Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tragweite bis trahe (Bd. 21, Sp. 1167 bis 1170)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tragweite, f. , reichweite, entfernung, bis in die etwas trägt, d. i. reicht. junge bildung zu intrans. tragen, s. d. VI A 2, die vor allem in der übertragenen verwendung von frz. portée beeinfluszt ist.
1) eigentlich. überwiegend von der schuszwaffe, synonym mit früher gebräuchlicherem schuszweite (s. th. 9, 2102) und wurfweite, zu denen bei Eggers kriegslex. 2 (1757) 849 und Hoyer artill.-wb. 2, 2, 21; 140 ff.; 281 ff. portée als frz. entsprechung angeführt wird. zuerst 1806 bildlich bei Göthe bezeugt: so fahren sie (anr.) doch eine oder die andere ihrer batterien vor, damit man ihre stärke und tragweite erkenne gespräche 2, 51 Biedermann; dann 1845: die klugen und sicheren raben! sie lassen sich nicht schrecken, sie wittern die tragweite eurer waffen Auerbach dorfgesch. n. f. (1849) 87; von R. sprach ... von der ... tragweite der feuerwaffe, wirkung der pulverkrafft W. v. Rahden wanderg. 1 (1846) 38; die hütte ..., die einen und einen halben büchsenschusz (alte tragweite) von den letzten häusern des ortes am waldrande stand W. Raabe unruhige gäste (1886) 1; Martinus hatte die tragweite der ballisten verdreifacht F. Dahn kampf um Rom 2, 219; die grosze tragweite des leichten perkussionsgewehrs darf nicht dazu verleiten, das feuer auf zu weite entfernungen zu eröffnen Wilhelm I. militär. schr. 2, 207. auf gleicher linie vereinzelt von einer peitsche: ein fremder, der die tragweite der mecklenburgischen kuhhirtenpeitsche noch nicht kennen muszte F. Reuter 2, 329 Seelmann. seltener im optischen und akustischen bereich: darum hat auch die natur das auge reicher ausgestattet und der sehkraft viel gröszere tragweite gegeben als der hörkraft (1860) J. Grimm kl. schr. 1, 199; mehr passivisch: alles, was die ausbreitung der schallwellen hindert, bewirkt eine geringere schwächung derselben und ermöglicht eine bedeutendere tragweite des schalles Karmarsch-Heeren3 7, 573. eigen in der technik: zwischenraum zwischen den zwei puncten, an denen ein balken oder gewölbe aufliegt: tragweite eines balkens oder freitragende länge, freie länge, freitragung, tracht Hoyer-Kreuter 1, 772; Mothes illustr. baulex. 4, 363; vgl. 1tracht I 2 d.
2) verblaszter in übertragung auf abstracta unter dem einflusz von frz. portée: 'die tragweite' la portée ist gallicismus

[Bd. 21, Sp. 1168]


und dazu ein kanonierausdruck, den man nur in besonderen fällen gebrauchen sollte, statt ihn bei jeder gelegenheit aufzutischen Schopenhauer hsl. nachlasz 2, 172 Gris. (über die ... verhunzung der deutschen sprache); in den politischen kämpfen von 1848 zum parlamentarischen und journalistischen schlagwort geworden: sehen sie alle stenographischen berichte (der nationalversammlung) durch, und sie werden selten eine rede finden, in der nicht die worte rechnung tragen und tragweite vorkommen ... (beides) sind ein paar unglückliche worte, und ich glaube, sie sind ein groszes hindernisz für die ausführung sehr vieler beschlüsse gewesen Raveaux bei Wigard bericht üb. die nationalvers. 6, 4593b; zuerst 1847: die eigentliche und wahre tragweite des verlustes W. v. Rahden wander. 2, 55; (1848) dasz man den werth einer idee ... nach ihrer ganzen innern tragweite ... abmiszt Hebbel w. 10, 140 Werner; die forderung, vor der sachlichen erkenntnisz zunächst einmal die grenzen und tragweite der menschlichen erkenntnissfähigkeit festzustellen W. Windelband gesch. d. neueren philos.2 1, 124; dieses leben (Voltaires) nach dem ganzen reichtum seines inhalts, der breite seiner beziehungen, der tragweite seiner wirkungen ausführlich zu beschreiben D. Fr. Strausz 11, 7; die gröszere oder geringere tragweite der consequenzen Fr. A. Lange material. 482; wir unterscheiden ... zwischen höherer und niederer arbeit ... je nach der tragweite ihres erfolges W. H. Riehl dtsche arbeit 30; bei der ausführung dieses beschlusses kam nun erst seine volle tragweite zu tage Ranke s. w. 4, 87; tragweite dieser unerhörten reformen P. Rosegger II 4, 176, der parlamentsverhandlungen Bismarck ged. u. erinn. 2, 105 volksausg., dieser äuszerung ebda 1, 294, dieses satzes P. de Lagarde dtsche schr. 400, seiner argumente W. Scherer kl. schr. 1, 352, der beiden methoden Czuber wahrscheinlichkeitsberechnung 1, 202; politische tragweite fast formelhaft: für die politische tragweite der vorgänge war ich ... nicht so empfänglich Bismarck ged. u. erinn. 1, 38 volksausg.; die politische tragweite der scenen im palais cardinal H. Laube 15, 218; zum glücke werden an uns fragen von solch 'politischer tragweite' (ob auswandern oder nicht) in diesem augenblicke nicht gerichtet Kompert s. w. (1906) 3, 6; in der verbindung mit grosz, unberechenbar u. ä. zur formel erstarrt (vgl. zs. f. dtsche wortf. 3, 334) und so von A. Jung geheimnis der lebenskunst (1858) 1, 130 und F. Kürnberger literar. herzenssachen (1866) 12 bekämpft: gewisz hatte es eine grosze tragweite, dasz die Medici mit einem der reichsten häuser in Florenz in verbindung traten Ranke s. w. 40/41, 364; dieses experiment hat doch in beziehung auf meine sache (eine von den lumpen abgehetzte redensart zu gebrauchen) eine 'unberechenbare tragweite' (1854) Schopenhauer br. 252 Gris.; bes. in der fügung von ... tragweite: schritt von groszer tragweite Ranke 9, 142; eine politische frage von groszer tragweite Bismarck ged. u. erinn. 2, 212 volksausg.; eine erklärung von gröszter tragweite Ranke 1, 117; 17, 125; 30, 86; fortschritt von ausgedehntester tragweite ders. 8, 74; fragen von bedeutender tragweite Mommsen red. u. aufs. 201; eine neuerung von unabsehbarer tragweite Ranke 25, 127; schritt ... von noch nicht zu bestimmender tragweite G. Keller 2, 265; gern mit verben wie ermessen, (er)kennen, überschätzen u. ä. verbunden: das verbrechen, dessen tragweite ich gar nicht ermessen könnte W. Alexis Virgilius (1851) 51; fürst Pückler briefw. u. tageb. 6, 186 (1853); v. Döllinger akad. vortr. 1, 375; ebda 1, 69; im roman haben Immermann und Gutzkow werke hingestellt, die in ihrer tragweite noch gar nicht zu berechnen sind Hebbel w. 12, 62 Werner; während die Römer deren (maszregel) tragweite ... nicht ... erkannten Mommsen röm. gesch. 1, 539; in solchen fällen sieht der held in der schuld die tragweite derselben nicht O. Ludwig 5, 445; herr R. beginnt die tragweite seiner unternehmung zu ahnen G. Keller 7, 29; bald wird ein spiel gewagt, obwohl oder vielmehr weil man seine tragweite gar nicht kennt H. v. Barth aus d. nördl. Kalkalpen 267; G. Keller 7, 203; doch darf man die tragweite

[Bd. 21, Sp. 1169]


dieser gewohnheit bei umwandlung der sprache nicht überschätzen Peschel völkerkde 107.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tragwerk, n.
1) zunächst ein ausdruck der bergmannssprache: 'tragewerk, tragwerk, trägwerk, auch tret(t)werk — eine vorrichtung zum fahren und fördern in stollen und strecken in der weise, dasz auf querhölzer (tragewerksstege) starke bretter (laufpfosten, tragewerkspfosten, traghölzer) gelegt werden und so eine bahn zur fahrung und förderung gebildet wird' Veith bergwb. 498, seit dem 16. jh. bezeugt, s. u.; in dieser verwendung von anfang an mit umlaut, s. u., auch noch im 18. jh.: träg(e)wer(c)k bei Minerophilus bergw.-lex. (1730) 666; Hertwig bergbuch (1734) 394b; Frisch (1741) 2, 379c; Adelung (1801) 4, 643, ohne umlaut nur gelegentlich lexikalisch seit dem 18. jh.: trag(e)wer(c)k bei J. Hübner naturlex. (1712) 1277; Beier-Struve handlungslex. (1722) 433b; Voigtel (1793) 3, 415b: trägwerck sind bretter, so zwischen der sohlen und der fürst des stollens uff stegen liegen, uff welchen man berge und ertz leufft (befördert) Junghans gräublein ertz (1680) f 1b; A. v. Schönberg ausführl. berginformation (1693) 2, 99 u. ö.; trägwerck schlagen ist solche bretter legen Junghans a. a. o.; wenn ir die stoln fasset, ... tregwerck schlaget Mathesius Sarepta (1571) 137b; dazu composita: tragwerkspfosten (s. o.); -steg (s. o.); -steuer (gestäng-, tragewerkssteuer 'eine abgabe für die mitbenutzung eines stollens zur förderung' Veith bergwb. 463).
2) jünger das 'stützwerk' beim brückenbau. 'die tragende constructiondas 'tragwerk' ist die zur aufnahme und übertragung der überzuführenden communication bestimmte, die lichtweite überspannende construction ... das tragwerk besteht aus zwei oder auch mehreren parallelen und congruenten 'trägern', welche auf den stützen aufruhen' Karmarsch-Heeren3 2, 80; die brücke ist von holz ..., die tragewerke liegen in den lehnen, und die lehnen sind mit brettern verschlagen Göthe III 2, 137 W.; v. Alten handb. 2, 563; 4, 31; dazu tragwerksstrecke: nach der ... länge einer tragwerksstrecke richtet sich die möglichkeit, eine fluszbreite ohne zwischenunterstützung zu überbrücken v. Alten handb. 2, 562; tragwerk(s)system: nachfolgende tabelle gibt ... eine zusammenstellung der verschiedenen tragwerksysteme (bei brücken) Karmarsch-Heeren3 2, 80; diesem tragwerkssystem (beim hängewerk einer brücke) liegt das princip des in zwei puncten aufgehangenen ... seiles zu grunde ebda 2, 91.
3) vereinzelt als gelegenheitsbildung für ein beförderungsmittel: dasz wir desz fuhr- und tragwercks (vehiculorum omnis generis) ... meldung thun Pomey indiculus (1720) 862;

betret ich ... dieser gipfel saum,
entlassend meiner wolke tragewerk, die mich sanft
an klaren tagen über land und meer geführt
Göthe 15, 245 W.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tragwerkzeug, n.: instrumenta ad rerum exportationem tragwerckzeug Pomey indiculus (1720) 866; für solche last bedurfte es eines soliden tragwerkzeuges H. Laube 11, 213; tragwerkzeug (einer bahre) besteht aus zwei längstangen, durch ... querhölzer verbunden Mothes illustr. baulex. 1, 225. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tragwinkel, n., stützungswinkel: diese bänder (stütz-, trag-, achsel-, schulter-, kopfband) werden gewöhnlich unter einem winkel von 45°, dem sogenannten tragwinkel, eingesetzt Mothes illustr. baulex. 1, 244; 4, 363. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tragwulst, m., tragbausch: tragwulst, wrung ò krantz torcello, ... carello da portare la testa Kramer 2 (1702) 1399a; körbe mit geschenken auf den bunten tragwülsten, welche auf den kopf gelegt werden I. v. Düringsfeld aus Dalmatien 1 (1857) 148.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tragzeit, f. 1) zeit des fruchttragens; bei thieren: daz sie über zehen monat (dann diss ist ir gewonliche tragzeit) eben kälberen Sebiz feldbau (1579) 6; der elefant, der bis zum dritten jahre trägt, lebt auch am längsten, hirsche, stiere, hunde u. s. w., deren tragezeit nur von 3-6 monate ist, erreichen ein weit kürzeres ziel Hufeland kunst d. menschl. leben zu verl. (1797) 130;

[Bd. 21, Sp. 1170]


beim reh gliedert sich ... die gesamte von der befruchtung bis zur geburt dauernde tragzeit in eine periode des entwickelungsstillstandes oder die 'vortragezeit' und eine periode der fortschreitenden entwickelung oder die 'austragezeit' forschungen und fortschritte 7 (1931) 187a; auch componiert: die tragzeitverlängerung bei den säugetieren ebda; gelegentlich auch von bäumen: kein baum in Indien hält so genau blüh- und tragzeit (als die korallenbohne) Oken allgem. naturgesch. 3, 3, 1669. 2) zeit des kleidertragens: in Österreich-Ungarn wird für denselben begriff (dauerzeit der kleidungsstücke) die bezeichnung tragzeit gebraucht v. Alten handbuch 3, 31; der antrag, die tragezeit der dienstjacken von drei auf zwei jahr zu setzen Wilhelm I. milit. schr. 1, 71; zugleich mit der einführung der sommerkleidung (der postboten) wird eine änderung in der tragezeit der übrigen kleidungsstücke eintreten tägl. rundschau 1898 nr. 239.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tragzuber, m.: tragezuber: drageczober ansatum vas Diefenbach-Wülcker 875; (a. d. j. 1510) im brewhawse: 1 brewpfanne, 4 butten, 2 tragezcober grosz. ämterb. d. dtsch. ordens 71 Ziesemer; mit schwacher flexion (a. d. j. 1513) 2 tragzcobernn ebda 73. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
tragzweig, m., fruchttragender zweig; tragezweig an bäumen branche fructifiante Chr. Fr. Schrader dtsch.-frz. wb. (1781) 2, 1374: oben am baum seind die äste, zweige, laubäste, schosz, impff und tragzweiglein. — ein tragzweig aber ist, daran die frucht hangt W. Spangenberg anmüt. weiszheit lustgarten (1621) 95; und die bäume einer mutter gleichen, die den jüngsten kindern am liebsten die nahrung mittheilen, dardurch denen nutzbaren tragzweigen der safft ... entzogen ... wird v. Hohberg georg. cur. 1, 417.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
trahe, f., s. DWB tratt.