich gelehrt, zu der erlösung der menschen gehörten auch das hinabsteigen zur hölle und die himmelfahrt Christi. Lessing 3, 319; lehret mich ein wenig, mein herr, wie man brod ohne mehl macht! Göthe 34, 171; Maria. man lehrte mich: liebkosungen sein, wie ketten stark durch ihre verwandtschaft, und mädchen, wenn sie liebten, sein

[Bd. 12, Sp. 565]


schwächer als Simson nach verlust seiner locken. Weisl. wer lehrte euch das? 8, 42;

wie höflich man mit königinnen
verfahren müsse: hat mein bruder mich
zu wohl gelehrt.
Lessing 2, 228;

Hafis, o lehre mich
wie du's verstanden!
Göthe 5, 207;

und lehr du mich mit fleisz und acht,
wie man die guten schwerter macht!
Uhland ged. 332.


d) es heiszt auch einen von etwas lehren (gleicherweise auch einen von etwas belehren, theil 1, 1443): ich wil euch leren von der hand gottes. Hiob 27, 11; oder, bei fehlendem persönlichem object, sie haben ein hurengeist in jrem herzen, und leren vom herrn nicht. Hosea 5, 4; Paulus aber ... prediget das reich gottes, und lerete von dem herrn Jesu. ap. gesch. 28, 31; auf etwas lehren: auf seitenspilen leeren, als auf der lauten oder harpfen, docere aliquem fidibus Maaler 266b; vergl. auch beim part. gelehrt unten 11, d.
e) statt des persönlichen objects wird der theil des menschen genannt, durch den das gelernte ausgeübt wird: ahd. der mîne hende lêret in uuîge ze uberuuindenne mîne fiende. Notker ps. 17, 35; nhd. er leret meine hende streiten, und leret meinen arm den ehren bogen spannen. 2 Sam. 22, 35;

wer lehrt das auge seine pflicht,
sich sicher zu bedecken?
Gellert 2, 140;

(gott, du) lehrst meinen geist
ein gläubig abba sagen. 153;

auch lehrte sie (die mutter) mein herz, die menschen lieben.
Gotter 1, 2.


10) neuerer brauch ist es, statt des persönlichen accusativs (oben no. 4) den dativ zu verwenden. mhd. ist dafür noch kein beispiel zu geben, denn eine stelle aus dem 14. jahrh.:

heiʒ eʒ (das kind) tugende suochen:
lêre ime hende unde munt:
mache ime sinne unt witze kunt. altd. blätter 4, 94, 151;

gehört vielmehr zu den oben 9, e aufgeführten, und der persönliche dativ steht nur an stelle eines possessivs; aber im 17. jahrh. erscheinen schon mehrfache fälle und im 18. jahrh. werden dieselben häufig, nicht ohne dasz von strengern handhabern der sprache widerspruch erhoben wird: sie (die guten gesellschaften) und das volk sagen z. e. lehre mir; und gleichwohl ist lehre mich allein deutsch. Klopstock 12, 211; indes verwenden die besten schriftsteller die fügung mit dem persönlichen dativ neben der ältern mit dem persönlichen acc., wie eine vergleichung der bisher gegebenen beispiele mit den unten folgenden zeigt; und öfters finden sich beide fügungen ziemlich dicht neben einander:

vor zwei minuten hast du mirs ja selbst gelehrt.
Körner 4, 8;

und wars die freundschaft nicht, die mich den text gelehrt. s. 9;

sie lehrten mir kleine hexereien,
feuer besprechen, vögel beschreien,
auch pflücken in der Johannisnacht
das kräutlein, das unsichtbar macht.
sie lehrten mich sterne und zeichen deuten,
sattellos auf dem winde reiten,
auch runensprüche.
H. Heine 18, 104.

gewöhnlich erscheint der dativ der person zu einem sächlichen object (wo sonst die fügung oben 8 gebräuchlich ist): einem die gottesfurcht lehren, erudire praeceptis ad pietatem. Stieler 1127; einem lateinisch lehren, aliquem latine docere. Steinbach 1, 1039; einem künste und handwerke anfangs lehren, tradere operum atque artium initia. ebenda; ein philosoph glaubt selten die moralischen wahrheiten, die er andern lehrt. Rabener 4, 128; wenn sie mich auf ihre hochzeit bitten wollen, so verspreche ich ihnen einige neue tänze, etliche dutzend verliebte ausdrückungen gegen ihren bräutigam, und unterschiedene neumodische zärtliche blicke zu lehren. Lessing 2, 400; die ursache davon hat mir Menage in seinem discours sur Terence ... gelehrt. 3, 88; lernen sie also, herr pastor, was ihnen in Laublingen freilich niemand lehren kann. 407; dasz ihm beides die vernunft nicht lehren kann. 4, 60; sie lehrte ihm kleine lieder. Göthe 19, 138; er verfluchte darauf seine kunst und den, der sie ihm gelehrt hatte. 33, 58; (ich) kann .. ihm ein geheimnis lehren, wodurch seine augen geheilt werden sollen. 34, 165; dieser bekam jährlich 600 ducati gehalt, .. doch mit dem beding, zwei schüler zu halten, Neapolitaner, und ihnen die kunst zu lehren. 37, 260; die schönheiten der alten sprachen kennen zu lernen, die er (Winckelmann) der Seehäuser jugend mit gar nicht allgemeinem beifalle lehrte. F. A. Wolf ebenda s. 88; so hatte es ihm der connetable gelehrt. Schiller 1094a;

[Bd. 12, Sp. 566]


lasz sie mir allzeit guten rat
und gute werke lehren.
P. Gerhard 204, 32 Gödeke;

hat dir Jerome das gelehrt?
H. v. Kleist 1, 20;

wer wollte nicht ..
hoch über die gebürge ziehn,
hinab zur schönen stadt gekehrt,
die einst der welt so viel gelehrt?
Platen 66;

seltener zu einem infinitiv (vgl. oben 9, b): einem reden lehren, praecepta tradere ornate et copiose loquendi. Stieler 1127; können sie mir denn auch epische gedichte, tragödien, satyren und fabelchen machen lehren? C. F. Weisze lustsp. 1, 91; einen einem kennen lehren: sie will mir vorher noch den braven mann kennen lehren, der durch seine tugendhafte handlung der held dieses dramas geworden ist. Thümmel 2, 207, aber neben der fügung mit doppeltem accusativ: diesen mann kann ich zum glück dich in seiner ganzen vortrefflichkeit aus den überresten meines tagebuchs kennen lehren. 6, 401; — mit persönlichem dativ und abhängigem satze:

er lehret ihm, was tauge
und er selbst tugend heisz (heisze).
P. Gerhard 280, 77 Gödeke;

dichtern, die im scherze stark,
mit geschichten voller mark
muntern mägdchen munter lehren,
was die mütter ihnen wehren.
Lessing 1, 78.


11) das part. gelehrt in seiner passiven verwendung richtet sich nach den verschiedenen fügungen des activen lehren.
a) lehren mit einfachem persönlichem oder sächlichem object entspricht ein gelehrt werden; ich werde gelehrt; ich bin gelehrt worden; eine sache wird gelehrt; die fechtkunst wird vom fechtmeister gelehrt; diese allgemeine sprache, die von keinem grammatiker gelehrt, aber von allen menschen verstanden wird. Wieland 14, 96. gelehrt sein kann ausdrücken unterricht oder anweisung empfangen haben: und sie namen das geld und theten wie sie geleret waren. Matth. 28, 15; seid feste im glauben, wie jr geleret seid. Col. 2, 7; aber auch in mehr prägnantem sinne, sich das volle verständnis einer lehre erworben haben, einen wissenszweig, in dem man vorher unterrichtet worden, genau kennen:

ein ritter sô gelêret was
daʒ er an den buochen las
swaʒ er dar an geschriben vant. a. Heinr. 1;

der keiser selber den briff las,
wann er wol gelêret was.
J. Grimm kl. schr. 3, 68;

die damen, die von lieb und derer heiszem leiden
zu wissen sind gelehrt.
Logau 1, 79, 21;

daher in der alten sprache ein gelêrter man, der unterricht empfangen hat und dessen früchte noch zeigt:

und alsô der gelêrte man (der lesen konnte)
an sîner tavele gelas
wie daʒ kint geborn was. Gregor. 868;

und gelêrt von einer sache in der man durch unterricht bescheid weisz:

duc Orilus de Lalander
streit nâch sîme gelêrten site. Parz. 265, 5;

von hier setzt die adjective und substantive verwendung des part. gelehrt ein, s. das weitere an alphabetischer stelle.
b) dem lehren mit persönlichem und sächlichem accusativ steht gelehrt werden, gelehrt sein gegenüber
α) mit persönlichem nom. und sächlichem accusativ, er ist einen gegenstand gelehrt worden: mhd.

ich bin vil wîse, ich hân den sin,
daʒ ich arzât der worte bin.
den list bin ich gelêret. Barlaam 13, 35;

so ich den irrthumb gelehret werde. Luther br. 1, 209; genug, er fuhr fort, hierüber zu denken, wie er es in seiner jugend war gelehret worden. Lessing 9, 293; alles bezog sich in den scheschianischen schulen auf den künftigen gebrauch, und die jugend wurde nichts gelehrt, was sie ohne schaden wieder vergessen konnte. Wieland 7, 297; wenn sie nicht bereits eine art von sprache durch ihre erziehung gelehrt worden wären. 14, 100; auch vom gesange und vom tanze war die schöne Kikequetzel die erfinderin. jenen lernte sie dem vogel Sensütl ab, ... diesen wurde sie, wenn Koxkox an einem schönen abend die lieder dieses musikalischen vogels auf seiner flöte nachahmte, oder ihre eignen begleitete, von der natur selbst gelehrt. 105;

wer solches wird gelehret,
der spiegelt sich an dem, was jene zeit gethan.
Opitz 1, 12;

dafür auch mit abhängigem satze: ich bin gelehrt worden, dasz dies meine pflicht sei.

[Bd. 12, Sp. 567]



β) oder mit sächlichem nom. und persönlichem acc., ein ding wird mich gelehrt:

sage uns hie
mit welhen fuogen oder wie
der name dich gelêret sî.
K. v. Würzburg Silvester 4709;

die sprache kann den ersten menschen sein gelehret worden: er kann eben so dazu gelangt sein, wie noch itzt alle kinder dazu gelangen müssen. Lessing 10, 4; dieses weist du, du kannst dichs wenigstens von deiner kindheit her erinnern, da dichs gelehrt ward. Klopstock 11, 122.
c) für die letztere fügung wird aber auch neben dem sächlichen nom. ein persönlicher dativ gebraucht (vgl. dazu oben 10): im vierten hauptstücke werden dem gesetzgeber handgriffe gelehrt. Göthe 33, 108; uns andern ist das nun schon nicht gelehrt worden. 38, 69; mit abhängigem satze: ihm wurde gelehrt, das sei zum leben notwendig.
d) gelehrt werden oder sein mit präpositionen; so von (vgl. dazu einen von etwas lehren oben 9, d): es stehet geschrieben in den propheten, sie werden alle von gott geleret sein. Joh. 6, 45 (καὶ ἔσονται πάντες διδακτοὶ θεοῦ; goth. jah vairþand allai laisidai guþs); in: die im gesang des herrn gelert waren. 1 chron. 26, 7; und Moses ward geleret in aller weisheit der Egypter. ap. gesch. 7, 22; zu: die vile zur gerechtigkeit gelehret und gewisen, werden wie die sterne scheinen. Butschky Patm. 285; mhd. auch ûf:

dâ was werder knappen vil,
wol gelêrt ûf seitspil. Parz. 639, 8;

dafür mit genitiv: richter und urtheiler, die solcher rechten nicht gelehrt seind. Carolina art. 104; vgl. dazu adj. und subst. zusammensetzungen wie rechtsgelehrt, schriftgelehrt, sprachgelehrt.
12) lehren, einem auf eindringliche art etwas kund thun oder beibringen, so dasz er schon durch die art des kundthuns es nicht vergiszt (vergl. dazu das subst. lehre no. 3, b sp. 557): und die menner im lager antworten Jonathan und seinem waffentreger, und sprachen, kompt er auf zu uns, so wollen wirs euch wol leren. 1 Sam. 14, 12; wiszt ihr, dasz es jetzt nur an mir läge, mich durch alle diese hasenjäger durchzuschlagen und das weite feld zu gewinnen? aber ich will euch lehren, wie man wort hält. Göthe 8, 123;

die Muszkünn wirt in noch leern (ihren mann)
das er musz spüln haizen und kern. fastn. sp. 786, 21;

auf die letzt fieng der eine (der beiden streitenden) an,
ich seh wol wie es sei gethan,
mit der that musz ich lehren dich,
dasz ein freien willen hab ich.
L. Sandrub kurzweil (1618) 84;

gern drohend, und auf eine züchtigung hinweisend: harr du curtisan ex professo, ich wil dich galanisieren lehren. Chr. Weise überfl. ged. (1701) 238; es ist mehr als zu recht und billig, dasz man solchen jungen leckern ... mores lehrt. westph. Robins. 138; klipp! klapp! rief sie, indem sie ihm einen derben schlag mit dem absatze versetzte, dasz er schreiend die hand zurück zog. ich will euch lehren bei meinen pantoffeln was anders denken, sagte Philine lachend. und ich will dich lehren alte leute wie kinder anführen! rief Serlo dagegen, sprang auf, faszte sie mit heftigkeit und raubte ihr manchen kusz. Göthe 19, 170;

der ochsz jm (dem bock) ausz dem wege wich,
und sprach: vor dir fürcht ich nit mich,
wenn der löw nicht dahinden wer,
wolt ich dich jetzt wol mores ler,
und soltst erfahren jetzt bei zeiten,
was wer, mit einem ochsen streiten.
B. Waldis Esop 1, 85, 12;

vor zorn und scham erröthend, fällt
ihm Idris hier ins wort: ich weisz nicht was mich hält,
(spricht er mit stolz) dein freches maul zu lehren,
dasz götter selbst ihr bild in dieser tugend ehren.
Wieland 17, 58 (Idris 1, 86);

das leugst du, Plump von Pommerland,
bei gott und ritterehre!
herab! herab! dasz schwert und hand
dich andre sitte lehre!
halt, Trudchen, halt den Dänen an!
herunter, junker Grobian,
herunter von der mähre,
dasz ich dich sitte lehre!
Bürger 54a;

auch ironisch: wart, ich will dich lügen lehren! sagt der vater beim züchtigen des knaben, den er auf einer lüge ertappte; ich schwöre bei gott dem lebendigen, dasz, wenn er jemals in meine hände fällt, ich ihn lehren will, solche treulosigkeiten

[Bd. 12, Sp. 568]


zu begehen. Schiller 1091a; auch nur wart, ich will dich lehren!; und selbst mit unterdrückung des verbums: wart, ich will dich —!
13) lehren, in verbindung mit einem sächlichen subject, in sonst gleichen fügungen.
a) in der bibelsprache steht statt der person der theil des menschen, der eine unterweisung vermittelt oder den man sich als ihren urheber denkt: der mund des gerechten redet die weisheit, und seine zunge leret das recht. ps. 37, 30; die lippen der gerechten leren heilsam ding. spr. Sal. 10, 32; der verstand leret was heilig ist. 9, 10; ein weise herz redet klüglich, und redet wol. 16, 23; denn der heilige geist, so recht leret, fleucht die abgöttischen. weish. Sal. 1, 5.
b) sonst werden eigenschaften des menschen oder ereignisse als lehrend gedacht, insofern sie einem eine kunde vermitteln, einen etwas erkennen lassen, auf etwas hinweisen: diesen ganzen abend und den gröszesten theil der nacht hatten alle kräfte meiner seele keine andere beschäftigung, als sich dies geliebte bild .. mit einer lebhaftigkeit vorzumahlen, die ihm immer neue schönheiten lehrte. Wieland Agathon (1773) 2, 94 (in den werken 2, 37 ist lehrte durch lieh ersetzt);

lasz dich sein kluges zaudern lehren.
Gotter 1, 229;

die armut des gottlosen leret jn viel böses reden. Sir. 13, 30; müssiggang leret viel böses. 33, 29; die anfechtung leret aufs wort merken. Jes. 28, 19; deine missethat leret deinen mund also. Hiob 15, 5; der schrecken der hinrichtungen (würde) den übrigen landständen künftig einen schnellen gehorsam lehren. Schiller 898a; erfahrung häufiger schläge lehrt schweigsamkeit. Scheffel Ekkeh. s. 175;

es lehrt ihm disz die noht.
P. Fleming 109;

lasz deinen geist mich stets, mein heiland, lehren,
dein göttlich kreuz im glauben zu verehren; ..
das gute thun, das böse fliehn und meiden,
herr, diese pflicht lehrt mich dein heilig leiden.
Gellert 2, 198;

noth lehrt beten, man sagts.
Göthe 1, 352;

glaube dem leben; es lehrt besser als redner und buch. 399;

das leben lehrt uns, weniger mit uns
und andern strenge sein; du lernst es auch. 9, 75;

die angeborne kraft,
die standhaft mich dem unglück, stolz dem unrecht
begegnen lehrte. 122;

doch glaube nur, es horcht ein stilles herz
auf jedes tages, jeder stunde warnung,
und übt sich ingeheim an jedem guten,
das deine strenge neu zu lehren glaubt. 152;

und wenn das elend alles mir geraubt,
so preis ichs doch: die wahrheit lehrt es mich. 241;

werden die leiden
endlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem bruder zu hadern? 40, 286;

hoher stolz, auch droben zu gebieten,
lehrte sie (die priesterin) den göttergleichen rang,
und des reizes heilgen gürtel hüten.
Schiller götter Griechenlands.


c) auch verstand und herz des menschen treten als ihn selbst lehrend auf; man hört oft: hier musz dich dein eigener verstand lehren, was zu thun sei; lasz dich dein herz lehren, wie du hier handeln sollst;

in groszes unglück lehrt ein edles herz
sich endlich finden.
Schiller Maria Stuart 1, 1.


d) aber auch anderes gegenständliches; so die erde, die natur, die zeit, das fremde land u. ähnl.: rede mit der erden, die wird dichs leren. Hiob 12, 8; leret euch auch nicht die natur, das einem man eine unehre ist, so er lange har zeuget? 1 Cor. 11, 14; der markt hett dich soll lehren kaufen (sprichwörtlich). volksbuch von dr. Faust 112 Braune; der markt lehrt kramen. Pistorius thes. par. 4, 43; das alter wirt sy wol leeren, aetas illos satis acuet. Maaler 266b;

denn was wäre das haus, was wäre die stadt, wenn nicht immer
jeder gedächte mit lust zu erhalten und zu erneuen,
und zu verbessern auch, wie die zeit uns lehrt und das ausland!
Göthe 40, 258;

kunst, wissenschaft: sie behaupteten, das theater könne lehren und bessern. Göthe 49, 170;

er (der papst) ehrt die wissenschaft sofern sie nutzt,
den staat regieren, völker kennen lehrt. 9, 129;

beispiel, lob, tadel, schmerz, recht, sitte: wir widerholen seinen namen hier um desto lieber, weil er uns der formellen lobsprüche überhebt, die das publicum in ansehung der vorzüglichen geschicklichkeit dieses dichters nichts mehr lehren würden. Lessing 5, 37;

[Bd. 12, Sp. 569]


ich lehnt ihn dir auf kurze zeit,
nun lehrt dich rath und billigkeit,
ihn wieder heim zu stellen.
Günther 336;

das lehrt uns Hiero (das beispiel des Hiero), der einen reichen staat
eilf jahre lang regiert, und oft gesieget hat.
Hagedorn 1, 37;

verflucht sei der senat! verflucht ein recht,
das ränkevoll der herrschenden partei
gesetzlich treu und unschuld morden lehrt!
Göthe 7, 331;

einen sohn (begräbt man), die wonne seiner mutter,
(o, das lehrt ihr jammernd ach).
Schiller elegie auf den tod eines jünglings;

und sonst dinge:

unter andren, ist auch disz, das von gottes zorn uns lehret,
wann man etwa nicht gar viel braut und bräutgams stimme höret (anspielung auf Jer. 7, 34. 16, 9).
Logau 2, 178, 4;

lehret gleich der truck (des weins) die schwere zunge stammeln.
Günther 534;

hört, hört, ihr sternenfahrer, hört,
was mir der wein, der wein gelehrt!
Lessing 1, 205, vergl. mit 13, 645;

und wie der klang im ohr vergehet,
der mächtig tönend ihr (der glocke) entschallt,
so lehre sie, dasz nichts bestehet,
dasz alles irdische verhallt.
Schiller glocke v. 416;

und ein grabmal von porphyr
lehrt sein trauriges verhängnis.
Uhland ged. 269.


e) endlich lehrt das wort, die erzählung, die fabel, ein gedicht u. s. w.: diese fabel leret, das dis büchlin bei bawren und groben leuten unwerd ist. Luther 6, 270b; liebliche rede leren wol. spr. Sal. 16, 21; die eine historia lehret und erinnert uns, dasz einer seines gelichters oder gleichen freien soll. L. Sandrub kurzweil (1618) 121; Tollio (d. h. die erzählung von Tollio) lehret mit seinem wunderbarlichen diebstall, dasz nichts so klein gespunnen werde, es komme doch endtlich an die sonnen. 128;

vergebens sieht ein fürst in lehrenden geschichten
die höchste schändlichkeit versäumter herrscherpflichten.
Hagedorn 1, 46;

wo hätt ich licht,
wofern mich nicht
dein wort die wahrheit lehrte?
Gellert 2, 152;

dich erwähl ich zum lehrer, zum freund. dein lebendiges bilden
lehrt mich, dein lehrendes wort rühret lebendig mein herz.
Schiller votivtafeln 12;

ein lehrendes (didaktisches) gedicht:

ermüde nicht, in lehrenden gedichten
die deutschen musen zu erfreun.
Hagedorn 2, 72.


14) lehren für das passive lernen (wie sich umgekehrt für das active lehren lernen findet, s. unter letzterem), entwickelt sich verhältnismäszig spät, aber sehr allgemein, es findet sich nicht nur im hd., sondern selbst im späten altnord. læra (vergl. Vigfusson 403b), sowie im isländischen, im schwed. lära, dän. lære, schottisch lare, im niederd., niederl. leren;

do ik dei kunst allerêrste lêrde,
van gode ik mi gensliken kêrde
unde quam in des duvels schole. Theophilus ed. Hoffmann (1853) 376;

ik lêt em binden beide vote
an den klockrêp na sineme willen,
up dat he sinen lusten mochte stillen,
unde dat ludent (läuten) wol mochte leren. Reinecke fuchs 1435,

wie mnl.: dat luden waert hem do soe soete
dat hijt emmer wilde leren. Reinaert 1487 Martin;

in verschiedenen unserer mundarten dauert es, wie in den angeführten sprachen, bis heute, z. b. niederd. leeren (sowohl lehren als lernen Schütze 3, 21); mecklenburgisch lîren (hei was en gauden mann un hadd ok sin ding düchtig lihrt. Reuter dörchläuchting s. 28); um Jewer læren, leren Fromm. 3, 42; im märkischen süderlande læren 260; nordwestfälisch leren 383; siebenb.-sächs. lîren 5, 363; bair. lêren Schm. wb. 1, 1499 Fromm. mundarten s. 434; alem. lehra Tobler 296b, lehren, usse lehren auswendig lernen Stalder 2, 164; lêre Seiler 189b; die schriftsprache hat diese bedeutung von lehren nicht über das 17. jahrh. behalten:

er engelêrte nie buochstap,
wan im ist unbekant,
waʒ zer schrift ist gewant. gesamtabent. 1, 445, 4;

also kam der keiser z sant Silvester und lerte von ime cristen glouben. d. städtechr. 8, 362, 8; lieber sun, nim war und lere wisheit bi mir, und sich, wie ich t. 493, 5; wann die idioten nicht haben gelert und jr jugent mit faulkeit haben hinbracht. kriegb. d. fr. 201; die schler im glauben so man teufen wil, sollen den glauben leeren. S. Frank chron. 1531 357a; bosheit ist bald gelert. das bös lert sich selbs. sprichw. 2, 53b; auf dasz du des irdischen mangeln (entbehren)

[Bd. 12, Sp. 570]


lehrest. Fischart bienk. 38a; dunkete mich rahtsam sein, dasz ich die jungfraw köndte in jhr vatterland und zu jhren eltern fürdern, die ich verhoffete, mit hülf der götter, ausz zufall wolte lehren erkennen. b. d. liebe 194c; ich bedarf keines meisters mich zu lehren, du hast diese kunst ausz anweisung der meister müssen lehren, mir aber wirt mein natur und die zeit ein lehr geben. 213d; zu letst aber brachten sie jn auf die ban, das er ordenlichen betten lert. Wickram rollw. 166, 25 Kurz; geh! und lehre die menschlichkeit von deinen nachbahren. pers. baumg. 5, 7;

wer sich recht spiegelt, der lert wol
das er nit wis sich achten sol. narrensch. vorr. 35;

ir narren, wellen von mir leren
anfang der wyszheit, vorcht des herren. 42, 1;

das yederman lert drinken wyn. 66, 80;

und dasz sie unsz auch leren kennen.
Murner luth. narr 1300;

hie lert ein mann daraus,
wo er ist in eim haus
freuntlich zu gast geladen,
leb er des wirts genaden.
H. Sachs dicht. 1, 249, 49 Gödeke;

die meidlein haben spanisch glert.
Gödeke u.
Tittmann liederb. 50, 3;

ich bit dich freundtlich, sag mir an,
von wem hastu solch weiszheit glert? (: kert).
B. Waldis Esop 1, 73, 29;

sprach: bin nit dazu ghalten worden,
das man mich hett lon etwas leren. 4, 95, 283;

sonder ich mus nur zeigen frei,
was der Nas für ein esel sei,
der nie nicht hat was recht gelert.
Fischart dicht. 1, 202, 2777 Kurz;

auch thun es die gar grob verkehren,
die langsam sein von schnecken lehren. 3, 260, 32;

gleichwohl soll auch am schnecken lehren
ein man, wie er sein weib soll ehren. 262, 87;

dann ich thet meine tag nichts lehrn,
denn junker sein, spilen und zern.
J. Ayrer 382a (1915, 6 Keller);

sprach er (der pfarrer) ich kan dir geben nicht
das abentmahl nach deim begern,
du must vor besser beten lehrn.
L. Sandrub kurzweil (1618) 24;

bei der münze soll man lehren,
wie sich thut die welt verkehren.
ex moneta addiscatur,
quomodo mundus pervertatur.
Pistorius thes. par. 6, 92.


 
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lehrenswerth, adj., wert gelehrt zu werden. Wolf mus. der alterthumswissensch. s. 80.
 
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lehrentscheidung, f.: die feierlichen an die ganze kirche gerichteten lehrentscheidungen des römischen stuhles. Frankfurter journ. v. 14. febr. 1872.
 
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lehrer, m. der lehrend oder unterweisend thätig ist. goth. laisareis; alts. altnfr. lêrari (im Heliand dafür lêreo oder lêriand); nd. lerer, nl. leeraar; isländ. (nicht altnord.) lærari, schwed. lärare, dän. lærer; im ags. und engl. ist das wort nicht vorhanden; ahd. lêrari, mhd. lêrære, lêrer; doctor lerer, lerre Dief. 189a; pedagogus zuchter o. lerer 419c; didascalus lerer 180b; instructor lerer nov. gloss. 218a; leerer, doctor, didascalus, praeceptor Maaler 266a; in mancherlei anwendung.
1) lehrer, der berufsmäszig unterrichtende. es heiszt mit ortsangabe lehrer an der volksschule, lehrer am gymnasium, lehrer an der hochschule; lehrer an einer erziehungsanstalt; lehrer des ortes, worunter der öffentlich angestellte verstanden wird; lehrer in schulen, scholae praeceptor publicus, ludi literarii magister. Frisch 1, 599b; Radpert, .... der lang erprobte lehrer an der schule. Scheffel Ekkeh. 16; mit angabe des fachs lehrer in einem fache; lehrer der neueren sprachen; lerer des gesangs, musicus, lerer der heiligen geschrift, theologus, lerer des kriegs oder vechtens, gimnosophista, lerer der meisterlichen messung, geometricus, lerer der red und schreibung, grammaticus, lerer der schonen und hubischen red, rhetor, orator, lerer der suchenden kunst, loicus, lerer der zal und rechnung, arismetricus. voc. inc. theut. m 3a. man sagt einen lehrer haben, auch einen zum lehrer haben; einen lehrer anstellen, bestellen, einsetzen, halten; einen lehrer entlassen, absetzen;

hätte mein vater gesorgt für mich, so wie ich für dich that,
mich zur schule gesendet und mir die lehrer gehalten,
ja, ich wäre was anders als wirth zum goldenen löwen.
Göthe 40, 256;

schon ist dem dorfanwachse bestellt ein verständiger lehrer.
Voss Luise 2, 544.

[Bd. 12, Sp. 571]


vergl. composita wie schullehrer, universitätslehrer, ortslehrer; sprachlehrer, turnlehrer, schreiblehrer u. a. lehrer im wechsel mit meister (s. d.):

Meph. da heiszt es denn: der meister war ein tropf.
Baccal. ein schelm vielleicht? denn welcher lehrer spricht
die wahrheit uns direct ins angesicht?
Göthe 41, 100.


2) lehrer, der unterweiser im göttlichen wort: Esra .. der ein lerer war in den worten des herrn und seiner gebot aber Israel. Esra 7, 11; die lerer aber werden leuchten, wie des himels glanz, und die, so viel zur gerechtigkeit weisen, wie die sternen jmer und ewiglich. Dan. 12, 3; seid fröhlich im herrn ewrem gott, der euch lerer zur gerechtigkeit gibt. Joel 2, 23; funden sie jn im tempel sitzen, mitten unter den lerern. Luc. 2, 46; und gott hat gesetzet in der gemeine, aufs erst die apostel, aufs ander die propheten, aufs dritte die lerer. 1 Cor. 12, 28 (vergl. Eph. 4, 11); dazu ich gesetzt bin ein prediger und apostel, .. ein lerer der heiden, im glauben und in der warheit. 1 Tim. 2, 7; wie auch unter euch sein werden falsche lerer. 2 Petr. 2, 1; gedenket an ewer lerer, die euch das wort gottes gesagt haben. Hebr. 13, 7; von Christus selbst: meister, wir wissen, das du bist ein lerer von gott komen. Joh. 3, 2 (Ulfilas übersetzt auch die anrede διδάσκαλε, vulg. magister, an Christus, die Luther durch meister wiedergibt, mit laisari, z. b. Marc. 10, 17. 12, 14); dann von den kirchenvätern (kirchenlehrern th. 5, 805): der h. lehrer Augustinus. L. Sandrub kurzweil (1618) 22. von geistlichen, die sich lehrer des göttlichen wortes nennen: hierauf versprich ich mich wider, dasz ich ... keinem geistlichen lehrer gehorchen, noch seiner lehr nachkommen wil. volksb. v. dr. Faust 100 Braune; der übermuth der fremden lehrer hat sich täglich erhöht, sie haben unser heiligthum gelästert (worte der regentin in Egmont). Göthe 8, 180.
3) lehrer, der forscher in einem wissenszweige, der gelehrte, der seine forschungen mündlich oder schriftlich darlegt: und en vrâgite einer ûʒ en, ein lêrere der êe. Behaims evang.-buch, Matth. 22, 35 (vulg. legis doctor, Luther schriftgelehrter); sumelich der lêrere. Luc. 20, 39 (vulg. quidam scribarum, Luther wie vorhin); manik maister und aller maist der christen und der juden lêrer setzent zehen himel ob ainander. Megenberg 55, 10; ander lêrær sprechent, daʒ der paum in der wild veigenpaum sei. 347, 32; lehrer sein, als forscher darlegen: wie Strabo lib. V. lerer ist. Frank weltb. 17b; daher lehrer auch verfasser eines lehrenden buches: das es der lerer desselben büchlins für fein, nutz und bequem achtete (das sacrament in beiderlei form zu reichen). ausschreiben des bischofs zu Meiszen bei Luther 1, 214a;

de lerer, de desse istorien schrêf,
schrift vorder, wor Isegrim blêf. Reinecke fuchs 6701.

vergl. dazu meister.
4) lehrer in weiterem sinne, der irgendwie durch mahnung, wort, beispiel eine lehre oder anweisung gibt:

oft quält ihr uns, ihr wahrheitsfreunde,
mit eurer dienstbeflissenheit;
oft seid ihr unsrer ruhe feinde,
indem ihr unsre lehrer seid.
Gellert 1, 72;

Horaz, mein freund, mein lehrer, mein begleiter,
wir gehn aufs land.
Hagedorn 1, 68;

dich erwähl ich zum lehrer, zum freund. dein lebendiges bilden
lehrt mich, dein lehrendes wort rühret lebendig mein herz.
Schiller votivtafeln 12;

sie, die scheidende zieht durch wald und grauses gebirge,
sucht den wandernden mann, ach! in der ferne noch auf;
sucht den lehrer, den freund, den vater.
Göthe 1, 315;

in diesem sinne auch von gefühlen, dingen, thieren: gemäld so der einfältigen lehrer sein. Schuppius 750;

im fleisz kann dich die biene meistern,
in der geschicklichkeit ein wurm dein lehrer sein.
Schiller die künstler v. 30;

liebe ist von allen lehrern
die geschwindeste auf erden.
Scheffel trompeter (50. aufl.) 149.


5) lehrer, im gegensatze zum schüler:

trüge gern noch länger des lehrers bürden,
wenn schüler nur nicht gleich lehrer würden.
Göthe 2, 294;

o wie machts dem lehrer freude,
sieht er seines schülers fleisz.
Rückert liebesfrühl. (1872) 257.


6) an der Pegnitz heiszt lehrer der lehrling. Schm. 1, 1499 Fromm. vergl. lehren für lernen oben sp. 569.
 
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lehreramt, n. amt als lehrer.
 
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lehrerberuf, m. beruf als lehrer: er will sich dem lehrerberufe widmen.
 
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lehrerbesoldung, f. besoldung eines lehrers oder der lehrer eines staates, einer gemeinde insgesammt.

[Bd. 12, Sp. 572]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) lehrerfindung, f. ergründung einer lehre. Fischart. s. d. beleg unter lehrnis.
 
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lehrergehalt, m. und n. gehalt eines lehrers oder der lehrer: wir haben die nothwendigkeit einer aufbesserung der lehrergehälter nicht verkannt. Frankf. journ. v. 18. oct. 1871.
 
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lehrerin, f. weiblicher lehrer: doctrix lererin. voc. inc. theut. m 3a; eine lehrerin an der volksschule; lehrerin der musik, der weiblichen handarbeiten; gute lererin (sollen weiber sein). Tit. 2, 3; sie lernt nicht als eine die erzogen werden soll, sondern als eine die erziehen will; nicht als schülerin, sondern als künftige lehrerin. Göthe 17, 39; ein demüthiger zuhörer, sprach Ekkehard, dem die sehnsucht, das griechische zu erlernen, muth gibt, so erlauchter lehrerin sich zu nahen. Scheffel Ekkeh. 275;

wanne aller sprâche lêrerîn
ist kriechisch. Renner 22280;

du bist der sehlen lehrerin.
Weckherlin 762.


 
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lehrerjahr, n. jahr in welchem man den lehrerberuf hat: (der apostel Johannes) war während der lehrerjahre des herrn sein immerwährender begleiter. Dinter schullehrerbibel (2. aufl.), neues test. s. 203.