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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
arkelei bis armartig (Bd. 1, Sp. 551 bis 556)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) arkelei, f. machinae bellicae, in büchern des 16, auch noch 17 jh., zumal bei Fronsp. kriegsb. 1, 21b, von feuerw. 16a und Reutter 139; Hortleder s. 590 schreibt arkelerei, s. 601 arthalerei, Wurstisen Basel. chron. ad a. 1499 artelarei, Fischart Garg. 201a arkeleiwagen, Stieler 52 arkelei, nach Schmeller 1, 106 noch ein wörterb. von 1735. später kam dafür artollerie, artillerie in gebrauch, dessen ursprung selbst dunkel bleibt. man hat arkelei gedeutet aus lat. arcuarius, arcualis, weil die bogen sonst den hauptbestandtheil des kriegsgeräths bildeten; desto eher sollte man das wort im 15. 14 jh. erwarten, wo es doch noch nicht aufgefunden ist. wegen artillerie vgl. Ducange unter artillaria, beide formen sind undeutsch.
 
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ärker, m. s. DWB erker.
 
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arl, f. culter aratri, noch heute in Steier und Kärnten gangbar, könnte zwar dem sl. n. oralo, ralo aratrum nachgebildet sein, ihm aber auch von alter zeit an entsprechen und der deutschen wurzel arjan zufallen. die laute arl und ralo verhalten sich wie arbeit rabota, arm ramo. mhd. nemt die arl in die hant. Haupt 2, 88.
 
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arlas, m. pannus arelatensis, ein zu Arles in Burgund gewebtes zeug: parchat, arlas und satin. H. Sachs 5, 380d; tren dem pfaffen sein futer aus dem rock, es sei pelz oder arlas, und mach dir ein underrock daraus. de fide concubinarum in sacerdotes; arlasgarn, arelatense filum. Henisch 1357, 60; plab und weisz arlesen gefrens. Westenrieder beitr. 5, 164. nicht zu vermischen mit atlas, einem indischen stoffe. arles von Arles, eulen zu Athen. Fischart groszm. 135.
 
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arlesbaum, m. crataegus aria, bei Nemnich arlasbaum, arlsbaum, und wieder atlasbeerbaum, sonst mehlbaum, mehlbeerbaum, seine wolligen zweige, wenn sie der wind bewegt, sehen mehlbestäubt. aber auch sorbus silvestris heiszt zuweilen mehlbaum und arlesbaum. ahd. arleʒpaum, erliʒpaum. Graff 1, 474.
 
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arlesbeere, f., die beere von crataegus oder sorbus.
 
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arm, m. brachium, goth. arms, ahd. aram, mhd. arm, ags.

[Bd. 1, Sp. 552]


earm, engl. arm, fries. erm, mnl. aerm, nnl. arm, altn. armr, schw. dän. arm, durch alle mundarten deutscher sprache gehend, und schon darum dem höchsten alterthum zu überweisen. zunächst stimmt nun, mit umgesetzter liquida, sl. ramo, n. humerus, lat. armus, m. humerus und brachium, vielleicht auch ramus, mit verlängertem a, wie unser arm von baumästen, palma von hand und zweig gilt, vgl. armilla, ahd. armpouc. berührung mit kelt. lamh, hand und arm, wäre nicht unmöglich, mit humerus, umerus abzulehnen, da dies auf umesus, goth. amsa, skr. aṇa, ansa, gr. ὦμος zurückleitet. das gr. ἁρμός aber, fuge, gelenk und dann armfuge, schulter, weist nach ἁρμόζω und ἀραρεῖν fügen.
Den pl. bildeten die Gothen armeis, acc. armins, also dat. armim, ahd. aber lautet er aramâ, armâ, mhd. arme, wie heute; auch altn. armar, acc. arma, dat. örmum. ärme, wo es im dialect auftaucht, könnte man sich dennoch gefallen lassen: von beiden seiten kamen ärme hervor, auf welchen lichter brannten. Hippel lebensl. 3, 37; tadelhafter ist ein schwaches armen: beide armen ausreichen. unw. doct. 684;

kein auge regen sie, kein armen und kein bein.
Werders Ariost 2, 18;

seht, wie der eppich kan die grünen armen schlingen.
Fleming 153;

auch pers. rosenth. 7, 20. s. 94b. schön ist beim sl. ramo der dual. ramje abstehend vom pl. rama oder ramena.
Bedeutungen. das goth. arms drückt βραχίων und ἀγκάλη, arm und elnbogen aus, das ahd. aram brachium, lacertus, cubitus, ulna; nur aufrecht gehenden thieren, wie den affen, wol auch den bären stehen arme zu, den andern blosz füsze; doch gilt arm für den vorderschenkel des pferdes, von der schulter zum knie, und braucht Luther arm = schulterblatt auch von opferthieren: das man dem priester gebe den arm und beide backen und den wanst. 5 Mos. 18, 3. arm in arm: freunde gehen arm in arm (gelegt, geschlungen); arm in arm hängen. arm und bein: vor einer solchen gewaltthätigkeit zittern mir arm und beine. Göthe 15, 26; jeder wirds von sich schieben, kaiser und reich zu gefallen arm und bein daran zu setzen. 8, 84; halten sie das maul oder ich breche ihnen arm und bein entzwei. Lenz 1, 305; mhd. die arme und diu bein, blôʒ an beinen und an armen. den arm ansetzen, erheben, aufheben, niederlegen, niederlassen. die mutter legt das kind an den arm, trägt es am oder im arm, nimmt es in die arme, schlieszt es in die arme. der alten sprache war hier an zusagend, der neueren in, goth. ana armins niman; mhd. du hast an dem arme dîn dîn schœne wîb, an ir arme lac, an liebes arme ligen, ich lege si an den arm, ir trût si an ir arm nam. nhd. einen in armen haben, in die arme ziehen, heben, sich in eines arme werfen, in den armen, in armen halten, sich in den armen liegen; komm in meine arme!

was mag er im arme denn haben?
was bringet er unter dem mantel geschwind?
Göthe 3, 3;

er hat den knaben wol in dem arm,
er faszt ihn sicher, er hält ihn warm. erlkönig;

der, sein kind immer fester in armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten glückes genosz. 18, 230; glücklicher vater! rief sie laut, indem sie das kind aufhob und es ihm in die arme warf. 20, 299. aber O. 1, 15, 13 huab inan in sînan arm, und beide praepositionen sind gerecht, weil die arme sowol an sich ziehen, an sich nehmen, als in sich schlieszen, fassen. die arme ausbreiten, spreiten, öfnen, mhd. die arme zertuon, aufthun, auseinander thun, ausstrecken und im gegentheil schlieszen, zuthun, an sich halten, zurückziehen; mit ofnen oder geschlossenen armen entgegengehn: lauft ihm (die frau dem heimkehrenden mann) mit zugethanen armen entgegen. Garg. 73b, wo der sinn doch fordert aufgethanen oder zerthanen, wenn es nicht ironisch steht;

es stellet sich das glück mit ofnen armen ein.
Hagedorn;

der dieses liebe paar zu beiden armen nähm
und druckt an seine brust.
Fleming 156.

es heiszt auch auf dem arm haben, tragen; das kind sitzt ihr auf dem arm; die töchterlin sitzen ihren (ihr) auf dem arm, wie die meerkätzlin, die sönlin henken am rock. Garg. 73b. das buch, den stock unter dem arm haben, tragen; mhd. under den arm sluoc er daʒ sper; under arm er beslôʒ die edeln küneginne. Nib. 1932, 1;

under arme si in nam,
si halseten, si kusten. Tristr. 356, 4.

heute, zwischen die arme nehmen. einen unter den arm fassen,

[Bd. 1, Sp. 553]


ihn stützen, geleiten; einem unter den arm greifen, ihn unterstützen, ihm beistehen: manchem armen studenten unter die arme grif. ehe eines mannes 280. ich dächte, jeder nähme sein mädchen unter den arm. Göthe 20, 237. einem den arm geben, reichen, bieten, ihn geleiten. einer frau, einem mädchen den arm geben, es höflich führen, begleiten: man reichte den frauenzimmern den arm, sie nach hause zu führen. Göthe 19, 213; den arm zum tanze, zum ball geben, eine zum tanz führen. Klinger 1, 374. Lenz 1, 231. die frau sagt einladend: geben sie mir den arm (donnez le bras)! den arm geben, anbieten ist aber weniger als die hand geben, anbieten, und drückt nicht, gleich diesem, einen eheantrag aus. Carlos empfängt ohne bewustsein die arme des königs. Schiller 301; hierauf warf der könig seinen arm um Vieilleville. 1082. den arm anstrengen, seine arme gebrauchen; die arme ermatten, entfallen ihm.; die arme ruhen lassen, ausruhen;

legen ein geruhten arm
auf ein hungrigen darm.
H. Sachs 1, 534a.

du bist mein rechter arm, meine stütze; er versehe dessen (des prinzen) geheimste geschäfte und werde für dessen rechten arm gehalten. Göthe 18, 261; meine ledige schwester war bisher mein rechter arm gewesen. 19, 349. dem alterthum galten geschwister für glieder, hände, arme und füsze des leibs (Haupts zeitschr. 3, 156. 157), wie im recht die stufen der sippe an gliedern des leibs bezeichnet werden. überall drückten auch arm und hand macht oder gewalt aus: ich (der herr) will euch erlösen durch einen ausgereckten arm. 2 Mos. 6, 7; erkennet seine mechtige hand und ausgereckten arm. 5 Mos. 11, 2; sie werden hören von deinem groszen namen und von deiner mechtigen hand und von deinem ausgereckten arm. 1 kön. 8, 42; du hast einen gewaltigen arm, stark ist deine hand und hoch ist deine rechte. ps. 89, 14; er übet gewalt mit seinem arm. Luc. 1, 51; doch wie verkürzen sie in Wien ihm nicht den arm. Schiller 332; könige haben lange arme.
Figürlich, im arm der liebe, der freundschaft, des glaubens:

und schlummern sie gelassener hinüber
als, in des glaubens arm, der christ?
Gotter 1, 399;

er stürzte sich in die arme der wollust, des lasters. der arm der gerechtigkeit ereilte ihn.
Bedeutsam ist die anwendung von arm (nie von hand, finger) auf äste und zweige der bäume, wie beim lat. brachium:

tum fortes late ramos et brachia tendens.
Virg. georg. 2, 298;

siehe, schon streckt der spröszling der ceder den grünenden arm aus.
Klopst. Mess. 1, 65;

der (schlief) unter dem ölbaum,
wo er seinen bedeckenden arm am tiefsten herab liesz. 3, 541;

dort hängen trauerbirken die arme. J. Paul Hesp. 4, 174. nicht anders haben meer, flusz und gebirg arme: ein arm dieses meeresstroms. Humboldt ans. der nat. 1, 19; ein arm des mächtigen Rheins verliert sich im sand; arme des mächtigen gebirges dehnen sich ostwärts; wegweisern auf der heerstrasze werden arme, mit vornen angeschnitzter hand eingefügt; wandleuchter, kronleuchter haben arme, am anker, am wagebalken ragen arme, die arme am gestelle des vorderwagens; arm, armlehne des stuls. der rechte oder linke arm (flügel) des heers in der schlachtordnung. wirtshausschild: einkehren, wo der herrgott den arm ausstreckt.
 
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arm , miser, pauper, elend und dürftig, goth. arms, ahd. aram, mhd. arm, alts. arm, mnl. arem, aerm, nnl. arm, ags. earm, fries. erm, altn. armr, schw. dän. arm, also gleich dem vorausgehenden subst. allen deutschen sprachen gemein. hier liegt einer der seltnen fälle vor, dasz zwei in laut und buchstaben einstimmige wörter ganz verschiednen wurzeln anzugehören scheinen; es wird aber vielleicht gelingen einen innern zusammenhang beider, so sehr er sich dem ersten blick verbirgt, aufzudecken. was haben die begriffe brachium und miser mit einander zu schaffen? während nun arm brachium zu dem sl. ramo traf, begegnet merkwürdigerweise unser arm miser, goth. armaiô misericordia dem lappischen armes miserabilis, armo misericordia, finnischen armas gratus, clemens, armo gratia, clementia; die abweichung der finnischen bedeutung ist doch so zu fassen, dasz armas mitleidig, lappisches armes dagegen bemitleidet ausdrückt, jenes activen, dieses passiven sinn zeigt, ungefähr wie in unsrer volkssprache niederträchtig herablassend, gnädig, in der schriftsprache elend meint. das goth. arms, überhaupt das deutsche arm bezeichnen wie das lapp. armes und lat. miser den elenden, der unglück oder abscheu auf sich zieht. Lappen und Finnen vermögen aber

[Bd. 1, Sp. 554]


die abstraction dieses worts in den sinnlichen begrif nicht aufzulösen, wie wenn unsre sprache es vermöchte? armen hiesz amplecti, in manus tollere, umarmen, das grenzt geradezu an erbarmen, bemitleiden; wie gefühlvoll erschiene die sprache, welcher der arme ein solcher ist, den man mitleidig, liebreich aufnimmt und in die arme schlieszt. arm miser stammte hiernach unmittelbar aus arm brachium, musz nur einen hernach schwindenden ableitungsvocal besessen haben und jenes lapp. armes, finn. armas könnten ein früheres goth. armus erraten lassen, das sich hernach in arms verdünnte. fast entscheidende bestätigung dieser subjectiven deutung des wortes arm wird sich hernach unter armut ergeben, volles licht empfangen kann sie erst bei armen und erbarmen; festzuhalten ist, dasz arm einen unglücklichen ausdrückt, dem mitleid und gnade zu theil werden sollen.
Bei der steigerung verwendet die goth. sprache ô armôza, armôsts, die ahd. i armiro, armist; mhd. findet armer statt neben ermer, ermest, nhd. nur ärmer ärmst. Die bedeutung tritt
1) am klarsten vor neben personen. das goth. arms drückt nur ἐλεεινός, miser aus, niemals πένης, πτωχός, pauper, wofür unlêds gesagt wird, das mitleid wendet sich zu den unglücklichen, nicht zu den dürftigen. das ahd. und mhd. arm aber gelten nicht blosz dem aerumnosus, sondern auch dem pauper und inops (wie umgekehrt das lat. pauper im it. povero, franz. pauvre den sinn von miser annahm), gleichwol herscht noch in vielen redensarten die vorstellung des elends vor. So beziehen sich auch heute die ausrufe und anrufe armer! stets auf elend, das freilich von der dürftigkeit unabtrennlich ist: ich armer! ich bemitleidenswerther; ich ärmster! Gellert 1, 68; ich ärmster auf der welt! 3, 425; mich ärmsten. 1, 252. neben mann, frau, leute waltet zwar die bedeutung der dürftigkeit vor, oft aber wird auch im gegensatz zum vornehmen blosz der geringe, gemeine mann verstanden. ein armer mann, ein dürftiger, ein bettler; eine arme frau, ein bettelweib. ich aber bin ein armer geringer man. 1 Sam. 18, 23; armer mann, unwerther gast; arm mann lecker hat seinen willen nicht. im mittelalter heiszen die armen leute, gegenüber dem fürsten, die unterthanen, die bauern, z. b. weisth. 3, 328. 329. 354. 356 und in den urkunden allenthalben. wi aerme liede. Reinaert 556. armer leute pfeffer, lepidium latifolium. man sagt, das steht wie armer leute korn, nicht üppig, dünn; arme leute kochen dünne grütze;

armer leute pracht währt über nacht,
zween tage weisz brot, darnach jammer und noth;

armer leute hoffart währt nicht lange; an armer leute hoffart wischt der teufel den arsch; arme leute haben weit heim; armer leute reden gehen viel in einen sack; in armer leute mund verdirbt viel weisheit; es ist viel speise in den furchen der armen; arme leute haben bald abgespeist; arme leute schlafen wol für essen; armer leute witz gilt nicht, wasserkrug ist nicht klug; ein armer mann ist selten ein graf (arm man mac niht grâve sîn. altd. wäld. 2, 140. arem man nes ghên grave. Reinaert 564); ein armer wicht; die armen wichte = armen leute; die arme wichter und ondersaissen. weisth. 3, 868; arme wichte. Wieland 14, 238. weil aber wicht in die bedeutung des teufels übergeht (mythol. 409. 410. 940), heiszt es ebenso ein armer teufel. Garg. 229a; was für ein armer teufel müste der sein. Wieland 13, 4; was willst du armer teufel geben? Göthe 12, 85; und solche vorstellungen drücken wechselsweise abscheu oder mitleid aus, ja dieses überwiegt in den benennungen ein armer schelm. Wieland 13, 6; du armer wicht, blutarmer wicht! ein junges armes blut, eine arme, ehrliche haut; arme schwarte, noch lebendiger: ein armer schwartenhals;

wo soll ich mich hinkehren ich armes brüderlein?;

die arme hutzel. mägdelob 4, 49. 59. 60; das gute arme trampelein. 29; die arme dirne; ich bins ein armer reutersknab. Uhland 380; ein armer bub, ein armer hirtenbub;

ein armer pub auf einem ros. fastn. sp. 557, 16;

ein armer mensch, ein armes mensch; kein ärmer mensch als du. pers. baumg. 5, 7; das arme mädchen (vgl. alts. idis armscapan, armhugdig). ein armer kerl, armer tropf;

ich ward mit leichtem mut und kopf
zwar arm, doch nicht ein armer tropf.
Göthe 18, 294;

die arme tröpfin; der arm tropf. Garg. 266b; du armer narr! ein armer, unverstendiger, wankelmütiger mensch, der nicht wol vernünftig ist. Reutter kriegsordn. 21;

[Bd. 1, Sp. 555]


bist du es, der so mich in schande gebracht,
so bring auch mich wieder zu ehren!
arm närrchen, versetzt er.
Bürger 2, 34;

da ruh du, mein armes (kind), da ruh nun in gott. 2, 37.

ein krankes, elendes, unglückliches kind heiszt ein armes:

was hat man dir, du armes kind, gethan?

ein gekränkter, betrogner vater im voraus der arme: verdrusz der meinem armen vater bevorsteht. Gotter 3, 22; was soll die arme mutter dazu sagen? der gefangne und verurtheilte missethäter wird genannt der arme gefangne, der arme sünder ; in der peinlichen halsgerichtsordnung auch schlechtweg der arme; kömpt letzlich der profos, führet den armen gefangenen in ring. Kirchhof mil. disc. 222; der arm gefangene bittet auch umb einen der ihm sein wort thue. 224; auf die erste anklage des profosen und verantwortung des armen gefangnen. 224; wird von den spieszen eine gassen gemacht, also dasz der arme gegen aufgang der sonnen laufe. 225; empfahet der arm trost aus gottes wort. 225; also dasz dem schultheiszen die sonne auf den rücken scheine und der arme beklagte gegen aufgang gestellt werde. 231; das stühlchen riecht so nach armen sündern. Göthe 8, 119. der ausdruck wird aber auch auf unverurtheilte angewandt: wie die lange reih arme reiche sünder daher zog (die adlichen vor den bauern). Göthe 8, 137; wie manches armesündergesichte (richtiger armensündersg.) musz darunter gewesen sein. Lessing 7, 164; verdiente mein hingefallnes wort eine so mühselige armensündersentschuldigung. Herder bei Merck 1, 6. vgl. hernach armensündersglöckchen.
2) neben thiernamen, die dann oft auf menschen gezogen werden, kann nur die bedeutung von vilis, miser, nicht von pauper gelten: das arme thier, du armes thier! ich armes keuzlein kleine. Uhland 45. 46; der arme kauz!

sogar im dache
auch nicht ein armes käuzchennest.
Wieland 18, 214;

der arme wurm; ich kann nichts als jammern und klagen, ich schäme mich wie ein armer wurm vor ihnen zu liegen. Göthe 19, 88; das arme mäuschen.
3) neben sachen, vorgängen, handlungen bedeutet attributives arm immer nur was gering, schlecht, elend, bemitleidenswerth ist. darnach kam er wider mit armen kleidern angethan. Aimon V; ich sehen, das er in armer kleidung von hinnen gescheiden ist. F 1;

den armen rock
des pilgers oder schäfers zieh ich an.
Göthe 9, 233;

als das gerücht in meine heimat gekommen, ich müsse über meer, hätten meine jungen schwesterchen all ihr armes gewändli dahin geben wollen, mich los zu kaufen. der arme mann im Tockenburg 98; eine arme (ärmliche) mahlzeit. Gotter 1, 17; des tisches arme kost. 1, 275; wer wollte sich noch lange besinnen, ob er einen so groszen vortheil um eine arme hand voll goldes erkaufen wollte? Wieland 13, 132; es ist ein armes verächtliches wort. Schiller 209; ein knecht, ein armer name. 225; nein, meine armen lippen sollen nimmermehr einen vater ermorden! 104;

da brach mein armes herz vor betrübnis.
Voss Od. 4, 481;

gott sei deiner armen seele gnädig!; gott verzeihe ir armen seelen. Galmy 331; wann nun der arme sünder verscheiden ist, so kniet man nider und betet ein vatterunser und gebet zu trost seiner armen seelen. Reutter kriegsordn. 67; wenige arme seelen unter den calvinisten feierten den tag, wo der feind von ihnen gewichen war. Schiller 849; ein armer ort, ein armes dorf, die wenig nahrungsquellen haben; du betrittst unser armes haus;

viel gute rittersleute
die hatten ... ihr leben aufgesetzt,
und in der Walachei das arme feld genetzt.
Opitz 1, 4;

so singt er in der winterstunde,
wo nicht ein armes hälmchen grünt.
Göthe 1, 213;

dasz solch erfahrnen mann
mein arm gespräch nicht unterhalten kann. 12, 160;

doch ach, ein gott versagte mir die kunst,
die arme kunst, mich künstlich zu betragen. 2, 149;

erhöre mein armes gebet. Judith 9, 14; wer ein arme hebe (ein geringes opfer) vermag. Es. 40, 20; bergmännisch, ein armer gang, ein armes erz; den armen letzten trost. Wieland 22, 5; ob es schon arme vergeltung für ihre vortreflichen

[Bd. 1, Sp. 556]


seebriefe wäre. Merck 1, 177; es wer furwar ein armer handel. Fischart bienenk. 202a; zu armen tagen kommen (arm werden). Keisersb. brösaml. 59b, man musz ehmals armtage paupertas, wie reichtage divitiae, siechtage morbus, nackttage nuditas gesagt haben.
4) praedicatives arm, wozu die sache im gen. oder mit der praep. an gesetzt wird: er ist nit arm des gts, aber arm des mts und geists. Keisersb. sch. d. penit. 57; selig sind die da geistlich arm sind. Matth. 5, 3 (ahd. armê sind in geiste); ich aber bin elend und arm. ps. 70, 6; das du bist elend und jemerlich, arm, blind und blosz. offenb. Joh. 3, 17; ich aber der dieser ding ganz arm bin, weisz kein andern trost. Luther 1, 43b. 3, 24b; ist gott so dürftig arm? 8, 27b;

dasz er nicht weisz, arm in der wahl,
was er soll nemen, was weglegen.
Weckherl. 380;

arm an glück.
Gökingk 3, 182;

arm am beutel, krank am herzen.
Göthe;

das herz war nicht an freuden arm.
Schiller;

sie werden die geschenke meiner liebe,
wie arm sie sind, darum gering nicht achten. 441;

alle unsre dienste ... blieben noch
zu arm, die grosze ehre zu erkennen. 561;

bald muste der anwachsenden menschenmenge der acker zu arm werden. 691. einen arm machen; er hat sich arm gesoffen; die mutter arm fressen. Garg. 41b.
 
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arm, n. paupertas, gebraucht Logau, wie arg, jung, alt substantivisch: unter der überschrift sprachlehrer dichtet er:

es ist ein tolles volk, das in dem wörterkriege
als Türken um die welt ist eifriger zum siege,
wanns um und um nun kümmt, so ist ein wort erstriten,
indessen kruch, gebruch und bittres arm geiidten. 2, 7, 59;

Canus geht gar krumm gebückt,
weil ihn arm und alt so drückt. 2, 9, 20;

welches letzte arm oben sp. 264 adjectivisch gefaszt wurde.
 
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armader, f. vena brachii.
 
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armartig, brachiatus: zwanzig dieser dünnen und langen armartigen sehnen. Tieck ges. nov. 1, 34.