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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
entringen bis entrudern (Bd. 3, Sp. 587 bis 589)
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[Bd. 3, Sp. 587]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) entringen, extorquere, entwinden, nnl. ontwringen: einem die waffen, das geheimnis entringen; sich entringen, loswinden:

in dieser blende flimmte schwermuthsvoll
die heilge lampe, wann der chorgesang
der jungfraun durch die mitternacht erscholl,
und sich ihr herz dem weltgefühl entrang.
Matthisson 89.


 
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entrinken, effibulare, aufschnallen. voc. theut. 1482 g 4b. Diefenbach 196a.
 
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entrinnen , effluere, effugere, evadere, elabi, ahd. intrinnan (Graff 1, 515), mhd. entrinnen, das goth. andrinnan ist aber gegeneinander laufen, undrinnan zufallen, zuflieszen.
1) vom wasser:

ihm (dem gehölz) entrinnt ein quell.
Voss;

ein zäher dem andern nit entran.
Uhland 148;

schau die wässer seind entrunnen.
Spee trutzn. 230;

dasz kaum eine thräne der andern entrinnen konnt. Simpl. 2, 397;

da entrannest du, tropfen, der hand des allmächtigen.
Klopstock 1, 137.


2) die zeit entrinnt, flieszt dahin; die jahre, die tage entrinnen;

wie schnell die stunden uns entrinnen.
Gotter 1, 400;

der laut entrann.
Schiller ...;

dann erwach ich bebend, und ersticke
noch den seufzer, der mir schon entrann. Lotte bei Werthers grabe 1775.


3) vom pfeil:

nur jetzt noch halte fest, du treuer strang,
der mir so oft den herben pfeil beflügelt,
entränn er jetzo kraftlos meinen händen,
ich habe keinen zweiten zu versenden.
Schiller 544b.


4) allerhäufigst vom entgehen durch die flucht, sinnlich und abstract: aus den henden entrinnen, fugere e manibus. Maaler 105a; er wirt den streichen nit entrinnen, non feret quin vapulet; dem bettel entrinnen, emergere ex mendicitate; im selbs entrinnen, abkommen (von sich kommen), nit bei sinnen sein. 105b; sie (die katze) laszt die maus wol vor ir ein weglin anhin laufen, und wenn sie sorg hat, sie wöll ir entrinnen, alsbald tut sie einen grif nach ir. Keisersberg pred. 4a; wem gott gibt, das er denen und dergleichen verfarlicheiten entrinnet, das ist ein grosze gab, sie ist aber selten. selenparad. 144a;

entrinst du mir, so hastu glück.
Schwarzenberg 123, 1;

da kam einer der entrunnen war, und sagets Abram an. 1 Mos. 14, 13; so Esau kompt auf das eine her, und schlegt es, so wird das ubrige entrinnen. 32, 8; und schlugen sie bis das niemand unter inen uberbleib, noch entrinnen kunde. Jos. 8, 22; David aber floh und entran dieselbige nacht. 1 Sam. 19, 10; greift die propheten Baal, das ir keiner entrinne. 1 kön. 18, 40; so ziehet nu hin, die ir dem schwert entrunnen seid. Jer. 51, 50; ir ottergezüchte, wer hat denn euch geweiset, das ir dem künftigen zorn entrinnen werdet? Matth. 3, 7; ir schlangen, ir otterngezüchte, wie wolt ir der hellischen verdamnis entrinnen? ahd. berd natrônô, wio fliohèt ir fon duome helliwîʒes? Matth. 23, 33; denkestu aber, o mensch, das du dem urteil gottes entrinnen werdest? Röm. 2, 3; und ich ward in einem korbe zum fenster aus durch die maure nider gelassen und entran aus seinen henden (goth. jah unþaþlauh handuns is). 2 Cor. 11, 33; des schwerts scherfe entrunnen. Ebr. 11, 34; diejenigen, die recht entrunnen (durch die taufe). Luther 6, 86a; nu ist er dem fleisch entrunnen, der welt und dem teufel zu hoch gefaren, das in nimer fahen und würgen, noch sonst schaden können. 6, 241a; als sie nun aus groszer gefahr entrunnen. Forer fischbuch 100b;

ich hoff ich sei der hellen entrunnen.
Alberus 36b;

so müsten wir des lands entrinnen.
H. Sachs III. 2, 67d,

wo des lands nicht steht für dem lande, sondern ausdrückt durch das land, aus dem lande; und entrunne (für entrann) der leibeigene der todesgefahr. pers. baumg. 4, 15;

die noch bisher entrunnen seiner wut.
Weckherlin 41;

ein mädchen läszt sich nicht so leicht gewinnen,
und wenn es halb gewonnen ist,
so sucht es doch mit angeborner list
zu fliehn und dem bekenntnis zu entrinnen.
Rost schäfererz. 11;

die grosze welt berauschte nur die sinnen
und liesz gehirn und herz mir leer.
die prahlerin! was lehrt sie mehr,
als muth ihr selber zu entrinnen?
Gökingk 3, 6;

[Bd. 3, Sp. 588]



aus deren arm muthwillig du entronnst (: sonst). dessen lieder zweier liebenden 152;

o dasz nur jene (dryaden) dem todesverhängnis entrönnen, die segnend
einst an der Limmat und Sihl Geszner dem enkel erzog.
Matthisson 271;

getrost, ich werde der kühnheit
und der list auch jetzt nicht vergessen, durch die ich aus manchen
gröszren gefahren entronnen, worein ich öfters gerathen.
Göthe 40, 214;

aber soll es nicht sein, dasz je wir aus diesen gefahren
glücklich entronnen uns einst mit freuden wieder umfangen,
o so erhalte mein schwebendes bild vor deinen gedanken. 40, 336;

was willst du, Faust, auf diesen bergeszinnen?
den nebeln und den zweifeln dort entrinnen?
des abgrunds nebel werden nach dir schleichen,
auch dort dir zweifel an die stirne streichen.
Lenau Faust 7.

man gebrauchte das part. entronnen von dem was weggekommen war und wieder gefunden ist, in welchem sinne wir auch verloren (der verlorne sohn) sagen: die entrunnene zwei erste büchlein meiner oden und gesängen hab ich wider übersehen und alhie mit ihren andern älteren und jüngeren geschwistrigten gesellet. Weckherlin vorr. zu den weltl. ged. Maaler 105b hat entrunnen elapsus, salvus.
 
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entrollen , nnl. ontrollen,
1) intr. volvendo elabi, aufugere, hinabrollen, sich aufrollen:

hurtig hinab mit gepolter entrollte der tückische marmor. Od. 11, 598;

jahrhundert der freiheit,
donner entrollen deinem fusztritt!
Stolberg 1, 95;

zeichnet mit thaten die schwindenden gleise
unserer flüchtig entrollenden zeit.
Salis 13;

und die der schneeichten stirne noch jüngst entrollenden locken.
Voss;

schone, du mägdlein,
deines entrollenden haars (sed parce solutis crinibus), schone der wängelein doch!
Voss Tibull 1, 1, 68;

was der balsamstaud entrollt,
heilet nicht wie minnesold.
Bürger 17a;

wenn eitler hitze voll mir thränen oft entrollten.
Cronegk;

und aus augen, welchen thränen
nie entrollten, weint der schmerz.
Matthisson ...;

dasz ihrem aug im trauerspiel
jüngst heimlich eine thrän entrollte.
Gökingk 3, 271;

oft sah ich dir thränen entrollen,
wann ich thränen vergosz.
Voss.


2) trans. evolvere, pandere, explicare, dérouler:

stein auch, schmetternder last, entrollten sie.
Voss;

und ach, entrollst du gar ein würdig pergamen,
so steigt der ganze himmel zu dir nieder.
Göthe 12, 60;

den entrollten lügenfahnen folgen alle. ...;

nie hat der gott der zeiten,
der unschuld ewig hold,
das buch der möglichkeiten
vor ihrem blick entrollt.
Matthisson 26;

hätt ihnen wissenschaft ihr groszes buch entrollt.
Gotter 1, 137;

kein sterblicher entrollte je die decke der zukunft. 2, 52;

ein geist, ein gott erhebt es sich (das flügelpferd),
entrollt mit einemmal in sturmeswehn
der schwingen pracht, schieszt brausend himmelan.
Schiller 99a.


3) sich entrollen, mit der bedeutung des intransitivs: das tuch entrollte sich in der luft und bedeckte, wie es niederfiel, eine gröszere oder geringere anzahl menschen. Göthe 24, 321.
 
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entrosten, rubigine liberare, des rosts entledigen.
 
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entrostigen, dasselbe. figürlich: der kälen (kehle) zu lieb, die zu uben und zu entrostigen, ein gut gesetzlin bergreien, Bremberger, villanellen und winnenbergische reuterliedlein zu singen, zu gurgelen und im hals nachtigallisch zu dichten und zu uberwerfen. Garg. 175b. man sagt noch heute: des sängers stimme ist rostig geworden, eingerostet.
 
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entröthen, sich, erubescere, erröthen, sich schämen:

der sonne gold, für der sich stern entröthen.
Lohenst. Ibrah. 69, 557;

vor den granaten musz zinnober sich entröthen. Hyae. 38;

Antonia war hierüber entröthet, versetzte aber alsofort. Lohenst. Arm. 1, 391;

ich musz mich ja entröthen,
wenn mir, Stratonica, dein englische gestalt
kommt in gedanken vor.
Hallmann Antiochus 3;

du heilger vater pabst darfst dich auch nicht entröthen,
hat deines sohnes rock gleich einen blutgen fleck.
Wiedemann jan. 16;

[Bd. 3, Sp. 589]


Eckarth entröthete sich darüber, sagende, wie komm ich zu der hohen unverdienten kaiserlichen gnade? Ettners med. maulaffe 514; überreichte denen beiden jungen herren ihre briefe, welche, als sie jeder einen von seiner geliebten ersahen, entrötheten sie sich gänzlich im gesicht. unw. doct. 256; die jungfer entröthete sich, sagende, dem himmel sei gedankt. 324. in derselben bedeutung galt anröthen (1, 429):

'o du mördische hur,
du hast mir in dem wein vergeben,
trink auch, aber (oder) es kost dein leben!'
die fraw wolt nicht und sich anrötet,
mit bloszem schwert er sie doch nötet,
dasz sie den gifting wein austrank.
H. Sachs I, 175b.

hier würde erbleichen fast mehr passen, was sich mit der form anröten nicht vereinbart. doch in den beiden ersten stellen Lohensteins darf man den sinn von erbleichen vorziehen.
 
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entrotzen, muco liberare.
 
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entrücken , subducere, celeriter amovere, fern rücken, aus den augen rücken, nnl. ontrukken, meist mit der vorstellung des plötzlichen, gewaltsamen.
1) transitiv:

got unser herre an im tet,
daʒ er entrucket wart sô hin. pass. K. 126, 17:

und sie gebar einen son, ein kneblin, der alle heiden solt weiden mit der eisern ruten und ir kind ward entrückt (vulg. raptus) zu gott und seinem stuel. offenb. Joh. 12, 5, wo spätere bibeln unbefugt das gleichbedeutige entzückt setzen;

weil ich aber doch nicht weisz, welche stunde mich entrücke,
brauch ich die gelegenheit und das säumende geschicke.
Günther 838;

denn wer nicht willig folgt, wird mit gewalt entrückt. 993;

kann dich kein schneller tod der welt noch heut entrücken?
Gellert 1, 139;

zum blutstuhl bin ich schon entrückt.
Göthe 12, 246;

welches gottes macht entrückte,
verbarg dich diese lange zeit?
Schiller 499a;

dort wollen wir im kühlen,
des neides aug entrückt,
die macht des gottes fühlen,
der alles neu beglückt.
Gotter 1, 28;

der lampe zarte flamme,
dem winde klug entrückt. 1, 324;

des himmels ahnung den umweht,
der deinen liebeston versteht,
doch an dein mutterherz gedrückt
wird er zum himmel selbst entrückt.
Matthisson 16;

und ewig wird es ihm (dem mond) misglücken
zu stehlen sich ein spielgesind,
in seine wüste zu entrücken
ein lebenwarmes erdenkind.
Lenau neuere ged. 237;

wenn du, schauend nach den sternen, in der klaren nacht,
dich der erde tand entrückest, seh ich geine zu.
Platen 76b;

es rührte Victor bis zu thränen, da Emanuel ihm seine aus diesem eden entrückte schülerin so warm anlobte. J. P. Hesp. 1, 261; die näheren sonnen wurden von entrückten milchstraszen mit einem hof umschwommen. 3, 138; Albano that noch eine bruderfrage über seine liebe, so lang entrückte schwester. Tit. 1, 35; ihre trauer über den entrückten vater. biogr. bel. 1, 41; das himmlische war damals noch nicht so weit von der erde entrückt. Arnim kronenw. 1, 142;

da ich mein herzogthum entrückt
aus des betrügers hand,
since I have my dukedom got,
and pardond the deceiver. tempest, epilogue.


2) die ältere sprache brauchte entrücken auch intransitiv: under des hatte der bauwer den profosen, der ihn hinweg schleifen wolte, ins angesicht geschlagen, ihm entrückt, und war auch darvon gestrichen. Kirchhof mil. disc. 220;

in den gedanken ich entrucket,
und ward in einem traum entzucket
für ein wildnus zu einem see.
H. Sachs I, 321a;

wenn dir der feind ist auf dem rücken
und dein verhengnis tritt mit ein,
so wirstu ihm wol nicht entrücken. pers. rosenth. 3, 24.


 
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entrückung, f. subductio, vgl. bergentrückung. mythol. 904.
 
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entrudern, remigando discedere, evadere, nnl. ontroeijen:

als wir nunmehr der insel entruderten. Od. 12, 201;

doch ertrinkt im wasser wer dem wind entrudert.
Simrock lesebuch 61.