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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
krackstein bis kraftarzenei (Bd. 11, Sp. 1931 bis 1945)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) krackstein, s. kragstein.
 
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kradem, m. lärm, getöse, ahd. chradam, mhd. kradem, lebt noch schwäb. Schmid 421, niederöstr. Castelli 146.
 
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krafeel, cravel, n. eine art groszer kauffarteischiffe: a. 1489 d. 15. sept. da verging (gieng unter) Brosien Mallin mit seinem kraffeel mit seinen zweien söhnen und mit 200 auserlesenen volkes, davon borgten (retteten) sich 16 man. Henneberger preusz. landtafel 80; im sommer liesz Caspar von der Memel ein solch (so grosz) krafeel bauen als in vielen jahren keins gebauet war. 94;

führt ein cravel ein reicher schiffer.
Waldis Es. 3, 51, 36 Kurz;

bedinget mich auf ein cravel (zur fahrt nach Riga). 4, 13, 7.

nd. kravêl brem. wb. 2, 866 mit beleg aus dem 16. jh., als fem. Berckmann strals. chr. 187. Es ist ein roman. wort, frz. caravelle u. s. w. (Diez 1, 113), das aber selbst von germ. ursprunge ist, s. sp. 1800.
 
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krafist, m. gleich bofist (s. d.). Nemnich.
 
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kraft, f. vis, vigor, potestas, facultas.
I. Formen, ursprung, flexion.
1) die formen sind
a) ahd. chraft, mhd. kraft; auch dänisch norw. schwed. kraft f., deutlich unter deutschem einflusse, denn altn. hiesz es kraptr m. oder krapti m.; auch ags. cräft m., engl. craft (doch nur noch als fertigkeit, handwerk, list).
b) nd. und nl. kracht, kragt wie lucht, lugt für luft u. a.; doch nd. auch noch kraft, wie alts. craft, das aber schon als craht vorkommt (Hel. 2, 3 Schm.). übrigens erscheint diesz nd. kracht früher auch mitteld. einzeln, z. b. pass. H. 39, 19 im pl. krechte. eine hd. nebenform, im auslaut erleichtert, war kraf, z. b. Jeroschin 18885, und so schon ahd. und noch im 15. jh. Dief. 619a. 13c (s. II, 4, c, α); es ist umgekehrt wie saft aus saf.
c) besondere erwähnung verdient das geschlecht, das zwischen m. und f. getheilt ist. jenes gehört dem ags. altn. an, dieses dem hd.; das räumlich in der mitte liegende alts. aber nahm auch eine vermittelnde haltung ein, denn sein craft war sowol f. als m. vgl. übrigens den hd. gen. kraftes unter 3, c.
2) ursprung und verwandtschaft.
a) die stammlaute sind, hd. gefaszt, kraf oder auch krapf (zur bildung kraf-t vgl. Grimm gr. 3, 514). da aber vermutlich die kraft des armes die urspr. bed. ist, genauer die kraft der hand,

[Bd. 11, Sp. 1932]


so darf man dem dahinter versteckten stamme die bed. greifen, packen zutrauen (wie schon Adelung that). und dazu bietet sich völlig skr. grabh fassen, greifen. auch bei uns liegt er noch vor, nur in abgeleiteter form, in dem schwachen mhd. kripfen, ahd. chriphan packen, rauben, d. h. in intensiver form und bedeutung; das verwandte greifen steht einen oder zwei schritte seitwärts. vgl. auch bair. kroppen greifen, tappen, und krapfe haken.
b) ein ganz alter sprosz des stammworts, unserm kraft nächstverwandt, findet sich vielleicht in folg.: eine glosse des 15. jahrh. gibt teagra (f. creagra), furca, crapft Mones anz. 7, 167 (Dief. 155c), also wie es scheint kraft gabel, zum fassen (wie nd. grepe, hd. greif creagra Dief. 155c), in der form vermischt mit krapf, d. i. krapfe (s. d.); kraft wird gestützt durch eine mittheilung Frischs 1, 544c aus Speners bibelübers. (15. jh.): dreikreftiger krauwel, fuscinula tridens, dreizackige fleischgabel. Ähnlich ward altn. krapti von fassenden, haltenden dingen gebraucht, kraptar pl. hieszen die rippen des schiffs, das holzgestell des schildes, s. Egilsson 476b.
c) auch Kraft als mannsname (eig. starker mann, held?) steht vielleicht dem stammbegriffe nahe, schon ahd. Chraft, mhd. Kraft, Craft (z. b. Haupt 8, 238, altd. bl. 2, 97), demin. md. Creftichin Höfer urk. 60; lat. Chraphto font. rer. austr. II. 18, 10; vgl. auch ahd. Craftheri (gr. Σθενέλαος, auch Δημοσθένης). bei Waldis Es. 1, 55, 51 ist Hans Kraft gleich bauer, im gegensatz zu bruder Veit, landsknecht. vgl. unter kraftmann 1.
d) fragweise seien auch erwähnt isl. kræfr fortis, robustus Biörn 1, 480a (das übrigens einen eigenen kelt. anklang hat in craff, cref u. a., fortis, firmus, s. Kuhns beitr. 2, 174) und altn. krefja, ags. crafian fordern, engl. crave, eig. mit anfassen dessen, was man fordert, wie im Ssp. anevangen?
3) das nhd. kraft hat einige eigenheiten in der form.
a) der pl. hatte lange eigner weise auch schwache form, kräften:

und da sie one reden lag
und keiner kreften da entpflag.
Büheler königst. 2062;

domit er sein mdes gemuet und kreften wider holet. Steinhöwel im leseb. 1, 1055; Stephanus aber, vol glaubens und kreften. Luther apost. gesch. 6, 8; es sind mancherlei kreften. 1 Cor. 12, 6; die kreften (nom.). 1 Petr. 3, 22, dagegen krefte Matth. 24, 29. Marc. 13, 25. Luc. 21, 26; die kräften. Rompler 91;

wie rost das eisen friszt, saugt sie die kräften aus.
Tscherning 28;

ich habe meine gewohnliche stärke und kräften noch nicht. Elis. Charl. v. Orl. 1867 s. 232; damit ich meine kräften .. erhole. Abr. a S. Clara 14, 487;

der, frei von nichtigen geschäften,
des leibes und der seele kräften
zum werkzeug von der tugend macht.
Haller (1734) 35;

ich kann oft kaum begreifen, mama! wo er bei der schlechten kost die kräften zu seiner vielen arbeit hernimmt. H. L. Wagner der wolthätige unbekannte s. 8; (wir) arbeiteten .. was unsre kräften erlaubten. 26; die arbeiten .. gehn nicht über seine kräften. 40; nahm er alle seine kräften zusammen. 47, doch auch kräfte genug 43. Frisch schrieb kräften und es ist noch bair. Schm. 2, 382. ebenso klüften für klüfte sp. 1262, sinnen für sinne, früchten für früchte (4, 260), woher? vgl. sp. 708 (g).
b) ahd. hiesz der gen. und dat. sg. chrefti, daher mhd. krefte (neben kraft), und davon ein rest noch im 16. jh.:

darin hat es ein warmes bad,
das ist von groszer kräfte. altd. bl. 1, 171 (krafte
Haupt 2, 568).


c) endlich ein merkwürdiger gen. kraftes:

die bawren namen ihre wehr
und theten da mit kraftes heer
wol für das haus hinziehen. Ambr. lb. 139, 142,

umgekehrt statt mit heeres kraft (ähnlich alles spiles chunne aller art spiel, s. Wackernagels wb. zum leseb. unter künne);

er brach auf mit seim höre,
so gar mit kraftes wöre (wehr). lied von der stat Genua,
Rankes deutsche gesch. 6, 160,
Liliencron 3, 410a.

Das sind aber schwerlich spuren von einem auch hd. masc. kraft (s. u. I, c), es ist wol nur das übergreifen des genitivischen s ins fem., wie in compos., z. b. hoffnungsstrahl, wie in kunstes glas Körners hist. volksl. 204, kunstes hand wunderh. 3, 148, helles grunt Uhland volksl. 8, in untreus fall Liliencron 2, 498b, feders pflg 2, 312b, on hilfes schin (ohne aussicht auf hilfe) Murner geuchm. 968 Sch.; dieweil nu nichts uf erden ist, das einem jungen man mer freuts und muts machen kan. Wilw. v. Sch. 64; an milches statt Opitz 1, 89, kurzweils gewohnt Schiller Tell 3, 2; s. auch unter klage am ende und hier unter II, 4, b. 15, a.

[Bd. 11, Sp. 1933]



II. Gebrauch und bedeutung.
1) kraft des armes, muskelkraft, leibeskraft, körperkraft, manneskraft, heldenkraft, riesenkraft u. s. w.
a) im sing.,
α) es schmidet einer das eisen in der zangen .. und erbeitet dran mit ganzer kraft seines arms. Jes. 44, 12; wenn die kinder bis an die geburt komen sind und ist keine kraft da zu geberen. 37, 3; und Delila sprach zu Simson, lieber sage mir, worin dein grosze kraft sei. richt. 16, 6; menschen, die nimmer von ihrer kraft kummen. Frank weltb. 195a; der kämpfer ruhte, um frische kraft zu sammeln; seine kraft ist gebrochen, erschöpft; die kraft des genesenden kommt langsam wieder.
β) wer schwach oder ohnmächtig wird, 'verliert seine kraft' u. ä.: erschrack .. das keine kraft mehr in ihm war. 1 Sam. 28, 20, er ward vor schreck schwach, wie gelähmt; kraft und macht verliesen, von vorcht wegen, elanguere. voc. 1482 r 2b. daher wie ohnmacht noch jetzt (älter unmacht, âmaht), ebenso früher unkraft, mhd. auch âkraft (Mones anz. 8, 494, ôkraft Haupt 8, 530), das dann auch zu abkraft ward. jetzt kommt kraft in diesem sinne etwa noch so vor: da verliesz ihn seine kraft, es 'ward ihm schwach'. vgl. DWB kraftlos 1, a.
γ) natürlich auch von thieren: das er (der adler) fahet, friszt er nit zuhand ... sunder holt vor (vorher) sein kraft wider. Frank chron. 1536 1, 157b, 'erholt sich' von der anstrengung des kampfes (vgl. DWB kobern 1, e);

(der adler) schwingt mit der flügel kraft sich auf das blaue dach
des schönen himmels zu.
Opitz 2, 105;

wenn ich sechs hengste zahlen kann,
sind ihre kräfte nicht die meine?
Göthe 12, 91.


δ) kraft und stärke erscheinen auch zusammen. von zwei gleich starken kämpfern heiszt es mit einer art begriffsspiel (vgl. unter knoblauch 2, b):

diu kraft vaht gegen der sterke. Rabenschlacht 689, 3.

daher in steigernder häufung (wie lat. robora virium):

der funfte (rühmt sich) siner sterke kraft. Reinhart fuchs s. 368;

ist das nit Babilon die grosz statt, die ich gebauet hab z dem haus des reichs in der craft meiner sterk und in der glori meiner zier? Keisersberg sünden des munds 56a, macht. Weckherlin singt an den grafen Craft von Hohenloe:

die tugent ist dein eigenschaft.
umbsunst bist du nicht Craft genennet,
Stärk dich für ihre kraft erkennet,
ohn dich ist Dapferkeit ohn kraft. s. 372, od. 1, 6.


b) aber gern verstärkt im plural, wie lat. vires auch, es wird urspr. gedacht sein, als hätte jedes glied seine eigne kraft.
α) so nhd. vielfach, auch schon mhd., ahd. (s. Otfried u. β):

der getoufte nam an kreften zuo. Parz. 743, 26;

sie wurden beid an kreften schwach (fast ohnmächtig). lied vom h. Ernst 62 (
Haupt 8, 498);

kanstu dem ross kreft geben? Hiob 39, 19; ich wil dir einen bissen brots fursetzen, das du essest, das du zu kreften komest (vulg. convalescas). 1 Sam. 28, 22, vorher v. 20 kraft; der kranke ist ganz von kräften gekommen; seine kräfte nehmen wieder zu; hätte er gewartet bis seine kräfte sich erholt, seine säfte sich verbessert. Göthe 16, 71; frische kräfte sammeln; er hat seine kräfte noch beisammen, auch 'ist bei kräften', das dem 'zu, von kräften kommen' genau entspricht; das geht über meine kräfte, übersteigt meine kräfte, u. s. w.;

wie du (sterbend) die letzten kräfte fasztest
um noch ein wort, das ich erbat.
Haller (1777) 221;

der kerl hat kräfte wie ein bär.
Kotzebue dr. sp. 2, 297.


β) wie ernstlich diese mehrheit von kräften eigentlich gemeint ist, das zeigen wendungen mit 'alle kräfte', wie z. b. alle seine kräfte zusammen nehmen, von höchster anstrengung. so besonders aus, von, mit allen kräften, sinnlich wie auch in allerlei weise bildlich:

so solt du vor die kannen zucken,
darausz mit allen kreften schlucken.
Scheit grob. F 3b;

der junge schrie aus allen leibeskräften; ir wisset das ich aus allen meinen kreften ewrem vater gedienet habe. 1 Mos. 31, 6; der so von ganzem herzen, von ganzer seelen, von allen kreften sich zum herrn bekeret. 2 kön. 23, 25; preiset in aus allen kreften. Sir. 43, 33; du solt gott deinen herrn lieben von ganzem herzen, von ganzer seele, von ganzem gemüte und von allen deinen kreften. Marc. 12, 30. 33, goth.

[Bd. 11, Sp. 1934]


us allai mahtai þeinai, wie noch hd. auch aus aller macht; aber schon ahd.:

mit allen unsen kreftin
bittêmês nu druhtîn.
Otfried I, 28, 1;

der geistliche .. nahm sich auch ihrer nun aus allen kräften an. Göthe 20, 275. auch mit nach: wurde ihr .. anbefohlen, die staatenversammlung nach allen kräften zu hintertreiben. Schiller 837b, wie nach vermögen, auch nach kräften, pro viribus (d. h. den vorhandenen kräften entsprechend).
γ) übrigens gilt ebenso der sg., mit aller kraft, mit ganzer kraft u. ä.; er verwunderte sich .. dasz ich von poesie nichts wissen wolle, dagegen auf naturbetrachtungen mich mit ganzer kraft zu werfen schien. Göthe 30, 158. früher auch mit adverbialischem gen.: nach groszen fetten ämtern .. euszerster kraft ringen. Butschky Patm. 675. eigen in all kraft:

bedacht, dasz lachen in all kraft
ist des menschens recht eigenschaft.
Fischart Garg. titel rückseite.


c) eignerweise werden auch bestimmt vier kräfte genannt, 'von allen vier kräften': sein pferd lief von allen vier kräften. Philander ges. 1650 2, 222. in diesem falle gerade wird wesentlich an die vier beine gedacht sein. aber sicher nicht ursprünglich, sondern es steckt darin ein stück mittelalterlicher geheimlehre, s. darüber die fünfte kraft unter 4, c, γ.
d) natürlich auch kraft des hiebes, schlages, wurfes, schusses, stoszes, druckes (unter umständen auch gewalt, macht, stärke), kraft der stimme, des tons und worin sonst die kraft (des menschen u. a.) sich äuszert:

der (gesang) schallte recht, und seine kraft
durchdrang die halbe nachbarschaft.
Hagedorn 2, 66.

dann die kraft des speers, pfeils, schwertes u. dergl.: auch hastu die kraft seines schwerts weggenommen und lessest in nicht siegen im streit. ps. 89, 44.
e) kraft schlechtweg für zeugungskraft (wie lat. vis, vires): gnêdiger herre, ich entsebe an mir sulche kraft unde macht ... ich wel mîn wîp nû selbis trûte. Ködiz leben des h. Ludw. 22, 29; Jupiters kraft war destilliret in dem vacuo cavo ovo. Garg. 196a (Sch. 363), alchymistisch. und diesz concret, wie lat. vires auch, in den zürnenden worten eines mädchens zu ihrem buhlen:

(ich will) min notturft mit eim andern büeszen ...
und sölt dich schütten der ritt in dkraft.
Ruff Adam u. H. 5679,

kraft als träger der kraft, wie 7.
2) mehr ins seelische übergehend, kraft der ganzen persönlichkeit, lebenskraft, jugendkraft, spannkraft, thatkraft, arbeitskraft, urkraft, vollkraft, als äuszerung der natur, naturkraft. hier sind stärke oder macht oder gewalt unbrauchbar, die sämtlich nicht die innerlichkeit gewonnen haben wie kraft, das mit seinem begriffe bis zum kern des lebens vorgedrungen ist.
a) als lebenskraft, naturkraft, jugendkraft:

daher entsteht in ihm (dem weisen), wenn kraft und blut verrauschen,
kein widerwärtger gram, die erde zu vertauschen.
Günther 499;

seine kraft war gebrochen, die hoffnung floh ihn, er sah keine zukunft mehr vor sich; die kraft und frische seines wesens, die aus seinen zügen und seiner haltung spricht; fülle einer jugend, die sich fühlt und nicht weisz wo sie mit kraft und vermögen hinaus soll. Göthe 48, 93; kannst du sagen 'das ist!' da alles vorübergeht? da alles mit der wetterschnelle vorüber rollt, so selten die ganze kraft (acc.) seines daseins ausdauert? 16, 76 (Werther 1775 s. 94);

und soll ich ihres lebens holde kraft
auf ewig missen! 9, 317 (nat. tochter 3, 4), zugleich nach 13, c;

nur allzugern verscherzt er (der mensch) im stand der verfeinerung eine kraft, die er aus dem stand der wildheit herüberbrachte. Schiller 1167a; die streitenden kräfte der natur. 1177a; die animalischen kräfte (im menschengeiste). 1112a; ausgestattet mit aller kraft, nach der richtung, die diese bekommt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. 102a; fülle von kraft, die alle gesetze übersprudelt. das.; der seltsame, ernste .. rittersinn (in den Nibelungen) .. mit seiner vollkommenen kraft. Göthe 6, 238.
b) als thatkraft, wirkende oder strebende kraft: du solt alwegen in (an) deiner craft verzweifel (so), und dein craft setzen z gott. Keisersberg sünden des munds 57b;

[Bd. 11, Sp. 1935]


das streben meiner ganzen kraft
ist grade das was ich (Faust) verspreche.
Göthe 12, 88;

und wenn ich mich am ende niedersetze (vom studium),
quillt innerlich doch keine neue kraft. 12, 91;

Friedrich der zweite, auf seiner kraft ruhend, schien noch immer das schicksal Europens und der welt abzuwiegen. 48, 67;

von der gefahr, der ungeheuren,
errettet nur gesammte kraft. 13, 313, vom befreiungskriege;

hier ist mit vereinten kräften das grosze werk zu beginnen. 14, 112;

ans vaterland ans theure schliesz dich an ...
hier sind die starken wurzeln deiner kraft.
Schiller 526a;

wer etwas treffliches leisten will ...
der sammle still und unerschlafft
im kleinsten punkt die gröszte kraft. 89a.

man spricht von männlicher kraft, jugendlicher, rüstiger, frischer, ungebrochner kraft mit der einer seinen beruf betreibt, einem streben obliegt u. a.; doch auch weibliche kraft:

ich versichr' euch, es ist dem jüngling ein mädchen gefunden,
das ihm die künftigen tage des lebens herrlich erheitert,
treu mit weiblicher kraft durch alle zeiten ihm beisteht.
Göthe 40, 297.


c) daher mit zu zur bezeichnung des zieles:

ich fühle kraft zu kühnem fleisz.
Göthe 41, 257;

des groszen wink im tiefsten marke spüren,
gedanken rastlos — ohne kraft zum werke.
Eichendorf ged. 165.

kraft zum widerstande oder auch kraft zu widerstehen, auszudauern u. dgl.
d) auch mit gen.: widerstandskraft, kraft zum widerstehen, kraft der ausdauer. anders glaubenskraft, die der glaube gibt, ebenso kraft der begeisterung, der angst, der verzweiflung, die die verzweiflung gibt: die verzweiflung gab kräfte, und die deutsche freiheit erhob sich aus Magdeburgs asche. Schiller 930b.
3) endlich vom leiblichen sich lösend gemütskraft, seelenkraft, geisteskraft, mit verschiedner schattierung des begriffs, die auch weiterhin sich geltend macht und die scharf zu scheiden unthunlich ist, hauptsächlich theils als kraftvoller zustand, theils als fähigkeit oder trieb zu einer wirkung, entsprechend der unter 2 gemachten theilung a und b.
a) im sing.:

die meister (gelehrten) sprechent ouch dâ bî,
daʒ diu sêle im hirne sî.
si ist über al im lîbe,
und doch in der hirnschîbe
ist si mit der besten kraft.
Teichner s. 42 anm. 100;

musicen klang und menschenstimm darneben
gibt dem gmüt kraft und leben.
Hoffmanns gesellschaftslieder s. 241,

'kraft und leben', ebenso wird gern verbunden kraft und frische, kraft und fülle, tiefe, erhabenheit, rüstigkeit (Schiller 1172b), des gemüts, geistes, der bildung, des wissens, der sprache, rede u. a., ferner kraft und festigkeit, kraft und nachdruck, bestimmtheit, so dasz durch den zusatz die art und äuszerung der kraft näher bezeichnet wird:

(wir wähnten) dasz andre luft uns mehr als unsre witzig macht,
dasz dieser himmel nicht des geistes kraft erwecket.
Hoffmannswaldau begräbnüsged. 30;

Phillis, die an geist und gliedern
gleiche kraft und schönheit trägt.
Günther 120;

ich nahm die ganze dichtergluth
und alle kraft und kunst zusammen. ders.;

nimm alle kraft zusammen (als sänger), die lust und auch den schmerz.
Uhland ged. 465;

er drang mit aller kraft darauf, dasz es nicht bei den worten bliebe; der widerstand allein kann die kraft (der sittlichkeit) sichtbar machen. Schiller 1135b; so viel gutes zu thun, als er mit der ganzen moralischen kraft seiner seele wollen könnte. Lavater auss. in die ew. (1777) 1, 306;

es reget der wein dann (nach tische) jegliche kraft auf
seines heftigen wollens.
Göthe 40, 275;

des hasses kraft, die macht der liebe. 12, 15;

da wird die kraft der tugend offenbar. 13, 312;

verachte nur vernunft und wissenschaft,
des menschen allerhöchste kraft. 12, 92.


b) wieder auch im plur., wie unter 1, b (s. dort schon Otfried u. a. 'mit allen kräften'): also solt auch du alle deine kreft zsamen berfen und dich sperren (wider die anfechtung). Keisersberg irrig schaf C 3b; sie (die seele) kert sich z gott

[Bd. 11, Sp. 1936]


mit andechtigem gebet, mit allen iren kreften, mit allen iren natürlichen gaben .. oder gten werken so sie ausz natürlichen kreften ben mag. crist. künigin aa 2b; weil wir dann für der göttlichen majestät wie billich gern mit versammleten kräften und sinnen erscheinen wolten. Simpl. 3, 673 (1713); alle kräften meines verstands. Schuppius 742;

man opfert ihr (der ehre) der jahre blüthe,
die besten kräfte vom gemüthe.
Haller (1777) 18;

die harmonie seines geistes war völlig zerstört, eine innerliche hitze und heftigkeit, die alle kräfte seiner natur durch einander arbeitete, brachte die widrigsten wirkungen hervor. Göthe 16, 143; die beängstigung seines herzens zehrte die übrigen kräfte seines geistes .. auf. das.; genau nach dem masz und der erhabenheit unserer moralischen kräfte wird sich das masz unserer intellectuellen, physischen und politischen kräfte bestimmen (im zustande nach dem tode). Lavater auss. 1, 311.
Schon das mittelalter sprach von verschiednen kräften der seele und des geistes, nach anleitung der philosophie: sô si (die seele) mêr den nidristen kreften der fünf sinne anhanget dan den obristen, dâ von si himelischiu dinc erkennet, sô wirt si unedel unde grob. Eckhart 395, 5; der mensche, der sich selber bekennen wil, der sol alle wege ein însehen haben in sich selber unde sol in sich ziehen sîne ûʒern krefte und sol sie zemen .. daʒ sie gehôrsam werden den obersten kreften der sêle. 459, 29; die geistlîchen und allerhœhsten krefte der sêle. 247, 4 u. o.
c) einzelne kräfte besonders benannt.
α) schon das 15. jh. benannte eine reihe besonderer seelen- und geisteskräfte, nach den kunstausdrücken haupts. der scholastischen philosophie, z. b. in vocabularien: vis concupiscibilis, begernde, begerliche, girige kraft, vis apprehensiva, begreifliche kraft, cognitiva erkentlich, rationalis vernemende, vernunftige, irascibilis zornende, krigende, u. a., s. Dief. 622c; das erst oder obrest teil der seelen das stat in dreien kreften, das ist in der vernunft oder verstentniss, im willen und in der verstentlichen gedechtniss ... aber das ander oder nider teil der seel stat in den sinnlichen kreften von innen und auszen, und in den sinnlichen herzigungen die man nennet die begirlich und zornlich kraft. Keisersb. irr. sch. D 4b; die inbildende kraft. eschengr. c 5a; also ist es auch mit der fantasei und inbildenden kraft. d 5a. so mit dem part. bis ins 18. jh: meine vorstellende kraft ist so schwach. Göthe 16, 57.
β) nachher sagte man schwerfälliger einbildungskraft (schon 17. jh., z. b. Gerber sünden 240), vorstellungskraft, erinnerungskraft, begehrungskraft (Schiller 705b), unterscheidungskraft, beurtheilungskraft (schon Plesse 1, 109), besinnungskraft (Göthe 16, 153, doch mehr nach 2 oder 1), dichtungskraft; ferner denkkraft, urtheilskraft, fassungskraft, willenskraft (auch gleich kräftiger wille), dichterkraft, schöpferkraft.
γ) doch auch noch dichterische, schaffende, schöpferische: die schöpfrische kraft, die .. jedem in einem gewissen grade eigen ist. Lavater auss. (1777) 2, 182. Göthe 19, 338; es ist bekannt, dasz alle bewegende kräfte im menschen unter einander zusammenhängen. Schiller 1112a, die triebe als die bewegenden kräfte der seele 1157b, im 15. jahrh. beweglich kraft, virtus motiva Dief. 622b; spiel der lebendigen kräfte. Schiller 1114a, doch mehr nach 2; gleichgewicht der thätigen und leidenden kräfte. 1117b. 1163a; plastische kräfte. 1109b; sinne und geist, empfangende und bildende kraft. 1178a. 1172a; wirkende kraft. 1161b. 1168b. 1169a; sinnliche und geistige kräfte. 1167b.
d) zuweilen ist diesz kraft ziemlich gleich befähigung, gabe, eigenart, talent, indoles, vgl. 11, c (ebenso gr. δύναμις, kraft, gleich talent):

und eine lust ists, wie er alle weckt,
wie jede kraft sich ausspricht, jede gabe
gleich deutlicher sich wird in seiner nähe!
jedwedem zieht er seine kraft hervor,
die eigenthümliche, und zieht sie grosz.
Schiller 335b;

des menschen kraft, im dichter offenbart.
'so braucht sie denn, die schönen kräfte'.
Göthe 12, 14.

ähnlich schon im 15. 16. jh.:

an kunst und an maisterschaft
han ich maniger hande kraft. fastnachtsp. 427, 14;

got hat nimants geben die redent kraft, weder (als) dem vernünftigen thier. Keisersberg sünden des m. 49b. ags. cräft gewann die entschiedne bed. kunst, geschick, fähigkeit, dann list; vgl. DWB krafthand.

[Bd. 11, Sp. 1937]



4) kraft der naturdinge, naturkräfte.
a) allen dingen, nicht nur den lebendigen, legte man eine lebendige kraft bei, als äuszerung ihres wesens.
α) kräuter wie steine haben eine solche kraft (heilkraft, zauberkraft u. dgl.): krût hât ouch grôʒe kraft .. (er erzählt wie ein wiesel eine schlange mit einem kraute tödtete). waʒ gab der wiseln die wîsheit? daʒ si (die?) kraft an dem krûte wiste ..... steine hânt ouch grôʒe kraft, von der glîcheit (verwandtschaft des wesens), die die (der?) sternen unde des himels kraft dar inne (în?) würket. Eckhart 125, 26. 33, vgl. dazu u. kalt 3; mancherlei art der pflanzen und kraft der wurzeln. weish. Sal. 7, 20; es hat gott je (doch) die kraft den erdgewächsen gegeben, dasz sie allen schaden des leibs heilen sollen. Philander 1, 427 (vgl.kräuterkraft); also das etliche essent kraft im kraut (der pflanze) ist, etlich in wurzen (in den wurzeln), etlich in samen (pl.). Paracelsus 46b (s. unter essend), d. i. kraft zum gegessen werden (zugleich 'fähigkeit', s. 11, c), nährende kraft; die kraft des magnets, magnetische kraft. von heilkräftigen wassern:

zuo Baden in der markgrofschaft
sint bad, hant von alaun ir kraft.
Folz fastnachtsp. 1259.


β) und. wieder auch im pl., z. b. kräfte des weines: dasz der Rheinwein bei seinen kräften kein die edlen eingeweide angreifendes feuer verbirgt (also nicht zu wässern ist), wie wol es ihm sowol diese vermengung als die eisabkühlung zu vertragen an kräften nicht mangelt. Lohenst. Arm. 2, 300, das erste kräfte meint mehr eigenschaften eines lebendigen dinges (s. 11, d), das zweite eine in sich ruhende lebenskraft, hier als widerstandskraft. überhaupt machen sich auch hier verschiedene seiten des begriffs geltend.
γ) lebenskraft im engern sinne zeigt sich in folg. (während unter α mehr nutzbare kraft gemeint ist, vgl. 'kraft der kräuter, vis et effectus herbarum' Aler 1220b):

läszt gott durch einen wurm den grünen kürbisz stechen,
dasz seine kraft entgeht, die hohen zweige brechen
und er verdorren musz.
Opitz 3, 64;

die gewächse sind zu ende des frühlings in ihrer kraft. Rädlein 560b, die pflanzen sind damit gleichsam auf menschlichem fusze behandelt. ähnlich das feuer:

gleich wie das feuer thut,
wann es zu kräften kömpt, stöszt von sich selbst die glut
bisz an der sternen sitz.
Opitz 2, 105.

so die keimkraft, triebkraft des pflanzensamens:

(Ceres) nimmt von ihres kranzes spitze
einen kern mit kraft gefüllt u. s. w.
Schiller 55b;

einfach schlief in dem samen die kraft.
Göthe 3, 92 (metam. der pflanzen),

ähnlich in der metamorphose der thiere von deren lebenskeime oder kerne, sie werden gleichsam pflanzlich behandelt:

doch im innern befindet die kraft der edlern geschöpfe
sich im heilgen kreise lebendiger bildung beschlossen. 3, 98.


δ) aber die gesamte natur im ganzen und einzelnen hat solche kräfte in sich, als äuszerungen ihres innersten wesens: die kraft der element. weish. Sal. 7, 17, ἐνέργεια; 'kraft und eigenschaft' der elemente Göthe 12, 68, zugleich zu 11, d; wenn man siehet, dasz das licht leuchtet, so eignet man ihm eine leuchtende kraft zu (jetzt leuchtkraft). nimmet man wahr, dasz seine flamme erwärmet, so sagt man, es habe eine erwärmende kraft u. s. w. Chr. Wolff vernünftige ged. von gott § 746; mir (Werther) untergräbt das herz die verzehrende kraft, die in dem all der natur verborgen liegt. Göthe 16, 76;

er (der thor) kennet von der welt, was auszen sich bewegt,
und nicht die innre kraft, die heimlich alles regt.
Haller (1777) 94;

er (Newton) wiegt die innre kraft, die sich im körper regt. 63,

d. i. die schwerkraft, selbst die nur körperlichen körper sind da von dem naturforscher als lebendige einzelwesen behandelt, entsprechend der uralten überlieferung. 'kraft und stoff'.
b) von pflanzen gern reimend 'kraft und saft', dänisch kraft og saft (die kraft ist im safte), und diesz vielfach bildlich von allem lebendigen, auch geistigen, sucus et sanguis: die felder alles ihres inhabenden saftes und kraftes berauben. Hohberg 2, 22a, kraftes wol nur durch den reim herbeigezogen, vgl. u. I, 3, c; mit groszer mattigkeit so wol ausz schrecken als mangel krafts und safts (von menschen). Philander 1650 2, 738; wissen so viel zuerzehlen, dasz es wunder scheinet, welchem allem doch kraft und saft mangelt. 524; wort ... die weder kraft noch saft haben. Luther 6, 170a; Christus gebe solchem

[Bd. 11, Sp. 1938]


seinem wort saft und kraft in eure herzen. 6, 1b; worte die in anderer (als der deutschen) sprache saft und kraft würden verlieren. Schottel 1111; vielmehr haben alle europeische sprachen viele wurzelen, wörter, saft, kraft und geist aus dieser reinen uralten haubtsprache der Teutschen. 123; brief ohne saft und kraft. Rabener 3, 66.
c) diese kraft der dinge, als ihr lebensträger, lebenskern, wird durch kunst ausgezogen und dargestellt, vgl. die kraft destillieren Garg. 196a (s. unter 1, e).
α) z. b. ador, wisz mel oder craff (s. I, 1, b) des mels. voc. rer. Dief. 13c, wie kern, vgl. kraftmehl;

wir können mit der glut aus jedem kraut erzwingen
die kraft und seele selbst.
Opitz 2, 43.

vgl.'kraft der medicin' für kraftarznei unter kräftelos. 'kraft oder kunst, rosa' voc. th. 1482 r iija musz dasselbe meinen, rosa wie sonst blume, vgl. cupri rosa, kupferrauch Dief. 149c.
β) der alte philosophenbegriff quinta essentia (vgl. 4, 573 mitte) wird verdeutscht als 'das fünfte wesen, der saft und kraft eines dings' Kirsch 1, 910a, 'die beste kraft aus einem dinge, so durch die chymie daraus gezogen wird' Hübner zeit. lex. 2, 1539.
γ) es heiszt auch 'die fünfte kraft', quintessenz:

der balsam, welchen sie (die hyacinthen) aus ihren höhlen düften,
ist selbst die fünfte kraft aus reinen himmelslüften.
Drollinger 71;

diesem nach entstünden die vier blätter einer einfachen blume aus der fünften kraft des samens. Spreng zu Drollinger 340. und bildlich: Haller, die fünfte kraft unserer deütschen poeten. ders. 354. Das wird aber zusammenhang haben mit den vier kräften unter 1, c; wie diese wahrscheinlich den vier elementen entsprechen, aus denen alles körperliche zusammengesetzt ist, so entspricht die fünfte kraft in den lebendigen einzeldingen dem fünften unter den elementen der alten philosophie, dem aether (Aristoteles), sie vertritt die seele, den geist, wie die vier kräfte das körperliche. s. auch DWB fünftelsaft.
d) ähnlich sind die eingeweide als 'kräfte' der seele: viscera ... in quibus est vita ... innerlich kreft .. al kreften der sel. Melber s. v. viscera, Dief. 623a. ja kraft für die eingeweide selbst: solche kraft oder ingeweid. Ryff thierb. Alb. Magni Frkf. 1545 s. 42 (Sanders), als träger der lebenskraft.
e) kräfte der auszenwelt, oft wie persönlich, gleich mächte, gewalten:

und hier schlieszt die natur den ring der ewigen kräfte.
Göthe 3, 94;

so taumle ich beängstigt, himmel und erde und ihre webenden kräfte um mich her. 16, 76; mögt ich das element, woraus des menschen seele gebildet ist und worin sie lebt, ein fegfeuer nennen, worinn alle höllischen und himmlischen kräfte durcheinander gehn und würken. an Lavater 126; mystische und magische kräfte im streite mit den kräften der natur! Thümmel 2, 331;

nun gut, wer bist du denn? 'ein theil von jener kraft,
die stets das böse will und stets das gute schafft'.
Göthe 12, 70.


5) gottes kraft (ahd. mhd. häufig): denn dein ist das reich und die kraft .. Matth. 6, 13, δύναμις, vulg. potentia, goth. mahts; sie (die weisheit) ist das hauchen der göttlichen kraft ... ein unbefleckter spiegel der göttlichen kraft. weish. Sal. 7, 25. 26;

der sie (die welt) erschaffen hat und seines segens kraft
so reichlich in sie geuszt.
Opitz 1, 26.

Auch persönlich: gott ist ein freie, einflieszende kraft, wie wir uns darbieten, also ist er uns. Frank parad. c. 22; du kraft der kräfte! Herder 16, 96, wie mhd. kraft ob allen kreften, nû gesterke mir den sin Neidhart 88, 8.
6) gleich macht, gewalt, einflusz, vermögen, doch wenig gebraucht (vgl. Keisersberg unter 1, a, δ).
a) z. b. politisch: kraft, macht und vermögen einer statt, succus civitatis. Maaler 250c, wol zugleich nach 7, die besten als die vertreter der stadt, gleichsam ihr saft und kraft; der könig (Ludwig XVI), der so viele jahre die öffentliche kraft gewesen war. Claudius 6, 32; die in einem staat unentbehrliche kraft ist wie das herz im menschlichen körper. 61, staatsgewalt, niemand würde jetzt da kraft sagen. doch mhd. und älter nhd. war es so gebraucht gleich gewalt, z. b. des herschers, auch übertragne gewalt, vollmacht, s. besonders erkräften, ermächtigen; die bed. lebt noch heute nach in kraft als praep., s. 15, b.

[Bd. 11, Sp. 1939]



b) gleich einflusz, wirksamkeit:

die guten hätten kraft bei ihm behalten,
nicht in der schlechten garn wär er gefallen.
Schiller 373.


c) einzeln auch wie vermögen von geldmitteln, geldkraft (vgl. dazu 12, b): ich aber habe aus allen meinen kreften geschickt zum hause gottes, gold .. silber .. erz u. s. w. 1 chron. 30, 2; die gelegenheit die ich fand, bei hofe mein glück zu machen, nöthigte mich zu einem aufwande der über meine kräfte gieng. Rabener (1755) 3, 289. letztere wendung ist sehr gewöhnlich, wie nach kräften beisteuern u. ä.; doch wird da weniger an 'geldkräfte' klar gedacht, als die ganze redensart von der bed. 1, b entlehnt, wie in andern wendungen, z. b. nach kräften das gute befördern, gleich nach vermögen.
7) kraft kurz für den träger der kraft, wie ähnlich schon Claudius vorhin (6, a), und unter 5 von gott, vgl. auch DWB daumkraft, DWB schwingkraft von dingen:

und doch ist diesz der alte schauplatz noch,
die wiege mancher jugendlichen kräfte,
die laufbahn manches wachsenden talents.
Schiller 318a (Wallenst. prol.);

das geschäft hat in ihm eine rüstige arbeitskraft gewonnen; die schule braucht frische kräfte, lehrkräfte, lehrer; bei Kitzingen haben unsere truppen sich zu verschanzen angefangen und die dortigen kräfte zu erdarbeiten requirirt. Augsb. allg. zeit. 1866 s. 3248b, arbeitskräfte. es ist wie geist, seele, 'capacität' für den mann der das besitzt.
8) militärische kräfte, streitkräfte, wie die arbeitskräfte u. 7, doch wird hier noch weniger als dort an die menschen selbst dabei gedacht: York war auf seine eigenen kräfte angewiesen. Droysen leben Yorks 2, 358; mit frischen kräften den kampf wieder aufnehmen. vergl. 'mit heereskraft', eine aus alter zeit gebliebne wendung: sie faren daher, das der harnisch brasselt, und komen mit heers kraft. Jerem. 46, 22 (vulg. cum exercitu), vgl. übrigens 12, a. ebenso gr. δύναμις, δυνάμεις, lat. vires, auch schon mhd. krefte Gudr. 709, 3, livl. chr. 2653.
9) kraft wird endlich allem zugeschrieben, was eine wirkung erzeugt oder erzeugen kann.
a) moralisch.
α) mit gen.:

ich bannet in (den teufel) mit wortes craft.
Rosenblüt, fastn. 1174;

kurze red hat blitzes kraft,
langes schnadern wenig saft.
Abele gerichtsh. 1, 44,

vgl.'kraft und saft' unter 4, b, und entkräften; (gott) beware uns vor kraft des irthums durch seine ewige warheit. Fischart bien. 246a (272a), Marnix voor de cracht der dwalingen;

mein alles hängt, mein leben und geschick
an meiner worte, meiner thränen kraft.
Schiller 427b;

doch durch seines goldes kraft
trieb er jedes herz zu paaren.
Gotter 1, 48;

die kraft des talismans. Rabener 4, 354. der würfel:

die (falschen würfel) will ich heut einmal probieren,
ob sie die alte kraft noch führen.
Schiller 319b.


β) mit bezeichnung der wirkung der kraft:

doch, was (für was auch, swaʒ) der könig sprach und that,
war ohne kraft, mich wieder einzuwiegen.
Wieland Idris u. Zen. 3, 8;

der stein .. hatte die geheime kraft, vor gott
und menschen angenehm zu machen.
Lessing 2, 276.


γ) ebenso mit partic.: o meine freundinn, was nicht lebt, hat keine anziehende kraft. Göthe bei Schöll 22, jetzt farbloser anziehungskraft (vgl. 3, c); auch ist ein mensch, der ganz bosheit ist, schlechterdings kein gegenstand der kunst, und äuszert eine zurückstoszende kraft. Schiller 102b;

der tod hat eine reinigende kraft. 514b.


b) mechanisch.
α) allgemein:

mit voller segel kraft das weite suchen.
Schiller 503a;

fort reiszt er (der stern) dich in seines schwunges kraft. 384b;

die kraft der kugel war zum glück schon matt; die widerstandskraft der thür war zu grosz; weil die kugel die kraft nicht mehr gehabt hatte durch zu dringen, sondern stecken blieben war. Happel kriegsroman 1, 500.
β) die mechanik und ihre hilfswissenschaften sprechen viel von kräften, da heiszt lebendige kraft, die in thätigkeit ist, todte, gehemmte, gebundne; einfache, zusammengesetzte kräfte, das parallelogramm der kräfte (parall. der zusammenwirkenden kräfte Immerm. Münchh. 1, 96). kraft der trägheit, vis inertiae.
γ) genauer dampfkraft, wasserkraft, und auch kraft kurzweg (mechanische arbeitskraft): fabriklocale mit kraft .. zu Chemnitz ..

[Bd. 11, Sp. 1940]


für mechanische weberei oder geschäfte welche helles wasser brauchen, zu verpachten. Leipz. zeitung 1866 22. febr., vgl. DWB kraftstuhl. ferner pferdekraft (der maschine), federkraft, springkraft, druckkraft, schwerkraft, ziehkraft, spannkraft, knallkraft, schwungkraft u. a., in der naturwissenschaft expansionskraft, attractionskraft, adhäsionskraft u. s. w.
c) lebenskraft bildlich; ein epigramm 'neuerungen':

was new, ist angenem; wird widrig in der eile,
wann ihm nicht gut und nutz gibt kraft und länger weile.
Logau 3, 6, 67,

'lebensfähigkeit' sagt man da jetzt;

was auszer solchen brüderschaft (bündnis von gleich und gleich),
hat langen taurens keine kraft.
Fleming 369 (287 Lapp.);

lasz die einbildung nicht zu kräften kommen. Weise kl. leute 292.
10) besondre hervorhebung verdient rechtliche kraft eines gesetzes, herkommens, urtheils, einer rechtshandlung u. dgl., eines rechtsanspruchs u. a., vgl. DWB kräftig 3.
a) so aus der mhd. zeit her bis ins nhd.: cheiner witewen mak man cheine morgengâbe gäben, diu kraft habe. Augsb. stadtr.; ob iʒ geschît, dô iʒ kraft hât (rechtskräftig ist). blume von Magdeb. s. 129; und waʒ dâ ertailt (erkannt) wirt, dâ bî sol es belîben und kraft hân. weisth. 4, 489, v. j. 1383; das sol kein kraft haben. 486, v. j. 1413;

so red ich pei des rechten kraft,
das vater und muter und fruntschaft
chein rechte zeugnis megen geben.
si wellen neue recht anheben. fastn. 996, 10, vgl. in kraft unter 15.


b) auch verstärkt kraft und macht u. ä.: (könig Ruprecht) hat dies nachgeschrieben sin testament und letzten willen geordent .. in der besten form (in optima forma), als das denn allerbest craft und macht haben soll oder mag. Janssen Frankfurts reichscorr. 1, 802, v. j. 1410; das auch die selben camergerichts ordnungen .. in craft und macht sein und beleiben sollen. reichstagsabsch. 1500 B 5b; (dasz) ouch sîne ansprôche keine macht adir craft habin sulle. Magdeburger fragen s. 161. Auch, was lehrreich ist, bund und kraft, 'rechtsverbindliche kraft' Behrend Magdeburger fragen s. 251b: ab der brîf nicht bund unde craft sulde habin. das. s. 70 (in einer hs. kraft und macht); ab nu nicht dy vorsaczunge mer vorgang, bund und craft habin sulle. (var. bund, craft und macht). 161. dazu stimmt 'kräftig und bündig' band 2, 521, und das dort unerklärte bündig stammt von diesem bund, d. i. bindende kraft.
c) wieder auch im pl.: daʒ auch alle und iede urtailen und process, durch die acht beisitzer .. gesprochen und ausgangen, bei wirden und kreften sein und beleiben sollen. reichsabsch. 1500 B 6b; dasz all und jede ordnung, beschlusz und abschid, zu vordern reichs tagen unsers regiments gemacht und aufgericht, so hierinn nit geendert sind, in kreften und wesen hinfuro auch sein und beleiben söllen. D 4b;

mich denkt die liebe zeit, dasz nichts bei kräften blieb,
was nicht Cleopatra selbsthändig unterschrieb.
Lohenstein Cleop. 41, 263;

so bleibt ein solches .. testament dannoch bei seinen kräften. Mainzer landrecht 1755 tit. xiii § 9.
d) es ist jetzt auf gewisse wendungen beschränkt. denn ein gesetz hat kraft oder gewinnt kraft sagt niemand mehr, wol aber es hat rückwirkende kraft, hat noch volle kraft u. ä.; lieber mit in (wie schon unter c): das gesetz, die bestimmung ist noch in kraft, ebenso in kraft bleiben, in kraft treten, setzen (gegensatz auszer kraft), früher auch einfacher gehen: das urtheil soll nach ordnung der gemeinen rechte in seine endliche kraft gehen, das geendete und in kraft ergangene recht. Frisch 1, 541c als jurist. deutsch, in wirksamkeit treten (zugleich nach 11, b); ob dieselbe (älteren urtheile) auch noch in kraft sollen gehen und gehalten werden? weisth. 3, 301. alterthümlich bei Schiller:

viel alte wappenbücher schlug ich nach,
und alle kundige, die ich befragte,
bestätigten mir eures anspruchs kraft. 410b.


e) diesz weiter angewandt auf andere gebiete: diese auslegung gewinnt um so mehr kraft, als doch ... Göthe 39, 157.
11) es weicht mehrfach in benachbarte begriffe aus.
a) erscheinung der kraft, wirkung, schon oben wären viele fälle auch so aufzufassen, z. b. kurze red hat blitzes kraft (9, a): daʒ (steinbrech) ist an kraft haiʒ und trucken. Megenberg 420, 34 (s. DWB kalt 3), und so sehr oft;

fucht und kalt bin ich (planet Venus) mit kraft. planetenb. d. 15. jh., s. sp. 78 mitte;

[Bd. 11, Sp. 1941]


eaelestis vis, göttliche würkung und kraft. Frisius 1389a; oder anders es (das mittel) wird kein kraft noch würkung haben. Fischart bien. 1588 271a;

dein werk, das zwahr der neid und unverstand vernichtet,
jedoch ohn' alle kraft.
Rist Parn. 681;

die hitze ist eine kraft (wirkung) des feuers. Rädlein; wegen der vortrefflichen kraft, welche es (das horn des thieres) wieder das gift ... wirke. Ettner med. maulaffe 350;

wahrheit hat ein redend leben,
dessen kraft kein witz ersann.
Haller 239;

unglücklicher! ist dies nun meiner lehren kraft?
J. E. Schlegel 1, 267;

es sind nicht immer die vorzüglichsten menschen (die dämonischen naturen) .. aber eine ungeheure kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche gewalt über alle geschöpfe. Göthe 48, 179;

o gott, gib meiner rede kraft!
Schiller 427b.


b) ähnlich kraft für verwirklichung: wann du nicht .. alsbald deinem wort eine kraft giebest. Simpl. 1, 283, 'nachdruck gibst', der prahlerei die that folgen lässest; die zukunft werde aber den hrn. (dän.) ministre überzeugen, dasz er (Schubart) seinen worten kraft gebe (seine zusage erfülle, Dänemark schonender zu behandeln). herzog Carl in Schubarts leben 2, 346. so nachdruck: das sind blosze worte, kein nachdruck dahinter.
c) fähigkeit, wie kraft zum leben, zum helfen, widerstand, zur that u. a., widerstandskraft, dauerns kraft unter 9, c; s. besonders 3, d. die kraft zu verdauen, auszutreiben, an sich zu ziehen, la vertu ou la faculté digestive, expulsive, attractive. Rädlein. vgl.essende kraft unter 4, a, α.
d) art, wesen, natur, wie gr. δύναμις, und wie lat. 'vis et natura' zu éinem begriffe verbunden werden:

wie wahnhaft ihr umwanktet (vor der aufklärung)
der dinge sein und kraft.
Voss (1825) 3, 217;

lebt' in uns nicht des gottes eigne kraft,
wie könnt' uns göttliches entzücken?
Göthe 52, 5 (1850 28, 14).

und so schon im 17. 16. jh.: das lieget nur daran, dasz man die eigenschaft des dactyli recht begreift, und was für ein wesen und kraft in seinen dreien stücken bestehe, recht einnehme. Köhlers kunst über alle k. 94, 15, wie sein und kraft bei Voss; ich verstunde nicht, was das ablas war ... weil ich aller ding nicht wuste was sein kraft were, hette ichs gerne von andern erlernet. Luther 1, 4b, eigentliche bedeutung, begriff (nicht wirkung). Dasypodius setzt es kurzweg mit als erklärung von natura, 'die natur, eigenschaft oder kraft' 148a, und kraft erklärt er mit natura, efficacia, virtus 367a. vergl. oben 'fünfte kraft' gleich 'quinta essentia' 4, c, γ. früher so art.
e) dem ähnlich kraft der wörter, begriffe, d. i. bedeutung, gehalt, wert, wie δύναμις, vis oder 'vis et potestas': ethimologia, eigenschaft vel kraft des wortz. Melber var. h 4b, genauer 'eigentliche bedeutung', wahres wesen; verborum vis, kraft und vermögen der worten. Frisius 1389a. und nicht blosz in wörterbüchern: vornimt (d. h. versteht, faszt) man denne der worter kraft nicht, sô wirt betrûbit der sin. N. Wurm blume von Magdeburg s. 164, in einer weisung, die worte des gegners scharf aufzufassen; der bemelte name Schemhamphoras sei dér kraft und wirkung gewest ... Ayrer proc. 2, 5.
f) wert, gehalt, von andern dingen:

was wir anjetzund kennen (vom jenseits),
hat weder art noch kraft
und ist ein traum zu nennen
der rechten wissenschaft.
Opitz 2, 118,

wie 'hat keine art', taugt nichts (1, 572); vgl. 4, b a. e.
g) stärke, grösze: so rufe ich alle mit unglük betroffene menschen auf den renplaz dises laufs der welt, si mit den kräften meines unglüks dahin (an) zu halten, das si bekennen, es sei keiner unglükseliger als ich. Butschky kanzl. 651, mit meinem 'gewaltigen' unglück. ähnlich mhd. jâmers kraft Parz. 92, 6, kumbers kraft 431, 8, man sehe dazu kräftig 4.
h) eigen selbst kraft kurz für kräftigung:

und wartete, bis ihm zur kraft
die mutter nudeln (klösze) gab.
Schubart 3, 77 (der schneider).


12) mhd. galt auch eine jetzt verschwundene bed. menge, fülle, hauptsächlich von einem heere, kriegern, helden, woraus wol diese bed. sich entwickelte (vgl. 8), aber auch von gut, reichthum, vorräten aller art, wie lat. copia und merkw. selbst vis beides bezeichnet (z. b. magna vis auri et argenti). ganz ebenso in beiden bed. mhd. magen, eig. kraft, und maht (z. b. Alex. 2942

[Bd. 11, Sp. 1942]


Weism., livl. chr. 2173. 2181. 2233. 2463, Haupt 11, 497, 192), sodasz es ganz heimisch erscheint, nicht übersetzt aus dem lat.; kraft galt übrigens schon ahd. so, auch ags., aber auch nhd. noch in resten im 16. jh.
a) von streitkräften, copiae:

Turgöwer mit ir ritterschaft
kamen da hin mit ir kraft.
Lenz Schwab. 63b;

wurden die fursten und herren (acc.)
manen und zemen keren (vereinigen)
so gar mit groszer craft. 63a u. ö.

daher heereskraft, noch jetzt in geltung:

er wolt mit heres krafte
holen (abholen) die liebsten tochter sein.
Haupt 8, 497;

die dorften sich mit höres kraft
wider den kaiser setzen.
Körners hist. volksl. 185.


b) auch noch von fülle des gutes, reichthums (vgl. 6, c): gelts kraft haben. Katzip. Q 8b (goldes macht wunderh. 2, 281);

drum sie darusz gelts kraft hand bracht (gewonnen).
Schades sat. u. pasqu. 2, 222;

so wird der allmechtige und rechte erzmacher dir golds kraft und reiche goldseifen bescheren. Mathesius Sar. 5b; Ophir, da man golds kraft auszbracht. 18b; Aser wird ein bergkmann sein und eisen und kupfers kraft machen. 2b, u. o., also selbst in prosa noch. daher selbst kraft schlechthin, gleich vermögen:

der alt (kaufmann) der hett gelebt in groszer kraft
und bracht zusammen groszes gut. Ambr. liederb. 138, 6 (anz. des germ. mus. 1862 sp. 359);

so noch nnl. kracht reichthum, vermögen.
c) daher selbst noch im vorigen jh. in juristischem deutsch, im Mainzer landr. von 1755 tit. xv § 2 die kräften der verlassenschaft, die kräften der erbschaft für activüberschusz, das nach abzug der passiva übrig bleibende wirkliche vermögen.
13) kraft umschreibend.
Seit der erneuten einwirkung der antiken literatur im 18. jh. findet sich bei dichtern eine dem griech.-lat. nachgeahmte umschreibung mit kraft, die doch jetzt wieder zurückgetreten erscheint; freilich kommt auch dabei der geschmack leicht in die klemme, wie bei nachahmern immer.
a) auch davon übrigens hatte eigner weise die mhd. dichtung ein selbständiges seitenstück, das noch genauerer beobachtung bedarf, z. b. des alters kraft Barl. 32, 40 für das alter, der witze kraft Parz. 117, 27, starker verstand, klugheit, ungemüetes kraft g. Gerh. 6576 u. a. (s. wb. 1, 871a, 37), und oft stimmt der mhd. ausdruck genau zu der gr.-lat. umschreibung, z. b. mit der rosse kraft (anstürmen) Stricker Karl 7921, und ganz wie bei Homer daʒ Herwîges ellen Gudr. 655, 2, d. i. Herwig mit seiner heldenkraft (es ist aber eben nicht von einer kraftthat die rede), wie κρατερὴ ς δυσῆος u. ä.
b) und das musz sich ins 14. 15. jh., vielleicht länger fortgesetzt haben; ich habe nur ein unsicheres beispiel aus dem 15. jh. (doch s. auch Grob unter 15, b am ende):

hat er des weines kraft genossen,
so streit er knlich. altd. bl. 1, 410,

es könnte auch nach 12 'menge' gemeint sein, obwol da vielleicht nach mhd. art die kraft gesagt wäre. lateinischem vorbilde ist ähnliches bei den dichtern des 17. jh. zuzuschreiben:

wie wenn das wetter blitzet ...
die steinern' eiche spällt, der fichten kraft zerbricht.
Fleming 197 (182 Lapp.).


c) aber der bewunderung des homerischen umschreibenden ἴς, βίη, σθένος, μένος mit gen. entstammt folgendes.
α) von helden, kräftigen menschen, thieren u. ä.:

so lang des vaters kraft vor Troja stritt.
Göthe 9, 38 (Iphig. 2, 2);

ihm antwortet die heilige kraft des inselgebieters.
Kosegarten poes. 1, 129;

herrschte die heilige kraft des helden Ritogar. 2, 8,

das ist eben nicht mehr deutsch, sondern griechisch in deutscher verkleidung, wers voll genieszen, ja verstehn will, übersetzt sichs in gedanken in ἱερὴ ἴς ...;

als die hohe kraft von Ilios
umlagert stand und fiel.
Göthe 41, 191 (Faust 2. th., 3. act);

abgemessen knüpften sie drauf an die wage mit saubern
stricken die rasche kraft der leicht hinziehenden pferde. 40, 283 (Herm. u. Dor.);

wahrlich, wäre die kraft der deutschen jugend beisammen
an der gränze ... 40, 268,

das stimmt zugleich ganz zu dem gebrauch unter 12;

zu ihm hinauf gesandt hab ich alsbald
des raschen boten jugendliche kraft.
Schiller 508b (braut v. Mess.).

[Bd. 11, Sp. 1943]



β) aber auch von dingen, auch solchen die nicht unmittelbar uns das bild einer kraftäuszerung vorführen, in der wir ihr wesen fassen können:

reich uns des erzes kraft,
spitzig, nach hinten breit (d. i. ein speereisen).
Göthe 40, 385 (Pandora 1);

sie hat der leier zarte saiten,
doch nie des bogens kraft gespannt.
Schiller 58a;

des herrlich nickenden kornes,
das mit goldener kraft sich im ganzen gefilde bewegte.
Göthe 40, 266 (Herm. u. Dor.);

links die kraft
des regen (bewegten) weizens.
Kosegarten poes. 1, 93;

unter des grünen
blühender kraft
naschen die bienen
summend am saft.
Göthe 1, 90 (frühzeitiger frühling, um 1800);

angesiedelt an des hügels kraft. 41, 321;

von hoher eichenkraft umlaubt. 41, 148.


γ) in folg. stimmt die wendung mit einer an sich natürlichen auffassung überein:

jetzo mit der kraft des stranges
wiegt die glock' mir aus der gruft.
Schiller 80a;

und wüthend mit des schweifes kraft
hat es zur erde mich gerafft. 66b.

zu mhd. wendungen aber, wie ungemüetes kraft, jâmers kraft, stimmt schmerzes kraft für gewaltiger schmerz bei Schiller:

da weint ich nicht, nicht in unmächtgen thränen
gosz ich die kraft des heiszen schmerzens aus. 527b (Tell).


14) biblischen anlasz hat kraft für erzeugnis der kraft.
a) kraft für kind der kraft (vgl. 11, a): derselbe ist seine erste kraft, und der ersten geburt recht ist sein. 5 Mos. 21, 17; Ruben, mein erster son, du bist meine kraft und meine erste macht. 1 Mos. 49, 3; daneben war ich die erste kraft meines vaters. der arme mann im Togg. 7.
b) ähnlich heiszt die frucht die kraft des baumes:

eszt ir von dises holzes kraft (sagt die schlange zu Eva),
als götter wert ir wissenhaft.
Schwarzenberg 99b,

wie Menas (eine mänade) etwan thut, die laub und kraft der reben (wein)
ganz ümm und in sich hat.
Fleming 106 (177, 41 Lapp.).


15) kraft mit gen., gleich einer praeposition gebraucht. es ist, wie oft, nichts als kürzung einer wendung mit praepos., z. b. 'ende 13. jh.' aus am ende, wegen aus von wegen, laut aus nach laut, vgl. DWB trotz, DWB inhalts u. a.
a) mhd. war von bei kraft beliebt, z. b.

suln die daran erwinden (am rauben und stehlen),
daʒ muoʒ (kann nur) geschehen von starker galgen kraft.
Reinm. v. Zweter MS. 2, 138a.

auch mit findet sich, z. b. mit sturmes craft (eine stadt nehmen) Wilwolt von Schaumburg 42. und bei, s. z. b. bei des rechten kraft unter 10, a. am gewöhnlichsten aber sind nhd. folg.
b) 'durch kraft' früher gleich stärkerm durch, mittels (wie lat. ope): und asz und trank und gieng durch kraft der selben speise vierzig tage. 1 kön. 19, 8; die heiden zum gehorsam zu bringen durch wort und werk, durch kraft der zeichen und wunder und durch kraft des geistes gottes. Röm. 15, 19;

wer samlet gut durch liegens kraft (durch betrug). hasenjagd 55;

durch meine, nicht durch feuers kraft.
Uhland ged. 382.

Anders im folg., in Grobs ausreden:

hiemit die schützen der eidgnoschaft
ermane ich durch liebes kraft,
sich z'üben dapfer mit dem schieszen.
Haupt 3, 265. 243,

es ist das durch, das (wie lat. per) bei beschwörung, anrufung steht, zu liebes für liebe s. sp. 1932 unten kraft übrigens erscheint da als die umschreibung unter 13.
c) aus kraft (auch diesz schon mhd., z. b. ûʒ zornes kraft): actor. 15. gebieten sie (die apostel) aus kraft des heiligen geists, das man solle meiden götzenopfer. Luther 3, 518b, im auftrag, durch ermächtigung, mit vollmacht, vermöge (nach kraft 6, a a. e.), vgl. DWB so musz freilich sein leib da sein im abendmal, aus kraft nicht unsers sprechens, sondern seines befelhs, heiszens und wirkens. 3, 446a; das im solliche gnad des trostes nit ausz kraft seiner verdienst oder dürres gebettes .. zgestanden sei. Keisersberg irr. schaf E 4a; ausz kraft der genugthung und bezahlung Christi. Fischart bien. 95a (102a); ausz kraft der decreten. 1588 49b. 50a, bei Marnix ut de cracht; ausz kraft der segnung. 91b.

[Bd. 11, Sp. 1944]



d) in kraft, dän. schwed. i kraft (nl. uit kracht, franz. en vigueur): verbinden, verpflihten und verstricken uns also hiemit und in kraft disz briefs. reichsabsch. 1500 B ijb; der, so wir an unser stat setzen werden, und das gedacht reichs regiment söllen auch gewalt haben, den wir inen hiemit geben in kraft disz abschids. D ija u. o.; in craft volmechtigs gewalts. beschlusz des reichsreg. 1501 2, 92; auch haben wir uns fürgenomen zu verkünden allen und jeden christgleubigen in kraft dieser schrift. päpstl. bulle bei Luther 3, 93b; nicht anders denn in kraft und umb des weins willen. 3, 495b, vermöge; als werde durch solch sprechen oder in kraft derselben wort etwas sonderlichs aus der taufe (dem taufwasser). 6, 281b; so man ritter, ehe und zuvor die schlachten angehen, machet, anderst nirgend umb, dan dasz sie sich vor andern in kraft ihrer ritterschaft wehren und halten sollen. Philander 2, 418 (1650); die nicht durch fleisz und übung politisch worden, sondern in kraft ihres eigenen verstandes. Butschky Patm. 501; was sie nicht sowol nach dem naturrecht als in kraft älterer verträge zu fordern vollkommen berechtiget waren. Wieland 2, 109 (Agath. 8, 2); nicht etwa in kraft eines auszerordentlichen scharfsinns. ders., Abderiten 3, 3 (1781 1, 297), vermöge; dieser wackere mann hatte sich, in kraft der millionen die er .. gewann, ein prächtiges haus gebaut. ders. (1857) 35, 22;

und stets der liebste,
ohn ansehn der geburt, in kraft allein
des rings, das haupt, der fürst des hauses werde.
Lessing 2, 277;

in kraft dieses angemaszten rechts ... gab Ferdinand die entscheidung. Schiller 917b; was er uns nur in kraft ihrer sendung und salbung mittheilen kann. Göthe an Zelter 1, 377; wäre er dennoch verbunden geblieben ... laut und in kraft seines ersten eides. Fichte 6, 201. jetzt fast vergessen über folg., Adelung nennt es oberd.
e) endlich bloszes kraft, schon im 16. jh., vermöge, in folge, laut, vermittelst, durch: wie wir ihnen denn hiemit kraft dieses abschieds auch auferlegen und bevelhen ... absch. des reichstags Augsb. 1566 4b, sonst in kraft; das land Schlesien, darinnen eu. fürstl. gnad kraft habender königlichen gewalt das oberhaupt ist. Opitz 1, 461;

das wilde meer hat selbst vor dir geeilt,
du hast es ganz getrennt kraft deiner werke. 4, 142,

so reisz mich aus den ängsten
kraft deiner angst und pein.
P. Gerhard 'o haupt voll bl. u. w.' str. 9;

wir haben kraft des siegs macht satzungen zu stiften.
A. Gryphius 1, 298;

drauf spricht er: kraft der kunst, die ich als arzt besitze,
bemerk ich hier den durst, ein zeichen böser art.
Hagedorn 2, 97;

kraft der unveränderlichen gesetze der natur. Wieland 1, 252; erbfolge, kraft deren er nach seines vaters tode den thron bestieg. 3, 119;

die gute frau stand in dem ganzen refier,
kraft eines manuskripts voll salben und kräutertränken,
in groszem ruf. 5, 106;

kraft seiner menschenrechte. 8, 277; frau v. Lengefeld mit ihren beiden töchtern und hr. v. Beulwiz aus Rudolstadt werden dir, lieber bruder, kraft dieses empfohlen. Göthe an Lavater 156, mittelst dieses schreibens, hiermit; die freiheit des gemüthes, kraft welcher allein die wahre rührung möglich wird. werke 45, 222;

kraft der laute, die ich rühmlich schlug,
kraft der zweige, die mein haupt umwinden,
darf ich dir ein hohes wort verkünden ...
Bürger (an A. W. Schlegel) 84a,

ich aber künde dir, kraft der gewalt,
die mir verliehen ist zu lösen und zu binden,
erlassung an von allen deinen sünden.
Schiller 443b;

bis sie durch ein versprechen sich gebunden,
kraft ihres königlichen arms zu meiner
genugthuung den thäter mir zu stellen. 286a;

'kraft meines amts', berufung eines beamten, kraft des gesetzes, ex lege Frisch, kraft meines rechts. man beruft sich damit auf die kraft eines gesetzes, rechts, s. 10, und schon das dort angeführte 'bei des rechten kraft' (15. jh.) ist zugleich 'kraft des rechts'. auch urkunde war schon im 14. jh. so gebraucht: so bekennen wir orkunde dissis briefes. Janssen Frankf. reichscorr. 1, 40, vom j. 1397.
f) früher auch im pl.: in kuniglicher mechtevolkomenheit und kreften ditz briefs. königl. erlasz von 1385, Nürnb. chron. 1, 240, 25, das in scheint mit zu kreften zu gehören.

[Bd. 11, Sp. 1945]



16) bemerkenswert 'kraft schwören':

die schwuren craft, macht, leben ...
sie welten ...
Lenz Schwabenkrieg 108a,

wie stein und bein schwören, für 'bei stein und bein'; das klingt alt. noch niederrh. 'krütz en kraft schwäre (nl. kris en kras), stein und bein schwören'. Aach. mundart 132.
 
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kraftadel, m.kraftadelich,adj., in neuester zeit in Baiern gebildet, um die altbairische volksart zu bezeichnen als durch unverdorbene naturkraft gleichsam geadelt.
 
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kraftader, f. pulsader, mhd., und wol noch später.
 
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kraftalter, n. das kraftalter der jugend. J. Paul friedenpr. 42 anm.
 
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kraftanstrengung, f. intentio virium: jene kraftanstrengung Frankreichs. Dahlmann franz. rev. 78.
 
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kraftanwendung, f. ähnlich wie kraftaufwand. Herder.

dem ringe nach! es kann mit rechter kraftanwendung
der mensch auf jeder stuf' erreichen die vollendung.
Rückert w. d. br. 19, 35.


 
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kraftarzenei, f. kräftige, kräftigende arzenei. M. Kramer.

 

kraft
   I.  Formen, ursprung, flexion.
      1)  die formen sind
         a)  ahd. chraft, mhd. kraft; auch dänisch norw. schwed. kraft f., deutlich unter deutschem einflusse, denn altn. hiesz es kraptr m. oder krapti m.; auch ags. cräft m., engl. craft (doch nur noch als fertigkeit, handwerk, list).
         b)  nd. und nl. kracht, kragt wie lucht, lugt für luft u. a.; doch nd. auch noch kraft, wie alts. craft, das aber schon als craht vorkommt (Hel. 2, 3 Schm.). übrigens erscheint diesz nd. kracht früher auch
         c)  besondere erwähnung verdient das geschlecht, das zwischen m. und f. getheilt ist. jenes gehört dem ags. altn. an, dieses dem hd.; das räumlich in der mitte liegende alts. aber nahm auch eine vermittelnde haltung ein, denn sein craft war sowol f. als m. vgl. übrigens den hd.
      2)  ursprung und verwandtschaft.
         a)  die stammlaute sind, hd. gefaszt, kraf oder auch krapf (zur bildung kraf-t vgl. Grimm
         b)  ein ganz alter sprosz des stammworts, unserm kraft nächstverwandt, findet sich vielleicht in folg.: eine glosse des 15. jahrh. gibt teagra (f. creagra), furca, crapft Mones
         c)  auch Kraft als mannsname (eig. starker mann, held?) steht vielleicht dem stammbegriffe nahe, schon ahd. Chraft, mhd. Kraft, Craft (z. b. Haupt 8, 238, altd. bl. 2, 97), demin. md. Creftichin Höfer
         d)  fragweise seien auch erwähnt isl. kræfr fortis, robustus Biörn 1, 480a (das übrigens einen eigenen kelt. anklang hat in craff, cref u. a., fortis, firmus, s. Kuhns
      3)  das nhd. kraft hat einige eigenheiten in der form.
         a)  der pl. hatte lange eigner weise auch schwache form, kräften: und da sie one reden lag und keiner kreften da entpflag. Büheler
         b)  ahd. hiesz der gen. und dat. sg. chrefti, daher mhd. krefte (neben kraft), und davon ein rest noch im 16. jh.: darin hat es ein warmes bad, das ist von groszer kräfte.
         c)  endlich ein merkwürdiger gen. kraftes: die bawren namen ihre wehr und theten da mit kraftes heer wol für das haus hinziehen.
   II.  Gebrauch und bedeutung.
      1)  kraft des armes, muskelkraft, leibeskraft, körperkraft, manneskraft, heldenkraft, riesenkraft u. s. w.
         a)  im sing.,
            α)  es schmidet einer das eisen in der zangen .. und erbeitet dran mit ganzer kraft seines arms.
            β)  wer schwach oder ohnmächtig wird, 'verliert seine kraft' u. ä.: erschrack .. das keine kraft mehr in ihm war.
            γ)  natürlich auch von thieren: das er (der adler) fahet, friszt er nit zuhand ... sunder holt vor (vorher) sein kraft wider. Frank
            δ)  kraft und stärke erscheinen auch zusammen. von zwei gleich starken kämpfern heiszt es mit einer art begriffsspiel (vgl. unter knoblauch 2, b): diu kraft vaht gegen der sterke.
         b)  aber gern verstärkt im plural, wie lat. vires auch, es wird urspr. gedacht sein, als hätte jedes glied seine eigne kraft.
            α)  so nhd. vielfach, auch schon mhd., ahd. (s. Otfried u. β): der getoufte nam an kreften zuo.
            β)  wie ernstlich diese mehrheit von kräften eigentlich gemeint ist, das zeigen wendungen mit 'alle kräfte', wie z. b. alle seine kräfte zusammen nehmen, von höchster anstrengung. so besonders aus, von, mit allen kräften, sinnlich wie auch in allerlei weise bildlich:
            γ)  übrigens gilt ebenso der sg., mit aller kraft, mit ganzer kraft u. ä.; er verwunderte sich .. dasz ich von poesie nichts wissen wolle, dagegen auf naturbetrachtungen mich mit ganzer kraft zu werfen schien. Göthe 30, 158. früher auch mit adverbialischem gen.: nach
         c)  eignerweise werden auch bestimmt vier kräfte genannt, 'von allen vier kräften': sein pferd lief von allen vier kräften. Philander
         d)  natürlich auch kraft des hiebes, schlages, wurfes, schusses, stoszes, druckes (unter umständen auch gewalt, macht, stärke), kraft der stimme, des tons und worin sonst die kraft (des menschen u. a.) sich äuszert: der (gesang) schallte recht, und seine
         e)  kraft schlechtweg für zeugungskraft (wie lat. vis, vires): gnêdiger herre, ich entsebe an mir sulche kraft unde macht ... ich wel mîn wîp selbis trûte. Ködiz
      2)  mehr ins seelische übergehend, kraft der ganzen persönlichkeit, lebenskraft, jugendkraft, spannkraft, thatkraft, arbeitskraft, urkraft, vollkraft, als äuszerung der natur, naturkraft. hier sind stärke oder macht oder gewalt unbrauchbar, die sämtlich nicht die innerlichkeit gewonnen haben wie kraft, das mit seinem begriffe
         a)  als lebenskraft, naturkraft, jugendkraft: daher entsteht in ihm (dem weisen), wenn kraft und blut verrauschen, kein widerwärtger gram, die erde zu vertauschen. Günther 499; seine kraft war gebrochen, die hoffnung floh ihn, er sah keine
         b)  als thatkraft, wirkende oder strebende kraft: du solt alwegen in (an) deiner craft verzweifel (so), und dein craft setzen z gott. Keisersberg
         c)  daher mit zu zur bezeichnung des zieles: ich fühle kraft zu kühnem fleisz. Göthe 41, 257; des groszen wink im tiefsten marke spüren, gedanken rastlos ohne kraft zum werke. Eichendorf
         d)  auch mit gen.: widerstandskraft, kraft zum widerstehen, kraft der ausdauer. anders glaubenskraft, die der glaube gibt, ebenso kraft der begeisterung, der angst, der verzweiflung, die die verzweiflung gibt: die verzweiflung gab kräfte, und die deutsche freiheit erhob sich aus Magdeburgs asche. Schiller
      3)  endlich vom leiblichen sich lösend gemütskraft, seelenkraft, geisteskraft, mit verschiedner schattierung des begriffs, die auch weiterhin sich geltend macht und die scharf zu scheiden unthunlich ist, hauptsächlich theils als kraftvoller zustand, theils als fähigkeit oder trieb zu einer wirkung, entsprechend der unter 2 gemachten theilung a
         a)  im sing.: die meister (gelehrten) sprechent ouch bî, daʒ diu sêle im hirne sî. si ist über al im lîbe, und doch in der hirnschîbe ist si mit der besten kraft. Teichner
         b)  wieder auch im plur., wie unter 1, b (s. dort schon Otfried u. a. 'mit allen kräften'): also solt auch du alle deine kreft zsamen berfen und dich sperren (wider die anfechtung). Keisersberg
         c)  einzelne kräfte besonders benannt.
            α)  schon das 15. jh. benannte eine reihe besonderer seelen- und geisteskräfte, nach den kunstausdrücken haupts. der scholastischen philosophie, z. b. in vocabularien: vis concupiscibilis, begernde, begerliche, girige kraft, vis apprehensiva, begreifliche kraft, cognitiva erkentlich, rationalis vernemende, vernunftige, irascibilis zornende, krigende, u.
            β)  nachher sagte man schwerfälliger einbildungskraft (schon 17. jh., z. b. Gerber
            γ)  doch auch noch dichterische, schaffende, schöpferische: die schöpfrische kraft, die .. jedem in einem gewissen grade eigen ist. Lavater
         d)  zuweilen ist diesz kraft ziemlich gleich befähigung, gabe, eigenart, talent, indoles, vgl. 11, c (ebenso gr. δύναμις, kraft, gleich talent): und eine lust ists, wie er alle weckt, wie jede kraft sich ausspricht, jede gabe
      4)  kraft der naturdinge, naturkräfte.
         a)  allen dingen, nicht nur den lebendigen, legte man eine lebendige kraft bei, als äuszerung ihres wesens.
            α)  kräuter wie steine haben eine solche kraft (heilkraft, zauberkraft u. dgl.): krût hât ouch grôʒe kraft .. (er erzählt wie ein wiesel eine schlange mit einem kraute tödtete). waʒ gab der wiseln die wîsheit? daʒ si (die?) kraft an dem krûte wiste .....
            β)  und. wieder auch im pl., z. b. kräfte des weines: dasz der Rheinwein bei seinen kräften kein die edlen eingeweide angreifendes feuer verbirgt (also nicht zu wässern ist), wie wol es ihm sowol diese vermengung als die eisabkühlung zu vertragen an kräften nicht mangelt. Lohenst.
            γ)  lebenskraft im engern sinne zeigt sich in folg. (während unter α mehr nutzbare kraft gemeint ist, vgl. 'kraft der kräuter, vis et effectus herbarum' Aler 1220b): läszt gott durch einen wurm den grünen kürbisz
            δ)  aber die gesamte natur im ganzen und einzelnen hat solche kräfte in sich, als äuszerungen ihres innersten wesens: die kraft der element. weish. Sal. 7, 17, ἐνέργεια; 'kraft und eigenschaft' der elemente Göthe 12, 68, zugleich zu 11,
         b)  von pflanzen gern reimend 'kraft und saft', dänisch kraft og saft (die kraft ist im safte), und diesz vielfach bildlich von allem lebendigen, auch geistigen, sucus et sanguis: die felder alles ihres inhabenden saftes und kraftes berauben. Hohberg 2,
         c)  diese kraft der dinge, als ihr lebensträger, lebenskern, wird durch kunst ausgezogen und dargestellt, vgl. die kraft destillieren Garg. 196a (s. unter 1, e).
            α)  z. b. ador, wisz mel oder craff (s. I, 1, b) des mels. voc. rer. Dief. 13c, wie kern, vgl. kraftmehl; wir können mit der glut aus jedem kraut erzwingen die kraft
            β)  der alte philosophenbegriff quinta essentia (vgl. 4, 573 mitte) wird verdeutscht als 'das fünfte wesen, der saft und kraft eines dings' Kirsch 1, 910a, 'die beste kraft aus einem dinge, so durch die chymie daraus gezogen wird'
            γ)  es heiszt auch 'die fünfte kraft', quintessenz: der balsam, welchen sie (die hyacinthen) aus ihren höhlen düften, ist selbst die fünfte kraft aus reinen himmelslüften. Drollinger 71; diesem nach entstünden die vier
         d)  ähnlich sind die eingeweide als 'kräfte' der seele: viscera ... in quibus est vita ... innerlich kreft .. al kreften der sel. Melber s. v. viscera, Dief. 623a. ja kraft für die eingeweide selbst: solche kraft oder
         e)  kräfte der auszenwelt, oft wie persönlich, gleich mächte, gewalten: und hier schlieszt die natur den ring der ewigen kräfte. Göthe 3, 94; so taumle ich beängstigt, himmel und erde und ihre webenden kräfte um mich her. 16, 76; mögt
      5)  gottes kraft (ahd. mhd. häufig): denn dein ist das reich und die kraft ..
      6)  gleich macht, gewalt, einflusz, vermögen, doch wenig gebraucht (vgl. Keisersberg
         a)  z. b. politisch: kraft, macht und vermögen einer statt, succus civitatis. Maaler 250c, wol zugleich nach 7, die besten als die vertreter der stadt, gleichsam ihr saft und kraft; der könig (Ludwig XVI), der so viele jahre die öffentliche
         b)  gleich einflusz, wirksamkeit: die guten hätten kraft bei ihm behalten, nicht in der schlechten garn wär er gefallen. Schiller 373.
         c)  einzeln auch wie vermögen von geldmitteln, geldkraft (vgl. dazu 12, b): ich aber habe aus allen meinen kreften geschickt zum hause gottes, gold .. silber .. erz u. s. w.
      7)  kraft kurz für den träger der kraft, wie ähnlich schon Claudius vorhin (6, a), und unter 5 von gott, vgl. auch daumkraft, schwingkraft von dingen: und doch ist diesz der
      8)  militärische kräfte, streitkräfte, wie die arbeitskräfte u. 7, doch wird hier noch weniger als dort an die menschen selbst dabei gedacht: York war auf seine eigenen kräfte angewiesen. Droysen
      9)  kraft wird endlich allem zugeschrieben, was eine wirkung erzeugt oder erzeugen kann.
         a)  moralisch.
            α)  mit gen.: ich bannet in (den teufel) mit wortes craft. Rosenblüt,
            β)  mit bezeichnung der wirkung der kraft: doch, was (für was auch, swaʒ) der könig sprach und that, war ohne kraft, mich wieder einzuwiegen. Wieland
            γ)  ebenso mit partic.: o meine freundinn, was nicht lebt, hat keine anziehende kraft. Göthe
         b)  mechanisch.
            α)  allgemein: mit voller segel kraft das weite suchen. Schiller 503a; fort reiszt er (der stern) dich in seines schwunges kraft. 384b; die kraft der kugel war zum glück schon
            β)  die mechanik und ihre hilfswissenschaften sprechen viel von kräften, da heiszt lebendige kraft, die in thätigkeit ist, todte, gehemmte, gebundne; einfache, zusammengesetzte kräfte, das parallelogramm der kräfte (parall. der zusammenwirkenden kräfte Immerm.
            γ)  genauer dampfkraft, wasserkraft, und auch kraft kurzweg (mechanische arbeitskraft): fabriklocale mit kraft .. zu Chemnitz .. für mechanische weberei oder geschäfte welche helles wasser brauchen, zu verpachten. Leipz. zeitung 1866 22. febr., vgl. kraftstuhl. ferner
         c)  lebenskraft bildlich; ein epigramm 'neuerungen': was new, ist angenem; wird widrig in der eile, wann ihm nicht gut und nutz gibt kraft und länger weile. Logau 3, 6, 67, 'lebensfähigkeit' sagt man da
      10)  besondre hervorhebung verdient rechtliche kraft eines gesetzes, herkommens, urtheils, einer rechtshandlung u. dgl., eines rechtsanspruchs u. a., vgl. kräftig 3.
         a)  so aus der mhd. zeit her bis ins nhd.: cheiner witewen mak man cheine morgengâbe gäben, diu kraft habe. Augsb. stadtr.; ob geschît, kraft hât (rechtskräftig ist). blume von Magdeb. s. 129; und waʒ ertailt (erkannt) wirt,
         b)  auch verstärkt kraft und macht u. ä.: (könig Ruprecht) hat dies nachgeschrieben sin testament und letzten willen geordent .. in der besten form (in optima forma), als das denn allerbest craft und macht haben soll oder mag. Janssen
         c)  wieder auch im pl.: daʒ auch alle und iede urtailen und process, durch die acht beisitzer .. gesprochen und ausgangen, bei wirden und kreften sein und beleiben sollen. reichsabsch. 1500 B 6b; dasz all und jede ordnung, beschlusz und abschid, zu vordern reichs tagen unsers
         d)  es ist jetzt auf gewisse wendungen beschränkt. denn ein gesetz hat kraft oder gewinnt kraft sagt niemand mehr, wol aber es hat rückwirkende kraft, hat noch volle kraft u. ä.; lieber mit in (wie schon unter c): das gesetz, die bestimmung ist noch
         e)  diesz weiter angewandt auf andere gebiete: diese auslegung gewinnt um so mehr kraft, als doch ... Göthe 39, 157.
      11)  es weicht mehrfach in benachbarte begriffe aus.
         a)  erscheinung der kraft, wirkung, schon oben wären viele fälle auch so aufzufassen, z. b. kurze red hat blitzes kraft (9, a): daʒ (steinbrech) ist an kraft haiʒ und trucken. Megenberg 420, 34 (s.kalt 3), und so sehr
         b)  ähnlich kraft für verwirklichung: wann du nicht .. alsbald deinem wort eine kraft giebest. Simpl. 1, 283, 'nachdruck gibst', der prahlerei die that folgen lässest; die zukunft werde aber den hrn. (dän.) ministre überzeugen, dasz er (Schubart) seinen
         c)  fähigkeit, wie kraft zum leben, zum helfen, widerstand, zur that u. a., widerstandskraft, dauerns kraft unter 9, c; s. besonders 3, d. die kraft zu verdauen, auszutreiben, an sich zu ziehen, la vertu ou la faculté digestive, expulsive, attractive. Rädlein. vgl.
         d)  art, wesen, natur, wie gr. δύναμις, und wie lat. 'vis et natura' zu éinem begriffe verbunden werden: wie wahnhaft ihr umwanktet (vor der aufklärung) der dinge sein und kraft. Voss (1825) 3,
         e)  dem ähnlich kraft der wörter, begriffe, d. i. bedeutung, gehalt, wert, wie δύναμις, vis oder 'vis et potestas': ethimologia, eigenschaft vel kraft des wortz. Melber
         f)  wert, gehalt, von andern dingen: was wir anjetzund kennen (vom jenseits), hat weder art noch kraft und ist ein traum zu nennen der rechten wissenschaft. Opitz 2, 118, wie 'hat
         g)  stärke, grösze: so rufe ich alle mit unglük betroffene menschen auf den renplaz dises laufs der welt, si mit den kräften meines unglüks dahin (an) zu halten, das si bekennen, es sei keiner unglükseliger als ich. Butschky
         h)  eigen selbst kraft kurz für kräftigung: und wartete, bis ihm zur kraft die mutter nudeln (klösze) gab. Schubart 3, 77 (der schneider).
      12)  mhd. galt auch eine jetzt verschwundene bed. menge, fülle, hauptsächlich von einem heere, kriegern, helden, woraus wol diese bed. sich entwickelte (vgl. 8), aber auch von gut, reichthum, vorräten aller art, wie lat. copia und merkw. selbst vis beides bezeichnet (z.
         a)  von streitkräften, copiae: Turgöwer mit ir ritterschaft kamen da hin mit ir kraft. Lenz
         b)  auch noch von fülle des gutes, reichthums (vgl. 6, c): gelts kraft haben. Katzip. Q 8b (goldes macht wunderh. 2, 281); drum sie darusz gelts kraft hand bracht (gewonnen). Schades
         c)  daher selbst noch im vorigen jh. in juristischem deutsch, im Mainzer landr. von 1755 tit. xv § 2 die kräften der verlassenschaft, die kräften der erbschaft für activüberschusz, das nach abzug der passiva übrig bleibende wirkliche vermögen.
      13)  kraft umschreibend.
         a)  auch davon übrigens hatte eigner weise die mhd. dichtung ein selbständiges seitenstück, das noch genauerer beobachtung bedarf, z. b. des alters kraft Barl. 32, 40 für das alter, der witze kraft Parz. 117, 27, starker verstand, klugheit, ungemüetes kraft g. Gerh. 6576
         b)  und das musz sich ins 14. 15. jh., vielleicht länger fortgesetzt haben; ich habe nur ein unsicheres beispiel aus dem 15. jh. (doch s. auch Grob
         c)  aber der bewunderung des homerischen umschreibenden ἴς, βίη, σθένος, μένος mit gen. entstammt folgendes.
            α)  von helden, kräftigen menschen, thieren u. ä.: so lang des vaters kraft vor Troja stritt. Göthe 9, 38 (Iphig. 2, 2); ihm antwortet die heilige kraft des inselgebieters. Kosegarten
            β)  aber auch von dingen, auch solchen die nicht unmittelbar uns das bild einer kraftäuszerung vorführen, in der wir ihr wesen fassen können: reich uns des erzes kraft, spitzig, nach hinten breit (d. i. ein speereisen). Göthe 40,
            γ)  in folg. stimmt die wendung mit einer an sich natürlichen auffassung überein: jetzo mit der kraft des stranges wiegt die glock' mir aus der gruft. Schiller 80a; und wüthend mit des schweifes kraft
      14)  biblischen anlasz hat kraft für erzeugnis der kraft.
         a)  kraft für kind der kraft (vgl. 11, a): derselbe ist seine erste kraft, und der ersten geburt recht ist sein.
         b)  ähnlich heiszt die frucht die kraft des baumes: eszt ir von dises holzes kraft (sagt die schlange zu Eva), als götter wert ir wissenhaft. Schwarzenberg 99b, wie Menas (eine
      15)  kraft mit gen., gleich einer praeposition gebraucht. es ist, wie oft, nichts als kürzung einer wendung mit praepos., z. b. 'ende 13. jh.' aus am ende, wegen aus von wegen, laut aus nach laut, vgl.trotz,
         a)  mhd. war von bei kraft beliebt, z. b. suln die daran erwinden (am rauben und stehlen), daʒ muoʒ (kann nur) geschehen von starker galgen kraft. Reinm. v. Zweter
         b)  'durch kraft' früher gleich stärkerm durch, mittels (wie lat. ope): und asz und trank und gieng durch kraft der selben speise vierzig tage.
         c)  aus kraft (auch diesz schon mhd., z. b. ûʒ zornes kraft): actor. 15. gebieten sie (die apostel) aus kraft des heiligen geists, das man solle meiden götzenopfer. Luther 3, 518b, im auftrag, durch ermächtigung, mit vollmacht, vermöge (nach kraft 6,
         d)  in kraft, dän. schwed. i kraft (nl. uit kracht, franz. en vigueur): verbinden, verpflihten und verstricken uns also hiemit und in kraft disz briefs. reichsabsch. 1500 B ijb; der, so wir an unser stat setzen werden, und das gedacht reichs regiment söllen auch
         e)  endlich bloszes kraft, schon im 16. jh., vermöge, in folge, laut, vermittelst, durch: wie wir ihnen denn hiemit kraft dieses abschieds auch auferlegen und bevelhen ... absch. des reichstags Augsb. 1566 4b, sonst in kraft; das land Schlesien, darinnen eu. fürstl. gnad
         f)  früher auch im pl.: in kuniglicher mechtevolkomenheit und kreften ditz briefs. königl. erlasz von 1385, Nürnb. chron. 1, 240, 25, das in scheint mit zu kreften zu gehören.
      16)  bemerkenswert 'kraft schwören': die schwuren craft, macht, leben ... sie welten ... Lenz