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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
kiepe bis kiesdürr (Bd. 11, Sp. 685 bis 688)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) kiepe, f. korb, sack, tasche, hut, ein md. und nd. wort.
1) korb.
a) nd. im 15. jh. kype ader lank korf, cophinus. hor. belg. 7, 28b (v. 1424), kype cophinus Dief. 150a, kipe canistrum 95b. um 1700 kipe: Matz heft de kipe kregen. Lappenbergs Lauremberg 129, den korb als freier (so die kipe kriegen, repulsam ferre, als hd. Wachter 839). westf. kype tragkorb Kuhns zeitschr. 2, 202, götting. kîpe rückentragkorb Fromm. 6, 429, im Bremischen kipe und küpe (eierküpe, honerküpe, torfküpe u. a.) Brem. wb. 2, 899, auch ostpreusz. kiepe und küpe Hennig 122. diese zweite form in Hildesheim keupe (neben kiepe) Fromm. 2, 44. also beide formen mit langem vocal.
b) daher bei norddeutschen schriftstellern:

Hans, sagte Töffel, lang einmal
die kiepe her, die hinter dir
im riedgras steht, und gib dem mann
von unserm käs' und butterbrot.
Hölty 58;

füllet die reinlichen kiepen.
Claudius;

die kiepe mit käsen machte besonders glück bei meiner mutter. Voss an Gleim aus Eutin 1794 (br. 2, 307); ein aufgeschürztes

[Bd. 11, Sp. 686]


mädchen, die sumpfgras in ihre kiepe für die kühe ihrer mutter schnitt. Arnim kronenw. 1, 406.
c) aber auch hd., genauer md., und zwar unverändert mit der nd. form, schon im 15. jh.: kypp, korp, calathus, sporta. Mones anz. 7, 301b; kype, calatus, sporta, canistrum, cophinus. voc. theut. Nürnb. 1482 q 4a; die erste quelle, der vocab. des mag. Engelhusen, enthält auch sonst nd. anklänge, sie mag dem Rheingebiet angehören. so gibt der nrh. Teuthonista auch cophinus, kypp, mande, und noch jetzt ist kiep f. in Aachen ein kober, kiepe in Jülich und Berg rückenkorb (Schmidt west. id. 95); der Nürnb. voc. v. 1482 aber gibt auch manche mitteld. wörter. kîpe ist auch in Mitteldeutschland weit verbreitet, in der Lausitz (daher auch niederwend. kipa tragkorb Zwahr 152), in Sachsen, Thüringen (auch kîbe, Rudolstadt, vgl. unter 4), wol auch in Hessen und weiter? die form ist wechselnd, bald ist es ein rückenkorb, 'tragkorb', bald ein handkorb (s. z. b. Heynatz antib. 2, 180), gewöhnlich aber grob geflochten. auch die bestimmung ist wechselnd, in Altpreuszen z. b. ist kiepe, küpe ein länglich runder handkorb ohne deckel, worin man den pferden das futter reicht. Hennig 122: futterschwinge, hier auch kiepe genannt. Goltz jug. 3, 300, futterkiepe 301. in Lübeck gilt die kiepe wie ein masz, eine kiepe schollen enthält 600 stück. Adelung; kiepenweise verkaufen, holen Campe.
2) landsch. ein tiefer frauenhut in einfachster form aus stroh oder bast. Campe; so in Thüringen, Schlesien, in der Lausitz, Posen (Bernd 121) bei bäuerinnen, in den 50 er jahren eine zeit lang auch in städtischer mode (kiepenform). das ist wol nach der bed. korb gemacht. doch vgl. kippe als kopfbedeckung.
3) sack, tasche. so in Waldeck kiepe tasche Cuntze 476a, westf. Fromm. 6, 429, bremisch kiepsack, küpsack kleidertasche, 'schubsack' Br. wb. 2, 775. 899. und dasselbe musz sein folg., wie es scheint, rheinische keipe: sie (die Indianer) tragen ire kinder auf dem ruck in keipen von baumwolngarn gmacht. H. Staden r ij; lieber meister, ich wil disz stück bratens und diesen semmel in meine keippen stecken, dann ich nicht wissen kan, wie wol auf den abend der würt gerahten möchte. Melander jocoseria 2, 77 (no. 421).
4) es musz aber auch die bed. kasten gehabt haben. in Sachsen braucht man kîpe von alten kasten (auch kîbe), auch von kastenwagen, karren mit einem aus bretern zusammengenagelten kasten, hundekarren, und wie kasten selbst auch von alten häusern, 'die alte kîpe!' das alles nur noch verächtlich, wie es alten wörtern in ihrer letzten lebenszeit leicht widerfährt. die bed. kasten und korb finden sich ebenso beisammen in kar sp. 203.
5) auch als fasz findet es sich, eben wie kar. bei den winzern an der sächs. Elbe kommt eine kiepe als fasz vor, bütte, eben dort kiepe als schöpfgelte (livl. kippe schöpfeimer Hupel 109); die färber haben eine kiepe, farbenfasz, gewöhnlich küpe, s. d.
6) anwendung einer der vorigen bed. wird folg. sein. a) der theil einer holländ. windmühle, der den kopf mit dem rumpfe verbindet. vgl. u. korb 2. b) dem pferde band er oberhalb des hufes etzliche aus dem pferdeschweif gezogene haare ums gelenke, welches der bauer die kiepe nennt. colica Lpz. 1680 s. 186.
7) verwandtschaft und formen.
a) hohes alter wird dem worte gesichert durch norw. kipa f. korb, ags. cŷpa (oder cypa?): belifon tvelf cŷpan fulle. Luc. 9, 17, also schon da als korb. dasselbe scheint noch engl. dial. kipe als fischreuse, weidennetz, s. Halliwell 495a; auch bei uns ist korb zugleich fischreuse, und keiper fischmeister könnte eine deutsche spur dieser bed. für kîpe enthalten.
b) da solch alte stämme in vocal und stammauslaut sich gern manigfach gestalten, könnte mhd. keibe mastkorb (wb. 1, 794a) zu diesem stamme gehören, vgl. wegen des auslauts kîbe unter 4, auf der insel Bornholm kive rückenkorb bei fischern (Adler 17), bei den Deutschen am Monte Rosa (sp. 382) chewl handkorb Schott 280. Ist in kîpe der vocal ursprünglich lang? es wäre sehr auffallend, dasz es md. nicht zu keipe geworden wäre, wie doch u. 3 vorkommt, falls diesz ei altem î entspricht (doch s. DWB kiken 4, c). es gibt eine nebenform kippe korb in Sachsen (vgl. u. 5). s: auch kiffe altes haus, das zu kîpe unter 4 stimmt, mit seiner nebenform küffe zu küpe 1 a. e.; vgl: auch hd. kipf als masz.
c) merkw. ist ein sächs. bergm. kieper m., vom 'hund', kastenkarren der bergleute (Rosswein, Schwarzenberg), es stimmt in der bed. zu 4, mit einer nebenform keuper zu küpe, die endung ist wie in dem wahrscheinlich stammverwandten kober, korb, s. d.
d) ganz merkwürdig endlich in einem voc. des 15. jh. zip cophinus Dief. 150a; in Pommern heiszt kîp korb auch tschîp f. (bei Neustettin). vgl. DWB K 4, c.

[Bd. 11, Sp. 687]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) kieper, s. DWB küper und DWB keper.
 
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kierbeere, f. kornelbeere. Stieler 119. s.kürbeere.
 
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kierei, f. ein pelzkleid, s. DWB küreh.
 
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kieren, s. kiesen 4, c.
 
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kieren, schweiz., 'quer' stehn u. ä., s. Stalder 2, 98 und quer; die form ist schon in mhd. zeit alem.: mit den ougen kieren (quer blicken) Mart. 107, 30.
 
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kies, m. und n., glarea, ahd. nicht gefunden (aber chisil kiesel), mhd. kis wb. 1, 821b (dat. kise im reim auf wise, rise troj. kr. 6913. 36871); der vocal wird im leben noch heute vorwiegend kurz gesprochen (kiss), aber kies hat schon Luther. was den geschlechtswechsel von m. und n. betrifft, so wiederholt er sich gerade bei den gleichbed. gries, sand, grien, s. gr. 3, 379. 552, im neutr. scheint das gefühl des stofflichen besser ausgedrückt, wie bei den metallnamen (gr. 3, 378). auch böhm. kyz.
1) grober, steiniger sand, stofflich gedacht, daher ohne pl.: sabulum kys Brack voc. rerum 1487, kisz Dasyp. 362d, als neutr. Maaler 244a, Schottel 1344; bei Stieler 958 kies und kisz m.; kiesz m. Rädlein 534a, kis 538a; einen weg mit kies beschütten Steinbach 1, 856; durch den kies waten; und dein same würde sein wie sand und das gewechse deines leibs wie des selbigen kies (so zahlreich). Jes. 48, 19, 'der kies des sandes'; denn dieselbe gotteslesterung ist eben der kis und grundfest, darauf des Mahomets ganze reich stehet. Melanchthon im corp. doctr. christ. Leipz. 1560 s. 999, wol sand als unsicherer grund;

giengs fort in sausendem galopp,
dasz ross und reiter schnoben
und kies und funken stoben.
Bürger Lenore;

zweitens hatte der sonst weiche mann (der minister) von seinem verkehr mit der justiz einen gewissen kies angesetzt, eine gewisse grausamkeit angenommen. J. Paul Tit. 3, 147, etwa wie ein ackerrand an einem flusse 'kies ansetzt'? besonders kies in oder am flusse, bei quellen, bächen: nur das ruder plätschert im wasser und stochert im kies auf dem grunde. Bronner fischerged. (1787) 26;

wie leis auf kies die wellchen rauschen.
Voss (1825) 3, 179.

mhd. heiszt eine quelle kisküele, kühl vom kiese:

kisküele, stæte, reine,
reht als die berle kleine
sant und kis von grunde
ûʒ wallent alle stunde.
Mones anz. 8, 489.


2) daher ein kies (mit plural), eine mit kies bedeckte stelle, fläche, kiesstück, wie mhd. grien, grieʒ, sant, lat. arena, gr. ἄμμος: machte er mich auf einen flachen kies aufmerksam, der von unserer seite sich in den strom hinein erstreckte, das sei die schönste gelegenheit zu baden. Göthe 22, 194; indem er (der fährmeister, auf der Mosel) bald hier einen vorgeschobenen kies zu vermeiden, sogleich aber dort den an steiler felswand herfluthenden strom zu schnellerer fahrt kühn zu benutzen wuszte. 30, 176; die Etsch flieszt nun sanfter und macht an vielen orten breite kiese. 27, 35. s. auch kiesweidicht, kiesscherre, uferkies.
3) in allgemeinerem sinne von andern steinen, volksmäszig, bergmännisch und wissenschaftlich.
a) volksmäszig scheint kies als quarz 'in einigen gegenden' nach Adelung. als feuerstein: das mit kies zum entzünden versehene feuerschlosz an gewehren wurde erst 1517 in Nürnberg erfunden. Fr. v. Soden gesch. des weilers Affaltersbach Nürnb. 1841 s. 32. ein voc. des 15. jh. gibt 'antimonium, kys vel spiglas' (so) Dief. 38b. man mochte längst farbig glänzende steine überhaupt so nennen, nach der ähnlichkeit des fluszkieses.
b) von den bergleuten ward das aufgenommen und ausgebildet (dann auch von der mineralogie), sie nannten kies gestein das vorwiegend nicht metallischen gehalt hat, im gegensatz zu den gesuchten erzen: kis, pyrites, lapis aerarius, marchasita. Schönsleder (kisz glarea); 'kiesz, pyrites, ist eine bergart, so gelb, auch weisz; giebt im schmelzen rohstein und hält kupfer, schwefel und vitriol, und ist insgemein unflüssig und strenge zu schmelzen, daher die schmelzer sagen, 'er sei meister im ofen', u. s. w. bergwerkslex. Chemnitz 1743 327a; der bergmann theilet den kiesz folg. maszen ein: schwarzer kiesz, derber kiesz, silberfarbner kiesz, kupferkiesz. 327b. bei Mathesius ist oft davon die rede, z. b. wismut sihet einem weiszen kisz ehnlich. 100a; da der stein kisz bei sich hat .. musz man in zuvor brennen. das.; weiszer und grauer kisz raubet den stein. 99b; der giftige kisz, so beim zwitter bricht. das.; die Teutschen heiszen ihn vielleicht kisz,

[Bd. 11, Sp. 688]


dasz er so fest oder hart ist wie ein kiszlingstein, welche die bergleut querze nennen. 110b; wasserkisz, kupferkisz. das. ein von kuxkränzlern betrogener erzählt u. a.:

sie zeigten mir ein bunten kiesz (nach dem reim kis),
das wer roth gülden erz gewisz. froschm. M 3a.

er galt dem bergmann im gegensatz zum erz als 'wildes ding', taubes gestein: schlacken, kobelt, kisz, speise, und was des wilden dings mehr ist. Mathesius 108b;

(mochten die erze) sich verstecken
in tauben kiesz.
Rückert 167.

je nach ihrem vorwiegenden gehalt heiszen sie schwefelkies oder eisenkies, kupferkies, arsenik- oder giftkies, goldkies, silberkies; der schwefelkies heiszt auch schlechthin kies, böhm. kys, kyz.
c) Adelung machte daraus ein vom vorigen kies verschiedenes, ihm nur stammverwandtes wort; daher wol Rückerts schreibung kiesz. J. Grimm gr. 3, 380 andrerseits gibt auch für das vorige als mhd. schreibung kieʒ glarea, worauf beruht das? in dem märe vom feldbauer 'kiez unde spât' Pfeiffer Germ. 1, 350a. 355, sie werden dem betrogenen als erze gebracht, wie oben bei Rollenhagen der kiesz; aber die beiden hss. haben vielmehr biez, und kiez ist nur vermutet. dagegen erscheint ein mhd. kis bei Berthold, das erz meinen musz; er sagt zu einem schmiede: du slehst ettewenne ein îsin an ein ros, daʒ ist îtel kis, unde gêt lîhte dar ûfe kûme eine mîle, unz daʒ eʒ zerbrichet. 147, 27 (42 Kl.), was soll das sein als bloszes eisenerz betrügerisch zum hufeisen verarbeitet? schon Stieler 958 machte eine unterscheidung zwischen kies glarea und kisz sabulum (er vermischt letzteres mit kitt, s. d.); auch das scheint nur willkürlich.
4) kies für geld in der gaunersprache.
5) die herkunft liegt im dunkel. das wort scheint ausschlieszlich deutsch, denn dän. kiis, schwed. kis, auch in der bergm. bed., scheinen entlehnt, und als nd. find ichs nicht angegeben, aus Holstein wird mir sein fehlen bestimmt versichert, man sagt da grand. stammverwandt wird aber sein nl. kei m. kies, bei Kil. keye (auch kae), auch nrh. kei kieselstein in Aachen (Müller u. Weitz 103); engl. key sandbank. aber auch eine engl. spur von kis in chessom, eine art sandiger und kleiiger erde Halliwell 245a, vgl. unter kiesel, das von kies gebildet ist.
 
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kiesader, f. bergmännisch, ader welche kies, schwefelkies enthält. Adelung.
 
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kiesapfel, m. bergmännisch, kies (3) in einem runden stück; es gibt auch kiesball, kieskugel, kiesbirne, kiesnusz (Frisch 1, 514a, dann kiesfrucht, kiesrogen, kiestrauben ( Campe), je nach der wechselnden ähnlichkeit der gestalt; s. auch DWB kiesniere, DWB kiesschale.
 
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kiesboden, m. kiesiger boden, s. DWB kiesgrund.
 
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kiesdürr, volksmäszige steigerung von dürr, wie steindürr, sanddürr. Frommann 5, 190. Schmidt west. id. 98.