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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bis gabelast (Bd. 4, Sp. 1105 bis 1121)
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[Bd. 4, Sp. 1105]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) G , der gelinde stumme kehllaut (gutturale media), die mitte einnehmend zwischen dem härteren kehllaut, K (gutt. tenuis), und dem mit hauch gesprochenen, Ch (gutt. aspirata). zur stellung des buchstaben im alphabete s. 1, 1049, hier soll vom laute die rede sein.
1) Lautverschiebung (s. 1, 1049).
a) der strengen regel nach müszte die hd. media sich in den entsprechenden wörtern der urverwandten sprachen mit der tenuis decken, hd. G mit gr. lat. K; aber gerade hier ist eine durchgehende stockung der verschiebung (vgl. 1, 1050 unter e; 3, 1209 unter 1), es tritt dafür hd. H auf. das hd. G dagegen entspricht in wirklichkeit einem auszerdeutschen CH oder H, ist also gleichfalls auf der zweiten, der nd. stufe stehn geblieben, statt auf die dritte (K) vorzuschreiten; letzteres geschah nur ahd. ('strengahd.') wie in einem versuche, der nicht durchdrang, sodasz doch auch da das G dem K gleichberechtigt ist oder vorherschend, wie unter den labialen B für P, und wie K für das strenghochdeutsche CH. genaueres bei Weinhold alem. gr. s. 174 ff., bair. gr. s. 177 ff.
b) daher z. b. gr. χήν, skr. haṅsa : ags. gôs, altn. gâs, nd. gâs, nl. gans, aber auch ahd. gans, nur anfangs oder ausnahmsweis kans, das die strenge regel verlangte. lat. haedus: ags. gât, altn. geit, nl. geit, aber auch nhd. geisz, wie mhd. geiʒ, und schon ahd., nur selten keiʒ. Ebenso im auslaut der wurzel, z. b. lat. veho, skr. vah (vâhanam wagen) : goth. gavigan, vagjan, nhd. bewegen, wiegen, wagen u. s. w.; στείχω : goth. steigan, ahd. stîgan; ἐχῖνος : igel, schon ahd. igil; λέχος bette, ἄλοχος bettgenossin : goth. alts. ags. ligan, nhd. liegen, schon ahd. ligan, liggan, selten likkan. s. weiter z. b. galle, garten, gähnen, gelb, gerste, gestern, gieszen, gier, gold, bräutigam, agen, eigen, regen m.
c) unter umständen bleibt sogar die verschiebung ganz aus, so in graben, greifen, wo das R vielleicht sie störte, in lang wegen des ng, während enge zu ἄγχω stimmt; merkwürdig in saugen, ahd. sûgan : lat. sugere (und ags. doch sûcan, engl. suck), in schweigen, ahd. swîgên : σιγν. Wo sie aber hd. wirklich zur dritten stufe durchgeführt erscheint, wie in lecken : goth. laigôn : gr. λείχω, in trocken : nd. drôge, drœge, md. treuge (s. 2, 1426), ags. drŷge, in zeigen : δείκνυμι, auge : oculus, -zig : zehen : decem, fragen : precari, fegen (s. Weigand wb. 1, 329), genug : goth. ganauha genüge, mhd. dagen : goth. þahan : lat. tacere, da sind meist andere verhältnisse mitwirkend gewesen, die noch aufzuklären bleiben. einige freilich, wie dagen, genug, sehen denn doch aus wie rechte verschiebung zu dritter stufe; vgl. 6.
2) Vom g im auslaute.
a) mhd. ward g im auslaute zu k (c), wie d zu t, b zu p; also lange, aber lanc; dingen, aber dinc; berge, aber berc. und diese regel gilt, nur den meisten leuten unbewuszt, noch heute: im flûge heiszt es mit g (oberd.) oder gh (md.), aber flŭgs mit k (s. flucks), mit vergessen des ursprungs, wie schon die kürze zeigt; 'lange' weile heiszt es, aber mir wird die zeit 'lank' sagt jeder der natürlich spricht, d. h. die so zu sagen angeborne regel unbewuszt walten läszt; das 'dink' will mir nicht gefallen, ich musz mir 'zwank' anthun; sank cecinit, brink affer, fank captura, henkst m. (dagegen nur bang, eng, lang adv., weil bange, enge, lange noch gefühlt darin steckt). ebenso tak dies, lak jacuit, wek via, zuk tractus, berk mons, burk castrum, selbst im nebentone frühlink, und nicht anders kegelschŭp, liep, grûp, gĭp, ăp, stâp, und bât, nordd. băt, balneum, leit, liet, kint, magt, immer nach dem jahrhunderte alten gesetze, das bei sprachlehrern freilich noch nicht zu finden oder anerkannt ist, es würde auch die beliebte gleichmäszigkeit empfindlich stören, in der man das heil sucht. selbst die dichter machen nur selten gebrauch davon und reimen z. b. trank : sang, sie könnten den unnatürlichen zwang ganz abwerfen.
b) im md. gebiete wird das gesetz von einem andern einflusse gekreuzt. da gilt auch -ch als auslaut für g, in meiner heimat z. b. bestehn neben einander tâk und tâch, lâk lag und lâch, zôk und zôch, trûk und trûch, wêk und wêch, wĕk und wĕch

[Bd. 4, Sp. 1106]


(fort), berk und berch, doch zum theil in palataler aussprache (s. 3, b); nur in der adjectivendung -ig nie mit k, wie doch oberd., im 16. jh. auch md., z. b. 'freszick crapulosus' voc. opt. Lpz. 1501 H 1a (neben gyrich cupidus Cc 5b). Dieses -ch stimmt zu dem nd. auslaute, dăch tag, măch mag, wech, berch u. s. w., der nun durch die maszgebende geltung der md. sprache sich selbst in das gebildete oberdeutsch einschleicht. wenn schon mhd. bei oberd. dichtern im reime z. b. tach erscheint Gudr. 1166, 1, burch Lanz. 5524, wach Biterolf 7359 (s. mehr bei Weinhold alem. gr. s. 191, bair. gr. 190), so ist das im ursprunge von jenem nd. md. -ch doch verschieden, aus tak u. s. w. entstanden durch eine übertreibung der lautverschiebung, hindurchgegangen durch takh u. s. w., während das nd. dach aus dagh gesteigert ist.
c) im 16. jh. übrigens hat man das gesetz noch gekannt und gehört, denn die da beliebte schreibung bergk, burgk, buckingk halec desiccatum voc. opt. Lpz. 1501 D 6b (noch jetzt in namen, Bergk, Schomburgk) hat keinen andern grund als das gewissenhafte streben, sowol der aussprache recht zu thun, mit dem k, als auch der verlangten übereinstimmung mit den andern formen zu genügen, durch das g. und als man im 17. jh. und später die allerdings häszliche schreibung bekämpfte (so noch Schmotther 2, 16 i. j. 1726) und wieder ausmerzte, hätte man das g auswerfen sollen, nicht das richtige k; nicht anders ist es mit dem dt in landt, windt, schwerdt, Berndt, Kerndt (vgl. 2, 645), während ein stabp u. dgl. mir nicht bekannt ist.
3) Von der aussprache.
a) die aussprache des G (wie des B, auch D) ist eine zweifache, eine härtere und eine weichere, mit jener mehr dem k, mit dieser mehr dem ch sich nähernd (vgl. 2, 610 CH 2); die erstere gilt wo das G (B, D) vom einflusse der vocale ganz frei ist, hauptsächlich im anlaute, die andere wo es diesem erweichenden einflusse der vocale oder auch der liquiden l, r ausgesetzt ist, wie in legen, sagen, und berg, balg, wo letztere fälle nicht dem auslautgesetze unter 2 folgen. Diese doppelheit ist in seiner natur begründet als 'media' (zwischen tenuis und aspirata die mitte haltend, den übergang bildend), und es ist tadelnswert und lächerlich, dasz tonangebende, wie schauspieler und selbst lehrer, angefangen haben diesen unterschied als plebej zu verschmähen, die blosz harte aussprache für hochdeutsch zu halten, sodasz man da eigentlich leken, saken zu hören bekommt. so wenig ist zur zeit noch die hohe deutsche sprachwissenschaft der lebendigen muttersprache zu gute gekommen, dasz ihr die gebildeten ungehindert einen solchen schaden anthun können!*)
b) die weichere aussprache ist aber dialektisch verschieden.
α) für einen theil des oberd. gebietes zunächst, den südlichsten, den man den strenghd. nennen kann, wird die weichere aussprache überhaupt in abrede gestellt, s. Schmeller bair. gr. s. 94, Weinhold alem. gr. 180, bair. gr. 183, das inlautende g sei da dem anlautenden völlig gleich. aber ein wenn auch noch so kleiner unterschied dürfte sich scharfem hören doch erweisen. übrigens erscheint auch oberd. die weiche aussprache an stellen, wo an einen md. einflusz nicht zu denken ist, wie in der Oberpfalz z. b. magher Schmeller a. a. o., in Niederösterreich glch f., trauer (d. i. klage) Castelli 140, in Tirol jachd jagd, fliecht fliegt Fromm. 3, 110; in einem österr. stücke des 15. jh. bejachen, bejagen, gesichet gesiegt Berl. heldenb. 1, 295a. 296a, nürnb. 15. jh. klachlich voc. 1482 (s. kläglich 1, a). s. schon in ahd. zeit -gh- vor e und i Weinhold bair. gr. 183, alem. gr. 180. s. weiter u. c und d, γ.
β) die aussprache der mitteld. mundarten ist nach a, o, u, au völlig aspiriert, dazu vergröbert dasz sie dem ch gleich ward; nach e, i, ei, eu (äu), ü aber ist sie in ein anares organ um- *) es ist wie mit dem unterschiede des umgelauteten und gebrochnen, d. h. des hohen und tiefen e, den das theater und der salon aufzuheben angefangen haben, das tiefe e (ë) als niedrig zu verschmähen. ja freilich, die 'orthographie' kennt ja blosz éin 'e'! dasz aber auch deutsche sprachlehrer und forscher den unterschied nicht mehr kennen wollen, trotz Jacob Grimm!

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geschlagen, 'palatal' geworden, d. i. nicht mehr der kehle, sondern der vorderen gaumgegend angehörig, so dasz diesz G dem J am nächsten liegt; ihm folgte da auch das CH in derselben lage, daher, hauptsächlich seit dem 17. jh. unter md. einflusz, verwechselung beider, z. b. in fittig, lattig, adlig, kindgen, rosigt (noch Schiller), kräuterig krautwerk u. s. w. mit g für ch, vgl. 2, 610.
γ) in einem groszen theile des östl. Norddeutschland bemächtigte sich diese palatale aussprache sogar der anlautenden G (mitteld. nur in der vorsilbe ge- theilweis, vgl. J. Grimm oben 2, 610 unter CH 2), auch der dem vocalischen einflusse ganz entrückten, wie in grosz, glas, gnade ('jrosz'), während ebenda das inlautende, wie in sagen, legen sich eigner weise meist guttural erhielt, leicht aspiriert, dem oberdeutschen ähnlicher als dem md., oder zwischen guttural und palatal in der mitte schwebend (vgl. u. d, α). In einem groszen theile des westlichen Norddeutschland dagegen macht sich eine stark aspirierte gutturale aussprache bemerklich, die auch den anlaut ergriffen hat (ghut, ghrosz).
c) das ursprüngliche und geschichtliche dieser eigenthümlichen verhältnisse, die hier nur in umrissen anzudeuten waren, bleibt groszentheils noch aufzuhellen. doch läszt sich sagen, dasz, die sache an sich betrachtet, das oberd. verhältnis als das reinste, darum wol älteste erscheint; im mitteld. ist der unterschied am schärfsten ausgeprägt worden (zumal das härtere G da zu hart, eigentlich mehr ein K ist), mit der palatalen aussprache aber eine ausartung eingerissen; eine solche ausartung ist auch die nordd. übertragung der aspirierten aussprache in den anlaut, die übrigens auch dem niederl. eigen ist (wie sie altroman. bestand vor den sog. weichen vocalen, s. Diez altrom. gloss. 67, nicht anders neugr.) Im folg. einige andeutungen zur frage nach dem alter dieser erscheinungen. der gehauchte laut, mit gh bezeichnet, erscheint schon ahd., selbst im rein hd. gebiete (s. u. b, α), besonders in fränkischem und benachbarten hd. gebieten, vor e, i, ei, auch im anlaut in den vorpartikel ghi- (mit dem heutigen mitteld. stimmend), s. Grimm gr. 12, 182, Müll. u. Scherer denkm. s. xxii und 466. eben diesz gh- ist im mnd. und niederrh., auch mnl. das zeichen für aspiriertes g und sollte von herausgebern nie 'geregelt' werden in g.
d) am wichtigsten und anziehendsten ist die frage nach der palatalen aussprache (wie beim -ch).
α) entstanden sein musz sie aus der aspirierten aussprache oder aus dem gh als 'reibelaut', und zwar unter dem einflusse des i mit seiner vocalsippe, das jenen consonanten gleichsam von der kehle zum gaumen vor zog; der consonant gab dem wichtigeren vocale nach und folgte ihm nach séiner (des i) entstehungsstelle, wenn er nicht auf halbem wege stehn blieb, wie in dem u. b, γ erwähnten falle. Am leichtesten, also am ersten muszte das im inlaute, hinter dem i geschehen. wenn also im 16. jh. bei md. dichtern -ig und -lich reimen, hatten beide, g und ch, schon die palatale aussprache, wie sie schon fürs 15. jh. und früher das häufige einich bezeugt (s. 5, 496, 13. jh. Pfeiffers übungsb. 12):

kam éin muck unversehenlích,
schnaufénd, schwitzend und blutrüstíg.
Fuchs mückenkr. 1, 127 fg.,

vgl. sich: krieg 1, 7. 2, 81 (guttural dach: ich sag 1, 244), aufzeig: gereich froschm. C 4a; dasz daneben, wenigstens nach e, die alte verhärtung zur tenuis gieng (s. 2, b), zeigen reime wie hinweg: zweck, steg : dreck froschm. K 3b. 6b.
Die völlige palatale erweichung schon in ahd. zeit auf md. gebiete zeigt z. b. cielen lateres Nyerup symb. 353, geschrieben für cîjelen, ziegeln (im auslaute das. 349 (blâsbalch), dem Mittelrhein angehörig; ebenso in einer Trierer urk. v. 1248 b. Höfer auswahl s. 4 besielen bit mime ingesiele (i für ii geschrieben wie in altlat. abicit u. ä.), wie Orienes für Origenes in dem md. Leipz. Sachsensp. 1, 3. in derselben Trierer urk. 'pleier' pfleger, und ain (ân) arie list, auch vor sente Rimeyes daye, s. Remigii tage (neben versihheren). Besonders auch im nebentone: der selbien lute Haupt 8, 311, thür. 15. jh., durchleuchtier ... gnedier liber her Nürnb. chron. 2, 525, 15. jh., und ebenso nd.: de jenie, derjenige. weisth. 4, 679; im 14. jh. in dem reime Sicilien: hilien (heiligen) Jeroschin 25537. ebenso bei -ich, und zwar oberdeutsch: kintlier, lieplier u. ä. bei Wolfram, s. Lachmanns ausgabe xliv; hesselien häszlichen Heinzelein v. Konst. s. 132 var., vgl. md. tegelîs : prîs Ebernand 3165; doch nur im letzten falle ist palatale aussprache daraus anzunehmen. Auch wenn kein e folgt: sponsus, brutiamer. Melber voc. varil. y 5a, var. brütiam Dief. 548c, wie nach einem a in daye vorhin. dem arie für arge vorhin entspricht Eustorius,

[Bd. 4, Sp. 1108]


wie Rhabanus Maurus für Eustorgius schrieb (Haupt 6, 198), also selbst schon Eustorjius sprach.
β) im anlaute. i. j. 1626 sagt ein Pfälzer, C. Scioppius, Meiszen nach, man höre da jott für gott, gar für jahr, z. b. jott jeb euch ein jutes naues gar (Germ. 11, 321), was doch dem eigentlichen Meiszen fremd ist, er mochte etwa die Torgauer, Wittenberger pflege meinen. aus Colerus hausb. 2, 4 (ein Schlesier im 17. jh., der in Norddeutschland lebte), citiert Frisch 1, 554b juckkuk guckuk. im 16. jh. schreibt Lucas Cranach der jüngere einmal brieflich yeldt geld (jahrb. d. mekl. ver. f. gesch. 21, 308), gewiss Wittenberger aussprache. Aber auch über 1500 hinaus: ieben concedere und beiaben munerare in einer md. hs. d. 15. jh. Dief. 138c. 371b, yessen gegessen und iarkost garkost in hss. des Kulm. rechts 3, 86, iende gehend im md. Ssp. der Leipz. univ. bibl. (nr. 948) 2, 59, 3, 15. jh., iasse gasse Ortloffs rechtsquellen 1, 108. 110, also schon nicht blosz vor den vocalen des gaumens. Vor letzteren im 14. jh. und weiter rückwärts: Jhesus beiegente in sagende 'sit gegruʒt'. Haupt 9, 286, md. 14. jh.; im 13. jh.:

unde liefen allerwegene
Josepe san z iegene. Schweriner hs. des evang. Nic.,
Pfeiffers übungsb. s. 5;

wol gezâmen und beiegenten. 18.

Und schon in ahd. zeit: 'ludicra verba, spil iechose' (gekose). Haupt 5, 200, anf. 11. jh., rheinisch (erscheint doch ebend. in dieser zeit ch schon palatal in nejeina für necheina Müll. u. Sch. denkm. 179), vgl. nrh. 15. jh. jaden, jar für gadem, gar Mones anz. 8, 407b. noch früher im östl. md., denn Gibichenstein heiszt bei Thietmar Ivicansten, beim annal. Saxo Ivicanstein, s. Förstemanns namenb. 2, 543 (i für ji wie u. α). Eigen gj vereinigt in einer Cölner urk. v. 1261: gieuen, d. i. gjeven, geben Höfer ausw. 12, wie ebend. 143 nrh. 14. jh. nebue, abuer, gebuen, d. i. nebve, abver, gebven, neve, aber, geben, es ist damit wie mit dem -gk, -dt unter 2, c. auch rein ahd. erscheint diesz gi-, doch für j-, s. Weinhold alem. gr. 183, bair. gr. 182 fg.
γ) aber auch nach Süddeutschland hinein reicht die palatale aussprache. im Elsasz gilt sie im inlaut weit nach süden, durch einflusz vom niederen Rheinlande her (sinjeht für süngiht schon im 15. oder 14. jh. niederels., weisth. 1, 683). Straszburg heiszt an ort und stelle Strôszburj (Weinh. al. gr. 181), in Arnolds pfingstmontag jäjer 85, veejel vögel 104, krieje kriegen 95, gorjel 80, selbst juejed jugend 84, und saaje, traaje 75 (kaisersbergisch oder kolmarisch), daneben aber prächtigg 75, güetigg, auch ehrligg 76. auch Nordschwaben, Franken haben das palatale g im inlaute, s. Schmeller bair. gr. 95; auch Iglau in Mähren (md. sprachinsel?) Fromm. 5, 215 fg. Aber merkwürdig im Teuerdank jembs neben gembs gemse 20, 20. 23. 35. 49. in einer oberd. hs. des Neidhart (c) aus d. 15. jh. jejehen, jemelich 167, 6. xxiii, 24. in Nürnberg im 15. jh. erscheint jaraus garaus, jar gar, jegen (chron. 2, 557b) neben geger jäger (552a), jasse gasse fastn. 43, 24, s. mehr Weinh. bair. gr. 197. Die md. und nordd. benennung des buchstaben als 'jê' (ga wäre für die gutturalis besser, wie ka für k, doch schon mhd. g: wê lieders. 1, 352) reicht wol auch ins bair. und östr. gebiet, s. Schmellers wb. 2, 1, schon Ickelsamer gibt sie deutlich an: das g, so die zung das hinderst des gmens berrt, wie die gens pfeisen, wenns einen anlaufen z beiszen. gramm. B 1a. ist doch selbst auf rein alem. gebiete das rein gutturale ch einzeln in die gaumengegend vorgerückt, zu j geworden (s. 5, 2 anm. **).
δ) auch wo g für ch geschrieben ist, zeugt das für palatale aussprache beider, s. schon unter α. so in -gen für -chen (s. 2, 614), schon um 1500 kistgen Michelsen Mainzer hof 19, weibgen voc. opt. Lpz. 1501 B 5b, im 15. jh. krustigen crustula Dief. 160b. und noch früher, z. b. im Leipz. Sachsensp. eigen eichen, wîgen weichen, wîgbilde, ieclig, wie umgekehrt phlicht für phligt (s. meine ausg. s. xiv). westmd. im Arnsteiner Marienleich ig, gelîg, durg (auch dog, oug, ûg euch) Müllenhoff u. Scherer denkm. 108 ff. wieder auch fränkisch, schon im 15. jh., gewigt, schlegt Nürnb. polizeiordn. 73. 174, wie gerücht für gerügt 73. und nrh., in dem osterspiele Haupt 2, 326. 327. 325. 304 kirge, zeigen, mig, ig, das wird aber gutturale aussprache meinen, wie ebenda 324. 325 nog, magge, saggen für noch u. s. w. auch nürnb. schon bei H. Sachs jacht (jagd): nacht 3, 2, 8c (s. 2, 1222), s. mehr unter b, α zuletzt.
ε) hier ist es auch am orte, einer ganz eigenthümlichen ausartung des palatalen g- zu erwähnen. eine mundart der Zips sagt djên für gehn (Schröer nachtrag 43b), und etwas ähnliches im siebenb. s. Fromm. 5, 367 (brangen, bringen, mit ähnlichem g).

[Bd. 4, Sp. 1109]


wenn nämlich die gaumenhafte aussprache der erste schritt auf dem wege ist, der die gutturalen zu der gequetschten aussprache brachte, wie sie in so vielen sprachen eintrat (z. b. ital., engl., auch bei uns im friesischen), so zeigt sich in dem djên zu dieser der förmliche übergang auch auf hd. gebiete; hört man doch mitten in Deutschland ja als dja aussprechen. ebenso wird im munde des Isländers k vor e, i zu tj, z. b. ketill kessel wird jetzt gesprochen tjétidl; auch schwedisch, z. b. käle frost wird förmlich auch tjäle geschrieben. Ebenso liegt zwischen den heutigen quetschlauten romanischer sprachen und dem ursprünglichen gutturalen klange eine palatale aussprache als übergang, z. b. altital. 'ariento' aus argentum, s. Diez altrom. gloss. 67. auch das altgr. γ ist in neugr. munde palatal geworden vor den vocalen des gaumens.
e) endlich eine andere verschiebung des g- in der mundstelle, die weit verbreitet ist, oberd. wie mitteld., meistens völlig unbewuszt, dasz man nämlich vor l und n (den dentalen liquiden) das g zu t (also dental) macht: tlas, tnade (wie tlagen, tnabe, s. DWB K 4, b; das ist z. b. erzgebirgisch, hennebergisch, fränk., oberbair., tirol., oberöstr. (Weinh. bair. gr. 145), während umgekehrt z. b. antlitz zu anglitz wird (bair., sächs.). so ward ἁγνός kretisch zu ἁδνός u. ä.
4) Mit j wechselt aber auch das echte, gutturale g.
a) schon mhd. z. b. in jëhen confiteri (s. beicht), praes. sg. gihe, und schon ahd. giho neben jiho, gëhan neben jëhan; vgl. gicht aussage. so haben g für ursprüngliches j gähren, gäten, gauner, umgekehrt j für g nhd. jähe.
b) auszerdem ist der wechsel landschaftlich vielfach zu finden, oberd. wie md. und wol auch nd.: gener für jener (schon ahd.), gammer für jammer oft bei Merswin (gomer Königshofen), oberrh., auch guddesch jüdisch Merswin 54, gunc jung 49. 58, auch Neidhart 23, 20 in c, Gesus altd. bl. 2, 125, alem., geger jäger weisth. 4, 790 nrh., gegeid gejeid Haupt 8, 519, 88 nürnb., gacke jacke Trochus bei Dief. 112c meisn., goch joch Tucher baum. 74, 18. 27 nürnb., gope joppe Uhland 650, und noch jetzt in vielen gegenden verschiedner mundarten, erzgeb. z. b. gunge, garmarkt, Gohann, Gerusalem, auch der Leipziger gegend nicht fremd; s. Schmellers mundarten § 503. kommt doch ga für ja vor (vgl. Fromm. 6, 516). vgl. auch gurke.
c) im inlaute in fällen wie im ältern nhd. kregen für mhd. kræjen, nhd. krähen, krege kreg krähe, mhd. kræje, und so in wegen, dregen, müge, küge und vielen ähnlichen worten, wo mhd. ursprüngliches j, nhd. h steht; so schon gut mhd. z. b. eiger eier, chuoge kühe, und ahd., s. Weinhold alem. gr. 183, bair. gr. 184. tritt es an dieser stelle doch selbst für -w auf, s. das. 184. 185, wie noch in Luserna neuge neu (mhd. niuwe), haugen hauen, paugen bauen (Zingerle lusern. wb. 4), oberbair. schaugn aus mhd. schouwen schauen.
5) Wechsel mit K.
a) in sarg ist es für urspr. k eingetreten, mhd. sark (so noch Haller 193, vom urspr. des übels 3, im reim auf stark). im anlaute wird aus unbetontem ge- durch ausfall des e ein k, vor w ein ku (qu) oder kw; so schon ahd., alem. quinnen gewinnen, quis gewiss, s. Weinhold al. gr. 185 anm.; bei H. Sachs verqualten vergewalten (bair. gr. 192), und noch in oberd. mundarten, selbst md. z. b. in Leipzig als rest aus alter zeit quanthaus gewandhaus, vgl. gewandsweis. ebenso vor l, n, r, ahd. z. b. cnuoge genug Müllenh. u. Scherer denkm. 41, und vor s, wo dann auch x geschrieben erscheint, wie xel collega Dief. nov. gl. 100b, eines ieden xellen lon Mones anz. 3, 207, gebraten und xotten Lenz Schwabenkrieg 105a.
b) eigen ist dasz in fremdwörtern, besonders romanischen, ein k (c) gern als g erscheint, so in oberd. gant, gabisz, galander, garausche, ganter, Gaspar, gerner carnarium, guster küster, gugel cucullus, gumpost compost, gunkel, golter, goller, gork, gampfer gaffer kampfer, gamille, gutsche, sagerer sacrarium (vgl. sigrist : sacristei), meist schon mhd., selbst ahd. (wo auch z. b. garre, garro carrus, s. Weinh. al. gr. 179, bair. gr. 181 fg.), während gerade md. und nd. da meist k steht; noch schwankt k und g in manchen fremdwörtern, z. b. in gamasche, galosche. das oberd. k musz bei der übernahme härter geklungen haben als das fremde, und härter als das md. nd., vgl. 5, 2 anm. *** und Schmellers treffende bemerkung in den mundarten § 414.
c) aber auch in heimischen wörtern zeigt sich solches verhältnis zwischen oberd. g und nd. k, s. darüber K 2, g; auch bei den lippenlauten fehlt es nicht, denn z. b. schweiz. beilen eichen Stalder 1, 154 (mrh. beieln weisth. 4, 599) entspricht dem nl. nd. peilen, und die von J. Grimm unter beilen angenommene entlehnung dieses aus jenem wird umgekehrt richtig sein.

[Bd. 4, Sp. 1110]



6) Wechsel mit h.
a) in der verbalflexion: zogen, gezogen, zug von ziehen, gediegen von gedeihen, bair. gezigen von zeihen (vgl. bezick, bezig 1, 1799), gesigen von seihen (vgl. versiegen) u. a., nach mhd. ahd. regel; das h war wol nach kurzem vocal (mhd. gezŏgen, gedĭgen) zu unbequem zu sprechen, das naheliegende g bequemer.
b) aber auch auszerdem wechseln h und g, wie in schwäher: schwieger, schwager, wo das h der regel (unter 1) folgt, das g aber weiter auf die dritte stufe trat (lat. socer), wie in mhd. mâgen neben mâhen mohn (μήκων). dieselbe fortbewegung zeigt sich schon goth., in tagr thräne : δάκρυ, ahd. zahar, in fulgins aus fulhans (s. 3, 92), veihan neben veigan kämpfen (ahd. ebenso wîhan und wîgan), praet. vaih, wie lauh von liugan, drauh von driugan; vgl. DWB rügen : goth. vrôhjan, ahd. gafagjan : goth. fullafahjan genüge thun, alts. gifehan sich freuen : fagan froh. das ist doch alles eine wirkliche verschiebung zur dritten stufe, die gleichsam versuchsweise, von zufälligen umständen unterstützt auftritt, nicht zur herschaft durchdringen konnte.
c) noch anders in fangen, hangen, hunger, wo das g aus h durch das n herbeigezogen ward (auch bei bringen?), wie in fulgins wol durch l. es war wol aber dabei ein durchgang durch aspiriertes g (gh), wie es in älter md. sâgen für sâhen viderunt u. ä. gewiss anzunehmen ist, wie wahrscheinlich auch für goth. b und d in giban neben gaf, bidjan neben baþ. s. auch geweih, reiher, die ursprünglich g haben.
7) Zuweilen tritt g blosz der aussprache zu liebe auf, um vocale zu trennen (gleichsam ein verhärteter spir. lenis?), so in reigen (reihen), mhd. reie, oft in mhd. zeit und länger nachher, s. z. b. baige f. baie 1, 1367. denselben dienst thun früher auch j, h und w, z. b. der weih (raubvogel) heiszt ahd. wîo und wîho, wîjo, wîwo, wîgo. vgl. 4 am ende. so noch im 16. jh. md. ruge, rugen ruhe, ruhen u. ä. (Luther, Alberus, s. unter kühruhe), wo mhd. w steht.
8) Wegfall des G.
a) ausfall zeigt sich zwischen vocalen, welche sich zu vereinigen streben, wie bei seinen genossen b und d. so schriftdeutsch in beichte (s. 1, 1359), getreide, feile, ei, eidechse, eide egge, ahd. egida (thür. êde, voigtl. eid), in hain, Reinhard; älter und mundartlicher leit für legt und liegt, seite sagte, u. dgl., vgl. DWB klagen I, a. besonders oft in mundartl. und älterm mitteldeutsch (auch mnd. mnl.), wie wain (woin) wagen, rein regen, seinen segenen, auch klâte klagte, frâte fragte (md., auch oberrh. Merswin 89). zugleich mit kürzung in gen, sense, elster.
b) abfall vorn erscheint nur in ge- im nördlichen mitteldeutsch, z. b. nordthür. ä kan nech irêde, er kann nicht gereden (Bech), schon im 15. jh. z. b. ekawfte orteil gekaufte urtheile Behrend Magdeb. fragen s. vii. ebenso in dem benachbarten nd. in Schambachs wb. aus den fürstenthümern Göttingen und Grubenhagen, z. b. ebrocht gebracht 33a, auch hier schon im 15. jahrh., z. b. enôch genug Germ. 10, 392, jetzt enaug Schamb. 62b. ähnlich doch auch bairisch, s. Schmeller bair. gr. 98.
c) abfall am ende ist in oberd. mundarten häufig, z. b. bair. kini könig, gnue genug, s. Schmeller bair. gr. 96.
9) gg erscheint nhd. nur noch in flügge, egge, roggen, in denen es die überlegung der orthographen schützte (zur erinnerung an fliegen, unterscheidung von ecke, rock), und in den fremden dogge, baggern, flagge; man schrieb auch schlagge Besser ged. 55. das häufigere mhd. ahd. gg, wie in glogge, egge, rügge, mügge ward zu ck, mit dem es schon damals wechselt, in oberd. mundarten aber ist es (natürlich rein guttural, wie mhd.) noch viel vorhanden.
 
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gaban, m. regenmantel aus filz, 15. jahrh., fremdwort, bei Schmeller 2, 8 und Scherz 461 aus Tuchers reise von 1482. bei A. Harf, der sich zur überfahrt nach Alexandrien in Venedig u. a. kauft: item einen gaban, dat is ein wijs rock van einen dicken fijltz gemaicht, umb dae mit in den schiffen zo lijgen vur kelde, wint ind regen. pilgerf. 57, 37.
 
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gabasz für kabisz (s. z.); z. b. bairisch um 1500 z. b. in Tegernsee, gabasenkraut Germ. 9, 204. auch gabaus, gabûʒ, s. Lexer 1, 1491 (nordit. gabùz in Brescia Melchiori 1, 285b), was sich gleichfalls unter kabisz erklärt.
 
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gabbrief, m. urkunde über eine schenkung, vergebung (s. DWB gabe 2): zaigte der ehegen. grafe Henslin von Habspurg ... och einen gloplichen gabbriefe von gerichte. Haltaus 581; inhalts ir mt. gabbrief, so darumben vorhanden. Chmel urk. Max. I. 217. auch gabebrief, das ist wahrscheinlich die ältere form: die gabebriefe für die klöster. Lappenberg gesch. von Engl. 1, 191.

[Bd. 4, Sp. 1111]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gabe, f. donum, munus, donatio.
I. Form und nebenformen.
a) mhd. gâbe, ahd. nicht bezeugt; mnd. gâve, nnl. gaave, gaaf; auch ags. geáfe Ettm. 422 (geafe Grein 1, 491, geafa Bouterw. nordh. ev. 323b), altn. isl. gâfa, schw. gfva und gf, dän. gave, norw. gaava.
b) ahd. bestand eine andere form, këpa, gëba f., auch mhd. noch gëbe (nebst schwachem gëben, ahd. gëbôn begaben), entsprechend dem goth. giba; auch ahd. bedeutsam noch einzeln mit ungebrochenem vocalen giba Graff 4, 121, und selbst mhd. gibe (wb. 1, 507a, Bech zu Er. 7228, Nib. 310, 32 Z.), ja noch jetzt in der südlichsten sprachinsel, in den sette comuni in Norditalien, gibe gabe, der dreikönigstag z. b. heiszt dort 'der guta gibe vairtag' Schmellers cimbr. wb. 125a, s. dazu gebnacht. Auch alts. gëba und noch gia, gleichfalls noch nnd. in to geve, als geschenk, umsonst (brem. wb. 2, 506), ags. tô gife, mhd. ze gibe Nib., altschw. til gifwins, s. Rietz 195a. auch ags. gifu, geofu f. (und gifen f.), altengl. yeve u. ä. (Stratm. 262), altn. giöf f., altschwed. gif, noch dial. schwed. geva, giv u. ä., dänisch giev, s. Rietz 194b.
c) eine dritte form, neutral, zeigt sich im langobard. gab in morgingab n. (Graff 4, 122), eine vierte, gleichfalls n., in ags. gif. So sind sämtliche vocale der verbalflexion im nomen wiederholt, gâbe hat den ablaut des praet. plur. von gëben, gëbe und gif den des praes., gab den des praet. sing.
II. Gebrauch und bedeutung.
Es ist wie ein subst. verb., urspr. in aller der manigfaltigkeit von geben selber, und sowol passivisch als activisch. ebenso zu zúgeben zugabe, zu ábgeben abgabe u. s. w. (doch nicht zu begében, ergében, vergében, wo nur ergebung u. s. w. gilt).
1) passivisch, was gegeben wird oder ist, oder zu geben ist oder wie sonst; z. b. was eben gegeben werden soll, auch ohne dasz es angenommen wird: kaum hatte der diener das offene theekästchen vor der baronin aufgestellt, als sie dem reh ein zwieback reichte. das thier schnupperte .. an der gabe .. und wendete sich verschmähend ab. Auerbach neues leben (1862) 1, 37. So heiszt gabe im salzwerke zu Halle die menge sole, die wöchentlich in jede kote 'gegeben', geliefert wird. Frisch 1, 311c (vgl.gabenherre): ober und unterbornmeister ... die theilen die gaben ausz, was einem jeden auf sein theil oder pfannen gebüret. Mathes. Sar. 126a. bei ärzten was auf einmal dem kranken gegeben wird, 'dosis' (d. i. griechisch gabe). Adelung; bildlich:

es ist unmöglich, das was man seele nennt,
in kleinerer gabe zu haben.
Wieland Amadis ges. 6 (1. ausg. 1, 160 dose).

so eine gabe mehl, sauerkraut u. dgl., bei almosen portion an brot, geld. Schmeller 2, 9. Im besondern
a) gabe im verhältnis zwischen herren und diener.
α) was dem herrn zu 'geben' ist, abgabe Frisch 1, 311c: tributum, eigen gab. Melber varil., d. i. gabe des eigenen mannes, zu eigen 3; auf met, win und pier .. ain genant (bestimmtes) ungelt und gabe setzen. Augsb. chron. 1, 158; die gaben abtragen, einen von schweren gaben befreien. Steinbach 1, 566; 'steuern und gaben'. Adelung: man rechnet in Preuszen die steuern und gaben nach schossen, wie in der Mark und Sachsen nach schocken. König zu Canitz (1734) 256a;

du sollst auch, frei von allen gaben ...
ein lehngut haben.
Burmann fab. 165.

gewiss schon mhd. und älter, ja wol aus der urzeit her, die abgabe urspr. als geschenk gedacht und gemeint (vgl. d).
β) ähnlich gabe an gott (vergl. DWB dankgabe, opfergabe), wie donum, δῶρον: und die fürsten ... opferten ire gabe fur dem altar. 4 Mos. 7, 10 ff.; opfer und gaben hastu nicht gewolt. Hebr. 10, 5, LXX προσφοράν, vulg. oblationem, vergl. Eph. 5, 2;

du willst ein opfer haben,
hier bring ich meine gaben.
Paul Gerhard (wach auf, mein herz).

an die heiligen, an die kirche (vgl. kirchengabe):

reine opfer will er haben,
früchte, die der herbst beschert,
mit des feldes frommen gaben
wird der heilige verehrt.
Schiller 55b;

verleihst du reuig nicht der hohen kirchenstelle
auch dort den zehnten, zins und gaben und gefälle.
Göthe 41, 296.


γ) urspr. aber auch das was der herr dem diener gibt oder zu geben hat (vgl. d), daher begabte diener, d. h. bei einem herrn im brote stehend Schm. 2, 9.

[Bd. 4, Sp. 1112]



b) was der vater der tochter in die ehe gibt, nl. gave, lat. dos, mitgabe, brautgabe, ehegabe (Steinbach), zgab (Dasypod.), vergl. DWB ausgeben; so Hermanns vater von der wünschenswerten mitgift:

und es behaget so wol, wenn mit dem gewünscheten weibchen
auch in körben und kasten die nützliche gabe hereinkommt.
Göthe 40, 252.

ähnlich mnd. gave dotalitium (morgengabe) Dief. 190c.
c) siegespreis in öffentlichen spielen: bravium, die gab so man dem helden im kampf gibt (vergl. DWB kampfgabe). Junius nom. 230b; gaab, die 'abenthür' (s. 5, 1127 unten) die man in einem spill 'auszgibt', als mit laufen, fächten, schieszen, praemium, certamen. Maaler 153a; die gaab oder abentheür hinnemmen und gwünnen, auferre praemium. ders.; praemium ... die gab des streits. Dasyp. 192a, Schönsleder u. a., noch im 18. jh.: equestri certamine praemium referre, die aufgesetzte gabe davon tragen. Pomey indic. 1720 s. 419. dazu sieggab Henisch, ahd. sigegeba. Belege: so man umb gab schieszen will, d. h. wenn ein schützenfest stattfinden soll. Baaders Nürnb. poliz. 55;

do Alexanders vatter wolt,
das er umb gaben loufen solt (an einem preiswettlaufen theilnehmen).
Brant 77, 42;

ich richt ouch z ein narrenschieszen ...
dar z sint goben ouch bestelt ... 75, 5;

so hett er fry die gob behan (behauptet, erhalten). 75, 29;

freitags den 12. mart. (1596, in Stuttgart) hult man ze hof im schlosz ein fechtschul ... der herzog verkündet inen, es mieszte rot oder blut geben, sunst gelt es nit ... wer den andern blutruns macht (dasz das 'blut rann'), bekam von den richteren ein gob, etlich münchsköpf, schnaphann, auch etlich thaler. Fel. Platter 208, bei den ritterlichen spielen vorher heiszt es nur dank;

die besten gaaben wurden gmacht ...
hundert und zehen gulden grad,
die 'man' auf beide zielstatt 'gab'.
Grob ausreden der schützen, Haupt 3, 243,

die 'besten' gaben, die ersten preise, wie der sieger der beste (mann) hiesz, der erste preis auch das beste (s. 1, 1661 u. Germ. 10, 133 ff.). Noch heiszen in der Schweiz die preise, gewinnste z. b. bei schieszfesten die gaben, und z. b. auf die gaben kommen den nächsten schusz gethan haben der nichts mehr gewinnt Stalder 1, 409; vgl. DWB gabentempel. s. auch kleinod II, 5, und begaben den preis erhalten (ertheilen?) H. Sachs 1, 530b (5, 277 K., s. unten 5, 1698).
d) geschenk.
α) so mhd. die mancherlei geschenke die da gebräuchlich waren, z. b. des herrn an seine mannen (a, γ), der unterthanen an den herren (arm. Heinr. 1420), der festgeber an fahrende leute (Nib. 39, 3); da diese gâbe meist mehr pflichtmäszige waren (vgl. a), erklärt der voc. opt. Wack. 34a donum mit 'vergeben gab', d. i. geschenkte gabe. so das gastgeschenk des wirts beim abschiede, höfisch 'prîsant' genannt, deutsch gâbe, wie die handlung einfach gëben Nib. 1633, 1. 1634, 1 u. o.: xenium, cleinôte vel gâbe fundgr. 1, 379a (vgl. kleinod II, 4), gastgab Dasypodius, Schönsleder:

der wirt dô 'sîne gâbe' bôt über al,
ê die edelen geste kœmen für den sal. Nib. 1632, 1. 1639, 4. 2096, 4. 163, 3;

dô 'gab' in 'sîne gâbe' der wirt von liehtem golde. Gudr. 164, 3.

diesz 'seine gabe' galt auch bei anderm schenken: de koning van Persia sande eme (Karl d. gr.) sîne gâve van golde unde van pellele. Eike v. Repg. zeitb. 251a, lat. munera sua.
β) es ist noch im 16. 17. jh. herschend für geschenk, z. b. wie auch schon mhd., 'gaben und kleinet' (s. kleinod 4, geschenk), 'gaben und schenken' eines buhlers Keisersberg crist. künigin ee 5b; so wirstu und deine söne einen gnedigen könig haben und 'begabet' (werden) mit gold und silber und groszen gaben. 1 Macc. 2, 18; geschenk und gaben verblenden die weisen. Sir. 20, 31; gab des bräutigams an die braut, und umgekehrt, s. Henisch 1327, 45, noch schweiz. besonders hochzeitsgeschenk, deutschungr. morgengabe, vergl. DWB gaben. Sprichw.: gaben beguetigen meniglichen. Zimmer. chron. 4, 253; gaben solt nit alweg glauben. Frank spr. 1, 137b; gaben seind wie der geber. das.; mit gaben macht man die kinder lachen. 2, 170b;

wer gelt und gaben nimpt nicht,
der macht auch niemand sich verpflicht.
Henisch 1329, 42.


γ) jetzt nur noch in gehobner rede, besonders um dem für den empfänger mehr drückenden namen geschenk zu entgehn, ehrengabe,

[Bd. 4, Sp. 1113]


weihnachtsgabe (gern auf büchertiteln), freundesgabe, liebesgabe, gnadengabe u. dgl., sammler zu wolthätigen zwecken bitten um milde gaben, die kleinste gabe werde dankbar angenommen:

und theilte jedem eine gabe,
dem früchte, jenem blumen aus.
Schiller 71b;

o wol dem hochbeglückten haus,
wo das ist kleine gabe.
Göthe 1, 179, ein becher weins als sängerlohn.


δ) früher besonders auch von bestechung, wie lat. donum, 'dona muneraque', gr. δῶρα gleichfalls. so bei Boner, z. b. in der 95. fabel, die von einem rechtsstreite handelt, der durch gâbe entschieden wird:

enphangen (angenommne) gâbe daʒ gebirt,
daʒ dicke unrecht ze rechte wirt. 95, 67;

die (räte) nämen gaben, schenk und miet ...
wer gaben nimbt, der ist nit fry,
schenk nemen macht verretery.
Brant 46, 81. 83;

umb 'gunst und gab' kauft man dʒ recht.
Schwarzenberg 157a;

und (Giges) sei durch 'gift und gab' also zum reich kommen. Mathesius Sar. 161a; die mit gift, miet oder gaben ... zu eim bischofstab kommen. Fischart bien. 1588 44a, bei Marnix 35b met ghiften ofte gaven; schankung, erung, miet oder gabe. Nürnb. poliz. 223, auch altdän. skenk oc gafver Molbech dansk gloss. 1, 225 (vergl. gaben und schenken unter β). es erscheint in diesen u. ä. formeln oft in eiden geschworner beamten u. a., vgl. 'gâbe und liepnisse' Pf. Germ. 6, 59:

mit gaaben musz man sie bestechen.
Weckherlin 117 (ps. 26, 24).

der tod nimpt weder gift noch gab. Henisch 1326, 30. vgl. gabengeiz.
e) gabe gottes (vgl. DWB gottesgabe), auch gabe des himmels, himmlische gabe und kurz gabe (ε).
α) oft in der bibel, z. b.: denn ein iglicher mensch der da isset und trinkt und hat guten mut in aller seiner erbeit, das ist eine gabe gottes. pred. Sal. 3, 13, gottesgabe 5, 18; ein weib das schweigen kan, das ist eine gabe gottes, ein wol gezogen weib ist nicht zubezalen. Sir. 26, 17, das nicht zu bezalen und gabe gottes drücken ungefähr dasselbe aus, ein kleinod von höchstem werte, eine besondere 'gunst des himmels', wie man da jetzt sagt; Jhesus antwortet und sprach zu ir (der Samariterin am brunnen), wenn du erkenntest die gabe gottes, und wer der ist, der zu dir saget 'gib mir trinken', du betest in und er gebe (d. i. gäbe) dir lebendiges wasser. Joh. 4, 10, δωρεὰν τοῦ θεοῦ; der tod ist der sünden sold, aber die gabe gottes ist das ewige leben. Röm. 6, 23; so ist ... gottes gnade und gabe vielen reichlich widerfaren durch Jhesum Christ. 5, 15.
β) daher schon ahd. und mhd.; ahd. z. b. gotes gëba was in imo. Tat. 12, 1, d. i. der heil. geist, s. unter ζ; mhd.:

die selben gotes gâbe
des wâren Êlikônes. Trist. 124, 16,

von der dichtkunst, die freilich da die Kamênen verleihen, vorher 123, 28. 33 kurz gâbe der worte und der sinne. Es fragt sich da, ob der begriff nicht auch schon heidnisch bestand und nur christlich umzukleiden war. die dichtkunst z. b. hiesz, wie eben bei Gottfried, heidnisch giöf Ôðins, Grimnis giöf (Egilsson 246b. 272a), und ebenso erscheint z. b. im Homer der begriff δῶρα θεῶν, auch δῶρον allein z. b. Il. 7, 482, bei Voss:

jeder ruhete dann und empfieng die gabe des schlafes.

auch folg. meinte vielleicht urspr. 'göttergabe': goth. gabei f. reichthum, schätze, ahd. kepî (J. Grimm bei Haupt 5, 234); altn. gæfa glück, segen, vgl. gæfr heilbringend.
γ) der begriff war übrigens manigfaltig. im genauen sinne hiesz alles so, was uns von ohne unser zuthun wird, selbst pest und landplagen: gaeve gods, donum dei, et (auch) pestis vel alia lues a deo immissa. Kilian 121a. auch leibesdicke z. b.: wol meinen etliche, ir haltet me. g. h. (meinen gnäd. herrn, den kurfürsten) darumb für Hans Worst, das er von gottes (dem ir feind seid) gaben stark, fett und volligs leibes ist. Luther 7, 407a. vorzugsweis freilich güter, für das allgemeine wie für den einzelnen: helden sind gottes gab. Henisch 1328;

auch vil sich in ihr grab,
eh dasz sie éine gaab
des tags und lichts genieszen,
in mutterleib beschlieszen.
Weckherlin 387.

[Bd. 4, Sp. 1114]


Daher auch gabe sing. zusammenfassend von allen lebensgütern:

ach herr, dasz ich deine gabe,
welche ich empfunden habe
bisz jetzt von der wiegen an,
nicht genugsam loben kan!
Schuppius (1701) 206.

Im engsten sinne glücksgüter, ungewöhnliches glück u. ä.: gottes gaben machen sicher und faul. Henisch 1328;

ein haus zur lage,
ein mägdlein von guten behagen,
ein pferd von gutem trabe
seind drei gute gabe. das.,

noch mit dem alten starken plur. (vgl. u. f, γ), zu gute gabe gab auch die bibel den anhalt: alle gute gabe und alle volkomene gabe kompt von oben herab. ep. Jac. 1, 17, noch ist sprichwörtlich alle gute gaben kommen von gott. Auch die kinder den eltern: kinder sind eine gabe des herrn, und leibesfrucht ist ein geschenk. ps. 127, 3; da nun die keiserin solche früchte und gab neun monat lang unter irem herzen getragen hatt, kam die zeit ihrer geburt. ...... 1b.
δ) früher hieszen im besonderen geistliche beneficien, pfründen u. ä. so, nach apostelg. 8, 20: quoniam donum dei existimasti pecunia possideri. vulg., τὴν δωρεὰν τοῦ θεοῦ, Luther: das du meintest, gottes gabe werde durch geld erlanget; mhd. bei Walther 33, 5: daʒ man gotes gâbe iht koufe oder verkoufe. ebenso geistlîche gâbe, was die sache gleichsam mehr geschäftlich bezeichnet: geistlîcher gâbe (pl.) köufelære. Renner 4450; wie vil er gülte haben sol von geistlîchen gâben. Schwabensp. 8, 1. Aber auch von weltlichem eigen: item weist man walt und weide vor ein recht gottes gabe der gemeinden zu Albsheim. weisth. 4, 638, zugleich als eine art lehen von gott (als alleroberstem lehnsherrn gedacht), von keinem herrn empfangen; auch das wird in die heidnische zeit zurückgehn, es ist wol ein sonnenlehen (RA. 278, Germ. 1, 63), in dessen begriffe sich altheidnisches und christliches mischten, s. z. b. weisth. 4, 802.
ε) gabe schlechthin für gottes gabe, auch schon biblisch (vgl. homer. δῶρον so unter β): ein tugendsam weib ist ein edle gabe, und wird dem gegeben der gott fürchtet. Sir. 26, 3; und haben mancherlei gaben nach der gnade die uns gegeben ist. Röm. 12, 6; vgl.früchte und gab von einer leibesfrucht unter γ. 'die edle gabe' vom weine bei der weinernde: wir haben auch befunden, dasz ... (unter allerlei verkümmerungen des weinzehnten) solche gesellen ... da sie den zehender gesehen (kommen) und in eil keinen zapfen fürmachen können, sie ausgerissen und die edle gab muthwillig in die erden laufen lassen. würtemb. herbstordn. Stuttg. 1602 s. 24, § 45; das u. ä. ist noch allgemein bräuchlich, nur dasz uns das hinzugedachte gottes jetzt verdunkelt ist.
ζ) gabe des heil. geistes, biblisch: thut busze und lasse sich ein iglicher teufen .. so werdet ir empfahen die gabe des heiligen geists. apost. 2, 38; da Petrus noch diese wort redet, fiel der heilige geist auf alle, die dem wort zuhöreten ... das auch auf die heiden die gabe des heiligen geistes ausgegossen ward. 10, 45, der heil. geist selber als gabe (gottes), der die beredtsamkeit mit sich bringt; (die) hernach am pfingsttag die sichtbarlichen gaben des h. geistes empfangen haben. Schuppius 650. da ist ein plur. daraus gemacht, man sprach in der alten kirche von sieben solcher gaben, z. b. in einer beichte des 14. jh.: das ich gesundet hân .. wider die siben heilchait des christentûms, wider die siben gâb des heiligen geistes. Müll. u. Sch. denkm. 533 (zu dem endungslosen plur. vgl. unter keit 6), vgl. das. 404, Haupt 8, 284. 286 und Diemer 346, 27, wo die sieben freien künste gaben des h. geistes sind.
η) gabe des himmels, himmlische gabe, auch schon biblisch: die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himlische gaben (var. gabe) und teilhaftig worden sind des heiligen geistes. Hebr. 6, 4; das, so mir manglet, ist die reu ... wann ich aber .. meinen neben-menschen so hoch liebte als mein geld, so möchte vielleicht die himmlische gabe der reue auch folgen. Simpl. 3, 10, 28 Kz.; eine gabe des himmels ist disz gefühl (das echte kunstgefühl). es kann weder durch regeln noch durch beispiele mitgetheilt werden. Th. Abbt 1, 37 (zugleich zu f). ähnlich wieder gabe allein:

wie im hellen sonnenblicke
sich ein farbenteppich webt ...
so ist jede schöne gabe
flüchtig wie des blitzes schein.
Schiller 50a.


θ) überhaupt ist seit dem 18. jh. bei gabe ihr geber oft unsicher oder auch gar nicht mehr mit gedacht, oder das glück, geschick, schicksal u. ä. tritt an gottes stelle:

[Bd. 4, Sp. 1115]


verblendte sterbliche! die, bis zum nahen grabe,
geiz (d. h. habgier), ehr und wollust stäts an eitlen hamen hält,
die ihr der kurzen zeit genau gezählte gabe
mit immer neuer sorg und leerer müh vergällt.
Haller (1777) 55,

urspr. stand hier: die vom geschik bestimmte handvoll jahre (1734 s. 19);

das Glück, das seine liebsten gaben
sonst immer für die leute spart,
die von den gütern beszrer art
nicht gar zu viel bekommen haben.
Gellert (1784) 1, 83;

da strömet herbei die unendliche gabe (: habe).
Schillers glocke,

hier ganz gleich gut, besitzthum, 'glücksgüter'; von waaren im 'spaziergang':

andere ziehen frohlockend dort ein mit den gaben der ferne. 76a,

zugleich 'was die ferne gibt';

weist nicht, dasz niemálen kan háben
ein lánd von ihm sélbst jede gáben?
India gibt ebenholz,
ausz Jaba kompt der weirauch ...
Schuppius 740.


f) besondere 'begabung', fähigkeit, vorzug, talent.
α) auch das ist urspr. als 'gottes gabe' gemeint (vergl. unter e, ε Paulus an die Römer 12, 6): gott hat iglichem seine gabe geschenkt, damit (womit) er der christenheit diene. Luther 4, 55b (1556); sprach bäsin 'ä, wär weisz, gott hat im (dem jungen Platter) sine gaben nit verseit, es mag noch ein frommer priester usz im werden'. Th. Platter 14, mit dem plur. mögen eig. die gaben des heil. geistes unter e, ζ gemeint sein; welch ein mann (Leibnitz)! und wie leuchtet überall das menschenfreundliche vortreffliche herz durch, das die erste gabe gottes aller groszen männer ist. Sturz 2, 335.
β) äber auch um 1500 schon als gaben der natur (vgl. natur 'der ander got' Stricker kl. ged. s. 69 var.): sie (die seele) kert sich z gott mit andechtigem gebett, mit allen iren kreften, mit allen iren natürlichen gaben. Keisersberg crist. künigin aa 2b; ein iedes hat sein gab, nutz und vorteil (d. i. vorzug, 'etwas voraus'), was an eim ort abgeht, geht am andern z. klein leut (z. b.) haben grosze herzen, hoch und künstlich sinn (pl.) ... so gar (völlig) laszt die natur nicht (nichts) dahinden. Frank spr. 1, 149b. 150a; gab, die einer von natur hat, dos. Dasyp. 334c, denn die Römer sagten ebenso dotes animi, ingenii u. ä.; die gaben der natur soll niemand tadlen. Henisch 1329, allgemein, auch geringe inbegriffen; er ist von der natur mit herrlichen gaben 'ausgestattet', was an die bed. mitgift erinnert, wie in lat. dotes ingenii u. dgl.
γ) dann wieder gabe kurzweg, mit vergessen eines gebers (vgl. schon mhd. gâbe der worte unter β):

die gab (für gabe, pl., talente) niemand zu eigen hat,
sie sind der kirchen und gemeiner statt.
Henisch 1329;

wo aber du nur deine gabn
wirst wollen angebetet habn ...
so wird man dich im herzen haszn.
Ringwald laut. warh. (1621) 332;

die menge (eurer vorzüge) macht mich arm, ich kan nicht zierden haben,
zu streichen zierlich aus die unzahl eurer gaben.
Logau 3, 146, 54;

dasz oft die allerbesten gaben
die wenigsten bewundrer haben.
Gellert (1784) 1, 86;

und du willst also deine gaben in dir verwittern lassen, dein pfund vergraben? Schiller 108a, räub. 1, 2. man sieht, es galt lange für das heutige (franz.) talent. Auch von sprachen, ländern: wiewol ein iedliche sprach ihre sonderliche gab und genad hat (es ist hauptsächlich die deutsche gemeint), welliche ihr wenig wissen und verstehen. G. Willer im vorworte zu H. Sachsen ged. bd. 1 (1558) ijb, vgl. DWB gnade und gabe bei Paulus u. e, α; dieweil du ausz eines und andern wirts grobheit die gaben in ganz Westphalen abgemessen hast. Schuppius 741, das wird zu 'eigenthümlichkeit' überhaupt; Deutschland ist blind, und manglet ihm an nichts ohn am verstand und rechten brauch der gaben gottes. Henisch 684, 46.
δ) mit bezeichnung der art der gabe: je mehr an innerlichen gaben mangelt, je mehr schmückt man sich euszerlich. Lehman flor. 1, 458; Johanna Grey ... wegen ihrer unaussprechlichen leibes und gemüthes gaben von der ganzen welt beweinet. A. Gryphius 1, 351. mit inf.: einem andern (gibt der heil. geist) die gabe gesund zu machen. 1 Cor. 12, 9, χάρισμα; die gab, kurz und kernhaft zu reden. Zinkgref (1653) 1, vorr. 5b; dasz ein herr zu einem hofprediger annehme einen

[Bd. 4, Sp. 1116]


guten mann, der gute gaben hat ausz einer postill zu predigen. Schuppius 38; wegen ihrer groszen gaben im predigen. 650; die gab wahr zusagen. 744, der ausdruck schlieszt sich oft unmittelbar an die biblische gabe des heiligen geistes an;

ihm schenkte des gesanges gabe,
der lieder süszen mund Apoll.
Schiller, kraniche des Ibykus.

daher begabt, begabung, vgl. DWB naturgabe, DWB geistesgabe, DWB wundergabe, lehrgabe (Henisch 1327, 29), redegabe, rednergabe, dichtergabe u. s. w., auch beobachtungsgabe (Göthe) u. dgl.
ε) eigen von gott selbst, wie 'kräfte':

ér ist bei uns wol auf dem plan (kampfplatz)
mit seinem geist und gaben.
Luther,

wenn nicht gemeint ist 'was er gibt', nach 1 Cor. 12, 1 ff. von den geistlichen gaben ... es sind mancherlei gaben, aber es ist éin geist, vgl. Röm. 12, 6. 11, 29. 2 Tim. 1, 6.
2) Aber auch activisch ('donatio' voc. inc. teut. neben munus, donum), was bisher fast übersehen ist, für gebung, das ungebräuchlich ist (doch ergebung, vergebung). so noch jetzt in wiedergabe, herausgabe, übergabe u. a., ebenso wie zu nehmen -nahme; früher gewiss öfter zu finden.
a) die gabe eines pfennigs, die ein armer mann thut. Olearius pers. baumg. 2, 9. mhd. z. b. Nib. 1644, 2. Walther 19, 22, zu rechter gâbe milde (war er) Herbort 147.
b) so bes. rechtlich, für blosze schenkung, oder rechtskräftige veräuszerung vor gericht (wie geben), auch altfries. jêve Richth. 848a: swilche gâbe der man siht (einer vergebung beiwohnt) .. enwiderredet erʒ zuhant nicht, darnâh enmac ers nicht widerreden (einspruch thun, als verwandter oder sonst). Ssp. II, 6, 4, vgl. I, 34, 2. III, 32, 8, Schwabensp. 24 (eine gâbe tuon). 22. 274, und Haltaus 579 fg. 'donatio tam inter vivos quam per testamentum', auch 'gift und gabe' traditio; ein gut gabesweise vermachen. das.; in weise und in form einer ewigen unwiderruflichen gabe, die man nennet unter den lebendigen. Scherz 461; ein gab bestetigen mit gerichtlichem erkantnus und urtheil. Henisch 1326, 64. vgl. DWB gaben, DWB gabbrief, DWB gabenkarte.
c) auch der begriff recht des gebens, der vergebung stellte sich im rechtsgebrauch ein, so in kirchgabe (s. d.), patronatsrecht, auch kirchengift.
3) früher für 'datum' eines briefes (von dem lat. dare geben): uf den tag, als die gab diss briefs wyst. Tschudi 2, 114a; ein brief von älterer gabe. Heynatz antib. 2, 1 als oberd. noch im 18. jh.; vgl. DWB geben gleich datieren.
 
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gäbe, f. hiatus oris, alem., bezeugt durch folg.; Adam, da er den thieren ihre namen gibt, sagt zum affen u. a.:

von (in folge) diner wundergäb und zierd
wirst hessig sin und allwäg gfierd (s. geviert).
Jac. Ruff Ad. u. Heva 835.

dazu ein adj., bei Maaler: wundergäbig, der sich ring oder leichtlich ab neüwen dingen verwundert, mirator. 508a, d. h. der vor verwunderung 'das maul aufsperrt'. zu ahd. gëwôn hiare, mhd. nhd. gewen (s. d.), auch geben hiare, gebunge hiatus Dief. nov. gl. 203a; letzteres hier in älterer bildung, es wäre mhd. gewe, das als m. bezeugt ist (pass. K. 197, 25), vgl. DWB gewe Lexer 1, 979.
 
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gäbe, adj. verbale zu geben, wie genehm, mhd. genæme, zu nehmen, mit dem ablaut des praet. plur. und ursprünglichem i nach dem stamme (s. Grimm gesch. d. d. spr. 851), mhd. gæbe, ein ahd. gâbi nicht belegt; mnd. nnd. fries. nrh. geve (altfr. auch jeve), westf. geiwe, nl. gheve, gheef (Kil.) und gaave, gaaf, auch altn. gæfr, dän. gjäv, gjev, norw. gjäv, schwed. dial. gäver, gäv, s. Rietz 195a, beweis genug für hohes alter. s. auch gäbig 2.
1) gæbe war eig. was gegeben wird, sich geben läszt (urspr. aber vielleicht auch activisch, s. 3, d).
a) besonders und vielleicht zuerst von gelde das als gut von hand zu hand geht ('dativus' in lat. urkunden), das man ausgeben kann.
α) von münzen galt nämlich geben und nemen formelhaft (wie ähnlich kaufen und verkaufen 5, 326, zur bezeichnung des geschäfts von beiden seiten): sollen die kleinen schillinger .. zu fünf pfenningen 'gegeben und genomen' werden. Nürnb. poliz. 148; wer .. einicherlei anderer silberin münz .. wissentlich 'neme oder gebe', das.; münz die .. zu geben und zu nemen erlaubt ist. das., sodasz auch genehm im geschäftsleben wurzeln mag.
β) selten übrigens, wenigstens nhd. mhd., gäbe allein: umbe 30 pfund pf. geber münze. Scherz 481; 5 pfund gäber Augsburger pfenninge. Augsb. urk. v. 1328 (Birl. 175b); ungêbe

[Bd. 4, Sp. 1117]


pfenninge. Freiberger stadtr. b. Schott 3, 267. nd. gêwe, was allgemein gegeben wird Schamb. 63a.
γ) meist mit einem andern worte gesellt, formelhaft: hundert pfunt pfenning, alleʒ 'gäber und guter' Münicher pfenning. mon. boica 5, 487; die pfenninge sol man ouch nemmen vür gt und gebe. Straszb. chron. 997, 23; münz .. die .. in unser stat gankhaftig und gebe ist. Nürnb. poliz. 149, man bemerke den stabreim durchgehends. zugleich mit ablaut 'gibe und gæbe', im 14. jh.: zwanzig schilling pfenning, di da gib und gäb sind. Schmeller 2, 13, vgl. gibig. am häufigsten gänge und gäbe, auch schon mhd.: ain Kostenzer pfenninch, der denne genge und gæbe ist. Mones zeitschr. 4, 49, v. j. 1289; zwainzig phunt phenninge der münze, die ze Schönouwe genge und gebe ist. weisth. 4, 503; darausz sich findet, dasz die schiffmünze .. musz genge und gebe gewesen sein. Mathesius Sar. 163b; 5 lb. Straszburger pfenninge genger, guter und geber. Scherz 482, mit dreifachem stabreime. nrh.: mit allerlei gelde (so l.), dat in dem lande genge ind geve is. Harf pilg. 260, 14. s. mehr u. gänge.
b) auch von waaren, in demselben sinne wie sie kaufmannsgut hieszen oder im anschlusz an die formel unter a, α kaufnähme, neben dem es gewisz auch kaufgäbe gab (geben schlechthin hiesz auch verkaufen, vgl. gabkauf): nu gêt zûn goltschmidin und versûchit daʒ golt und daʒ goltgesteine, ob iʒ 'gût und gêbe' sî. Leysers pred. 78, 29; nemlich das ein iglicher (landfleischer) tüchtig, gebe und unwandelbar (tadelfreies) fleisch herein bringe. ordn. der stadt Leipzig 1544 G iijb. altcölnisch: haistu ungeve dink verkoicht (verkauft) vor geve. spieg. d. seele Fromm. 2, 437a. so noch ostfries. gäve von waaren Stürenb. 65a, nd. ungeve, ungiftig, untauglich zum verkaufen Brem. wb. 2, 506.
c) das hiesz hübsch auch 'freundgäbe', gäbe unter freunden, wie 'unter brüdern': eʒ ist auch gesetzet, daʒ kain mentler niht mache wandelbar gewant, ern habe eʒ so frntgebe gemachet als er durch reht sol. Nürnb. pol. 161. s. auch bei Scherz 445 (vgl. u. kühn II, 1, c).
2) Dann allgemein gut, annehmbar, wie ein ding sein soll, vortrefflich, ohne zweifel aus der vorigen bed. entwickelt; vgl. mhd. gæbelich angenehm, erwünscht. Lexer 1, 721, noch norw. gjäveleg Aasen2 224a.
a) so von sachen mhd. und länger, wenigstens lebt noch in Mähren (Iglau) gâwe tauglich, passend Fromm. 5, 462. von einer kelter, im Mosellande: alsdan sall der lehnman hie finden (zur weinernde) zween gever kelter, gnugsam gerust mit seinem zubehöre. weisth. 3, 808 (doch ein gehebe kelter 2, 383). ostfries. gäve kernig, gesund, ächt, nl. gaeve integer Kil., nnl. gern 'gansch en gaaf', frisch und gesund. der voc. th. 1482 erklärt: gebe, schon (schön), sewberlich, stolz, waidelich, wolgestalt, pulcher, curialis (höfisch), speciosus, formosus u. s. w. k iijb.
b) auch von menschen; das ist schon in der angabe des voc. 1482 offenbar mit enthalten, und noch jetzt schwäb. ungäbe, unfügsam, ungeschickt, ein ungäber mensch (Ulm) Schmid 6; s. auch u. c und gäbig 2, umgänglich. Man sieht, da ist wieder einmal von einem schönen worte nur ein dürftiges stück bis in die schriftsprache, namentlich die neuere, gekommen.
c) besonders entwickelt ist es im scand. norden. altn. gæfr ward auch mit dat. der pers. verbunden (Egilsson 228a), völlig gleich 'angenehm' (d. i. gern angenommen), erwünscht. dän. gjev ist noch brav, bieder, früher auch ausgezeichnet, vornehm, mundartl. tüchtig zur arbeit u. ä.; in schwed. mundarten auch hübsch, schön (wie im voc. 1482 vorhin), z. b. en gäv däka, ein hübsches mädchen Rietz 195a, aber auch einbildisch, stolz das. (vgl. DWB stolz im voc. 1482?); norw. kostbar, wertvoll, vortrefflich.
3) Im norw. auch activische bed., besonders erwähnenswert, da sie der vorzeit überhaupt zuzutrauen ist: gjäv, gavmild, som gjerne vil give. Aasen norsk ordbog (1871) 224a, freigebig, mildthätig, vgl. isl. gæfr sanft, milde. Biörn 1, 316b. vgl. gäbig 1 so, das doch zu gabe gehören wird.
 
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gabebrief, s. gabbrief.
 
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gabel, f. furca.
I. Formen, verwandtschaft.
1) Formen und verbreitung.
a) ahd. gabala, kabala, kapala (auch capula, gabila u. a.), stark und schwach, furca, furcilla, tridens, s. Graff 4, 127, auch gabal Dief. 596a; vgl. Kapalpach als ortsname Förstem. 2, 868 (be Ilmenau ein Gabelbach). mhd. gabele, gabel, gleichfalls sowol stark als schwach, s. Lexer 1, 721; vgl. nrh. gafele unter b, gabele 15. jh. Dief. 596a. Noch im 15. jahrh. auch kappel furca Mones anz. 8, 251b, alem. (vgl. das. chrukch tractula, d. i. krücke), gappellen pl. Haupt 5, 67,

[Bd. 4, Sp. 1118]


und noch mundartlich, in Ungarn gâpel Schröer 52b; vgl. DWB knabe und DWB knappe, rippe und riebe, s. dazu 5, 1342.
b) nd. und nl. gaffel f. (vgl. DWB gaffel an seiner stelle für sich), mnd. gaffele tridens Dief. 596a, bidens 73b, furca 252c, gavel 253a; nrh. gafele Fromm. 2, 434b. Auch md. spuren davon, in der Zips gaffel Schröer 52b, schon in ahd. zeit am Mittelrhein mistgaffela tridens Germ. 9, 25. Im nnd. auch gäffel, auf der dreschtenne in gebrauch, s. Danneil 60a (untersch. von gâwl tischgabel 62a, hd. entlehnung, s. II, 2), geffel und giffel, zweizinkige holzgabel Schamb. 64a, vielleicht ablaut, vgl. 3, c, γ, zu gäffel vgl. hd. gebel u. II, 2, b, auch in nordital. sprachinseln gäbl Zingerle lusern. wb. 31b.
c) ags. gafol masc., gaflas pl., furcae, patibulum Ettm. 408; engl. dial. gaffle mistgabel (sonst fork, dung-fork) Halliw. 388b. altn. nicht vorhanden, aber schwed. gaffel, masc., dän. gaffel; isl. gaffall m. furca, furcula Biörn 1, 264b, soll aber neu sein, entlehnt, nur von der tischgabel und nur in vornehmen häusern (vgl. II, 2).
2) Auswärtige verwandtschaft.
a) nur entlehnt im nordosten, lapp. gaffel, finn. gaffeli, kaffeli, aus dem hd. esthn. kahwel, lett. gappeles pl., während litt. kablys m. zugleich heimischen anhalt hat (kabẽ heft, haken, u. a.), auch in der bed. etwas ausweicht, krumme gabel, misthaken (Diefenbach goth. wb. 2, 402).
b) wichtig aber ist keltischer anklang (s. Diefenbach a. a. o., auch Celt. 1, 137): altcorn. gevel (in gevelhoern, d. i. eiserne zange, als lichtzange), kymr. gebel, gefail zange Zeusz2 818. 1078, ir. gabul furca, gabhla schere; gael. gabhal gabel, gabelast, welsch gafl, mit reicher einheimischer entwickelung und verwandtschaft (s. Dief. a. a. o.).
c) endlich auch lat., wieder ohne lautverschiebung, gabalus bei Varro, galgen, d. h. in gabelform (Y), wie furca gabel und galgen ist; mlat. gabalus; gabala u. a. auch gabel.
3) In dem worte ist ein wichtiges stück von der vorgeschichte der europ. cultur geborgen; hier nur versuchsweise einige winke.
a) sieht man auf die sache, so zeigt sich nahe beziehung zwischen gabel und zange, die letztere ist wie eine gabel deren zinken beweglich gemacht sind (wie an der schere weiter schneidend statt nur greifend). so begreift sich dasz kelt. beide mit éinem stamme benannt sind, und auch der anklang von lat. furca gabel und forceps zange (forfex schere, vgl. forpex zange) wird darnach kein zufall sein, hieszen doch die scheren des krebses wie forcipes auch furcae. eigen dasz bei uns von diesem natürlichen verhältnisz sich sprachlich nichts zeigt, nur dasz ahd. furca (poenalis) einmal mit zanga (wîʒlîch) erklärt wird Graff 5, 679. die gabel wiederum, die man sich urspr. nur zweizinkig zu denken hat, ist wie ein verdoppelter spiesz oder haken (vgl. u. c, α), wobei nicht zu übersehen, dasz noch an unserer heugabel und mistgabel wie an der schüttegabel (s. II, 1,) die zinken nicht gerade, sondern etwas gekrümmt sind. die urbed. des stammwortes scheint haken.
b) ein in dieser entwickelung der nötigsten hauswerkzeuge einmal gewonnener fortschritt verpflanzt sich rasch und geht nicht wieder verloren. so legt die übereinstimmung unseres mit dem kelt. worte bei mangelnder lautverschiebung den gedanken nahe, dasz die Germanen die gabel von den Kelten, ihren verfahren im lande, übernahmen (die zange nicht, sie müszte also später entdeckt sein, hier und dort); doch s. u. c. Merkwürdig ist dabei, dasz neben gabel bei seinem hohen alter das lat. rom. wort sich bei uns stark geltend machte, s. DWB forke 3, 1897, bes. furke 41, 756 (auch furkel), von der Schweiz und Schwaben an das Rheinland breit genommen hinunter bis ins Niederland und Norddeutschland, und selbst nach Scandinavien, wie nach England (schon ags.), und zwar von der einfachsten wirtschaftsgabel, der heugabel, mistgabel. selbst östlich der Elbe, in der Altmark heiszen beide vielmehr fork Danneil 55b, während doch im östl. mitteldeutsch nur gabel gilt; auch dän. fork von jenen, gaffel nur von der späteren tischgabel. und doch besteht eben in der Altmark auch noch gäffel, gabel zum wenden der garben, aber noch von holz, wie ostfries. gaffel, neben förke mistgabel, heugabel von eisen Stürenb. 65a. 59a (vgl. altrhein. mistgaffela unter 1, b, auch engl. gaffle und fork u. 1, c); s. auch aus Brockes unter gaffel 1 am ende. Da bleibt denn eine einfluszreiche culturbewegung im einfachsten wirtschaftswesen von westen her zu finden, die hauptsache scheint der gebrauch des eisens zu jenen gabeln, der von dort gekommen sein wird.
c) unser gabel hat aber auch bedeutsamen heimischen anhalt.
α) wichtig vor allem wäre, wenn echt und alt, mistgab tridens Dief. 596a, 15. jh., denn -el ist weiterbildende zuthat. wirklich gibt es engl. dial. gaff an iron hoe or hook Hall. 388b, also karst

[Bd. 4, Sp. 1119]


(zweizinkig) oder haken, altengl. gaffe ders.; auch franz. gaffe f., stange mit zweizinkigem haken, bootshaken und fischergabel (s. II, 1, e), und kelt. gaf u. ä., haken, speer (s. Dief.), zum letztern vgl. ags. gafoluc speer, altn. gaflak u. s. w. (s. Dief., Diez 1, 214) und dazu II, 1, e; engl. auch gaffs pl. sporen von kampfhähnen Hall., sonst gaffle; gaft aalgabel ders.; auch die nd. gaffel auf schiffen, segelbaum, heiszt engl. gaff. also das einfache mutterwort zu gabel, wieder mit dem kelt. stimmend, und zum theil noch mit der bed. einfacher haken (s. a zuletzt).
β) merkw. ahd. gabulhrand, gabolrind circinus Graff 2, 531, vgl. Germ. 8, 388. 399, Schilter 3, 339b (ags.), also zirkel (der bauhandwerker u. ä.), nach seiner gabelform bezeichnet; ags. aber gafolrand pyxis nautica Ettm. 408, während gafolrôd radius auch auf den zirkel weist.
γ) wichtig ist auch die nähe von giebel. denn altn. ist gafl n. selbst der giebel des hauses, dessen bildende balken ja gern in einer gabel ausgehn (mit der zusammen sie einer aufgespannten zange gleichen), und selbst bei uns findet sich gabel für giebel, s. II, 6, vgl. umgekehrt nd. giffel gabel vorhin 1, b. auch lat. furca hiesz der träger des giebels, furcas subiere columnae Ov. met. 8, 700.
II. Gebrauch und bedeutung.
1) grosze gabel (franz. fourche).
a) bes. in der landwirtschaft mistgabel, heugabel, korngabel (nd. aber forke, wie dän. engl. fork, auch b. Dasyp. furke):

daʒ houwe er zesamene rechete ...
und die gabeln darîn sluoc.
Albertus st. Ulrich 1518;

nu giengen sî zestunde
mit gabelen und mit rechen
und begunden vürder brechen
daʒ unkrût und den mist.
Hartmann Greg. 3557;

so ich ein wenig (pferdemist) auf die gabel hauf. fastn. sp. 563, 30;

dan folgen andre nach, die es (das heu) mit gablen krumb
und mit der rechen stihl zuströwen.
Weckherlin 765;

schnell verwandelte sich des feldbaus friedliche rüstung
nun in wehre, da troff von blute gabel und sense.
Göthe 40, 293,

als bauernwaffe schon MSH. 3, 266a (Haupts Neidh. 228, 59), das. 306a gabel und spieʒ in éiner hand als eins; ein misthaufen mit der gabel geflochten ziert das ganze gut. erzgebirg. sprichwort (Spiesz s. 62).
b) eine solche gabel als reitpferd der hexen (vgl.gabelreuter, gabelhure): auf der gabel reiten, furca vehi, per auras ferri. Schönsleder 51b;

schätz graben, fahren auf der gabel.
H. Sachs 4, 3, 32d;

kumm her pfaff, mir die gabel schmir,
dasz ich darauf könn in dich fahrn.
Ayrer fastn. 65a (besess. bäurin).


c) auch ofengabel, feuergabel, von eisen, dann eiserne fleischgabel 3, 1754 (gleich kräuel, in der küche), gablen voc. inc. t. (Dief. 254a), in meiner ausg. goblen, fustiuula (l. fuscinula) ut solent habere coci. h 1a, vgl. 2, b.
d) dagegen ganz von holz, also am alterthümlichsten, aber auch mit vorn gekrümmten zinken, die schüttegabel (so sächs.), beim dreschen, ebenso streugabel (furcilla Dief. 253a), die auch nd. gaffel heiszen (vergl. Fromm. 6, 208), während die mit eisernen zinken da den lat. namen tragen (vgl. DWB gaffel), s. I, 3, b.
e) zum fischfange fischgabel, bes. aalgabel oder tristachel, eine dreizackige gabel mit wiederhaken an einer stange .. zum stoszen (anstechen) der aale. Heppe jagdl. 3, 334. auch ottergabel anz. d. germ. mus. 1868 223, hier aber als waffe, in einem fürstl. inventar d. 16. jh., vgl. DWB gabel als bauernspiesz u. a und dazu gafoluc speer u. I, c, α, auch ger (spiesz) als fischergabel. ähnlich vom 'dreizack' Plutos:

Plutos verderbende gabel.
Fr. Müller 2, 289.


f) während die ältesten gabeln zweizinkig zu denken sind, werden doch früh auch dreizinkige erwähnt: creagra, nd. en gripe vel en gaffele mit dren tacken, hd. gabel mit drei zinken Dief. 155c (auch mistgabel das., sonst fleischgabel); tridens, dreizenig gabel (auch mistgabel). 596a, vgl. das sprichw. unter gabelstich. schon ahd. tridens kabala, mistcapula, für die letztere aber auch bidens Graff 4, 127, wie bidens gabel Dief. 73b. im bergbau selbst mit sieben zinken, seifengabel, s. Veith 441.
2) die tischgabel (nd. nl. gleichfalls vielmehr forke, vork).
a) sie ist erst nach dem mittelalter in gebrauch gekommen, bei uns erst im 16. jh.: sein messer und gabel auflegen. Schweinichen 3, 116; zu solcher neuen haushaltung hatten wir beide keinen andern hausraht als eine axt, einen leffel, drei messer,

[Bd. 4, Sp. 1120]


eine piron (ital., s. u. b) oder gabel und eine scheer. Simpl. 2, 224 Kz. (6, 19); so wollte ihr auch messer, gabel und löffel niemal nach ihrem sinn recht liegen. 4, 63. formelhaft messer und gabeln (Ludwig 682), messer und gabel, nicht umgekehrt. das ital. wort gilt noch z. b. in Luserna in Tirol, pêrun tischgabel (gabl aber mistgabel) Zingerle 31b, wie 'cimbr.' pirûn m., venet. pirone Schmeller 154b.
b) ausgegangen ist sie von der fleischgabel in der küche (1, c), die selbst schon klein waren in vergleich mit den alten gabeln im hause: fuscinula, clein gebell, ut solent habere coci. Dief. nov. gl. xviii, 15. jh. (gebell wol für gebelle, gäbellein); 'gäbelin .. damit man das fleisch aus dem kessel oder schüssel langet, fleischgäbelein ... nos peron vocamus. Eob.' Henisch 1329, 62, noch mit vermischung der küchen- und tischgabel. Letztere erscheint so anfangs als demin., wie sie noch franz. fourchette heiszt im unterschied von fourche heugabel u. dgl.: gäbelin zu tisch, furcilla, (it.) pirone, forcetta. Megiser dict. quatuor lingu. Graz 1592 E 3b. vgl. gäbeleinschmid. noch im öcon. lex. Lpz. 1731 erscheint die deutsche tischgabel der fleischgabel in der küche ähnlicher als unserer heutigen: diese gabeln sein entweder, wie am gewöhnlichsten, zweispitzig, grosz und stark, wie die zum tranchiren dienliche (pl.), oder auf französische art zugerichtet, drei ja vierspitzig, derer man sich zum salat und den übrigen speisen insgemein bedienet (nicht zum fleische blosz, wie jene). sp. 748.
c) bemerkenswert ist, dasz sie noch jetzt wol nicht überall durchgedrungen ist; noch Immermanns westf. bauern (Münchh. 5. buch 7. cap.) essen ohne gabeln, auf Island sind sie noch eig. ungebräuchlich, wie mir Vigfússon sagte, Biörns gaffall (I, c) ist eig. dänisch, und diesz, wie schwed. gaffel nicht nd., sondern hd. entlehnung.
3) von allerhand ähnlichen dingen.
a) gewachsene gabel von holz u. ä.
α) gabelförmiger ast oder zweig, auch zwiesel (von den zwei armen), s. z. b. eichengabel, noch am baume. auch botanisch, cirrus. ähnlich gablen pl. an weinreben, s. Maaler, Rädlein und gäbelein 2.
β) dann bes. ein solches gabelstück im gebrauch des lebens, als stütze (lat. furca, cervus), z. b. für die musketen alter zeit, für schwere fahnen (s. DWB gabelmann), für jagdnetze (jegergabel Dief. s. v. amis, netzgabel Henisch), für geländer (auch furkel), in booten als unterlage und halt der ruder; auch zum heben (vergl.hebegabel); weidm. zum niederdrücken eines gefangnen wilden thiers am halse; beim vogelfange, ein birkenreis, finken aufs stechen zu fangen, mhd. vogelgabel hamus. s. auch DWB furkel.
γ) dasz diesz nicht die ursprüngliche bed. ist, sondern erst nach der unter 1 entstanden, ist an sich notwendig, da man die dinge nur nach ihrem gebrauch nannte und zu nennen anlasz hatte. daher auch das fremdwort furkel, das mit fremdem jagdgebrauch u. ä. ins land kam.
b) die deichsel eines einspänners. auch sonst ähnliche einfassende werkzeuge und werkstücke in mancherlei gewerken. bei Henisch kelterscheer, furca s. cornua praeli.
c) das hirschgeweih, wenn die stange nur ein ende trägt, vgl. DWB gabeler; auch die beiden obersten enden des geweihs. vgl. DWB forkel 1 und forkeln.
d) gabelförmiger knochen, so beim geflügel an der brust. ähnlich wol am menschen: die lacerti (muskeln), die das haupt bewegen, seind zweier hand. etlich bewegen daʒ haupt on die anderen und haben iren ursprung hinder den oren, bitz sie kummen z der gabelen. Gersdorf 3.
e) gabelähnlicher winkel. so am pferdehufe der leere raum, den der strahl einnimmt. auf dächern die stelle wo das dach eines kappfensters mit dem übrigen dache zusammenstöszt.
f) im bergbau, ein gang macht eine gabel oder 'gabelt sich', geht in zwei trümmer auseinander.
g) im schachspiele, in die gabel ziehen Lessing Nath. 2, 1, wo königin oder läufer nach zwei richtungen wirkt.
h) im volkshumor die zum schwur aufgereckten finger: einen auf die gabel nehmen, gegen ihn schwören, vor gericht. Auerbach dorfg. 1, 118 (1848); vgl. linkgabel unter falsch 5. dazu bair. gabeln schwören, beschwören. tir. Adamsgabel von ausgestreckten zwei fingern überhaupt (wie böhmischer kamm). Frommann 5, 340, vgl. gäbelein 3. volksmäszig auch die fünfzinkige gabel, die ausgespreizten finger einer hand.
i) tir. einschnitt auf dem schieszrohre zum zielen, daher auf die gabel nehmen, aufs korn, scharf beobachten (auch schweiz. Tobler 209a). daselbst im gebirge zweitheilige felsenspitze mit scharfem einschnitte, vgl. in den Algäuer alpen die Mädelergabel.

[Bd. 4, Sp. 1121]



4) Dasyp. gibt auch gable, galgen, creuz, crux, in vocc. des 15. jahrh. gabula, gabel oder galg Dief. 255a; wie lat. furca, 'gabalus' (s. I, 2, c). so war ags. gaflas pl. auch patibulum. vgl. DWB gabelträger.
5) schweiz. gabele f., tragreff in form einer doppelten gabel, zur form s. DWB I, 1, a.
6) ortogonium, gabel. gemma gemmarum Straszb. 1518 u. a. (Dief. 401c), wie in der Cölner gemma gaffel, d. i. giebel; also oberrh.? mrh. gobel bei Dief. vgl. I am ende.
7) eigen ohrgabel, ohrwurm, s. DWB gabellang.
8) bildlich 'zwo gabeln', bei Luther: das er sich gebe in ire zwo gabeln und mordstiche (s. Dietz 2, 2b), ein gefährliches dilemma in form einer vorgelegten frage, s. DWB gabelicht 2.
 
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gabelanker, m. kleiner anker, zur unterstützung eines gröszern ausgeworfen, dän. gaffelanker. in der baukunst anker in gabelform, schlieszanker, schlauder. Adelung.
 
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gabelast, m. ast der in eine gabel ausgeht. Campe.