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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
vergleiten bis vergnaffen (Bd. 25, Sp. 460 bis 463)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) vergleiten, verb. ausgleiten, dahingleiten, zusammensetzung mit gleiten, welches stark und schwach flectiert wird (Weigand wb. 1, 599), im hd. sehr selten, die wenigen belege zeigen ein gleiches schwanken, Heinsius 4, 1295 führt es als stark auf. im nd. vergliden, verglien, aus der ordnung gleiten: de kop is mi vergleen, der kopf ist mir ausgeglitten, steht mir nicht recht, der kopf ist mir warm gemacht brem. wb. 2, 517.
1) ausgleiten: ist der fusz vergleitet auf eine böse stelle. Hippel 8, 300.
2) dahingleiten, gleitend zu ende kommen:

fern von der tollen menge neid und groll ..
verglitt ihr leben schlichter freuden voll.
Kosegarten rhapsodien 3, 82.


 
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verglich, m. dasselbe wie vergleich:

der ausgang war, dasz sie, von seinen schmeicheleien
und bitten überwunden sich,
groszmüthiglich entschlosz, ihm endlich zu verzeihen;
ein kusz versiegelte den gütlichen verglich.
Wieland 17, 224.


 
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vergliedern, verb. zu einzelnen gliedern auflösen: das band, welches di abwesenden (freunde) zu befangen pfleget,

[Bd. 25, Sp. 461]


ist die güldene kette Herkulis, welche nicht aus dieses helden munde, sondern aus der heldenfeder fleuszt .. sol nun dieses freundschaftsband nicht vergliedert werden, so sreibe er .. Butschky kanzl. 79.
 
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verglimmen, verb. glimmend, schwach glühend zu grunde gehn. mhd. nicht nachgewiesen, bei Stieler 671 und Adelung versuch 4, 1434 aufgeführt, sonst den älteren wörterbüchern fehlend. im nd. hat sich verglimmen, wie es scheint, nicht entwickelt, doch ist die form vorglummen (schwaches zeitwort) nachgewiesen (s. verglumen sp. 463). verglimmen, zusammensetzung mit glimmen, 'schwach glühen, in einzelnen funken glänzen' Weigand synon. 1, 236; verglimmen verstärkt die bedeutung 'bis zu ende glühen, glimmend sich verzehren'. einfaches glimmen wird stark flectiert, vgl. Grimm gramm. 2, 33, ein schwaches mhd. glimmen ist unsicher, so nehmen wir denn auch für verglimmen als früheste abwandlung an verglimme, verglam, verglummen, verglommen, der plural des präteritum hat alsdann u zu o geschwächt, der sing. prät. hat sich dem plur. angeglichen, es entstand verglimme, glomm, glommen. neben der starken flexion entwickelte sich die schwache, z. b. hat Schiller das prät. verglimmte, s. unten.
1) das zeitwort ist intransitiv, Göthe hat in anlehnung an wörter wie sich verzehren zwar ein reflexivum entwickelt, doch scheint dies ohne nachahmung geblieben zu sein. sinnlich: glimmend sich verzehren:

sterne verglimmen und rosen verblühn,
jugend und schönheit den wangen entfliehn.
Fr. Müller 2, 149;

zwei wandrer ... wissen nicht wo sie stehn,
die lampe losch, der herd verglomm,
zu hören ist nichts, zu sehn.
Göthe 47, 85;

auf dem verbrannten tisch lag halb verglimmtes kraut,
das in Virginien der nackte mohr erbaut.
Zachariä 1, 29;

himmlischer knabe, was stehest du hier? die verglimmende fackel
nieder zur erde gesenkt.
Herder z. lit. u. k. (1820) 6, 153;

als aber ich dem schosze des herdes mich genaht,
da sah ich, bei verglommener asche lauem rest,
am boden sitzen, welch verhülltes groszes weib.
Göthe 41, 186;

bildlich: sie konnte, da die abendröthe nur langsam verglomm, deutlich erkennen. Heyse kinder der welt 2, 66; die leute ... sitzen lieber noch eine weile vor den hausthüren und sehen behaglich zu, wie das letzte restchen tageslicht verglimmt. 3, 18;

des lebens tacht ist ganz verglommen.
Chr. Gryphius poet. w. 1, 138;

ohnmächtge glut und fackel deiner (der liebe) hand!
kein blick verstreicht, dein lodernd wachs nimmt ab.
dein tacht verglimmt, dein öle rinnt in sand.
dein brut die asch ist selbst der flammen grab.
Lohenstein Agripp. 72, 365;

deine seele faszt ein wahn,
dasz sie in der fluth verglimme
wie ein funk' im ocean.
Bürger 74;

dasz ich ermattet mich empfand,
als sei ich in der glut verglommen.
Rückert ges. ged. 1, 267;

die eifersucht, womit sie (sekten) einander selbst wechselseitig bewachten, erhielt ihren sektengeist in übung und verhinderte, dasz die glut des fanatismus bei ihnen verglimmte. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 212.
2) abstract, vergehen, besonders gern von gemütsbewegungen: leidenschaft, zorn, schmerz verglimmt; nachdem ihm der grosze zorn verglommen. pol. maulaffe 45;

einflusz der that, wenn jetzt sie geschieht! und nur wenig
wirkung bleibt nach, nur ein schatten, so verschwindet.
'wenig' zürnst du. so währts was länger,
bis sie gesunken verglimmt.
Klopstock 2, 80;

auch sehr wahre meinungen sind nicht mehr, sind verglommen,
gleich der flamme, die sank: doch Europas leuchtet dem geiste
ewig, durchglühet das herz! 7, 7;

auch von menschen, zu grunde gerichtet werden, allmählich sich aufreiben:

du wirst vor heiszer qual und hertzensangst verglimmen.
Chr. Gryphius poet. wälder 1, 529;

steh nicht so düster, so beklommen,
nicht so an hoffnung, muth und lebenskraft verglommen.
Bürger 64b;

hieran anschlieszend vom aufbrauchen der kräfte und geistigen fähigkeiten:

es behauptet jeder kluge,
Europa sei so gut schon wie verglommen,
es liege ächzend schon im letzten zuge.
Tieck 1, 353;

[Bd. 25, Sp. 462]



3) reflexiv:

sie (die Erinnyen) blasen
mir schadenfroh die asche von der seele,
und leiden nicht, dasz sich die letzten kohlen
von unsres hauses schreckensbrande still
in mir verglimmen.
Göthe 9, 52.


 
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verglimmen, n. substantivischer infinitiv des vorigen: in der that war das feuer in der esse schon am verglimmen. Gutzkow ritter vom geiste 2, 20.
 
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verglimpfen, verb. glimpflich machen, als passend schildern. zusammensetzung mit dem einfachen glimpfen, welches aus der mhd. schriftsprache (gelimpfen) vielfach, aus der nhd. schriftsprache nicht, sondern nur aus den mundarten nachgewiesen ist. mit der mhd. bedeutung des einfachen zeitwortes 'angemessen machen' stimmt die der zusammensetzung mit ver, letztere aber nur transitiv, während gelimpfen auch intransitiv ist (Lexer 1, 818). verglimpfen selbst ist im nhd. wenig geläufig, in den wörterbüchern findet es sich nur bei Schottel 645. Steinbach 1, 606 ich verglimpfe, moderatione compono und bei Heinsius zum glimpf vermögen, besänftigen 4, 1295. geläufiger ist uns das gegentheil, verunglimpfen, vgl. auch Schm. 1, 1476 Frommann. verglimpfen mit sinnlichem objecte: wer ein stinkenden athem hat, der niesze ein wenig bisems, er verglimpft jm den gestank. Gesner thierb. von Forer (1583) 30b; es hat sie bedunckt, es sei ein schärpffe im leib, welche doch dem leib keinen schaden gebe .. andere seind kommen, die haben die scherpffe verglimpfft und gesagt, es sei ein flusz, der steige vom haupt hinab. Paracelsus chir. schr. 357 A; noch etwas verbergen, hähl halten und verglimpfen können. a. weiszh. lustg. 523; mit abstractem objecte: wie sie in (dat. plur.) solch verhandlung ungefährlich beschonen und verglimpfen werden. schr. des kurf. Friedrich bei Melanchthon 7, 505 Bretschneider; so man .. leidliche feil und gebrechen der regenten verglimpffen oder mit Japhets mantel zudecken hilffet. Mathesius Sar. 51a; und einer weschet des andern füsze .. und verglimpfft des andern feil und gebrechen. 132a; sich mit der magd nebenzu vergisset oder wie man es sprüchwortsweise verglimpffet (euphemistisch nennet) über das böglin schreitet. Fischart ehz. 20; da eines mannes guter leumund verunglimpft worden, welcher wieder verglimpft werden könnte. Bode Tristr. Shandy 1, 128;

drum nimm dich selbst in acht
und meide meine leich so schändlich zu beschimpffen,
dasz, da man meinen mord gesonnen zu verglimpffen,
indem man, weil noch wer von deinen brüdern lebt,
dich ihn' zum nachtheil ehrt und auf den thron erhebt,
du dich erkühnen dörffest ihr vorderrecht zu brechen.
A. Gryphius 1, 284.


 
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verglosen, verb. glimmend verlöschen, verglimmen, zusammensetzung mit glosen, glimmen (mhd. belegt Lexer 1, 1038. Schmeller 1, 977 Frommann); ver hat dem begriffe des stammverbums noch die bedeutung 'bis zu ende, vollständig' beigefügt. nicht eigentlich schriftdeutsch, aber hier und da in der mundart nahestehende schriften eingedrungen: auf dem anger schimmerte ihnen das verglosende feuer entgegen. Rosegger neue waldgesch. 267.
 
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verglosen, verb. mit einer glose (glosse) versehen, erklären. im anschlusse an das griech. stammwort hatte glosse, dessen o wir heute kurz sprechen, ein ô, so mhd. das wort nur vereinzelt vorkommend, ist heute vergessen, ob im folgenden belege o oder ô zu sprechen, ist zweifelhaft:

(ein psalm) so vor lang
die kinder Korach haben gmacht,
welches man mit geistlichem bracht
sol gar hoch singen von der rossen,
welchen ich wil zu end verglosen!
wenn ich den psalm beschlossen han.
H. Sachs 2, 1, 58 (6, 256, 7 Keller).


 
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verglühen, verb. aufhören zu glühen. aus älterer zeit nicht nachgewiesen, erst bei Adelung versuch 4, 1434; zusammensetzung mit glühen, dessen bedeutung verstärkt wird, 'fortglühen, bis zu ende glühen'.
1) in sinnlicher bedeutung, von wirklich glühenden dingen: die kohlen verglühen, das eisen verglüht; sprichwörtlich: das eisen verglühen lassen, eigentlich zum bearbeiten des eisens zu spät kommen, daher den richtigen zeitpunkt zum handeln versäumen:

sie fühlt schon, dasz sie euch ein schmerzgeld schuldig ist.
nur laszt das eisen nicht verglühn!
wie sanft ihr auge schmilzt!
Wieland 21, 306;

von dingen, die einen glühenden schein geben, die röte allmählich verlieren:

[Bd. 25, Sp. 463]


im rosigen äther
flatterten wölkchen empor, die an ihrem verglühenden saum noch
lange den huldausstrahlenden wink der lieblichen (sonne) zeigten.
Pyrker Tunis. 3, 207;

fern in der sonne verglühn die gesegneten küsten Italiens.
Platen 126;

reiszet alle frühlingsblüthen
ihr zum sterbebett zusammen.
ihre wange schon verglühte
mit den hellen augenflammen.
Arnim schaub. 1, 240.


2) abstract, von heftigen leidenschaften: der zorn, der hasz verglüht; mitunter von menschen gesagt, die heftigern leidenschaften verlieren, mit der nebenbedeutung 'stumpf werden, sich durch die gluth der leidenschaften verzehren': ich bitte dich, lieber mann, rede mit mir. dein stillschweigen ängstet mich. du verglühst in dir selbst. Göthe 8, 162; an einer andern hing Antons sehnendes herz, sie selbst war ihm eine fremde geblieben, die .. jetzt im wittwenschleier auf das verglühende gefühl ihrer jugend zurücksah. Freytag soll u. haben 1, 567.
3) transitiv, durch glühen umgestalten: der kleine prologus .. wie er .. die räthsel lieblich singend aus den untiefen der ästhetik herausfischt und sie als phosphorirende Psychen der abendfackel zuflattern läszt, um sie selbst dort zu sternen zu verglühen. J. Paul freih.-büchl. 78.
 
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verglumen, verb. wol nur verdumpfte nebenform zu verglimmen: verglmet zu aschen. Melissus ps. H 1b. die nebenform glummen (schwach flectiert), mnd. vorglummen Schiller-Lübben 5, 357, heute mundartlich für glimmen in der main- und rheinhessischen mundart, s. Pfister nachtr. zu Vilmars id. 80; im wetterau - frankfurtischen glumsen: das feuer hat nur geglumst, nicht hell gebrannt.
 
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vergnaffen, verb., selten vorkommendes wort, ist wol zu knappen, beiszend zufahren (jedoch nicht wirklich beiszen) zu stellen. dieses wort ist im westd. verbreitet (s. theil 5, 1346) und z. b. in der Frankfurter mundart durchaus geläufig: der hund hat nach mir geknappt. in vergnaffen, vergnappen ist der begriff des einfachen zeitworts verstärkt: du findest etliche menschen, die vergnaffent auf etliche personen ... wenn sy hörent oder sehent, das andere personen, z denen sy nit also genaigt seind, von andren menschen geliebt und gefürdert werden, das beneident sy. Keisersberg sieben hauptsünden (1510) 200c.