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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
arfel bis ärgern (Bd. 1, Sp. 545 bis 548)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) arfel, f. pinus cembra: auf gebrochenen, zerrissenen pfaden steigend und staunend aus dem boden der fruchtbäume den tannwald hinauf durch den gelben enzian zu arfeln und bergrosen. Joh. Müller Schw. gesch. 1, 344. s. DWB arbe.
 
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arfel, bei Hebel auch ärfeli, s. armvoll.
 
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arg , malus, pravus, in der ältesten zeit aber vorzugsweise timidus und avarus, weil feigheit und unmilde ihr das gröszte laster, die heftigste schelte waren. langob. arga! iners et inutilis. Paul. Diac. 6, 24; ahd. arac, arc avarus, ignavus, nequam (Graff 1, 412); ags. earg vecors, iners, pavidus, stupidus; altn.

[Bd. 1, Sp. 546]


in doppelter gestalt argr und in sl. weise umgestellt ragr, beides piger, deses, pavidus; mhd. arc nichtswürdig und geizig (Ben. 1, 54. 55); nnl. arg, schw. arg, dän. arg und arrig, iners, malus; engl. arrant, vgl. arch (erz), im sinne von abgefeimt.
Wörtlich nah zu liegen scheint ahd. charc nequam, astutus, mhd. karc astutus, avarus, nhd. karg, altn. kargr piger, ignavus, avarus, mit vortretendem kehlanlaut, der in arg (wie in affe und andern) abgeworfen sein könnte. im heutigen karg erhielt sich die besondere bedeutung des geizes, die in arg sammt der der feigheit allmälich verschwand, wofür mehr die allgemeine des bösen, übeln und schlimmen waltet.
1) auf personen angewandt: so denn ir, die ir doch arg seid (ahd. ubilê birut), könnet dennoch euren kindern gute gaben geben. Matth. 7, 11; nimet zu sich andere geister, die erger (ahd. wirsiron) sind denn er selbst. 12, 45; dis ist ein arge art, sie begert ein zeichen. Luc. 11, 29; der uns errettet hat von diser argen welt (goth. aiva ubilin). Gal. 1, 4;

nun will keiner der ergest sein.
H. Sachs 1, 227b;

so seind wir ihm zu grosz und argk.
Ayrer 130b;

ihnen und andern argen buben. Garg. 270a; solt Judas darumb des ärger sein? 108b; arg läszt ärger kind;

arg werd ich scheinen, das ists, was mich quält.
Stolberg 11, 307;

je ärger der schalk, je besser das glück; es ist niemand selbst der ärgste bösewicht. Kant 4, 82. in vielen fällen kann dies arg gleichbedeutend sein mit übel, böse, schlimm: das sind arge, schlimme, böse leute oder gesellen; wiewol jedes wort etwas anders färbt. wenn Gellert 3, 398 den Myrtill zur Galathee sagen läszt du bist doch gar zu arg, oder Miller im Siegwart 1, 45 eine frau zum mann: je mann, sei doch nicht arg, ich wollt ihm ja nur ein stücklein brot geben; so dürfte beide mal stehen schlimm und böse, obschon arg und schlimm objectiver sind, böse subjective gesinnung ausdrückt, also wie feindlich den persönlichen dat. neben sich haben mag, den schlimm und arg ablehnen. dachte Miller bei arg hier noch an karg? im 16 jh. erscheint diese vorstellung hin und wieder offenbar: nu was der schmid ein arg man, nam ihn auf und gedacht, in acht tagen kan er mich nicht arm essen. des morgens begunden sie zu schmiden. Ulenspiegel, Erf. 1538 hist. 40. Fischarts gereimter Eulenspiegel bl. 119 sagt dafür:

der schmid der war ein arger mann,
gedacht, er kan mich in acht tagen
nit arm essen, ich wil es wagen,
du kanst in halten wol also,
dasz er nit viel wird deinen (tui) fro. blatt 265

nun als er gschickt ward auf ein zeit
ins dorf nicht von der statt sehr weit,
dasz er eim argen kargen lauren,
wie solt ich sagen, einem bauren
gelt heischen solt, da frewt er sich.

in einem liede des 16 jh. heiszt es noch deutlicher vom wein:

dein kraft wunder thut,
dem zagen gibst du mut,
dem argen kargen mildes plut;

das beigefügte zweite adj. will den schon im ersten enthaltnen sinn sichern. Logau stellt umgedreht die beiden wörter einander im reim entgegen:

doch wird man auch wol sehen,
dasz mancher etwas ärgers
geschrieben, mancher kargers. 3, 9, 45.


2) arg auf sachen bezogen: also ein ieglicher guter baum bringet gute früchte, aber ein fauler baum bringet arge früchte (ahd. tuot ubilan wahsmon, goth. akrana ubila). Matth. 7, 17; aus dem herzen kommen arge gedanken (ahd. ubilê gidancha). Matth. 15, 19; sehet zu, lieben brüder, dasz nicht iemand unter euch ein arges, ungläubiges herz habe. Hebr. 3, 12; und es ward eine böse und arge drüse (ἕλκος κακὸν καὶ πονηρόν) an den menschen. offenb. Joh. 16, 2; durch des teufels argen list. Schwarzenberg 147, 1; diese fisch sollen auch nit ein arg fleisch (kein übles fleisch) haben, sonder gut, gesund, vest. Forer 25b;

so ist das arge gold ein gott der götter worden.
Opitz 1, 55,

wir würden heute sagen, das feige gold.

misgunst, das arge thier.
Weckherlin 382;

des wurden die schaf dürr und ark (mager).
H. Sachs II. 1, 85b.

[Bd. 1, Sp. 547]


man sehe hernach die zusammensetzungen argdenklich, arglist und argwohn. das kind folgt der ärgern hand, manum sequitur deteriorem; da sicher die ungleichen ehen häufig waren, wo denn das kind der ärgeren hand nachschlechtete. Niebuhr 1, 585. 2, 93; die blutrichter verurtheilten ihn am argen baum gehenkt zu werden. 1, 386 (infelici arbore, fries. oppa enne northhaldne bâm).
3) häufig dient arg allein, ohne beigefügtes subst., zur bildung von redensarten. das ist arg, wenn du ausbleibst; das wäre zu arg, bräche er sein wort; ärger als arg;

es war zu arg, es gieng unmöglich an.
Wieland 18, 136;

freilich arg, wenn heute gesang und klang bei der hochzeit
unsers töchterchens fehlte. Luise 3, 610.

es arg haben, schlimm, übel daran sein:

ein reicher hat es arg, ist keine zeit nicht frei,
dasz morgen er vielleicht der allerärmste sei.
Logau 1, 4, 2.

ein arg, kein arg, gewöhnlicher ein arges, kein arges haben an oder aus etwas, sich schlimmes oder nicht dabei denken: denn diese haben kein arg aus dem groszen unterschiede, der zwischen knechten, freien und männern ist. Klopst. 12, 44; Luther hatte hier kein arges. Lessing 8, 320; ich hatte nimmer arges gegen ihn. Schiller 383; sie hatten eine grosze freude und dabei gar kein arges. Göthe 24, 76; die übrige welt aber merkte nichts oder hatten kein arges daran. 29, 135. arg wollen, meinen: wenn ich arg wollte, hätte ich völlige freiheit zu sagen u. s. w. Liscov 3, 22, vgl. argwillig; er meint es so arg nicht. arg machen: übel ärger machen; er machte es schon arg, du machst es noch ärger; damit macht ers nur ärger; auch damit ihre sachen nicht besser, sondern ärger machten. Schweinichen 1, 309;

doch, machst dus ihr zu arg, gib acht, sie wird dich hassen.
Göthe 7, 31;

ich wüste nicht, wie mans einem ärger machen wollte. 19, 29; doch, dasz ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz in die absicht meines bruders ergeben. 19, 101; wenn sie es euch nur nicht gar zu arg machten. 24, 161. arges thun, etwas schlimmes, böses thun: ohne zu glauben, dasz er daran arges thue. Wieland 30, 477. im argen liegen: und die ganze welt ligt im argen (ἐν τῷ πονηρῷ κεῖται). 1 Joh. 5, 19. Kant 6, 177; deswegen liegt die menge wol so im argen, weil sie sich nur im element des miswollens und misredens behagt. Göthe 22, 13; die bibliothek lag hofnungslos im argen. 32, 117; die deutsche rechtschreibung wird solange im argen liegen, als unser volk seiner politischen einheit entbehrt. eines im argen gedenken: das ein jeder ihm wolle verzeihen und nach seinem tode in keinem argen mer gedenken. Reutter kriegsordn. 66; also das sie den frommen dienen zum besten, den bösen zum ergsten. Luther 4, 15a; würde mans gleich in argem aufnemen. wegkürzer 20b;

dasz wir euch dieses brieflein senden,
das wird man, hoffen wir, uns nicht zum argen wenden.
Fleming 51.

es steht am ärgsten, pessime: ja wans zum ärgsten mit ihr stat. Garg. 285.
 
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arg, n. malum, gleich dem lat. subst. aus dem adj. gebildet, doch nur im sg. üblich. in den von Graff 1, 413. 414 beigebrachten beispielen des ahd. subst. widerstreitet nichts dem neutrum, ein von Ben. 1, 55 angesetztes mhd. masc. beruht blosz auf Er. 5141, wo doch allen arc vom herausgeber herrührt, man l. alleʒ arc, die andern belegstellen stimmen zum n., welchem auch ân alleʒ arc. Lohengr. 76; ûf sîn arc. Marienleg. 161, 258; durch arch. pass. 44, 90. 323, 80, so wie die nhd. form zur bestätigung gereichen:

seither des krieges arg das gute fast vertrieben.
Logau 1, 8, 98;

weil das from geschwächt dadurch und verstärket wird das arg. 2 s. 46;

wer sich fleiszet auch das arg, wie das gut, so hoch zu ehren. 2, 3, 56;

und die vorhin bei arg haben aufgeführten stellen lassen sich, wenn ihnen das -es fehlt, substantivisch fassen. er ist ohne alles arg (falsch), es ist kein arg (falsch) in ihm. doch ziehen neuere vor ohne arges: die zufriedene miene, mit der sie den brief einsteckte, bewies dasz sie ganz ohne arges war. Schiller 747.
 
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argdenklich, suspiciosus, argwöhnisch: pfui, schämet euch, argdenklicher tyrann! Leipz. avantur. 1, 236; sie sind

[Bd. 1, Sp. 548]


wol gar ein wenig argdenklich? Rabeners briefe s. 42. auch bei Opitz Arg. 2, 29. s. arggedenklich.
 
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argdenklichkeit, f. lieszen sich merken, dasz sie sich damit von ihrer argdenklichkeit nicht abbringen lieszen. J. E. Schlegel 3, 400.
 
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ärger, m. indignatio, ira, verdrusz, zorn, eine befremdliche, vor dem letzten jh. nicht erscheinende wortbildung, deren umlaut zur annahme eines schwachen ahd. ergiro, mhd. erger gen. ergern nöthigen würde, die sich nirgend darbieten; das heutige wort flectiert stark, gen. ärgers:

rinder für andere hütend mit unaufhörlichem ärger.
Voss Od. 20, 221;

er lacht seinen ärger gegen (auf, über) ihn weg. Klinger 1, 100; er schüttete seinen ärger aus; sprach mit verbissenem ärger; ein ärger folgte auf den andern; ich bin vor ärger krank.
 
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ärgerer, m. offendiculum ponens: der ärgerer will dem geärgerten immer übel. Lichtenberg.
 
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ärgerlich, offendens, franz. scandaleux, anstöszig: hebe dich, satan, von mir, du bist mir ergerlich (vulg. es mihi scandalum). Matth. 16, 23; seid nicht ergerlich (sine offensione estote) weder den Juden noch den Griechen. 1 Cor. 10, 32; das ist eine ärgerliche (verdrieszliche) sache, geschichte, begebenheit; ärgerliche chronik, chronique scandaleuse. gleich verdrieszlich geht das wort auch über in die subjective empfindung des ärgers: er ist immer ärgerlich, im ärger, empfindlich; wird gleich über alles ärgerlich, verdrieszlich.
 
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ärgerlich, adv. fastidiose, zum verdrusz:

auf herr, straf unsern feind, dasz er
nicht länger ärgerlich stolzier.
Weckh. 182;

sie (die schäferin)? die mir so ärgerlich nachkreucht.
Gryphius 1, 665.


 
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ärgern, eigentlich gegensatz von DWB bessern, also verschlechtern, verschlimmern, deteriorem facere, ahd. argirôn (Graff 1, 414:

was vil der frummen machen gt,
das ärgert oft der pösen mt.
Schwarzenberg 139, 1;

so sie ohn bewegliche ursachen dem gesinde urlaub geben und andere aufnemen, so pflegen sie es gemeiniglich nicht zu verbessern, sondern zu ergern. P. Glaser gesindteufel 1564. G 4a;

dieses weisen knechtes güte,
die dich billig bessern soll,
ärgert dein verstockt gemüte.
Lohenst. geistl. ged. 13, 234;

etwas an den statuten mehren oder mindern, bessern oder ärgern. Witzenb. 3, 204. Gewöhnlich aber bedeutet es offendere, einen ärgern, ihm ärger und verdrusz machen: so ein priester, der gesalbet ist, sündigen würde, das er das volk ergert. 3 Mos. 4, 3; ir aber seid von dem wege abgetreten und ergert viel im gesetze. Maleachi 2, 8; ergert dich aber dein rechtes auge, so reisz es aus und wirfs von dir (goth. jabai marzjai þuk, ahd. oba dih pisuichê). Matth. 5, 29. 30. 18, 8. 9; wer wird geergert und ich brenne nicht? (goth. hvas afmarzjada jah ik ni tundnau?) 2 Cor. 11, 29; also werden sie allenthalben verstockt und geergert, das solcher fluch uns wol durch bein und mark gehen. Luther 3, 312; sie würden min (an mir) geergert. Keisersb. chr. bilg. 182; ordensleut, die etwan hohe ros reiten, dardurch denn die edlen zu zeiten geergert werden. Pauli sch. und ernst 119b; und so solches die jüden und die heiden sehn, werden sie dadurch geergert. 140b; ihr sucht geflissentlich alles hervor, mich zu ärgern und zu reizen; einen zu tode ärgern, krank oder todt ärgern; ihn ärgert die fliege an der wand; du ärgerst mich mit deiner bloszen miene.
Sich ärgern, ursprünglich verschlimmern, verschlechtern: indem es sich mit den kranken ärgerte. Simpl. 1, 657. meistentheils aber anstosz, ärgernis nehmen, franz. se scandaliser, s'offenser: und ist ein verachtet liechtlin fur den gedanken der stolzen, stehet aber, das sie sich dran ergern. Hiob 12, 5; das sich viel uber dir ergern werden. Es. 52, 14; und ergerten sich an im. Matth. 13, 57; darumb solt ir euch meines tods nicht ergern. Luther 3, 136b; das ist, das sich niemand an mir stoszen noch ergern kan. 6, 54b; wenn ich mich aber an den grillen Platos ärgere, so bewundere ich um so mehr sein weises, groszes, herliches. Klinger 12, 58. man sagt auch: sich zu tode ärgern, sich die schwindsucht, ein gallenfieber an den hals, das herz aus dem leibe ärgern; ich will mich aber auch über nichts mehr ärgern.

[Bd. 1, Sp. 549]



Die belege weisen, dasz der gegenstand des ärgernisses früher durch den gen., später durch die praep. an und über ausgedrückt wurde.