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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ratscher bis rätsel (Bd. 14, Sp. 191 bis 194)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ratscher, rätscher, m. der da ratscht oder rätscht.
1) nachtwächter, der die rätsche hat; daher straszenwächter oder scherge überhaupt: ein engel, so das register hatte, fand, dasz noch etliche schergen und rätscher vor zu fordern wären. Philander 1 (1642), 267; am rande nur schergen.
2) der flachs oder hanf bricht: rätscher Stalder 2, 261.
3) schwätzer, plauderer, klätscher, übler nachreder: jr zuckerpapagoi, hetzenamseler, hetzenschwetzer, starnstörer, scherenschleifer, rorfinken, kunkelstubische gänsprediger, schärstubner, judasjagige retscher, waffelarten, babeler und babelarten, fabelarten und fabeler. Garg. 17b; zuschürer, rätscher, mährentrager, ohrenbläser. Philander 1, 673;

die rättscher sind dört uff der ban.
was mögen sy geschaffet han? Daniel 1545 Ob.


4) ratscher, leidenschaftlicher spieler. Kehrein 324.
 
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rätscherin, f.
1) flachsbrecherin Stalder 2, 261.
2) schwätzerin, klätscherin: damit nicht durch friedhässige, leichtgesinnte höflinge oder butzbacherinne und rätscherinne dem praeceptorn irgend unnöthige reden und sachen zu ohren gebracht werden, die ihn bewegen, betrüben, erzörnen. Philander 1, 631.
 
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ratschlag , vorschlag oder anschlag in oder zu einem rat.
1) plan der bedacht oder gefaszt wird, anschlag: das sie (Augustins mutter Monica) gern gesehen hette, das er ein christ würde, und schlug viel rahtschleg an, das sie jn zum christen machte. Luther 3, 163b; das die Syrer wider dich einen bösen ratschlag gemacht haben. Jes. 7, 5; diese leute haben unselige gedanken, und schedliche ratschlege in dieser stadt. Hes. 11, 2; indessen gedachte ich an meine liederliche betler, vaganten und unnütze landstörzer, mit denen unser Teutschland gleichsam uberschwämt ist. ich machte allbereit rathschläg, wie ich mit ihnen verfahren .. wolte. Simpl. 3, 308 Kurz (nachher s. 309 anschläg genannt);

ein lerman wardt geschlagn,
ein ratschlag man erfandt.
Soltau 332 (16. jahrh.);

dann die oreigalea, welche ein politischen warlich unsichtbar macht, ist die verbergung der ratschläg, und geschwindigkeit in verrichtungen. Schuppius 753; redestu mit deinem freunde von wichtigen sachen, so rede sachte, damit nicht der feind deinen anschlag höre. pers. rosenth. 8, 16; wenn sie von keinen guten rathschlägen sind, und ihre sachen nicht nach weiszheit anzufangen wissen. Lokmans fab. 34.
2) rat der ertheilt wird: zu der zeit wenn Ahitophel einen rat gab, das war, als wenn man gott umb etwas hette gefragt, also waren alle ratschlege Ahitophels, beide bei David und bei Absalom. 2 Sam. 16, 23; er ... hat es ausz der erfahrung, das in allen sachen der jenig das best gerathen, dessen rathschlag, thun, und verrichtung zu nutz und wohlfart auszgeschlagen. Zinkgref apophth. 1, 36; dünke dich nie zu weise, den rathschlägen eines kenners zu gehorchen. Gellert 5, 241; eine in Spanien zugebrachte jugend öffnete sein ohr den schlimmen rathschlägen der jesuiten. Schiller hist.-krit. ausg. 8, 25.
3) beratung zu der man zusammentritt: und wo sich die Augustiner nicht wolten weisen lassen, so wolten sie alsdenn in ratschlag stellen, und ir bedenken, was darin zu thun sein solt, s. c. f. g. anzeigen. Luther 2, 5a; da bedenkt und bricht man sich, wie mans wölle machen, da gehet viel rahtschlags. 4, 12a; zum radtschlag nemmen und berfen, ad deliberationes aliquos adhibere. Maaler 322b; so mögen sie andere vierzig mann zu einem rathschlag nehmen. Reuter v. Speir kriegsordn. 68; in den rathschlägen sehen viel augen mehr als eins. Schuppius 756;

nun, ge nur hin, ich wil mit dir,
das wir den ratschlag enden schir.
H. Sachs fastn. sp. 2, 73, 112;

glüeck zw, ir nachtpaurn, ain gueten tag!
was hapt ir hie vür ain ratschlag
in der kirchen und secht so saur? 6, 31, 87;

überlegung bei einer solchen beratung: die sach erforderet einen radtschlag, der handel darf wol dasz man jn wol betrachte, habet res deliberationem. Maaler 322b; das dabei abgegebene urtheil: (als er) gefraget wurde, warumb er des königes rathschlag oder meinung, als die beste, allen andern vorzöge. pers. rosenth. 1, 34.

[Bd. 14, Sp. 192]



4) gefaszter beschlusz: so höret nu den ratschlag des herrn, den er uber Edom hat, und seine gedanken, die er uber die einwohner in Theman hat. Jer. 49, 20; aber sie wissen des herrn gedanken nicht, und merken seinen ratschlag nicht, das er sie zu hauf bracht hat, wie garben auf der tennen. Micha 4, 12.
5) ratschlag als obrigkeitliches wort, eine zu gesetzmäsziger beratung ausgearbeitete vorlage: den radtschlag des radts in geschrift verfassen, perscribere authoritatem. Maaler 322b; ratschlag von erweiterung der hellen. Garg. 20b; stelle die quaestiones, darauf du rathschlag bringen lassen wilt. Ayrer proc. 1, 11; Belial stellet die quaestiones, auf die er seine rathschläg verfertigen lassen wolte. ebenda; wann es zu herrschaftlichen geschäften, verrichtungen und rathschlägen kompt. Philander 1 (1642), 326; und die damit in verbindung stehende beratung (vgl. oben 3):

Luci, du must mir sagen thun,
was man doch hewt in dem senat
so gar lang peratschlaget hat,
das der senat so lang ist gsessen ...
sag on all schewch den ratschlag klar.
H. Sachs fastn. sp. 6, 137, 49.

ratschlag in solchem sinne einer zur beratung gestellten vorlage ist in der Schweiz noch jetzt gebräuchlich.
 
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ratschlagen, verb. ratschlag halten.
1) als denominativ zu einem so früh sonst nicht nachgewiesenen subst. râtslac erscheint schon ahd. ein râtslago conjicio. Graff 6, 775, den infinitiv râtslagôn bedingend, was sich im mhd. nicht häufigen râtslagen (Lexer wb. 2, 352) fortsetzt; die schwache conjugation ist auch im nhd., wo das wort gewöhnlicher wird, meistentheils gewahrt und an beweisenden formen sichtbar. es heiszt du ratschlagst, er ratschlagt: (der könig) ratschlaget. Luc. 14, 31, s. die stelle unter 2; wo er also so weit sieht, rechnet, rathschlaget, handelt. Herder z. phil. 3, 123;

wo noch die fröhlichkeit nicht rathschlagt, sich zu freuen.
Gökingk 3, 51;

im nahen busche rathschlagt man.
Voss 6, 148;

prät. ratschlagte: als die weisen von einer gewissen sache rathschlageten. pers. rosenth. 1, 40;

aber ich selbst rathschlagte, wie doch am besten zu thun sei. Odyss. 9, 420;

part. geratschlagt: dasz ... geratschlagt worden sei. Becker weltg. 13, 457; nun ward geratschlagt, was wohl das entbehrlichste sei. Göthe 30, 121; doch auch ratgeschlagt: er hat dem menschen das ratgeschlaget. Terent. (1499) s. 124a; wie für die infinitive fügung zu ratschlagen: er ... komme auf euer verlangen, mit euch zu rathschlagen. Göthe 8, 253, auch ratzuschlagen vorkommt: wenn die ziegen .. rathzuschlagen begannen. Immermann Münchh. 2, 78;

und fing mit jm an rhatzuschlagen.
Fischart Domin. L 2a;

aber früher und später macht sich daneben eine fälschliche übertragung von formen des starken verbums schlagen hierher geltend: sind sonst also gewohnet zu ratschlahen. Luther 6, 137a; während man über die dazu erforderlichen mittel ratschlägt. Göthe 39, 361; im 16. jahrh. namentlich gern in den präteritalformen: in einem rathschlag, da Emsers abgott, bapst und cardinal rahtschlugen. Luther 1, 366a; er aber verlies den rat der eltesten, den sie jm gegeben hatten, und ratschlug mit den jungen, die mit jm aufgewachsen waren. 2 chron. 10, 8; von dem tage an ratschlugen sie, wie sie jn tödten. Joh. 11, 53; von dapfern sachen rathschlgen die fürsten, von geringern yedermann. Frank weltbuch 34b; giengen zusamen und rotschlugen, wie sy der sach thun wolten. Basler chron. 1, 84, 32; die rathschlugen mit einander, wie sie sich gegen Scipione schicken wolten. Livius bei Rihel (1562) 315; wollt jhm entgegen ziehen, damit sie rathschlügen, wie den sachen zu thuen were. 527; vgl. auch unter beratschlagen th. 1, 1488;

deshalb rhatschlugen sie all beid.
H. Sachs 5, 281c;

part. geratschlagen:

fragt mich mein mutter, ir zu sagen,
was man den tag het gerhatschlagen. 277c (dessen fastn. sp. 6, 147, 349);

und es bildet sich selbst ein unverbundenes rat schlagen: der sn nam seinen vater z im und etlich ander fürnemen bürger und liesz davon radt schlagen. Livius von Schöfferlin (1546) 135a;

drum hab ich hier zusammen euch geladen,
um rat zu schlagen, männervolk und greise!
Platen 294;

[Bd. 14, Sp. 193]


vgl. bei Luther: aber die opfermesse, halt ich, sei ein gemein werk aller teufel, da sie alle hende, allen raht, alle gedanken, alle bosheit und alle schalkheit zusamen geschlagen, und diesen grewel gestift und erhalten haben. 5, 285b.
2) ratschlagen, nach ratschlag 1, planen, überlegen: er rathschlagte achtzehn tage mit sich über die waldschlacht. Klopstock 12, 242; transitiv:

und Raufbold und sein heer rathschlagt indesz verbrechen.
Zachariä 1, 25.


3) gewöhnlich nach ratschlag 3, beratung pflegen: radtschlagen, radthaben, sich mit einanderen beradten, agitare consilia, consultare. Maaler 322b; mit einanderen radtschlagen, consilia agere, consilia conferre. 322c; mit einem radtschlagen, adhibere sibi aliquem ad vel in consilium, communicare inter se aliquid. ebenda; so kom nu, und las uns mit einander ratschlahen. Neh. 6, 7; weh den abtrünnigen kindern, spricht der herr, die on mich ratschlahen. Jes. 30, 1; könige und fürsten rahtschlagen mit einander. Luther tischr. 81a; deszhalben er an einem sonntag z seiner frauwen nider sasz, mit jren radtschlaget. Wickram rollw. 178, 21 Kurz; ach wie schwer kompt es einen an, und blutlichen saur wirds ihm, wer mit ... falschen und giftigen leuten über land soll reisen, oder in regimenten mit ihnen rahtschlagen und umbgehen. Schuppius 835; mit denen alten soll man rathschlagen und mit denen jungen fechten. Pistorius thes. par. 2, 16; die fürsten rathschlagen und beschlieszen, die götter lenkens. Klopstock 9, 190; es hindert uns nichts, zu rathschlagen. 206; ihr fürsten! euch haben die götter zwar durch mich nichts zu antworten; aber ihr rathschlagt ja nicht mehr. 317; heut abend hoff ich soll unser alter medicus kommen, und dann wollen wir weiter rathschlagen. Göthe 20, 27;

so könnent jr dest basz ratschlan. trag. Joh. N 6;

es heiszt ratschlagen von etwas: darumb auch bisher kein glück gewest ist bei uns, weder zu streiten, noch zu rahtschlagen vom streit wider den Türken. Luther 4, 439b; das unglück, davon meine feinde ratschlagen, müsse auf jren kopf fallen. ps. 140, 10; der könig hat mit ihnen von wichtigen sachen gerathschlaget. pers. rosenth. 1, 34; über einen oder etwas: sie ratschlahen mit einander uber mich, und denken mir das leben zu nemen. ps. 31, 14; und rathschlagen, so scheint es, über herzensangelegenheit. Tieck 4, 46; wider, gegen einen: die herren ratschlagen mit einander, wider den herrn und seinen gesalbeten. ps. 2, 2; sie machen listige anschlege wider dein volk, und ratschlahen wider deine verborgene. 83, 4; aber sie sprechen, kompt, und laszt uns wider Jeremia ratschlagen. Jer. 18, 18;

die fürsten der welt stehn auf,
und die groszen rathschlagen zusammen,
entgegen gott
und entgegen seinem könig.
Herder z. litt. 4, 219;

ratschlagen mit inf. und zu: sy radtschlagend oder haltend radt sy all ze vertreiben oder z verjagen, agitant expellere cunctas. Maaler 322c;

aber dahin lasz schwinden die einzelnen, welche gesondert
etwa von uns rathschlagen (denn nie wird solchen erfüllung!),
heim gen Argos zu kehren. Ilias 2, 347;

mit nachsatze: denn wenn krieg oder sonst ein unglück uber sie komet, ratschlahen die pfaffen unternander, wo sie sich zugleich mit den götzen verbergen wollen. Baruch 6, 48; welcher könig wil sich begeben in einen streit, wider einen andern könig, und sitzt nicht zuvor und ratschlaget, ob er künde mit zehen tausent begegen dem, der uber jn kompt mit zwenzig tausent? Luc. 14, 31; wir wollend radtschlagen was wir ze schaffen habind, nobis consilium capiemus. Maaler 322c; man rathschlagte, was man thun sollte, und konnte keinen entschlusz fassen. Göthe 18, 255;

land uns gan mit einandren heim
ratschlagen, wie wir wellent weren. trag. Joh. N 6;

transitiv: das ich weis on gefehr, was sie denken, und bei sich ratschlahen. Luther 8, 3b; wichtige dinge mit frauen wollen ratschlagen, ist thöricht. pers. rosenth. 8, 69;

der marschalk sprach: mein frau, die will
die sach nach notdurft ratschlagen.
liesz darauf in der landschaft fragen,
was hierin ir gutdunken wer. Teuerdank 5, 75;

der infinitiv als subst.: welch ein zusamen reiten und heimlich rahtschlahen, und raunen hub sich da. Luther 5, 278a; man bedarf nit radtschlagens, wenn ein sach nit sein mag, inciditur omnis deliberatio, si intelligitur non posse fieri. Maaler

[Bd. 14, Sp. 194]


322c; das part. prät. bezüglich eines beim ratschlagen dienenden gegenstandes: Augustus ist ein gott geworden! ihm mag Hebe den taumelsaft in der goldenen schale reichen. reicht ihr uns nur das rathschlagende trinkhorn, jünglinge! und wir, seine sterblichen besieger, wollen den gott nicht neiden! Klopstock 8, 206 (Hermannsschlacht 11).
4) ratschlagen, nach ratschlag 4, beschlieszen: im dreizehenden jar Nebucad Nezar des königs .. ward geratschlagt im hause Nebucad Nezar, des königs von Assyrien, das er sich wolte rechen. Judith 2, 1.
 
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ratschlager, ratschläger, m. der ratschlagt: radtschleger der einen verzug begert sich weiter zu bedenken, deliberator. Maaler 322c; nach langem solchem reden und gespräch diese falschen rahtschläger von einander schieden. buch der liebe 56c; um in dem kleinen lande Schilda die allervortrefflichsten rathschläger aufsprossen zu lassen. Tieck 9, 14; welch eine menschenfreundliche begebung wird die sündflut in so offenbarem aufschlusz ihres rathschlagers und geschichtbeschreibers. Herder bei Campe.
 
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ratschlägig, adj. suasibilis; ratschlegig Dief. 558c; radtschlägig, der etwar von radtschlaget und den dingen gern nachsinnet, deliberabundus. Maaler 322b; der auch rahtschlägig, verschwigen, tapfer sei. Fronsperger kriegsb. 1, 221b; die Itali sind ein rathschlägig und listig volk. Stumpf 1, 6a; Caius Volusenus, ein obrister des kriegsvolks, ein gar radtschlägig und dapfer mann. 2, 362a; im gekürzten superlativ: dieweil der churfürst Jochim, seliger, hochlöblicher gedechtnus, der weisest und ratschlegiste fürst dazumal in Deutschland gewest ist. Thurneiszer von wassern (1572) 355.
 
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ratschlagung, f. das beraten, mhd. râtslagunge: dürfen die barden nicht vorher noch ein wenig singen, eh ihr die rathschlagung anfangt? Klopstock 9, 193; die elohim rathschlagen mit einander, und drücken dieser rathschlagung bild in den werdenden menschen: verstand und überlegung also ist sein auszeichnender charakter. Herder zur philos. 5, 274.
 
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ratschlusz, m. beschlusz nach überlegung, gefaszter beschlusz: mit dem rathschlusse gottes. pers. baumg. 5, 8; ein herrliches stattliches ding ist es umb die philosophia practica, dergestalt, dasz ein guter aus den bewehrten historien hergenommener und gemachter rahtschlusz mehr vermag und auszrichte, als biszweilen ein ganzes kriegsheer. Schuppius 417; aber ich mache sie (diese fragen) auch einem weisen, einem christen, der es weisz, dasz .. ein ewig weiser rathschlusz über uns waltet. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 104; wehe dem vater, der die rathschlüsse einer höhern weisheit durch verzärtelung zernichtet! räuber 1, 1;

der mann
will seinen hasz, und keine zeit verändert
den rathschlusz, den er wohl besonnen faszt. braut von Mess. v. 409;

ersann er diesen rathschlusz wider uns?
Stolberg 14, 169;

allein du ertrugst, bis ein rathschlusz
dich aus der höhle geführt, wo todesgraun du zuvor sahst. Odyss. 20, 20;

auch ratsschlusz: der rathsschlusz gereicht dir zu ehren, decretum tibi honorificum est. Steinbach 2, 449; den rathsschlusz gut heiszen, decretum probare. ebenda; sonst aber ist ratsschlusz, s. d., von ratschlusz verschieden.
 
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ratsdiener, m. diener eines rats, namentlich einer städtischen ratsbehörde: rathsdiener, apparitor Frisch 2, 89c;

die anderen zwölf in gemein
sollten die zwölf rath-herrn sein.
der Jocham Spät ist rathsdiener,
darob sehr lachten alle Wiener.
Opel u.
Cohn 27, 43.


 
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rätsel, m. polygonum persicaria, flöhkraut, auch räthschel, rötschel, rötich u. ähnl. Nemnich 4, 1032.
 
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rätsel, n. aenigma.
1) als ableitungen von raten, ahd. râtan, und in dem allgemeinen sinne eines gegenstandes für sorge, nachdenken und überlegung, daher auch conjectura, problema, parabola, propositio glossiert, begegnen im ahd. mehrere wörter: am häufigsten in alemannischen, bairischen und hochfränkischen quellen das fem. râtissa, râtussa, neben welchem ein nur bairisches und alemannisches râtisca hergeht, fortgesetzt später mhd. als râtische, rætische, rêtische, rætsche, und mit verderbnis bis in das nhd. als räters, rätersch, räterisch (vgl. sp. 182); sodann die weniger bezeugten râtunga und râtnussa, die ebenfalls später noch fortleben (vergl. ratnis sp. 188 und ratung), die untergegangenen

[Bd. 14, Sp. 195]


râtiscunga, râtinisca und râtnissida, und endlich, nur einmal bezeugt und mitteldeutschen gepräges, das neutr. râtisli: ze râdislen, ad propositionem Graff 2, 469, welche letztere form ihre rechte heimat im niederdeutschen sprachgebiete hat: alts. râdisli (per) aenigmata, râdislon Haupts zeitschr. 15, 520, 152; mnd. mit umsetzung radelse, redelse, redelschen, redelszen Dief. 202c; ags. rædels (engl. nachher riddle); das mnl. schlieszt sich mit raedsel, geraedsel aenigma, gryphus, quaestio perplexa, nodosa, intricata, scrupulus, scrupus, conjectura Kilian, reedsel, disputierlick rede Dief. 461c, rætsele mathesis fundgr. 1, 387a der altmittel- und altniederdeutschen form an. im mhd. dringt diese erst spät und allmählich ein, unter mancherlei kleinen veränderungen der wortgestalt, die davon zeugnis geben, dasz man sie nicht als heimisch empfand und daher daran modelte: enigma ratsal, ratczal, retsel, reetsel, reetzell, retzel l. retsche Dief. 202c; mathesis ratsal, rotsal, reetsel l. reetnis, retsele, rätsele 351b; problema ratsal, rotsal, reetsel, retsel, retzel, redsel 461c; enigma rætsel nov. gloss. 150b; aber erst in und nach dem 16. jahrh. ist die bezeichnung, offenbar wie so oft nach dem sprachgebrauche Luthers, in der schriftsprache allgemein geworden und hat andere (auch zusammensetzungen wie ratfrage sp. 183) aussterben lassen. nachklang der früheren bunten formen im 16. jh.:

eins mals ein bawr ein radtszall gab.
B. Waldis Esop 2, 12, 55;

der apt (wiewol ers thet nit gern)
doch must zu gfallen seinem herrn
annemen die bstimpten radtzol (die der herr ihm aufgab),
welch jm nit bhagten allzuwol. 3, 92, 63;

Luthers schreibung ist retzel mit verkürztem stammvocal (vgl. unten 2, a), welche als rätzel lange die allgemeine wird: rätzel aenigma Schottel 1382; das rätzel, aenigma, griphus Stieler 1518, und zum theil noch bis ende des 18. jahrh. dauert: das ewige räzel. Schiller kab. u. liebe 5, 7;

o, lebensreiz — welch rätzel bist du mir!
Gotter 1, 319;

unsere heutige schreibung räthsel, rätsel verdankt jüngerer gelehrter erwägung ihre entstehung und langsame ausbreitung, Steinbach 2, 221 und Frisch 2, 90a fordern sie (Steinbachs quelle Hederich 1729 sp. 1814 schreibt noch rätzel), indem sie den zusammenhang mit raten betonen; sie galt schon vor ihrer zeit vereinzelt bei schriftstellern des 17. jahrh., zugleich mit auffallender änderung des geschlechts in das masculine und selbst feminine: der rähtsel oder, wie etliche sagen die rätzsel ist eine tunkle frage oder aufgabe derer deutung errahten werden soll, daher es auch von dem stammwort raht und der nachsylben el den namen hat. (Harsdörfer) Nathan und Jotham (1650) 5, zugabe Aa 2a;

wer disen rähtsel weis.
Butschky Patm. 267;

auch Stieler 1845 gibt rätselaufschlieszer aenigmata solvens gegen seine sonstige schreibung.
2) rätsel und die vorläufer und vertreter des wortes im ahd. und mhd. haben einen engeren und einen weiteren sinn: jenen, indem sie sich auf ein geistesspiel beziehen, an welchem die freude in unserem volke uralt ist; diesen, indem sie den begriff auf fürsorgliches nachdenken über alles das ausdehnen, was in unserem seelen- und geistesleben zur klarheit zu kommen strebt, daher auch ags. rædels durch conjectura, opinatio, estimatio, interpretatio erklärt wird (Wright-Wülcker voc. 209, 5), und die ahd., von den subst. râtissa und râtisca abgeleiteten verben conjicere, conjectare, arbitrari, fingere, componere (vergl. in der heutigen volkssprache des Elsasses er macht schêni rätsel, schöne gedichte nach A. Stöbers mittheilung), und selbst somniare bedeuten (Graff 2, 468. 469), letzteres wegen der voraussagenden kraft der traumgesichte. ein solcher doppelter sinn hat sich auch im nhd. ergeben.
a) rätsel, aenigma: ein leichtes, schweres, witziges rätsel; rätsel zum kopfzerbrechen; sie möchten an statt ihrer zotten und unzüchtigen rätzel etliche gebete sprechen. Chr. Weise erzn. 159 Braune; ein sehr artig räthsel, perlepidum aenigma. Steinbach 2, 222; rätsel aufgeben, vorlegen, sagen, raten, erraten, treffen, auflösen, aufschlieszen: Simson aber sprach zu jnen, ich wil euch ein retzel aufgeben, wenn jr mir das errattet und trefft, diese sieben tage der hochzeit, so wil ich euch dreiszig hemde geben. richt. 14, 12; und sie kundten in dreien tagen das retzel nicht erratten. 14; uberrede deinen man, das er uns sage das retzel (d. h. die auflösung desselben). 15; wenn jr nicht hettet mit meinem kalb gepflüget, jr hettet mein retzel nicht troffen. 18; und da das gerücht Salomo von dem namen des herrn kam fur die königin von Reicharabien, kam sie jn zu versuchen mit retzelen. 1 kön. 10, 1;

[Bd. 14, Sp. 196]


du menschenkind, lege dem hause Israel ein retzel fur. Hes. 17, 2; sie (die weisheit) verstehet sich auf verdeckte wort, und weis die retzel aufzulösen. weish. Sal. 8, 8; das räthsel verstehen, aenigma intelligere, das räthsel unaufgelöst lassen, aenigma inenarratum relinquere. Steinbach 2, 222; Steinhausen, der spaszmacher, begann sein amt, indem er ... das räthsel aufgab: wann der hase über die meisten löcher laufe? Immermann Münchh. 3, 54;

zu hast ein retzel aufgebn than
meim volk, das zu erraten frei.
mein herzlieb sag mir was es sei (Delila zu Simson).
H. Sachs 3, 1, 50c;

ir jüngling heut ist der letzt tag
zu schlieszen auf meins retzels frag.
fält ir desz retzels hintn oder vorn,
ir habt die feyerkleider verlorn. 51a;

Sphinx muste doch einmal mit bluhte gehn zu bette,
weil man ihr rätzel traf.
P. Fleming 49;

rätsel werden auch verschränkt, geknüpft (vgl. dazu knoten II, 14, a, α, th. 5, 1504 und unten rätselknoten, rätselschlinge):

so legt der dichter ein räthsel,
künstlich mit worten verschränkt, oft der versammlung ins ohr.
jeden freuet die seltne, der zierlichen bilder verknüpfung.
aber noch fehlet das wort, das die bedeutung verwahrt.
Göthe 1, 296,

vgl. auch nachher unter b.
b) in weiterem sinne ist rätsel alles, was dem geiste dunkel erscheint und ihn zum nachdenken und zum streben darüber klar zu werden, auffordert; als wort der neueren gehobenen sprache: ungeachtet aller aufschlüsse, die er durch die Kallippen, Mamilien und Diokleen über das grosze räthsel des weiblichen herzens erhalten zu haben glaubte. Wieland 28, 186; kommst du auf meine fragen die räthsel der ewigkeit zu entfalten? Schiller räuber 4, 5; ihr steht bestürzt, gute leute, erwartet angstvoll wie sich das räthsel entwickeln wird? kab. u. liebe 4, 9; das räthsel meiner neigungen und begierden. Herder zur phil. 3, 172; nur gründe musz eine solche wissenschaft vorlegen, keine orakelsprüche und räthsel. 8, 71; die unauflöslichen räthsel der miszverständnisse, denen oft nur ein einsilbiges wort zur entwicklung fehlt. Göthe 18, 128; ich musz ihnen von ihm sprechen, eh sie ihn gesehn haben; lieber hätt ich es nachher gethan, weil die persönliche gegenwart gar manches räthsel aufschlieszt. 23, 189; sie .. suchten scharfsinnig hinter das räthsel zu kommen, das ich unter der schusterherberge zu verhüllen muthwillig genug sei. 25, 174; an dem hügel rückwärts entsteht ein seltsames rufen .. doch gerade in dem augenblick als der bischof mit dem hochehrwürdigen zug die höhe erreicht, wird das räthsel gelöst. 43, 267; wie er sich das räthsel seiner tage zurechtlegen und ausbilden wollte. 48, 30; dasz manche wissenschaftliche räthsel nur durch eine ethische auflösung begreiflich werden können. 54, 97;

was ist die schrift? was lehret sie? (fragt der freigeist).
ein traurig leben, reich an müh,
und räzel, die wir aufzuschlieszen
erst der vernunft entsagen müssen.
Gellert 1, 170;

ich fiel dem könige zu füszen,
und bat ihn, mir ein räthsel aufzuschlieszen,
das mir die ruhe stahl.
Wieland 17, 136 (Idris 3, 7);

jetzt im räthsel, jetzt im dunkeln spiegel:
einst erscheinet uns der wahrheit siegel
wirklich: angesicht zu angesicht.
Herder z. litt. 4, 154;

Faust. dort strömt die menge zu dem bösen;
da musz sich manches räthsel lösen.
Meph. doch manches räthsel knüpft sich auch.
Göthe 12, 211;

ein räthsel tritt das heilige ins leben,
ein räthsel wohnt es in des busens gründen.
Arndt ged. 146;

frage nicht wie sich dies räthsel wird entfalten.
Rückert 329;

o löst mir das räthsel des lebens,
das qualvoll uralte räthsel,
worüber schon manche häupter gegrübelt.
H. Heine 15, 253;

ein räthsel waltet hier,
das ich zu rathen nimmer mich vermesse.
das aber weisz ich: lösen wird sichs einst.
Geibel werke 6, 25.

in rätseln reden, sprechen, rätsel sprechen: steh auf, mein sohn! besinne dich, dasz du mir räthsel sprichst! Schiller kabale u. liebe 4, 5;

um meiner ruhe willen, marquis,
erklären sie sich deutlicher — nicht in
so fürchterlichen räthseln reden sie
mit mir. don Carlos 4, 21;

was geister leise geistern nur erzählen,
das spricht in zarten räthseln der gesang.
Arndt ged. 192;

[Bd. 14, Sp. 197]


auch, mit bezug auf oben a, rätsel spielen:

was ist das? der sohn,
der unterthan will rätzel mit mir spielen?
Schiller hist.-krit. ausg. 51, 78 (dom Carl. 2, 3);

etwas ist ein rätsel (vgl. dazu rätselhaft): was er meint, ist mir ein rätsel; das betragen des grafen seit jenem abenteuer war ihr ein völliges räthsel. Göthe 18, 317; wie dieser hierher gekommen, und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein räthsel. 20, 124; das wenige, was sie sonst noch hinzugefügt, ist gleichfalls für mich kein räthsel. 17, 18;

ich .. will von euch an eine that
nicht fort und fort erinnert sein, bei der
ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber denke,
zum räthsel von mir selbst mir wird.
Lessing 2, 225;

etwas bleibt ein rätsel: von jener erstaunenswürdigen entsagung der krone (seitens Karls V) bleibt der wahre bewegungsgrund noch immer ein räthsel. Schiller hist.-krit. ausg. 4, 93; denkmale (in Britannien), die wie die pyramiden wahrscheinlich noch jahrtausende überdauern und vielleicht immer ein räthsel bleiben werden. Herder z. phil. 7, 11.
c) auch personen sind ein rätsel: sie werden mir zum räthsel, mein vater. Schiller kabale u. liebe 1, 7;

sich selber ein räthsel,
wünschet, in erde gehüllet, der geist.
Stolberg 2, 138;

doch der mensch,
der ganz besonnen solche that erwählt,
er ist ein räthsel.doch — und bin ich nicht
mir auch ein räthsel, dasz ich noch an dir
mit solcher neigung hänge?
Göthe 9, 282;

ich bin dir wohl ein räthsel?
H. v. Kleist familie Schroffenstein 2, 3;

Wilhelm sah das wunderbare kind auf der strasze bei andern spielenden kindern stehen, machte Philinen darauf aufmerksam, die sogleich, nach ihrer lebhaften art, dem kinde rief und winkte .. hier ist das räthsel, rief sie, als sie das kind zur thüre herein zog. 18, 153.
3) rätsel, räzel, von einem menschen mit zusammengewachsenen augenbrauen: seiner ganzen physiognomie gab es einen eigenen ausdruck, dasz er ein räzel war, d. h. dasz seine augenbrauen über der nase zusammenstieszen. Göthe 25, 228; so fand ichs lustig, seine dichteren augenbraunen mit einem gebrannten korkstöpfel mäszig nachzuahmen und sie in der mitte näher zusammenzuziehen, um mich bei meinem räthselhaften vornehmen auch äuszerlich zum räthsel zu bilden. 353. ob diese bedeutung mit der vorigen zusammenhängt, erhellt nicht. in der Oberpfalz sind rätsel hausgeister, kobolde, die rätsellöcher bei Roding unterirdische gänge, wo die rätseln aus- und eingingen und hausarbeiten verrichteten, vgl. Schm. 2, 194 Fromm.