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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
mild bis mildfrei (Bd. 12, Sp. 2201 bis 2212)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) mild, milde, adj. und adv. munificus, mitis, lenis, mollis u. ähnl.
1) goth. mildeis (nur in den zusammengesetzten pluralformen friaþva-mildjai φιλόστοργοι Röm. 12, 10 und unmildjai ἄστοργοι 2 Tim. 3, 3); altnord. mildr munificent, mild, gentle, graceful, schwed. dän. mild; ags. milde, engl. mild; alts. altnfr. mildi, nd. nl. mild; fries. milde; ahd. milti, mhd. milte, milde; ein uraltes gemeingermanisches, und allen deutschen sprachen bis auf heute gebliebenes, wenn auch im begriffe zum theil gewandeltes wort. eine genau vergleichbare bildung in urverwandten sprachen fehlt; mild ist auf germanischem boden entstanden, als bezeichnung der nötigen eigenschaft eines geschlechtsoberhaupts.
2) für die ursprüngliche bedeutung gibt Ulfilas durch seine übersetzung des griechischen ausdrucks, dem der sinn der sorgenden liebe (vgl. στέργω) innewohnt, einen fingerzeig, nicht weniger der umstand, dasz in der alten sprache mildi als formelhaftes beiwort zu herscher und gott gesetzt ist: ags.

cwædon þät he wæreworuld-cyning
mannum mildustand mon-þwærust. Beowulf 3183;

nu ic âh, milde metod,mæste þearfe,
þät þu mînum gæstegôdes geunne. Byrhtnoth 175;

alts. ne sî that imu eft mildi god,
hêr hean-kuning,helpa farlîhe. Heliand 3240;

ahd. enti dô uuas der einoalmahtîco cot,
manno miltisto. Wessobrunner geb. 7,

wo überall die sorge für die seinen hervorgehoben wird. damit stellt sich aber unter allen etymologischen bezügen zu urverwandten worten, die verschiedentlich gegeben sind, der zu griech. μείλια liebesgaben, altslav. milowati misereri (Miklosich 367b), litt. mylti lieben, russ. milo liebreich, als der sicherste dar.
3) steht nun weiter auch im mhd. milte, milde als standesmäszige eigenschaft eines guten fürsten oder herrn, so fuszt dies noch ganz auf der alten vorstellung von der pflicht eines solchen, seinem hausgesinde, das ihm ganz zu eigen ist, auch seinerseits voll zu geben, was sie zum unterhalt bedürfen:

er (der könig) rihte swem er solteund rach der armen anden.
er was bevollen milteund was ein tiurer helt ze sînen handen. Gudr. 20, 1;

[Bd. 12, Sp. 2202]



vil ritterlîchen stuont sîn muot:
an im erschein niht wan guot: ..
er was getriuwe,
und milte âne riuwe,
stæte und wol gezogen. Erec 2735;

und in diesem sinne will milde aufgefaszt sein, wenn es hier und noch später formelhaftes attribut zu entsprechenden substantiven ist: alse nu der allirmildeste furste entsub und erkante, daʒ her des legers nicht uff kunde komen mit dem lebin. Ködiz 60, 8; (der landgraf) hat z einer fürstin und frawen gehaben des milten Justinianus tochter. Ulensp. 27, s. 36 Lappenb.; vgl. auch christmilde th. 2, 625;

dô truoc der helt milte
ûf einem hermîn schilte
ine weiʒ wie manegen zobelbalc. Parz. 18, 5;

der edel künec, der milte künec hât mich berâten,
daʒ ich den sumer luft und in dem winter hitze hân.
Walther 28, 34;

vil michel genâde,frou Prünhilt,
daʒ ir mich ruochet grüeʒen,fürsten tochter milt. Nib. 399, 2;

auch zu gott und Christus, als fürsorger ihrer knechte, der ganzen menschheit (wiewol hier auch die bedeutungen 5 und 6 unten einspielen):

milter got, daʒ duʒ lîdes!
Lamprecht von Regensburg Franc. leben 121;

dâ uns der milte Jesus Christ
koufte mit sînem bluote. tochter Syon 2631;

ach milter got, wo pist du hin chömen? Erlauer spiele 3, 1054 Kummer.


4) erst von solchem gebrauche aus gelangt milde zu dem begriffe freigebig überhaupt, spendend auch ohne oder über verpflichtung hinaus; es dauert in diesem sinne, nachdem die zu grunde liegende vorstellung (nr. 3) längst erloschen war: largus, milde, milter, ein gebhafter Dief. 319b.
a) im gegensatze zu karg, geizig, sparsam:

swie kargen muot der karge truoc,
er dûhte sich doch milte genuoc.
Freidank 88, 2;

Epimenides sagt gar fein,
das gelt dem geizigen sei ein pein,
dem milden aber ists ein zier.
H. Sachs fastn. sp. 1, 84, 73;

doch tröstet mich doctor Freydank,
spricht: kein recht milter nie verdarb,
kein karger auch nie lob erwarb.
die milten auch nit all verderben,
die kargen nit all schetz erwerben. 89, 221;

der mittelweg noch ist der best.
nicht gar zu milt, auch nicht zu karg. 2, 48, 317;

ein milter und kostfreier mann
bringt oft den kargen auf die ban.
Kirchhof wendunm. 455a;

der ist ein reicher mensch, der beides wol erkiest,
und mild in rechter zeit, in rechter sparsam ist.
Opitz 2, 451;

sagt er, dasz du geizig seiest, so thu ihm alles gutes, und erweise in der that, dasz du freigebig und mild seiest. Schuppius 313.
b) mild bezieht sich auszer auf geld und gut auf alles, was als gabe aufgefaszt werden kann: weil du denn so milde geld zugibst. Hes. 16, 35;

du, reichtumb, sei ihr (der armut) milter freund!
H. Sachs fastn. sp. 1, 34, 418;

Moechus ist ein milder mann auszer haus, und karg im bette,
Logau 2, 236, 162;

vrâget dich ieman, wes duʒ wilt,
sô wis mit rede niht ze milt. ges. abent. 1, 175, 244;

an worten reich und mild, an werken spahrsam sein.
Drollinger 112;

sei nicht zu mild,
das korn gilt.
Simrock sprichw. 377;

es heiszt mild in, an, mit, zu etwas, mild gegen einen sein: her was zuchtig an geberdin, schemig an setin, meʒig an wortin, milde am gute, freidig unde menlich kune als ein rechtir helt. Ködiz 8, 4; do wart er do noch milter gegen armen lüten, und ie me er gap, ie me gtes ime z handen ging. d. städtechron. 8, 389, 12; (Christus) muste jmerdar die deutunge (eines gleichnisses) auch jnen eraus sagen. wie ist er denn nu so neidisch worden, im höchsten letzten werk seiner liebe, und gibt keine auslegung den albern einfeltigen jüngern, .. und ist doch so milde an andern örten mit seiner auslegung? Luther 3, 472b; aber für den papst geld auszugeben, da ist der kaiser nicht milde. tischr. 1, 22 Förstem.; also herr Erminio der miltest mann im geben ward, der ghen Genua ie kam. Bocc. 1 (1580) 35a; wie mitleidig sind sie nicht gegen alle menschen, wie milde gegen die armen beider nationen? M. Mendelssohn bei Lessing 4, 223;

[Bd. 12, Sp. 2203]


pist tugentlich, milt in erbarmen (oft erbarmend),
und bist gutwillig zu den armen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 33, 391;

auch mit genitiv, mild eines dinges, freigebig in oder mit etwas:

si was ir guotes milte. Wigal. 234, 31;

lêre was er undertân,
und milte des er mohte hân. Gregor. 1078;

er ist seines guts milte, daʒ er hingibt, das in hernach gereuet. Ortolf arzneib. 1477 3b; sy weren sunst yrer gtthat, die sy dem onwilligen aufseilen, nit so milt. Frank weltb. 134b; weil aber der weisz seinen mund in seim herzen hat, und nicht unbedacht und on rath redt, auch die gefar so ausz unzeitigen reden kommen, weisz und erwigt, ist er kein bellender hundt, dann zu seiner zeit, und ja seins gelts milterer, dann seiner wort. sprichw. 1, 116a; er ist sein (eines gutes) so milt als s. Leonhart seins eisens, der gibt es niemandt, es stele es jhm dann ein dieb. Agr. spr. 56b; man zeucht in den herrenhöfen die jungen herren darz, dʒ sie jrer hände milt seind, und niemand die hand versagen. 167b;

solt er so milt sein seiner huld,
das er nicht nem bezalt die schult?
Dedekind miles act 1, sc. 2.


c) namentlich ist es auch freigebig mit bewirtung, gern zehrung gebend, schon ahd. milti hospitalis Graff 2, 725; wa ein alter milter wirt was, bei dem was er nit gern z zerung. Ulenspiegel 21, s. 28 Lappenb.; darumb wilt du so milt sein und eine masz wein kaufen, so wend (wollen) ich und mein tochter auch eine bezalen. Wickram rollw. 65, 16 Kurz; dich als einen milten auszgeber (freihalter). 65, 26;

schaff mirs bargelt, obt anders wilt!
wann ich bin ehrentreich und mild.
mit meinem theil wil ich mich halten
kostfrei bei jungen und bei alten.
H. Sachs fastn. sp. 1, 84, 76;

ob du gleich etwas darauf wagst,
und pist deim freunt kostreich und milt. 2, 14, 79.


d) es geht selbst in die bedeutung verschwenderisch über: milde mit uberigem geben, prodigus. voc. inc. theut. n 7b; prodigus milde, milt, und mit beisätzen milde in torheit, allzit ze milt in torheit, zu milte, altze mild Dief. 462c;

auch ist er so kostfrei und milt,
dasz er oft kochen leszt und praten
ob zimmetrören und muscaten.
H. Sachs 3, 2, 41d.


e) endlich überträgt sich dieses mild auf dinge, die freigebig und reichlich geliefert werden (das liegt auch schon im ahd. miltinamo cognomen Steinmeyer-Sievers 1, 90, 9, ein name, den man drüber, zu bekommt):

mein liebgen vergafft sich in milden geschenken:
wer lustig spendiret, der beiszet mich aus.
Chr. Weise cur. ged. v. versen s. 415;

in dem sinne reichlich, ausgibig, stark: du scholt nâch miltem weinlesen wênig trinken und nâch klainem weinlesen trink paʒ und milticleicher. Megenberg 350, 28; daher ein mildes jahr, in welchem alles reichlich wächst: haben sie (die eichäpfel um Michaelis) spinnen, so kommt ein bös jahr, haben sie fliegen, ein milds. Fischart groszm. 116; bei den Schlesiern des 17. jahrh. meint mild noch stark, dicht, völlig:

was (euch, einem neuvermählten paare) von auszen kummen soll, kumm euch auch mit mildem haufen,
leben, gnügen, freude, trost, segen, hülle, völl und taufen.
Logau 3, 86, 53;

er liegt ertränkt in mildem blut.
A. Gryphius (1698) 1, 395;

o des herben thränenrinnens!
mit dem die mutter wird das milde blut abwaschen! 396.


f) daher adverbial, reichlich, der zahl nach (vgl. dazu mildiglich):

für schmerzen so viel zäher flossen,
das jm sein angsicht nasz begossen,
so mild, als ob es wer geharmbt (geharnt).
B. Waldis Esop 2, 60, 51;

und viel, stark, dem grade nach: hetten sie auch gesagt, sy wern yre knechte und musten nach yrem willen verslahen, darane hetten sie zu milde bericht (zu viel gesagt, sich zu stark ausgedrückt). Spittendorff denkwürdigk. s. 108 Opel; sie sind von der sache zu mild berichtet worden (wann man nicht sagen will, es sei ein herr belogen oder mit falschen angebungen hintergangen worden), nimis libere relata sunt. Frisch 1, 663b;

'zudem hab ich verstanden
und wills auch glauben fast,
dasz du in fremden landen
ein ander lieblein hast.'
ach nein, mein schatz auf erden,
du bist zu mild bericht:
kein lieber soll mir werden,
glaub allen leuten nicht.
Vilmar handbüchl. 171, 3.

[Bd. 12, Sp. 2204]



5) mild, mit besonderer betonung der gesinnung, aus der solche freigebigkeit flieszt, wie gütig, gnädig, willig.
a) von personen: hilaris milt Dief. 277b; hilarem enim datorem den milten kebare keuuisso. Steinmeyer-Sievers 2, 234, 23 (nach 2 Cor. 9, 7, Luther einen frölichen geber, Ulfilas hlasana giband); auch jetzt noch ein milder geber, ein milder schenker, nun aber erst aus unten d wieder erflossen; während Hagedorn mild in solchem sinne noch von Philemon als gütigen gastfreund braucht, mit anklang an 4, c (vgl. dazu unter dem fem. milde 1):

die fremden besser zu erfreuen,
umsteckt der milde wirth den tisch mit dichten meien,
sucht seinen witz hervor, der, nach des landmanns art,
mit worten spielt, und kein gelächter spart. 2, 101;

aber auch vom stein der weisen, als gütigen spender gedacht:

man pflegt den milden stein der weisen
uns, als ein wunder, anzupreisen,
man lehrt, er mache mehr, als reich. 2, 33;

und es sonst von der persönlich aufgefaszten natur steht:

dem die milde natur der gaben schönste, die selten
sie verleiht, ein herz zarter empfindung, verlieh.
Stolberg 1, 14;

in kurzer ausdrucksweise mildes lob, lob eines milden, d. h. gütigen und willigen:

Büsa, die königin (ward) hoch geacht,
dasz sie ausz milt speist die auslender ..
Fabius Quintus wirdt getröst,
der umb sein erb die gfangen löst.
des ist jhr miltes lob beschriebn
und bisz auf unser zeit belibn.
H. Sachs fastn. sp. 1, 92, 331.


b) vom herzen, das erbarmend und willig zum wolthun ist: ein widerspenstiger macht einen weisen unwillig, und verderbt ein milde herz. spr. Sal. 7, 8;

gott aber schenkt, aus freiem mut
und mildem treuem herzen,
sein einges kind, sein schönstes gut.
P. Gerhard 256, 18;

wir müssen allerseits ein mildes herze loben.
doch wer nicht sparen kan, der leistet schlechte proben.
Chr. Weise zeitvertr. 2, 82.


c) und von der gern spendenden hand als der vertreterin des willigen mannes (vgl. DWB hand I, 4, th. 42, sp. 335):

got hât eine milde hant:
wer im icht gibet, er gildet wol. livl. chron. 470;

milder hand nie zerrant (gebricht es nie). Mathes. Syr. 1, 90a; als thät ich meine milte hand ferner auf und fieng an, den kindern aus meinen hosensäcken nacheinander vorzulegen. Simpl. 3, 358 Kurz; dasz wir aus deiner milden hand speise, trank und kleidung haben mögen. Schuppius 434;

bist mir dennoch allzeit gar hert.
dein milte handt ist mir verspert.
H. Sachs fastn. sp. 1, 29, 248;

(der bettler) bat denselben müller fron,
er woldt sein milde handt aufthun,
und theilen jm sein almosz mit.
B. Waldis Esop 4, 47, 4;

ich lechze wie ein land,
dem deine milde hand
den regen lang entzeucht.
P. Gerhard 66, 47;

was die milde hand ausstreuet,
wird vom himmel wol ersetzt. 131, 51;

drum pflegt man itzt mit milder hand
die zarte jugend zu beschenken.
Chr. Gryphius poet. wäld. 1, 440.


d) von dingen und zuständen, die aus solcher willigen gesinnung erflieszen: milde gaben; milde thaten, vgl. unten mildthätig; ein mildes almosen, eine milde beisteuer, eine milde stiftung; dasz sie mir armen verlassenem waiselein mit einem milden almosen wollen beispringen. Schuppius 488; da er bis auf das frühjahr eine reichliche milde beisteuer von der parochie herausgebettelt zu haben verhoffe. J. Paul Qu. Fixl. 185; was dieses gold betrift, .. so werden sie mir erlauben, dasz ich es in dem nächsten benediktinerkloster für milde stiftungen niederlege. Schiller hist.-krit. ausg. 4, 212;

weil jr von mir nichts hat genummen (kein arztlohn),
sag ich euch dank ewer milten gab.
H. Sachs fastn. sp. 1, 144, 354;

o mutter, gib dein milte stewr
mir armen fahrnden schuler hewr. 3, 126, 73;

auch milder segen:

sprich deinen milden segen
zu alien unsern wegen,
lasz groszen und auch kleinen
die gnadensonne scheinen.
P. Gerhard 20, 40.

[Bd. 12, Sp. 2205]



6) mild, mit zurücktreten seiner ursprünglichen, auf das geben bezüglichen bedeutung, heiszt gütig, barmherzig, liebreich, freundlich, aus dem grunde der nachsicht flieszend und im gegensatz zu rache oder zorn.
a) so schon in der alten sprache, von personen: got, uuis mir milti suntîgomo (deus, propitius esto mihi peccatori). Tat. 118, 3;

sâlîge thie miltejoh muates mammunte,
thie iro muates uualtentjoh bruaderscaf gihaltent.
Otfrid 2, 16, 5 (nach Matth. 5, 4, wo vulg. mites);

euch, an die vorige bedeutung (5) noch streifend, erbarmend gegen hilflosigkeit:

sîn herze was sô milter güete,
daʒ in daʒ niht aleine müete
swaʒ einem menschen war,
er nam ouch vogele und tiere war.
Lamprecht v. Regensburg St. Francisken leb. 2936;

humanus miltêr. voc. st. Galli 155, Henning s. 16b (gleich dahinter mansuetus mitiuuâri); clemens milt Dief. 126b; pius milde, milt, gtig 439a; milt, gtig, nit bald erzürnt, placidus, mitis, humanus, natus animo leni Maaler 290a; ein milder fürst, princeps mitis, ein milder mensch, homo benignus. Steinbach 2, 61; ein milder könig, rex clemens. ebenda; milder fürsten untersaszen haben sich nie empört. Veit Weber sagen der vorzeit 4, 274;

noch vor kurzem hat ein milder könig
hier geherrscht.
Platen 324;

gern auch gütig, sanft, im gegensatz zu rauh oder wild:

er meint sie wer so wilde
gleich wie jhr namen laut (sie hiesz Wildeisin),
so fandt er sie gar milde,
er wolde sie zur braut.
Zinkgref bei
Opitz 1624 s. 173;

reiszende wölf und lemle milt.
Schwarzenberg 129b;

er setzt sich nider
zwischen zwei aller schönste bildt (jungfrauen),
die waren züchtig, hübsch, und milt. Grobian. N 4b (v. 3419);

erst, weil er siegt, ihn kränzen, dann enthaupten,
das fordert die geschichte nicht von dir;
das wäre so erhaben, lieber ohm,
dasz man es fast unmenschlich nennen könnte!
und gott schuf doch nichts milderes als dich.
H. v. Kleist prinz Friedr. v. Homburg 4, 1;

auf dem throne sitzen der könig und sein gemahl:
der könig furchtbar prächtig, wie blutger nordlichtschein,
die königin süsz und milde, als blickte vollmond drein.
Uhland ged. 390 (vgl. dazu unten 11, b);

mild sein, sich mild fühlen: der gerecht aber ist barmherzig und milde. ps. 37, 21; und fühlt nicht jeglicher ein besser loos, seit dem der rauhe sinn des königs mild durch deinen göttergleichen heiligen rath sich bildet? Göthe Iphigenie s. 10 Bächtold;

ein schauer faszt mich, thräne folgt der thräne,
das strenge herz es fühlt sich mild und weich. werke 12, 6;

mild sein einem:

R. der zeit recht achtet nicht auf jugend, schönheit, sterke.
J. ist sie denn nur bedacht, die schönste blüht zu höhnen?
R. sie ist den häszlichen noch milder als den schönen.
R. Roberthin in den ged. des Königsberger dichterkreises s. 9 Fischer;

auch war ich seither ihm nicht allzu milde.
Uhland ged. 434;

mild sein gegen einen, zu einem, mit einem, auch durch, mit etwas, in etwas: sich sehr milde gegen einem erweisen, plurimum benignitatis in aliquem conferre. Stieler 1276;

ich sage noch einmahl, dasz seelig der zu preisen,
dem gott an zorrens statt sich milde kan erweisen.
P. Fleming 17;

es ist doch erfahren worden, dasz die nachkömmling der apostel, entweders mit reden mild oder gravitätisch gewesen sein. Schuppius 724; er ist milde in rede und that;

Elporen kenn ich, bruder, darum bin ich mild
zu deinen schmerzen.
Göthe 40, 410;

statt der person steht das herz, die gesinnung, das gemüt: seine milde gesinnung bewahrt ihn vor hartem urtheil; milder sinn, mens benigna, facilis, suavis. Stieler 1276; er ist gar mildes gemütes, humanitate praeditus est, facilem atque omnibus obvium se praebet. ebenda; sein (Rudolfs II) charakter war mild, er liebte den frieden. Schiller hist.-krit. ausg. 8, 25;

mein herz wird mild und gut, ich hasse trunk und fluchen,
und kehre von der bahn der wilden spötter um.
Günther 582;

ein mildes ohr, das eines gnädigen, erbarmenden:

wie manche schmachtet, hart gefangen,
in eines kerkers dunklem grund!
zu keinem milden ohr gelangen
die kläng aus ihrem zarten mund.
Uhland ged. 224;

[Bd. 12, Sp. 2206]


von einem persönlich gedachten gegenstande:

und dann soll ein grab von laube
milder als dein herze sein.
Günther 276.


b) mild von gesichtszügen, die eine solche milde person oder mildes herz erkennen lassen: so zerflosz sein mildes auge. J. Paul Qu. Fixl. 41;

heil dir, Hesper, mit dem milden antlitz!
Hölty 126 Halm;

wölke sich ob meiner schuld
selbst die stirne milder huld!
Bürger 73b;

himmlisch mild sein blick, wie maiensonne (vgl. unten 10, b).
Schiller hist.-krit. ausg. 1, 128;

was noch übrig ist von schreck und weh,
nimmst du, o herr, durch deinen milden blick,
durch deiner worte sanften ton hinweg.
Göthe 9, 261;

thät seine lippen schlieszen
an ihren mund so mild.
Uhland ged. 409.


c) vom reden, denken und thun eines solchen menschen: eine milde regierung; unter der herrschaft milder gesetze leben; milde sitten, mores molles, placidi. Stieler 1276; milde reden, sermonis comitas. ebenda; wan si undir in inzwei tragen, sô wil ich bewîsen welche di scrifte sint di mit der krîgeschen wârheit ubir ein tragen. und diz ist eine milde erbeit. Behaims evang.-buch, vorrede bl. 2a (nach Hieronymus: quia inter se variant, quae sint illa quae cum graeca consentiunt veritate, decernam. pius labor ..);

dein mund ist milt, dein herz darneben
stehts falsch, will wankelbar umbschweben.
Weckherlin 835;

das alles kennst und singst du heut
und singst es morgen eben:
so trägt uns freundlich dein geleit
durchs rauhe milde leben.
Göthe 5, 43;

sanftere
jahrhunderte verdrängen Philipps zeiten.
die bringen mildre weisheit.
Schiller don Carlos 3, 10;

wendet auch dir nicht
mildes erbarmen das herz, Olympier! Odyss. 1, 60;

wohl bedarfs an dieser stelle
milden trostes himmelher.
Uhland ged. 290;

als adverb: mild herrschen, regieren;

greif milde drein (in die sprache), und freundlich glück
flieszt, gottheit, von dir aus!
Göthe 2, 272;

dann wandelst du (ein landgeistlicher), wie einst, durch das gefild,
und grüszest jeden schnitter freundlich mild.
Uhland ged. 115.


7) mild, hieran rührend, von dem was im verhältnis weniger streng oder hart erscheint, namentlich von gefangenschaft, haft u. ähnl.:

dasz ich
in eurer milden haft geblieben wäre!
es ward mir hart begegnet, Shrewsbury!
Schiller M. Stuart 3, 3;

sie zu entfernen, ist das mildeste.
willst du zu diesem plan nicht thätig wirken, ..
so liegt sie todt in deinen armen!
Göthe 9, 288;

Eugenie! wenn du entsagen könntest
dem hohen glück, das unermeszlich scheint,
an dessen schwelle dir gefahr und tod,
verbannung als ein milderes begegnet. 289;

das mildeste, das dir begegnen mag,
ist, dasz man an des kerkers wand dich fesselt.
H. v. Kleist fam. Schroffenstein 1, 2;

von geschick, strafe, tadel, urtheil: ein mildes verfahren gegen säumige; er kam mit einer milden strafe davon; er hat, gegen seinen bruder gehalten, ein mildes los; Adelbert. überlaszt ihn der erde als einen verbannten von uns und verfluchten bis zur künftigen reue. Wieburg. Adelbert, es ist Hungen, über den ihr dieses urtheil sprecht. ihr werdet euch vergriffen haben, bitt euch, besinnt euch eines bessern, und sucht ein milderes. Klinger Otto 5, 14;

doch diese weisheit, welche blut befiehlt,
ich hasse sie in meiner tiefsten seele.
sinnt einen mildern rath aus.
Schiller M. Stuart 2, 3:

ein milder ausdruck; es war, ich will einen milden ausdruck gebrauchen, unschicklich; adverbial: milde ausgedrückt, milde gesagt; das war, milde gesprochen, nicht recht; sie zogen letzlich milde über den pfarrer los. J. Paul Qu. Fixl. 203; von übeln, krankheiten, gebrechen: sein altes übel zeigte sich diesen winter milder; die krankheit, die seuche trat milder auf, als früher.
8) dasz mild zu dem sinne nachgibig im genusz, weichlich, verweichlicht vorgeschritten, ist selten: milt und meisterlosz

[Bd. 12, Sp. 2207]


machen, emollire Maaler 290a (vergl. dazu meisterlos sp. 1973 oben); dem wein zu gneigt und mild. Fischart ehz. 44.
9) häufiger aber mild wie gehalten, ruhiger, von gefühlen die nicht mit voller oder roher kraft hervorbrechen: eine milde freude verklärte sein gesicht; auf seinen zügen lag milde trauer; ihre (der Deutschen) anmaszung ist hart und herb, ihre anmuth mild und demüthig. Göthe 49, 53;

dich sah ich, und die milde freude
flosz von dem süszen blick auf mich. 1, 75;

wie? hat auch eurer freuden milden
genusz die weisheit mir vergällt?
Gotter 1, 450;

adverbial: als es (das herz) sich nun endlich im acht und zwanzigsten jahre öffnen und lüften durfte: da ergosz es sich leicht und mild und wie eine warme überschwellende wolke unter der sonne. J. Paul uns. loge 1, xxxi.
10) mild endlich von dem, was sanft und einschmeichelnd auf die sinne wirkt.
a) so von klang und ton, und hier schon frühe gebraucht: man sol die kinder uben ze schlafen ... mit gesang, wann die milt stimm erfreilt es im herzen. anz. des germ. mus. 1865, sp. 108 (15. jahrh.); nicht mit dem donner oder klapf, sondern milt und still. Paracelsus opp. 2, 98 C; wie noch jetzt: die milden töne einer harfe; der milde klang seiner stimme;

ihrer rede mildes wehn
ward in mir zu sturmestoben.
Uhland ged. 254.


b) dann vom licht, der farbe: mir ist die morgenröthe der jugend noch nicht untergegangen, ist ihre farbe auch nicht mehr so glühend, so ist sie im so sanfter und milder. Klinger 11, 86; schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen doch mild erleuchteten raum hineinblickte. Göthe 17, 302;

der äuglein milder plitz,
gott Amors sein geschütz.
P. Fleming 504;

wenn das milde abendroth
die hügelspitzen malt.
Hölty 120 Halm;

sternelein funkeln,
mildere sonnen
scheinen darein.
Göthe 12, 75;

schön ist des mondes
mildere klarheit
unter der sterne blitzendem glanz.
Schiller braut von Messina v. 260;

es blitzt der abendstern so milde heut!
Platen 229;

das lichte, das du dort gesehn,
umglänzt dich mild auf finstern wegen.
Uhland ged. 3;

ich bin so hold den sanften tagen;
wann ihrer mild besonnten flur
gerührte greise abschied sagen,
dann ist die feier der natur. 14.


c) von feuer, der wärme, dem wetter: ein milder tag, milde luft, mildes wetter, ein milder winter; die milde jahreszeit, der frühling; milt wetter, temperies. voc. inc. theut. n 8b; gter milter winter, der nit ze streng und ze rauch ist, clementia hyemis. Maaler 290b; wie aber die flüsse ... oft auch durch rauhe gebirge und wildnüsse fortlaufen, bis ihnen widerüm eine mildere luft begegnet. Butschky Patmos, einführ. 4a;

so hab ich, gilts auch mir, dem himmel zwar zu danken,
dasz dessen milde gluth mein kaltes herz bewegt.
Günther 569;

du suchtest sächsisch blut, und woltest doch dabei,
dasz dessen hitze noch in etwas milder sei. 458;

milder wehen Zephyrs flügel,
augen treibt das junge reis.
Schiller klage der Ceres;

sein ehrgeiz war ein mild erwärmend feuer. Wallensteins tod 3, 3;

da kaum der fried entblühte,
der ihm des wirkens wohlverdiente frucht
nach tagesgluth am milden abend biete.
Göthe 11, 334;

(im sommer) sind die tage lang genug,
da sind die nächte mild.
Uhland ged. 30;

wohl blühet jedem jahre
sein frühling mild und licht. 37;

bald blüht der frühling, bald der goldne friede
mit mildern lüften und mit sanftrem liede. 146;

nur ein wehn!
ein lüftchen reich und mild!
Freiligrath dicht. 2, 223;

milder regen, milder thau; und wenn die bäume nicht in der that bewegt werden und ihren milden thau, als ob es geregnet hätte, herabträufeln lassen, so sind sie von holz, und alles, was uns die dichter von ihnen sagen, ein bloszes liebliches märchen. H. v. Kleist Käthchen v. Heilbr. 2, 1; und selbst milder schnee, der nicht kältet, nur schützt:

du (grab) bist doch nichts als milder schnee,
das mich belebend deckt.
Burmann ged. 175.

[Bd. 12, Sp. 2208]



d) von dem, was sich sanft und weich fühlt: jüngling, dein blut ist rosenroth — dein fleisch ist milde geschmeidig. Schiller Fiesko 3, 1;

wenn solch ein fleischchen weisz und mild
im kraute liegt, das ist ein bild
wie Venus in den rosen.
Uhland ged. 65;

namentlich von weichen, leicht zu bearbeitenden, oder leicht zergehenden erzen: mildes erz (von geringer festigkeit, leicht gewinnbar). Veith bergwb. 338; milde bergart ist, welche gebrechig, schmierig und sich anleget. mineral. lex. 386a; mildes metall (kupfer). Jacobsson 3, 66a;

prüft mir das gemisch,
ob das spröde mit dem weichen
sich vereint zum guten zeichen.
denn wo das strenge mit dem zarten,
wo starkes sich und mildes paarten,
da giebt es einen guten klang.
Schiller glocke v. 89;

wegen der ungleichheit seiner körner ist dieser nicht völlig so milde als jener marmor. Winkelmann 3, 35; aus einer lava, welche die allermildeste ist und am leichtesten verwittert. Göthe 37, 209; mild, im österreichischen bergbau, in der aufbereitung fein, zäh, z. b. schlamm. Gätzschmann 53; milde leder, bei den schustern, die die rechte gare haben, coria molliora, bene praeparata. Frisch 1, 663b; von weichen eszwaaren: milde äpfel, mitia poma. Frisch 1, 663b; mild, reif werden, mitescere. ebenda; tirolisch mildes fleisch, eine milde kost, mildes obst. Schöpf 438; ärzte nennen sonst eine milde kost die nicht stark gewürzt ist, vgl. das folgende.
e) von dingen eines nicht herben oder scharfen geschmacks: milter wein, der nit rauch ist, vinum molle, lene vinum Maaler 290a; niemand ist, der vom alten trinket, und wölle bald des newen, denn er spricht, der alte ist milder. Luc. 5, 39 (goth. þata faírnjô batizô ist, ahd. thaʒ altâ ist beʒira. Tat. 56, 10, nach der vulg. vetus melius est, griech. ὁ παλαιὸς χρηστότερός ἐστιν); adverbial: die speisen nur mild würzen; eine mild gesalzene suppe; vgl. ostfries. dat hed so'n milden smâk ten Doornkaat-Koolman 2, 601b.
f) von dingen eines nicht scharfen geruchs: wohlriechendes wasser mit einem sehr milden geruch; die blume hat einen milden duft; adverbial:

(ich lag) von blumen ganz verborgen
in einem schönen thal.
sie dufteten so milde.
Uhland ged. 53.


g) mild nennt man den pinsel eines malers, dessen behandlung fein, markig und zärtlich ist. Jacobsson 3, 66a; milde presse, bei den tuchmachern, eine kalte presse, der ganz feine tücher nur acht und vierzig stunden ausgesetzt werden. ebenda.
 
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mildaufdämmernd, part., vgl. mild 10, b:

(die wolke) sandte nur schauer, verbarg
den mildaufdämmernden tag.
Stolberg 2, 83.


 
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milde, f. das mildsein; in verschiedenen bedeutungen des adj. ausgebildet.
1) in der älteren sprache (nach mild 3) die liebevolle fürsorglichkeit eines herrn für sein gesinde:

er was der nôthaften fluht,
ein schilt sîner mâge,
der milte ein glîchiu wâge. a. Heinrich 66;

die gütige, gnädige gesinnung, die sich in geben und wolthun ausspricht (vgl. mild 4 und 5): miltî largitas, hilaritas Graff 2, 726;

er schepfet waʒʒer mit dem sibe,
swer âne vrîe milte
mit sper und mit dem schilte
ervehten wil êr unde lant.
des fürsten und des küniges hant
muoʒ offen z' aller zîte stân,
der grôʒiu dinc wil ane gân. troj. krieg 18549;

von gott: ich lob dich schöpfer der natur,
und wunder mich der creatur,
dj du ausz nichten hast gebilt,
dabei ich brüf dein macht und milt.
Schwarzenberg 121a;

und noch bei Hagedorn (vgl. dessen gebrauch des adj. mild 5, a):

schütze mich vor eitelm stolze, der sich bei dem gut erhebet,
das dem sterblichen besitzer deine milde nur geliehn. 1, 3;

als formelhafte bezeichnung einer königlichen eigenschaft, wie heute gnade:

Damon, sitz auf den trone mein,
heut den tag solt du könig sein.
gebeudt und straf als was du wilt
ausz meiner königlichen milt.
H. Sachs fastn. sp. 4, 117, 118;

[Bd. 12, Sp. 2209]



zu zeigen, dasz ich nicht unwerth des ordens,
den meines königs milde mir verlieh.
Tieck Octavian. s. 413;

freigebigkeit überhaupt:

swes ieman an si gerte,des wâren si bereit.
des gestuont dô vil der degenevon milte blôʒ âne cleit. Nib. 1310, 4;

später durch mildigkeit (s. d.) zurückgedrängt, obwol nicht vergessen: eines milde spüren, lenitate alicujus agnoscere, it. liberalitate alicujus frui. Stieler 1276; in der neueren sprache hie und da wieder hervorgetreten: zuviel milde ist verthan. Simrock sprichw. 377;

vor ihm (dem guten reichen) verlieren sich die zähren banger noth.
die milde seiner huld entfernt (schiebt auf) der greisen tod,
zieht ihre kinder auf, die väter zu verpflegen.
Hagedorn 1, 20;

(ich) sollt
es wohl mit ansehn, dasz verschwendung aus
der weisen milde sonst nie leeren scheuern
so lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
die armen eingebornen mäuschen drinn
verhungern?
Lessing 2, 256;

nur darum eben leiht er keinem,
damit er stets zu geben habe. weil
die mild ihm im gesetz geboten; die
gefälligkeit ihm aber nicht geboten: macht
die mild ihn zu dem ungefälligsten
gesellen auf der welt. 240.


2) milde (vgl. mild 6) die gütige, erbarmende, nachsichtige, sanfte gesinnung; ahd. miltî:

lerne hiar thia guatîuuio unser druhtîn dâti,
sînes selbes miltîjoh muates mammunti.
Otfrid 3, 19, 12;

mhd. milte:

diu keiserlîchen ougen sîn
von rehter milte wurden naʒ. Silvester 1038;

hie sol ich nu gedenken zuo,
alsô daʒ ich den kinden tuo
milt und erbarmunge schîn. 1164;

nhd. zumal in der neueren sprache wieder verwendet; gern vom weibe, im gegensatz zur strenge, rauheit, wildheit: in neuer zeit wird überhaupt, ungeachtet der alten, der bibel und Rousseaus, den weibern statt der milde mehr die wilde angerathen und angelehrt. J. Paul vorsch. der ästh. 3, 143; die weiber haben gesellige milde, die männer gesellige wildheit. ebenda;

auf einmal steht vor ihm ein göttergleiches weib,
im groszen auge des himmels reinste milde,
der liebe reiz um ihren ganzen leib.
Wieland 22, 129 (Oberon 3, 58);

der eignen milde folge du getrost.
nicht strenge legte gott ins weiche herz
des weibes.
Schiller M. Stuart 2, 3;

furchtbar ist deine rede, doch dein blick ist sanft ..
o bei der milde deines zärtlichen geschlechts
fleh ich dich an (Montgomery zu Johanna). jungfrau von Orleans 2, 7;

der Ungarn königin, die strenge Agnes,
die nicht die milde kennet ihres zarten
geschlechts. Tell 5, 1;

vom manne, die sanftere gesittung hervorhebend:

der weisen weisestes, der milden milde,
der starken kraft, der edeln grazie
vermähltet ihr in éinem bilde.
Schiller die künstler v. 210;

von fürsten, in bezug auf ihre nachsehende art:

Eug. des königs milde sollte milde zeugen.
herz. des königs milde zeugt verwegenheit.
Göthe 9, 269;

da war kein ansehn der person, es hielt
die milde nicht den arm des rechts zurück. 164;

milde, personificiert, humanitas:

denn nirgends baut die milde, die herab
in menschlicher gestalt vom himmel kommt,
ein reich sich schneller, als wo trüb und wild
ein neues volk, voll leben, muth und kraft,
sich selbst und banger ahnung überlassen,
des menschenlebens schwere bürden trägt. 67;

sah ich aus ihren augen die englein unschuld, sanftmuth und milde blicken und zu mir überflattern. Veit Weber sagen der vorzeit 3, 429.
3) milde, nach mild 10, das sanfte der töne, farben, des wetters u. ähnl.: die milde des tones (einer geige); die lage der stadt, die milde des klimas kann nie genug gerühmt werden. Göthe 28, 69;

(er) trinkt die milde der abendluft.
Hölty 113 Halm;

leicht und erquicklich athmet sich die luft,
und ihre milde schmeichelt unsern sinnen.
Schiller Macb. 1, 12 (the air nimbly and sweetly);

[Bd. 12, Sp. 2210]



der prächtgen stoffe gold und farbenglanz,
der perlen milde, der juwelen strahl
bleib im verborgnen!
Göthe 9, 296;

so such ich wieder dich, mein thal.
empfange dann den kranken sänger
mit solcher milde noch einmal!
Uhland ged. 44.


 
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milde, f. die pflanze atriplex, s. DWB melde sp. 1991.
 
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milden, verb.
1) mild machen, sänftigen; ahd. miltan misereri, mhd. milden, mitigare, temperare:

(sie) offent uns der freuden schrîn
und wart der zorn gemildet. Kolmarer meisterl. 7, 382;

in dieser letzteren bedeutung erst in der neueren sprache dichterisch und selten wieder erscheinend:

ha, verräther! nicht Luisens schmerzen?
nicht des weibes schande, harter mann?
nicht das knäblein unter meinem herzen?
nicht, was löw und tiger milden kann?
Schiller kindsmörderin in d. anthol. 1782 s. 43 (später geändert in schmelzen);

Minos, thränen im gesichte,
mildete die qualgerichte. triumph der liebe (vgl. hist.-krit. ausg. 1, 240; später milderte);

als die natur sich in sich selbst gegründet,
da hat sie rein den erdball abgeründet ..
und fels an fels, und berg an berg gereiht,
die hügel dann bequem hinabgebildet,
mit sanftem zug sie in das thal gemildet.
Göthe 41, 254.

vgl. abmilden.
2) mild werden: milten, zeügsam werden, milt werden, mitescere Maaler 290a; schweiz. milden, mild werden, physisch und moralisch Stalder 2, 210. vgl. mildern.
 
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milder, m. kohlenmeiler, strues carbonaria. Frisch 1, 663b; meiler, .. niedersächs. mihler oder milder 665b; Steinbach 2, 62 verzeichnet milderer, ein ofen, fornax carbonarius als einen blosz landschaftlichen ausdruck. vgl. meiler und mieler sp. 2172.
 
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mildern, verb. mitigare; spätere bildung als das verb. milden, die aber dasselbe zurückgedrängt hat (vgl. lindern gegen linden sp. 1037): mitigare miltren Dief. 364a; milteren, mitigare, sedare, parare, temperare, lenire, delinire Dasyp.; milderen, placare, addoucir, sänftigen Schottel 1364; nur nach einigen bedeutungen des adj. mild ausgebildet.
1) transitiv, und
a) an mild 6 angeschlossen, milder machen, sänftigen, von unfreundlichen, harten oder bösen seelenstimmungen: also soll kein mensch so groszen unmt tragen, es mög in durch bywesen gter fründ und ir ergetzung miltern. buch d. beisp. 147, 29; traurigkeit mit fröud milteren oder vermengen, condire tristitiam hilaritate Maaler 290b; zorn mildern, emollire iram, placare iratum Stieler 1276; den hasz mildern, odium lenire Steinbach 2, 62; mein verdrusz wurde durch verwunderung einigermaszen gemildert. Göthe 20, 75; sorge und trauer waren durch eine sichere hoffnung gemildert. 15, 242; durch diese freundschaft wurde das schwierige verhältnis der beiden häuser ein wenig gemildert. Freytag handschrift 1, 46;

darmit hab ers (das weib) erweichet eben,
das sie auch frumb und sanft sei worn,
und hab gemiltert jren zorn.
H. Sachs fastn. sp. 4, 128, 98;

schwesterliche wollust mildert
düstrer schwermuth schauernacht.
Schiller fantasie an Laura;

und von der person selbst, gemildert werden gesänftigt werden im ärger oder zorn: durch die anmuth meiner nachbarinnen fühlte ich mich sogleich zwar wieder gemildert, aber es ist eine böse sache um den ärger, wenn er einmal auf dem wege ist. er kochte heimlich fort. Göthe 23, 87;

der küng wil sich nit miltren lan. Daniel 1545 Sa.


b) vgl. mild 7, von urtheil, tadel, strafe, pein u. ähnl.: strafe mildern, poenam levare, minuere, remittere. Stieler 1276; das urteil ist ein wenig gemildert, sententia aliquantum mitigata est. ebenda; mildernde umstände, in der rechtssprache, umstände bei einem verbrechen, die die strafe zu mildern geeignet sind: die geschworenen billigten dem verbrecher mildernde umstände zu; auch auszerhalb des rechtlichen begriffes: ich musz dein urtheil über diese sache etwas mildern; die alte vorstellung von der roheit unserer vorfahren ist durch neuere anschauungen gemildert worden; die schweren lasten des volkes etwas mildern;

gott wöll dir milteren dise pyn. Daniel 1545 Qa;

herr, mildere die straf, und lasz sie träglich sein.
P. Fleming 29;

[Bd. 12, Sp. 2211]



unsere (leute), wieder zu menschen erneut durch menschliche sorgfalt,
rasch in gemildertem frohn, und vergnügt des gegönnten erwerbes,
lernten vertraun sich selber und uns.
Voss 2, 55;

die jugend mildert eure schuld.
Schiller M. Stuart 1, 4;

von schmerzen, krankheit: milteren die krankheit, levare morbum. Dasyp.; lenire dolorem, den schmerzen milteren. ebenda; vgl. DWB milderung.
c) vgl. mild 9, von gefühlen, die gesitteter oder gehaltener geäuszert werden, nicht in roher kraft ausbrechen: wuth und verzweiflung schändete keines von ihren (der alten künstler) werken .. zorn setzten sie auf ernst herab .. jammer ward in betrübnis gemildert. Lessing 6, 385; wenn er, empfänglich wie er war, leicht aufloderte, wenn sein lebhaftes begehren zudringlich ward, wenn seine hartnäckigkeit ungeduldig machen konnte, so waren doch alle seine äuszerungen durch eine vollkommene schonung des andern dergestalt gemildert, dasz man ihn immer noch liebenswürdig finden muszte, wenn man ihn auch beschwerlich fand. Göthe 17, 16; wir waren theils durch eigne sitte und lebensart gebändigt, theils aber auch durch jene besondere weise der hausfrau gemildert, welche ... sich immer gewissen ideellen vorstellungen hingab, und indem sie solche freundlich und wohlwollend zu äuszern verstand, alles scharfe, was in der gesellschaft hervortreten mochte, zu mildern und das unebne auszugleichen wuszte. 26, 188; was die Franzosen tournure nennen ist eine zur anmuth gemilderte anmaszung. 49, 53; will der starke geliebt sein, so mag er seine überlegenheit durch grazie mildern. Schiller hist.-krit. ausg. 10, 116; du aber, du milde blasse gestalt, an die ich so oft blicke, um mein herz zu mildern, die so bescheiden schimmert und so bescheiden macht. J. Paul Qu. Fixl. 49;

was brausest du verwildert,
gesang, von fluch und mord?
durch holde scheu gemildert
sei auch des strafers wort.
Voss 5, 255 ('die milderung');

und so selbst von personen gemildert sein, wenn sie zur sittlichen haltung vorgeschritten, hier aber nun wieder auch mit beziehung auf mild 6, a, im gegensatz sowol zu roh, als auch rauh oder wild:

tugend und anmut
sang ihr freundlicher mund; rings ward den gemilderten völkern
heilig und hehr die natur, des unendlichen sichtbare gottheit.
Voss 3, 103.


d) vgl. mild 10, in bezug auf sinnlich wahrzunehmendes, töne, licht, farben, wärme u. ähnl.: den ton, die stimme mildern; der reine himmel dieses schönen landes, ... die durch die lieblichste kühlung gemilderte wärme. Wieland 27, 133; die goldne mondsichel, deren milchfarbenes licht die schwarzen waldschatten der hohen fichten milderte. Musäus volksm. 230; (Beireis) erzählte die oft wiederholte geschichte: wie er den stein unter einer muffel geprüft und über das herrliche schauspiel der sich entwickelnden flamme das feuer zu mildern und auszulöschen vergessen. Göthe 31, 234; (der himmel) setze besonders euren männern oder vätern, wie der kalendermacher der sonne, ein menschliches antlitz an, das auf eine schöne weise das männliche, wie das solarische blenden mildert. J. Paul Qu. Fixl. s. vi; von allem, was die fliegende hitze des fliegenden lebens mildert. s. 19; er stand mit einem von den liebearmen der natur festgehaltnen herzen, .. süsz in die gleich ihm gemilderte abendsonne verloren. biogr. belust. 1, 59; die kälte mildern:

mildre diese kälte, schlichte
holz auf holz zur flamme reichlich.
Platen 154 (nach Horaz 1, 9: dissolve frigus);

den blick, das aussehen, den glanz mildern: sie lächelte über meine verwunderung, milderte ihren feurigen kühnen adlerblick, faszte mich zärtlich bei der hand. Heinse Ardingh. 2, 52; und so wird ein erhabenes bild gemildert zur anmuth. Göthe 39, 21; derjenige theil ihrer haare, der noch aufgesteckt ist, mildert, durch weibliche zierlichkeit, ihr sprödes ansehn, dagegen der herabhängende das männlich-wilde vermehrt. 24;

gib auch blätter, den glanz der blendenden blumen zu mildern. 1, 305;

mildern in bezug auf gestein (vergl. mild 10, d): die kleinen berge, mit dem krater, aus dem die lava flosz, sind noch unfruchtbar, ... und werden wahrscheinlich noch lange so bleiben, bis der witterungswechsel die verbrannte materie

[Bd. 12, Sp. 2212]


genugsam gemildert hat, um sie der vegetation fähig zu machen. 37, 206; in bezug auf eine geschwulst: der weizen und sein meel haben eine kraft zu miltern und zu zeitigen. Tabernaem. 599; auf geschmack: zerflossenes weinsteinsalz mildert die säure des weines. Adelung.
2) reflexiv, sich mildern: weil die vorstellung des orientalischen despotismus .. sich gemildert hat. Klinger 12, 122; er bemerkte, dasz .. seine spartanischen vorstellungen sich zu einer sogenannten unschädlichen schrulle oder zu dem, was man den wurm bei einem menschen nennt, gemildert hatten. Immermann Münchh. 1, 79.
3) intransitives mildern hört man im süden: die kälte, das wetter hat gemildert, ist mild geworden; das fieber mildert, nimmt ab.
 
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milderer, m.
1) conciliator, emolliens, leniens, clemens, mitigans, placans. Stieler 1276:

doch nicht sei mir aus schonung ein milderer oder aus mitleid;
sondern getreu erzähle, wie deinem blick es begegnet. Odyss. 4, 326.


2) vgl. oben milder.
 
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milderung, f. das mildermachen, mildern: die milterung, lenimen, lenimentum, mitigatio, mulcedo Maaler 290b; lenimen, ein milterung, tröstung Dasyp.; milderung, mitigatio Frisch 1, 663b; wer cze hart trage (zu viel steuern zahle), das dem miltrung bescheche. d. städtechron. 5, 120 anm. 1 (von 1466); alsdann ist alle hoffnung der gnade und milterung aus: kein ansehen der person ist vorhanden. Simpl. 2, 116 Kurz; etliche (halten das aderlassen) für ein milterung und behülf etlichs theils der krankheiten. Paracelsus opp. 1, 712 A; der kranke fület milderung, aegrotus decrementum morbi sentit, morbus aliquantum remittit, aeger minus graviter laborat. Stieler 1277; (vocale) die wir zur milderung der rauhen töne, zur linderung starker consonante, zur biegsamkeit der rede am nöthigsten haben. Herder z. litt. 1, 65; jammer ward in betrübnis gemildert. und wo diese milderung nicht statt finden konnte .. Lessing 6, 385; auch sollte durchgängig mehr anstand und milderung beobachtet sein (in den räubern). Schiller hist.-krit. ausg. 2, 372; gleichwol verflatterte bald das gerührte zürnen und er bewilligte dem ersten blättchen des so lange gesuchten lieblings (einem ersten erhaltenen briefe) immer schönere milderungen. J. Paul Tit. 2, 89;

miltrung meinem leib und meinen augen ruh.
Weckherlin 134.


 
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milderungsgrund, m. grund für die milderung einer strafe oder einer beurtheilung: verschiedene milderungsgründe wurden vom vertheidiger angeführt; es können manche milderungsgründe für ihn vorgebracht werden.
 
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mildfrei, adj. gnadenfrei: (Rudolf von Habsburg) ward ein klg anschlegig, in waffen gestreng, in werken ein radtweisz miltfrei man. S. Frank chron. (1531) 192a; mildfrei, centfrei, exemtus criminali coërcitione. Schottel 487a; mildfrei, liberalis Stieler 559.