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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bis übelangst (Bd. 23, Sp. 1 bis 32)
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[Bd. 23, Sp. 1]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) U , der 20. buchstabe unseres alphabets (i und j als éinen buchstaben gerechnet), der 2. des runenalphabets, stellt den endpunkt unserer vocalreihe dar. um u hervorzubringen, wird die zunge nach hinten gezogen und in ihrem hinteren theile zum weichen gaumen gehoben, während sich die lippen vorschieben und zu einer kleinen kreisrunden öffnung zusammenziehen, so dasz im vordermunde ein ziemlich groszer resonanzraum entsteht, der die dumpfe klangfarbe dieses vocales bedingt. diese lippenrundung wird auch schon früh als hauptmerkmal dieses vocals erkannt: das u ist ein laut gemacht mit spitzigen lefftzen und zsammen gezogen mund V. Ickelsamer Avjb.
I. nicht umgelautetes u.
A. nhd. u ist zweifacher herkunft.
1) die zahl u-haltiger wurzeln, die aus der idg. ursprache ins germ. übernommen wurde, ist im ahd. schon vorlitterarisch durch die einwirkung des a-umlautes stark vermindert worden. u blieb erhalten, wenn darauf nasal und consonanz oder i (j) folgte; durch a, e, o der folgenden silbe wurde u zu o (s. d.). vgl. gebunden, gesungen gegen geboten, geholfen, genommen; für (ahd. furi) gegen vor (ahd. fora); joch gegen lat. iugum. da dieser wechsel u—o, durch den suffixvocal bedingt, flexion und wortbildung durchzieht, sind unter dem zwange des etymologischen zusammenhanges im laufe der zeit, als der a-umlaut seine lebendige wirksamkeit verloren hatte, vielfach ausgleichungen eingetreten, die häufig eine weitere einbusze an stammsilben-u bewirkten, seltener eine vermehrung. vgl. DWB gold, DWB golden gegen ahd. golt, guldîn; holz, hölzern gegen ahd. holz, hulzîn; wort, antwort gegen ahd. wort, antwurti; mord, morden gegen ahd. mort, murden. u für lautgesetzliches o dagegen hat furcht (ahd. forahta) oder im praet. mit umlaut 'fürchtete' (ahd. forhte). auch sonst sind nicht selten u zu o geworden, so dem md. dialectgebrauch folgend vor nasal, z. b. sohn, sonder, fromm (mhd. sun, sunder, frumb).
2) einen reichen zuwachs erhielt nhd. u durch die monophthongierung von mhd. uo, das nhd. meist vor mehrfacher consonanz vorliegt, z. b. husten, mutter, stute, wucher, wust. vereinzelt geht u auf etymologisches i zurück, z. b. in flunkern, auf o in kummet.
3) da die organische länge ū spätmittelhochdeutsch in den meisten dialecten zu au diphthongiert wurde, sind alle schriftsprachlichen nhd. ū jung, wofern es sich nicht um entlehnung aus dem nordischen handelt wie im worte 'rune' (s. d.). die ū der nhd. schriftsprache gehen entweder auf mhd. ŭ zurück, das in offener silbe gedehnt wurde, z. b. in flug, jude, jugend, kugel, stube, truhe, tugend, meist jedoch auf monophthongierte mhd. uo, z. b. in blume, blut, buch, busze, gut, pflug, ruder u. s. w.
B. die dialecte. der doppelursprung des schriftsprachlichen u und die umlautschwankungen bedingen in den dialecten ein ziemlich buntes bild.
1) schriftsprachl. neuhochdeutsches u < mhd. u.
in den obd. mundarten entspricht es im allgemeinen einem u. es scheint durchwegs offene aussprache vorzuherrschen. directer übergang zum o findet sich landschaftlich z. b. im nö. und mittl. Elsasz und in der Oberpfalz vor bestimmten consonanten.

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in md. mundarten ist die vertretung von schriftsprachl. u durch o häufiger, besonders in schlesischen und sächsischen mundarten. vielfach tritt o auch auf md. gebiete nur vor r + cons. ein (vgl. z. b. Meisinger Rappenauer ma. in zs. f. hd. maa. 2 und Hertel die Pfersdorfer ma. ebd. bd. 3);
auf nd. gebiet herrscht o vor, und zwar vielfach lang ō (vgl. Herm. Jellinghaus zur eintheilung der nd. maa. 1884). der o-laut charakterisiert besonders das ripuarische und niederfränkische (, ŏu), in den sächsischen Niederlanden findet sich neben ô, auch der diphthong ue, ein laut, der ein charakteristicum des westfälischen ist (ua, uo). manche mundarten sprechen o für u nur vor gewissen consonanten, z. b. das neumärkische vor r (vgl. zs. f. hd. maa. 1907), Mülheim a. d. Ruhr in einigen wörtern vor l, p, t (vgl. E. Maurmann gramm. d. ma. v. Mülheim a. d. Ruhr, Leipzig 1898).
2) schriftsprachl. nhd. u < mhd. uo (germ. ô).
im obd. gebiet herrscht durchwegs ein diphthongischer laut, im bayr.-österr.oder ui, im oberpfälzischen, wozu sich auch Nürnberg stellt, ou, im elsässischen und schwäbischen üa, üe neben ua, ue (schwäbisch gewöhnlich nasaliert gesprochen). die verkürzung des diphthongs in gewissen wörtern ergiebt meistens u, selten o (vgl. H. Stickelberger lautlehre der lebenden ma. der stadt Schaffhausen). zur genauen abgrenzung des diphthonggebietes vgl. Wrede berichte über G. Wenkers sprachatlas, anz. f. d. alt. 19 u. 20.
md. ist der monophthong vorherrschend, ū (verkürzt ŭ) und ō (verkürzt ŏ), doch dringt die obd. diphthongierung vielfach über die von Wrede beschriebene grenzlinie. auch sonst trifft man auf md. boden diphthongische laute, z. b. im rhfrk. Naunheim, in der Wetterau ou (vgl. J. Leidolf die Naunheimer mundart 1891), westlich von Meiszen ui, bei Glogau iu. auch ǖ findet sich.
im nd. überwiegt wieder der diphthongische laut (ao oder au, bzw. ou) den monophthongund ō). selten ist ǖ (an der untersten Ems und in Ostfriesland, am Niederrhein) und eo (in einem theile der sächsischen Niederlande und Westfalens) vertreter von nhd. u. uo findet sich im grenzgebiete gegen das md. bei Wittenberg (vgl. Jellinghaus zur eintheilung der nd. maa.).
C. die schreibung. für den vocal u sind bis ins 17. jahrhundert zwei zeichen verwendet worden: u und v. beide zeichen erwuchsen aus dem lat. v, stellen also blosz eine graphische variante dar (vgl. th. 12, sp. 1). da aber durch lat. v (bzw. u) nicht blosz der vocal u sondern auch der labiodentale spirant f bezeichnet wurde, in althochdeutscher zeit durch die doppelsetzung von uu oder vv auch noch der bilabiale spirant w, so entstand mehrdeutigkeit und unklarheit. die verwendung von u für den spiranten (z. b. ahd. uaran 'fahren', fraual 'frevel', ainualt) wird wohl im laufe der ahd. und mhd. zeit etwas eingeschränkt, aber nicht aufgegeben; noch im 16. jahrhundert wird nicht nur intervocalisch der spirant f facultativ durch u bezeichnet (z. b. brieue 'brief'), auch im gedeckten anlaut findet sich u für den spiranten. erst im 17. jahrhundert bleibt das zeichen u ausschlieszlich dem vocal vorbehalten.

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länger noch erhält sich die doppelheit von u und v zur bezeichnung des vocals. im anlaut setzt sich vom ausgang des mittelalters an das zeichen v für den vocal allgemein fest, z. b. bei Hans Sachs, Luther, Fischart. im 17. jahrhundert beharrt auch Opitz noch bei diesem brauch. die theoretiker des 16. jahrhunderts bestätigen diese doppelschreibung, theils ohne den gebrauch zu regeln, theils aber geben sie auch directiven, wann u bzw. v zu setzen sei, z. b. J. Claius (1578): etiam u duplici charaktere signatur, aperto et clauso, quorum hoc in principiis dictionum ..., illud vero tantum in fine et medio, numquam in principio usurpatur, ut: ... vnser ... wunderbar ... nu, du (ältere deutsche gramm. in neudrucken 2, 12 f.). erst Schottel tritt energisch gegen die v-schreibung ein, so dasz sich ende des 17. und im 18. jahrhundert das einheitliche zeichen u für den vocal allmählich festsetzt. der strich über dem u in der currentschrift soll das zeichen von n unterscheiden und hat seine vorläufer in den diakritischen zeichen, die schon seit dem 10. jahrhundert zuweilen über dem u, besonders in nachbarschaft von nasalen in einzelnen handschriften sich finden. Göthe spottet:

wie auf dem u fortan der theure schnörkel zu sparen,
auf die antwort sind funfzig dukaten gesetzt xenien (schriften der Götheges. 8) 420.


II. der umlaut ü wird mit der zungenstellung des geschlossenen e und der lippenrundung des u gesprochen: das ü lautet mit zsamen gezognern vnd engern leftzen dann das gemein lateinisch u, darumb auch diser laut bei den Hebreern heiszt kibutz von zsamen legen der leftzen ... etlich nennens das franckreichisch ü Ickelsamer Avija.
A. ü entsprichtsofern es nicht auf mhd. ü zurückgeht in den kurz gebliebenen stammsilben von brücke, büchse, bürger, dünn, dürfen, rücken u. s. w.dem alten diphthongen üe, dem umlaut von uo, so in den erst nhd. gekürzten stammsilben, z. b. brüllen, müssen, nüchtern, pfründe. unorganisch an stelle eines i ist ü getreten in flüstern, würde (dignitas).
die länge ǖ geht fast nie auf mhd. iu (< germ. eu bzw. umlaut von ū) zurück, das nhd. zu eu diphthongiert ist (wörter in nd. form wie hüne ausgenommen), sondern auf die kürze ü, die spätmittelhochdeutsch in offener silbe gelängt wurde, z. b. in bühel, bühne, flügel, grübeln, lüge, mühle, prügel, rüde (canis), türe, über, zügel, oder auf den mhd. diphthong üe, den umlaut von mhd. uo wie in fügen, fühlen, glühen, kühl, kühn, mühe, prüfen, rübe u. s. w. unorganisch in düster, süden.
B. die dialecte. zwischen dem umlautgebrauch in der schriftsprache und in den dialecten finden sich weitgehende schwankungen und unterschiede. im allgemeinen zeigen die nd. dialecte gröszere vorliebe für den umlaut von u als die oberdeutschen. es läszt sich daher im norden ein plus von umlautformen auf seite der mundarten, im obd. aber auf seite der schriftsprache nachweisen.
1) schriftsprachl. nhd. ü < mhd. ü.
im oberdeutschen entspricht ihm ; jedoch ist auf dem gröszten theil des gebietes ü zu i entrundet. nur in alem. maa. findet sich gerundetes ü häufiger, vgl. H. Haldimann vokalismus der ma. von Goldbach (hier kommt neben ü auch ö vor) und Stickelberger lautlehre der leb. ma. der stadt Schaffhausen. im obd. sind namentlich folgende consonantengruppen dem umlaut hinderlich: l-, r-, m-, n-verbindungen, k, ck, pf, ts. in wörtern mit diesen consonanten entspricht daher häufig dem schriftsprachlichen ü ein u.
md. herrscht ebenfalls entrundetes , nur das ostfrk. ist durch ü charakterisiert. vor r + cons. und vereinzelt auch vor anderen lauten öffnet sich i häufig zu e, im ostfrk. das nicht entrundete ü zu ö (vgl. Leidolf Naunheimer ma., wo e oft und nicht blosz vor r eintritt; H. Schmidt lautlehre der rhfrk. ma. von Verbász in Südungarn; Hertel Pfersdorfer ma.; Meisinger Rappenauer ma.).
im nd. ist die rundung weitaus vorherrschend. entrundung des ü zu i kommt vor bei Stralsund und in den grenzmarkungen gegen das md. in der Neumark. die entsprechung für schriftsprachliches ü ist häufiger ö als ü. am Niederrhein und in den sächs. Niederlanden trifft man

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auf diphthongisches üe, üö, den laut, derentsprechend dem ua, uo für schriftsprachliches u — dem westfälischen eigen ist. auch hier öffnet sich das in einer speciellen ma. sonst gebräuchliche ü vor bestimmten consonanten zu ö (vgl. E. Maurmann ma. von Mülheim; Jellinghaus westfäl. gramm.).
2) schriftsprachl. nhd. ü < mhd. üe (umlaut zu uo< germ. ô).
auf obd. gebiet herrscht entsprechend dem unumgelauteten diphthong durchwegs diphthong, und zwar als umlaut zuund ui — üə, häufiger nur auf alem. gebiet, sonst entrundet zu iə, als umlaut zu ou (im nordgauischen) — öi (ei, äi).
im md. herrscht der monophthong, also im ostfrk.  (umlaut zu u), in den übrigen maa. meist entrundet i. wo dem schriftdeutschen u in den maa. o entspricht, ist der umlaut ö (entrundet e). auch hier dringt entsprechend demfür u (mhd. uo) der diphthong üə (iə) vom obd. aus über die grenze ins md. gebiet. und zu dem naunheimischen und wetterauischen ou gesellt sich der umlaut oi (æi).
im nd. ist der (überwiegende) diphthongische umlaut zu ao (au) — aü (aö, öi, oi, ai, ae), der monophthongische umlaut zu u und o — ü bzw. oe, ȫ. umlaut für eo in Ravensberg ist oe. entrundung findet sich z. b. des oe zu ee bei Königsberg und in den grenzgebieten gegen das md., in welch letzteren der hier vorkommende diphthong üo zuentrundet erscheint.
C. die schreibung. der graphische ausdruck des umlauts ist sehr mannigfach. schon im spätalthochdeutschen finden sich spuren einer umlautsbezeichnung durch ui, iu, y, i. noch mannigfacher sind die versuche, umgelautetes u (uo) in der schrift wiederzugeben im mhd.: , , , , iv, vi, y, i (bzw. ue, e, e u. a.). vielfach bleibt der umlaut überhaupt unbezeichnet, das gleiche gilt für das ältere nhd., wobei das unterlassen der umlautsbezeichnung im md. häufiger ist als im obd. schlieszlich einigt sich der gebrauch auf ü (u cum duobus punctis medium inter u et i sonans L. Albertus [1573] B 5b, ältere deutsche gramm. etc. 3, 35); daneben findet sich allerdings , ue, ui bis ins 19. jahrhundert, für die majuskel Ue, Ui noch länger.
III. 'ein x für ein u machen, vormachen, schreiben': die deutung ist in dem zahlenwerthe, den die beiden buchstaben als römische zahlenbuchstaben haben, zu suchen, also '10 statt 5 rechnen', das doppelte bei der zeche anschreiben, übervortheilen, täuschen (vgl. Wagner germ. 13, 270). abzulehnen ist Höfers versuch (germ. 14, 215; vgl. auch Schönbach Wien. S. B. 142, VII, 105 f.), sie aus der ahd. geheimschrift zu erklären, in der an stelle der vocale die nachfolgenden consonanten treten, also auch x für u.
A.

in myner rechnung hog verloghen
myn fromen herren duck betroghen,
fur eyn v duck eyn x geschryben
Johann von Soest gemein bicht 837 (germ. 33, 147);

der wierte war ein gschwinder man,
die kreid in seine hand bald nam,
dieselb, wie es dann pflegt zu gen,
für einen strich recht kreidet zwen,
er macht ein x wol für ein v anhang gereimter lügenmärchen zum lalenbuch (1597);

wenn der wirt schreibt ein x vor ein v
so kompt er seiner rechnung zu
Lehmann florilegium politicum (Lübeck 1639) 936.


B. täuschen, hintergehen: der wirth ... sprach bald: ich wäre ein armer wirth, wenn ich nicht wüste ein x für ein v zu machen, wasser für wein, und hefen für bier zu verkauffen J. W. Christstein weltmann (1675) 71; ein mann ... der sich kein x für ein u machen läszt Heinr. Beck die quälgeister (1806) 93, IV 5; gott sei dank, dasz wir imstande sind, endlich unsere buben zu bürgern zu erziehen, denen man kein x mehr für ein u vormachen kann G. Keller 6, 279; warum soll man a leuten kee x fer a u machen? G. Hauptmann Rose Bernd (1904) 24.

nein, Michel ist munter und wird hinfort wachen
und läszt sich kein x für ein u hinfort machen
Hoffmann von Fallersleben 4, 286.


C. 'mit jemandem nach belieben umspringen können': gebt mir einen mann, je dümmer je besser, mit dem ich schalten und walten kann nach belieben, der mir

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nie mit einem aber beschwerlich fällt, der, wenn ich zu ihm sage: diesz u ist ein x, mir ganz demüthig sein x nachlallt Kotzebue 7, 171.
D. variiert: er merckt, das die gut alt fraw ein x für ein v verstunde, gedacht: das würt dir ein ebne sach sein Frey gartenges. 76, 1 Bolte; es ward ein zeichen ... gegeben, dasz jedes sich in die kapelle, oder damit man nicht x für u nähme, in die taubenkammer einfinden sollte (die frühere kapelle war nämlich später zur taubenkammer geworden) Th. G. v. Hippel kreuz- und querzüge (1793) 1, 141 f.; weisz ich doch von früher her, wie du gerne flausen machst und dem guten ehrlichen Berner gerne ein x für ein u unterschiebst W. Hauff 3, 9, 13.
mit umkehrung der wortfolge: der auch ein v für ein x schreiben kondte Mathesius Sarepta 153a.
IV. interjection der freude, aber öfter interjection des schmerzes. Martin-Lienhart 1, 3; Seiler Basler ma. 288;

(man hört von ferne heulen:)
u! u! au! au! weh! weh! ai! ai!
Göthe 16, 79 Weim. (Satyros).


interjection der verwunderung: Lexer kärnt. wb. 245, des abscheus: u! ăn àbscheulis krückel, viel wilder als dă wauwau A. Hartmann volksschauspiele, in Bayern und Österr.-Ungarn ges. (1880) 33, 130.
 
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uah, interj.
1) des schmerzes, ua, auch uawele Martin-Lienhart 1, 3;

uah! uah! mein gold!
Klinger theater 3, 218.


2) der ermüdung (gähnlaut): uf — u - ah! machte er, indem er aufstand und sich schüttelte, wie ein hund, der aus dem wasser kommt Edm. Höfer aus der weiten welt 1 (1867) 67.
 
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ub ub ubub, warnungsruf auf der schlittbahn (Thun) Staub-Tobler 1, 55.
 
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übe, f. , mhd. üebe, ahd. uoba. nominalableitung zu üben (s. d.). ahd. und mhd. ist der masc. a-stamm uop häufiger als der fem. ô-stamm, im ganzen bleiben die belege spärlich. gegenüber dem verbalabstractum übung konnte sich übe nicht behaupten und verkümmerte.
1) die mit der alten bedeutung von üben colere (vgl. ahd. uobo, colonus) zusammenhängende verwendung für 'landbesitz' weist mhd. wb. 3, 191b für den masc.-stamm aus Hartmanns rede vom glauben 2406 nach.
2) ubertas Scherzii glossarium 1694b; vgl. auch Frisch teutsch-lat. wb. (1741) 2, 397b: 'es scheint dieses alte wort vom lat. uber, ubertas bey den stifftungen gebräuchlich gewesen zu seyn'; hier auch die ff. belege:

to Quedelenborch eyn samenunge
de selve forste dachte stichten
de he wolde berichten
mit richeit an groter ube,
he wolde n gheven wol dusent hube chron. rhythm. III script. Brunsw. 19;

also mek de scrifft begann do sagen
wo dar bi alden dagen
were ein provest Aderolt
de deme stichte ricke solt
gaf mit so groter ube,
he gaf im wol hundert huve ebd. 53.


3) gebrauch, thätigkeit, ausübung: dat he alle be (übung im reden) forlos A Warmund dat sassische dönekenbôk;

und sî niemen trîbet
mit endelicher üebe
Reinfrid von Braunschweig 10703 Bartsch;

man hat an im (Parzifal) erfunden
daz sich der karfvnkel niht vervellen
kan swie tunkel si di naht mit trbe
vnd ist er vnbekennet, sin edelkeit die machet wol be jüng. Tit. 5638 Hahn;

zart schone fraw, gedenck vnd schaw,
wie mich deyn lieb mit steter yeb
hertzlichen seer tht krencken flieg. blatt. drey hübsche lieder, gedr. zu Nürnberg durch Kunegund Hergotin;

der mer frosch macht das wasser trüb
und fecht die visch in solcher üb
Hans Sachs 7, 458, 38 Keller;

wer gotts wort hat in stetter üb
denselbigen hat gott auch lieb ders. 19, 17. 30 Keller-Götze;

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in solcher masz on abelasz
magst du mich ye ergetzen
mit rechter lieb in steter yeb
durch freud ausz trauren setzen
Forster frische teutsche liedlein 28 neudr.;

mit steter lieb des hab ich ub Ambr. liederb. 34, 5;

wo lieb bey lieb
in Venus üb
beiligen ohne sorgen ebd. 47, 3;

erhalt nur in schöner übe
unsrer eintracht bruderliebe
P. Drechsler W. Scherffer 266.


 
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übede, f., dasselbe wie übe: bida cultus Diefenbach nov. gloss. 123b vgl. Schmeller I 19; md. ûbede Lexer mhd. handwb. 2, 1686.
 
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übekampf, m.:

... Roms
jüngling seh' ich, um den stäubte des übekampfs marsfeld
Platen 1, 210.


 
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übel, adj. u. adv. , malus, mhd. ubel, ahd. ubil, goth. ubils, as. uil, ags. yfel, mnl. övel, ndl. euvel, belg. ovel, engl. evil. von unsicherer etymologie, nur in den germ. sprachen belegt; Graff 1, 92; Leo Meyer die goth. sprache 556 und Kluge etym. wb.6 402 stellen es, gestützt auf ahd. uppi 'maleficus' (Graff 1, 88), das den stamm ubja zeigt, als l-ableitung (vgl. mhd. michel, lützel, dürkel) zur wurzel *ub, die in der präp. über (s. d.) vorliegt. darnach wäre die grundbedeutung von übel 'das über das maasz, die norm hinausgehende'. an. illr steht mit übel etymologisch nicht im zusammenhang.
bedeutung und gebrauch: der gebrauchsumfang, insbesondere von übel 6 (s. u.), war im ahd., mhd. und frühneuhd. gröszer als heute, da schlecht (s. d.) und schlimm (s. d.) erst spät sich zu synonymen wörtern entwickelten und auch DWB arg und DWB böse gegenüber übel relativ seltener verwendet wurden. so kennt Is. (Hench 31, 22) wohl übel (= nefarius), aber weder arc noch bôsi, ebenso gebraucht auch Tatian nie arc oder bôsi, aber sehr häufig ubil, das die regelmäszige vertretung von lat. malus ist, einmal übersetzt ubil lat. nequam. Otfried gebraucht wohl arg neben ubili als gegensatz von guat, doch überwiegt ubili weit, bôsi als adj. ist auch bei ihm nicht zu belegen. die bedeutung beschränkt sich in althochdeutscher zeit, dem inhalt der texte entsprechend, fast durchaus auf das moralisch sittliche; z. b.: ther ubilo scalc Tatian 147, 12. 149, 7. im gegensatz zu gitriuui scalc (fidelis servus); ebenso altniederdeutsch vgl. Gallée 350. auch im mhd. ist diese bedeutung die geläufigste, daher hier das adj. übel häufiger zu concreten substantiven als attribut tritt, während nhd. die attributive verbindung mit concreta selten ist gegenüber der mit abstracta. in den dialecten und in der verkehrssprache geht der adjectivische gebrauch überhaupt zurück, vgl. Crecelius oberhess. wb. 830.
die abgrenzung gegen schlimm, böse, arg, schlecht u. a. ist mehrfach, aber stets willkürlich und mit subjectivem sprachgefühl versucht worden. Frisch (1741) deutsch-lat. wb. empfiehlt den gebrauch von übel blosz 'in einer gelinden bedeutung, die eine auslegung zuläszt, als: ein übler ist nicht so hart geredet, als ein böser mensch, ein übler geruch ist nicht so viel als gestanck, ein übler nachbar minus commodus vicinus'; Heynatz versuch eines syn. wb. 231b stellt es als begrifflich nächst verwandt zu schlimm, 'doch könnte man es allein auf das, was physisch nicht gut ist, einschränken, die heuschrecken, die ratzen und mäuse sind üble thiere ... eine böse handlung ist eine solche, die von einem bösen herzen zeugt, eine üble handlung, die einen üblen ausgang oder üble folgen hat'. ebenso merkt Teller beurtheilung (1795) 2, 224 für Luthers sprachgebrauch an: 'übel ist das böse, insofern es schaden und nachtheil bringt'. Eberhard (1820) 11, 133 ff. versteht unter übel 'das böse, sofern es empfunden wird'. alle diese versuche einer begrifflichen abgrenzung sind gewaltsam. die scheidung von den synonymen geschah zu keiner zeit scharf und reinlich, und wo sich ansätze zeigen, fuszen sie nicht in einer begrifflichen, sondern phraseologischen differencierung.
1) krank. schon goth.: ni þaurbun svinþai lekeis ak þai ubilaba habandans Mc. 2, 17, allerdings hier wörtlich

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das griech. κακῶς ἔχοντες übersetzend; vgl. Höfler deutsches krankheitsnamenb. (1899) 759a; ein wenig bel, un poco indisposto Kramer (1678) 1065b.
a) attributiv: ubele zäne, dentes stupidi, vacillantes, aerosi, cavi, marcidi Stieler (1691) 1375; er hat üble oder schädliche augen, he has infective, malignant or hurtfull eyes Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1777; üble verdauung apepsia Nemnich lex. nosologicum (1801) 17b; ich setze ... meinen kopff zum pfande, dasz ihr ... wesen ... von einer übeln disposition des geblüts herrühret Schnabel insel felsenbg. 1, 4 es ist eine wirksame arzenei, welche die guten säfte zugleich mit den üblen angreift Göthe 24, 84, 9 Weim.
b) prädicativ: 'übel sein, werden', to be evil, ill Ludwig teutsch-engl. wb. a. a. o.; Hölty ist auf dem lande bey seiner mutter und soll sehr übel seyn, ich fürchte es ist aus Boie an Bürger 1, 313 Strodtmann; gestern hatte ich rhabarber eingenommen. in der that war ich sehr übel G. C. Lichtenberg briefe 1, 23; ich werde übel, wenn ich mein hiesiges geschmier ansehe briefe an Merck (1835) 326; heute durch den adverbiellen gebrauch verdrängt.
c) adverbiell: einem übel seyn, quaalyk zyn Kramer hochniederd. wb. (1719) 217b. über das ganze deutsche gebiet verbreitet: es ist, wird mir übel = ich habe die neigung zum erbrechen Crecelius 2, 830; mi iss so ääwl, ich musz mich erbrechen Danneil 8b, vgl. auch Hunziker Aargauer wb. 268; auch ohnmächtig werden, vgl. Staub-Tobler 1, 55 und Schöpf tirol. idiot. 779; gegensatz: wohl: und sei dir allein wol: so jr übel ist? Boltz Terenz deutsch (1539) 85b (adelphi I 1, v. 34); ... wie du aber ungeduldig auffuhrst und schwurst, dir sei übel und weh, E. Th. A. Hoffmann 5, 6, 100; 'er ist schon um vier mit den kühen heimgekommen, weil ihm so übel war' A. v. Droste-Hülshoff 2, 286 (die judenbuche); 'wann dir nit übel is, wärst heim geblieben', murrte der alte Anzengruber 3, 326.
mit acc.:

bey menschen mich viel übler was
Rollenhagen froschm. b. 1, th. 1, c. 6 Eija;

übel werden: es wurde ihr ein wenig bel, ella alterossi un poco Kramer (1678) a. a. o.; hauptsächlich von der empfindung des magens, dann überhaupt von dem gefühle des überdrusses und ekels Spiess 261; er hatte ... ein solch wild wessen, dasz ... mir selbst gantz übel davon ward Grimmelshausen 2, 366, 4 Keller (vogelnest); (wir) musten frischen lufft suchen, dann dem Thurnmeyr wolte übel werden Moscherosch ges. 2, 224; alle teufel! was hat er? wird ihm übel? Schiller 2, 116 (räuber III 2); übel zu pasz seyn, male habere Garthius 442a; übel zu fusz seyn, to be a bad walker, a poor pedestrian Hilpert 633a; in zwischen liesz er ... das heergerthe, samt denen krancken, und welche am belsten zu fusse waren, zurcke ... gehen Lohenstein Arminius 1, 56b. heute allgemein.
auf psychische schmerzzustände übertragen: übel zu muthe sein, werden; frühneuhochdeutsch auch persönlich: (er war) traurig und übel ze mte (dolente e tristo) Arigo decam. 160, 34 Keller; meist unpers.: ein mensch, dem leid und ubel zu mute ist, der hat auswendig elend geberde Luther 18, 494, 9 Weim.; mir war so übel zu muthe ... H. Steffens was ich erlebte 3, 100;

gar vbel war dem weib zu mt.
ir gspilen rufft sie trewlich an
Casp. Scheit frölich heimfahrt B IIb;

variiert: dem armen Crispan wurde je lnger je bler um das hertz Zendorius a Zendoriis teutsche winternächte (1682) 659.
übel gehen, sich übel befinden, sentirsi, trovarsi male Kramer (1678) a. a. o.; ... zu einer kranken person ..., die ... sich so übel befand, ... Pfeffel pros. vers. 5, 29; sehr ungern hört ich, dasz sie sich einige zeit übel befanden; möge das frühjahr uns allen gedeihlich werden Göthe IV 34, 146, 15 Weim.; auch adjectivisch: ich kam nach Carlsbad in dem übelsten befinden Göthe IV 19, 376, 3 Weim.; übertragen auf die allgemeine lebenslage, insbesondere wirthschaftliche verhältnisse

[Bd. 23, Sp. 8]


wie: vivo aflictè, es gehet mir übel, ich leb kümmerlich Er. Alberus nov. dict. gen. (1540) 32a oder übel gehen, bösen fortgang haben, unglücklichen ausgang haben Emmelius M. 4b s. u.
verengt: es ist ihr übel gegangen = sie hatte einen regelwidrigen entbindungsverlauf s. o. th. 5, sp. 709.
'mir macht etwas übel, mir bekommt etwas übel': das es dem viech nicht bel bekompt Sebiz feldbau (Straszburg 1579) 17; worauff dieser sich wohl befindet, das bekommt jenem bel Butschky Pathmos (1677) 9; er (der wirth) bereitete mir ... ein höchst wohlschmeckendes gastmahl, das mir aber sehr übel bekam Göthe 33, 47, 8; wenn er diese seltsamen detailgeschäfte betrachtete, deren eines ... feilhielt, während ein anderes mit übelmachenden bergen verzuckerter früchte und klebriger bonbons lockte R. Presber die bunte kuh 104.
häufig verallgemeinert:

hie des flohs klag zm Jupiter
der seim sommergsellen der mucken
klagt wie man jn gar wl vertrucken,
wie übel jhm bekommen thut
das weiberfleisch und iungfrawblt
Fischart der flöhhatz 69, v. 146 neudr.;

dieser handel bekam den studenten etwas bel Happel acad. roman (1690) 379; allen bekommt dies schweigen, die ganze Iliade hindurch, sehr unwohl; ihren völkern aber noch übler Herder 17, 165; (Peter:) gelt! das war ein gutes stück arbeit? (knecht:) so ziemlich, gnädiger herr, aber es wäre euch fast übel bekommen Tieck schriften 5, 25 (Phantasus, Blaubart).
belangend die ensetzung, kam dieselbe daher, das ich ... diese ... beysorge schöpffete, als möchten sich E(uer) G(naden) ... was übel fühlen Ringwalt christliche warnung A IIIa; sik ovele hebben, krank sein mnd. wb. (1880) 259b; übel auszsehen, pallere, sine colore esse Dentzler clavis ling. lat. (1716) 293b; bist du im ernste krank mein sohn? du siehst doch so übel nicht aus J. F. v. Cronegk schriften 1, 92; so eben schreibt mir die Toni ... du sehest übel aus B. v. Arnim Cl. Brentanos frühlingskranz 169.
bel hren, udir gravemente, difficilmente v. harthörig Kramer (1678) 1065a; du hörst übel, ich musz dich einmal zum bader füren Tappius (1545) 28a; damit jhr aber desto fglicher zur handelung kommen mget solt jhr wissen, das mein meister sehr vbel hret B. Krüger Clawerts werckl. hist. 7 neudr.; diese leute müssen übel hören, sprach ich, weil jhnen der engel so hart zuschreyet Moscherosch ges. (1650) 1, 205; (Fuchsmundi als wahrsager): die tauben werden übel hören, und die stummen gar nicht reden Stranitzky ollapatrida 127, 35 Wien. neudr.; übel sehen, caecurire Stieler (1691) 1375.
2) physische beschwerden verursachend, besonders von geruch und geschmacksempfindungen.
a) attributiv: en'n ôweln geruch hem Schambach 148b; ein übeler (widriger etc.) geschmack, een quaaden smaak, een quaaden, viezen, vuilen reuk Kramer hochniederd. wb. (1719) 217a ; ein übler gestanck a deadly stink, ein übler geschmack oder geruch, an ill or strong taste or smell Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) a. a. o.; das geht mit groszen dmpffen vnnd belm geruch von jnen Sebiz feldbau (1579) 17; (es war) der mir entwischte ble geruch ... nur ein schertz dargegen zu rechnen Simpl. 87 Kögel; die reichen des mittelalters, welche mit wohlriechenden kostbaren specereien die üble ausdünstung ihrer haut und kleider, ... zu ersticken wuszten J. Liebig chemische briefe (1844) 101; wer sich gegen die üblen gerüche wehren will, zieht den kürzeren v. Holtei erzähl. schr. 3, 185; was süsze schmeckt, hat einen üblen nachgeschmack G. Th. v. Hippel lebensläufe 1, 342; nye kein schlaffe im in sein augen komen mochte; das villeicht von dem herten pette oder übeln essen bekomen möcht Arigo decam. 203, 33 Keller; ein wasser oder wenig üblen wein kosten B. Schupp schriften 699. die metaphorische verwendung in der redensart 'einen üblen geschmack z. b. in der kleidung, wahl der lectüre u. dgl. zeigen' s. u.; die kinder singen einen üblen trippel Abr. a S. Clara etwas für alle (1711) 2, 9; selbst Rammler, der behutsamste dichter in der sprache singt

[Bd. 23, Sp. 9]


von der sonne, dasz sie rings um sich glückselige welten an goldenen seilen umherlenkt, wo ketten gewisz ein übles geklirr machen würden Herder 5, 395.
b) prädicativ: dieser wein ist nicht übel, this wine has a good garb Ludwig (1765) a. a. o.; aha! einen kapaun, und mit trüffeln gefüllt — nicht übel! hier haben sie, herr pastor! Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 59.
c) adverbiell: das gewchs stincket vast vbel Bock kreutterbuch 145; das brot so von altem korn, das übel schmecket und ersticket ist, gebacken wird, ist hartdäuig Tabernaem. (1581) 591; die juden bruchen das cristen blut fur den geschmacke, als sie übel stincken Endinger judenspiel 97 neudr.; das musz ja fürchterlich schmecken! meinst du nicht auch, Katinka? gar nicht übel, erwiederte diese v. Holtei erzähl. schriften 3, 183.

damit ich sagen kann, was gut und übel schmecket,
folgt es, dasz ich ein koch sein musz?
Lichtwer äsopische fabeln (1748) 111.


metaphorisch: ir vnwarheit stinckt so vbel Eberlin v. Günzburg 1, 85 neudr.; hunger vnd harren stinckt vbel in die nase Tappius (1545) 92b; vbel kyden, misztönen discrepare, dissonare Maaler (1561) 441; denn solches meistes theils ubel klinget, und den vers hart ... macht Aug. Buchner anleit. z. dtsch. poeterei 70; der esel singt darum so übel, weil er so hoch anhebt A. Schellhorn sprichwörter (1797) 16;

was thoren übel lautet, ist harmonie und klang
Dusch verm. werke (1754) 67.


3) unbequem, lästig, beschwerlich, unlusterfüllt, disagreeable, inconvenient, uncomfortable, troublesome Hilpert (1845) 633a, woraus sich verallgemeinernd die bedeutung 'unglücklich, unheilvoll' entwickelt. der weite kreis der gebrauchsmöglichkeiten kann hier nicht erschöpft werden; im folgenden nur die geläufigeren verbindungen:
a) attributiv:

den wolf begie ein übel vart Reinhart Fuchs 355;

we mir daʒ ich ie wart,
ich han gevarn eine ubel vart,
sit ich uberwunden bin
Mone schausp. d. mittelalters 1, 79, 147;

sî sprach 'ich wæne ir swæren tac
und übele zît hinne tragt' (gegensatz: senfte zît 1749)
Hartmann v. Aue Iwein 1741;

derselb wirt eynem(!) üblen tag sehen an dem iungsten tag der nit het das lyden christi ... z eynem fürsprechen der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 113a; weilen aber ... desz menschen will und ziel nicht selten im ausgang stolpern, also hat auch die üble zeit manchem reichen einen riegl geschossen Abr. a S. Clara mercks Wien (1680) 72; aber hiervor (für die kleinodien) bietet ihr mir nur die hälfte, was ich fordere, sie kosten mich schier mehr, ich bitt, begehret meine übele zeit nicht schausp. engl. komödianten 100 Tittman; die beiden ersten tage wollte es nicht recht gehen, da ich aber die art schon weisz, wie es mir bey solchen veränderungen zu muthe ist, so wartete ich die üble zeit mit ruhiger beschäftigung ab und bin jetzt schon um vieles weiter Göthe IV 13, 103 Weim.; da ich so manchen guten und fröhlichen tag in unsernn geschäften mit ihnen zugebracht habe; so hätte ich auch von herzen gern die übeln und sauren stunden getheilt, welche sie zuletzt in Ilmenau haben durcharbeiten müssen IV 8, 274 Weim.;

und wie er gestern erst vom thal
bei argem frost und harter müh
getragen ihn auf üblen wegen
A. v. Droste-Hülshoff 2, 73.


übles wetter: sie (die fehlschüsse) entstehen theils aus der ungeschicklichkeit des büchsenmeisters, theils aus den stücken selbst, theils von der üblen witterung v. Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 64 § 5; das üble wetter dieses sommers hat, fürcht ich, die Ilmenauer messung manchmal gestört Göthe IV 8, 27, Weim. auch metaphorisch für üble laune: bei denen mir alles üble wetter so leicht übergegangen wäre A. v. Arnim 7, 7.
'übles gefühl, üble laune', ganz allgemein: nur ein klein bischen von übler laune lies er blicken Gleim briefwechsel

[Bd. 23, Sp. 10]


1, 203 Körte; dasz Faust alle üble laune vergasz Klinger 3, 97 (Fausts leben); wenn die geister nicht besondere anstalten machen, kann ich ... nicht zeichnen, worüber ich in sehr üblen humor gerathen werde Göthe IV 8, 4 Weim.; sie schafft mich zur thür hinaus, wenn sie übler laune ist Bauernfeld 1, 19; heute, da er sich in seiner übelsten laune befindet v. Ebner-Eschenbach 2, 117.
'üble botschaft' etc.:

Maria mutter reine,
ich kom n alleine
und sagen dir ubel mere
die uns sint al z swere
Mone schausp. des mittelalters 1, 105, 771;

üble botschaft kommt immer zu früh Reinsberg-Düringsfeld 1, 267; ich bin ruhig und sicher, glaube den leuten nicht, die alles vergröszern, vorzüglich üble nachrichten Göthe IV 10, 81 Weim.; meine frau base ... gab meinem vetter ... die freiheit ... die übeln eindrücke wieder auszulöschen Gellert 4, 192; ein ... bienenschwarm, der für eine üble vorbedeutung gehalten wurde M. J. Schmidt gesch. der Deutschen 1, 63; das wird ein übles ende nehmen, that will come to a bad end Hilpert (1845) 633a; 'das walte gott' sprach meine mutter leise und klopfte unter dem tisch, um die üble berufung abzuwenden Storm 4, 304;

laszt ihr (der blumen) welken
nicht von übler deutung seyn
Sal. Geszner werke (1778) 2, 47.


'üble folgen' etc.: es gereicht zu einer üblen consequenz, hoc institutum nil nisi mala post se trahet S. J. Apinus glossar. novum (1728) 152; jeder kennt die übeln folgen der heftigen leidenschaften Gellert 6, 149; ich bin als arzt gewisz, dasz dieser druck keine üblen folgen haben werde Göthe 22, 244, 13 Weim.; eben diese einschränkung unserer zerbrechlichen maschine ... muszte es auch seyn, die alle üblen folgen verbesserte Schiller 1, 175 (versuch über den zusammenhang etc.); am merkwürdigsten war mir, dasz der feldmarschall wiederholt darauf zurückkam, dasz Arnim ... durch seine haltung gegen Thiers dessen sturz mit allen üblen politischen folgen hauptsächlich mit verschuldet habe Bismarck gedanken und erinnerungen 2, 167;

und jeder schritt mir üble früchte trug
A. v. Droste-Hülshoff 2, 111;

bei seiner (Homers) Venus wäre diese (übermenschliche grösze) von noch üblerer wirkung Herder werke 3, 119; dasz solche in unsern augen verfrühte ehen doch in bezug auf kindersegen keine üblen wirkungen wahrnehmen lassen O. Peschel völkerkunde 227.
'üble lage, übler zustand': er ist in einem übeln zustande, he fares very ill Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1777; die übeln umstände des reichs A. v. Haller Usong (1771) 224; so gern Friedrich aber auch der üblen lage Palästinas abgeholfen hätte, beharrte er doch darauf, dasz erst das nöthigere in Italien abgethan seyn müsse Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823 f.) 4, 3.
'in der üblen lage sein', ganz allgemein: die gegenpartei war in der üblen lage, dasz ... Mommsen röm. gesch. 2, 129; wir sind in der üblen lage, dasz wir auf uns schiessen lassen müssen, ohne zu antworten Moltke ges. schriften u. denkw. (1892) 4, 200; weil er in der üblen lage war, mit bloszen legitimistischen sentiments gegen tatsachen fechten zu müssen Fontane I 5, 59.
eine üble sache, res adversa Steinbach (1725) 398; een quaade zaak Kramer hochniederd. wb. (1719) 217a; armut ist eine üble sache F. Pückler briefwechsel u. tageb. (1873 ff.) 2, 115;

nun jeder kann mit seinem gelde schalten
doch hat das geld die üble eigenschaft,
dasz, nimmt man weg davon, wird's weniger
Bauernfeld 3, 16 (Fortunat 1, 3).


b) substantiviert: gravia passus, der viel ubels ausgestanden Garthius 304a; es möchte sonst was übels daraus entstehen Creizenach schausp. engl. comöd. 161, 27; wir mögen ihm gutes oder übels gönnen die vernünft. tadlerinnen 1, 13; man hat mir sonst einen hauffen hergesagt, wie viel übels man im krieg auszustehen habe Stranitzky

[Bd. 23, Sp. 11]


ollapatrida 27, 35 Wien. neudr.; gott gebe, dasz es für euren seligen vater nichts übles zu bedeuten hat Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 28;

kein übels wird dir wiederfahren
Simon Dach 156 Oesterley;

übles kommt zum übeln
durch das starre grübeln
J. H. Vosz sämtl. gedichte (1802) 5, 214.


im superlativ: und die sach zum allervbelsten herausz solt gehen Wickram rollw. 92; hätten wir uns des übelsten zu befürchten genugsame ursach gehabt Schnabel insel Felsenb. 1, 90.
c) prädicativ: 'im geschmacksurtheil ist immer noch eine beziehung auf den verstand enthalten.' übel, wenn sie nicht enthalten wäre Herder 22, 38; am Rheine ist alles in furcht und sorgen, auch meine mutter hat eingepackt und ihre sachen nach Langensalza geschickt. würde es übler, so kann sie zu mir Göthe IV 10, 181; je mehr schlieszlich alles ankam auf die persönlichkeit der leitenden männer, ... desto übler war es, dasz es ... an führern fehlte Th. Mommsen röm. gesch.4 3, 7.
d) adverbiell: vbl essen, uti cibo tenui Schönsleder prompt. (1647) 3b; übel schlafen dormir cattivamente Kramer (1678) a. a. o.; du werest dise nacht übel herbern (albergherai pur male) Arigo decam. 60, 26 Keller; das ansehen des gestrengen gerichts und zorns gottes vertreibt alle lste des fleischs und macht ubel essen, trincken und ligen Luther 18, 511 Weim.; damit sie jhre kinder bereichern mgen, so fressen sie bel, trincken bel Äg. Albertinus hirnschleiffer 44; der auf eines fremden hand hoffet, der frühstücket übel und isset noch übler zu nacht, indem ich in meinem haus ein könig bin Pistorius thesaurus (1715) 59; metaphorisch: nicht waisz ich, ob sie z beth von irem mann ubell gespeiset ward M. Lindener rastbüchlein 14;

(sie) essen übel, sint schlecht gecleit
H. Folz fastn. sp. 1238;

wer dann zum letsten kumpt herz (zum tisch),
der sorg wie er auch sitzen th,
sitzt er dann vbel, iszt auch schlecht,
so gschicht dem kunden eben recht
Scheit grobianus v. 4098 neudr.;

so aber ainer übel felt, gestossen würd ... H. Braunschweig chirurgia (1539) 82a; wie einst die mutter ... unten an der halde übel gefallen, dasz sie liegen blieb, bis es (Vroneli) sie gefunden Reinhart Vroneli (deutsche rundschau XXXVI) 441; so bald ich aber solches ausz der acht gelassen ..., so ist mir allemahl hinderlich gangen, vnd vbel gerahten Moscherosch insomnis cura parentum 94 neudr.; das hätte dir übel gerathen können Göthe 8, 70, 11 Weim. (Götz); es laufft übel ab male cedit Steinbach (1725) 398; experimente ..., sie mögen gut oder übel abgelaufen sein Archenholz England u. Italien (1785) I, 1, 103; er hielt es für vortheilhafter, angegriffen zu werden ..., als anzugreifen, was den seinen vor kurzem bei Bicocca so übel ausgeschlagen Ranke 2, 218; er wrde bel mit ihme seyn ankommen J. Rist das friedewünschende Teutschland (1648) 24; dasz nur Bode nichts davon erfährt, sonst kommen wir übler an als Starke Göthe IV 8, 375 Weim.; des erschraken sie anfangs und meinten, man käme übel an Mörike 3, 97 (maler Nolten);

darumb bleibt nur von hoff fortan,
ihr kompt sonst mchtig vbel an
J. Gilhusius grammatica (1597) 1, 22;

trau ja nicht jedermann
du kmst sonst bel an!
Lassenius 1669;

aber er ist selber mit seiner ruchlosigkeit und unbesonnenheit übel angelauffen J. Prätorius anthropod. plut. (1666) 1, 255; i was der teufel, da bin ich übel angelaufen! Ph. Hafner 1, 139;

wer auf treu' und glauben schauet,
kömt daselbsten (am hofe) übel fort
J. Grob dichter. versuchg. (1678) 35;

ihr könnt auch einmal übel weg kommen, denn es steht keinem an der stirn geschrieben, wesz todes er sterben soll Tieck schriften 5, 30 (Phantasus); (ich) komm' aber gemeiniglich übel bey euch angefahren maler Müller

[Bd. 23, Sp. 12]


1, 286; beyde haben es nicht übel getroffen Göthe IV 27, 4 Weim.; ihr habt es recht übel getroffen, keinen solchen tag hier erlebt zu haben A. v. Droste-Hülshoff briefe 308;

ich sprach z im: 'myn lieber fründt,
meint ir, das ir dest schöner sindt,
darumb das ich ouch übel far
und bin nit spiegel luter clar?'
Th. Murner narrenbeschwörung 181, 26 neudr.;

fürwitz hat dich lernen so übel faren
Forster frische teutsche liedlein 17 neudr;

es giebt männer, die sehr übel fahren würden, wenn sie einen einzigen schritt ohne rath und wissen ihrer weiber thäten Knigge umgang mit menschen 2, 56; darinnen Preussen gar übel abgerissen C. Hennenberger erclerung d. preuss. landtaffel 4.
'übel daran sein': wo ein sölches geschicht, wir übel daran sein Arigo decam. 21, 34 Keller; das ward den rector verdrieszen, die collegaten, doctores vnd magistri waren vbel daran mit der gantzen vniuersitet Eulenspiegel (1515) 42 neudr.; wie übel ist unser eines dran, das nichts zu tauschen hat Lessing 2, 124, 32; das trübe wetter drückt mir heut allen rauch in die stube, dass ich gar übel dran bin Göthe IV 3, 135, 16 Weim.; vielleicht ist derjenige, dem man genie zuschreibt, übler daran als der, der nur gewöhnliche fähigkeiten besitzt Göthe 21, 191, 6 Weim.; ein sogenannter dichter ist am übelsten dran Cl. Brentano ges. schrift. 4, 180 (d. brave Kasperl u. schön. Annerl); auch dialectisch, vgl. z. b. Hunziker 268, Follmann lothr. ma. 261, hier in gleicher bedeutung auch: er isch iwel begobt.
verengt: übel dran seyn bey einem, in nulla esse gratia ... ich bin bey ihm übel dran, alienum a me habet animum Dentzler clavis ling. lat. (1716) 293b.
'übel gehen, ergehen' etc.:

wenn dirs wol geht, so denk daran
dasz dirs kan wider ubel gahn
Hans Sachs 19, 46, 8 Keller-Götze;

(ein jude:) es mocht uns anders ubel gehen,
und losszen mer en (Jesus) das volk vorkeren
mit siner falschen lere Alsfelder passionsspiel 76, 2448;

die geisz scharret, wenn sy wol stat,
hört bald vff, wenns jr übel gadt
H. R. Manuel das weinspiel v. 3995 neudr.;

offt ich warnet, offt ermahnet
sohn es dir wirt vbel gahn
Spee trutznacht. (1649) 271, 44, 6;

ich kann nicht vernemen wie es ir möcht ergangen sein anders dann übel Arigo decam. 112, 4 Keller; wir seynd verlohren, vnd es wird vns vbel ergehen Äg. Albertinus hirnschleiffer 9; aber kommt mir nicht mehr in's haus, sonst soll es euch übel gehen Göthe 43, 221 Weim.; hernach gieng es vbel zu im orientischen reich Joh. Mathesius Sarepta 86b; da es vbel vmb jhr vatterland stnd W. Xylander Polybius 8; (Hamlet:) und es steht in der that so übel um meine gemüthslage, dasz die erde, dieser treffliche bau, mir nur ein kahles vorgebirge scheint Shakespeare 3, 211 (Hamlet II 2).
denn er klagt, wie es ynn seym lande so ubel stehe und zu gehe ... Luther 19, 356 Weim.; wie wol vnser nation gesin ist vnd wie vbel vnsere sachen stond Eberlin v. Günzburg 1, 10 neudr.; summa, es stund vbel in Teutschlanden Stumpf Schwytzerchronik (1606) 81b; selten persönlich:

dann disz ist gar des teuffels art,
der auch auff d' leut so laurt vnd wart,
frewt sich, wanns andern auch so geht,
gleich wie er ewig vbel steht
Fischart nachtrab 7, v. 166 Kurz;

morgens um 6 uhr am 10. august wuszte ich schon, dasz es übel mit dem schlosz aussehen würde Kerner bilderbuch (1849) 67; mit der geselligkeit als trost in Schubarts damaliger lage sah es besonders übel aus D. F. Strausz Schubarts leben in seinen briefen 1, 31.
4) unzweckmäszig, der bestimmung nicht gemäsz.
a) attributiv in verbindung mit concreten: ungeeignet, unzuverlässig, mangelhaft, schadhaft: es ward wohl schon eher eine üble scheide gefunden, darin ein guter degen steckte Reinsberg-Düringsfeld 2, 297; drei dinge treiben

[Bd. 23, Sp. 13]


den mann aus dem hause: ein rauch, ein übel dach und ein böses weib ebd. 1, 303; den der abte vmb seiner übel gerüstung in dem ersten ansechen nicht erkant Arigo decam. 46, 6 Keller; in deutscher sprache wird er also vielen verständlicher seyn, und auch anfänger auf einen guten weg weisen, die sich vieleicht sonst durch üble anführer hätten verderben lassen Gottsched crit. dichtkunst (1751) 7; wenn sie von mir erst jetzt ein wort empfangen, so ist es weil ich biszher kaum einen moment zur ruhe gekommen und überhaupt ein übler correspondente bin Göthe IV 9, 227, 23 Weim.; ein übeler bezahler an ill, bad paymaster Ludwig teutsch-engl. wb. a. a. o.
häufig in negation: ... so wär' ich traun! kein übler zeitungsschreiber worden Schubart leben und gesinnungen 2, 9; der Berthold ist gar kein übler anfänger A. v. Arnim 3, 89; eine grüblerische natur, bei alledem aber kein übler handwerksmeister Storm 7, 4.
b) attributiv bei abstracten: 'mangelhaft, verkehrt, falsch': ... welcher massen diesz länndtlein ausz leider vbeller vorsorg vnnserer vorfahren in eine vnerwindtliche schuldenlast gerathen acta publica 1, 35 Palm; die närrischen vnnd blöden wurden jhres gleichens burgerschafft hinterlassen vnd also das regiment durch üble hausshaltungen in böse verfassung gerahten G. P. Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 1, 107b; durch üble aufsicht hat er das reich seines cronprintzens beraubet Ziegler asiat. Banise (1689) 96; die gattung kann sehr unschuldig seyn, aber nicht der dichter, der einen üblen gebrauch davon macht Gerstenberg rec. i. d. Hamb. n. zeit. 398, 26; die üble besetzung eines solchen amtes kann eine ganze gemeine unglücklich machen Rabener 4, 42; eine üble wahl treffen Hilpert (1845) 633a; die üble methode damaliger bibelerklärung Scherer literaturgesch.7 48; ... dasz dieser ... seine reformen in übelster weise einleitete Mommsen röm. gesch. 2, 59; die bewohner Antwerpens hatten aus bittern erfahrungen gelernt, welchen üblen dienst herzog Alba ihnen geleistet, als er ... Moltke ges. schrift. u. denkwürdigk. 2, 20.
mit negation 'geschickt, geeignet': diese waren nun auch in keiner übeln schule gewesen Ziegler asiat. Banise (1689) 188; einen nicht üblen unterricht in der mathematik Storm 6, 199.
c) adverbiell: sein zeyt vnnd lernen vbel anlegen abuti otio et literis Maaler (1561) 441a; übel reden verstehen, schreiben parlar, intender, scriver male Kramer a. a. o.; übel gemacht, geformt ... seyn quaalyk gemaakt, gevormt zyn Kramer hochniederd. wb. (1719) 217a; summa, diesen schleppern odder buben gib nicht, denn es ist ubel angelegt Luther 26, 645 Weim.; wie lang wolt ir blind sein vnd ewer gt vnd arbeit so vbel anlegen Eberlin v. Günzburg 1, 37; meyne gleichwohl nicht, dasz die acht tage, darin ich es ... zusammen geschrieben, vbel angelegt seyn werden Moscherosch insomnis cura parentum 133 neudr.; mit unmäsigem unnd uberflüssigem pracht und verschwenden in vil weg ubel hauszhalten Sattler (1617) 295; ein mensch, der übel haushält Göthe 21, 51, 23 Weim.; vbel auszleyhen, namentlich denen so vngern widergbend male credere Maaler a. a. o.; vbel verkauffen ebd.; sich und seinen dingen übel rathen, male consulere Hederich (1729) 2395; es thut mir leid, dasz Chodowiecki sie übel versorgt hat Göthe IV 8, 246 Weim.; dasz ... die armen unterthanen ... in ein solches labyrinth von unsicherheit und schwanken verstrickt werden, dasz ihr ärgster feind sie nicht übler berathen könnte Thibaut üb. d. notwendigk. e. allg. bürgerl. rechts 435;

wer vor dem wirth die zech vil machen,
der achtet bel seinen sachen
C. Agyrtas grillenvertreiber (1670) 132;

übel ist dein geist gelenkt,
will er sich in sorg' um sie verzehren
Fr. Rückert 2, 65.


gottes wohlthat übel anwenden, perverse uti beneficio Hederich (1729) 2893; hier sei der schmuck denn immer übel angebracht Mörike 3, 72 (maler Nolten); sehr übel find' ich das angebracht Joh. Nestroy 2, 100.
eine die vbel gemannet hat, male nupta Maaler a. a. o.; übel geheiratet, gepaart etc. seyn, quaalyk getrouwt, gepaart zyn Kramer hochniederd. wb. (1719) 217a; ihnen ihre

[Bd. 23, Sp. 14]


übel gegründete meinung zu widerlegen G. R. Weckherlin gedichte 1, 294, 65; da sich sogar in der katholischen kirche ... von dem übel unterrichteten zum besser unterrichteten pabst appelliren läszt Lenz vertheidigung des Herrn W. 3; die theologen leren ubel, da sie leren: wyr wissen nit, wenn wyr seyn ynn der liebe Luther 8, 281 Weim.; so ist das ein beweis, dasz entweder der vorausgesezte begriff falsch war, oder dasz die folgerungen übel gezogen worden v. Haller restaur. d. staatswiss. 1, 9, 11; Winkelmann musz also zuerst wohl nicht recht gelesen haben, und zweitens übel vergleichen, übel folgern Herder 3, 13; übel gefahren, herr postillion! huft um! maler Müller werke 1, 286; nachdem sie wahrgenommen, dasz Desiderius ihren herrn übel berichtet hatte ... M. J. Schmidt gesch. d. deutschen 1, 404; er zeigte mir seine erbauungsbücher, die nicht übel gewählt sind J. M. Miller briefw. dreier akad. fr. (1778) 1, 52; o Sterne, — guter Jorik! wie übel hat man dich verstanden! Schubart leben und gesinnungen 1, 226; also war ... die träge ... mystik das produkt aller dieser schwärmerey, des übel verstandenen evangeliums, ... Zimmermann über die einsamkeit 1, 159.
dorumb ist zeschetzen, dasz Guilelmus und Lanfrancus übel gesehen haben, wann sye sprechen, dasz das bein basillare sey under dem bein leuda genannt Joh. v. Gersdorff feldtbuch der wundtartzney (1517) III 2a; dweil aber der mund (der trinker) al zeit vbel gehalten ... wirt, verleuret er auch sein lebendige ... feuchtigkeit Ambach vom zusauffen C IVa; alte beudel oder seckel schliessen übel Tappius (1545); du hast übel gethan, dasz du nicht zuvor, ehe du hinunter (in die tiefe gruft) gestiegen, bedacht hast, wie du woltest wieder herauskommen Lokmann fab. 9; zu spät merkte der könig der Perser, dasz er übel gethan, zwischen Athen und Lacedämon nicht ein gleichgewichte zu behaupten J. v. Müller 1, 150 f.
unpersönlich: (Stultanus:) ia nun meinet dann jhr, dasz es so vbel gethan sein solte, wann ich widerumb freyen wolte Creizenach schausp. engl. comöd. 271, 28; (dritter gast:) ... er soll nicht bleiben. (erster gast:) es wäre übel gethan, wenn wir irgend einen brauer leben lieszen Tieck 5, 328 (Phantasus);

ein ding ist warlich vbel bschaffen:
das kein schwantz hondt vnser affen,
Th. Murner narrenbeschw. 51 neudr.


'an etwas übel thun': daran thun sie sehr übel Göthe 21, 78, 1 Weim. vgl. u. 6, e.
d) prädicativ:

ich, wie mit trunkkenen fast übel ist zu schertzen,
wie kaum ich mich besann, kont dieses nicht verschmertzen
J. Rachel satyr. ged. 90 neudr.


meist negiert: es ist nicht übel = es ist klug, wohlgethan:

der pfiff ist gar nicht übel:
die einfalt vor der schurkerey voraus
zu schicken
Lessing 3, 152 (Nathan 197);

es ist so übel nicht, es ist so ganz natürlich hingesagt maler Müller 1, 255; der einfall war nicht übel Knigge umgang mit menschen 1, 177; überhaupt wird es nicht übel sein, wenn ich manchmal etwas von unsern manuscripten voraus lese Göthe IV 10, 240 Weim.; mit persönl. subject: meinte der gute schwabe: 'ach höre sie, das phlegma ist auch nicht immer so übel Solger nachgel. schrift. (1826) 1, 44; dieser tausch ist nicht übel v. Görres ges. br. 3, 99.
e) aus der zusammenrückung mit part. entstehen mehr oder weniger feste composita: übelangebracht, -angeführt, -angelegt, -angewandt, -befestigt, -begründet, -berechnet, -berichtet, -beschäftigt, -erfunden, -erzogen, -gegründet, -geleitet, -geordnet, -geputzt, -gewachsen, -gewählt, -nachgemacht, -rechnend, -verbunden, -verdauend, verdaut, u. a.; seit dem 18. jahrh. vielfach in unterliegender concurrenz mit schlecht, daher nur in festen verbindungen häufiger.
5) verengt aus 'unzweckmäszig', 'mangelhaft', zu 'unansehnlich, häszlich':
a) attributiv: von übler schrifft (titel) G. Ph. Harsdörffer teutscher secretarius 2, 18; verzeihen sie die üble

[Bd. 23, Sp. 15]


handschrifft Göthe IV 9, 179 Weim.; er hat einen üblen gang, he halts or hobbles a little in going Ludwig teutschengl. wb. a. a. o.; 's macht en übli gatig, es sieht schlecht aus Hunziker 268; sollte aber nicht etwa der dichter selbst eine üble figur machen v. Ayrenhoff 231, 7.
häufiger in negation: tas' khè ewle froi, das ist eine hübsche oder tüchtige frau Martin-Lienhart 1, 8; groszes, schlankgewachsenes frauenzimmer von gar nicht üblem ansehen E. Th. A. Hoffmann 14, 163; nun wollen sie die herrschaft nehmen? und meine mündel dazu? sie ist kein übles appertinenzstück Bauernfeld 4, 12; das is ihn ooch wirklich kee ibler mann G. Hauptmann der biberpelz (1893) 103;

des Faffners gold
ist keine üble beute
Fouqué held des nordens (1810) 1, 178;


b) prädicativ: das bild ist nicht übel, zwar nach art der dutzendbilder fabrikmäszig, aber doch charakteristisch gemahlt Göthe III 2, 107, 2 Weim.; im schlosz war eine kammerjungfer, nicht übel, nur dasz sie immer schief lachte v. Ebner-Eschenbach 4, 191.
c) adverbiell: pannosus hudlecht, zerhudelt, zerlumpt, vbel bekleidt, zerfetzt, voll bletzen Megiserus thes. 2, 203b; übel gekleydet (mal vestiti) Arigo decam. 95, 29 Keller; der erste man der im z gesichte kam, das was Primaso, der genug übel in seinem harnisch ze tische sasse ebd. 46, 5; solltest du nicht einem hübschen bürgermädchen begreiflich machen, dasz sie übel angezogen ist Göthe 45, 30, 24 Weim.; was gehets den mond an, dasz er vbler scheint dann die sonn? Paracelsus opera (1616) 2, 464; und in der that, ich fand das stübchen so übel nicht Storm 4, 171;

jeder rym hat sich müssen schmucken
noch dem man jn hatt wellen drucken
und sich die form geschicket hat,
darumb manch rym so übel stat
Seb. Brant narrenschiff 1, 26 Zarncke;


übertragen und ins moralische gewendet: 'unziemlich'; indecorus, das übel stehet, ἀπρεπής Garthius 351b; nembt exempel, wie vbel es vor der welt vnnd den menschen stehe Moscherosch insomn. cura parent. 19 neudr.;

hütt dich vor hochuart, traut gespil,
nymm weins zu dir auch nit vil,
wann das gar übel sttt
Hätzlerin liederbuch 95;

der divel git selichen rat,
der diner selen vbel stat
Mone schausp. 1, 81, 195;

auch so dir etwas bliben is
in zänen stecken, wo du bist,
so nimb ein messer, stich und grübel
in zänen fast, das steht nicht übel
Scheit grobianus v. 857 ff. neudr.;

deshalb mir gar übel gestanden, das ich als ein vnfrtiger hirt vnd der nur den nutz ansicht, vmb liesse kummen die schaff so miner trüw empfolht sind H. Zwingli v. freiheit d. sp. 4 neudr.
mit dativ der person: 'übel stehen', öfter 'übel anstehen': es stadt ein weysen man vbel an alienum a sapiente Maaler (1561) 441a; übel stehen, übel anstehen, übelanständig seyn, misstaan, niet voegen Kramer hochniederd. wb. (1719) 217b; sychst nicht wie dir deyn vornemen mechtig vbel anstehet, vnd dir gantz vnerlich ist Hutten opp. omnia 2, 190, 43; welchs eim christlichen lerer gar vbel anstehet Luther 26, 553 Weim.; es stnd dem artzt vbel an, dasz er der natrlichen weissagung nicht vnterricht ... were Paracelsus opera (1616) 2, 201c; es ... wirde vnserer religion vbel anstehen Moscherosch insomn. cura parent. 37 neudr.;

das wär in allen landen
uns gar übel angestanden altdeutsche passionsspiele aus Tirol 174 Wackernell;

ich (machte) einen talar ... für einen probst; liesz auch nicht übel Pfeffel poet. versuche 9, 83; die alzuvielen anmerkungen und citationen lassen hier, gleich bey dem ersten anblicke, sehr übel J. G. Zimmermann von dem nationalstolze (1758) 17.
6) moralisch schlecht, sündhaft, böse, das sittengesetz, den anstand verletzend.

[Bd. 23, Sp. 16]



a) in dieser bedeutung ist übel im ahd. und mhd. am häufigsten belegt. ubilero angilo übersetzt in Isidor (Hench 31, 22) das lat. angelorum malorum, wie Tatian (Sievers 75, 1) die evangelienstelle Mt. 13, 18 venit malus et rapit quod seminatum est in corde eius wörtlich mit quimit thie ubilo inti ginimit thaz thâr gisauuit ist in sînemo herzen wiedergiebt. in gleicher weise noch in der Mentelbibel (1466): der vbel kumt vnd zuckt daz do ist geseet (Zainerbibel: der bösz, Luther: der arge). vgl. auch zur Isidorstelle: (das wichwasser) vertribt die blen geist wo man es hinwirfft der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 114a, und die Herborstelle mhd. wb. 3, 168a; in attributiver verbindung mit man drückt es den gegensatz von guot aus, also den sündhaften menschen z. b. Tatian 41, 5: guot mán ... frambringit guot, inti ubil man ... bringit ubil; ebenso auch bei abstracten: fon herzen ûzgangent ubila githanca (cogitationes malae) Tatian 84, 9;

thaz scírme mih in brústin
— — — — — — — — —
fon úbilên githâhtîn
Otfried 5, 3, 14;


substantiviert: uuârun gileittit andre zuêne ubile mit imo (alii duo nequam) Tatian 202, 1; auch as.:

than aftar thêm wordun skêdit that werod an twê,
thea gôdun endi thea ubilon Hêliand 4445.


in dieser gegenüberstellung in der mhd. profanen literatur häufig:

er (der klôsenære) seit, ob si die guoten bannen und den übeln singen
Walther 11, 1.


b) nhd: vbler oder poser malus voc. theut. (1482) hh viiija; ein ubeler mensch, homo malitiosus Stieler a. a. o.; nefarius Kirsch (1723) 297a; in der bibel und theologischen literatur durchaus geläufig neben böse und arg. ... das ir seyt sun ewers vatters der in den himeln ist. der seinen sune macht scheinen vber die gten vnd die vbeln: vnd regent auf die gerechten vnd die vngerechten erste deutsche bibel (1466) Mt. 5, 45 Kurrelmeyer; aus der bibel in vielfachen verbindungen in die profane literatur übergegangen:

nach meinem ainfaltigen synn
ist zweifel gar ain bel kraut
Hätzlerin liederbuch 241;

wer sich lobt musz üble nachbarn haben Reinsberg-Düringsfeld 2, 56; üble haushälter ihres amtes völlig entsetzen A. G. Kästner 1, 24; du bist in übler gesellschaft Göthe 38, 15, 25 Weim.;

das hört die üble schwährin
und redt gar bald hierüber
Herder 25, 109.


c) mit abstracten 'sittlich schlecht, sündhaft': üble anschläge roguish contrivances Ludwig teutsch-engl. wb. a. a. o.; übel straszraub, rapina quae fit in via regia quelle bei Scherz gloss. 1694b; darumb und besonders, daʒ die wort nit unrain gezelet werdent, wa die übeln werk nit darby synd Stainhöwel de claris mulieribus 17;

ein üble that
kan ewig hertzeleid gebähren.
J. Chr. Günther ged. (1735) 86;

dem lieutenant v. Busch habe wegen seiner übeln conduite, da es ihm etwas ganz gewöhnliches war, sich im dienste und auf der wache zu besauffen, den abschied ertheilen müssen Lessing 18, 475; ... welche durch ihre üble aufführung in der republick unruhen anfingen Rabener 4, 232; sollte man mädchen eines übeln lebens und heilige mit andern verbrechern zusammen in einen kerker gesperrt haben? Göthe 47, 216 Weim.; seine üblen sitten hätten alle zurück geschreckt A. v. Arnim 11, 217; Hamlets rede über die üble sitte des trinkens Ludwig 5, 129.
'üble gewohnheit': sie sehen wohl, dasz ich in meinen üblen gewohnheiten unverbesserlich bin Lessing 18, 70; unnatürlichkeit, welches die übelste gewohnheit in der welt ist Hippel über die ehe (1774) 69; jedes wort, das sie sprach, war voll güte und anstand, duldung und liebe, von aller schlacke übler gewohnheit gereinigt, gleichmäszig und tief G. Keller 1, 183.
'übler ruf': nur sage ich noch, dasz drey oder vier solche urtheile ... genug sind, seinen ganzen catalogum

[Bd. 23, Sp. 17]


... in übelen ruf zu bringen Liscow satyr. u. ernsth. schriften (1739) vorr. 45.
d) prädicativ: der schelm! ich weisz, dasz er mir beim umarmen lieber den hals umdrehte ... (Ampedo:) er ist so übel nicht, bruder Tieck 3, 270 (Fortunat II 1, 2).
e) als substantiviertes neutrum: einem übels erweisen Garthius 441b; besonders in der bibel und theologischen prosa: so wil ich got lestren, spilen, eebrechen, ander übels begon Zwingli v. freiheit d. sp. 27 neudr.; wie mgen ir gts thn so ir bels gelernet hant? Judas Nazarei 66 neudr.;

wan ich han vast vil úbels getan
und wenig bösz under wegen gelan
Mone schausp. 2, 197, 23;

wer bels bet oder hgt,
desz gleiche schuld jr yeder tregt
J. v. Schwartzenberg der teutsch Cicero (1535) 122;

so aber das nit hat wöllen verfahen, so gebürt sich mir nu mer ze achten, was übels vnd args beschech Niclas v. Wyle translationen 46, 19 Keller; und ist beszer, daz wir sie arges gegen uns gedenken laszen, wann daz wir übels volbringen Stainhöwel de claris mulieribus 242; vbels hören, schadet nicht, vbels thun, das ist unrecht Moscherosch gesichte (1650) 2, 175; der schalk ist in sich nichts übles und auch göttlicher natur Pückler briefw. u. tageb. 1, 188.
f) adverbiell: vbel thun, poszlich thun, malignari voc. theut. (1482) hh viija; vbel handlen, vbel oder bses thn, malefacere Maaler (1561) 441b; ... das ein end ward alles geschlächts, das übel gethon hat vor den Herren bibel verteutscht (Zür. 1531) 4. Mos. 32, 13; die menschen übel tn und kein gepot gotz nicht halten (gli uomini fare le sconce cose) Arigo decam. 24, 17 Keller; mit feyren lehrnet man arges vnd bel thn W. Xylander Polybius (1574) vorrede 2a; wer vbel handelt, der fleucht das liecht Vogelsang gespräch v. d. tragedia Joh. Hussen 5 neudr.; fraw, du hast sehr ubel und wider gott und göttliche recht gethon M. Lindener rastbüchlein 43;

dasz recht thon ist sein selbst lohn,
übel thon sein selbst spott und hohn
Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 376;

... ach! er sah
auch mich, so oft ich übel vor ihm that!
Giseke poet. werke (1767) 13.


verengt: dämonistisch thätig sein Höfler krankheitsnamenbuch 760a; verallgemeinert und ohne beziehung auf das moralischsittliche: übel thun, handeln = verkehrt, ungeschickt handeln s. o. 4, c;
man schuldigt mich nit, das ich übel gelebt, sunder duncket mich, vmb das ich wolgemeinet, z straffen (quod male vixerim, sed quod bene senserim) Hutten 1, 414, 27;

aber auff manung er nichts gab,
er blieb in seinem alten trab,
vnd lebet vbel on all scham,
bisz es für seinen vater kam
Fischart nachtrab 58, v. 2185 Kurz;

sich vbel halten, turpiter se dare Dasypod. dict. Niiij;

im andern wer am besten zahlt
gewinnts, wie vbel er sich halt
Fischart glückh. schiff. 49, v. 430 neudr.;

übel gewunnen übel gelungen Seb. Franck sprichw. 2, 3b; male partum male disperit ubel gewunnen, ubel verschlungen Luther 16, 517, 18 Weim.; male parta, male dilabuntur, vbel gewonnen gut, gehet vbel wider dahin, oder vbel gewunnen, vbel zerunnen A. Corvinus fons latinitatis 449.
7) verengt: feindselig, gehässig, boshaft:
a) attributiv: eine übele nachrede, backbiting or calumny Ludwig teutsch-engl. wb. a. a. o.; in übler nachrede seyn, male audire Hederich (1729) 2393; zu vbel nachreden geneigt, maledicus Megiserus thes. 2, 12c; beide (Egmont und Oranien) hatten sich bei dem könige über die übeln nachreden beschwert, womit man in Spanien ihren guten namen zu brandmarken ... suchte Schiller 7, 251; es wäre euch besser, nach dem tode eine schlechte grabschrift zu haben, als üble nachrede von ihnen, so lange ihr lebt Schlegel Shakespeare 3, 223; dasz wir keine üble auslegung befürchten dürfen J. Möser 1, 93.

[Bd. 23, Sp. 18]



'übler wille' etc.: es gibt eine klugheit in der art, sie auszusprechen, der auch der übelste wille nichts anhaben mag Görres ges. schr. 1, 12 f.; weil sich in den Niederlanden bereits viel übler wille gegen Spanien regte Ranke 14, 190; vgl. übelwollen; ich soll eine üble idee vom schönen geschlecht haben Göthe IV 1, 206, 18 Weim.; gerade so wie die entsprechenden laute der Englisoten für knabe (knave) diesen üblen sinn (knavery büberei) sich zugezogen haben Peschel völkerkunde 105; er war würdig ... nachfolger eines alten kindsweibes zu sein, im üblen wie im guten sinne Holtei vierzig jahre (1843) 1, 7; es hätte ihm nicht entgehen können dasz im kopfe des jägers üble absichten sich regten J. K. Lavater verm. schr. 2, 74.
b) substantiviert: von den todten soll man nichts übles reden Wander 4, 1256; (Es.): wiltu ... das ich ... sage das dich angaat? (San.): ich begers, so ferr es etwas billichs ist. (Es.): vh, ein hrenwirt will nit das ich bels rede Boltz Terenz teutsch (1539) 89a (adelphi II 1, v. 187); was aber die anderen belanget, so ... mir alles vbels fluchen möchten Ringwalt lauter wahrheit A vija; es fragt sich in wiefern euch eure arbeit berechtigt von der meinigen übels zu reden Göthe 38, 20, 15 Weim.; es ist meiner treu recht schlecht von mir, dasz ich von meinem in gott ruhenden ahnherrn übles rede Immermann 1, 7.
c) adverbiell: übel von einem urtheilen, secus de aliquo iudicare Hederich (1729) 2393; sondern soll eyn versucht dapffer man seyn, das sich der lesterer musz schemen, ubel von yhm z urteylen Luther 10II, 113 Weim.; man könne ihn so wenig verstehen oder wolle ihn so übel verstehen, dasz man die sprache für spuren von verrücktheit erklärt B. v. Arnim die Günderode (1840) 1, 225; sie hatten blos die herablassung, auf die schriftstellen, welche die Arianer dagegen anführten, übel und böse zu antworten Lessing 13, 376;

böszlich gearbeit, ubel gelonet
H. Sachs 8, 102, 14 Keller;

ach wie übel, süsse feindin,
lohnst du meine treue liebe!
Herder 25, 155;

... er zog gute leute zu sich, welchen doch vbel gelonet ward Joh. Mathesius Sarepta (1571) 87a; ich red übel, schelt, maledico Erasmus Alberus nov. dict. genus (1540) 28a; es ist allezeit besser, wenn man es nicht weisz, wer von uns übel spricht Lessing 2, 70, 1 (freigeist II 2); diese personen, die vom genie so übel sprechen, behaupten alle genie zu haben Göthe 45, 11, 19 Weim.; einem übel nachreden, ehre abschneiden, detraho Garthius 189a; red auch in dein gedancken dem künig nit übel nach heimlich in deiner kammer Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 3a; diese reden insgemein nie zierlicher, als wenn sie am übelsten nachreden Lohenstein Arminius 1, 104;

(Dido) legt hin die scham, hielt fr kein schmach,
so man jhr bel redet nach
Spreng Aeneis (1610) 66a IV.


substantiviert:

was macht dann nun die wüste rott,
die dich, o groszer wunder-gott,
so schändlich lästert und mit schmach
dir so viel übels redet nach?
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 426b;

einem schmählich vnd vbel zureden, lesteren Megiserus thes. (1613) 348b; (sie) die frawen schulten und ir übel z retten Arigo decam. 263, 25 Keller; sie fürchtet, dasz sie übel auf sie zu sprechen sind Joh. E. Schlegel 2, 267; unglücklicher weise aber für den Sebaldus, war sie auf denselben und auch auf seine frau sehr übel zu sprechen Nicolai Seb. Nothanker 1, 38.
ganz allgemein: übel anschreiben, carbone notare Dentzler clav. ling. latin. (1716) 293b; auch bei französischen schriftstellern stehen sie übel angeschrieben J. Grimm Reinhart Fuchs, vorrede 82; und da sie solchen schertz in andern sachen in allen festen, bey allen gesten, ..., erleiden mag, wie wolt man es dann dem armen Eulenspiegel, der es von alter her ausz langem brauch an sich gebracht, ererbt und beeignet, erst für vbel deuten vnd auffnemmen? Fischart Eulenspiegel 13 Hauffen;

[Bd. 23, Sp. 19]


ich werd' es nicht für übel deuten,
ob du mich gleich ie für den leuten
verhaszt, und heist mich von dir gehn
Stieler geharnschte Venus 75 neudr.

sie legen es den Teutschen vbel ausz Vogelsang gespräch v. d. tragedia Joh. Hussen 3 neudr.; seitmal ich auch verstanden hab, wie das etliche mir z nachteil, meine bücher vnd geschrifft, bey den vnverständigen vbel auszlegen Hutten 1, 419, 10; weil etliche ... meine handlung ... zum ... übelsten auslegen wolten G. v. Berlichingen lebensbeschrbg. 4 Bieling; wundern kan ich mich freylich nicht, wenn sie mein stillschweigen übel ausgelegt haben Lichtenberg briefe 2, 14; derhalben es auch die jenigen, so anderer mundarten gewohnet, und derer sich gebrauchen, nicht bel vermercken werden, das diese rechtschreibung meistentheils nach dieser mundart in den ober-schsischen ... lndern, ... eingerichtet worden C. Gueintz deutsche rechtschreib. (1666) 25; deszwegen wolle der leser ... nicht bel vermercken, wenn ... Lohenstein Arminius (1689 f.) 1, 102 f.; der besuch ... wird nicht übel vermerkt werden Göthe 23, 222, 9 Weim.; weil ich aber den h. (herrn) ertappt, wolte er es nicht im üblen vermercken sondern mich los lassen schausp. engl. comöd. 122, 23 Creizenach;

ob ich mich iendert thuon vergessen
das sült ir mir nit zu übel messen fastnachtsp. 209, 1;

jedoch kanst mirs nicht vbel messen
diweil ain schulsack hast gefressen
darauf latinisch stund geschriben
tu asine, der noch bist pliben
Fischart glückh. schiff 39 neudr.


übel nehmen, male accipere Nieremberger (1753) Aa aa aa 2b; leicht erzürnt, erregt werden Frischbier 2, 417; wollt ihr's nicht übel nehmen, wenn ich euch so schlechtes geld anbiete Tieck 1, 203. mit dat. der person: so würde ich doch dem herrn Utz diese beyden zeilen sehr übel nehmen Dusch krit. u. satyr. schriften (1758) 40; man hat mir einen gewissen leichtsinn in diesen dingen oft übel genommen Göthe IV 22, 50, 10 Weim.; einige erinnerungen nimmt mir der würdige verfasser nicht übel, jeder hat seine sinnesart und musz sehen, wie er sich durchhilft 32, 179, 16 Weim.; sie sollten er das nich übel nehm': erschtlich hatte se immer mit mir zu tun ... G. Hauptmann Rose Bernd (1904) 109; jener kampf mit dem Islam ... dauerte hier noch immer fort ... man nahm sich keine gewaltsamkeit dabei übel Ranke 3, 76.
als entschuldigungsformel ganz allgemein: nimm 't nich oewel! sä' de vosz, da harr'n 'ne gôs bi'n wickel Lipperheide 889b; sie sind wirklich gegen die deutschen gelehrten ungerecht, und nehmen sie es mir nicht übel, fast musz ich glauben, diesz komme von ihrem stande her Nicolai Seb. Nothanker 1, 131; lächerlich machen wir uns ... nimm mir's nicht übel! Mörike 1, 234;

wir sind einander fehl gegangen. nehmts
nicht übel
Lessing 3, 152 (Nathan V 5).


reflexiv: se nimt sik nix öwel, nimmt es nicht so genau mit sich Eckart sprichw. (1893) 531;

in's holde leben wenn dich götter senden,
geniesze wohlgemuth und froh!
scheint es bedenklich dich hinaus zu wenden,
nimm dir's nicht übel: allen scheint es so
Göthe 3, 235 Weim.


'für übel nehmen': nömen se nits vor wel Schambach 148b; ich bitt euch, ihr wollet mirs nicht für vbel nehmen Erasmus Alberus fab. 5.
vbel aufnemmen, iniquo animo pati Maaler (1561) 441a; in deteriorem partem accipere Garthius 188b; wir müssen uns schämen, bruder, dasz ein so liebenswürdiger gast von unserm vater so übel aufgenommen worden Lessing 2, 41, 21; 'nem sies nit übel, das madel nimts ja auch nit übel auf' B. v. Arnim die Günderode (1840) 1, 386;

(Daja:) nehmt ja nicht übel auf, gestrenger ritter. —
gott, wir sind so bekümmert, was der sultan
doch will
Lessing 3, 64 (Nathan II 6).


mit dativ der person: weilen ich ... dich ... vor ein kind gottes halt, so wirst du mir es ja nicht übel aufnehmen

[Bd. 23, Sp. 20]


Abr. a S. Clara mercks Wien 8; ich ... nahm es ihr übel auf, dasz sie sich nicht wieder sehen lassen Göthe 25I; 139, 6 Weim.
für vbel auffnemmen, aegre ferre, indigne ferre Dasypod. dict. Niiij; meist mit negation: nicht für vbel auffnemmen, zu gut halten, dextre interpretari Emmelius sylva Nn 6b; mit behaltung meins herren des herzogen gnade, der mir nicht für übel uffnemen wölle, das ich in mit worten fürkome herzog Ernst prosa 292, 10 Bartsch; sie (die hauswirthin) musz es auch nit vor übel aufnehmen, so ihr der mann mehr bürden auflegen würde, denn einem andern hausgesinde Colerus hausbuch 6; dasz sol man ir nit vor übel vff nemmen Murner gäuchmatt 44;

nim nicht für übel auf, du Pallas unser stadt,
dasz man nicht eulen dir allhier gewiedmet hat
Lohenstein Arminius 1, 687a.


'in übel aufnehmen': ich weisz nicht ob Filipello euer man mir in übel auffgenomen het, daz ich euch also gehoffiret habe Arigo decam. 196, 10 Keller; aber jhr artzt in der gemein mchtens mir verargen, vnnd in vbel auffnemmen, das ich die knst artzney ... an tag lege Paracelsus chirurg. schrift. (1618) 302a; der künig nam aber solichs bet in übel auff Tristrant (prosa) 85, 11; heute veraltet, besonders mit in und für. in gleicher bedeutung: 'übel empfinden, übel finden', z. b.:

und billig muszt' er es übel empfinden,
den ritter zum zweiten mal schon in seinem wege zu finden
Wieland 4, 227 (d. neue Amadis 11, 25);

sie ... stellte ihnen vor augen, wie übel es ihr könig Artabanus entfinden würde A. v. Braunschweig Octavia 1, 68; als die Korcyräer höreten, dasz die neuen kolonisten ... auf dem zuge nach Epidamnus begriffen seyn, ... empfanden sie solches sehr übel Heilmann gesch. d. pelop. krieges (1760) 31; er empfand es übel, dasz der könig von Dänemark, um den auch er verdienste hatte, dem bunde beitrat Ranke 4, 81; es könnte seiner hoheit leicht einfallen, übel zu finden, dasz wir uns hier im angesichte seines serais gelagert haben Wieland 8, 64 (Danischmend, cap. 8).
'für übel halten': liebe ... herrn, jhr wöllet ... mir nichts für vbel halten volksb. v. dr. Faust 116 neudr.; der festen meinung, niemand dörfe, oder könne ihm was vor übel halten der polit. maulaffe (1679) 55; die gelassenheit, die man ihnen für übel hält Joh. E. Schlegel 5, 233;

ade ihr mauschel-brüder all,
ihr rechte zöllners-art!
halt mir für übl nichts überall,
ich hab gesungen die wahrt
Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 426;


'in übel haben': etlich frawen Nyuetta zoren in übel heten und schulten Arigo decam 272, 12 Keller;

wer wolt euch das in ubel han?
Hans Sachs 17, 119, 33 Götze;


'für übel haben': habt ez nicht verübel, no la bie per mal Brenner it.-deutsches sprachbuch (1424) in Bayerns maa. 2, 394; imputare, vorweisen oder vor vbel han Diefenbach mlat.-hd.-böhm. wb. 151; landschaftlich noch im gebrauch: verübl hàbn oder verübln, etwas böse aufnehmen Lexer kärntn. wb. 245;

wer wolt für übel haben das? fastnachtsp. 290, 12.


häufiger negiert: ist es hinfurt den armen menschen nit fur ubel zu haben Luther br. 2, 62; also htte er es Marcomirn nicht fr bel, dasz er Riamens und Olorenens aberglauben ... gemiszbraucht habe Lohenstein Arminius 1, 167a; es ist denen ahlen-schmieden nicht vor übel zu haben, wann sie bey dem feuer nicht so gar weisz aussehen Abr. a S. Clara etwas für alle 2, 10; meist als entschuldigungsformel:

das solt ir mir nit frübel han Theuerdank 81, 77;

vnd habens e. g. mir nur nit für bel Erzherzog Ferdinand II. v. Tirol spec. vitae humanae 7 neudr.; hab mir nit fürübel, wann ich dir ... werde eins versetzen H. Guarinonius grewel der verwüstung (1610) 1094; habt

[Bd. 23, Sp. 21]


mirs doch nicht vor übel! ihr sehet ja, dasz es meine schuld nicht sey Gryphius lustsp. 46;

du wllst mirs nicht fr vbel han,
ich hab dir ja kein leidt gethan
Erasmus Alberus fabeln 31 neudr.


daraus: verüblhäbik, empfindlich Hintner beitr. 6; vgl. dazu die redensart: vbel für gut han, aegre habere, dolenter ferre Maaler (1561) 441a; bald darnach aber hat Lysias ... übel für gt ghept die ding die sich verlauffen hattend bibel verteutscht (Zür. 1531) 2. Makkab. 11a.
8) zornig, ungebärdig, heftig, grausam.
a) attributiv: üble behandlung, a harsh, bad treatment Hilpert 633a; und gab ihr zu verstehen, dasz ihn der zorn übereilet, und dasz ihr übles tractement ihm sehr leid sey der polit. maulaffe (1679) 46; eine strafe, die wegen der üblen behandlung des pöbels oft schrecklich ist Archenholz England und Italien (1785) 1, 1, 62; sie hatte manche harte last getragen, ihres mannes üble behandlung, noch schwerer seinen tod Droste-Hülshoff 2, 278 (die judenbuche).
b) prädicativ: das sie jhren leib nicht pflegen kundten, waren sie vbel auff jhn selbst W. Xylander Polybius (1574) 157; noch heute in den dialekten: möcht ma nöt übl wear'n! = möchte man nicht böse werden! Lexer kärntn. wb. 245; der bueb wurd allen tag üweler (böswilliger) Martin-Lienhart 1, 8.
c) adverbiell: capero, vel contraho frontem, ich bin traurig, sihe übel Erasmus Alberus nov. dict. genus (1540) 32b; ovele sēn, scheel sehen Lübben mnd. wb. 259b; sie sach mich übel an A. v. Arnim 21, 47;

wer vbel siht, da will ich machen
mit einem kraut, das er musz lachen
Erasmus Alberus fabeln 172 neudr.


einen mit worten vbel emphahen, vnwirsch anreden, male accipere aliquem verbis Maaler (1561) a. a. o.; wurd aber übel bewillkommet, indem ihr der herr das frischangefüllete kammer-becken auff den kopff schmisz der polit. maulaffe (1679) 44; man ist so übel mit ihm umbgangen, dasz er mich gleich daurete Grimmelshausen vogelnest 2, 355, 17 Keller; sie ... stiesz das fräulein von sich, und würde ihr vielleicht nochmals übel begegnet haben, wenn sie nicht die umstehenden damen in schutz genommen hätten Nicolai Seb. Nothanker 1, 201; ein geschlecht, das ihm so übel mit gespielt hat Göthe 22, 29, 13 Weim.; sagt, man hat euch übel mitgespielt, nicht wahr? E. Th. A. Hoffmann 11, 57;

er wirt dir übel faren mit
Hans Sachs 1, 44, 9 Keller.

o Daja, Daja! wenn in augenblicken,
des kummers und der galle, meine laune
dich übel anliesz, warum jede thorheit,
die meiner zung' entfuhr, ihr hinterbringen?
Lessing 3, 77 (Nathan III 2).


'übel tun', ungebärdig sich benehmen, zornig sein, weinen, schmerz zeigen: ir hend angstlichen übel ton N. Manuel Barbali 191 Bächtold;

lugt was doch mcht die vrsach sein
das das kind als vbel thet
Fischart flöhatz 18, v. 569.


wel daun = wehklagen Schambach 148b; häufiger: 'sich übel haben, gehaben, geheben': vbel gehaben, conqueri Maaler (1561) 441a; doliturus ... der sich vbel gehaben wird A. Corvinus fons latinitatis (1646) 278; sich äbbel hâ laut jammern Kleemann nord-thüring. idiot. 3a; welche mich, wiewol wider des Damis willen, zu ihr nahme, massen selbiger sich sehr übel hatte, dasz er meiner solte müssig gehen A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 441; liebe, wie gehabst du dich so recht übel der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 50b; die bawren gehuben sich übel buch der liebe 11, 4; die turteltauben ... ist eyn zorniger vogel, vnd der sich vbel gehebt, wann er gefangen würd Sebiz feldbau (1579) 118; allda (haben) sie seinen famulum, den Wagner gefunden, der sich seines herrn halben vbel gehube volksb. v. dr. Faust 119 neudr.;

was grosser klag, was grossen gschrey
hör ich? mich wundert wer da sey
der sich so mächtig vbel gheb,
ob es sey todt, oder obs leb
Fischart flöhaz 3 neudr.;

[Bd. 23, Sp. 22]



sein weib gar vbel sich gehub,
bey dem grab als man jhn begrub,
vnd wolt sich gar nit trösten lahn
L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 109 neudr.


vbel halten, malè tractare Dasypod. dict. Niiij; sich selbs vbel halten, im selbs nichts guts thn, male mereri de se Maaler (1561) 441b; man wird sy ... übel halten vier hundert jar bibel verteutscht (Zür. 1531) 1. Moses 15, 13; der vater hielt die mutter übel Herder 23, 543 (Adrastea);

hast du ein knecht,
der flieszig arbeit, treu und recht,
den halt nit ubel, sonder wol
Hans Sachs 19, 28, 40 Götze;

... vil volckes starb,
vnd schnell des ghen todts verdarb,
vmb dasz derselb Chrysen den alten
priester thet schnd und vbel halten
Joh. Spreng Ilias (1610) 1b.


einen vbel handlen, rauch anfaren, contumeliam facere, voce aliquem violare Maaler (1561) 441b; der vater ist gestendig sinen sun übel gehandelt vnd gedrengt haben Fr. Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) C 4b; damit richtet er aus, das die feinde ... jn vbel handeln Luther 28, 244, 34 Weim.;

yetzt hab der herren ich so viel,
yeder ubel mich herschen will
Hans Sachs 6, 189, v. 17 Keller;

wer hat dich so geschlagen,
mein heyl, vnd dich mit plagen
so übel zugericht?
Paulus Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 308.


die erste bewegung in mir war ein aufjauchzen der herzlichsten freude, und erst, als ich sah, dasz er übel zugerichtet war und blutete, da wurde ich betreten G. Keller 1, 38.
9) steigerungsadverb: 'sehr'. zunächst in verbindung mit empfindungsverben und thätigkeitsverben, welche körperempfindungen im gefolge haben, wo übel 2), bzw. 8) stark an begriffsinhalt einbüszt und eine blosze gradsteigerung ausdrückt. mhd. und besonders frühneuhd. allgemein üblich, heute veraltet:

mein lebenlang so bin ich ie
so gar ubel erschrocken nie
warhafftig, als auff dise stund
Hans Sachs 17, 24, 3 Keller-Götze.


wer erschrack übler dann Wilibaldus! Wickram 2, 55, 2 Bolte; do das die kinder Israhels hortend, erschrackend sy übel ab jm bibel verteutscht (Zür. 1531) Judith 4a; erschrack Lucifer vber die massen vbel Ayrer proc. 1, 5; und seit vil übels von dem concilium, das die pfaffen übel erschraken Richental chronik 78; von dieser red erschrack sein bruder fast übel Kirchhof wendunmuth 2, 33; der gt herr erschrack dessen übel Frey gartengesellschaft 45, 16.
vast vbel frchten, male formidare Maaler (1561) 441a; vbl frchten, pavere, horrere, pertimescere etc. Schönsleder prompt. (1647) Q 3a;

drumb, was mir zthn syg, ich nitt weisz,
dann gar mir vbel grusen tht Schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 3, 164, 603 Bächtold;

vor schmertzen gieng jhm zu ein grausz,
vnd forcht so vbel seiner haut
dasz er thet heulen vberlaut
Joh. Spreng Ilias (1610) V, 69a;

vnd förcht got vbel wo du sine gbott übertretten hast Zwingli v. freiheit d. sp. 18 neudr.; sie (die weltlichen fürsten) förchten sich übel vor disem stall (vor der katholischen kirche), und es gehet inen wie dem fuchs, der zm lewen nit hinein wolt Sleidanus reden 108, 69 Böhmer; nun das kindlein, das seines vatters auch ubel forcht, z ime sagt M. Lindener rastbüchlein 28.
das verdreuszt mich übel, die sach truckt, engt und irrt mich übel, male habet me haec res Maaler (1561) 441a; es ist jm begegnet wider die hoffnung, das verdreüzet den man übel Boltz Terenz deutsch (1539) 14a (Andria II 6, v. 436); welches schniben und schnarchen, der gte mann auff der cantzel vernam und in ubel verdrosz, das er den Wenden predigen solte M. Lindener rastbüchlein 7; und hett mich übel gereut, dasz ich den bruder von mir gelassen hette G. v. Berlichingen lebensbeschrbg. 43 Bieling; ich hasz den hof ausz keiner andern

[Bd. 23, Sp. 23]


vrsach so übel, dann dasz er so nach ist (... tam male odi) Boltz Terenz deutsch (1539) 97b (adelphi IV 1, v. 523); das beschwert den vatter also übel das er vor kummer starb Seb. Muenster cosm. 117;

darumm sage vns, wie ists dir ergangen?
dann vns vast übel tht verlangen schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 3, 33, 382 Bächtold;

der selbs nicht weisz, wie vbel schmertzet
des bösen lob
Wekherlin ged. 386;

und bath, weil jhn so vbel frr
so solt man jhn doch lassen ein
L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 61 neudr.


mein kint leit litsuchtig im haus: vnd wirt vbel gequelt Mentel-bibel (1466) Matth. 8, 6; widderumb der den schuch anhatt, achttet nicht, wie gladt er anligt, szondern wie ubell er yhn druckt Luther 10, 1, 1, 315 Weim.; wenn die leus und flöhe übel beissen und not thun, so spricht man es wirt bald regnen Keisersberg Emeis (1517) 34a; metaphorisch: vbel beissen, verdriessen, male urere Dasypodius dict. Niiij. im alterthümelnden stil oder von der bibelsprache beeinfluszt noch im 18. u. 19. jahrh.: es wird von den Nordleuten übel bedränget Scherer lit. gesch. 61;

du ergriffst ihn gewaltig und hast ihn übel gebändigt
Göthe 4, 121 Weim.


'übel schlagen':

warumb schlegst mich so grausam ubel
Hans Sachs 21, 23, 23 Götze;

mit dem den aychen bengel faszt, sie ausz der maszen übel schlug und zurichtet Montanus schwankbücher 13; wenn's auch einen strausz mit Steffen absetzt und er mich übel schlägt, was ist's mehr als ein böses ehestündlein? Musäus volksmärchen 1, 47 Hempel.
vitupero, vbel schelten, schmehen Megiserus thes. 2, 720a; darnach wird der geist (Zwingli) seer zornig, das ich yhr deuteley so frölich gespottet habe und schillt mich ubel Luther 26, 304 Weim.;

ob du das gschirr (mit wein) zu vol thst schencken,
und sorgst, der herr werds maul drob hencken
und werd dir darumb vbel flchen,
so soltu disen vortheil suchen
Scheit grobianus v. 1748 ff. neudr.;


war einmal im sprachgefühle durch solche wendungen übel als steigerungsadverb geläufig geworden, so griff der gebrauch auch bald auf andere verba über, ja übel trat auch als intensitätsadverb zu adjectiven.
a) bei verben: verbrann die statt Costantz gar vbel Stumpf Schwytzerchronik (1606) 398a; wie bel dem Simplicio die kunst misslingt Simpl. 6 neudr.; als übel verstümmeltes spiegelbild Gerhard archäolog. ztg. jg. 1, 156; ein ... gentleman, der ... mit seinem eignen guten namen so übel zerfallen ist Gerstenberg litteraturbr. 150, 28; es wäre nur übel gefehlt, wenn ich so viel brauchte J. P. Hebel 2, 28, 9 Behaghel;

übel hast du gewisz dich verirret
Sal. Geszner (1778) 2, 69.


b) bei adjectiven: ewl šen, ausnehmend schön, ewl rix, sehr reich, ewl fiel, sehr viel Martin-Lienhart 1, 8.
10) schwer, schwerlich, mühesam etc., moeielyk, bezwaarlyk Kramer hochniederd. dict. (1719) 217a; es wird übel zu finden, zu bekommen oder anzutreffen seyn; solche flecken gehen übel aus, such spots are hard to take out Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1778; wer eynmal in der leuthe mundt kompt, der kan übel wider darausz kommen Tappius (1545) 50b; weil aber sich gemeinigklich befindet, dasz an denen orten ... das holtz seltzam vnd vbel zu bekommen ist Ercker mineral. ertzt (1580) 46a; 's ist übel kämmen, da kein haar ist Alexis Roland von Berlin 1, 379;

ob die Phyllis angenommen
von den rosen ihre zier
oder ob vielleicht von ihr
solche solchen schein bekommen,
war gar übel zu bescheiden
Logau sinnged. 11, 15 Eitner.


11) übel nähert sich der negation oder schränkt im adverbiellen gebrauch die geltung des verbalbegriffes wesentlich ein. synonym: 'wenig, nicht, misz-'.
a) attributiv: 'übel lust, übel gefallen haben', stets unflectiert und meist mit negation: was ihre röm. nebenstunden

[Bd. 23, Sp. 24]


betrifft, zu diesen hat Breitkopf nicht übel lust, nur möchte er etwas davon sehen Göthe IV 9, 157 f. Weim.; ich merke, sie hätten nicht übel lust, uns beim eintritt in einen kunstsaal immer einen kleinen maulkorb vorhängen zu lassen A. W. Schlegel Athenäum 2, 46; die frau ... schien nicht übel lust zu haben, wieder von vorn anzufangen Ebner-Eschenbach 3, 166.
er grosses leyde und übel gefallen daran het Arigo decam. 318, 2 Keller; ähnlich: er hat nitt iwel mieh g'hā, nicht wenig mühe Martin-Lienhart 1, 8.
b) adverbiell:

o we, ick hebbe dy ghevraghet,
unde du hest my ghesaget,
dat my herde ovel behaghet nd. visio Philiberti 42, v. 601 (nd. jahrb. 1879);

vbel gefallen, displicere Diefenbach mlat.-deutsch.-böhm. wb. 100; es hat mir auf den rath zu Arnstadt uber die maszen übel gefallen Luther br. 5, 623; vnd do sich das volck vngedultig machet, gefiel es übel vor den oren des herrn bibel verteutscht (Zür. 1531) 4. Moses 11a;

wie kndt mirs vbler gfallen
das ich die liebst ob allen
solt meyden so weyt von dem Rein?
Forster frische teutsche liedlein 178 neudr.;


mit negation: alszo haben auch vertzeytten gotts dienste auff etlichen bergen gott nit ubel gefallen Luther 8, 556 Weim.; welche mein einfeltige arbeit, hoff ich, vielen frommen christen nicht vbel gefallen wirdt Ringwalt evangelia a 6a; das weibsstück ... gefällt mir nicht übel Stranitzky ollapatrida 17, 29.
diffido, ich misztraw, traw nit wol, traw bel Erasmus Alberus nov. dict. genus (1540) 23a; (Prisca:) das höre ich von vil münch vnd pfaffen weibern klagen, sie getrawen vbel, mein magister tht nit also Vogelsang gespräch v. d. tragedia Joh. Hussen 25 neudr.; ... wenn einem menschen allein, das regiment ... zgestellet ist, so kan es nit anders zgehen, er wirt stoltz, hoffertig, ... und wie man gemeinlich sagt, kan er die gte tag übel leiden Sleidanus reden 213, 45 Böhmer; amarellen ... wöllen an külen ... orten stehen, vnd können vbel warme lufft erleiden Sebiz feldbau (1579) 347;

o übel geziemt sich's,
fürst zu seyn, und in noth die söhn' Achaias zu stürzen
Bürger 197, v. 233 Bohtz;

sehr holde jungfrau, sagt er ihr,
ihr schickt euch übel nicht zu mir
Lenz gedichte 152 Weinhold;

weil nun der feldherr diesen unverdienten helden übel etwas ausschlagen konte, befahl er ... Lohenstein Arminius 1, 68b; mein hals ist desz henckens so gar ubel gewohnet Crecelius 2, 830; vom theater und den kirchlichen cerimonien bin ich gleich übel erbaut Göthe IV 8, 170 Weim.;

wer für dem creutze weicht, taug übel unter christen
Logau sinnged. 188, 4 Eitner;


vbel merken, nit wol verston, intelligere parum Maaler (1561) 441; das etliche pnctlein offt yn dyser getruckte sermon gemeldet werden, vnnd verdrusslich geacht zu lesen, yst geschehen zu nutz dem ainfaltigen vbel merckenden leser Eberlin v. Günzburg 3, 252 neudr.; da ist etwan ein feiner mann vnd vbel beredt. dargegen find man ein heszlichen, der ist wol beredt Erasmus Alberus fabeln 9 neudr.; es wird ihm übel gedeyen, non impune talia feret Garthius 341a; aber es ist jr übel gelungen, ... dann sie hat das leben darüber müssen verlieren Joh. Nas das antipap. eins und hundert 1, 56b.
beim adj.: du bist allweg unsinnig und übel gesund (semper amens et male sanus existes) Stainhöwel Äsop 51.
in der negation 'sehr viel': mr händ nid übel garben überchó, wir haben nicht wenig garben bekommen Hunziker 268; sie hatte stattliche kleider und war mit gürtlen, ringen, perlen und dergleichen geschmeiss auch nicht übel versehen und gezieret Grimmelshausen vogelnest 2, 420, 4 Keller.
12) formelhaft:
a) ubel ärger machen, malum malo cumulare Stieler (1691) a. a. o.; oleo incendium restinguere, du machst nur übel erger Tappius (1545) 49b; äbbel ärger mache, schlimmer machen Kleemann nord-thüring. idiot. 3a:

[Bd. 23, Sp. 25]


treibestu es dazu, so machistu nur übel erger Luther 17I, 122, 22 Weim.; sonder machen nur vbel erger Musculus hosenteuffel 7 neudr.; damit nicht übel ärger gemacht würde Grimmelshausen vogelnest 2, 343, 23 Keller.
das sprichwort: 'ausz ubel wirt ergers' Luther 8, 680, 22 Weim.; der liebe gott verleihe gnade, dasz wir erkennen und ihm dafür danken, sonst wird vbel ärger werden tischr. 2, 12; ich habs auch schon an eurem bruder wahrgenommen, meine kinder; ich mag mich aber nichts merken lassen, sonst könnt er sich verstellen und seinem kummer heimlich nachhängen und da macht ich aus übel nur ärger H. L. Wagner der wohlthätige unbekannte 14.
b) wohl oder übel aus prägnantem gebrauch in älterer zeit allmählich formelhaft werdend und vom verbalbegriff sich ablösend: nachdem ... gott eynnem jden gnad gibt sich sollicher zeit wol oder vbel zu geprauchen Cronberg schrift. 77 neudr.; 'o wehe', sprach der student, 'es gieng mir wol und ubel' Lindener rastbüchlein 11;

in mitler zeit hat uns niemand
gesaget, wie es umb in steh,
obs ihm wol oder ubel geh
Hans Sachs 1, 103, 33 ff. Keller;

es gfall in übell oder woll Endinger judenspiel 59 neudr.;

variiert:

da kanst du was du wilst, gut oder übel sprechen
H. v. Hoffmannswaldau u. and. deutsch. gedichte 2, 218 Neukirch;

auf den kaminen erscheinen statt chinesischer fratzen ... dreifüsze, wohl oder übel unseren vergoldeten bronzen nachgebildet Justi Winckelmann 2, 1, 381; der dichter ... flicht wohl oder übel eine liebesepisode ein Freytag 14, 34 (technik d. dramas).
zur bezeichnung des äuszeren oder inneren zwanges: 'nolens volens': wollte er wohl oder übel, so musste er seine taschen umkehren J. P. Hebel 2, 33 Behaghel; vom verb. abgelöst: auf beide verträge musste Metternich wohl oder übel eingehen Treitschke deutsche geschichte im 19. jahrh. 3, 166; so muszte ich denn wohl oder übel den alten staub weiter schleppen Gaudy 2, 96; du hast dich, gut oder übel, zu einer vierfachen abfindung entschlieszen müssen Droste-Hülshoff 2, 367.
13) als interjection:

übel uns betagten sündern
P. Fleming 340;

wol euch! übel mir! 391;


14) übel als compositionsglied. die zahl der übel-composita ist erst vom 16. jahrhundert an gröszer. die wenigen composita, die sich über das 15. jahrhundert zurück aus dem ahd. und mhd. nachweisen lassen, zeigen übel in der bedeutung 'böse, sündhaft, feindselig', s. o. 6), 7), 8). vom ausgang des mittelalters an, insbesonders im 16. und 17. jahrhundert setzt sich übel als gegensatz von DWB wohl im sprachgebrauch fest und hält mit der compositionskraft von wohl nahezu gleichen schritt, zunächst in der bedeutung 'krank, physische unlust erregend', s. o. 1) und 2), bald aber auch den weiten anwendungskreis von 'unglücklich, unzweckmäszig, unpassend' ausschöpfend, s. o. 3) und 4). vom ausgang des 18. jahrhunderts an nimmt der gebrauchinsbesonders in den uneigentlichen compositis, den syntaktischen zusammenrückungenrasch ab, durch schlecht (als gegensatz von DWB gut) verdrängt.
 
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übel, n. , das substantiv des oben besprochenen adj., über das gesammte germ. sprachgebiet verbreitet: mhd. übel, ubel, ahd. ubil, ags. yfel, engl. evil, mnd. uwel, fr. evel, ndf. öwel, holl. evel, wf. üewel, ofr. öfel, goth. ubil. auszer dem n. hatte das ahd. und mhd. auch eine fem. ableitung im gebrauche: ubili Graff 1, 94, mhd. übele mhd. wb. 3, 169b, z. b.:

einen fuoʒ er nie getrat
ûʒ der übele in die güete Helmbr. 1227;

ein m. 'der übel' bei Höfler krankheitsnamenb. 758. vgl. auch Martin-Lienhart 1, 8: der übel, ein mensch mit einem übel.
bedeutung und gebrauch: malum, vitium, improbitas, scelus, flagicium, abscessio a bono; ubel etiam omnem miseriam, calamitatem, morbum et infortuniam exprimit Stieler (1691) 1375.

[Bd. 23, Sp. 26]



1) im allgemeinsten sinne: alles, was dem guten als dem sittlich gebotenen, zweckmäszigen, angenehmen, gesunden entgegen steht; also das princip des bösen, schädlichen, der sünde, des leidens im philosophischen, physischen, moralischen und socialen verstande.
a) in der sprache der philosophen: daher entstuhnd nun schon ein begriff von übel bey ihnen, als einer abwesenheit und beraubung des guten Bodmer v. d. wunderbaren (1740) 76; das übel hier unten ist immer von genialischen menschen hergekommen Göthe 45, 12, 2 Weim.; wenn der zweck der satire beförderung der vollkommenheit und verminderung des übels in der moralischen welt ist ... so kann man ihre zulässigkeit nicht in zweifel ziehen Eschenburg entwurf (1783) 83, § 6; das leben ist an sich weder ein gut noch ein übel, es ist der raum des guten und des übels, je nach dem was ihr hinein legt Chr. Bode Mich. Montaigne 1, 147; es gibt nichts absolut böses und kein absolutes übel Novalis 2, 280; so ein gefühl des lebens ... vernichtet alle sophismen vom übergewicht des übels in der besten welt Sturz 1, 7; jede lust ist ein gut, jeder schmerz ist ein übel Lange gesch. des materialismus 26; in diesem allgemeinen philosophischen sinne auch bei dichtern:

nicht wenig stolz auf sein gefrornes blut
beweist indesz mit hoch emporgeworfner nase
Kleanth der stoiker, bei oft gefülltem glase
dasz schmertz kein übel sey, und sinnenlust kein gut
Wieland 3, 40 (Musarion);

ein allgemeines übel ist der tod
Göthe 10, 314 (die natürliche tochter 1448);

das leben ist der güter höchstes nicht,
der übel grösztes aber ist die schuld
Schiller 14, 128 (braut v. Messina 2837).


b) in prosa und dichtersprache, auch im briefstil und in der umgangssprache wird für diesen begriffsumfang gern die verbindung 'alles übel' genommen: sie (Banise) bemühete sich nicht nur, alles übel des lebens ... zu verschlafen Hippel kreuz- und querzüge (1793) 1, 61; ich wollte ... leicht beweisen, dasz alles übel, häusliches und körperliches und geistiges blos durch das dumme bestreben nach geschmack entstanden ist B. v. Arnim Cl. Brentanos frühlingskranz 165 f.; da unten stecket er (Hannibal), der urheber alles übels, im käfig Grabbe 3, 429;

magister Lukas, nicht ergeben
der wurtzel alles übels, kan
des jahres recht vergnügt mit tausend thalern leben
Kretschmann 2, 263.


c) besonders in der geistlichen litteratur: aber got wirt abwenden alles übel zu meinen feinden Hutten 1, 415, 32; sonderlich die zeit da uns der teuffel fressen wolt auff dem reichstag zu Augsburg und stund alles ubel satt und so rege, das alle welt meinet, es werde uber und uber gehen Luther 32, 492, 20 Weim.; dann was ist anders der zorn gots dann blintheit der vernunfft in verkertem verstand heiliger geschrifft vnd gots gebot, auss dem dann volgt gotlose begird vnd alles vbel Eberlin v. Günzburg 1, 164 neudr.; geytz ist ain wortzel alles vbels ebd. 1, 180.
d) 'vom übel erlösen, vor übel bewahren'. in der siebenten bitte des vaterunsers (Matth. 6, 13) hat das goth. nicht das subst. sondern das substantivierte adj.: ak lausei uns af thamma ubilin, so auch der Tepler codex. die Freisinger auslegung des paternoster wählt sunta statt übel: ûʒʒan kaneri unsih fona allêm suntôn, aber schon im Weiszenburger catechismus ist malum mit ubil übersetzt: auch arlôsi unsih fona ubile, und übel bleibt die regelmäszige vertretung des malum im paternoster: die Mentelsche bibel (1466) u. die nächst verwandten drucke MEP (siehe Kurrelmeyer die erste deutsche bibel 1, 23) haben den pl.: sunder erlsz vns von den vbeln, von der Zainerschen bibel ab ist durchaus der sg. gebraucht: von dem vbel, vom vbel; ebenso Luther: die sibende und letzte bith sunder erlose uns von dem ubel 2, 126 Weim. von da aus in der geistlichen und profanen litteratur formelhaft: darumb behüt dich und dinen nehsten vor allem übel Geiler bilgersch. (1512) B 3a;

ich dancke gott zu dieser fart
das er mich heint die nacht bewahrt,
für allem vbel, vnd mir gebn
bis auff den heutigen tag das lebn
B. Krüger aktion v. d. anfang u. ende der welt D 2a;

[Bd. 23, Sp. 27]



Christus ... bewar dich vor allem vbel
Ambach vom zusauffen A 2b;

behüte sie vor böser geselschaft und vor allem übel Moscherosch insomnis cura parentum 25 neudr.; nun behüt dich gott vor allem übel Amadis 1, 29; dein buntes füllhorn fröhlicher verschwendung erlöst mich vom übel B. v. Arnim die Günderode 1, 194.
e) zu formelhafter verwendung in profanen schriften gelangt auch die bibelstelle Matth. 5, 37 (quod a his abundat malum est), die goth. wieder mit dem adj. us þamma ubilin (mit dem adj. auch im Tepler codex), von den ersten deutschen bibeldrucken durchaus mit dem pl. wiedergegeben ist, z. b. Mentel (1466): daz kumt von den vbeln. dagegen Luther: ewer rede aber sey ja, ja, nein, nein. was drüber ist, das ist vom übel; so schon Tatian: so uuaz so ubar thaz ist, so ist iz fon ubile 30, 5 Sievers. nach Luther ist der sg. allgemein; auch in der profanen litteratur: thaten hören, ehe ich das bild erkenne: gesichtszüge sehen, ehe ich personen charakterisire: das will ich. was drüber ist, ist vom übel Herder 3, 455; ich vermeide sorgfältig alle bekanntschafft, die nur zeit verdirbt und sehe und studire unermüdet mit künstlern und kennern, alles andre acht ich vom übel Göthe IV 8, 66 Weim.; vor allem ist demnach das streben nach irdischen gütern ... vom übel D. F. Strausz 6, 41; weiteres geschwätz ist vom übel Holtei erzähl. schriften 7, 206; ... sich als dame benehmen, dazu sei das beste mittel tanzstunde. französisch und ein wenig klavierspiel würden auch nicht vom übel sein Polenz Grabenhäger 1, 356;

wir treiben jetzt familienglück,
was höher lockt, das ist vom übel
H. Heine 1, 426.


2) krankheit, körperliches leiden; sg. und pl. sichere belege für diese bedeutung finden sich erst vom 15. jahrhundert ab, doch läszt die verbreitung von übel in dieser bedeutung über alle westgerm. sprachen hohes alter vermuthen: vergisz des vbels, so bist genesen Seb. Franck sprüchw. 1, 35a; wer mit dem geschwär geschlagen wird, soll ... so offt vnd dick als er das vbel empfind jm übertrang thun Sebiz feldbau (1579) 64; leute, welche mit solchem übel behafftet seyn Prätorius anthropodemus plutonicus 1, 41; ich musz gestehen, dasz ich ... mehr als dreyzehen personen ... von diesem übel ... liberirt habe medic. maulaffe (1719) 41; die schwindsucht, das epidemische übel der gelehrten Kaestner 1, 55; ich brauche seit vielen jahren bei allen meinen übeln fast gar keine medicin Gellert 10, 56; ihr lieber theurer brief, mein bester, fand mich im bette, unbehaglich an einem vorübergehenden übel Göthe IV 29, 83, 6 Weim.; seuchen die durch ... berührung, oder gar durch den genusz des fleisches der gefallenen rinder, allerdings pestartige übel hervorzubringen hinreichten Niebuhr röm. gesch. 2, 92; die kranken sind nach verschiedenheit ihres geschlechts und ihres übels in mehrere ... säle verteilt Pückler briefwechsel u. tageb. 2, 282;

(Mufti): was ficht den käyser an?
(Ibrah.): ein ubel, das kein arzt, als Mufti heilen kan
Lohenstein 1, 23 (Ibrahim Sult. 610);

ein tartarisch übel wird die gicht genennt
Logau sinnged. 540 Eitner.


auch krankheiten bei thieren u. pflanzen: feigenbäume ... sein aber gerne wurmstichig, vnd damit sie solcher vngelegenheyt vnd vbels erlediget werden, soll man ... Sebiz feldbau (1579) 351; höchst auffallend ist es, wenn der mais von diesem übel befallen wird Göthe II 6, 192, 4 Weim.; als wenn es (das pferd) kein weiteres übel (als diese wunde) hätte 43, 287, 16 Weim.
b) der pl. ohne attr. ist selten: der selbige wind, der alle ... wolcken nach dem deutschen gebirg wirft und euch in norden vielleicht übel bringt Göthe III 254, 7 Weim.; denken sie sich in meine lage, dasz dieser schwindel sie verfolgt und dann die übel, die ihrer gesundheit unbekannt sind Solger nachgel. schriften 1, 412, 23.
c) durch adj. attr. specificiert: vollend obil, epilepsia Schröer vocab. nr. 814 14b; vgl. oben th. 3, sp. 1286; daz fallent ubel Brenner deutsches sprachbuch (1494) in Bayerns maa. 2, 417; dat valent ouel (15. jahrh.) Schiller-Lübben 3, 247; Richthofen 723; besonders als fluchformel:

[Bd. 23, Sp. 28]


also wenn soliche gedencken kummen, veracht sie vnd ... sprich ettwann: hond euch den ritten vnd das fallent übel Keisersberg brösamlin 1, 71b;

das vch das fallend vbel schütt! schweiz. spiele des 16. jahrh. 3, 227, 2274 Bächtold;

dann auch übertragen:

ich wil heim zu meim fallent übel (zur frau)
und reissen sie so marter übel,
solt ich sein kommen auff ein rad
Hans Sachs 9, 41, 14 ff. Keller.


nd. neben dat vallende ovel in gleicher bedeutung dat grote ovel Schiller-Lübben 3, 247a. vgl. Staub-Tobler 1, 55: 'das gross übel wird neben ritt und veitstanz in einer verschwörung genant'.
von dem flyegenden übel, davon die unbewarnoten gemt gefangen werden und in den tod gezogen Stainhöwel de claris mulieribus 28; verbreitung der venerischen übel durch die kriegsläufte Göthe III 4, 64, 3 Weim.; dieser treffliche mann curirte unter andern besonders desperate französische übel 43, 75, 15 (Cellini); bildlich: der pabst trat mit dem französischen hofe wieder in engere verbindung, worüber sich der kaiser sehr gröblich vernehmen liess: mehrentheils ziehe man sich das französische übel in der jugend zu, der papst bekomme es in seinem alter Ranke 4, 360; amerikanisches übel = lues.
d) an hiehergehörigen composita merkt Stieler (1691) 1375 folgende an: fall übel, epilepsia (vgl. oben th. 3, sp. 1268 'falbel' und sp. 1291); pestübel, contagium pestis; franzosenübel, lues venerea (vgl. oben th. 4, 1, 1 sp. 62); kopfübel, cephalalgia (vgl. oben th. 5, sp. 1781); zanübel, dolor dentium, odontalgia; hiezu kommen: ansteckungsübel, mikrobeninfection Höfler 760a f.; augenübel (ebd. u. oben th. 1, sp. 813); buch ovel, diarrhoe Höfler a. a. o.; bucouel, bauchwürmer jahrb. f. nd. spr. 15, 127; fuszübel, fuszgicht Höfler a. a. o. u. oben th. 4, 1 sp. 1056; lancevel, colica passio Graff a. a. o.; königsübel, der kropf am halse, so durch berührung mit der königlichen hand zum öfteren kurieret wird, the evil Ludwig teutsch.-engl. wb. (1765) 1778; man findet zwar auch krankheiten, die den menschen unempfindlich und gleichsam tödlich machen, als da ist der schlag, die popelsey, die hand gottes, S. Veltens plage, die hinfallende sucht, das s. Johannsubel Prätorius blocksberg 242. huer- oder huerenübel, krankhafte geschlechtbegierde: das h.-übel haben, in amoris rota versari Staub-Tobler 1, 56. übertragen: suer-übel ein mensch mit einem sirausschlag und ein sauerblickender mensch Höfler a. a. o., vgl. auch Martin - Lienhart 1, 8.
e) verengt: dauerndes gebresten, siechtum, namentlich böse krankheiten Lexer kärnt. wb. 245; ein andauerndes oder periodisch eintretendes gebrechen Staub-Tobler a. a. o.; gicht Stürenburg in den compp. foot-, hand-, knidd- vel; etwa wie in folgenden belegen: ich habe mein jährliches übel schon seit ostern gefühlt Gellert 8, 307; sein altes wiederkehrendes übel macht ihn für sein leben bange Göthe 40, 288, 4 Weim.; brand, wildes fleisch der wunde (bair.) Fulda idiot. 560.
f) die erkrankte körperstelle selbst: reibet als dann das übel drei oder viermal im tag Sebiz feldbau (1579) 92.
3) krankheit im metaphorischen verstande: aber das ist das alt gifft und pestilentsisch übel, das wir teutschen nie vil acht auff vnser mütter sprach gehabt haben Boltz Terenz deutsch (1539) A 3a; es ist gut, wenn junge leute in gewissen jahren vom poetischen übel befallen werden Lichtenberg verm. schriften 2, 203; Christus kuren sind kein flickwerk, nicht palliativ; sie rotten das übel sammt der wurzel aus Schubart leben und gesinnungen 2, 224; hochmut, der ... zum chronischen übel geworden ist Pückler briefwechsel u. tageb. 1, 103; dies ist aber nur eines von den vielen unheilbaren übeln unserer jetzigen verfassung G. Forster 8, 67; das übel erkennen, heiszt schon ihm teilweise abhelfen Bismarck politische reden 9, 57;

doch ach! was hilft dem menschengeist verstand,
dem herzen güte, willigkeit der hand,
wenn's fieberhaft durchaus im staate wüthet
und übel sich in übeln überbrütet
Göthe Faust II 4781.

[Bd. 23, Sp. 29]



4) jeder schmerz, jedes leiden, unbehagen körperlicher wie geistiger art: die weil dan dis leben nith anders ist dan ein unseliges ubel, davon gewiszlich auch anfechtungen erwachssen, so sollen wir des ubels darumb begeren losz tzu werden, das die anfechtung und sund auffhorenn und also gottis will gesche Luther 2, 126 Weim.; denn gott lest sie ynn schande, ynn armut, ynn kranckheit und ander ubel fallen 26, 207 Weim.; denen wurd alles vbel vnnd jamer z theil werden W. Xylander Polybius (1574) 159; also sollen die jungen herren jhr leben in lust vnd freuden, vnd nicht in schweren gedancken oder anderm vbel vertreiben buch der liebe (1587) 139b; glückliches kind! das kein übel kennt, als wenn die suppe lang ausbleibt Göthe 8, 28, 3 Weim. (Götz); nur machten mir meine nägel, die immer fortwuchsen, das gröszte übel 43, 359, 7 Weim. (Cellini);

sie trib vom Welschland das gesind
durch vngestüme rauhe wind,
das sie auszstanden etlich jar
nach gottes willen grosz gefahr,
vil übels auff dem meer einnamen,
bisz sie in Latium dar kamen
Spreng (1610) Aeneis 2b, I;

auf das unrecht, da folgt das übel,
wie die thrän' auf den herben zwiebel
Schiller 12, 35 (Wallenstein);


5) unglück, unheil, schaden, miszstand.
a) malum ubel, unglück Garthius (1659) 441a; malore v. unglück Kramer (1678) 1064b; ein übel beut dem andern die hand, one mischief comes in the neck of another Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1778; so gib ich ain weg, daz uns kain übel darumb begegnet viam dabo qua nihil mali patiemus Stainhöwel Äsop 38; dasz Eva von der verbottenen frucht asz, ist das allergröszte vnd schwereste vbel buch der liebe 292, 2; und vor künfftigem übel warnet uns got der barmhertzig Sleidanus reden 72; die kometen sind üble vorbothen und erst neulich sah ich einen ... alten, der ... dem himmel dankte, dasz er schon alt wäre und der erste von dem bevorstehenden übel loskäme B. Mayr päckchen satiren (1769) 104, 5; er liesz sich belehren, dasz die in China so gemeine hungersnoth ein überaus seltenes übel wäre Haller Usong (1771) 49; und das ist eben der fall der tragödie, wo wir alle das übel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern anderen begegnen sehen Lessing 10, 106; unzeitige gebote, unzeitige strafen bringen erst das übel hervor Göthe 17, 307, 11 Weim.; für ein übel, das noch nicht geschehen ist, kann man immer mittel finden Klinger 3, 103 (Fausts leben);

hetst du mit heyrat mich versehen
so wer solch übel nit geschehen
Hans Sachs 2, 32, 26 Keller;

mag wol ein übel seyn, das trost nicht könnt erreichen?
A. Gryphius trauersp. 117;

kaum war dieser wunsch erfüllt,
... als neues übel schon
dem sichern hause zubereitet war
Göthe 10, 19, 409 Weim. (Iphigenie);

(Walter:) und grad' auch heut
noch die perücke seltsam einzubüszen!
die hätt' euch eure wunde noch bedeckt.
(Adam:) ja, ja. jedwedes übel ist ein zwilling
H. v. Kleist 1, 401 (zerbr. krug);


b) besonders in der gelehrtensprache. in der geschichtsprosa und im zeitungsstil: ein anderes übel, das die städte sowohl als das land plagte, waren die übermässigen anlagen M. J. Schmidt gesch. der Deutschen (1778) 1, 116; mein geschäft (verhandlung in betreff des studentenkrawalls wegen der garnisonierung von truppen in Jena) geht so ziemlich; es ist ein verwickeltes übel Göthe IV 9, 184 Weim.; als durch reichthümer die sitten verdorben wurden, trug sich zu, dass die stadt unter den übeln der oligarchie und ochlokratie zu gleicher zeit litt J. v. Müller 1, 105; aber Deutschland war ... so zerfallen, und es gab so viele innere übel zu bekämpfen Raumer gesch. d. Hohenstaufen 4, 84; die räuberwirthschaft war daselbst ... ein stehendes übel Mommsen röm. gesch. 2, 79.
c) einem übel abhelfen, begegnen, steuern, vorbeugen, wehren': to remedy an evil, to mend the mischief Hilpert (1845) 633b; dieses ungewitter ... sehe (ich) bereits ... herrauschen,

[Bd. 23, Sp. 30]


wo nicht durch klugheit und angräntzende verbindung diesem übel beyzeiten begegnet wirt Ziegler asiat. banise 279; es ist die höchste zeit, dasz man diesem übel abzuhelfen suche Ph. Hafner 2, 73;

demnach ich sah, wie jr euch naget,
all tag mit kumer frett vnd plaget,
meint ich ein guten dienst zu thun
wann ich euch dauon abhülff nun
vnd vorkäm etwan grösserm vbel
Fischart Garg. 2 neudr.;

ist's gnug, auch in der regierung der völker übel zu bedauren, die wir heilen, denen wir zuvorkommen können? Herder 17, 107; der wirth bat ihn, er möchte einem so groszen übel (dem räuberischen überfall) vorbeugen Göthe 43, 296, 12 Weim. (Cellini). ungewöhnlich: die türken scheinen diesem übel vorgebogen zu haben Zimmermann von dem nationalstolze 23; damit diesem übel bey uns an der wurzel vorgegriffen werde, sehen sie da dringenden anlasz zu einem gewaltsamen und entscheidenden schlage Lenz vertheidigung des herrn W. 7; Aeschinus nimmt einem sklavenhändler ein mädchen mit gewalt aus dem hause ... aber er thut das weniger um der neigung seines bruders zu willfahren, als um einem gröszeren übel vorzubauen Lessing 10, 197; das ... gieng ... so weit, dasz die Römer den ... könig Athalarich ersuchten dem übel zu steuern M. J. Schmidt gesch. d. Deutschen 320. auch pl.: wir finden die städträthe unaufhörlich beschäftigt, diesen übeln zu steuern Ranke 1, 170;

darumb ein rath thut wol vnd recht,
dasz er gegen die (diebe) schärff ankehrt,
damit dem vbel werdt gewehrt
Mangold marchschiff (1596) Ciij;

noch gleichwol will der hoff zum grossen hertzleid haben
viel lieber einen mann von solchen edlen gaben,
als einen wahren freund, der saget was gebricht,
dem übel klüglich wehrt, dem unheil widerspricht
J. Rachel satyr. ged. 99 neudr.


d) von zweien übeln soll man das kleinste wählen Reinsberg-Düringsfeld 2, 752 (nach Cicero de officiis: ex malis eligere minimum); vermeinten daher unter zweyen üblen das geringste zu erwehlen und lieber dem feinde im lande seinen willen ein zeitlang zu lassen, als die blocquade zu quitiren und aufzuheben Chemnitz schwed. krieg 4, 1, 50b; ich habe, sagte er, unter dem übel das kleinste gewählt Hippel über die ehe 97. variiert: auf soliche treung mst der conuent ausz zway ubeln das grost fliechen Knebel Kaisheimer chron. 448.
e) formelhaft in der verbindung 'nothwendiges übel': alszo haben sie beschlossen, das eyn weyb sey eyn nöttigs ubel und keyn hauss on solch ubel Luther 102 293, 7; in summa, ein weib ist ein nothwendiges ubel, eine natürliche anfechtung, eine einheimische gefahr, und ein lustiger schade Ziegler asiat. Banise 342; ist eine frau ein unstreitiges übel, so ist sie auch ein nothwendiges übel Lessing 2, 7, 24; ich bekenne, krieg und processe sind ein nohtwendiges übel Liscow vorr. 51; ich könnte zugeben, dasz schlechte schriftsteller ... ein nothwendiges übel wären Dusch verm. krit. u. satyr. schriften 197; bis dieser kreislauf vollendet ist, .. ist das rezensiren ein nothwendiges übel A. W. Schlegel Athenäum 1, 142; andere betrachten sie (die eisenbahnen) als ein nothwendiges übel Moltke ges. schriften u. denkwürdigkeiten 2, 235; auch pl.: wenn sie die nothwendigen übel groszer staaten unbedachtsam nachahmten Thibaut über d. nothwendigkeit eines allg. bürgerl. rechts 409.
6) eine gegen die sittliche weltordnung verstoszende handlung; übelthat, sünde. in dieser bedeutung am frühesten und ahd. und mhd. am öftesten gebraucht. schon goth.: Joh. 18, 23: andhof Jesus: jabai ubilaba rodida, veitvodei bi þata ubil (μαρτύρησον περὶ τοῦ κακοῦ); ahd. meist für lat. malum: z. b.

ther nithuíngit sinaz múat ioh thaʒ úbil al gidúat
... ther házzôt io thaʒ lioht sâr.
Otfried 2, 12, 91;

fare in álethrâtî, sô uuer so io úbil dâti 2, 23, 29;


a) du solt ... frömdes ubel williglichen lyden der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) IXa. der falsch ritter bekannt sich seines ubels (dasz er den knaben vergiftet habe) buch der liebe 311, 1; wie Abraham ..., wie wol

[Bd. 23, Sp. 31]


er der cristen herren böse werck und vbel gesehen het zu einem guten kristen warde Arigo decam. 29, 18 Keller; kein übel war so klein, welches er (Georg Wilhelm) übersah Lohenstein Georg Wilhelms lobschrift (1679) G 5d; wer mag die übel zählen, die im namen des h. geistes verübt sind? Herder 20, 12; denn wenn erst das bewusztsein des übels sich regte, wenn die scham zu erwachen begann, dann würde ja auch bald der wunsch kommen nach besserung Polenz Grabenhäger 1, 238;

die weyl ihn (den menschen) ob sein hohen gaben
der Sathan hefftig wird durchechten,
zu allem übel ihn anfechten
Hans Sachs 1, 23, 17 Keller;

Daniel was gantz jung der jar
macht sölches übel (die falsche anklage der juden gegen Susanna) offenbar.
J. v. Schwartzenberg der teutsch Cicero 110;

der schmid zum brder sprach z stund
das übel (die schändung eines heiligenbildes durch juden) mag ich doch nit verschwigen
Gengenbach 41 Gödeke.


b) übel thun, ausführen, stiften u. dergl.: solt ich disz übel, frouw, tn oder gedencken? solt ich minen herren verraten Niclas von Wyle translationen 29, 4; awe, awe was grossen übels ich begangen han Arigo decam. 191, 16 Keller; wie sölte ich dann ein sölich grosses übel begon und wider gott sündigen bibel verteutscht (Zürich 1531) 1. Mos. 39, 9; dann war es ihm, als ob dies das letzte übel sei, das er stifte A. v. Arnim 10, 61;

ach got, grosz übel hab ich thon
Hans Sachs 1, 55. 5 Keller;

der schlaue bösewicht verdienet straf' und tod
für übel, die er that, für übel, die er droht
Ramler fabellese 1, 36.


c) auch in der älteren rechtssprache, so oft in der Carolina ohne jedoch zu einem bestimmt umgrenzten rechtsterminus zn werden: straff des übels, das in gestalt zwifacher ehe geschicht art. 121; dermassen, das etlich derselben übelteter nit allein die jhenen, die ungefangen, sonder auch etlich derselben, die solicher irer begangnen übeltat halben in des reichs gefänncknus und pannden gewest, unaufgelegt und unempfangen verschulter gebürlicher und rechtmessiger straffe gesichert und ledig gelassen sind, und aber durch soliche bewissne gnade, wie wol die in guter meynung was beschehen, nicht allein das übel ungestrafft beliben ... ist Nürnberger polizeiordnungen 42 Baader; und ld mit den briefen hertzogen Fridrich von Österrich für sin künglich hoffgericht umb das übel, so er dann an im getan hett Richental chron. d. Constanzer conzils 65.
d) 'übel strafen, rächen': nun kan dennocht das vbel nit vngestraffet beleiben, so gilt es in dem fal gleich ob es mit disen oder andren penen geschehe Murner a. d. adel 48 neudr.; wer übel nicht straft, ladet es zu hausz Schellhorn sprichwörter (1797) 99;

das übel wirt gerochen altdeutsche passionssp. aus Tirol 12 Wackernell;

also hab wir auff diesen tag ...
gestrafft das übel an ihn allen
Hans Sachs 2, 19, 18 Keller;

das ich die sünd vsrütten sol
vnds vbel straffen zaller zyt schweiz. schausp. des 16. jh. 3, 296, 399 Bächtold;

von welchem wird der eyd gebrochen
desz vbel bleib nicht vngerochen
Joh. Spreng Ilias (1610) III 35a.


7) laster, schlechte gewohnheit, schlechtigkeit, bosheit: die aller übel unzucht und boszheit vol sint Arigo decam. 48, 15 Keller; aber das büchlin schicke ich ... dir nit, als etwas guttes, dann es hat nichtes gts in im, mer ist sein inhalt schand laster vnd alles übel Hutten 1, 323, 22; drey sollen behuten eynen iderman vor Rhom, lernung des vbels, verletzung der gewissen vnd vahung bösser exempell 4, 267; got wöll, ... vorgenänts vbel, dess vil, vnd vberschedlichen ztringkens von vns ... abwenden Schwartzenberg der teutsch Cicero 81; da nun Theobaldus ... anhbe z bedencken das grosz übel und unrecht, darin die gemüter und gedanken der menschen gefallen weren Montanus schwankbücher 194; eben dieses übel (schmeichelei) hat auch die Römer ... betrogen

[Bd. 23, Sp. 32]


Butschky Pathmos 7; afterreden ... das ungeselligste sittliche übel, das es viel leicht giebt Lichtenberg nachlasz 62, 2; ich halte ihn für einen vollkommen ehrlichen mann und wenn ich selbst ein übel (einen makel) an ihm sähe, so würde ich es nicht glauben Göthe 43, 152, 5 Weim. (Cellini); diesen also einen gröszeren schwung zu geben und den willen mit gedoppelter kraft zum vollkommenen hinzuziehen und vom übel zurück zu reiszen Schiller 1, 158; die heuchelei erscheint dem wahrheitsliebenden deutschen als der übel ärgstes Scherer literaturgesch. 78;

o bekämpfe ja
das übel, das in deinem busen sich
auch wieder deinen eignen willen schleicht
Göthe 11, 288, 24 Weim.


8) concret der gegenstand, die person selbst, welche bresthaft ist oder schaden bringt, als schmähwort oder als derbes scherzwort:

ach folgt nicht dem farbuzten üwel
Fischart Garg. 49 neudr.;

auch unser krummer kirchenthurm
mein nachbar, hat nicht gerne sturm,
sonst fällt das alte übel
noch gar auf meinen giebel
Vosz 6, 128.


 
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übelan, adv., gehässig: ihr wisset ja, der Colin ist mir von jeher übelan gewesen, und hat immer gesucht, wo er mich kränken konnte! H. Zschokke 22, 28.
 
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übelangebracht, adj., unzweckmäszig, unrichtig; wie so viele der folgenden übel-composita als gegensatz zu wohl-gebildet und seit dem 18. jahrh. bei abstracten in attributiver und prädicativer function allgemein: bey aller rührung muszten wir über die übelangebrachte höflichkeit unsers hn. verf. lachen allg. d. bibl. 19, 2, 296; man fragte aus einer übelangebrachten vorsicht Nicolai reise 7, 148; den text reinigte herr v. ... von aller übelangebrachten gelehrsamkeit Göthe 38, 379, 14 Weim.; hielt sie wirklich Bothwell für unschuldig, so hat sie sich nur eines zu groszen und übelangebrachten vertrauens anzuklagen O. Ludwig 5, 394.
 
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übelangst, adj.: bey jeder kecken und kühnen stelle ward mir herzinniglich wohl, bey jeder sottise, ward ich übelangst und beklommen Zimmermann über die einsamkeit 2, 26 anm.