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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
kümmeltraube bis kümmerer (Bd. 11, Sp. 2592 bis 2601)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) kümmeltraube, f. groszer muskateller, weihrauch. Nemn.
 
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kümmeltürke, m. studentisch gleich philister, s. z. b. Vollmann burschik. wb. 274: oder was die guten Deutschen sonst noch kümmeltürkenartig an den schändlichen ausdruck 'besoffen' anknüpfen. Tieck ges. nov. 5, 226;

der hase ist ein kümmeltürke:
wenn man ihn nicht alltäglich hetzt,
so bleibt er gern wo er gesetzt u. s. w.
Laube jagdbrevier 141.

bekannt als schimpfwort, z. b. im Rheinlande. vgl. malztürken bei Luther br. 4, 9 (Wack. les, 31, 170, 40) scherzhaft scheltend von vögeln, weil sie in den malz einfallen, wie die Türken ins land?
 
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kümmelwasser, n. auf kümmel abgezogenes wasser. Krünitz 55, 17.
 
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kummentur, s. DWB komtur.
 
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kummer, m. sommerdinkel, hess. Vilmar 232.
 
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kummer, m. in drei verschiedenen bedeutungen.
I. kummer, schutt Stieler 925, 'ein steinhaufen von einem alten gebäu' Ludwig 1085, 'allerhand zusammengeschüttete stein, rudera' Aler 1252a.
1) hd.: legt man in die lücken (bresche) den abgeschossenen kummer und steine. Kirchhof discipl. mil. 42; dem fuhrmann vom karrn kummer auszuführen 9 creuzer. Frankf. taxordn. v. 1623; welches grab von den unglaubigen .. biszher mit kummer und erden oder steinhaufen bedeckt gewesen. Scherz 840; hat also lange zeit in der vestung mit einem schubkarch allen kummer müssen auf seit führen (als baugefangener). gepflückte finken oder studentenconfect o. o. 1667 s. 15 (andere ausg. o. j. s. 22, wo schubkarren); die buben trieben tausend spasz mit ihm, zohen ihn mit dem bart, warfen ihn mit kummer, besudelten ihn mit koth. Mart. v. Cochem auserlesenes history-buch 1, 736; sie eilten dem stranden zu, woselbst sie den Hazard antrafen, der wegen kummer des herumbschweifenden flusses ihnen (zu lande) leicht zuvor kommen können. Hazards lebensg. 206, kiesige, sandige stellen, oberd. schütt genannt; denn eine kanonenkugel geht durch die rasen grade durch, ohne dasz sie kummer mit nimmt, wodurch der graben verschüttet werden kann. Bode Tristr. Schandy 2, 41, cap. 5. Adelung führt an, ohne quelle, eine stadt in kummer legen, in einen steinhaufen verwandeln (vgl. II, 1, c).
2) nebenformen kommer und kumber, ganz wie bei den folg. bed.: (man soll) kein kommer in den statgraben schutten. Miltenberger stadtb. 33a (Lexer 1, 1766); und wenne man daʒ wr (mühlgraben) rumen sol ... sol der meier zwen knecht und och zwen karren haben ... die den kumber dannan vertgen (fortschaffen, s. 3, 1530). weisth. 1, 301, aus dem Aargau, vgl. noch aus Coblenz u. 4. zu letzterem sachlich 'einem bache das wasser vergummern oder verschütten' weisth. 1, 333, oberrheinisch, s. dazu III, 1, e. IV, 4.
3) auch nd.: kummer edder brak, schutt oder gebröckel von mauern. v. d. Hagens Germ. 6, 72; noch jetzt westf. kummer m. abraum, schutt Woeste in Kuhns zeitschr. 4, 132. 2, 89, götting. bauschutt, brandschutt, abgegrabenes oder abzugrabendes erdreich, dazu kummern schutt wegschaffen Schambach 116a, während es

[Bd. 11, Sp. 2593]


osnabr., ostfries. bei Strodtmann, Stürenburg nicht verzeichnet ist. auch nl. nicht, wenn nicht kommer m. als jägerwort für koth von hasen ursprünglich dasselbe ist.
4) sonst jetzt heimisch ist es im westlichen mitteldeutsch (nicht oberd., wie Adelung aufs geratewol angibt): in Coblenz kummer, kommer, kumber, erde, schutt, gerölle, das z. b. aus einem steinbruche fortgebracht werden musz Wegeler 29; in Nassau kummer bauschutt, auch schiefergeröll, das von felsen abgeschlagen oder aus bergwerken herausgebracht wird und in den weinbergen des untern Rheingaus die dammerde bildet Kehrein 250, dazu den wingert (weinberg, weingarten) bekümmern, mit solchem geröll verbessern, düngen Wegeler. auf dem Westerwalde kommer ausgegrabene erde z. b. aus einem keller, die fortzuschaffen ist, 'dieses wort gebrauchen besonders die handwerksleute' Schmidt 96, er kennt es auch aus der Pfalz. nach osten zu endet es in Hessen, wo kummer, besonders bauschutt, nach Vilmar 232 so ausschlieszlich üblich, dasz schutt kaum verstanden werde, vgl. unter III, 1, e.
5) ihm entspricht franz. décombres pl., bauschutt, wie Frisch 1, 555b bemerkte, früher sing. décombre f., auch encombre m. 'kalch und steine von alten gemäuren die eingefallen sind, kummer' Frisch franz. wb. 1719 1, 617, dazu encombrer, 'eine gasse oder platz mit schutt anfüllen, dasz man sie nicht wol gebrauchen kan' das.; ebenso ital. ingombrare den weg versperren durch ein hindernis, ingombro ein solches hindernis. in der form uns näher, räumlich entlegen portug. combro, comoro erdhaufe (Diez 106, 2. a. 1, 134), s. dazu IV, 4.
II. kummer, arrest, in der rechtssprache.
1) Die sache tritt innerlich und äuszerlich klar vor in folgender malerischer stelle aus einem weisthum des 16. jh. von der Mosel: vort so weist der scheffen, ob sach were dasz ein schiffman keme und einer nachkeme oder hie were, dem der schiffman schuldig were, solle derselb (der gläubiger) zu dem pruemschen meier (dem meier der abtei von Pruem) gehen, derselbe ime den gerichtsboden umb seinen lohn (vergl. unter a) liehnen. und so der bot dem schiff also nach keme, das er seine hand uf die plicht (das deck) legen möcht, soll das schiff damit gehelligt und gekommert sein. so aber sach were, das der schiffman seine unschuld don wolt (die schuld abschwören), soll m. h. meier machen ein stehend gericht ('stehenden fuszes' gericht halten) und soll inen lassen kommen die heiligen (reliquien, zur eidesleistung darauf) uf dem (?) pligt. ist der schiffman dan also gedorst (zuversichtlich), dasz er vor die schold schweren mag, so solle der kommer damit entschlagen sein. weisth. 2, 316. der kummer ist die vorläufige beschlagnahme der habe des angeblichen schuldners, ausgeführt im namen des gerichts oder gerichtsherren von einem bevollmächtigten desselben. Es heiszt genauer
a) kummer die beschlagnahme selber, die handlung des 'kümmerns': me ist beredt, dasz der buttel ... von eime kommir (nicht mehr nehmen solle) dann 3 alte heller, von einem kommer in der statt zu verkünden u. s. w. Haltaus 1139, 14. jh. wetterauisch. daher ein kummer geschicht, wird von gerichtswegen vorgenommen: ein kommer sall geschehen mit der sonnen (bei scheinender sonne). Lacomblet arch. 1, 111; wan ein kummer bei einem geschiet, und der, bei dem der kummer gescheen ist, spricht, er hab des mannes gut keins innen, von des wegen der kummer gescheen ist, sal er (der frohnbote) ... ine den eid (reinigungseid) alsbald thun lassen. Michelsen rechtsd. aus Thüringen 349, ebendaselbst kommer, z. b. was von erbeguetern kommers halben erclaget wirdet 346, fast gleich schuldklage oder rechtlicher anspruch überhaupt (s. III, 1, b), vergl. nachher aus Hertwig kummer noch klage und kummern II, 3, b, auch kummerklage. ferner den kummer thun: man sol dem nichtbezahler die güter in kummer legen. 'wer den kummer von rechts wegen über die güter thun solle?' der herr abt zu St. Michaelis in Hildesheim und die erben. weisth. 3, 253 (in neuerer fassung); wan einer ein kommer alhie thete, so soll derselbig gesinnen des richters ... item der den kommer thut, soll dem richter bürgen setzen, ob er den man zu unrecht kömmert, das er ime dasselbig widder zu recht abthu. 2, 339, also nicht nur der gerichtsherr oder sein bote, sondern auch der kläger thut den kummer, kümmert einen; daher: stünden theile (eines bergwerks) im retardat (noch unbezahlt), darzu soll der bergmeister weder kummer noch klage gestatten. Hertwig bergb. 28 (zu der formel s. u. kümmern II, 3, b); und da sie befinden, dasz einer seines kummers nicht fug noch guten grund hat, ihn

[Bd. 11, Sp. 2594]


damit abweisen. das. vergl. das ähnliche krot sp. 2413 fg. im rechtsgebrauche, gleichfalls im rhein., westmd. bereiche.
b) der zustand, in den ein 'gut' durch den gethanen kummer kommt, eine art gebannter zustand (bann selbst als kummer s. III, 1, b), früher näher bezeichnet durch verbieten, verbot (vgl. u. c. d, verbieten arrestare Dief. 50b); ein pfand z. b. ist zugleich 'in kummer': welcher pfand zu geben sich verweigert, oder dieselbe (wenn er sie gegeben) auszer dem verbot oder kummer selbst eigener gewalt wieder nimbt .. weisth. 1, 489, vom Mittelrhein, 'aus dem k. heraus', s. die gleiche wendung 2, c a. e. Das hiesz auch den kummer verachten u. ähnl., worin sich die bed. a und b mischen: und wo sie die (busze) nit geben wollen, das sie (die amtleute des kurf. hofes) ihre zins und früchte, die sie bi ihnen im dorf und im flure haben, kommern, und wo sie den kommer verachten, sie pfenden. Michelsen Mainzer hof in Erfurt 43, die 'gekümmerten' früchte blieben also auf dem felde, nur der achtung des kummers anvertraut, worin denn der genauere unterschied von dem weggenommenen pfande heraustritt, wie oben das schiff mit der bloszen gerichtlichen handauflegung in kummer kommt; wenn die verbrecher (die den erbzins nicht bezahlt) den kummer nicht achten würden, ob nicht die güter an den .. erbherrn .. verfallen? weisth. 3, 253. auch den angekündigten kummer brechen, s. Halt. 1139. vgl. kummerhülfe.
c) es hiesz 'ein gut in kummer legen': die herrn sollen das guht in cummer legen lassen bis so lange sie die herren bezahlen. Haltaus 1139; die strafe, dabei es in kummer gelegt und verbotten worden. das.; das wir den obgen. hof mit sinen zugehörungen in kommer legen. Scherz 841, das gut, liegendes oder fahrendes, liegt nämlich während des kummers, arbeitet nicht für den besitzer, ist gleichsam todt. erst später mit kummer belegen, s. u. 2, beschlagen Stieler 925, einen kummer auf etwas schlagen, sequestrare b. Hulsius, Rädlein. gegensatz aus dem kummer thun, s. Vilmar 232, den kummer aufthun Hulsius, Rädlein.
d) auch im plur.: kümmer. Frankfurter ref. I, 12 § 6, von arresten und kummern I, 12 öfter; wann sie die kummer oder fürgebott gethan. I, 8 § 6, fürgebot wol gleich verbot u. b; die gerichtsknechte sollen .. ein buch machen, darin alle kommer ein iglicher alle tage in seinem virteil thut anschreiben ..... achtung zu haben, das allen kommern volge geschee. rechtsd. aus Thür. 347. 348, zu a. Im folg. scheint selbst ein fem. sich einzumischen: wan die heimlichen kummer .. solten ganzlich abrogirt und abgethan werden, würde gemeiner bürgerschaft darausz viel unrats, nachteil und schaden entstehen. dann erstlich würde mancher man durch öffentliche kummer umb seinen glauben ('credit') kommen, dehn er sonst durch haimliche arrest noch lange erhalten hette. dornach hat sich mancher bürger durch haimliche kummer, welche seine glaubiger uf seine güter gelegt, gefristet und sich also in gehaim mit der creditorn guten willen erhalten und bei seinen gütern bliben, bisz ihme .. gott ein glück uf dem bergwerke bescheret u. s. w. Schott land- u. stadtrechte 3, 103, vorstellung der Freiberger gegen die neuen constitutiones v. 1573, vgl. heimliche kummer und arresta sollen nun durchs ganze land aufgehoben sein 106, kommer und arrest 107.
e) es wurde, wie man sieht, seit dem 16. jh. durch das neue gelehrte arrest, ein rechtes barbarisches wort, bedrängt und endlich verdrängt, wie so viele heimische rechtswörter (mit dem unterschiede dasz anfangs meist das gelehrte wort nach, später vorgesetzt wurde): anhaltung, retentio, manus injectio, vulgo arrestum, alias zueschlag et kummer. Stieler 742; fürgebott, gebott, kummer oder arrest, oder verkündungen. Frankf. ref. I, 8 § 3; kummer oder arrest anzulegen. § 6; als nun der antinomer .. re et corpore arrestirt und verkümmert .. perrumpirt er und reiszt durch sein arrest und kummer und vergisset sein gelübde und raumet heimlich das kfenster. Mathesius Luther (1583) 120a, nach dem gelübde scheint es trotz des corpore keine eigentliche haft, s. 2, c a. e.; obwohlen .. nicht erlaubt ist, dasz der process von arresten und kummeren angefangen werde. Mainzer landr. 1755 xxi § 1, doch auch noch allein: effecten mit kummer bestricken. § 2; in kummer und arrest liegen, être en séquestre, en arrêt. Rädlein.
2) Es stellten sich aber auch unterschiede ein.
a) z. b. arrest von dem manne, kummer von seinem gute: so mag derselbe (der bankrott gemacht) .. in arrest gesetzt oder dessen effecten mit kummer belegt werden. Mainzer landr. 1755 § 3. so wol auch im folg.: dasz keiner dem (so) andern weder an seinem

[Bd. 11, Sp. 2595]


leibe noch gute bekümmern und mit verbote und arreste beschlagen lassen, sondern wer den andern zu besprechen hat, der mag und soll das mit ordentlichen rechten thun (d. h. wol nach röm. rechte) und sein recht nicht mit kummer noch arreste, als einem executionsprozesz, anfangen. corpus constit. Brandenb.-Culmb. II, 1, 402.
b) noch feiner unterschied man, z. b. in Aachen, kummer als 'arrest auf unbewegliche güter', arrest aber von beweglichen (Krünitz 55, 31, den verfassern der Aachener mundart 1836 s. 136 aber unbekannt). das erinnert denn an feine grammatische unterscheidungen, wie der schild und das schild, rechte stubengelehrtenarbeit. in der laiensprache hat sich wirklich arrest für gefängnis festgesetzt, mit dem franz. arretieren zur seite (und dem nicht franz. und nicht mlat., nur barbarischen arretur), vgl.arrestare, bekummern mit gerichte u. ä. Dief. 50b.
c) aber auch die erstere unterscheidung ist eine willkürliche, kummer galt auch vom manne, als vorläufige inhaftnahme: begegneten im (dem edelmann) zwen stattknecht, welche sprachen, dasz der bürgermeister in und sein pferd in der statt arrestieren und bekümmern liesze (bis er die von ihm beschädigten bürger befriedigt hätte) ... warumb der kummer im aufgelegt worden were. Kirchhof wend. 1, 76a (95 Öst.); uf den kummer und uf das gefengnus, als unser diener gekummert und zu Coblenz gefangen waren. Haltaus 1138, 14. jh., kummer und gefengnus doch getrennt; das ein frembder ... der keine gewisse behausung hat, mit kommer 'behaft' werde, bisz er burgen und glauben setzt. das. 1139, doch als förmliche haft; ein schuldner verpflichtet sich, falls er nicht zahle, wolle er sich wider personlichen in kommer einstellen. das., auch kommer und behaftunge, vgl. mit fanknus z recht bekümbern Augsb. chron. 2, 99 anm. 3. Aber dasz die leibliche haft nicht an sich darin lag, zeigt folg.: wen einer auszer den kummer getogen ist sonder orloff (urlaub, erlaubnis) und hat das gericht also geschmähet. Haltaus 1139, wol eine art 'internierung' auf ehrenwort, ähnlich dem kummer u. 1, b, der auf früchte auf dem felde gelegt wurde.
3) Weiteres zur geschichte des wortes.
a) gegenwärtig ist es erloschen, doch nach Vilmar 232 noch in Hessen zu hören. es steckt aber noch in verkümmern, einem sein recht verkümmern, ihm dessen ausübung erschweren, behindern, beschneiden, vorübergehend gleichsam 'in kummer legen', vgl. prepedire verkumren Dief. 455c. früher auch bekümmern (s. d. 5 und vorhin 2, b), über den rechtskreis hinaus entwickelt, z. b. von der weltherrschaft der Römer bei Frank, vgl.occupare, bekummern Dief. 392a (s. auch kümmern II, 3, d von kriegerischer besetzung); selbst für beschädigen (vgl. III, 1, c) oder noch kräftiger, bei H. Sachs im landsknechtspiegel von den verwüstungen des krieges:

zeigt er mir ... mannig schlosz,
welche durch das geschosz
warn hart worden bekümmert,
zerscherbet und zutrümmert
und ausgebrent mit fewer. 1, 327c (Gödeke d. d. 1, 82a),

unser heimsuchen mag das gemeinte ausdrücken.
b) wie hd., auch nd., s. im brem. wb. 2, 894 aus d. 16. jh. arrest und kummer, bekummern, dazu bekummer beschlagnahme, arrest und bekummer (wie selbst in der 3. bed. mrh. bekummer m. bekümmernis Kehrein Nass. 1, 69, schwed. bekymmer n.). Aber, obwol nrh. (s. 1, a), eigner weise doch nicht nl., wie auch die 1. bed. da fehlt; nur einen anklang bietet kommer usura damnosa, geld op kommer nemen Kil., auf wucherhaften zins, und das. bekommeren impedire, detinere, occupare; vgl. mnl. u. e. Auch nord., durch entlehnung, nur in fernen anklängen, z. b. altdän. bekumret schwach, gelähmt, s. Molbech dansk gl. 1, 75, was doch mit H. Sachsens bekümmert vorhin in der hauptsache zusammenfällt.
c) auch in England anklänge, aber nur diese, nicht unser klar entwickelter rechtsbegriff: comber, cumber hinderung, to cumber hindern, hemmen, belästigen, cumbersome hinderlich; altschott. cummar heimsuchung, z. b. von landplagen Jam. 1, 280b; altengl. comerawnce vexacio, comerous vexativus prompt. parv. 89a. gewöhnlich vielmehr to encumber, ins rechtsgebiet greifend z. b. encumbered verschuldet, encumbrance hypothek u. ä. aber das schlieszt sich vielmehr ans franz. an. vgl. III, 2, e.
d) franz. encombrer hemmen jetzt zwar nur sinnlich (s. I, 5), aber altfranz. auch rechtlich, z. b. bei Ducange s. v. combri aus dem freiheitsbriefe von Pontarlier v. j. 1257: et se aucuns de mes homs (mannen) .. ou ses choses estoient prises ne (oder)

[Bd. 11, Sp. 2596]


encombrees pour ma dete cogneue ('bekannte', d. h. anerkannte schuld), ge lou dois par mon serement delivrer, völlig unser kümmern, bekümmern, in kummer legen oben, vom manne wie seiner habe. Daher lat. dort incumbrare impedire, incumbramentum impedimentum, und rechtlich z. b. maritagium encombratum (mariage encombré), heiratsgut das der frau 'verkümmert' ist durch schulden, ansprüche, vergebungen o. ä., womit es der mann beschädigte, belastete, 'bekümmerte'. Aber kein einfaches combrer oder combre, nur encombre m. hindernis, 'bekummer' (s. b), auch rechtlich 'belastung' mit ansprüchen u. ähnl., mlat. incombrium, s. Duc. 2, 449a Henschel; doch ebenda (Diez 598, 2. a. 2, 252) auch ein combrer gleich festnehmen, obwol nicht in rechtlicher form, ähnlich wie u. III, 1, c a. e. kumber bei Pauli.
e) dasz in dieser bed. hd. kumber nicht bezeugt ist, kann nur zufall sein, es ist verbürgt durch mnl. comberen prepedire Diut. 2, 228, hd. bekumbern prepedire Dief. 455c, bekümbern u. 2, c, mhd. verkumbern und enkumberen Haltaus 329 (vgl. DWB entkümmern oben 3, 562), belasten und entlasten von schulden, pfandrecht u. ä., letzteres sich völlig deckend mit altfrz. descombrer, ital. sgombrare.
III. kummer, sorge u. ä.
1) Der zusammenhang mit dem vorigen.
a) handgreiflich bieten ihn verwendungen wie folg.; von einem, der aus der haft entrinnt, in der er uf dem thorn uf burgschaft gelaszen war, heiszt es: in der nacht hett er sich abgestolen, über die muwer hinusz gefallen (gesprungen) und .. die burgen in not und kumer verlassen, über (d. h. mit verletzung) sin trüwe und glubde, er in getan hatte. Mones zeitschr. 2, 7 (urk. v. 1472), der 'haftbarkeit' erklärt; er läszt seine bürgen in der bedrängnis (not), dasz die schuldner nun ihre habe oder freiheit antasten, mit kummer belegen ganz in dem sinne u. II, zugleich aber ganz im heutigen sinne. die bed. sorge musz sich aus dem rechtsgebrauche entwickelt haben.
b) ähnlich, doch mehr noch nach der rechtlichen seite, bei Haltaus 1139, nrh.: soe wie (mhd. swer) gemeenschap heeft mit eenen verbannen man, die valt in synen kommer, v. j. 1300, der bann mit allen rechtsnachtheilen ein kummer (vgl. II, 1, b), die heutige bed. aber sprieszt zugleich von selbst daraus. auch ein gut, auf dem rechtsansprüche haften, hat kummer zu tragen (vgl. u. II, 1, a. 3, d): Florys van Tol lovede (gelobte) Jan Tol zyn broeder, dese ses ackeren lants te waren jair ende dach als recht is, ende allen commer af te doen, die dair nu op staet. das., v. j. 1516, auch dieser kummer ist ja zugleich ein kummer des eigenthümers; es stimmt zugleich genau zu dem engl. encumbrance, altfrz. encombrance, encombrement (II, 3, c). ähnlich der kumber des pfaffen Amis 322, geldverlegenheiten, vgl. u. e aus Wernher v. Elm.
c) auf der scheide der beiden begriffe steht auch kummer und schaden u. ä.: und hett also unsern obgen. junchern und sinen armen lüten groszen kumber und schaden gefüget. Straszb. ratsprot. v. 1439 Scherz 840, zugleich beschädigung, wol wesentlich rechtsschaden, verluste durch verhinderte einkünfte, ernde u. dgl., doch vgl. bekümmert bei H. Sachs III, 3, a von kriegsschaden; daʒ arm lüt groʒen kumer litten darvon, daʒ si nit allweg gts gelt gehaben mochten. Augsb. chron. 1, 108, um 1400, von münzverschlechterung, schaden und not, sorge zugleich; würde da die gemeine stat Straszburg .. darumb betedinget (rechtlich oder auch mit fehde in anspruch genommen) oder keme des zu deheinerlei kosten, kumber oder schaden. Scherz 840; die stat möhte sin (davon) hienôch in kumber kumen. Straszb. chron. 681, 20, durch fehde oder anders; s. auch bei Haltaus 1139 kumber und coste, arbeit oder kumber, kumber schaden oder arbeit, alles aus dem Elsasz, in gleichem sinne. handgreiflicher von einer notzüchtigung: hettestu auch also geschruwen, da dir der gesel den kummer wolt an thn u. s. w. (s. u. DWB blume 6). Pauli schimpf u. ernst s. 24 Öst., es ist zugleich not und schaden, und eine beschlagnahme mit pfändung, und kummer in unserm sinne.
d) auch im kampfe gab es kumber, die rechtliche belastung, bedrängung übertragen auf 'not' im kampfe, wie denn die begriffe und worte aus dem rechts- und kampfleben möglichst hand in hand giengen (s. krieg II, 2. 3, kobern 1, e). aus dem kampfe, der sich über einem gestürzten führer entspinnt, heiszt es:

der strît wart ob dem künige stên
und beidenthalb an kumber gên,
daʒ (weil? oder sodasz?) si einander wichen niht. Mai 121, 18,

bedrängung äuszerlich und innerlich, die sie zufügen und leiden; vgl. von der jagd ein eber kumbert vast die hunde welscher

[Bd. 11, Sp. 2597]


gast 3253 (ganz gleich er bringt die hunde in grôʒe nôt nachher). Denn auch die leibliche bedrängung scheint vollständig mit verstanden, wol auch wenn die lage des königs unter rossen als kumberlîch bezeichnet wird Mai 121, 22 (er liegt unter swærem dache 121, 2); ebenso kumberhaft im kampfe, bedrängt, in der klemme Mai 116, 5. kumber rein körperlich vielleicht auch nach folg. bildl. kumberzoum:

dar zuo wart sîner milte nie kumberzoum gemeʒʒen. Tit. 2385, 1,

kein zwang auferlegt (im alten drucke krumber zaum), der kappzaum junger rosse hiesz wol wirklich kumberzoum, das meʒʒen ist 'anlegen'; also der zustand eines solchen rosses auch kumber, dem banne unter II, 1, b gleichend, seine bewegung ist ihm 'verkümmert'. da ist denn der urspr. mehr unsinnliche begriff zu völliger sinnlichkeit zurück oder vielmehr fortgeführt, vgl. DWB kobern 1, f, und den umgekehrten gang von krot.
e) aber noch nach einer andern seite hat sich eine sinnliche auffassung eingestellt, der kummer als etwas auf uns lastendes gedacht, s. u. 3, e, α. auch schulden, verpflichtungen, ansprüche, also die bed. II, fassen wir sinnlich als eine 'belastung' auf. es ist aber manchmal auch, als mischte sich ein anklang der bed. I ein, z. b. im folg., kummer von schulden, verschuldung durch sinnlose freigebigkeit (vgl. aus Amis u. b):

daʒ ime sîne vorderin hetten gewunnen,
daʒ vorgebit er zu unstunden ....
und wirt mit kummere verladen,
daʒ er sich dar ûʒ inkan nicht intwirken (herausarbeiten).
Wernher v. Elmendorf 306 (Haupt 4, 293), 12. jh.,

wahrscheinlich aus einer gegend (Eichsfeld), welche selber oder ihre nachbarschaft kummer schutt noch jetzt hat (I, 4 a. e.). Auch ein verflieszen von I und II zeigt sich in dem vergummern I, 2, denn das dem müller oder fischer durch einschüttung 'verkümmerte' bachwasser ist ihm zugleich im rechtlichen sinne 'verkümmert', wie mit beschlag belegt.
2) Alter, formen, verbreitung.
a) mhd. kumber ganz geläufig, aber ahd. noch fehlend. am frühestens übrigens, so viel verzeichnet ist, begegnet vielmehr bechumberen, in der späteren fassung der genesis aus dem anfang des 12. jh.:

unsir iegelîch daʒ selbe tuot (d. h. klagt und tröstet sich wieder),
swenne er bechumbert wirt mit solher nôt. 41, 17 Diemer,

nicht in der urspr. fassung aus d. 11. jh. (fundgr. II, 33, 34), sodasz man die entstehung in die zwischenzeit setzen möchte. s. aber 3, a.
b) das alte kumber einzeln noch nhd., haupts. alem., während das gewöhnliche kummer md. schon im 13. jh. erscheint (Wernh. v. Elm. Haupt 4, 289 fg. scheint noch kumbir zu reimen):

min tag han ich vil kumber ghan.
Ruff Etter Heini 1299

nach der späteren hs., in der früheren kumer, vgl. in jener bkümbert 1308, aber merkw. gewöhnlich kumbar 1326. 1431, vgl. Kottingers bemerkung s. 26 und nümman s. 209; ebenso bei Stumpf Schweizerchr. (1606) 524a kumbar neben kumber 212a. noch bei Maaler 256a 'kumber, kummer, schmerz, moeror etc.', er braucht im verlaufe nur die erste form (aber öfter bekümmern als bekümbern 57a). auch komber, oberd., s. u. 3, e, α. eigen noch mrh. kumber in der bed. I (4), vgl. nl. u. c.
c) kommer ist md., neben kummer z. b. II, 1, a thüring.; erumna, kommer. Diefenb. wb. v. 1470 110; noch im 16. jh.: hunger und kommer .. leiden. Luther 6, 477b; Menelaus hat in allem kommer durch die finger gesehen. Reiszner Jerus. _2, 36a;

er (gott) suchet dich von herzen
in viel kommer und schmerzen.
Mützell geistl. lieder 121.

Aber auch oberd., wie kromm, kromp für krumm, mhd. krumbe (sp. 2442), z. b. im 15. jh. schwäb.:

mein not begund ich gote klagen,
mein komer und mein schwäre not. spiel von s. Georg, Germ. 1, 188a (fastn. sp. nachl. 174, 1);

ich klagen deinen komer grosz. 175b (141, 15).

österr. selbst kamer (: jamer) Beheim Wiener 104, 23. mit o noch Fischart:

pfui aus, du kammer voller kommer,
das dich beschein kain sonn noch sommer. flöhh. 795 Sch.;

ab jedem kommer sein mutläszig. 787.

Dann mittelrh., s. u. II, 1 öfter, und niederrh., z. b. commer Teuth. 55a, wie mnl., z. b. Rein. 569; auch nl. kommer, bei Kil. auch noch komber. So vielseitig versuchte das o durchzudringen,

[Bd. 11, Sp. 2598]


wie es in sommer, kommen durchdrang; es ist als hätte ein nachklang des urspr. -mb im sprachgefühl das u gerettet.
d) auszerdeutsch bei den Dänen kummer, durch entlehnung, wie kummerlig, kummerfuld (-voll), bekymre, früher bekumre, s. II, 3, b. schwed. vielmehr bekymmer n., bekymmerlig kümmerlich u. s. w., zu bekymra (s. dazu II, 3, b); nur in Schonen, wie dän., kummer n., kymmra kümmern Rietz 364b, der doch aus altschwed. dichtung kymber kummer beibringt. aber nicht altn., wie es das norw. nicht hat.
e) aber gegen deutschen einflusz sicher auch englisch cumber, z. b. bei Ludwig 1085, bei Halliwell 286b: a care, danger or inconvenience (auch trouble, a tumult), wovon nur das letzte sich ans franz. anschlieszt (s. II, 3, c), care, sorge aber mit unserm kummer zusammenfällt. auch to cumber ist nicht nur belästigen, encombrer, sondern auch kummer machen, ängstigen, obwol mehr von ðer sache als der seele gemeint, doch ein selbständiger ansatz zu der entwicklung unseres kummer, dem franz. fremd.
3) Gebrauch und bedeutung.
a) die ganz verinnerlichte bedeutung, die dem franz. völlig fehlt, erscheint bei uns gleich mit dem ersten auftreten des wortes, z. b.: bî sînem herzen kumber lac Parz. 176, 30. früher schon bei Wernh. v. Elmendorf; dem Mederkönig stellen seine räte die schwierigkeiten eines krieges gegen die Griechen vor, und drei schlieszen ihre rede mit den worten diz ist al mîn kummir Haupt 4, 289 fg., wie mit einer länger gangbaren formel, z. b. daʒ ist mîn rât; einer setzt hinzu den jâmir mac ich weinen, ein anderer nennt es zugleich angist, kurz wie heute, z. b. das ist mein ganzer, mein gröszter kummer (zugleich gegenstand des kummers, vgl. DWB klage 5, a). das setzt notwendig ein jahrhunderte langes vorleben voraus.
b) die sachliche, äuszerliche fassung geht indes lange neben her, z. b. im voc. inc. teut. n 8b: 'kummer, iamer und not, calamitas, it. penuria et erumna', kummervolle lage, bedrängnis (daneben 'kummern hermen und fressen', d. i. nagen); egestas kommer Dief. 196c, penuria 424a, armut, gebrech oder kummer gemma. so hunger und kommer Luther oben, auch Hiob 30, 3 hunger und kumer; der keinem menschen vor hunger und kummer glich sicht. S. Frank spr. 2, 136b;

wenn eim das glück freundlich zulacht,
mit dem ein jeder freundschaft macht
und denket sein alls zu genieszen,
mit seinem gut ihrn kummer büszen.
Wolgemut Esop. 2, 268.

so noch folg. wol, im 18. jh.:

früh ermüdet von dem kummer
dieser wallfahrt (des lebens) schlief sie ein.
Gotter 1, 105.

mhd. kumber not, armut z. b. Frauenl. 41, 13.
c) selbst ein bestimmter einzelner mangel: cummer, defectus. Mones anz. 7, 299; bei der belagerung von Neusz heiszt der mangel an lebensmitteln so:

as bynnen ('drinne', in der stadt) was sulgh kummer clair
der provanden van vleisch ind visch,
man sach dair manchen bloiszen disch u. s. w.
Wierstraat 1276.

noch jetzt z. b. ostfries. to kummer kamen, nicht ausreichen mit etwas Stürenburg 128b; ebend. 'gebreste, z. b. fallsucht' (wie plage fallsucht 177b), vgl. DWB gebrech unter b und bei Maaler 256b: mit kumber und krankheit angriffen sein, affici aegritudine.
d) vorherschend aber ist die innerliche fassung.
α) Maaler z. b. erklärt es mit moeror, moestitia, animi dolor, comploratus, aegritudo, offensiones, luctus, commotio animi, adversa aerumna, res adversae, sodasz er die äuszerliche fassung nur am ende nachbringt. mit kummer, unter sorgen (vgl. aber auch e, δ): das sie das brot essen müssen nach dem gewicht und mit kumer, und das wasser nach dem masz mit kumer trinken. Ezech. 4, 16. Es wird, wie immer vielseitige wörter, gern durch einen zusatz näher bestimmt, so bei Maaler kumber und plag, k. und schmerz, k. und unmt oder widermt, k. und leid, k. und my, zum theil unter b oder c gehörig; vgl. arbeit und kummer unter γ, jetzt besonders kummer und not, kummer und sorgen.
β) auch von einem bestimmten einzelnen kummer oder sorge, der bed. unter c sich anschlieszend; in einem alem. neujahrsspiele des 15. jh. sagt eine Gret;

ich förcht nit wirs (nichts mehr) und stat wol druf,
min Rüedi werd mir sechen an,
daʒ ich ein kummer heig (habe) gehan.
dan sit die diebstal ist geschehen,
so mag man mirs wol angesehen ...
bin wol gemagert um ein spang (spanne).
Mones schausp. d. m. 2, 394;

[Bd. 11, Sp. 2599]



he min gfatter, sint gter dingen!
waʒ nüwen kummers went ir uns bringen? 391,

wenn uns die wach anrennt?
'schlagt allen kummer aus, das dunkel deckt dîe gassen.
Gryphius 1, 67;

doch das soll mein geringster kummer sein. Lessing 12, 377; das ist daher mein allergeringster kummer, den Homer (in der übers.) hier und da in einer sprache reden zu lassen, die heut zu tage kein mensch mehr vertragen kann. Bürger verm. schr. 1797 1, 252, vgl. unter a.
γ) öfter von der gesamtheit der sorgen, die einen eben 'bekümmern': der schlafend rwet von aller arbeit und kummer, so er hat im wachen. Keisersberg trostspiegel (4° 1510) DD ijb, arbeit noch im alten sinne, not;

wie ich essen soll und trinken, wie ich mich bekleiden soll,
wie ich sonst mein thun soll richten, sind die leute kummers voll.
Logau 2, 1, 35,

machen sich sorgen, 'bekümmern sich' darum;

doch eines staatsmanns äuszrer schimmer
ist eine pracht, die kummer deckt.
Haller 202;

einstweilen sei er (der alte vater) bei gutem verstand, und trauten sie (die kinder) nicht, sollten sie ihn bevogten lassen, da seien sie kummers ledig. Gotthelf 3, 293, alle sorgen (um das vermögen) los. vgl. schon mhd. unter 3, a im Parz. kumber, nicht ein kumber, obwol es ein nachher bestimmt benannter ist.
δ) selten daher im pl., so häufig sorgen ist:

diese kummer empörten
seine seele.
Klopstock Mess. 14, 306;

die erschien mir! o schmerz, da sie erschienen war,
warum trafest du mich mit dem gewaltigsten
deiner zitternden kummer. oden 1, 83 (der verwandelte);

das ist künstelei, die keine aufnahme fand. doch schon mhd., aber auch selten:

die kumber, die er danne hât,
die kan ich dir niht zelen wol. welsch. gast 3116, in GD dreimal den für die.


ε) im genauesten sinne wird es aber jetzt von sorge oder sorgen unterschieden:

kummer kannten sie nicht, nur sorgen der zärtlichsten liebe.
Stolberg ged. (1779) 170,

von nahrungssorgen, armut; denn es (das gewissen) ist ganz nah mit der sorge verwandt, die in den kummer überzugehen droht, wenn wir uns oder andern durch eigene schuld ein übel zugezogen haben. Göthe 21, 123 (wanderj. 1, 7). so bes. auch geheimer, heimlicher, stiller kummer, tiefer kummer u. ä. sorge oder sorgen bezieht sich noch auf bestimmt vorgestellte übel, an deren abhülfe man in gedanken arbeitet, kummer aber sind sorgen die sich so um das herz legen, dasz die kraft des widerstandes erlahmt, im gefühl des hoffnungslosen leidens versinkt; sorgen suchen uns nur mit zwischenzeiten heim, der kummer wird eine bleibende lähmende grundstimmung. da macht sich denn der alte grundbegriff der hemmung noch geltend, nur ganz ins innere versetzt.
e) noch einiges besondere bleibt zu bemerken.
α) der kummer erscheint im bilde als last, wobei immer unmittelbarer anschlusz an die urbedeutung möglich ist (vgl. 1, e). es heiszt mhd. kumber tragen, mit kumber geladen sîn u. ä., vgl. das verladen mit kummer 1, e. und so noch anders, und später:

daʒ vil manich chumber ûf iu lît. altd. bl. 2, 247;

des msz ich kummer tragen. Hätzl. 225b;

bis nur getröst, der dich erlöst
hat all dein komber tragen. grablied 16. jh.;

benimm dem gast
seins kummers last. Hätzl. 33a;

die (liebe) msz dick tragen kummers last. 284a;

der hut, den er ergrimmt tief in die augen rückte,
verrieth des kummers last, der ihn im herzen drückte.
Zachariä renomm. 1, 140;

schwer ist der kummer, der den feldherrn drückt.
Schiller 461b;

der kummer, der itzt auf uns lieget,
hat (hatte) uns noch nicht verdecket.
Hofmannswaldau getr. schäfer 142.


β) aber auch in andern bildern, z. b.: nun drangen die sanftesten empfindungen, die alle wolken des kummers zertheilten, herbei. Göthe 19, 293;

und des kummers finstre wolke
zog sich um des königs blick.
Schiller 53a;

des kummers tiefer dorn.
Haller 192;

man thut mich (wein) fröhlich trinken,
der kummer thut versinken. wunderh. 4, 186.

[Bd. 11, Sp. 2600]


Ähnlich 'der kummer schläft' (im seelengrunde): wenn der kummer schläft, so wecke ihn nicht auf, when sorrow is asleep etc. Ludwig 1085; einem kummer erwecken, sollicitudinem inferre Stieler 925;

aber diese tausend stimmen
der erwachenden natur
wecken in dem tiefen busen
mir den schweren kummer nur.
Schiller 49b.

Mit übertreibung des bildes: lasz dir den kummer nicht über die knie (herauf) kommen, cor ne edito Aler 1251b, s. darüber sp. 1425, und vergl.: was der mutter an das herz gehet, das gehet dem vater nur an die knie. Neander sprichw. 31 Lat. Auch in kummer liegen, was sich an den gerichtlichen kummer anschlieszen könnte (vergl. in kummer legen II, 1, c), allerdings von einer die zugleich im bette liegt:

es sang ein nachtigall wilde
von sunnenschein in grünem hag,
sie mant ain frauenbilde
in stillem kummer da sie lag. Hätzl. 4b.


γ) das ist liebeskummer, der mhd. und länger vorzugsweise so hiesz:

was er für kummer hab getragen
in solcher dollen blinden lieb.
Scheit grob. H 4b;

mit vlîʒe begunde er schouwen,
wederre juncfrouwen
er sînen kumber möhte klagen.
Ulr. v. Türh. Trist. 537, 19,

gleich sîn leit klagen 538, 14, was aber nichts bedeutet, als die bitte um bî ligen 537, 33. so im 15. jh. in bauernrede:

wenn ich denn zu einer andern kumm,
so pin ich auch nit gern ain stumm
und clag ir haimlich meinn geprechen ...
scholt ich denn nicht meinn kumer da wenden,
so mst ich mein manhait gar ser schenden. fastn. sp. 771, 21.

den kummer wenden (jetzt lindern u. ä.) war auch sonst ein beliebtes bild, vgl. kummerwenderin noch im 17. jh.
δ) zuweilen für schwere mühe, die uns eine aufgabe, ein vorhaben macht:

man rüemet hie, dort unde dâ
ir lîp, ir leben und ir art (der Helena),
daʒ mir der kumber ist gespart,
daʒ ich hie sage (conj.) ir hôhen prîs.
Konrad troj. kr. 19686,

do widerrietent es ime (dem kaiser) des riches fürsten ... von bekumbernisse des riches (aus sorge um ...), das er mit groszem kumber in friden hielt. Straszb. chron. 1, 427, 18, dazu gehört denn unmittelbar kümmerlich adv. gleich 'mit mühe und not', selbst für 'kaum'. ebenso sich mit kummer nehren, 'kümmerlich' sein brod gewinnen Ludwig 1085, wie in der bibel: verflucht sei der acker umb deinen willen, mit kummer soltu dich drauf neeren dein leben lang. 1 Mos. 3, 17, in der vulg. in laboribus. auch gleich ängstliches trachten:

getreue herzen bleiben rein
von kummer, schätz' und gold zu kriegen.
Opitz 2, 92.


ε) endlich in gekürzter wendung kummer gleich kümmerlichkeit, das kaum in gebrauch ist, kümmerlicher zustand, aussehen u. ä.:

durch meinen bleichen, eingefallnen kummer
erpressen noch ihr ach?
Gökingk 3, 211 (226);

den Byzantinern standen die unschätzbaren werke hellenischer kunst vor augen, ohne dasz sie aus dem kummer ihrer ausgetrockneten pinselei sich hervor heben konnten. Göthe 43, 425. und selbst für kümmerliches, verkümmertes ding: der untere schmälere theil (der esche) wird daher zuerst vermagert, zieht sich ein, bleibt zurück, indem der obere kräftig fortwächst ... sich aber dessenungeachtet, an jenen kummer geschmiedet, beugt. 58, 160 (morph.).
IV. Herkunft und formen.
1) dasz kummer III aus kummer II hervorgieng, ist oben klar geworden (s. III, 1); da aber das jüngste kummer schon im 12. jh. bestand, ganz durchgebildet (III, 3, a), so musz das kummer im rechtsleben um vieles älter sein als unsere zeugnisse, auch als die altfranz. zeugnisse, die für uns in jener zeit keine entlehnung von dort belegen, sondern wieder einmal jene gemeinschaftliche entwickelung des französischen und deutschen, wie auf andern lebensgebieten, so besonders auf dem des rechtes. es ist kein zufall, dasz das rechtliche kummer hauptsächlich dem Rheinlande angehört, von wo es nach osten ausgestrahlt sein musz; auch kummer I ist wesentlich rheinisch.

[Bd. 11, Sp. 2601]



2) diesz kummer schutthaufe musz aber wieder mit kummer arrest urspr. eins sein, wie das doppelte franz. encombre und encombrer unter I (5) und II (3, d) deutlich eins sind. das franz. subst. mit seinem en- weist aber auf nachträgliche entstehung aus dem verbum (wie nicht anders décombres mit seinem merkwürdigen dé-, vgl.descombrer II, 3, d am ende), sodasz da unser kumber das höhere alter voraus hat, während bekummer II, 3, b sich zu encombre gesellt, erst aus bekummern genommen. So musz man an kumber, nicht an das franz., den faden anknüpfen, der weiter ins dunkel rückwärts führen soll. das rechttiche kumber wird aus rechtssymbolischer verwendung eines kumbers I stammen; man könnte z. b. an einen schutt- oder erdhaufen denken, mit dem etwa zu einem hofe, der in kummer gelegt wurde (II, 1, c), der weg verschüttet ward? vgl. das einstoszen der wand bei pfändung Grimm rechtsalt. 867.
3) doch der begriff schutthaufe ist nicht der einzige. bei Ducange ist das wort aus den gesta reg. Franc. cap. 25 beigebracht: in sylvam confugit .. fecitque combros, aus Greg. Turon. 3, 28, von demselben vorgange, concides magnas in silvis fecit, also verhaue zur sperrung der wege nach altem kriegsgebrauche, concaedes, vielleicht verbunden mit erdschüttungen, schanzen. Ferner ebend. cumbri, combri pl. von eingerammten stämmen im flusse, besonders zur hegung oder zum fange von fischen, sicher wieder zugleich mit erdschüttung dazwischen. in der neuen ausg. auch cumbra agger seu locus arboribus excisis in fluvio coarctatus piscium capiendorum causa, cumbra seu piscaria 13. jh., auch franz. combre m. 13. jh. 2, 698b, und combra agger in fluviis ad pisces capiendos, auch combri pl. 2, 448c, ebend. combra als geflecht; offenbar wieder holz und erde verbunden als wasserdamm.
4) so mag die vorgeschichte des wortes weiter in der kriegskunst oder im wasserbau zu suchen sein. zum letzteren stimmt wol noch das oberrh. vergummern des baches unter I, 2, eigentlich durch einen eingeschütteten damm? ausbildung und urheimat wäre gerade im Rheinlande dann begreiflich. am wichtigsten ist sein bestand im portug. noch heute: combro m. erderhöhung, deutlicher cómaro oder cómoro m. (der schwankende vocal scheint einschub), deich am flusse zur eindämmung des wassers. da hat sich, wie oft, ein altes wort gerade am rande eines sprachgebietes am längsten erhalten, ist es das keltische (keltiberische) oder das germanische?
5) ich glaube, das letzte (vgl. schon Vilmar 232).
a) denn als schwesterform von kumber erscheint altn. kumbl (kuml) n. grabhügel, grabmahl Möbius 243 (vgl. DWB kummel), auch denkmahl, denkstein überhaupt, s. Dieterich runensprachschatz 124; schwed. kumbel n., kummel, wahrzeichen für schiffer, aus einem steinhaufen bestehend, im seegrunde oder am ufer, im letztern falle auch aus holz aufgerichtet (Rietz 364b, Möller 3, 860), also auch im wasserbau, und auch aus holz oder stein und schutt oder auch wol beidem, alles wie unter 3. 4.
b) selbst ein verbalstamm ist zu haben in dem kimban fügen, das sich unter kimme 3, c ergab; alles bauen, zumal ohne mörtel, ist ja ein fügen, eine art flechten, von dem das bauen, namentlich das mit holz, ausgegangen scheint, wie das fertigen von holzgefäszen gleichfalls.
c) also ist das lat. cumulus unschuldig daran, das man seit Diez als mutterwort ansetzt. dáraus wurde ja franz. comble, it. port. span. cumulo; vor allem stimmt aber die bed. nicht. es ist roman. überall, wie lat., ein haufe der etwas vollendet, krönt u. ä. (z. b. auf dem 'gehäuften', nicht gestrichenen getreidemasze), nicht einer der im wege liegt, als wegweiser, oder den man in den weg legt, dem feinde oder den fischen oder wie.
 
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kümmer, m. faszbinder. weim. jahrb. 4, 272. s. kimmer, vgl. DWB kumme.
 
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kummerbelastet, mit kummer belastet (s. DWB kummer III, 3, e):

kummerbelastet verschmachtet sie.
Stolberg 14, 95.


 
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kummerbuch, n. codex arrestorum, sieh Haltaus 1140. besonders auch im bergbau: wir verordnen, dasz ... unsere bergmeister arrest und kummer oder verbot auf erz, bergtheile (kuxe), metallen, ausbeute annehmen, selbigen in das jedes ortes vorhandene kummerbuch einzeichnen ... und hernach beklagten oder arrestanten durch einen zeddul wissend machen. Veith 303. letzteres geschah durch eine abschrift des kummers das.
 
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kümmerei, f. kleinlich ängstliches thun, tadeln u. ä.:

achselzucken, kümmereien!
Göthe 1, 156 (rechenschaft).


 
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kümmerer, m.
1) turbator, tortor, it. arrestans Stieler 926, zu kummer II. bei Campe einer, der mit kummer belegt ist, in person oder seiner habe.

[Bd. 11, Sp. 2602]



2) weidmännisch ein hirsch der im streite (zur brunstzeit) die hoden verloren hat Flemming t. jäger 108, vgl. DWB kümmern III, 3, c; ein hirsch, den man ausgeworfen oder des kurzen wildpräts beraubet hat und deshalb nie mehr ein gehörne aufsetzt. Heppe jagdlust 1, 138; kümmerer wird das wild genannt, das wegen eines alten schusses oder wegen einer krankheit abgemagert ist. v. Thüngen weidm. pract. 302; ein hirsch, so im kämpfen am kurzen wildpret verletzet worden oder durch schusz, sein gehörne auszer der zeit wirft und verecket oder schläget, auch nicht förmlich wieder aufsetzt, sondern nur kurze und krumme enden bekömmet. Zedlers univ. lex. 15, 2043. bei Frisch 1, 555b kummerer

es sieht dem kümmerer der kummer aus den augen.
Brockes 6, 225, 'die hirsche'.


3) ängstlicher mensch, hypochonder: wer ... von denen als kümmerer fortflüchtet, unter denen er von rechts wegen leben und weben sollte. Jahn merke zum t. volksthum 45, vgl. Göthes kümmerei und kummerhaft 1.
4) kümmerer rotwelsch: es sind vor zwo schwärzen drei vornehmbde bekante kümmerer hie durch auf schönen klebs u. s. w. Philander 2, 588 (1665 s. 594). kimmern ist kaufen, s. weim. jahrb. 4, 98, kümmern Fischart groszm. 50 (583 Sch.), also kaufleute. s. darüber unter kummerschaft.