| Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm | · · ![]() | ||
döckchenzwirn bis docken (Bd. 2, Sp. 1208 bis 1213) | |||
| 1. puppe, lat. pupa, pupula, franz. poupée, was man jetzt lieber gebraucht, nachbildung eines kindes vom wickelkind und wiegenkind bis zu dem erwachsenen. meist sind es weibliche figuren die man kleinen mädchen zum spielen gibt. doch wurden der dattermann (s. oben) und hampelmann, reiter, soldaten, pferde und dergleichen, die man knaben schenkt, auch docken genannt: in den Prager glossen ( zeitschrift 3, 476b) findet sich tochâ simulacrum puerorum, dem latein. pupulus entsprechend, und in Schwaben sagt man dockenmann, dockenhansel 130, auch dockengaul 131. ebenso wird bei glieder- oder drahtpuppen kein unterschied zwischen männlichen und weiblichen gemacht, wiewol das französische marionette ein dimin. von Marie ist, also ursprünglich eine weibliche bezeichnet. man macht die docken aus holz, wachs, aus gewickelten ausgestopften lappen mit zierlicher kleidung, oder aus irgend einem andern geeigneten stoff wie aus zucker, kuchenteich, zumal aus pfefferkuchenteich, pfeffertocke Deutsche sprache in Posen 207. man macht puppen die sich bewegen, die glieder ausstrecken, die augen öffnen, schreien. die sitte geht in uralte zeiten zurück, die Ägyptier hatten puppen (Revue archéologique 2. livr. 12), bei den Indiern werden solche aus elfenbein in einem ihrer ältesten werke erwähnt ( Indische bibliothek 1, 139), die Griechen hatten ἀγάλματα νευρόσπαστα bewegliche gliederpuppen, die römischen mädchen spielten damit und opferten sie, wenn sie erwachsen waren, der Venus. simulacra de pannis werden in dem indiculus superstitionum erwähnt: man könnte darin bilder von kleinen geistern sehen, von elben, alraunen, welche glück brachten, geneigt und hilfreich waren. vielleicht gehört hierher die Hollepöpel, wovon (Francia orient. 1, 436) bei erklärung des indiculus spricht, ein kindergespenst, das man in Franken kennt und das sich, wie Hollepeter, auf die frau Holda zu beziehen scheint; s. Deutsche mythologie 473. dazu kommt dasz in der Schweiz ( 1, 287) der alp (incubus) tocki doggi, toggeli doggeli heiszt, dann auch der schmetterling, den wir als ein elbisches wesen kennen; vergl. Deutsche mythol. s. 789. ja die weitere, in der Schweiz geltende bedeutung von einem häszlichen menschen mit zerrissener kleidung läszt sich daraus erklären, dasz der alp auch häszlich gedacht wird und das zerlumpte kleid einer puppe zugehören kann. das ahd. tochâ ( 5, 364) und das mhd. tocke bis zum 14ten jahrhundert kommt nur in der bedeutung von puppe vor. in dem 15ten jahrh. und in der folgezeit schreiben einige dock, wie Gemma gemmarum, Alberus Nov. diction. U iij und 315b. dock, tock Vocab. theut. von 1482 fia und gg 5b. dock, docke 322. daneben auch docken, tocken Vocab. von 1445 [Bd. 2, Sp. 1209] und von 1470 bei 218, auch Vocab. incipiens teut. x 4. bair. dockng und docke 1, 356. östreich. dockn 111. in der Schweiz docke 1, 286 und die zusammensetzung tockababa (dockenbarbara) 141. 2, 375a hat tocke und docke, auch 1, 279. 2, 819. jetzt schreibt man nur docke. niederd. dokke Brem. wörterb. 1, 222. schwed. docka. dän. dukke. des burcgrâven tohterlîn er drucktez kint wol gevar daz kint sprach 'liebez veterlîn, nu heiz mir gewinnen kumt mir minn, wie sol ich minne getriuten? mîner tohter tocke Friderûn als ein tocke dû (Bêaflôr) wære noch in der jugende, dô wart si liehte des enein ir zwô niht wâren træge, sie lernten [rîchiu wort ze] sprechen wilde. daz ich dich, herre, wâgete nâch kindes tocken ziere, alsam diu kinder spilent mit den tocken 1370. des ein kleiniu tocke ist er alsam (unerschrocken) in strîte, die jungen knappen zuo uns locken, das sie nicht müszig auf der dieln ich musz zu meiner mutter laufen, für tocken specerei, für nadeln helfenbein dein titel stellt uns vor doch laszt euch auch nicht bei der tocke und nimmt man andern theils ein dreizehnjährig kind, [Bd. 2, Sp. 1210] und alles ruft 'er sitzt zu pferd wie eine docke' so steif, fest. die buben haben lust zu reiten und zu kriegen, ein biderbe herre gedenken sol, nu het ouch vil der mâsen der werlde freude ist ein tocken spil swaz ieman under harnasch kan gestrîten, wie dirre strît ein spil der tocken wære 4533. mit einem der docken spielen sich gegen jemand verstellen, ihn äffen, listig, mit falschheit behandeln. als der tocken spilt der Walh mit tiutschen fürsten fleischlich gelust kan uns zuo locken ich glaub sie sind nit wol bei sinnen, und sie gar schôn wart scherzen mit mîner tocken. MSHag. 3, 308b. was heiszt es aber in folgender stelle? frouwe, ich habe iuch beide offenlîch und tougen 2. junges mädchen, puella, puellula. eine puppe gilt für etwas artiges, hübsches, zierliches, daher konnte docke leicht von einem jungen mädchen gesagt werden, das man loben wollte, und so bezeichnet es in der Schweiz ein solches niedlich aufgeputztes 1, 286. in der zweiten hälfte des 13ten jahrhunderts, wo diese übertragung zuerst vorkommt, war docke ein sehr rühmlicher ausdruck, jetzt wird er nur 'halb scherzhaft, auch fast geringschätzig gebraucht. dô hiez mich zuo dem grâle ein tocke wunschelbernde. Jüng. Tit. 5169, 1. Hug v. Langenstein redet die hl. Martina andû himelischiu tocke 24b. Pâraklisen, die bluomen tocken, den (helm) het der sælden tocke [Bd. 2, Sp. 1211] bildlich in einem lied, das dem Neidhart fälschlich beigelegt wird, o Rînstrôm, swer dich hât erkant, traute schöne tocke, so, du vil liebe docke, im inren gmach wonts kunigs zarte dok, und in dem augenblick verschwunden ein schöne docke gott grüsz mir die im grünen rock gott schütz mir die im braunen rock, auserwehlte docke 42. der edle saft vom rebenstock, ist ihm nicht mehr vergönnt zu küssen eine docke was man gratien genannt, schone zerbrichst du sie, die schöne docke, (es würde) kein horn die neubegier 3. ein meist walzenförmiges stück, ein klotz, zapfen, eine kleine seule, gewöhnlich von holz; vergl. 1, 356. in dieser bedeutung kommt das wort zuerst gegen die mitte des 14ten jahrhunderts bei Jeroschin vor ouch wart er andersît gewar a. in bergwerken heiszen docken die hölzer welche an beiden seiten der trift d. h. des baumes hangen, der quer durch die spindel geht, welche in der mitte des göpels aufgerichtet ist und zum umtreiben einen schwung gibt; vergl. 1, 340a. 2, 375a. 384a. b. in schmelzhütten zwei hölzerne seulen, zwischen welchen der schmel des eblasebalgs auf und nieder kann bewegt werden. c. bei den drechslern sind docken oder dockenspindeln zwei eiserne seulchen am drehstuhle, zwischen welchen das holz, oder was man sonst drechseln will, eingespannt wird. [Bd. 2, Sp. 1212] d. bei den strumpfwirkern die beiden eisernen stützen, welche auf den beiden balken des strumpfwirkerstuhls hinterwärts eingelassen sind Campe. e. bei den schreinern die starken stücke holz zu den seiten der gestühle, franz. mandrin, engl. manderil; vergl. hohldocke. dockenstöcke. f. bei messerschmieden ein dünnes, vierseitiges eisen in dem amboszklotz mit einem loch, die messerklingen einzunehmen, wenn man den absatz daran schlagen will 1, 1508. g. schlosser nennen stücke gestähltes eisen von mancherlei gestalt welche sie in den schraubstock spannen, um allerlei zierraten darauf auszutiefen, nicht nur untersätze sondern auch docken Adelung. h. an leiterwagen das starke kurze holz das unten in der achse oder in einer eigenen rungschale steckt, und woran sich die wagenleiter lehnt, das bockholz, die runge, wagenrunge, in Süddeutschland die leiste, die stammleiste, in Östreich die küpf Adelung. i. seulchen, stollen, figuren an einem geländer, geländerdocken, zumal bei treppen, franz. balustres. s. DWB dockengeländer. k. zapfen, schlegel in den fischteichen, obturamentum piscinae, epistomium canalis quo aquae effluunt Frisch. die docken ziehen fauces emissarii aperire, obturamentum emissarii excutere 721. l. brustwarze, zitze, papilla. dock puppa oder buff oder duttenspitz Voc. theut. 1482 fia. pupa ein dock, bup 199b. dock, buff, docken, poppe, duttenspitz rusticano 721. der pl. buben ist schon oben (2, 461) durch mammae erklärt. in der Schweiz ist puff buff ein durch kunst erhöhter weiblicher busen 1, 239. m. das hämmerchen von holz in saiteninstrumenten, das bei dem anschlag der tasten aufspringt, die saite anrührt und bewirkt dasz sie ertönt, der tangent; vergl. dockenstempel. n. in der Schweiz ist docka auch ein pfropfreis 141. o. s. drehdocke. 4. ein bündel, etwas zusammengewickeltes, gedrehtes, geflochtenes, geschnürtes. daher ein spinnrocken, strang von gesponnenem flachs, wolle, seide, franz. écheveau; s. DWB döckchen. nach Calepinus manipulus lanae vel lini aut canabis qui ex colo pendet et fuso trahitur 1046. fries. dok ein bündelchen Fries. glossar 45. isländ. docka spira linea ein kleiner strang garn 146. schwed. docka mensura serici filamenti 331, dän. dukke. bei den jägern zusammengewickelte schnüre, das zusammengewickelte hängeseil. daher abdocken seile abwickeln; vergl. aufdocken. in den tabacksfabriken ein bündel trockner tabacksblätter, ein halbes pfund schwer. in der Schweiz werg, so viel man mit beiden händen umfassen kann 141. in Niedersachsen ein strohbündel das zwischen die fugen von dachziegeln oder schindeln gesteckt wird, damit der regen nicht durchdringe Brem. wörterb. 1, 222. 1, 228. in Baiern ein haufe von über einander gelegten feldfrüchten. acht bis zehn garben übereinander machen eine docken, hundert docken einen schober. man sagt das getreide in docken stellen 1, 356. s. DWB dock m. und docken verb. 5. die zeitlose, colchicum autumnale 1, 356. die zarte lillafarbige blüte kommt im herbst voraus ohne alle blätter und wird auch nackte jungfer genannt. docke wird also hier so viel als zierliches mädchen bedeuten. vergl. dockenkraut. wasserdöckelein. 6. da docke am frühsten mit dem begriff von imaguncula erscheint, so ist man geneigt diesen für den ursprünglichen zu halten, auch hat sich eine angemessene erklärung ergeben. gleichwol ist auch die bedeutung von klötzchen zu berücksichtigen, da sie ausgebreiteter, und in so manche andere, damit sichtbar verwandte, nähere bestimmung enthaltende übergegangen ist. der begriff von puppe läszt sich leicht daraus ableiten wie der von bündel aus puppe. die ältesten puppen mochten aus roh geschnitzten stückchen holz bestehen, wie die kinder noch jetzt am liebsten damit spielen: oder man umwickelte das holz mit lappen und bildete damit die kleine figur. erst im 13ten. jahrh. bei Wolfram ist von der schönheit der puppen die rede, und dann erst konnte docke ein schmeichelnder ausdruck für ein junges mädchen sein. eine genügende ableitung des worts läszt sich nicht angeben. möglich dasz das mittellat. docarium trabs lignum bei Ducange damit zusammenhängt, wenn aber dieses und mithin docke von dem griechischen δοκός abstammen soll, so streitet die mangelnde [Bd. 2, Sp. 1213] lautverschiebung dagegen, weshalb auch das von Schmid angeführte δαγύς wachspuppe, der zauberer, nicht zulässig ist. siht aber ieman jenen (dörper) mit der vêhen tocken? hurtâ! wie von den wappen der helm (des heidnischen ritters) het oben ein bant si hâte zartiu löckel ach raines tockl dem süezen minne döckel wem sollt solches döckelein schönes töckelein sie prunken wie döcklein
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