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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bis haarausfallen (Bd. 10, Sp. 1 bis 23)
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[Bd. 10, Sp. 1]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) H Der achte buchstabe des lateinischen, sowie des gothischen alphabets (in letzterem auch mit dem zahlwerte 8), der siebente des altnordischen runenalphabets; in dem erweiterten ags. runenalphabete nimmt er die neunte stelle ein. das h ist der jetzigen hochdeutschen sprache theils der reine hauchlaut (das h ist ein scharpffer athem, wie man in die hende haucht Ickelsamer gramm. B 1a), theils hat es gar keinen phonetischen wert mehr, insofern es (z. b. in sehen, wehen, ziehen, blühen, hoher, floh) stumm geworden ist, theils steht es oft nur als zeichen der dehnung eines vocals, nicht einmal mehr mit etymologischem werte. der buchstabe ist nach seiner entwickelung und geltung kurz vorzuführen.
1) reiner hauchlaut von den ältesten zeiten her ist vorhanden in den mit h anlautenden echten interjectionen, also in ha, haha, ho, hu, huss, hum, in aha, ahî u. a. auch das altindische zeigt die gleichen naturlaute auf: hâ, hahî, ahahâ, ahê, ahô; der Grieche lacht ἃ ἅ und der Lateiner ha ha he; unserm oho gleicht bei den römischen komikern eho und unserm hm, hum derselben hem.
Ferner ist h ursprünglicher hauchlaut da, wo er überflüssig vocalischem anlaute vorgetreten ist. wie diese erscheinung schon in den ältesten hochdeutschen zeiten auftaucht (huns, za habande für uns, za abande Hymn. 17, 3. 18, 1; reichliche andere beispiele bei Weinhold alem. gramm. 193. bair. gramm. 192), so zeigt sie sich auch, obwol im ganzen selten, in der nhd. schriftsprache. für mhd. eischen hat sich schon seit dem 14. jahrh. heischen ergeben; helfenbein für elfenbein als eine bereits im mhd. gebrauchte und bis ins 17. jahrh. dauernde form ist 3, 413 angeführt; haberraute ist aus abrotanum geworden, neben aberklaue ist haberklaue gebräuchlich, wie für eidechse auch heidechse gilt; und dasz häckel und heikel von eckel, ekel nicht zu trennen ist, wird unter diesen wörtern besprochen. die mundarten weisen mehr der fälle auf. so sagt der Baier henchel, henkel für enkel knöchel, der Schweizer heigen für eigen haben, und in vielen theilen Deutschlands lautet der fremde abschiedsgrusz adieu ade hadjes, hadje; bei Haupt 1, 25 ist darauf aufmerksam gemacht, dasz eine im friesischen vorkommende nebenform zu atha vater mit anlautendem hauche heitha heita dem jetzigen hessischen heite, häte vater gleicht; aus Mecklenburg: bi'n pohlsches hulahnen-regiment Reuter festungstid 10; andere beispiele aus Westfalen bringt Woeste bei in Fromm. zeitschr. 5, 345. — In einem falle ist dagegen h an einem eingebürgerten fremdworte gewichen, an uhr aus lat. hora, s. unter hor. vgl. ferner das 3, 52. 692 zu ehr, er für hêr, her dominus und er für die partikel her bemerkte.
Dasz der hauchlaut h ein ursprüngliches s vertritt, wie der griechische spiritus asper, ist eine wol nur auf die bairischen mundarten eingeschränkte und wenig häufig vorkommende erscheinung: hänt sie sind aus Niederösterreich und andere verzeichnet Fromm. 5, 106. 3, 107. Weinhold bair. gramm. 192.
2) unser h ist zu dem jetzigen hauchlaute aus einem reibelaute geworden, welcher aus dem indogermanischen k entstand, wahrscheinlich durch die aspirata kh hindurch gieng und schon im gothischen als h sich zeigt, doch wol, wie auch später noch, mit etwas anderer aussprache als bei uns, die unserm ch näher kam. möglicherweise ist die aspirata kh = goth. h noch den merovingischen Franken gerecht gewesen, die dafür die schreibung ch gewähren; man vergl. Childebert = Hildebert, chrêo-mûsido leichendiebstahl der malberg. glosse mit goth. hraiv, ahd. hrêo cadaver; chengisto hengst ibid. mit ahd. hengist; ficho vieh ibid. mit goth. faíhu, ahd. fihu.
Der verlauf dieses h ist nach seiner stellung im anlaut, inlaut und auslaut zu ermessen.

[Bd. 10, Sp. 2]



a) anlautendes h = goth. h, indogerm. k. die aussprache dieses lautes musz je nach ort und zeit schon im althochdeutschen geschwankt haben. auf einen harten reibelaut weist es hin, wenn h für ch stehen kann, wenn also hreftî für chreftî, harag für charag geschrieben wird. der name eh, den der buchstabe h in Pariser glossen führt (erus magis per h scribitur, maer duruh eh scrîpan Graff 4, 683) bestätigt diesz, denn nur wer den laut mit rasura gulae sprach, konnte ihn eh nennen, wer ihn hauchte, brauchte den namen ha. auf der andern seite sprechen für schon frühen übergang des reibelautes in den hauchlaut der umstand, dasz h oft einem mit vocal anlautenden worte überflüssig vortrat (s. oben), so wie der, dasz die anlautenden verbindungen hl, hr, hn, hw sich schon frühe in einfaches l, r, n, w wandeln. so wird hladan zu ladan, laden, hros zu ros, ross, hnîgan zu nîgan, nîgen, huër zu wër; nur in einem sichern falle hat sich von der letztern verbindung das h erhalten, weil der folgende labial sich frühzeitig vocalisierte: ags. hvôsta ist ahd. huosto und unser husten.
b) im in- und auslaut tauchen seit den ältesten historischen zeiten unserer sprache zweierlei h auf. etymologisch einem indogermanischen k entsprechend ist es in ahd. zehan, goth. taíhun, lat. decem, in ziohan, goth. tiuhan, lat. dûcere, ahd. skuoh, goth. skôhs schuh u. a. die frucht einer assimilation ist es in der verbindung ht, wenn dieselbe nicht indogermanischem kt entspricht (wie in ahd. naht, goth. naht-s, altind. naktam), sondern aus gutturale und dentale geworden ist, so in goth. mahta, ahd. mohta, welches für mag-da, mog-ta steht, in goth. þahta, ahd. dâhta für þak-da, dak-ta; ahd. starhta stärkte für starkta, starchta u. a. dieses assimilirte ht besteht ebenso wie das echte in gleicher schreibung durch das mittelhochdeutsche hindurch, ist aber seit dem 15. jahrh. zu cht geworden.Zu diesen beiden arten von h tritt nun noch im ahd. ein drittes in mihil grosz, zeihan zeichen, pouhan signum, joh joch, welches indes nur mehr vereinzelte schreibung für mihhil michil, zeihhan zeichan, pouhhan pouchan, joch ist, in der rauheren aussprache des h, die dem ch nahe kam, seinen grund hat, und etymologisch nicht auf indogerm. k, sondern auf goth. niederd. k, indogerm. g zeigt. dieses h für ch, wie es sich nie allgemeiner hat festsetzen können, geht zu gunsten des letzteren bald wieder unter, wenn auch noch spät spuren davon anzutreffen sind, z. b. steht gmahet für gemachet bundsch. 42; es hat aber noch in einem beispiele in der nhd. sprache nachgewirkt, in geruhen, ahd. ruohhan curare, welches wort im altsächs. rôkjan, ags. rêcan lautet, wo also das h ein ursprüngliches ch, niederd. k vertritt.
Das inlautende echte, nicht aus anderm laute assimilierte h ist nun im nhd. theils geblieben, theils zu einem andern laute gewandelt. geblieben, aber stumm geworden zwischen zwei vocalen und vor r, l, m, n: nahe, schwäher, zehe, sehen, geschehen, leihen, ziehen, geflohen, schuhe, ähre, zähre, stahl, zehn, trähne; in oheim tönt es noch, in der verkürzten nebenform ohm nicht. vor s und t ist, gerade entgegen ahd. mhd. brauche, für h schreibung und laut ch eingetreten: ahd. naht—nacht, ahd. nâhist—nächst, ahd. dehsala beil—dechsel, dîhsala—deichsel; goth. aúhsus, ahd. ohso, mhd. ohse—ochse; alts. ahd. lioht, mhd. lieht—liecht, licht; goth. leihts, ahd. lîht—leicht. — Beachtung verdienen übergänge eines alten echten h in g, die nicht mit einer gewissen regelmäszigkeit erscheinen, sondern sich auf einzelne worte oder wortfamilien beschränken, aber alt sind. goth. ganôh-s genug mit seinem verbum ganôhjan ist ags. schwankend genôh und genôg; ahd. ganuog, ginuogan, doch blickt das alte h noch hindurch in der schreibung ginuoch (Graff 2, 1006), wie es sich in dem von éiner

[Bd. 10, Sp. 3]


wurzel stammenden verbum ganah es genügt, goth. ganah, ags. geneah erhalten hat. mhd. nur genuog, genuoc, genüegen, nhd. genug, genügen. flüssiger als in diesem worte ist das verhältnis zwischen h und g geblieben in schwäher, ahd. swëhur, mhd. swëher (lat. socer) und schwieger, ahd. swigar, mhd. swiger; schwager, mhd. swâger. einige starke verben mit wurzelauslaut h lassen denselben bald mehr, bald weniger häufig in g wandeln: gegenüber goth. slahan, praet. slôh, slôhum, part. slahan-s ist im ahd. sowie im altniederd. zwar noch in den präsensformen h erhalten in slahan schlagen, slah plaude, arslahit occidit, irslahe interficiat, aber die präteritalformen haben g angenommen: sluog, wofür nach den auslautsgesetzen auch sluoc (neben sluoch) gilt, sluogun, part. gislagan; uns ist das g auch ins präsens gedrungen: schlagen, ich schlage, schlug, geschlagen; aber präsentiale formen mit h halten sich noch bis ins 17. jahrh. Luther gewährt den inf. schlahen 1 Mos. 8, 21. 2 Mos. 9, 15. 12, 12 u. ö., die form ich schlahe 2 Mos. 12, 13 neben schlage 1 Sam. 17, 9; du schlechst 5 Mos. 7, 2 neben schlegst ps. 3, 8, schlegt 2 Mos. 21, 12. 15. imp. schlag 2 Sam. 1, 15; B. Waldis wiltu dich schlahen III, 3, 13, art schlecht nicht von art IV, 3, 25; das h fällt aus: zu boden schlan (: abe lân ablassen) Opel u. Cohn 344, 207; selbst in der participialform geschlan (ibid. 262, 64), was auf früheres geschlahen für geschlagen hinweisen kann. der wechsel zwischen h und g in diesem verbum ist auch den heutigen mundarten noch eigen: osterländisch schlahen und schlân, imper. schlag und schlâ; so auch schwäbisch schlag schlage und schlâ, schlechst du schlägst oder schlaist, inf. schlage und schlã Fromm, 2, 113. weniger durchgedrungen als bei diesem verbum ist der gleiche wechsel bei ziehen, goth. tiuhan, praet. tauh, taúhum, part. taúhan-s; im ahd. entspricht ziohan, praet. zôh und zôg, zugum, part. zogan gazogan. wir haben das h in den präsensformen gerettet ziehen, in den präteritalformen hat sich g fest gesetzt zog, gezogen, wieder nicht ohne ausnahme; in dem studentenliede 'das jahr ist gut, braunbier ist geraten' begegnet

da thu ich vor freuden die mütze abziegen (: vergnügen),

und bei B. Waldis steht zoh für zog III, 29, 1, zohe II, 27, 50. III, 8, 10; auch später noch: durch diesen discurs der sich weit auf ein mehrers erstreckte und auseinander zohe. Simpl. 2, 229 Kurz. Luther hat die form zoch Marc. 12, 1. 13, 34 u. ö., in einigen ersten drucken findet sich auch zog; ich zoch meine schuh wieder an. Simpl. 3, 328 Kurz. nominalableitungen haben teils h teils g: ziehe educatio, ein kind in die ziehe geben, aber zeug, zeugen, zug, zügel, welches letztere wort ahd. schwankte: zuhil und zugil. — Gegen diese verben hat fliehen, ahd. fliohan sein h rein zu erhalten gewust, ungleich dem ags. brauch auch hier in den präteritalformen den wurzelauslaut zu g zu wandeln, wodurch die formen flugon, geflogen formell denen von fleógan fliegen gleich werden. nur mundartlich erscheinen von geschehen formen mit g: es is êmal geschegen sagt man im Osterlande; und das das geschege Stolle thür. chron. 115. gedeihen hat sein wurzelhaftes h wieder hergestellt, wir sagen es gedeiht, es gedieh, gediehen, was dem mhd. dîhen, dêch, digen, gedigen gegenüber steht; reste des mhd. brauches retten sich in das nhd. hinüber: welches ihn darum nicht besser machte oder ihm zur warnung gedige. Simpl. 2, 154 Kurz; das alte part. gedigen verwenden wir als gediegen heute als adjectiv und trennen es vom part. gediehen auch der form nach.
Auslautend duldete das mhd. kein h, sondern setzte es in ch um, wodurch das letztere sowol der vertreter eines goth. h als auch eines goth. k wurde. das nhd. hat gestrebt, das auslautende h wieder in sein altes recht zu setzen; es ist ihr meist, nicht immer, gelungen: nicht in hoch, goth. hauh-s, ahd. hôh, mhd. hôch, gegen hoher, mhd. hôher; in doch, goth. þaúh, noch goth. naúh; die präp. nach steht neben dem adj. und adverbium nahe, nah, goth. nêhva. auch hier lange schwankendes nachklingen des mhd. brauchs: floch (floh) 1 Sam. 4, 10; der imper. fleuch findet sich noch bei Gotter (1, 13 gegen fleuh Weckherlin 815); und sich (sieh) das niemand zu dir kumb B. Waldis I, 24, 9, rauch rauh III, 14, 9, schuch schuhe IV, 69, 95, händschuch Garg. 281b gegen schuh ibid.; dasz ihm die schuchsohlen hätten herunter fallen mögen. Simpl. 3, 72 Kurz. in durch haben wir die mhd. form behalten (goth. þaírh, ahd. duruh), in mähre equus ist das schlieszende h untergegangen: ahd. marah, ags. mearh, mhd. march.
Wo nun im nhd. auslautend das alte etymologisch berechtigte h wieder erscheint, ist es stumm: sieh, sah, geschah, der zeh, verzeih, vieh, floh, schuh, rauh. die volkssprache läszt jedoch hier gewöhnlich, in fortsetzung der mhd. gewohnheit, das h als ch

[Bd. 10, Sp. 4]


lauten und sagt sich, er sach, es geschach u. s. w., und auch die sprache des gebildeten verschmäht die form viech nicht, wenn sie damit eine komische wirkung erzielen will.
Aus- oder abfall hat h erlitten in scheuen, mhd. schiuhen, gegen das transitive scheuchen, welches sein h zu ch gewandelt zeigt; in scheu, abscheulich, scheusal; ferner in befehl, befehlen, goth. bifilhan, ahd. bifelahan, für welche beide wörter bis ins 17. jahrh. die form befelch, befelchen gebräuchlich war (1. 1251—55, das im inlaute beider wörter stehende h kann für nichts als ein dehnungszeichen genommen werden), in scheel und schielen, ahd. scelah und scilahan, bair. noch schelch und schilchen (Schm. 3, 352). mähre equus wurde schon genannt.
c) besonders häufig hat sich h im nhd. in bildungssilben an stelle anderer spirantischer laute ergeben; meist des j: mhd. blæjen, blüejen, brüejen, brüeje, dræjen, vrüeje, glüejen, kræjen, mæjen, müejen, næjen, wæjen ist nhd. zu blähen blühen brühen brühe drehen frühe glühen krähen mähen mühen nähen wehen geworden, dieser übergang aber von j in h ist bereits von lange her, schon seit ahd. zeit vorbereitet: neben ahd. blâjan geht blâhan in arplâhant (Graff 3, 235), neben blôjan blôhan, bluohan, neben muojan muohî mühe (2, 602), mhd. wechseln müejen, müehen, müewen mit einander und für vrüeje findet sich auch vrüehe, wie überhaupt der wechsel der bildungslaute j h w weit durch die deutschen dialecte greift. das nhd. kennt diesen wechsel nicht mehr, ihm ist, wie eben gezeigt, nur h gerecht oder der bildungslaut ist ganz ausgefallen wie in säen gegen ahd. sâjan sâhan sâwan. vertreter eines w ist ahd. h in ruhe ruhen, mhd. ruowe ruowen; ferner in frôh, mhd. vrô, vrôwer, neben welcher letzteren form sich doch auch schon mhd. der acc. frôhen findet (Ben. 3, 414a). zweifelhaft ist es ob in ehe matrimonium das h hierher gehört und vertreter eines alten w ist, ahd. êwa, wofür Notker die form êha aufweist; 3, 39 ist dies verhältnis geläugnet und das h des wortes nur als dehnungszeichen genommen worden. nhd. wehe ist vielleicht doch von dem mhd. subst. wêwe schmerz nicht zu trennen, wofür md. die form wêhe gebraucht wird.Im 16. jahrh. finden sich noch mehrere alte w durch h, und zwar im auslaute vertreten: Luther schreibt kalh calvus, mhd. kal kalwer (Micha 1, 16); falh, ahd. falo, falawer, doch neben falb, in welcher form sich das alte w zu b erhärtet rettet (offenb. 6, 8); melh, mhd. mel, melwes: ein epha ungeseuerts melhs richter 6, 19; das ungeseuert melh 21; bei diesen wörtern tritt das h später nur als dehnungszeichen in den inlaut, gerade wie bei befehl, befehlen, s. oben. umgekehrt findet sich ein altes ableitendes h in b gewandelt, was aus w verhärtet ist; für scheel (schelh Agric. spr. 29a ausg. v. 1560) schreibt Maaler schälb, uberzwerch 345a, schelb ansähen 349b.
3) h als dehnungszeichen. seit den ältesten hochdeutschen zeiten kommt es bisweilen vor, dasz schreiber einem worte ein h einfügen, welches keine etymologische berechtigung hat. manchmal steht es ganz ohne ersichtlichen grund, theils nach einem unzweifelhaft kurzen vocale wie in magaht-heiti, kiduhlt (Weinhold alem. gramm. 199), theils sogar zwischen zwei consonanten, z. b. in Liutmunht für Liutmunt (verbrüderungsbuch von St. Peter 43, 3); öfter erkennt man die absicht, durch den hauchlaut die dehnung eines vocals anzuzeigen: deohmuatî, hûhs (Weinh. a. a. o.). dieses überflüssige h ist bis zum 14. und 15. jahrh. noch nicht häufig: erst im 16. wird es sehr gewöhnlich in der absicht verwendet, die länge des vocals dadurch anzuzeigen. die stellung des h ist hierbei oft willkürlich, teils vor, teils hinter dem vocale, dessen dehnung angezeigt werden soll; es begegnen die schreibungen nehmen und nhemen, jhar und jahr, raht, rhat und rath, nuhr und nhur für nur. schon im 16. jahrh. regelt sich der gebrauch dieses dehnungszeichens, das übrigens nicht mit consequenz, sondern nach der laune des schreibers ebenso gebraucht wird, wie die verdoppelung eines consonanten um dadurch die kürze des vorhergehenden vocals anzuzeigen, dergestalt, dasz es hinter dem betreffenden gedehnten vocale seine stelle erhält. ein rest des frühern brauchs, es vor denselben zu stellen, ist uns bis auf heute geblieben in der schreibung th, das, wie man weisz, mit dem niederdeutschen und englischen th nichts zu thun hat, sondern einfach willkürlich die hochdeutsche tenuis t vertritt: unser that ist gleich taht und soll nur tât ausdrücken, ebenso wie thun, thor, thüre nur für tûn, tôr, tre stehen. es wäre besser, wenn wir diese schreibung ganz fallen lieszen, um so mehr, als sie ohne allen sinn auch in den fällen einrisz, wo ihr diphthong folgte, also ein vocal, dessen länge nicht besonders bezeichnet zu werden brauchte, in thau, theuer, theil, thier, oder wo ursprüngliche kürze blieb, z. b. in thurm, oder zwischen zwei consonanten, wie in thran,

[Bd. 10, Sp. 5]


thräne (wo die schreibung trähne wegen der etymologie, altsächs. trahan, berechtigt ist), oder endlich im in- und auslaute nach voraufgegangenem consonanten, in wirth, bewirthen, wirthschaft. man hat gleichlautende wörter verschiedener bedeutung, die, von verschiedener abstammung, erst im laufe späterer sprachwandlung lautlich zusammen flossen, pedantischer weise durch die schreibung geschieden: thau ros schreiben wir mit th (mhd. tou), das aus dem niederdeutschen aufgenommene tau funis mit einfachem t; -thon argilla mit th, ton sonus ohne solches; und doch hat noch niemand gefürchtet ein thor stultus werde mit thor porta verwechselt werden können.Das in- und auslautende th dieser art scheint sich eher abschütteln zu lassen als das anlautende, bereits seit längerer zeit machen sich schreibungen wie mut, miete, wirt, wirtschaft in büchern und zeitungen geltend; die schreibungen bluth (sanguis) geblüthe, die in schriften des vorigen jahrhunderts mehrfach begegnen, haben nie festen fusz fassen können.
In einigen fällen hat dieses dehnungs-h eine eigentliche silbenzerdehnung herbeiführen können; in den verben gehen, stehen, mit ihren präsentialformen ich gehe, du gehest, wir gehen, ich stehe, du stehest, wir stehen, gegen das ahd. gân, stân, mhd. gên, stên, ich gê, stê, wir gên, stên; ferner in ehe prius, mhd. ê, vergl. 3, 36. 38. ehe matrimonium und wehe dolor sind zweifelhaft, s. oben. solche silbenzerdehnung scheint von Mitteldeutschland ausgegangen zu sein, und Luther, der sie gewöhnlich anwendet und sie in die nhd. schriftsprache eingeführt hat, fuszt hierbei augenscheinlich auf düringischem brauche; es finden sich hierfür beispiele aus dieser landschaft bereits aus dem 15. jahrh., meist zwar nur vor r: die statuten von Nordhausen gewähren âne vahere ohne gefahr, zeitschr. des sächs. thür. altertumsvereins VI, 2, 56; Stolle hat: die wile der werder gewonnen wehere (wäre) s. 96; wehere geldes und gutis gnug in der stad Nusz ibid.; sie hetten mehir (mehr) gewonnen ibid.; wolten nicht meher storme (stürmen) 73; aber auch anderweit: alle bliben stehen 65; under dem wasser gegehen 67; lissen die dorumb gehen 71; das stehit 104, gegen das stet gleich darauf; nu merket mehe (: sehe) 112. da nun derselbe chronist auch wehe schreibt: thad on (ihnen) also wehe 68, hatte on gar wehe gethon 87, so giebt diesz freilich eine vermutung ab, dasz auch hier eine solche silbenzerdehnung vorliege.
 
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ha , ausruf, der in gröster allgemeinheit einem plötzlichen ausbruche menschlichen gefühls ausdruck leiht. alles uns bewegende unerwartete, ein plötzlicher einfall, freude, schreck, abscheu, unwillen, ausbruch des stolzes oder des hohns, läszt nach einem momentanen anhalten des atems den hauch scharf aus unserm munde entströmen, meist unter voller öffnung der mundhöle, welche den vocal a erzeugt. andere vocale treten dem hauchlaute hinzu, wenn sie das unerwartete, plötzliche, näher characterisieren; so malt hu den schauder, hei das scharfe eindringen auf den gegner bei streit und kampf, he und ho den gröbern, meist unwilligen ruf. das herzliche, volle lachen wird durch das reduplizierte haha, hahaha gegeben, während das feine kichern hihi bezeichnet, mädchenhafter schreck aber oder weibische verwunderung in dem einfachen hi seinen ausdruck findet. alter oder grobes bäurisches wesen dem der reine laut a schwer wird, nimmt für ha hä und lacht hä hä oder he he. — in den partikeln aha, ahi (1, 190. 191), bei denen der ton auf der zweiten silbe liegt, ist das anlautende a nur als reiner vorschlag aufzufassen.
ha gilt
1) als allgemeiner ausruf bei etwas plötzlich auf uns eindringendem, uns überraschendem, sowie bei einer plötzlichen idee, einem plötzlichen entschlusse, wobei, um den verstärkten eindruck zu schildern, auch die reduplizierte form erscheint: ha vatter, was thut ir! Aimon bog. g; ha dachte ich bei mir selbsten. Jucundiss. 209; ha! nun fällt mirs ein! Wieland 11, 219;

ha! meckerte der bock, nichts kann gescheidter sein!
bei meinem bart! mir fiel der streich nicht ein.
Hagedorn 2, 20;

was seh' ich, ha!
Kotzebue dram. spiele 2, 305;

ha ha! nun besinn' ich mich, rief Pedrillo. Wieland 11, 221;

was heiszt es denn, sprach drauf der knabe,
dasz ich fast nichts erkennen kann?
ha ha, nun fällt mirs ein, was ich vergessen habe,
mein vater fängt es anders an.
Gellert 1, 211;

sie schweigt und gräbt getrost — ha ha, nun klingt es hohl. 1, 214.

als interjection gegenüber einer unerwarteten oder auch unverstandenen frage oder anrede kommt ha undvor: hä, he, gleichsam: was sagten sie? in schlesischer mundart Holtei schles. ged. 147; ha in Kärnthen und Baiern Lexer 129, Schmeller 2, 127;

[Bd. 10, Sp. 6]


Sc. ach! doctor: hä? Sc. (mit verstärkter stimme) ach!
doctor. was war das?
Göthe 11, 175.


2) als ausdruck eines freudigen gefühls:

ha! spricht er (der fuchs) sei gegrüszt!
Hagedorn 2, 121;

hört von meiner auserwählten,
höret an mein schönstes lied!
ha! ein lied des neubeseelten
von der süszen anvermählten
die ihm endlich gott beschied.
Bürger 2, 76.

so giebt ha schon in einfacher, meist aber in wiederholter stellung das lachen wieder:

ha! lachte der kaiser, vortreflicher haber!
Bürger abt v. St. Gallen.

ha hae, hahaha interj. gauditiva. liber ordinis rerum von 1429, 31d; haha da geht es volle wol. Garg. 81a; Crotus: ha ha he! Witzel: wes lacht ir? Alberus wider Witzeln L 5b; da fieng der tüffel an lachen ha ha ha und sprach .. Keisersberg sünden d. m. 24b; gelt mein guter herr Barthold, ich habe sie einmal rechtschaffen angeführt, ha! ha! ha! Möser 9, 132; ha ha ha! ich lache ja. Lessing 1, 577; ha! ha! ha! zum kranklachen. Fr. Müller 2, 112; hahahaha! die arme gnädige frau. Engel Diamant 131. auch hä! hä! hä! mit dem teufel nehmen wir es auch auf. Kotzebue dram. spiele 2, 330; hä! hä! hä! hä! warum so hitzig. 1, 23.
Die interjection in dieser anwendung schon früh; so altfries.: dâ spreeck di koningh Kaerl: ha ha, dat land is myn, ende hlackade. Richthofen 439, 16. mhd.

friunt, ich erkenne ouch daʒ hâhâ, hâhâ, hâhâ.
Walther 38, 4.


3) ausdruck des stolzes, selbstgefühls, eifers, mutes:

les ich aber deine briefchen
und gesänge,
ha! wie werd ich stolz und stumm!
Göckingk lieder zweier lieb. (1779) 103;

ha, ich bin der herr der welt! mich lieben
die edlen die mir dienen.
Göthe 2, 89;

ha! eher musz sich des tyrannen stahl
in dem zu lange schon gesparten blute röthen.
Alxinger Doolin 9, 63;

ha! brummt er, dir will ich das handwerk zeitig legen!
geschmeisze, wiszt ihr, wer ich bin?
Hagedorn 2, 38.


4) des spottes, hohnes:

ha! wie will ich dann dich höhnen!
Schiller 10a;

auf ihren bäuchen lagen sie,
und baten leben. ha!
Gleim.


5) sehr häufig schrecken, abscheu, zorn, unwillen malend: die andern teufeln laufen all aus der helle und schreient 'ha ha ha'. fastn.-sp. 492, 13; sprach er im gantzen zorn 'ha vatter was thut ir'. Aimon bog. e; ha! sollen sie mir die fürchterliche stunde ankündigen. Gotter 3, 29; ha! barbar 87;

ha, ihr hunde, ihr wähntet ich kehrete nimmer zur heimat. Odyssee 22, 35;

ha, ich hofte zu strafen an Alexandros die unthat. Ilias 3, 366;

ha sieh! ha sieh! im augenblick,
huhu! ein gräszlich wunder!
des reiters koller, stück für stück,
fiel ab, wie mürber zunder.
Bürger Lenore.

vergl. mhd.:

si (die bauern) riefen alle: ha ha hâ,
jâ du verfluochter bœsewiht,
du treist des kindes hinnen niht. Reinhart fuchs s. 352;

ir ruofen ist alleʒ ha ha hô!
daʒ ist gein mir sô vîentlîch. 353.


6) die interjection ha verbunden mit der präp. über oder mit nachfolgendem genitiv: ha über die wonne!; ha über den bösewicht der mich verliesz!; ha des liebevollen barmherzigen vaters, der seinen sohn wölfen und ungeheuern preisgibt. Schiller räuber 1, 3;

ha, der frechen!
Bürger 56b.


 
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haar, m. flachs. ahd. haru, gen. harawes, mhd. har, altfries. her (Richthofen 808), altn. norweg. hör. das wort lebt nur noch in Oberdeutschland, bair. österr. hâr Schm. 2, 224. Lexer 134, schweizer. haargarten flachsfeld Stalder 1, 425; doch hat es in niederdeutschen dialecten spuren seines ehemaligen daseins hinterlassen, in der Altmark härl 'ein fäserchen, z. b. flachs' Danneil 75, nordfries. hêrl gehechelter flachs Outzen 123 (Richthofen 808), welche ableitung sich eng an das kärntische hârl gleicher bedeutung (Lexer a. a. o.) anschlieszt. die etymologischen bezüge des wortes sind dunkel. ob dieses haar, ahd. haru mit dem folgenden haar crinis, ahd. hâr zu vermitteln ist, wie 3, 1700

[Bd. 10, Sp. 7]


angedeutet wurde, so dasz beide worte ableitungen einer wurzel har seien, in der etwa der begriff des fadenförmigen beschlossen war, musz um so mehr dahingestellt bleiben, als uns sichere vergleiche aus den urverwanten sprachen entgehen und wir über den auslaut des stammschlieszenden consonanten beider worte im unklaren sind; es erhellt nicht ob das r bei beiden oder einem von beiden ursprünglich oder aus s gewandelt ist; die mangelnden gothischen formen würden darüber aufschlusz geben.
Von haar flachs zeigen das im ahd. haru, harawes vorhanden gewesene w der ableitungen noch bairische formen, jedoch zu b verhärtet, genitive wie harbes, horbs bei Schmeller 2, 224; das adjectiv härwen, herben flächsen (ibid. 225) hat sogar theilweise den ableitenden consonanten rein erhalten. gewöhnlich aber ist derselbe, schon im mhd., abgefallen, das wort büszt bald die ursprüngliche kürze seines vocals ein und lautet dadurch gleich mit haar crinis: har linum, vulgariter flachs voc. inc. theut. i 1b; da kraut, ruben, haar, brein, und dergleichen gebaut würde. Hohberg 1, 41a; mit viehzucht, haar und leinwathandel. 53b; man soll im julio auf dem felde .. haar fangen (ärnten) und pollen riffeln (die samenkapseln abklopfen). 126b; das weiblein (des hanfes) gibt den subtilesten haar. 2, 46a; der winterhaar musz in ein sommerland gesäet werden. 47b; ein papierfetzen erzählt von seiner jugend, da er noch hanfstengel war: wir gedachten nunmehr könne nichts mehr ersonnen werden, uns ärger zu peinigen, vornehmlich weil wir dergestalt von einander separirt und hingegen doch mit einander also conjugirt und verwirret waren, dasz jeder sich selbst und das seinige nicht mehr kante, sondern jedweder haar oder bast gestehen muste, wir wären gebrächter hanf. Simplic. 2, 179 Kurz; nahm drei riedel haar. Zingerle hausmärchen aus Süddeutschl. 2, 18; da hat nun ein jedes von euch einen riedel haar, den mögt ihr zu euren mädlen tragen und wer seinen riedel am schönsten gesponnen zurück bringt, dem gehört unser höflein zu eigen. ibid.; auch spinnen die weiber der waldfrau ein stück haar am rocken und werfen es ihr ins feuer, um sie zu versöhnen. Grimm d. sagen no. 151 (aus Tirol).
 
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haar, n. pilus, crinis, coma, caesaries.
I. Form und verwantschaft.
Ahd. mhd. alts. altnord. hâr, ags. hær, engl. hair, niederl. dän. haar, schwed. hr; dem gothischen dialecte fehlte, wie es scheint, das wort, er ersetzt es durch skuft oder tagl. ob eine vorauszusetzende goth. form hêr oder hês zu lauten hätte, läszt sich nicht entscheiden, für das letztere könnte das serb. kosa haar, wend. kossmaty behaart, und das latein. cæsaries sprechen, wenn diese worte urverwant sind. das neutrale geschlecht des wortes im nhd. ist zwar überwiegend, aber nicht ausschlieszlich; wir finden in gewissen fällen haar auch weiblich gebraucht, und zwar in solchen, wo das einzelne haar hervorgehoben wird im gegensatze zu haar als dem ganzen haarwuchse, in welchem letzteren falle das wort als mengenbegriff vom neutralen geschlechte nicht weicht: darum scheren sie sich nicht eine haare um mich. frau Schlampampe leben 8; nicht eine haar anders. ehe eines mannes 11; in Düringen hört man sehr häufig z. b. bei einer haare wäre ich gefallen. — Der plur. haar, har hält sich fast uneingeschränkt im 16. jahrh., doch findet sich die form hare als ausnahme schon früh, z. b. bei der Hätzlerin 80a, bei Luther (Matth. 10, 30, Luc. 12, 7), eine form, die im laufe des 17. jahrh. die oberhand gewinnt, von Opitz z. b. ausschlieszlich angewant, während auch spätere noch, wie Gryphius, zwischen haar und haare schwanken; zu ende des jahrhunderts überwiegt jedoch durchaus das letztere, so dasz Stieler nur noch den plur. hare verzeichnet (sp. 766). die seltene plur. form här (wan sie meinen namen hören nennen, das ihnen dafür die här zu berg stehen sollen Alberus widder Jörg Witzeln M 1b; hêr fastnachtsspiele 440, 17) erklärt sich als umgelautet aus ahd. hârir neben hâr Graff 4, 981, mhd. hærer Benecke-Müller 1, 634a.
II. Bedeutung.
1) haare am menschen; gewöhnlich wird ohne nähere bezeichnung nur das kopfhaar verstanden, und es wol dann auch dem bart entgegen gesetzt: ich liesz mir haar und bart scheeren; haar und bart waren ihm bereift; männer mit wilden haaren und bärten. preusz. jahrbücher bd. 18 (1866) s. 58; und der redensart vom kopf bis zum fusz steht die minder gewöhnliche vom haar bis zu den sohlen zur seite:

doch von den sohlen bis zu dem haar
werd ich an euch kein reiz gewahr.
Tieck kais. Octav. I.

vergl. eine ähnliche wendung unter haarspitze. beschaffenheit, farbe und form des haares wird vielfach durch adjectiva näher bestimmt,

[Bd. 10, Sp. 8]


weiches, seidenweiches, krauses, borstiges, struppichtes, wirres, dünnes, spärliches haar; rauch, scheutzlich haar horrida caesaries Maaler 202d, sträubichte haare hirsutae et intonsae comae Steinbach 2, 736. vgl. mhd. dîn hâr was dir bestroubet. Helmbrecht 625;

lose sind die wirren haare,
blutig sind die zarten hände.
Lenau Klara Hebert VI.;

eure seidne haare und dunkle castanienlocken.
Zachariä tagesz. 34.

zerstreute haare, ein bild des jammers, der verzweiflung (vgl. III, 5):

sie liefen mit zerstreuten haaren,
mit augen, die von thränen roth ...
Gellert 4, 127.

fliegendes haar, solches das nicht in flechten fällt (zerspreitet haar passi capilli Dasyp.): Amalia mit fliegenden haaren. Schiller 141b;

schon steht, mit fliegendem haar um ihren weiszen nacken
die tochter Bambos hoffnungsvoll
im magischen kreise.
Wieland neuer Amadis 2, 29;

er schlang ihr fliegendes haar um die faust
und hieb sie mit knotigen riemen.
Bürger 61b,

was Matthiae deutsch-lat. lex. (1761) 2, 204 frei zu felde geschlagenes haar, capillus passus, solutus, ventis permissus nennt, nach Kirsch cornuc. 2, 162a. vergl. DWB flughaar 3, 1846.
Für vorzüglich schön gilt dem Deutschen goldnes, gelbes haar: Columbine, die mein verliebtes herz schon lang mit ihren göldenen haaren bestricket und mit ihren liebreizenden augen entzündet hat. das bärtigte frauenz. 94; an der einen gefielen mir nur die schwarzen augen, an der andern die goldgelbe haar. Simplic. v. Kurz 1, 323; in Schwaben und Franken wünschen die bauren - mägde einander zum neuen jahr einen jungen gesellen in gelben haaren. Frisch 1, 337; er beschäftigt sich beständig mit der erhaltung seiner glatten haut, er lockt seine gelben haare sorgfältig .. Rabener satiren 4, 139;

komm Cynthius, lasz frische kränze binden
umb deiner gelben haare zier.
Opitz 1, 72;

mit deinen blättern will ich (Apollo) allzeit, o mein liecht,
disz güldne haar mir zieren. 1, 82;

der weisze hals, das goldgemengte haar,
der roten lippen zier,
so musz man innen werden,
dasz nichts sich ihnen gleicht ... 1, 80;

die safranblume stirbt für ihrer haare zier.
Fleming 183;

und ach! das güldne haar! so soll
ein paar der schönsten götterknaben
(sie hieszen Bacchus und Apoll)
es einst getragen haben.
C. F. Weisze lyr. gedichte 2, 159;

die schönste jungfrau sitzet
dort oben wunderbar,
ihr goldnes geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldenes haar.
Heine Loreley.

es sind die rutilae comae, die neben den truces et caerulei oculi (Tacitus Germ. 4) einen hauptbestandtheil germanischer nationalschönheit bildeten, und die Angilbert in seinem lobgedichte auf Karl den groszen nicht vergiszt an dessen töchtern ausdrücklich hervor zu heben:

185. fulgida colla nitent roseo simulata colore,
cedit opimum etenim redimitis crinibus ostrum;
233. vox, facies, crines radianti luce coruscant;
251. interea ingreditur vultu Theodrada corusco,
fronte venusta nitens, et cedit crinibus aurum.
Angilberti carmen de Karolo Magno, bei
Pertz monum. 2, 391—403.

wenn aber auch dem teufel im märchen goldne haare beigelegt werden (wer meine tochter will haben, musz mir aus der hölle drei goldne haare von des teufels haupt holen kinder- und hausmärchen no. 29), so geht diese anschauung auf den gewittergott Donar zurück, der rot von antlitz, von haar und bart war und an dessen stelle auch sonst vielfach der teufel getreten ist (mythol. 151 ff.). auch hängt hiermit zusammen die im mittelalter aufkommende anschauung, dasz der träger rotes haares ein böses herz habe:

im was der bart und daʒ hâr
beidiu rôt, viurvar;
von den selben hœre ich sagen,
daʒ si valschiu herze tragen. Wigalois 76, 17;

rote haare und ellern holz wachsen auf keinem guten boden sagt das sprichwort in Düringen, vergl. auch Danneil 77;

ellernholt un fossig har
sind up gueden grunde rar.
Fromm. 6, 425 (aus dem Münsterlande);

[Bd. 10, Sp. 9]


roth haar ist entweder gar fromm oder gar bös, sprichwort bei Körte 2497, welches andrerseits noch die altnationale ansicht von der schönheit dieses haares vertritt. das volk schimpft einen rotkopf einen rothaarigen teufel, auch rothaarigen spitzbub. einem rothaarigen traut man nicht.
Sonst wird nach der farbe von hellem, dunklem, blondem (hellblondem, aschblondem, semmelblondem, dunkelblondem), falbem, braunem (nuszbraunem, kastanienbraunem), schwarzem (sîn hâr ist alsô palmae uuipfelâ, suarz samo ein raban Willeram 87), grauem und weiszem haar gesprochen. wie das haar ein erkennungszeichen des menschen ist (vergl. III sp. 14) und wie, wie wir eben sahen, vom roten haar auf böses herz geschlossen wurde, so zeigt falbes haar auf farblosen, ruhigen, indifferenten sinn: durch falb haar wird das falb herz erkant. Paracelsus 2, 390b; Göthe verfocht die ansicht, dasz der energielose, passive Hamlet notwendig blond von haar gewesen sein müste 19, 178. 179. graues, greises haar ist das zeichen des alters: graw har ist der alten schmuck. sprüche Sal. 20, 29; wenn im ein unfal auf dem wege begegnete, da ihr auf reiset, würdet ihr meine grawe har mit herzeleide in die grube bringen. 1 Mos. 42, 38; mein Karl! mein Karl! und er hatte noch keine graue haare (war noch nicht alt). Schiller 136a;

ihr könig stolz, ihr väter viel,
ihr jüngling grün von jahren,
ja auch komt her zu diesem spiel,
ihr alten greis von haaren.
Spee trutzn. 174;

vor sünd
und schanden mich bewahr,
auf dasz ich tragen mag
mit ehren graues haar.
Heermann 'o gott du frommer gott';

seit mir das alter hat mein schwarzes haar beschneit.
Opitz 1, 194;

hat er denn nicht fünf ganzer jahre
mir treu und redlich gedient als knecht?
als sohn geehrt meine graue haare?
Kotzebue dramat. spiele 1, 295.

und im hohen alter werden graue haare weisz, oder eisgrau: eisgraue haare. Butschky Kanzl. 866;

was kümmerts den,
wenn Philipps graue haare weisz sich färben?
Schiller 255b.

aber graue haare sind auch zeichen nagender sorge:

ê sant Fridelin kom mit wîsz und blaw (zur verstärkung einer truppenmacht),
ich het kein hôr, es würd mir graw.
Liliencron hist. volksl. 2, 77a u. note dazu;

und da er ihn als ein jüngling fragte, warum doch der liebe geistliche vater ein graueres haupthaar habe als er seinem alter nach sollte, erwiederte ihm dieser: dieses sei ihm von den hexen gekommen, die er zum scheiterhaufen begleitet habe .. vorrede zu Spees trutznachtigall (1817) s. xv.
Das lange, lockichte haar werden wir als ein zeichen der freiheit im altertume gleich nachher näher berühren, zunächst wird dasselbe im sprichwort dem kurzen mute oder sinne, namentlich bei frauen gegenüber gestellt:

si sagent: wîp hânt kurzen muot,
dâ bî doch ein vil langeʒ hâr. Winsbeckin 19, 1 u. note dazu;

da hiet Mätzel langes har
und kurzen mut, ja das ist war.
Wittenweiler ring 42;

vil manigerlei ist frauen sid,
sie hant langs har und kurzen mut. Hätzlerin 135, 114;

frauwen haben langes hare,
das merke recht, wer es merken wil.
uʒ den augen und uʒ den herzen,
das selbe das ist ein gewares spil.
Maszmann denkm. 1, 136;

die vrouwen haben langiʒ hâr
und korze gemûte, daʒ ist wâr.
Haupt ztschr. 13, 333;

kurzen mut und langes har
habend die maid sunder war. fastnachtsspiele 1375.

mulieres et virgines debiles erunt et brevis memoriae, sed prolixiorum crinium. Henrichmann prognost. 15. nach Schmid schwäb. wb. wird von unbesonnenen vergeszlichen mädchen gesagt: lange haare und kurzer sinn, vergl. auch Körte 2498. die zusammenstellung ist weit verbreitet: so serbisch: frauen sind langhaarig, doch kurzsinnig. Talvj 1, 79; türkisch: worte der weiber verdienen nachsicht; sagt nicht das sprichwort: lang ist ihr haar, kurz ihr verstand? Latifi übers. von Chalert s. 285; ossetisch: dem weibe ist die flechte lang, aber der verstand kurz. Petersb. bulletin v (1863), 440; esthnisch: der weiber haare reichen bis ans knie, aber ihre gedanken kaum bis ans

[Bd. 10, Sp. 10]


kinn. Ermann archiv 14, 23. vergl. noch Reinsberg - Düringsfeld frau im sprichwort 27. im englischen heiszt es ohne besondern bezug auf die frauen: more hair than wit. — Andrerseits wird der träger von kurzem, krausem, struppichtem haar als von kurzem sinn und ungefüge hingestellt: kraus haar, krausen sinn brem. wb., Schambach 115; sein kurzes aufgelaufenes (in die höhe stehendes) haar gab indessen seinem gesichte .. ein unerschrockenes ansehn. Gellert 4, 405; aber freilich sagt auch das sprichwort: kurze haare sind leicht zu bürsten. Frischbier (1865) no. 1407.
Man sagt: das haar ordnen, machen, kämmen, kämpeln, zöpfen (sie .. kämpelte und zöpfte ihre haare Simpl. v. Kurz 3, 278), richten (Maaler 203), strählen, bürsten, winden, flechten, binden, aufbinden, knüpfen, frisieren, fassen (die haare waren in ein durchbrochenes casquet, mit perlen und edelsteinen besetzt, gefaszt Falke trachten- u. modenwelt 1858, 310), zurücknehmen, d. h. nach dem hinterkopfe zurückstreichen (in dem blonden, an den schläfen zurück genommenen haar modenzeitg. 1866 s. 147), scheiteln (das haar auf verschiedene weise zu scheiteln Happel acad. roman s. 50), büffen (s. 2, 492), früher auch pflanzen, d. h. aufputzen, ordnen, das zieren, pflanzen und büffen des haars crinalis cultus Maaler 203; betrachte diese alten narren dort, welche damit sie in allem, insonderheit bei dem urteilfälligen frawenziffer, einem jungen manne gleich geachtet würden, ihre haare und bärte mit schwarzer farbe und bleiinen strählen büffen. Philander 1, 65;

si pflanzt ir gelbes hare,
von gold hat es ein farb.
Uhland volksl. 105;

das haar ziehen, streichen, pflegen, glätten, kräuseln (calamistrati crines kraus haar Dasyp.), locken, wickeln, krümmen, brennen, sengen; salben, färben, pudern, bestreuen:

doch wärst du wol so klein, die jensche tracht zu ändern,
die haare zu bestreun, den degen zu bebändern?
Zachariae renomm. 2, 369.

beizen, ausbeizen; lösen, auflösen; raufen, ausraufen, ausreiszen; stutzen, abnehmen, scheren, schneiden, verschneiden, abschneiden; in der technischen sprache der friseure haare backen, sie auf dem haarboden der perücke aufkleben.
Da im deutschen altertum langes lockichtes haar zeichen des freien, mündigen mannes war (rechtsalt. 146. 239. 283), so ist das abschneiden desselben symbol der unfreiheit: es wird verschnitten dem der an kindes statt angenommen wird, dem knechte, und dem, der in den stand der knechtschaft tritt:

du solt dir an dirre naht
dîn hâr heiʒen snîden abe
und solt alle dîne habe
von dir legen und dîniu kleit ...
des nimt in (den könig) michel wunder
und vrâget dich besunder
waʒ disiu rede bediute.
sô sprich: ich wil dir hiute
erzeigen, lieber hêrre mîn,
daʒ ich dir wil getriuwe sîn. Barlaam 18, 5.

das abscheren des haupthaares ist ferner entehrende strafe (rechtsalt. 702) auch bei gefallenen weibern, s. III, 2 (sp. 13), soldaten im kriege schnitten mitgelaufenen dirnen, deren sie müde waren, das haar ab und jagten sie fort. Wenden, als unfreie, tragen geschnittenes haar:

si pflagen auch zu den selben stunden
dasz ir hêr (plur.) nach windischen sitten
ob den oren abgeschnitten. fastnachtssp. 440, 18,

auch der narr ist aus gleichem grunde beschoren:

den sol man schwerzen als ein morn
und sol in beschern als ein torn. fastnachtssp. 310, 16;

si nam des hares czwen löck von den slaff hindann.
si macht in zu ainen toren, den tugenthaften mann. Wolfdietr. bei
Haupt 4, 438, 318.

s. DWB bescheren 2, 1562. mönche und nonnen geben sich mit dem verluste ihres langen haares gotte zu eigen: dô erschein der heilige engel sente Petro in einis pfaffen bilde mit umme geschoreneme hâre mit einer platten und sprach zu ime: alse du mich nu sihest geschorn, alsô soltu dich schern und nâch dir sô suln sich alle die schern, die zu gotes dîneste gewîhet suln werden. Leyser pred. 85, 40;

ins kloster, ins kloster,
da kom ich nicht hinein,
da schneidt man mir die har ab,
das bringt mir schwäre pein;
gott geb dem kläffer unglück vil
der mich armes mägdlein
ins koster haben wil.
Uhland volks. 855.

[Bd. 10, Sp. 11]


endlich schirt man auch aus trauer das haar:

und hetten ûf sîme grabe
ir hâr geschorn alliʒ abe
von den grôʒen leiden.
Herbort 16869;

las dir die har abscheren und gehe kalh vber deine zarte kinder, mach dich gar kalh wie ein adeler, denn sie sind von dir gefangen weggefüret. Micha 1, 16; schneid deine har ab und wirf sie von dir und heule kleglich auf den höhen. Jerem. 7, 29.
Eigenes haar tragen, im gegensatze zum tragen von fremdem haar oder einer perücke, was schon frühe im gebrauche ist:

vrömdes hôr du pindest ein.
Suchenwirt 120b, 56.

er trägt sein eignes haar, comam propriam nutrit, caesarie sua ornatur. Frisch 1, 388; im übrigen sollen die studenten auch feine ehrbare kleider tragen und nicht zu viel mit ihren eigenen oder falschen haaren prangen. Happel acad. roman 863;

trägt denn der Bürger eignes haar?
hat er schon frau und kinder?
Göckingk bei
Bürger 39a.

man spricht ferner von lebendem haar, solches das im lebendigen wachstum begriffen ist, im gegensatz zu totem haar, dem abgeschnittenen und zu kunstzwecken verarbeiteten: damit aber ist die frage nicht gelöst, ob der haarparasit auch am lebenden haare lebender menschen und thiere gedeihen könne. nordd. allg. zeitung v. 30. märz 1867.
Haare an andern theilen des menschlichen körpers als dem haupte erfahren meist eine nähere bezeichnung, vielfach auch durch composition: haare an der nase vibrissae Steinbach 1, 699; barthaar: ohne dasz ich noch ein einzig härlein bart .. aufzuweisen gehabt hätte. Simplic. v. Kurz 3, 213; der neue rentmeister, so des alten sohn war, hat so viel haar umbs maul als ein laubfröschlein. 3, 325; kinnhaar:

die damen alle lieben ihn
und rufen wie besessen:
o hätt' er nur auch haar ums kinn,
er wär' ein mann zum fressen.
Blumauer 1, 139,

weil der bart zeichen der mannheit ist (III, 10). das keimende haar des bartes heiszt milchhaar lanugo, auch staubhaar, gauchhaar, kukukshaar, hungerhaar. schamhaar, auch bei den heimlichen haaren, pubetenus Diefenbach 470; in folgender stelle sind diese haare nicht näher bezeichnet: frisch in't hâr, säd de deern, 't giwt krûsköppke jungs. Höfer wie das volk spricht (1866) no. 298.
2) haar an tieren; mhd. und sâ ze hant, sô diu katze die kroten alsô gelecket, sô beginnet si alzehant dorren und gêt ir daʒ hâr ûʒ. br. Berthold in Wackernagels leseb. (1859) 721, 1; nhd. wann ein pferd von einem wütigen hund gebissen, desselbigen hundes eigener haar aufgelegt. Böckler kriegsschule 950; halshaar an den thieren, als an löwen, pferden u. s. w. juba Dasypodius; der wolf läszt wohl seine haare, aber nicht seine tücke. Pistorius viii, no. 29; spitzbuben, die wie die füchse wol die alten haare, aber nie die alte tücke lassen. Felder sonderl. 1, 206;

also ein kühner löw, in dem sein herze brennet
für gunst zu seiner zucht, der sorget stets und wacht,
schleicht über allen frost und schnee bei stiller nacht:
sein haar ist ihm bereift, es hangen an den ohren
die zapfen von crystall.
Opitz 1, 3.

haar heiszt wol auch beim rosse nur die mähne und wird dem schwanz entgegen gesetzt, wie beim menschen haar vorzugsweise das kopfhaar bezeichnet; eine rosshaut erzählt:

der strigelt und putzet mich auf,
er kempt mir har und schwanz zum kauf.
H. Sachs 1 (1590) 375b.

Bei den kürschnern und gerbern bezeichnet haar die seite des felles, wo die haare stehen, aas die seite, wo das fleisch gesessen hat. Frisch 1, 388; auch die wolle der schafe heiszt technisch haar: das gewalkte und ausgespülte tuch wird gerauhet und geschoren, indem man das gefilzte haar etwas auflockert .. nachdem das tuch einigemal ganz gerauhet ist, oder einige trachten erhalten hat, wird dieses aus den haaren gearbeitete .. tuch unter die schere gebracht. Beckmann technologie (1777) s. 26; haar und grund bei den tuchscherern, ganz, vollkommen, durchgehends, links und rechts, auf beiden seiten. Frisch 1, 388; in Düringen das tuch nicht gegen die haare bürsten (franz. contrepoil), wofür sonst auch gilt gegen den strich; wan ich vil soll durch hursten kriechen, und über zäun und stauden klimmen, so laszt mein kutt das

[Bd. 10, Sp. 12]


haar und mauszt sich gar. Garg. 244a; metonymisch steht dann haar auch für das aus haar gewebte kleid, s. u. haren:

he levet alse ein klûsenêr
unde kastiet sinen licham sêr,
negest sineme live drecht he hâr. Reinecke fuchs 281.

haare heiszen auch die ersten flaumfedern junger vögel. Stieler 767.
3) die zarten fäserchen an der oberfläche der blätter, blüten, stengel und früchte: haar an den kütten und öpfeln, lanugo Dasypodius, vergl. DWB haarbeere; auch die langen fasern des flachses: von werg oder flachshaaren. Amaranthes frauenzimmerlexicon 3. aufl. (1773) 1, 1246, vergl. ein guter flachs musz schön langhaarig, rein, linde und thätig anzugreifen sein. 1044, und die der baumwollenblüte: es wird die erlesene oder gereinigte baumwolle .. gekardet, wodurch der staub davon geht und die haare der baumwolle einerlei richtung erhalten. Göthe 23, 52; der haarfeine faden der rohen seide heiszt bei den seidenwebern haar, vergl. haarseide; ferner die grannen oder der bart der ähre: haar am korn oder äri arista Maaler 202b, Nemnich 1, 456; endlich auch der kurze haarförmige schimmel, der auf etwas faulendem wächst, franz. la barbe; s. DWB haarhaut, DWB haarnetz.
4) die feinen faden, in denen bisweilen das gediegene silber im gestein liegt, heiszen haare des silbers, s. haarsilber, in gleicher weise wird von haaralaun, haarerz, haargold, haarkies, haarsalz, haarstein, haarvitriol geredet.
5) dichterisch heiszt das laub haar der bäume, ein nahe liegendes und schon classisches bild:

diffugere nives, redeunt jam gramina campis,
arboribusque comae. Horat. carm. IV. 7.

übersetzt von C. F. Weisze:

der schnee zerschmilzt, das gras sprieszt auf den fluren wieder,
den bäumen keimt ihr neues haar. lyr. ged. 2 (1778), 82;

da sich ein wind anfieng,
die erde sturm erhub, die traurigkeit der lüften
stiesz in der bäume zier, zerstreute durch die klüften
der wälder grünes haar.
Opitz 1, 176;

tanzt dem schönen mai entgegen,
der des waldes haar verneut.
Hölty, s. fruchtbaum. und vgl. Horat. od. 1, 21, 5 nemorum coma;

— vom haare der bäume
troff feuer auf mich.
Schubart der ewige jude;

zartes eis bedeckte die fläche
schimmernder landseen,
und es kräuselte sich auf ihm der buche goldnes haar.
Stolberg ged. 303;

könnt ich dir die myrthen zeigen
und der zeder dunkles haar!
Novalis 1, 95;

die stürme brausen, dasz die eichen selbst
aus schrecken zittern und die haare schütteln.
Öhlenschläger Aladdin (1808) s. 537;

mag sich der zweig dem zweige wild verflechten,
der birke hangend haar den boden schlagen,
der junge busch zum baume sich erheben.
Göthe 9, 322;

welch ein morgenwölkchen schwebet
durch der tannen schwankend haar. 41, 335;

und liest daraus ein dringendes beschwören,
dasz rauschend sich des waldes haar' empören.
Lenau Faust 23;

und das getreide haar des ackers:

des ackers gelbes haar war auch schon abgeschoren.
Weckherlin 771;

scheint das himmelwasser teuer,
ist der erden haar geröst.
Harsdörfer gesprächsp. 1 am schlusse,

nach Ronsards les cheveux de Ceres. gräser und gesträuch, mit denen ein hügel bewachsen ist, werden haar des hügels genannt:

du durch die laster selbst so weit berufner hügel,
dem Föbus alles haar hat um sein häupt versengt.
Fleming sonette 2, 40.

und im forstwesen heiszt ein wald oder ein berg steht ganz voll in haaren, er ist mit holz und bäumen bewachsen. Adelung. vergl. frauenhaar.
6) das gerinnen der muttermilch zu haarförmigen fäden, in folge dessen sie stockt, wird haar genannt: von dem gerinnen und stocken der milch, insgemein das haar oder der käs genannt. Mauriceau zufälle und krankh. der schwangern weiber, verdeutscht (1687) s. 492; da sich denn jemalen begibt, dasz dieselbe (die milch) gerinnet und stocket, so dann die krankheit verursachet, welche die weiber das haar oder den käs nennen. 493.
III. Sprichwörter und redensarten, deren einzelne schon oben unter II, 1 (sp. 8. 9) erwähnt werden musten, haben sich um das wort haar eine gröszere anzahl angesetzt: sie fassen die bedeutung

[Bd. 10, Sp. 13]


II, 1 des wortes theils in ihrem natürlichen, theils in bildlichem sinne.
1) auf der schönheit des gelben haares (II, 1 sp. 8) fuszt das sprichwort: das geschieht nicht um deiner gelben haare willen. Frisch 1, 337; schwäb. um deiner geelen haare wegen geschieht es nicht. Schmid schwäb. wb. 226; nd. das schut nig um diner gelen hare willen. brem. wb., Schütze holst. id.; es will sagen, dass die gewährung eines wunsches oder einer gunst nicht die gewinnende persönlichkeit des bittstellers zur ursache hat, sondern aus andern gründen geschieht: das deine sünde nimer sünde, und vergessen sind, ist nicht deiner gelen haar schuld, sondern der gnaden. Luther 4, 460a; es wäre dann, dasz es, ut ajunt, seinen gelben haaren wegen nicht geschehe. interim 406; in etwas anderer fassung: aber ich, ich sage, ich habe sie helfen wehren, und trewlich widerraten, nicht e. c. f. g. schönes haar angesehen, sondern arme leute. Luther 4, 471a.
2) der jungfrau kommt langes, frei herabfallendes haar zu (die haare liesz sie um den kopf fliegen wie eine junge dirne Happel acad. roman 783), während die verheiratete frau das haar in die haube aufbindet. daher bezeichnet im haar gehen so viel als jungfrau, unverheiratet sein; schon lex Liutpr. 6, 11 filia in capillo (vergl. rechtsalt. 286); gleichwie im deudschen magd heiszt ein solch weibsbild, das noch jung ist, und mit ehren den kranz tregt und im haar gehet, das man spricht, es ist noch ein magd und keine frau. Luther 2, 242a; eine jungfrau oder magd, die noch in haren und im kranze gehet und keine fraw worden ist. 8, 129b; wenn ein mädchen geschwängert wird, und, wie oftmals geschehen, bis auf die äuszerste zeit der geburt in haaren geht, sollen ihr die haare durch den büttel abgeschnitten und an den kak genagelt werden. ältere holsteinische verordnung bei Krünitz 20, 498;

si rueften gester ainem junkling
ain maid, die für ain junkfrau gieng;
nun ist ir heut der pauch geswollen.
der will ich wol raten, wil si mir folgen,
wie si das vertreib
und dannacht maid im har belaibt. fastnachtsspiele 495, 33;

ihr töchter auch noch unverzagt,
noch blos in gülden haaren.
Spee trutzn. 143.

später heiszt es, wie auch noch jetzt, im kranze gehen (s. DWB kranz), und wo unsere redensart in niederdeutschen gegenden noch lebt, da ist sie verblaszt: in haren gaan, keine bedeckung auf dem kopfe haben, wird insonderheit von den frauenzimmern gesagt. Dähnert 175; aber Reuter braucht es auch von männern in der bedeutung wie baarhaupt: de pastor kam in horen äwer den kirchhof räwer tau gahn. ut mine stromtid 1, 58.
3) graue haare entstehen wie vor alter, so auch aus kummer und sorge (II, 1 sp. 9), daher etwas macht graue haare, macht sorge, sich um etwas kein graues haar wachsen lassen, sich einer sache wegen keine sorge machen: lasz dir kein graw har darum wachsen, sorge nicht, trawre nicht, du wirst sonst graw. Agricola no. 163; ich habe dir doch schon gesagt, Santzscho, sprach don Kichote, du solst dir deszwegen keine grawen haar wachsen lassen. junker Harnisch 118; die unglücklichen fälle ... die mir noch bevorstehen, machen mir nur vergeblich graue haare. Simplic. von Kurz 1, 205; und war mir nit anders zu sinn, als es würde aus jedem winkel noch eins (ein kind) herfür kriechen, welches mir nit wenig graue haar machte. 2, 42; lasset euch kein grau haar wachsen. 2, 297; darüber lasz ich mir kein einzig graues haar wachsen. Kanne com. hum. 45; wohlsein eines jeden! dasz sie sich nur darum graue haare wachsen lieszen. Göthe 8, 31; und mit verändertem ausdruck: dasz sie nur darum ein graues haar anflöge. 42, 272;

dasselb betrübet mir den leib
und macht mir graue hare. Hätzlerin 80a;

oft glückt's ihm; kühn betrog er die gefahr,
doch auch ein bock macht ihm kein graues haar.
Göthe 13, 138;

und dir, wie manchem seit hundert jahr
wächst darüber kein graues haar. 56, 98.


4) entsetzen, schreck und angst machen, dasz das haar von der kopfhaut sich emporhebt; es wird meist gesagt, das haar geht zu berge, steht zu berge, zu den bereits 1, 1504 gegebenen beispielen noch einige andere: so würden euch die haar gen berge stehen. Luther 5, 90a; das haar gadt ze berg, rigent capilli metu. Maaler 203; meine haar steigen mir gen berg, ich mag nicht mehr von solchem jammer hören. gespräch dreier guter freunde (1592) bl. D 4; ich will ihnen etwas vertrauen,

[Bd. 10, Sp. 14]


etwas das ihnen jedes haar auf dem kopfe zu berge sträuben soll. Lessing 2, 169; wenn ihm jetzt über der beschreibung die haare zu berge fliegen. Schiller 199; was war es, das mir den angstschweisz ausgepreszt und die haare zu berge getrieben hatte? der deutsche Gilblas 140; ihre haare sträubten sich zu berge. Grimm deutsche sagen no. 312; vergl. mhd.

vor unvlât gie ze berg mîn hâr. Frauend. 336, 4;

daʒ iu ze berge gân elliu hâr. LS. 1, 146.

andere wendungen drücken sich ähnlich aus: wie mir alle meine haar aufsteigen. Boccacc. (1580) 1, 5b; mord! mord! und wenn ichs denke, stehn mir die haare nicht. Klinger 1, 59, bleiben nicht in ordnung, sträuben sich;

mir gand schier alle har zu bor.
Haberer spil vom Abraham (1592) J iijb;

die hahr kribelten unterm hut. froschmeuseler II, 2, 14 Dd jjb,

wozu zu vergleichen ist: mi krupen de haare up'n kopp, ich bin voll schrecken und angst. Dähnert, und: ich .. merkte gleich, dasz es ein gespenst war, dann meine haar regten sich meinem bedunken nach auf dem kopf, als wolten sie lebendig werden, oder als wann mir ein haufen würm darauf herum kröchen. Simplic. von Kurz 2, 291;

vom bloszen gedanken empört sich jedes haar
auf ihrem kopfe.
Wieland 4, 15;

wie wol sich jedes haar
an ihm dagegen sträubt. 18, 158;

entsetzen sträubt sein graues haar empor.
Gotter 2, 174;

die stund da sie gestorben war,
wird bang dem buben, kraust sein haar.
Göthe der untreue knabe;

nasse schauer schauern fürchterlich
durch sein gramgeschmolzenes gerippe,
seine silberhaare bäumen sich.
Schiller 1b.


5) jammer erzeugt die gebärde des haarausraufens (vgl. 5, 917): mhd.

von Berne der vil tumbe
kêrt sich weinende umbe
und vie sich selben in daʒ hâr. Dietrichs flucht 4281 (Martin). ähnlich 9907.

da ich solches höret, zureis ich meine kleider und meinen rock, und rauft mein heupthar und bart aus und sasz einsam. Esra 9, 3; an allen orten da sie zuvor frölich gewest war, rauft sie ir har aus. stücke in Esther 3, 2; wir alle würden noch heute die haare ausraufen über euerm sarge. Schiller 103b; soll ich mir das haar ausraufen? Kotzebue dramat. spiele 2, 306; frau Humbrecht (kommt geloffen, rauft sich die haare) Martin! Martin! ach du lieber gott! Evchen ist nirgends zu finden. H. L. Wagner kindermörderin 83; da raufte der treue diener sein haar, weinte und schrie: o wehe mir, wehe! Immermann Münchh. 2, 93;

man schreibet sich den schimpf ganz sachte hinters ohr,
o! warum rauft man sich die haare nicht zuvor!
Stoppe bei
Steinbach 2, 228;

die traurige Sion,
die bis in den tod betrübte
die itzt waise, vor geliebte
reiszt ihre lorbeerkron
von dem zurauften haar.
A. Gryphius (1663) s. 519;

ach Thisbe, was hast du gethan?
die haar will ich ausraufen mir. Peter Squenz s. 37;

und nun! — ums haar sich auszuraufen
und an den wänden hinauf zu laufen!
Göthe 12, 192.

s. DWB haarausraufen, DWB haarraufend.
6) einem gegner fällt man ins haar, wie knaben beim raufen oder balgen thun: da denn dieselben (die pochjungen) nicht ermangeln, über dem auflesen (hingeworfener kleiner münzen) einer dem andern die haare mit denen fingern auszukämmen. Behrens Hercynia curiosa 180; endlich kriegten sie einander bei denen köpfen und lieszen ihre hände mit beiderseits haaren cameradschaft machen. Darbennime 223; vil hend im haar raufen hart. Agric. spr. (1560) 97b; mhd.

si viel der hôchvart in daʒ hâr
und warf sie ûf die erd ze tal. S. Helbling 7, 982.

nhd. eh ich euch in das haar eins fall.
H. Sachs 5, 2, 44a;

eh ich dir platz ins haar dabei. ibid.;

Dennemark wolt was gewinnen,
Tilly greift ihm ins haar.
Körner hist. volksl. 316;

und wird oftmals eine ursache von dem zaune gebrochen, dasz man einem Lutheraner in die haare kommen möge. Ernst gemüthsergetzl. 557; fällt ihm seine frau in die haare, so wird er sich darüber nicht entrüsten. Rabener satiren 1,

[Bd. 10, Sp. 15]


(1761) 106; einem in die haare fallen, involare alicui in capillos. Steinbach 1, 699; er wollte ihm gerne in die haare, quamlibet cum illo rixandi quœrit causam. ibid.hierher gehört auch: die hohe oberkeit .. sonsten die hände allenthalben im haar hat. Philander 2, 484, d. h. sie sucht die untertanen zu bedrängen.
Feinde und gegner kommen, geraten, fallen, legen sich in die haare, liegen, sind einander in den haaren: hie wöllen wir uns auch nicht in die har legen und fechten. Luther 4, 426a; ein christ sol das wissen, das er mitten unter den teufeln sitze, und das im der teufel neher sei, denn sein rock oder hembd, ja neher denn sein eigene haut, das er rings umb uns her sey, und wir also stets mit im zu har ligen, und uns mit im schlahen müssen. 5, 334b; kommen wir mit einander zun haaren und reuffen uns. tischreden 403b; der mit eim vollen zu har ligt, der zankt mit eim der nit da ist. S. Frank sprichw. 1, 64b; sie lagen einander für und für im haar. Wickram rollw. 23; aber ehe man diesen strengen process mit mir ins werk setzte, geriethen die Banierische den unserigen ins haar. Simplic. v. Kurz 1, 216; jene kehrten bald um, und also kamen sie einander in die haare. Happel acad. roman 960; dem Hiob wollte der satan gern in die haare, um seines unsträflichen wandels willen. Scriver seelensch. 2, 14; und seid euch einander in die haare gefallen. Göthe 14, 299; dort unten gehen die händel schon los! sie sind einander in den haaren. 42, 345; ich und der hausherr hatten uns über die ersten principien der moral blosz moralisch bei den haaren. J. Paul unsichtb. loge 1, 111; volk und adel liegen nicht blosz in Rom, sondern auch in heutigen dörfern einander in haaren und zöpfen. 4, 15; hier prügelten sich ein paar, dort lagen sich zwei in den haaren. Riehl culturgesch. novellen 251;

die häuser beiderseits, Maganz und Claramonte,
die haszten sich, dasz man den hasz nicht stillen konnte,
sie hatten sich gar oft gezogen drum die haar.
D. v. d. Werder Ariost II. 67, 3;

es theilet Mumm sein reich mit seinem lieben weibe,
tags liegt sie ihm im haar, nachts er ihr auf dem leibe.
Logau 1, 98, 5;

stets sich in den haaren liegen,
wie zwei hähne dazustehn.
Göthe 57, 233.

wie auch im mhd.:

der einem wirft sîn laster vür
mit dem namen und offenbâr,
darumb gêt man dicke ze hâr
und ist den liuten unmâʒen swær.
Teichner bei
Karajan (1855) s. 61;

swâ ich sæch mit zühten zechen
dâ verdrüʒ mich nimmer zwâr,
aber swâ man gêt ze hâr,
da ist ein kurziu zît ze swær. s. 65.


Entsprechend diesen redensarten gehen neben ihnen andere, welche bedeuten feinde machen, gegner auf einander hetzen, in mannigfach wechselnder fassung: nach dessen (herzog Wilhelms) abgang on mänlich erben hat sein bruder Dankred das land angenommen: welchem bald händ ins haar zu pringen, nam papst Celestinus der 3. des oftgedachten herzog Wilhelms einige tochter Constantiam, so ein nonn, ausz dem kloster und gab sie zur ehe kaisern Heinrichen dem sechsten, eim herzogen von Schwaben, mit befehl, an statt des heurhatguts, die reich beider Sicilien zu holen. Fischart bienenk. 128a; das er den adel und die bürgerschaft aneinander verhetze und zusammen in die hare bringe. Butschky Patmos 903; vgl.

denn er kriegt bald fremd händ ins haar, bekommt zank.
H. Sachs 4, 2, 90d;

wo man ein solchs wird beginnen,
möcht man fremd händ in haarn finden,
wird sich heben ein blutvergieszen.
Wolf histor. volksl. 110.

ferner die haare zusammen binden, zusammen knüpfen: er verliesz ein unglückhaft testament hinder im, in welchem er der stat Zürych und beiden lendern Schwyz und Glarisz die haar zusammen knüpfet und darmit in ein langwierigen tödlichen krieg fürderet. Stumpf chronik (1586) p. 362b; hiemit ward dem herzogen und den eidgenossen das haar zesammen knüpfet. 551a; wie graf Friedrich von Togkenburg beiden orten Zürych und Schwytz die haar zesamen strickt. 688a. es fällt auf, dasz Schertlin diese redensart in völlig entgegengesetztem sinne braucht: ich bin guter hoffnung, ich wöll .. inen beiden, chur- und fürsten, die haar zusamem binden, sich mit einander zu verainigen. briefe 38, es ist die rede von

[Bd. 10, Sp. 16]


gründung des schmalkaldischen bundes, für den Schertlin in unterhandlungen eifrig warb.
Haar auf haar machen, committere inter se Dasypodius; verklappern, verschwatzen, verligen, har uf har machen, und wirre werre under den freunden machen. Keisersberg sünden des m. 46b; krieg anrichten, das haar uff jhenes haar reizen. S. Frank II, 103b;

mancher der hat grosz freüd daran
dasz er verwirret jederman
und machen künn disz hor uff das
darusz unfrüntschaft spring und hasz.
Brant narrensch. 7, 3.

haar auf haar richten, wölcher den sig gewünne, contendere duos Maaler 203. — unter den gesellschaftsspielen in Fischarts Gargantua wird aufgezählt haar auf haar, katzenhaar. 167b; daher kompt auch balgen, walgen und bellum, dasz man den fuchs umb den balg und fell jagt, davon ist noch das spiel umb den barchat jagen und haar auf haar. 194b, und Pistorius thesaur. paroem. (1716) no. 38 führt an:

haar um haar,
wer vom andern betrogen ist
wirds wol werden gewahr,

mit der erklärung: pilus pro pilo (sc. detur), qui deceptus est ab altero, ille damnum persentiscet.
7) machen die gegner friede, so lassen sie die hände aus den haaren: geschicht aber vielmal mehr und ehe danns gut ist, dasz sie kaum die händt ausz den haren gelassen, röpset ihnen der krieg widerumb auf. Kirchhof milit. discipl. 206.
8) der und das widerspänstige wird bei den haaren herbeigezogen: so ist gott kein zwinger, dasz er die unwilligen beim haar gen himmel ziehe. Agricola spr. (1560) s. 72b; es geschicht, das alles gebogen, abgenagt und auf sein deller beim har gezogen wird, was er im fürnimpt. S. Frank weltbuch, vorr.; zu befestigung desselben (der auslegung einer bibelstelle) so holen sie den text Salomonis mit den haaren herzu. Fischart bienenk. (1588) 150a; ach! ich elender mensch, der so oftmal bei den haaren in das unglück gezogen wird. Happel acad. roman p. 1; diese auslegung würde bei den haaren gezogen sein. Winkelmann 2, 636; niemals that er es aber ohne widerwillen und nur wie von einem bösen geiste an den haaren hingezogen. Göthe 15, 187;

o we liebes medlin nim in (den untreuen liebhaber) beim har.
Uhland volksl. 667;

musz sie beim har zu mir ziehen.
H. Sachs 3, 1, 242d,

nämlich gott die abtrünnig gewordenen menschen;

musz im als seine sache zieren,
solt ers auch bei den haarn zuführen.
B. Waldis 2, 8, 45.


9) auch das flüchtige glück, die schnell sich darbietende gelegenheit ergreift man beim haar:

ein jed' gelüst ergriff ich bei den haaren,
was nicht genügte, liesz ich fahren.
Göthe 41, 315,

wie Opitz sagt:

kompt dir was gutes für, so nimm alsbald sein war,
dann die gelegenheit die hat nur fornen haar. 1, 307,

nach dem distichon von Cato:

rem tibi quam nosces aptam dimittere noli:
fronte capillata, post est occasio calva.

was man erlangt hat, hat man beim haar, so der bergmann das gefundene erz: das mancher oft hart und lang püffen und schlagen musz, bisz er den abraum und des erzes dach durchsinket und das erz berüret und bei den haaren hat. Mathes. Sarepta 40b; aber auch die unruhe den menschen: ich musz nur noch nach einem pferd schicken, denn die unruhe hat mich heute wieder an allen haaren. Göthe an frau v. Stein 1, 71.
10) voller haarwuchs an kopf und bart ist zeichen der kraft, und als mann wird im deutschen rechte der erkannt, der haare am bart, unter den armen und an den schamtheilen hat: swilches mannes alder man nicht en weiʒ, hât her hâr in deme barte und nidene und under îclichme arme, sô sal man wiʒʒen, daʒ her zu sînen tagen komen ist. Sachsenspiegel ed. Weiske b. 1 art. 42 § 1 (ed. Göschen s. 20). daher ist dreihaarig eigentlich so viel, als mit manneskraft ausgerüstet, aus dieser bedeutung entwickelt sich die vorstellung gewitzt, durchtrieben; wonach das, was 2 sp. 1383 über dreihaar, dreihaarig gesagt worden, zu berichtigen ist.Die folgenden beispiele fassen die mannheit unter dem bilde der haare; er ist mir zu

[Bd. 10, Sp. 17]


haare gewachsen, par est mihi corporis viribus, superior mihi est. Steinbach 1, 699; aber der teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch, wie mir gesagt ward, in haaren sitzen hatte. Simplic. v. Kurz 1, 436, d. h. er hatte so viel kraft wie der teufel. hierher auch: lasz mich machen, ich hab haar im arsz, huy huy, dem ofen zu, zur stub hinausz. Garg. 94b; zünd mirs haar im arsz an. 94a. Er hat haare auf den zähnen, er ist ein starker, ganzer mann (dänisch at have haar paa tænderne, være klog, erfaren Kristiansen 115): einer zeigt sich etwa so in einer wissenschaft, dasz selbst seine neider müssen eingestehen, er habe haare auf den zähnen. Klopstock 12, 79; dasz sie gleich merken sollen, dasz ich nicht mit mir spaszen lasse und dasz sie einen burgermeister gekriegt haben, der haare auf den zähnen hat. Prutz Holberg 258; haar an den zähnen haben. Eiselein 266. in theilen des Osterlandes bedeutet das hat haare auf den zähnen es ist schwierig, verzwickt, gerade wie wir vorhin sahen, dasz dreihaarig aus dem begriff männlich, manneskräftig in die vorstellung durchtrieben, schlau auswich.Man sagt auch haare auf der zunge haben: du bist ein entschlossener kerl — soldatenherz — haar auf der zunge. Schiller 113; und auch hier ist es interessant zu sehen, wie diese redeweise aus dem sinne kräftig, stark, den nebensinn schwierig, schwer zu finden entwickelt, wie aus folgendem hervorgeht: denn man findet gar selten einen getreuen schäfer, so gar, dasz auch das sprichwort daher entstanden: der beste schäfer hat haare auf der zungen. Döpler der getreue und ungetreue rechnungsbeamte 1, 120. ähnlich ist: der müller ist fromm, der haar auf den zähnen hat. Pistorii thes. par. cent. V, no. 5, d. h. es giebt keinen frommen müller.Es ist hierbei folgendes zu berücksichtigen. wir müssen den sinn bei den redensarten haare auf den zähnen, auf der zunge haben durchaus hyperbolisch fassen und dabei nicht an das barthaar denken, das ja nicht auf und an zähnen und zunge, sondern über denselben wächst. vergl.

mir liebet mein allerliebste frau
für schwimen über die Thunau;
sie liept mir mer, denn steigen auf den luginslant,
und liept mir mer, denn ain lausiges gewant, ....
mir ist von ir so vil gelücks beschert,
als mir hars auf der zungen steet. fastnachtssp. 633, 16,

d. h. kein glück, wie die zunge kein haar hat. wir müssen bei würdigung jener reden vielmehr unter ausgang von dem starken haarwuchse als zeichen der kraft und stärke das behaartsein an ungewöhnlichen stellen, an solchen wo sonst kein haar wächst und wachsen kann, als zeichen einer ungewöhnlichen manneskraft nehmen, wie die Griechen ihr λάσιον κῆρ (Ilias 2, 851) und ihre λάσιαι φρένες (Alexander Aetolus bei Athen. 15, 699c).
11) auch für reich sein gilt haare haben: wenn wir einen heller setzen, so müssen sie einen gülden dran setzen, denn sie haben har, wir sind blosz. Luther tischreden 149a.
12) haare lassen, lassen müssen, heiszt daher zu schaden kommen, verlust leiden, wie man ähnlich, das bild vom vogel genommen, sagt federn lassen (3, 1393), und wenn in den ersten der folgenden beispiele der ursprüngliche sinn vorwaltet, so steht er doch nicht ohne rücksicht auf die übertragene bedeutung: wo sich der esel walzet, da musz er haar lassen. Lehmann flor. pol. 1630 s. 127; es ist besser einige haar lassen als den ganzen balg verlieren. Serz 60;

die süsze liebeskrämerei, was führet die für wahren?
sie machen ihren kaufmann glat und freien ihn von haaren.
Logau 3, 30, 42;

ich achte kein heuslein so geringe, wo man sich draus wehren wolte, die feinde müsten har drüber lassen. Luther 4, 481b; wenn bürger und bauer mit fürsten und herren wollen gehen, so müssen sie gelt oder haar lassen (werden an gut oder leib geschädigt). Lehmann 125; der gerechte wird umgeben mit falschen zeugen uud arglistigen ränken, dasz er nicht weisz wo aus oder ein, er musz haar lassen, er musz unrecht haben und leiden. Scriver seelensch. 2, 344; wenn sich grosze herren raufen, müssen die unterthanen die haare lassen, delirant reges, plectuntur Achivi. Frisch 1, 388; gleichwol wollt' er nicht einmal hier haare lassen. J. Paul komet 2, 111;

vil hefen, krüg giengen zu grund,
und was under den henden stund,
das selb must alles lassen har.
H. Sachs 1, 514c.

solche bedeutung klingt auch an in: die (vielen kinder) aszen ihm die haare vom kopfe, bis er zuletzt so arm war. Simrock deutsche märchen 279. gesteigert ist der sinn in den folgenden stellen zu dem begriffe getötet werden: disz ist die ursach, die alle schlämmer und verschwender in allen raube,

[Bd. 10, Sp. 18]


dieberei und schinderei getriben und gejagt hat und endlich etlich dahin, dasz sie darob haar lassen haben gemüszt. Petrarcha trostb. 86a; wenn die hasen den löwen predigen wollen, so gehet es wie Aristoteles gemelde zeuget, so müssen sie har lassen. Mathesius Sarepta 11a; ein kalb und junges böckel hieng allbereit dorten, die haar gelassen hatten. Simpl. 3, 298 (Kurz);

sechs hundert hat er leben lan,
sie müsten mir all har hon glan.
Soltau 1, 201;

wanns einer im jar darvor hett gsait
und hetts ein canzleischer gehort,
so müest er warlich haar hon glon. 2, 176;

der wolf fiel in die arme heerde
und mancher bock gab haare her.
Lichtwer fabeln 1, no. 23.


Nahe liegt es übrigens auch, die redensart haare lassen auf den bekannten vorgang beim gerben zu beziehen, und Keisersberg hat diesz ausdrücklich gethan: so nimpt man si (die haut) ausz dem wasser und legt si auf ain holz und schapt dʒ (das) har härab ...; du hangest im wasser (d. h. du bist im kloster) ..; du mst dʒ har lassen. was ist dʒ har? es ist weltliche freüd. has im pf. 6a.
13) an die fülle des haars setzt sich auch die redensart an: mehr schulden haben, wie haare auf dem kopfe, jedenfalls unter einflusz der bibelsprache entstanden: es haben mich meine sünde ergriffen, das ich nicht sehen kan, ir ist mehr denn har auf meinem heubt. ps. 40, 13; die mich ohn ursach hassen, der ist mehr, denn ich har auf dem heubt habe. 69, 5; und an den immer sich erneuenden wachstum des haares:

noch der alten spruch und sag
unglück und hor, das wechst all tag.
Brant narrensch. 109, 8;

andere jar, andere har. andere zeit, andere freud. Frank sprichw. 1, 50b; haar und schaden wachsen alle tage. Körte 2502; unglück, holz und haare wachsen über nacht. 6151; was in der haut ist kann man nicht abstreifen wie ein paar hosen. steckts in den haaren, so kann mans wol abschneiden, aber es wächst doch über nacht wieder. Lehmann 197.
14) den vogel erkennt man an den federn, für mensch und säugetier gibt das haar ein erkennungszeichen ab; daher: andere des gleichen haars (derselben art). Garg. 143a. gewöhnlich steht aber hier haar im plural: bistu dér haar, lieber, so greif dir selber an deine ohren. Luther 1, 7b; bistu der hare, so trolle dich aus meinem lande. 3, 47; des dank euch gott, seid ir der har, und so frome redliche leute. 360b. holla bist du der haar. Simpl. 1, 51 Kurz; oho, bist du der haare, sagte hertzbruder. 1, 218; war hierauf augenblicks mit der fuchtel heraus, und kam auf mich zu marschieret; da ich nun sahe, dasz er der haare war, o sapperment. wie zog ich meinen rückenstreicher auch vom leder. Schelmufsky 1, 40; im Siegerlande sagt man noch: hei ess der hoar, man kann sich einer solchen that von ihm versehen. Schütz 2, 15;

denn der har ist der leidig neid,
dasz er den zeunt, mit sporen reit,
wenn ern zum ersten uberwigt.
B. Waldis Esopus IV. 77, 105;

ihr seid der väter haar? ihr häuft noch ihre schuld.
P. Fleming 13;

mein mann, wär ich der haar,
so sag ich euch kühnlich vorwar,
ich wollts euch machen so kraus und bund
das ihr nicht kempt hinder den grund.
Jul. v. Braunschw. 560;

der bräutigam sprach: seid ihr der haar?
Soltau volksl. 512 (1638);

die jungen sind itzund von gar viel anderm haar.
Hoffmannswaldau u. a. d. ged. 4, 263;

ich wüste wol was bessers, so gleicher haar mit mir. interim 85; was sich von auszen zeiget, ist nicht gleicher haar mit dem inwendigen. 468; so bringt auch die dieberei und mancherlei abtrag einen mangel und abgang, so von den suppen-fressern, näschern, schüssel-spühlern, teller-leckern, schmarotzern und was dergleichen mehr gesindlein sich auf dem gut einfindet, sonderlich wann die maierin auch gleicher haar ist und darzu hilft. Hohberg 3, 1, 45a; und war diese alte etwan ein weib von dergleichen haaren, welche die jungen konte zum danz abrichten. Staudacher Genovefa 130; einer haare sein, von eben der art sein, ejusdem farinae esse. Frisch 1, 388;

— dein mitcompan,
der gleicher haar wie du.
Kongehl Innocent. 40;

— der es mit dir hält,
ist gleicher haar. 65;

[Bd. 10, Sp. 19]


was? der ist leichter haar, denn alles was er mir saget, das ist erlogen. engl. komöd. I, Bb 2;

drum lieber man, seid nicht so toll,
das ir euch wolt ziehen in den sinn,
als ob ich auch leichter haar bin.
Heinr. Jul. v. Braunschw. 605;

ist sie dann guter haar so wird sie es nicht versitzen. 409; vermeine nunmehr ohne das dem Simplicissimo zu ewigem spott genugsam geoffenbart zu haben, von wasserlei haaren seine beischläferin im Sauerbrunnen gewesen. Simplic. 3, 140 Kurz;

nim wahr, was für haar,
dieser kauf hat grosz gefahr. Wiener stammbuch 1630;

toller haare sein. Körte 2508; auch im Holsteinischen sagt man noch er ist duller haar.
Bemerkenswert ist im englischen die gleiche anwendung von hair:

the quality and hair of our attempt
brooks no division.
Shakesp. Heinrich IV, 1 theil, 4, 1 (Tauchnitz edit. 3, 62);

a lady of my hair cannot want pitying.
Beaumont and
Fletcher nice valour 1, 311.

Deutsche mundarten bilden in diesem sinne zusammengesetzte adjectiva, so in Holstein dullhaarig, von böser art, böse, zornig, kettelhaarig, kitzlich, wedderhaarig, widerspenstig Schütze. in Baiern schindhärig, schinderhärig, schindermäszig Schmeller 2, 226, und in der Heanzen-mundart leichthêrig, d. i. in leichter art und weise Frommann 6, 336.
So steht auch haar bisweilen geradezu für den träger desselben:

so bald sie von der alten
berichtet ist, das gelbe haar (Hüon) sei da.
Wieland Oberon 4, 63, vgl. 47 und 49;

der bursche war ein flottes haar,
verloren bald ihr kränzlein war.
Waldau in Prutzs mus. 1, 1, 141.


15) die haare umschlagen, soviel wie seine art oder seinen stand wechseln: solchem gewerb (dem ochsenhandel) bedaucht in aber das rosstauschen noch uberlegen zu sein, schlug die haar wider umb, ward ein rosskam. Kirchhof wendunm. 514b.
16) man findet ein haar in etwas, hat gegen etwas einen widerwillen oder doch eine bedenklichkeit, 'wie gegen eine speise, in welcher man ein haar gefunden' (Schmeller 2, 225), auf welche erklärung durch die folgende stelle erwünschtes licht fällt: ein spehvogel rufte Simpl. auch herzu und sagte, weil er auch in einem ei ein haar finden könte, so solte er sagen was dieser tafel mangele, oder worin der maler gefehlet hätte. Simplic. 4, 234 Kurz; da er aber merkte, dasz ich nicht viel trinken wolte, weiln in dem gestrigen rausche eine haare (s. oben I. sp. 7) gefunden, welche mir alle die andern auf dem kopfe verwirret, ja mein ganzes gemüthe in tiefe trauer gesetzt hatte. insel Felsenb. 1, 120; ich dachte er hätte ein haar drinn gefunden. Kotzebue dram. sp. 2, 36; wenn es der fall sein sollte, dasz die prinzessin irgend ein misfallen oder wie man sagt, ein haar finden sollte in meiner geringen person .. Kanne comoedia humana 15.
17) das einzelne haar, ein sinnbild des kleinen und winzigen, wird verwant, um das unbedeutende, eine kleinigkeit zu bezeichnen, mit negationen verbunden als bildliche verneinung, wie schon im mhd. niht ein hâr, worüber erschöpfende beispiele bei Zingerle die bildl. verstärkung der negation zusammengestellt sind.
a) jeder theil der sich ein haar vergäbe, hätte unrecht. Göthe 56, 218;

es fehlte kaum ein haar, so hättet ihr verreiset
den lieben schönen tag.
Fleming 51;

sie wündscht eh flammen, pfahl und höchste not zu leiden,
als dasz sie wolt ein haar von ihrer ehr abschneiden.
A. Gryphius 125;

hab ich ein haar dir in den weg gelegt?
Lenz 1, 234.

etwas anders bei Schiller, der die locke haar als bild des geringsten braucht: entwischt mir eine locke haar, so sollt ihr meine zwei augen in eine windbüchse laden und sperlinge damit schieszen. Fiesco 2, 15.
b) ob du mich wol zu verschrecken meinst, achte ich doch solches kein haar. engl. kom. I, Rvijb; so fragte ich doch kein haar darnach. Jucundiss. 119; ich armer stern kam und wuste kein haar von diesem schlusz. Simplic. 2, 230 Kurz; welche alle kein haar schöner als die vorige waren. 2, 281; aber darum bekümmert ich mich kein haar. 3, 303; indem ich allen euren worten nunmehr kein haar mehr traue. Pierot 2, 39; genug, mit all euren wenns wird die welt kein haar

[Bd. 10, Sp. 20]


besser oder schlimmer. Lenz 1, 97; dasz es naturmenschen sind, die unter pracht und würde der religion und der künste nicht ein haar anders sind, als sie in höhlen und wäldern auch sein würden. Göthe 27, 232;

so ligt mein handwerk nider gar,
und wüste nicht zu kriegen ein hâr.
P. Rebhuhn klag des armen mannes 11;

wie es denn auch dem herren Christ
nicht ein haar besser geworden ist.
Göthe 2, 221;

aber, aber, keine lehren!
lehren nützen mir kein haar! 11, 82;

und es schadet euch mehr, als euer leichtsinn gedacht hat.
nicht ein haar! versetzte der schelm. 40, 131.

(nach nên, schît, sprak Reinke, nicht ein hâr. Reineke fuchs 3841);
es ist nicht zu schelten,
man lasz es gelten;
ich aber bin kein haar
weiter als ich war. 56, 94.

hierher klingt auch an: wenn nämlich die kunstrichter mit staupbesen .. in zeitungpacketen ankommen, um ihm (dem autor schlechter bücher) kein lebendiges haar, ja kein graues zu lassen. J. Paul Nepomuk-kirche 132, d. h. ihm nichts zu lassen, ihn vollständig zu vernichten.Wir sagen auch: der knabe hat kein haar von seinem vater, er ist ihm nicht im geringsten ähnlich, wo die bedeutung von kein haar zwar hierher fällt, doch auch an no. 14 anklingt.
c) ein haar breit: mhd.

geriuwet eʒ dich eins hâres breit,
sô hân ich mîn arbeit
unde du den lîp verlorn. armer Heinrich 1101.

sag es deinen mitbrüdern von mir, wiewol sie mich ein heuchler und abtrinnigen heiszen und halten werden, da ligt mir nit ein har breit an. H. Sachs dial. 75, 18; den widerspenstigen bauern auch nur ein haar breit nachzugeben. Göthe 15, 34; ich .. fühlte den ganzen werth meines entschlusses. ich wich nicht ein haar breit. 19, 299. ungewöhnlicher sagt das werk ist gerückt kein haar lang Rückert Makamen 1, 47. vgl. mhd.

sî schamte sich niht hâres grôʒ. arm. Heinr. 1196.


d) aufs haar, aufs kleinste genau: vgl. und unter allem diesem volk waren sieben hundert man auszerlesen, die link waren und kunden mit der schlewder ein har treffen, das sie nicht feileten. richter 20, 16; ich will ihnen aufs haar hin sagen, ob sie ein mann fürs orchester sind. Schiller 183a;

dasz alles diesz buchstäblich und aufs haar
sich so begab.
Wieland 5, 96;

das weisz ich auf ein haar. 10, 163;

doch da sie gar zu lieblich war,
so glich sie mir wohl auf ein haar.
Göthe 5, 263.

dann auch bis aufs haar, bis aufs kleinste, in allen theilen: die prophezeiung ist bis aufs haar eingetroffen; indem sie doch sonderlich eines jedweden mitgliedes nutzliche gaben .. bis auf ein haar ausrechnen. Happel acad. roman 81; weil er vom geiz bisz aufs äuszerste haar eingenommen und besessen war. Simplic. 1, 348 Kurz.
e) um ein haar, und zwar steht hier die präp. um in weiterem sinne theils zum ausdruck der beziehung auf den gegenstand, um ein haar also in beziehung auf eine kleinigkeit, wie mhd.

dîn tugent nie geminnert
wart gegen mir als umbe ein hâr. Engelhart 1497;

ob man sô tiure als umbe ein hâr
valscheite drunter mischet. MSH. 2, 230b.

wolt von seiner meinung umb einiges haar nicht weichen. Wickram rollw. 93b; ich fürcht die predigermünch nit umb ein haar. Schade sat. u. pasqu. 3, 173, 19;

aber in Christi jubeljar
mag nieman irren umb ein har. 1, 40, 74;

des Luthers sach
ist noch nit schwach,
wiewol vil gwalt
ganz manigfalt
widr in wird gübt,
das in nit btrübt
als umb ein har. 1, 161, 1 ff.;

das unser niemant umb ein har
achtet.
Murner schelmenz. 8b;

beseufzte da nicht umb ein har
was ...
Ringwald treuer Eckart D 8b;

besserst dich nicht umb ein har. L 1b;

die entlich kunst der alchamei
ist stelen, liegen, triegerei.
und allweg fält es umb ein har,
diweil du legest silber dar.
Schwarzenberg 120b;

[Bd. 10, Sp. 21]



o mein lieber son Alexander!
alls was die götter mit einander
beschlieszen, fehlt nit umb ein har.
H. Sachs 3, 2, 202d;

o es fehlt mir nit umb ein har.
J. Ayrer 177a;

im übrigen sag ich euch diesz fürwahr,
es soll nicht fehlen umb ein haar,
wo ihr das lachen nicht werdet lassen,
so werd ich euch schlagen auf die taschen (das maul).
A. Gryphius Peter Squenz p. 19;

wofür auch steht über ein haar:

und fressen die welf das vich gar,
das acht ich klain, als uber ein har. fastnachtssp. 484, 5.

dem angegebenen sinne fällt nun auch um ein haar vor comparativen zu: dasz .. kein theil um ein haar besser sei als der ander. Simplic. 3, 142 (Kurz); sie ist nicht um ein haar schlechter. Wieland 8, 265; ich bin nicht um ein haar breit höher. Göthe 12, 91; dasz der sogenannte lazarone nicht um ein haar unthätiger ist als die übrigen classen. 28, 266; so beschämt er sie und wird verlassen, ja vernichtet, ohne um ein haar schlimmer zu sein, als jetzt. 49, 182.
Theils hat hier um einen bestimmteren, ursächlichen sinn wegen, indem ein haar, eine kleinigkeit das motiv ist, dasz etwas geschieht oder nicht geschieht: einmal entkam er nur um ein haar einer sein leben ernstlich bedrohenden gefahr. daheim 1867, sp. 92, welcher sinn sich zum prohibitiven wendet, indem ein haar etwas verhindert: um ein haar war die zeichnung verpudelt. Göthe an frau v. Stein 1, 53; vgl. das folgende.
f) bei einem haare; die ältere sprache verwendet es im gleichen sinne mit aufs haar (d):

di (astrologie) fast mit lüg und phantasei
will eben wissen bei eim har
wi es stäts ghät das ganze jar.
Schwarzenberg 120a;

und, wie man spricht, bei einem har
dem herren Jesu ehnlich war.
Ringwald tr. Eckart C 5b.

die jüngere sprache in wesentlich anderm sinne; hier zeichnet bei einem haar die grosze nähe der ausführung von etwas, das dennoch nicht geschieht: bei einem haare hätten sie mich böse gemacht. Lessing 1, 420, d. h. sie waren so nahe bis auf haares breite daran mich böse zu machen; er hätte bei einem haar das bein gebrochen. Hippel lebensl. 2, 27; 'ach, der handlungsbursche ist' .. bei einem haare hätt' er ein kraftwort herausgestoszen. Engel 12, 324; um bewegung und ruhe zugleich hätte mich bei einem haar die ehrenpforte .. gebracht. J. Paul uns. loge 1, 26; wofür auch der ausdruck platz greift es hängt an einem haar: es hing an einem haar, so wurden die vorfahren der Catonen und sie in ihnen vertilgt. Niebuhr 3, 231. zu vergleichen sind auch ausdrücke wie mein leben hängt an einem haar, die ganze sache hängt noch an einem haar, s. auch faden 6, a (3, 1233);

wenn die rebe hängt an einem haar,
so trägt sie noch ein ganzes jahr.
Bronner 76.


g) kein haar anrühren oder krümmen, nicht das geringste zu leide thun: dasz i. f. gnaden kein haar angerühret werde. Schweinichen 2, 118; nicht ein haar krümmen. 150; Wilhelm .. versicherte, dasz er ihn gegen jedermann schützen werde, dasz ihm (dem harfner) niemand ein haar krümmen, viel weniger ohne seinen willen abschneiden solle. Göthe 19, 11. vgl. die bibelsprache: und ein haar von eurem heubt sol nicht umbkommen. Luc. 21, 18; darumb ermane ich euch speise zu nemen, euch zu laben, denn es wird euer keinem ein har von dem heubt entfallen. apostelgesch. 27, 34; nun aber sind auch eure hare auf dem heubt alle gezehlet. Matth. 10, 30.
h) es ist kein gutes haar an ihm, er ist nicht das geringste wert: wann je eins das ander ausschreiet, es sei kein gut haar an ihm. Simplic. 1, 330 (Kurz), wann er selbst aber nobel oder sonst ein gut haar an ihm gewesen wäre .. 3, 123;

dem menschen treu zu sein, an dem kein gutes haar.
Göthe 7, 69.

ist an dir abscheulichem menschen nun wol irgend ein echtes haar? Gutzkow Lenz u. söhne (1855) s. 5; sie (die kirche) kündigt euch versöhnung vom himmel an und ihr seid wirklich verdammt. es ist kein haar an keinem unter euch, das nicht in die hölle fährt. Schiller 123b. — Der ausdruck im positiven sinne gebraucht: so dasz dieses fest ein eigentliches frauenfest ist, weil es den frauen das zeugnis gibt .. dasz an ihnen ein gut haar ist, dasz sie etwas wert sind. J. Gotthelf schuldenbauer 32.

[Bd. 10, Sp. 22]



i) da ist ein haar vor, ein kleines hindernis. Frischbier (1865) no. 1406; niederdeutsch sagt man auch: he het noch ên hâr im nacken, dat em torugge holt.
k) haare klauben, haare spalten, kleinigkeiten peinlich sorgfältig untersuchen, französ. couper un cheven en quatre; mhd.

du spaltest als ein milwe ein hâr,
dir wirt ûʒ einem orte ein pfunt. MSH. 2, 169b.

er kan das haar spalten. S. Frank 1, 71b;

ich wil ch nun kein har spalten (nicht über kleinigkeiten vorwürfe
machen).
Eckstein rychstag bei Scheible 8, 846.

s. DWB haarklauber, DWB haarspalter. — auf die haar spilen, verlengeren, prolatare, auf die haar gespilt, verzogen, prolatatus Maaler 202b.
18) man sagt es gleicht wie ein haar dem andern, was man sonst gewöhnlich von den eiern behauptet (3, 76): leicht möglich, dasz der staatskanzler darauf rechnete, Humboldt werde den antrag, der einem exil ... so ähnlich sah wie nur immer ein haar dem andern, unmuthig ablehnen. Prutz deutsches museum 1867 s. 458.
19) oft fügt sich allitterierend haar zu haut:

hâr und hût si abe sleiʒ.
Herbort 9755;

mit leib und seel, haut und haar. Simplic. 3, 282 Kurz, mhd. hâr und hût, hût und hâr, wovon zahlreiche beispiele Zingerle allitteration bei mhd. dichtern p. 24. 26 gesammelt hat. das nähere über diese allitterierende formel wird erst bei haut zu verhandeln sein.
20) eine verwünschungsformel, deren raffinierte grausamkeit nicht erst des näheren auseinander gesetzt werden kann, ist dasz du haare kackst! (noch jetzt mit kräftigerem verbalen ausdrucke im Dessauischen lebend): Izick. ag fort is der wechsler Goldschmid, dem de Faust all sei geld geschosze, ich war in sei haus, all all leer — au wäy! mei hundert fufzig ducate. Mauschel. dasz de hoor kakst — de goldschmid fort — mei verzig duplonen! krieg die krenk — 's reiszt mich in mei bauch ganz kalt. Friedr. Müller Fausts leben (1778) 38. ähnlich im Simplicissimus: was? sagte hierauf der bauer, solt ich ein kind haben, das mir nicht folgte? es musz mir den kerl wider meinen willen nicht kriegen, und solt es haar scheiszen wie ein wolf! 3, 319 Kurz.
21) noch zwei redensarten, die der gewerbesprache entnommen sind.
a) haare in die wolle schlagen, unredlich sein, betrügen, wie der wollenschläger (s. d.), der nur feines tuch bereitet, es durch einmischung von haar fälscht: dafür hilft weder witzling noch spitzling: darumb nur haar in die woll geschlagen. besser ein ungerechter fried, als ein gerechter krieg. Fischart Garg. 209a

wer schlagen kan hor under woll
derselb zu hoff gern bliben sol.
Brant narrensch. 100, 19.

noch jetzt wird gesagt hundshaare unter wolle schlagen. Eiselein 331; haare für wolle geben, das ist, einen ungleichen tausch thun. Frischlin nomencl. 174.
b) bei den tuchmachern heiszt zu halben haaren scheren des tuches haare nur halb abscheren und die länge halb stehen lassen, bis es nach andern proceduren erst fertig geschoren wird. Frisch 1, 388. hiervon die namentlich in Schlesien gebräuchliche redensart: eine sache zu halben haaren machen, nur halb und unvollständig machen, die dennoch auch eine andere deutung zuläszt: hunde werden oft nur halb geschoren, ihr vordertheil unbeschoren gelassen, daher sagt ein schlesisches sprichwort auch halb und halb, wie man hunde schirt. man könnte bei diesem zu halben haaren machen demnach an die procedur beim hundescheren gedacht haben, vgl. Frommann 3, 251.
Die manigfachen composita von haar aufzuführen, erscheint überflüssig, da sich namentlich in der bedeutung II, 2 das wort mit den namen aller haartragenden tiere verbinden kann.
 
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haar, f. höhe, berg:

o schweift ich wieder, wo ein bursch ich war,
auf meiner heimat waldbewachsner haar.
Freiligrath glaubensbekenntnis 19;

es singt ein vöglein auf der haar,
am Elbstrom und am Maine,
da liegt, der hier ein pflüger war,
erschlagen auf dem raine.
er war der seinen stolz und lust,
ein bruder schosz ihn durch die brust:
ich rausche leis im winde. ders., westfäl. sommerlied.


Diesz alte und vielfach dunkle wort ist nur noch in gegenden Westfalens lebend. Woeste bei Frommann 5, 348 kennt es nur als name einzelner anhöhen einer hügelreihe, die sich im süden

[Bd. 10, Sp. 23]


der Ruhr hinzieht, neben hâr erscheint das häufigere hârd, welches auf denselben stamm zurückgeht; Förstemann namenb. 2, 688 gewährt den ortsnamen in Harun (Harum, Haran, Haren), Haaren im süden von Paderborn, der möglicher weise hierher fällt. nur zweifelnd setze ich notizen zur etymologie her: auf der einen seite bietet sich zur vergleichung dar griech. κολ-ωνός, κολώνη hügel, κολ-οφών gipfel, lat. cel-sus, ex-cel-lo, col-umna, cul-men, col-lis, das vielleicht für col-nis steht, litt. kel-u hebe, kal-nas höhe, kil-nas hoch, s. Curtius griech. etymol. 1, no. 68; auf der andern seite scheint noch näher zu stehen griech. κάρ-ηνον berggipfel, haupt, welches aber wieder auf skr. çiras kopf und damit in eine völlig andere verwantschaftsreihe führt, die an unsicherheit zu vieles bietet, als dasz men weitere betrachtungen anknüpfen könnte.
 
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haarader, f. schwed. hrder, vena capillaris.
 
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haaralaun, n. auch federalaun, alaun in feinen haar- oder federförmigen crystallen. Nemnich.
 
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haaramethyst, m. ein amethyst mit blutroten, haarfeinen streifen auf blaszblauem grunde. Nemnich.
 
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haaranke, f. in der Wetterau bei weiblichen personen der bug der unter die haube aufgeschlagenen langen haare, welcher, unter dieser hervorstehend, den nacken bedeckt (s. DWB anke occiput 1, 378). damit dieser bug voller aussieht, dehnen jene personen ihn dadurch aus, dasz sie von beiden seiten die zeigefinger innen hindurch stecken und wieder herausziehen: das mädchen hat eine schöne breite haaranke; sie musz sich bei ihrem vollen haar eine bessere haaranke machen.
 
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haaraufsatz, m. die künstliche anordnung des haars, vorzüglich am frauenkopfe (s. DWB aufsatz 2, 1 sp. 718): beide köpfe haben einerley haaraufsatz. Winkelmann 5, 275; wollt eben einen aufsatz probieren, sah einen frauenkopf auf einem geschnittenen steine, der haaraufsatz gefiel mir. Fr. Müller 3, 139.
 
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haarausfallen, n. defluvium capillorum, alopecia. Frisch 1, 388.