| Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm | · · ![]() | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
milbig bis milchbad (Bd. 12, Sp. 2184 bis 2190) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 1) milch ist ebenso altes gemeingut der germanischen sprachen, wie das dazu gehörige verbum melken (sp. 1997): goth. miluks; altnord. mjólk, schwed. mjölk, dän. melk; ags. meolc, engl. milk; fries. melok; alts. miluk, niederl. niederd. melk; ahd. miluh, mhd. milich, milch; in den urverwandten sprachen entspricht auffallender weise nur altirisch melg (W. Stokes three irish gloss. xxx), während das altbulg. mlèko mit seiner sippe (russ. moloko, poln. böhm. mleko, wend. mlȯko u. s. w.) als deutsche lehnwörter zu gelten haben, da sie im falle der urverwandtschaft nicht gleicherweise k im inlaut wie das deutsche zeigen könnten; lat. und griech. haben in ihrem lac, lactis, γάλα, γάλακτος völlig abstehende bildungen. dasz milch fast allein steht in den germanischen sprachen, während sein verbum melken in seiner besondern bedeutung durch die europäischen sprachen geht, wird sich so erklären, dasz es ursprünglich ein auf germanischem boden gebildetes verbalsubstantiv war, die handlung des melkens (also das was das spätere melke sp. 1997) ausdrückend, und nachher erst den begriff des durch das melken erlangten, des hervor gemolkenen annahm. 2) während milch heute im sing. der biegung entbehrt, bildete die alte sprache den dat. miluhhi, mileche: ih trank ouh dâ mînen uuîn mit mînero miliche. 74, 5 Seemüller; der [Bd. 12, Sp. 2185] sich, wenn auch mhd. nicht nachzuweisen, noch bei den Schlesiern des 17. jahrh. findet: wann bei der Römer zeit man sah mit milche trifen bei der sich fruchtbar-sein und jungfrauschaft vermählet, 3) milch, zuältest und ohne weiteren zusatz war gewöhnlich auf die kuhmilch bezogen. a) sie bildet einen hauptbestandtheil der einfachen menschlichen nahrung, im verein mit dem was land oder hausthiere an ertrag liefern: der mensch darf zu seinem leben, wasser, fewr, eisen, salz, mehl, honig, milch, wein, öle und kleider. Sir. 39, 31; und er trug auf butter und milch, und von dem kalbe das er zubereit hatte, und satzts jnen fur. 1 Mos. 18, 8; die milich si ouch nuʒʒen, in dûhte durch guot, (du muszt sorgen) umb das fleisch und umb das prat, .. von groben brot isz ich ein ranft (sagt der bauer), das man int stat auf morgen fru ich wolt heudt in die stadt gahn, so wart nur fleiszig unser ku ein kuh, sein vieh, sein land, sein garten giebt gerichte, b) in der bibelsprache gilt das land für gesegnet, worin milch flieszt: zur selbigen zeit werden (in Juda) die berge mit süszem wein triefen, und die hügel mit milch flieszen .. aber Egypten sol wüst werden. Joel 3, 23; besonders aber, worin milch und honig flieszt: und bin ernider gefahren, das ich sie errette von der Egypter hand, und sie ausfüre aus diesem lande, in ein gut und weit land, in ein land, darinnen milch und honig fleuszt. 2 Mos. 3, 8 und oft; darumb es (Palästina) auch genand ward ausz solchen ursachen mit honig und milch flüssig. weltb. 176a; beides zusammen der inbegriff der süszigkeit: deine lippen, meine braut, sind wie triefender honigseim, honig und milch ist unter deiner zungen. hohel. 4, 11; von daher bei dichtern: vergönne mir, o Jesulein, dein mund hat mich gelabet hab ich gleich die poesie verletzet, (bis) der verliebten schäfer paare wieder dein Israel, das fromme heer, c) die milch ist süsz, sahnig, wenn sie frisch von der kuh kommt, sauer, geschieden, gestockt, geronnen, wenn sie länger gestanden hat: bracht die beürin erst ein grosz kar mit gter sszer milch, darinn stigen sie mit den löfflen. rollw. 112, 11 Kurz; [Bd. 12, Sp. 2186] wann die schweren kühe brüllen, sahnige milch in gestülpter wir essen all nit gern hebrin prei, wann er hat heut schon suppen gessn, hierauf wird warme milch, nebst feld- und gartenfrüchten, der schnee ist hell, die milch ist weisz. nichts gessen, dann ein heidelprei fül dein spindel, denn wöl wir launen, als er darauf die hälfte der weiszen milch sich gelabet, d) milch mit dem unbestimmten artikel, wie sonst bei stoffnamen, wenn geschlossene und abgegrenzte hervorhebung bei einer beschreibung geschieht: mhd. ein milch und ein bluot. troj. krieg 3024 (s. die stelle unten 6, a); nhd. der weisze dicke und einer milch gleichende saft. öcon. lex. 1612; es sihet ein milch der andern nit so gleich (non tam ovum ovo simile). spr. 66a; die gartenfrüchte sind herrlich, besonders der salat von zartheit und geschmack wie eine milch; man begreift warum ihn die alten lactuca genannt haben. 28, 128; ein gericht, eine schüssel milch bezeichnend: geh nein, richt mir ein millich ahn. wir wollen auf den streit auch heute lustig sein; 4) milch anderer hausthiere, durch zusätze oder den zusammenhang der rede ausdrücklich bezeichnet: mit waschen ... in [Bd. 12, Sp. 2187] gaiʒeiner milch. 478, 1; butter von den kühen, und milch von schafen. 5 Mos. 32, 14; und solt das böcklin nicht kochen, dieweil es an seiner mutter milch ist. 2 Mos. 23, 19; die esel werden in Frankreich, Italien und anderer orten gemolken, und die milch denen lungensüchtigen zur arznei gebrauchet. öcon. lex. 1592; aus milch macht man geiskäs, gleichformig denen die man ausz kümilch zu machen pfleget. feldb. 144; vgl. die zusammensetzungen eselmilch, geiszmilch, kamelthiermilch, losenmilch, oder von einer losen (lac suillum), roszmilch, schaafmilch 289d. milch von säugethieren überhaupt: die hasenmilch ist ganz dick, und als Aristoteles spricht, habend sy allein under den thieren milch ee dann sy gebärend. thierb. 69b; die milch der hunden ist dicker dann anderer thieren milch. 87a. 5) milch der frau, muttermilch: daʒ sehzehend (zeichen, dasz die frau ein knäblein trage) ist, daʒ der frawen milich dick ist und zæh, alsô der si sprengt auf ein glas, sô stênt die tropfen dar auf als die arwaiʒ und flieʒent niht. aber sô diu frawe mit aim dirnlein gêt, sô ist ir milich dünn und wäʒʒrig und zerflieʒent ir tropfen. 41, 8; milch einer söugammen, ros vitalis 290a; man neme weibermilch (als arznei). feldb. 74; es heiszt die milch saugen, von der milch entwöhnt werden: dasz du solt milch von den heiden saugen, und der könige brüste sollen dich seugen. Jes. 60, 16; wem sol er zu verstehen geben die predigt? den entwehneten von der milch, denen die von brüsten abgesetzt sind. 28, 9; du warst, noch eh du wurdst geborn, all dieses volk gehorcht Friedländischen dazu macht mir die milch beschwerden, Aurel. was gilts sie geben nach? priest. wofern sie nicht gesogen wohin erst mancher kaum, nach langem schweisz, gediehen, verehrung, hasz und gunst flöszt mit der milch sich ein, ich wüste nicht wer der, und wannen er entsprossen, 6) milch in vergleichen und sprichwörtern. a) ein reines weisz ist der milch verglichen: sîner zande glîʒ auf seinen wangen ist zu schaun [Bd. 12, Sp. 2188] und sie wird in gegensatz zu dem rot der wangen durch den vergleich wie milch und blut gestellt: meitle weisz wie milch, nichts dann milch und blt, puellae lacteolae 290a; freilich sahe der schöne und zu selbiger zeit arme Solande wie milch und blut, und deswegen denen gelben staub und sonnenschwarzen ungesunden bettlern ganz ungleich. polit. stockf. 22; reht als ein milch und als ein bluot ir schön angsicht so wol rundiert, .. ich sah zwar nichts als milch und blut (das gesicht der schönen), (sie) sah immer aus wie milch und blut. hier steht, den du gerettet, ein mädel jung am wege sasz, b) milch, als die nahrung der säuglinge, übertragen auf die erste geistige kost: milch hab ich euch zu trinken gegeben, und nicht speise, denn jr kundtet noch nicht, auch künd jr noch jtzt nicht. 1 Cor. 3, 2; und die jr soltet lengest meister sein, bedürfet jr widerumb das man euch die erste buchstaben der göttlichen wort lere, und das man euch milch gebe, und nicht starke speise. Hebr. 5, 12; und seid girig nach der vernünftigen lautern milch, als die jtzt gebornen kindlin, auf das jr durch die selbigen zunemet. 1 Petr. 2, 2 (vgl. dazu milchchrist, milchglaube); wie auch auf die erste und grundlegende bürgerliche nahrung: von unfruchtbarem golde zu einer schnellen grösze gebläht, sah man die monarchie (Karls V) an einer langsamen zehrung schwinden, weil ihr die milch der staaten, der feldbau entzogen wurde. hist.-krit. ausg. 8, 98. c) milch, mit folgenden genitiven, in bildern die ebenfalls auf dem süszen und ersten nährmittel des menschen fuszen: ich hab euch mit der milch so vieler gutthaten getränket. 324; die geistlichen peitschen die milch des evangeliums so lange bis sie sauer wird. liter. nachlasz 4, 251; ja, stünds in meiner macht, ich schüttete nay, had I power, I should d) milch, als sinnbild des weichen, noch jungen oder unreifen, vgl. DWB milchbart, DWB milchbengel, DWB milchfriedel, milchhaar, milchhörnig, milchjahre, milchling u. a.; auch des weichen, verzagten im gemüte (vgl. auch milchherzig, milchig): doch dein wesen fürcht ich: it is too full o'the milk of human kindness; da es doch, wie ich sehe, unmöglich ist, deine zu milch gewordene galle zu reizen, und selbst die schändlichste aller greuelthaten dich nicht bewegen kann, die verbrecher in die strudel des Flegethons hinab zu donnern! 25, 238.e) milch in sprichwörtern und redensarten: süsze milch soll man vor katzen hüten. wer das einbrocken bezahlt, dem schenkt man die milch. die milch balgt wohl, aber sie talgt nicht (füllt auf, aber macht nicht fett). es kommt keine milch von hofen, es ist denn eine maus darin ersoffen. sprichw. 377; ihre milch wollte nicht mehr gelten (doctrina eorum obsolescere incepit). Keisersberg bei 1, 663a; schwäbisch er läszt die milch abe, gibt nach, spannt seine forderung nicht mehr so hoch. 385; tirol. die milch sinken lassen, den mut verlieren. 438; wie das wasser das aufflackendre feür löschet, also löschet den zorn der gedank so du hast von deinen sünden .. und darumb fahe an, lasz die milch nider und gesitz, und also gedenk dein aigne arbaitsäligkeit die an dir ist. Keisersb. siben schaiden dd 3d; das bild [Bd. 12, Sp. 2189] ist wol hergenommen von der beim kochen in die höhe schieszenden milch, die, vom feuer genommen, sich schnell wieder setzt. 7) milch, von milchähnlichen pflanzensäften. a) von feigen und feigenbäumen: milch von einem feigenbaum, lac ficulnum. 290a; lasse inn den bisz drei oder vier tropfen milchs von feigenbäumen oder feigen tropfen. feldb. 95 (der auffallende genitiv milchs hier wol gebildet weil der verfasser an saft dachte); aber auch von pflanzen der gattung euphorbia (vgl. teufelsmilch, wolfsmilch) u. a.: milch wird auch der weisze dicke und einer milch gleichende saft gewisser kräuter genennet. öcon. lex. 1612. s. milchkraut. b) der saft in den noch unreifen samenkörnern des getreides: das korn tritt in die milch, steht in der milch, wenn die körner sich bilden; das (düngen) thut man in Schlesien bald nach der saat ... ehe das korn in die milch tritt. hausb. 200; wenn das korn in der milch gefreuert, so verdirbts sehr. 2; wenn es in sommer am längsten tag so kalt würde, dasz es eisz gefröre, da sage ich, würde man gewisz gnung theure zeit darauf kriegen, weil alle zu selbiger zeit in der milch stehende früchte erfrieren würden. rockenphilos. 2, 174; wenn Sirius den weizen-ähren es stockte in dem zarten halm die milch c) auch der wein ist in der milch, im ersten jahre nach der kelterung, wenn er noch keine vollreife und weisz-flockichtes aussehen hat (federweisz th. 3, 1410): die win, die am Kaiserstl wachsen, die sol man in der milch trinken, wan sie sind nit wierig (halten sich nicht). zeitschr. 3, 284 (von 1510). d) milch aus mandeln, ein aus mandeln bereiteter milchweiszer saft; s. DWB mandelmilch. 8) milch, bei fischen: milch heiszet bei den fischen männlichen geschlechtes das zarte mark, so sie im leibe tragen, darinnen ir saamen enthalten ist. öcon. lex. 1612; milch im visch oder im hering, lactis. voc. inc. theut. n 7a; erstlich lassen die milcher (männlichen fische) ihre milch von sich und spannen die im wasser aus gleich wie ein netz oder tuch. hausb. 493. milch in dieser bedeutung wird von 1364 als neutr. gegeben. 9) milch, eine drüse: under der kählen theilen sie (die venae) sich in 12 merkliche äste, zwischen der ersten abtheilung ligt das priesz oder milch (thymus), ist eine grosze schwammächte drüse. H. Schaevius anat. abrisz (bei Würtz wundarznei) s. 11; milch, im fleisch, am halse der kälber, kalbsmilch, glandium vitulorum, eine zarte speise, thymus 1, 663a; vgl. milchstücklein und kalbsmilch. 10) milch bei den bienenzüchtern, die in einem dicken milchfarbigen safte liegende brut. 11) milch bei den weiszgerbern: durch die milch ziehen heiszt bei ihnen die feinen lamm- und ziegenfelle mit weiszer stärke einreiben, damit sie, da sie zu handschuhen gebraucht werden, ein schönes weisz bekommen. 3, 65a. 12) milch von flüssigkeiten, deren aussehen an milch erinnert, vgl. DWB bleimilch, DWB kalkmilch, DWB jungfernmilch 2; vom schäumenden wasser der bergströme, gletscher (vgl. milchen): den durst mir stillend mit der gletscher milch, 13) milch, name des zitzenkrauts, lampsana communis. 14) schweizerisch, im Simmenthal, heiszt milch die gesamtheit der käse, welche den sommer hindurch auf einer alp gemacht werden. 2, 210. [Bd. 12, Sp. 2190]
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