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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bis xylophon (Bd. 30, Sp. 2559 bis 2566)
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[Bd. 30, Sp. 2559]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) X, n. , der 24. buchstabe des deutschen alphabets, mit dem lautwert ks. anderen ursprungs, aber im redensartlichen und teilweise auch im eigentlichen gebrauch dem buchstaben (s. u. DWB A) angeglichen, sind das zeichen für die erste unbekannte in der mathematik und das für die sogenannte röm. 10, die hinsichtlich ihrer redensartlichen gebrauchsweisen hier (s. DWB B u. C) zu behandeln sind.
A. x als buchstabe.
1) herkunft und orthographische funktion. das zeichen x gelangte aus westgriech. alphabetenin Unteritalien bezeugt seit etwa 700 — durch etruskische vermittlung oder auf direktem wege durch westgriechische kolonisten mit dem lautwert ks in die lat. schrift, wo es das älteste alphabet von 21 buchstaben abschlosz (nostrarum ultima, Quintilian inst. or. 1, 4, 9); seit deren übernahme ist es in dt. hss. bezeugt, vgl. Jensen d. schrift (21958) 424, 432, 479, 483, 491. in ahd. hss. bleibt es relativ selten. über den gebrauch in fremdwörtern hinaus ist es gelegentlich analog dem lat. (sex, Saxones) gesetzt, und scheint häufiger den lautwert hs, im westfränk. unter roman. einflusz auch s(s), zu repräsentieren, als den von ks. bemerkenswert ist jedoch Otfrid II 2, 37 giuuunxti VD, giuuunxsti P für giwunsgti, vgl. Braune-Mitzka ahd. gr. § 146 anm. 3; § 154 anm. 5; § 190; Schatz ahd. gr. § 240; Franck afränk. gr. § 114; 116, 2. am häufigsten steht es ahd. in geheimschriftglossen durch buchstabenvertauschung für u. auch im mhd. bleiben x-schreibungen (lautwert ks) auszer in unanverwandelten fremdwörtern im gegensatz etwa (bei anderer lautlicher geltung) zum mnl. und auch mnd. ganz vereinzelt; vgl. die belege bei Lexer hdwb. s. vv. ackes, hecse usw. und schreibungen wie sant Marx tag (obd. 1263) corpus d. altdt. originalurk. 1, 104 Wilhelm; inxigel (ingesigel) (alem. 1269) ebda 1, 172; sex stvche (Zürich 1274) ebda 1, 218; pfinxtin, phinxtin (Salzburg 1284) ebda 2, 59; 61; mit ainer axs (hs. von 1387 nach vorlage von 1303) St. Georgener pred. 5 Rieder; Saxen (Balga 1373), waxsis (ebda 1387) bei Weller d. sprache i. d. ältesten dt. urk. d. dt. ordens (1911) 112. die anwendung des zeichens x beschränkt sich in hd. texten bis ins 14. jh. auf wohl lat. beeinfluszte einzelschreiber (vgl. dazu Weller a. a. o.). seit dem 14. jh. wird x zunächst im bair. für in- und auslautendes gs, cks, chs häufiger; zögernd folgen alem. u. md. texte. weiteres bei Moser frühnhd. gramm. 1, 1, 68; 1, 3, 281 f. auf Züricher drucke des frühen 16. jhs. beschränkt ist häufigere setzung von x für anlautendes g(e)s- (vgl. schon oben inxigel), s. teil 5, sp. 3 sowie Moser a. a. o. diese anwendung wird von Kolrosz enchiridion (Basel 1530), bei Müller quellenschriften (1882) 77 f. und von Maaler d. teutsch spraach (Zürich 1561) 509a ausdrücklich abgelehnt. durch zeitgenössische grammatiker bestritten wird die setzung des x auch, wo ein genitiv-s an einen auf guttural auslautenden stamm tritt, so vom schryfftspiegel (Köln

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1527), bei Müller a. a. o. 388, dann (1573) von Ölinger dt. gr. (1897) 19 Scheel und später von Hemmer u. a., s. Jellinek gesch. d. nhd. gr. 1 (1913) 293. gegen jeden gebrauch des x in dt. wörtern wenden sich (1477) Hueber modus legendi, bei Müller a. a. o. 10 und (1629) Ratke schr. (1959) 2, 76 E. Ising. Schottel haubtspr. (1663) 220 und Stieler hochteut. sprachkunst (1691) 15 treffen keine entscheidung. bezeichnend ist die stellungnahme Klopstocks, der x für jeden ks-laut, gleich welcher herkunft, zwar für empfehlenswert hält, aber abschlieszend (1779) urteilt 'das x brauchen wir beina gar nicht. wir solten, es liber abschaffen, als es nicht überal sezen, wo es hingehört' s. w. 14 (1830) 156. entscheidend wurde Adelung s feststellung, dasz 'kein deutsches wort ... mit diesem buchstab ... anfängt, es auch in der mitte und am ende nur sehr selten gebraucht wird, nähmlich nur alsdann, wenn die abstammung dunkel ist, und man nicht weisz, ob man dessen laut in ks, chs oder gs auflösen soll' wb. 5 (1786) 319 f. die reihe der durch die orthographiereformen des späten 19. jhs. dann kodifizierten x-schreibungen hatte sich bei einigen abstrichen (s. die oben angeführten grundsätze) seit dem 16. jh. in den beispiellisten der wichtigsten grammatiken (s. ob.) vorbereitet. heute gilt x auszer in weitergehenden mundartschreibungen (vgl. nix < nichts) 'in einigen echt deutschen wörtern ..., in denen die verbindung ks durch vokalausstoszung entstanden war' Paul dt. gramm. 1, 298, so in axt (wohl durch Luther durchgesetzt, s. teil 1, sp. 1046), hexe, nix(e), vgl. teil 8, sp. 1573. dazu treten lehnwörter wie fix, lax, boxen sowie vereinzelte (mundartlich bedingte, s. o.) doppelschreibungen wie haxe für hachse und neubelebungen wie sax (sax, kurzsax denkmäler d. festlandes 1, 460 Arntz-Zeiss). zahlreich sind die x-haltigen fremdwörter; einige auf x anlautende s. u., die meisten sind fachsprachlich begrenzt, vgl. die zahlreichen kunstwörter zu gr. ξανθός 'gelblich, fahl'; ξηρός 'trocken'; ξύλον 'holz'.
2) name des buchstaben. iks, so schon lat. (ix); wohl in anlehnung an den namen des griechischen ξ bewuszt umgebildet aus älterem ex, daswie die namen der übrigen semivokale (ef, el, em, en, er, es) — aus dem ursprünglich vokallosen lautiernamen (x) nach dem vorbild der mutae (be, ce, de, ge usw.) gewonnen, doch durch die voranstellung des hilfsvokals von deren typus unterschieden wurde W. Schulze kl. schr. (1933) 444 ff., bes. 455 u. 463 f.; anderes bei Jensen d. schrift (21958) 495. daneben vereinzelte volksnamen, die wohl von den ersten fibeln häufig beigefügten lautdeutenden merkbildern zu den buchstaben entstammen, so zeisl (zeisig): 'x ... haissen unser schreiber zeisl' Aventin s. w. 4, 1, 32 bayer. akad.; vgl. folgende lautbeschreibung: 'ein x schnalzt mit der gaysel, singt wie ein zeysl oder maysen vnnd lockt den tauben' (1542) Fuchszperger leeszkonst, bei Müller quellenschriften (1882) 173.

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3) in freier und redensartlicher verwendung:

das ist die gröste sünd vff erden,
wann vsz dem e (ehe) ein x (kreuz) will werden
Th. Murner dt. schr. 2, 394 Spanier; vgl. 292; 538;

gleich wie im abc auf das w gleich das x kommt, also auff solches allgemeine w in allen gassen ist das x gefolgt: denn alle seynd zum x oder zum creutz geloffen; es lebten fast alle heilig Abr. a s. Clara Judas (1687) 1, 236; vgl. 292; einem ein x auf den backen märcken (ohrfeige) Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1413; entsprechend Ludwig t.-engl. (1716) 2551; ei, du verzwicktes x; unnützer buchstab! (thou whoreson zed! thou unnecessary letter!) Shakespeare 8 (1832) 315.
4) komposita, überwiegend von der form des buchstaben ausgehend, vgl.: x-bein, n. (meist pluralisch) 'genu valgum'; fach- und allgemein umgangssprachlich, vgl. Höfler dt. krankheitsnamenb. (1899) 37 f., sowie: am meisten aber kommt das x-bein bei individuen vor, deren knochen eine abnorme weichheit besitzen hdwb. d. ges. medizin 2 (1891) 101; der esel stand mit gesenktem kopf und trübsinnigen x-beinen auf dem saumweg Werfel Musa Dagh (1955) 267; wir sehen ihn auf seinen stämmigen x-beinen über den hof stampfen Remarque obelisk (1957) 20. dazu x-beinig, adj.: vor dem zaune stand ein x-beiniger herr L. Frank absturz, in: dt. erzähler 1 (1957) 435. — x-eisen, n., fachsprachlich (vgl.T-träger): 'kreuzeisen' Eger technol. wb. (1884) 933; Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 860.
B. x als zeichen für eine unbekannte (mathematische) grösze. die mittelalterliche arab. mathematik bezeichnete die algebraische unbekannte in der ersten potenz mit šai' ('ding, sache') und kürzte sie mit dem anlautenden š ab; nach einer vermutung de Lagardes setzten hierfür die die arabische tradition aufnehmenden Spanier ihr damals entsprechend ('sch') lautendes x-zeichen; so noch Lokotsch wb. d. wörter orient. ursprungs (1927) 141; Littmann morgenländ. wörter im dt. (21924) 77. wahrscheinlicher (s. Littmann in: zs. d. dt. morgenl. ges. 78 [1924] 81 anm.) ist die herleitung aus dem ital. cosa-zeichen (ital. cosa, die bis ins 17. jh. als mathemat. terminus übliche übersetzung von arab. šai'): Descartes bestimmte 1637 zur bezeichnung der bekannten gröszen die ersten buchstaben des alphabets, zur bezeichnung der unbekannten die letzten (in der reihenfolge z, y, x ...), nachdem er schon vorher, wohl durch die ähnlichkeit der form veranlaszt, für das die erste unbekannte ausdrückende cosa-kürzel gelegentlich x gesetzt hatte Tropfke gesch. d. elementarmathematik 2 (21921) 44ff., 112ff. dies und der zwang der üblichen alphabetischen denkfolge x, y, z führte zur umkehrung der reihenfolge der zeichen gegenüber Descartes' ausgangsregel und zur dann üblichen bezeichnung der beiden ersten unbekannten als x und y; in Deutschland so zuerst bei J. H. Rahn teutsche algebra (1659), s. Tropfke a. a. o. 2, 46. abgeleitete anwendungen.
1) x steht für eine unbekannte (hohe) zahl.
a) in unterschiedlicher freier und redensartlicher verwendung; noch ganz analog einer algebraischen gleichung:

die weisen ...
...
sind keine gönner zwar von solchen seelenreisen
und fordern trotziglich, ihr sollt, was ihr gesehn,
durch x und y beweisen.
bleibt noch so überzeugt dabei,
ihr habts gefühlt, gehört, gesehn — mit geistessinnen,
bei ihnen ist damit sehr wenig zu gewinnen
Wieland s. w. 3 (1853) 233.

nicht selten sind umgangssprachliche wendungen wie (mit emphatischer betonung des x): seit x jahren ist mir das nicht mehr vorgekommen. ähnlich: die ... gescheite und unpathetische frau professor mit den x ehebrüchen Frankf. allg. ztg. 139 (1955) 6. auch ohne emphase, nur feststellend: wenn man weisz, dasz man in x tagen unter diesen feinden leben wird Becher poesie (1955) 122.

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fachsprachlich bleibt der gebrauch des x zur benennung unbekannter termine: er unterscheidet im ablauf der westlichen kultur vier epochen, 1. ca. 675 bis 1075 ... 4. ca. 1875 bis x E. R. Curtius europ. lit. u. lat. mittelalter (1948) 32. hierher das schlagworthafte tag x für den eintritt eines erwarteten, auch gefürchteten ereignisses.
b) komposita: x-fach, zahladv.; vereinzelt, dabei meist positiv wertend wie etwa: ein x-fach bewährtes putzmittel; ein x-fach bestätigtes ergebnis. — x-mal (meist mit emphatischer betonung des ersten bestandteils), zahladv., seit dem 19. jh. gebucht Sanders wb. 3, 1690b; Heyne dt. wb. 3 (1895) 1418: ich habe ihm das x-mal gesagt; auch analog den ordinalzahlen: ich sage dir das nun zum x-ten mal; allgemein umgangssprachlich, häufig im tadelnden ausruf.
2) x steht in allgemeinerem sinn für die unbekannte (oder ungenannte) natur einer sache.
a) in freier und redensartlicher verwendung: wenn ich fragen darf, was ist denn das für ein ding, ihre seele? haben sie es je gesehen, und was denken sie damit anzufangen, wenn sie einst todt sind? seien sie doch froh, einen liebhaber zu finden, der ihnen bei lebenszeit den nachlasz dieses x ... mit etwas wirklichem bezahlen will Chamisso w. 4 (1836) 282;

baron S.: ein x im menschen-alphabet
Grillparzer s. w. 3, 227 Sauer;

der mann, ein baron Grenwitz, ist eine null, die frau baronin ein x., das ich noch nicht habe herausrechnen können. jedenfalls ist sie eine gescheite frau (1861) Spielhagen s. w. (1895) 1, 15. von der gepflogenheit, einen namen bis auf den ersten buchstaben abzukürzen (mithin vom einfachen buchstabengebrauch, s. DWB A; vgl. auch die häufige abkürzung N. N., 'non nominatus'), gehen verwendungen aus, in denen in bewuszter anknüpfung an die funktion der letzten buchstaben als mathematische unbekannte nicht zu nennende oder zu verallgemeinernde (personen)namen durch x oder y ersetzt werden. nur gelegentlich werden weitere buchstaben einbezogen: ich gab ihr den titel: der sich selbst entdeckende X. Y. Z. etc. Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) vorr. 12; an die herren X und Y Lessing 1, 6 L.-M.; was sagst du von X? Hippel kreuz- u. querzüge des ritters AZ (1793) 2, 425; vgl. 1, 3;

X hat sich nie des wahren beflissen
im widerspruche fand er's;
nun glaubt er alles besser zu wissen
und weisz es nur anders
Göthe I 3, 263 W.;

'die N. war schlecht geschminkt' — 'die X. hat keinen funken
talent, und Ypsilon war wieder stark betrunken'
P. Heyse ges. w. 3 (1873) 192;

oder gab es ihnen nicht zu denken, dass sie knall und fall verhaftet worden sind, gerade sie ... und nicht professor X (1944) A. Neumann bei Oksaar semant. studien (1958) 99. der gebrauch ist nicht auf personennamen beschränkt, so ändert H. Heine die stadt Berlin ([1823] s. w. 1, 126 Elster) im reim in die stadt Ix-Ix ([1826] ebda 525); entsprechend die Berliner in die Ix-Ixer a. a. o. fachsprachlich in mannigfacher abgeleiteter verwendung, vgl. etwa die benennung zu erschlieszender unbekannter vorstufen (vor allem archetypus oder original) in hss.-stemmata durch x (weiterer stufen auch durch y), z. b. fürs Nibelungenlied durch K. Bartsch in: Germania 13 (1868) 230, so dann auch: in x stand vielleicht ... Patzig in: anz. f. dt. altert. 61 (1924) 13.
b) komposita: x-beliebig, auch ixbeliebig, adj. (adv.), allgemein umgangssprachliche (vgl. Fischer 'wie nhd.; ziemlich populär geworden' schwäb. 4, 54), die gleichgültigkeit oder austauschbarkeit einer erscheinung noch betonende intensivierung des simplex beliebig: setzen wir einmal den fall, der mann spricht unvermutet über irgendeinen ixbeliebigen sexuellen vorfall, der sich in Spanien oder Marokko abgespielt hat Fr. Wedekind ausg. w.

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(1924) 1, 91 Strich; durch noch so viele mühen und kosten kann er (der bodenertrag) in diesen wirtschaften nicht noch immer x-beliebig gesteigert werden Strecker d. kultur d. wiesen (41923) 1; man duzt sich doch nicht mit jedem x-beliebigen menschen süddt. ztg. (1956) 216, 25. — x-strahlen, m. (plurale tantum), durch Röntgen geprägte bezeichnung der durch ihn 1895 entdeckten strahlenart Darmstaedter hdb. z. gesch. d. naturwiss. (21908) 940. neben Röntgenstrahlen seit der ersten demonstrationssitzung 1896 bezeugt, vgl. Mitzka in: Trübners dt. wb. 8, 308. über freiere anwendungen des sofort zum modewort gewordenen ausdrucks s. Ladendorf hist. schlagwb. (1906) 348. in fach- und umgangssprache bald durch Röntgenstrahlen verdrängt, vgl. z. b. Röntgenstrahlen Brandes in: sitzungsber. d. preusz. akad. d. wiss. (1896) 547; Goldstein ebda 667; andrerseits engl. x-rays ('generally familiar') Murray 10, 2 s. v. sowie preface to letters x, y, z; nl. x-stralen van Dale nl. wb. 2134. s. noch: x-strahlen Röntgen in: sitzungsber. d. preusz. akad. d. wiss. (1897) 483, 576 ff.; Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 860; vgl. auch Kluge-Mitzka etym. wb. 873.
C. x als zahlzeichen (die sogenannte römische 10) ist anderer herkunft als der gleichformige buchstabe, der jedoch üblicherweise für die benennung des zeichens, sofern nicht sein zahlwert vermittelt werden soll, gebraucht wird. das zahlzeichen x ist nach Gardthausen und Zangemeister mit den übrigen röm. zahlzeichen aus dem prinzip der 'verwendung gerader, schräger und krummer striche' zu erklären, german.-roman. monatsschrift 1 (1909) 401ff., bes. 403f. dem steht allerdings die ältere ansicht Mommsen s gegenüber, das im etrusk. alphabet funktionslose x existiere dort als zahlzeichen fort und sei so nach Rom entlehnt worden, unterital. dialekte (1850) 20, 34; weiteres Jensen d. schrift (21958) 492. aus der fast ausschlieszlichen verwendung der röm. zahlzeichen im deutschen volksgebrauch bis ins 15./16. jh., vgl. Tropfke gesch. d. elementarmathematik 1 (21921) 26, und ihrer noch danach lange anhaltenden bevorzugung zur festlegung bestimmter zahlen (nicht so zur durchführung von rechenoperationen) erklären sich redensartliche verwendungen, so vor allem: (jmdm) ein x für ein u (v) machen. die redensart geht aus von der verlängerung der schenkel des V nach unten in der betrügerischen absicht, die zahl zur zehn zu verdoppeln. wohl unzutreffend ist die ansicht, die wendung sei entstanden aus dem schon ahd./mhd. in geheimschriften üblichen brauch, einen buchstaben durch den nächstfolgenden (also u durch x) zu ersetzen und so, in übertragener verwendung, eine sache zu verdunkeln A. Höfer in: Germania 14 (1869) 215f.; vgl. teil 11, 2, sp. 4f., weitere belege in eigentlicher und freierer verwendung (meist zur charakterisierung betrügerischer manipulationen):

(aufzählung der ausgaben eines hauswirtes:)
und eim geburen, der brohte ein hasen.
do mache (zum schreiber gesagt) ein ickis für ein u (1435)
Konrad Dangkrotzheim hl. namenb. 435 Pickel;

die haben nun zum offtermall, wie man sagt, ein x für ein v gmacht Hedio chron. Germ. (1530) a 1a;

hat er (d. verwalter) zu vil gegeben ausz
vnd es gewendt zu seinem hausz,
gar geschwind ein ort (i. d. buchführung) zu finden wuszt,
da setzt er hin ein gantzen wust.
schreibs alles seinem herren zu,
offt zwey x für ein einigs v
Frischlin dt. dicht. 184 lit. ver.;

doch so vel weet ick noch, dat ick kan underscheiden
ein bockstaff, vör dat andr, und laet mi nicht verleiden,
vör L tho schriven C, und vor V schriven X,
kan ick den nicht vel mehr, so byn ick darup fix (1652)
J. Lauremberg nd. scherzged. 8 ndr.;

myn here is so kunstrike, ende ainen guden schryuer, ey kan ein x vor ein v schriuen H. J. v. Braunschweig schausp. 303 lit. ver.; steinmetzen waren sowohl damals als itzo keine grosze sprachkünstler, und konnten leicht fehlen. sie haben zu allen zeiten bisweilen ein x für ein v setzen können anmuth. gelehrsamk. 9, 817 Gottsched; selten umgekehrt:

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wiewohl so einem schwachen
verblüfften kopf aus x ein u zu machen,
kein groszes kunststück ist (1795)
Wieland w. 13, 418 akad.


 
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xanthippe, f., 'des Sokrates gern belfernde und seine philosophische geduld oft auf die probe stellende frau, weszhalb man, ihre bösartigkeit überschätzend, noch jetzt einen ehedrachen eine Xanthippe nennt' Schiffner sachwb. 10 (1831) 460. über die antike überlieferung und die berechtigung der namenstypisierung vgl. DWB E. Zeller zur ehrenrettung der Xanthippe, in: vorträge u. abhandl. 1 (1865) 51—61. formvarianten: häufig in volksetymologischer umdeutung Zankthippe, so für Berlin Andresen dt. volksetymologie (71919) 72, vgl. dazu den lesebuchvers:

Xanthippe war ein böses weib,
der zank war ihr ein zeitvertreib bei
E. Zeller a. a. o. 52.

vereinzelt:

gejammert hat wohl deine Xantuppe
oft über die magre wassersuppe
H. Heine s. w. 2, 219 Elster.

als 'bösartige, den gatten drangsalierende ehefrau' literarischer typus: böse Xantippe Scheit grobianus, randglosse zu v. 4023 ff. ndr.;

herein komm auch kein eiferiger frawengauch,
die frembds naschen vnd jr eygnes andern lassen,
die ausz dem hausz beiszt der Xantippe rauch
Fischart Garg. 448 ndr.;

eine geschimmelte Xantipp Abr. a s. Clara bei Sanders 3, 1690b; ein langer besenstiel flog mir sogleich wie ein wurfspiesz beim kopf vorbei, und den ganzen hügel herab folgten mir, wie ein fernes echo, die schallenden schimpfwörter der wüthenden Xanthippe (wirtin) nach (1808) Pückler br. u. tageb. 2, 135; indem im letztern (Fibels abc-buch) nur fünf menschen — der mönch, der Jude, der vogelsteller, die nonne und die Xantippe — aber funfzehn thiere auftreten (1811) Jean Paul s. w. I 13, 360 akad.; vgl. 481; 534; 'sie verzeihen, herr kandidat', sprach sie (die gattin des professors), ihre wut kaum unterdrückend, '... er musz jetzt in die kirche.' ich ging schweigend nach meinem hut und liesz den ehemann unter den händen seiner liebenswürdigen Xanthippe Hauff s. w. 4, 43 Fischer. selten in freierer verwendung:

o, nicht süszen honig nur
führen eure lippen,
und so seid ihr (die mädchen) von natur
liebliche X ...
Mörike w. 1 (1914) 235 Maync.


 
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xanthippisch, adj.: etliche (weiber) aber sind xanthippisch bös und unterstehen sich ihr haupt wider die wand zu stossen Harsdörffer schauplatz lust- u. lehrreicher gesch. (1650) 1, 283; dergleichen xantippische töchter und böse sieben Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2150; jedenfalls habe kein einziger philosoph geheiratet, auszer Sokrates, dem es entsprechend xanthippisch ergangen sei A. Zweig mädchen u. frauen (1931) 84.
 
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xenie, f., xenion, n., zweizeiliges (spott-)epigramm; von griech. ξένιον 'gastgeschenk'. eingebürgert durch Göthes und Schillers überwiegend polemische distichen im musenalmanach für das jahr 1797, deren hauptgruppe, durch Martials epigramme angeregt, ihre bezeichnung dem titel von deren 13. buch entlehnte und diesen in ironisierender umdeutung des wortsinns zum literar. terminus umprägte. zuerst noch in der pluralform xenia, so im ersten brieflichen vorschlag Göthes vom 23. 12. 1795, doch schon am 26. 12. 1795 xenien, s. IV 10, 353f. W. hieraus rückgebildet der fem. sg. xenie, der jedoch weitaus seltener als der plural bezeugt ist; nur gelegentlich daneben xenion, n., so in: xenien 1796 (1893) einleitung XVIII, XXXV Schmidt-Suphan; E. Wolff in: Goethehdb. 3 (1918) 598 Zeitler; E. Trunz in: Göthe w. 1 (Hamburg 41958) 519f. u. ö.als gegensatz zum begriff der 'wilden xenien' des musenalmanachs prägt Göthe für die 1827 zuerst gesammelt

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veröffentlichte hauptgruppe seiner altersepigramme die dann häufig gebrauchte bezeichnung zahme xenien I 3, 227 W., vgl. IV 33, 216 W.
vor Göthes und Schillers xeniendichtung nur im eigentlichen sinn für das 13. buch der epigramme Martials: wenn ich nun hinzusetze, dasz ein dritter buchhändler, namens Tryphon ... besonders die xenia und apophoreta desselben gehabt zu haben scheinet (1771) Lessing 11, 276 L.-M.

übersetzung.
xenien? ruft ihr. o greifet doch zu, und fraget nicht lange,
gastliche gaben sinds, wenns ja ein nahme musz seyn xenien 1796 (1893) nr. 3 Schmidt-Suphan; vgl. ebda u. a. die nrr. 16, 647, 854;

bedenkt man, dasz die überschrift: zahme xenien eine contradictio in adjecto im eigentlichen sinne enthält, so läszt es sich vermuthen, dasz hie und da etwas von der alten wilden natur hervorblicken werde (1820) Göthe IV 33, 216 W.; von diesen xenien (des musenalmanachs) war bereits in der schule leise geflüstert worden; wir hatten wind, dasz da ein skandälchen verborgen liege Holtei vierzig jahre (1843) 1, 115. als liter. terminus in allgemeinem gebrauch: ihnen ist es gleichviel, ob er xenien macht oder einen neuen planeten entdeckt Kotzebue sämmtl. dram. w. (1827) 1, 314; da ich selbst mich erst späterhin über dieses thema, über deutsche litteraturmisere verbreiten will, so liefere ich einen heitern ersatz durch das einschalten der folgenden xenien, die aus der feder Immermanns ... geflossen sind H. Heine s. w. 3, 121 Elster. nach Göthes und Schillers vorgang wiederholt in titeln, so bei K. Manuel wilde und zahme xenien. epigramme (1856), weiteres bei Schneider dt. titelbuch (21927) 729. —
 
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xenienkampf, m., meist bezogen auf die xenienveröffentlichung Göthes und Schillers im musenalmanach f. d. j. 1797 (s. ob. unter xenie) und die antwortenden distichen der angegriffenen; im titel: E. Boas Schiller und Goethe im xenienkampf (1851); dieser erfolg (der xenien) sowie der ganze xenienkampf sind bezeichnend für die literarischen zustände der zeit E. Trunz in: Göthe w. 1 (Hamburg 41958) 516. selten freier: es wäre doch hübsch, wenn man einen xenienkampf eröffnete Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 8, 115.
 
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xenion, n., s. xenie, f.
 
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xylograph, m., holzschneider; holzschnittkünstler; vgl. DWB xylographie. gebucht bei Petri hdb. d. fremdwörter (1834) s. v.; Eger technol. wb. (1884) 933 u. ö.: leider wurden meine holzzeichnungen abscheulich von handwerksmäszigen xylographen verschnitten (dafür holzschneider 266) L. Pietsch wie ich schriftsteller geworden bin (1893) 265. als berufsbezeichnung für holzschneider noch 1917 fest in gebrauch, s. adreszbuch f. Berlin (1917) 4, 445; 463. in der gegenwartssprache hinter diesem zurücktretend: 'xylograph ... fremdbezeichnung für holzschneider,

[Bd. 30, Sp. 2566]


auch xylograveur' wb. d. berufsbezeichn. (1951) 224 Molle.
 
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xylographie,
 
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-grafie, f., aus griech. ξύλον 'holz' und -γραφία (abstraktum zu -γράφος 'schreibend') gebildetes kunstwort für holzschnitt, holzschneidekunst; frz. bezeugt seit 1771 Hatzfeld-Darmesteter dict. gen. 2, 2267; engl. xylography seit 1816 Murray s. v.; dann nahezu gemeineuropäisch. setzte sich im deutschen sprachgebrauch jedoch gegenüber älterem und auch heute ganz festem holzschnitt, formschnitt u. ä. nicht durch. 1) als gewerbe- und tätigkeitsbezeichnung: diese werke der xylographie mögen wohl der nächste schritt zur erfindung der buchdruckerkunst gewesen seyn ... selbst die ersten versuche Gutenbergs waren noch versuche der xylographie Schaab gesch. d. erfindung d. buchdruckerkunst 3 (1831) 337; auch 326, 330 u. ö.; erst unser jahrhundert hat die lange verstoszene xylographie sich aus tiefem verfall aufrichten ... sehen Sotzmann in: histor. taschenbuch 8 (1837) 449 Raumer; vgl. noch xylographie Müller-Mothes archäol. wb. 2 (1878) 991; Karmarsch-Heeren techn. wb. 11 (1892) 14. 2) bezeichnung vor der erfindung der beweglichen lettern hergestellter druckwerke (vgl. o. Schaab): noch sah ich auf der bibliothek eine xylographie (d. h. ein buch aus den ersten zeiten der buchdruckerkunst, wo seite für seite auf holztafeln ausgeschnitten und abgedruckt wurde ...) (1837) Immermann w. 20, 31 Hempel.
 
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xylographisch, adj., zu xylographie, s. d.: so entstanden xylographische oder xylotypische werke, als spröszlinge der holzschnitte. alle waren nur auf einer seite des blattes gedruckt Schaab gesch. d. erfindung d. buchdruckerkunst 3 (1831) 335; 'mit holzschrift gedruckt, xylographisch' Schaffer frz.-dt. wb. (1834) 1363.
 
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xylophon, n., (m.), musikinstrument, dessen tonkörper aus hölzernen, durch strohwalzen isolierten, aufeinander abgestimmten stäben besteht, die durch zwei hämmer angeschlagen werden. für das aus Asien nach Südosteuropa gewanderte, in Deutschland seit dem 16. jh. bezeugte (zuerst bei A. Schlick spiegel d. orgelmacher [1511]) instrument gelten hier bis ins 19. jh. einheimische bezeichnungen wie hülzen bzw. hölzernes gelächter, s. DWB gelächter 3 teil 4, 1, 2, sp. 2844f. und strohfidel teil 10, 3, sp. 1659. seit 1810 ist in Deutschland das kunstwort xylophon (griech. ξύλον 'holz', φωνή 'ton, schall') nachweisbar, dem im 17. jh. die bezeichnung xylorganon voraufgegangen war C. Sachs handb. d. musikinstrumentenkde (1930) 17—20. seit 1866 erscheint xylophone im engl., Murray 10, 2, s. v., seit 1872 im frz., Bloch-Wartburg dict. etym. (21950) 649. vgl. Heyse-Böttger fremdwb. (1879) 870; Meyers konvers.-lex. 17 (51897) 922: es musz ein ganz fremdartiger musiker sein, der general, denn die hölzer seines riesigen xylophons sind gar nicht aus holz. nein ... sie sind aus knochen W. Borchert d. gesamtwerk (1957) 156; vgl. 157; 159. —